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Archiv für: September 2010
30. September 2010, 02.44 Uhr:

Exzellenz, bitte beißen Sie mich nicht!

von Jörn Schulz

Irgendwo in Ernest Hemingways „Wem die Stunde schlägt” gibt es eine Passage, die eine Debatte über die korrekte Anrede nach der Revolution schildert. Sollen alle Menschen einander duzen? Oder sollen sie einander respektvoll Don bzw. Doña nennen? Die meisten Linken würden sich wohl spontan für das Duzen entscheiden. Andererseits wird es auch nach der Revolution Menschen geben, die man nicht ausstehen kann. Das Siezen schafft Distanz, hat also auch seine Vorteile.

In einer Klassengesellschaft gibt die Anrede die gesellschaftliche Hierarchie wieder. Unter der Diktatur war die portugiesische Gesellschaft extrem statusorientiert. Nach der Nelkenrevolution gab es in Portugal eine Phase, in der das Duzen auf dem Vormarsch war. Mittlerweile spielt der Status wieder eine größere Rolle. Üblich sind Formeln wie „Herr Ingenieur” oder sogar „Exzellenz". Die Portugiesen nehmen es auch sehr genau, es gibt zwischen „du” und „Sie” eine „Anrede von Erwachsenen, die man gut kennt, aber noch nicht duzt". Damit nicht genug, „wenn Sie den Namen ihres Ansprechpartners kennen, haben Sie bei Männern drei Möglichkeiten des Siezens.”

Offenbar können manche Portugiesen sehr, sehr wütend werden, wenn jemand diese Möglichkeiten nicht nutzt. In einem Vorort Lissabons hat ein hoher Kommunalbeamter einen Polizisten in den Arm gebissen, weil dieser die falsche Anrede benutzte. „The official had become infuriated when a young policeman, telling him to stop shouting, addressed the 64-year-old using the familiar form of ‘you’, without the honorific ‘sir’.”

29. September 2010, 01.14 Uhr:

Entfremde mich der Welt

von Jörn Schulz

Wenn Sie auf unserer Facebook-Seite auch noch etwas über den Wein gelesen haben, denken Sie vielleicht, wir zechen hier auf Ihre Kosten und kalauern vor uns hin. In Wahrheit aber trinken wir im Geiste des persischen Dichters Hafez: „Mach mich trunken und entfremde / mich der Welt, auf dass ich dann / dieser Welt verborgne Dinge / Dir berichte.” Ihr Geld ist also gut angelegt. Angeregte und geistreiche Debatten prägen unseren Alltag. Schließlich stoßen wir ständig auf neue Rätsel. Wo kommen die vielen Tomaten her, und wo gehen sie hin? Warum ist die Polizei den hiesigen Linken offenbar nicht verhasst? Haben die Holländer oder die Mesopotamier die Falknerei erfunden? Warum haben die Kollegen beim Einkauf den Rotwein vergessen? Sollte man Schach 960 dem gewöhnlichen Schachspiel vorziehen? Warum redet jemand wie José Saramago, der einige gute Bücher geschrieben hat, soviel Unfug über Israel? Wer hat nun recht, Stephen Hawking oder die Jungfrau Maria? Wo ist Döner-Ingo? Hat die muslimische Prinzessin Fátima sich wirklich in den christlichen Ritter verliebt, der sie entführte, oder handelte es sich um eine Zwangsheirat? Wir werden nicht alle diese Fragen beantworten, können Ihnen aber schon jetzt versprechen, dass die Portugal-Ausgabe viele Überraschungen für Sie bereit hält.

28. September 2010, 23.42 Uhr:

Offenbarungen sind nicht jugendfrei

von Jörn Schulz

Wenn Sie zu unseren Fans gehören und sich bei Facebook darüber informieren, was wir hier so treiben, könnten Sie leicht den Eindruck gewinnen, dass wir nur am Pool herumhängen. Das stimmt natürlich nicht. Ich beispielweise bereite mich gerade auf meine erste Pilgerreise vor. Das Ziel ist Fátima. Dort erschien im Jahr 1917 drei Hirtenkindern die Jungfrau Maria. Heutzutage bekäme die Dame Ärger mit dem Jugendschutz, denn als erstes bedachte sie die lieben Kleinen mit einer Vision der Hölle: viel Feuer und Geschrei, durchsichtige schwarze Teufel, verlorene Seelen. Es ist offenbar auch nicht unbedingt ein Glücksfall, mit so einer Vision bedacht zu werden, denn zwei der Kinder starben bald darauf. Das war nun allerdings gottlos gedacht, schließlich wurden die beiden ganz offiziell selig gesprochen.

Marienerscheinungen gibt es in letzterer Zeit wieder häufiger, die Schnappschüsse können jedoch nicht recht überzeugen. Aber es heißt ja auch: „Selig sind die, die glauben, ohne zu sehen.” Ich gehöre nun eher zu denen, die sehen, ohne zu glauben, bin aber, wie die meisten Linken, Kryptokatholik. Für die Zuteilung einer Vision genügt das wohl nicht, zumal sich meine Bußfertigkeit in Grenzen hält.

Was sich hinter den Marienerscheinungen verbirgt, ist schwer zu entschlüsseln. In manchen Fällen mag es sich um Massenhysterie handeln. Ufologen meinen, es seien Aliens, deren Erscheinen von Gläubigen nach ihren Vorstellungen interpretiert wird. Aber wer reist schon viele Lichtjahre weit, um ein paar Kinder zu erschrecken? Erstaunlich im Fall Fátima ist, dass drei Kinder die gleiche, recht komplexe Geschichte erzählten und standhaft an ihr festhielten. Aber vielleicht sollte man gar nicht versuchen, das Rätsel zu lösen, weil das Geheimnis viel interessanter ist als die vermutlich recht banale Wahrheit.

27. September 2010, 09.35 Uhr:

Leif is Leif

von Stefan Ripplinger

Leben und Wirken des Schriftstellers, Kommunisten und Übersiedlers Ronald M. Schernikau zeigt ein Fernsehfilm von Claudia Müller. Zu sehen ist er am kommenden Montag, 4. Oktober, 23 Uhr, auf Arte.

Fotos aus Kindheit und Jugend, begeisternde Auftritte Schernikaus als Tuntendiva und Clips seiner unglaublichen Begegnungen mit Prof. Dr. Dr. h.c. Elisabeth Noelle-Neumann im „Club 2“ des ORF (1980) und mit (Ex-)Senatorin Adrienne Goehler in einer Talkshow des SFB 1989 machen den Film zu einem unverzichtbaren Dokument. Ellen Schernikau, die Mutter, Thomas Keck, der Freund, und viele Weggefährten (darunter ich in meiner ersten und letzten Rolle im deutschen Film, als Umzugshelfer) treten auf. Bezaubernd ist eine DDR-Show-Revue.

Wenn ich mir noch eine Mäkelei erlauben darf, so die, dass das Wunschobjekt in Schernikaus Debüt kleinstadtnovelle nicht etwa „Leef“ heißt, wie der Name im Film prononciert wird, sondern Leif, nämlich Leif Garrett, wie der heartthrob der späten Siebziger. (Dieser Kunstgriff hat mir immer besonders imponiert.) Es mag das Schicksal der meisten Wunschobjekte sein, dass sie eine Generation darauf schon in finstere Vergessenheit gesunken sind. Zum Trost für alle greisen Leif-Garrett-Fans hier noch einmal das Original in seiner ganzen drolligen Laszivität:

23. September 2010, 17.59 Uhr:

Mahnungen für die Welt, aber das Geld bleibt hier

von Jörn Schulz

Nehmen wir einmal an, jemand verspricht ihnen etwas. Er hält sein Versprechen nicht, wiederholt es aber immer wieder. Die Jahre ziehen ins Land. Nach 30 Jahren gelobt er noch einmal feierlich, sein Versprechen doch zu halten. Er tut es nicht. Die Jahre vergehen, das 40. Jubiläum des Versprechens naht. Nun sagt er Ihnen, dass er sich bemühen wird, sein Versprechen zu halten, das aber eigentlich gar nicht so wichtig ist, weil Sie ein so unzuverlässiger Geselle sind, dass es nicht viel nützen würde, wenn er es hält. Vermutlich würden Sie einen solchen Menschen nicht als verlässlich betrachten und seine Eignung für ein verantwortungsvolles Amt anzweifeln.

Bereits im Oktober 1970 hat sich Deutschland verpflichtet, mindestens 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe aufzuwenden. Über 0,47 Prozent kam Deutschland auch unter sozialliberalen und rot-grünen Regierungen nicht hinaus. Zum Milleniumsgipfel wurde die Zusage bestätigt. Vor der Uno stellte Dirk Niebel, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, es nun schon als lobenswert dar, dass die Hilfe nicht gekürzt wird. Wo es doch so viele notleidende Banken gab, die Geld brauchten. Kanzlerin Angela Merkel mahnte, die Entwicklungsländer müssten mehr „Eigenverantwortung“ zeigen und sich um „gute Regierungsführung“ bemühen: „Sie haben es in der Hand, ob Hilfe effizient erfolgen kann.“ Der Wunsch deutscher Konzerne, teure Infrastrukturprojekte zu verkaufen, könnte aber womöglich auch eine Rolle spielen.

Wie Merkel etwa den Äthiopiern helfen will, sich ihres Diktators zu entledigen, erläuterte sie leider auch nicht. Vielmehr stimmte ihr sogar „der äthiopische Premier Melis Zenawi zu, dessen Land von Entwicklungshilfe abhängt. Als einziger Vertreter der sogenannten Nehmer-Länder auf Merkels Podium lobt er die Millenniumsziele und den Ansatz der Kanzlerin. Dass der eloquente Mann einer Regierung angehört, deren Umgang mit den Menschenrechten alles andere als unproblematisch ist, weiß Merkel. Offen ansprechen wird es die Kanzlerin jedoch nicht.“

Schließlich soll auch Äthiopien dafür stimmen, dass Deutschland als nicht ständiges Mitglied in den Sicherheitsrat kommt. „Deutschland möchte seiner Verantwortung gerecht werden“, sagte Merkel. „Deswegen sind wir bereit, zusätzlich Verantwortung zu übernehmen als Mitglied im Sicherheitsrat.“ Sollte die Welt den Deutschen dieses schwere Opfer wirklich abverlangen? Wäre eine wenig Unterstützung in guter Regierungsführung nicht wichtiger? Merkel müsste gar nicht weit reisen. Sie könnte die Schweden, Luxemburger, Dänen, Holländer oder Belgier um Hilfe bitten, die 0,7 Prozent des BIP oder mehr für Entwicklungshilfe bereitstellen.

23. September 2010, 14.33 Uhr:

Bei Ostwind regnet es Wachteln

von Jörn Schulz

Hat die Bibel doch recht? Moses könnte seine Leute tatsächlich trockenen Fußes durch das Meer geführt haben, meinen Forscher des National Centre for Atmospheric Research der University of Colorado. An einem mittlerweile ausgetrockneten Nilarm nahe Port Said hätte starker und anhaltender Ostwind im Meer eine Furt schaffen können, die sich schnell wieder mit Wasser füllt, wenn das Wetter sich ändert. Die Computersimulationen „entsprechen ziemlich genau der Erzählung“ im 2. Buch Mose. Erklärungsbedürftig bleiben allerdings noch die Feuersäule, die Moses den Weg zeigte, die überraschend auftauchenden Wachteln und Brote, mit denen er seine ständig nörgelnden Anhänger beköstigte, und einige weitere Ungereimtheiten.

Das Schöne an solchen Erklärungsversuchen ist, dass sich Gläubige und Ungläubige gleichermaßen an ihnen erfreuen können. Dem Gläubigen bestätigen sie, dass in der Bibel die Wahrheit steht, und für Gott bleibt ja noch genug Platz, da irgendjemand Moses über das korrekte Timing informiert haben muss. Der Ungläubige hingegen kann glauben, dass es für die Erzählungen der Bibel eine „natürliche“ Erklärung gibt. Die Menschen in der Antike hingegen waren nicht so naiv, alles wörtlich zu nehmen. Ihre Geschichtsschreibung war immer symbolisch. Gerade in den älteren Teilen der Bibel sind die Widersprüche offensichtlich. Kain etwa ist der erste Sohn von Adam und Eva, er wird Bauer. „Siehe, du treibst mich heute aus dem Lande, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlage, wer mich findet“, klagt er in seinem Plädoyer vor Gott, nachdem er seinen Bruder Abel, den Hirten und vierten Menschen auf Erden, erschlagen hat. Vor wem aber hat er auf der schließlich noch menschenleeren Erde Angst? Mit wem gründet er die erste Stadt? Den Menschen der Antike war klar, dass hier der Konflikt zwischen Hirtennomaden und sesshaften Bauern reflektiert wird, zumal im Anschluss noch die Stammväter der Musiker und Schmiede genannt werden.

Manchmal ist die Symbolik leicht zu entschlüsseln, schwerer zu deuten ist etwa die in Predigten ungern erwähnte (und in der Bibel nicht kommentierte) inzestuöse Beziehung der Töchter Lots: „Ist kein Mann mehr auf Erden der zu uns eingehen möge nach aller Welt Weise; so komm, lass uns unserm Vater Wein zu trinken geben und bei ihm schlafen, dass wir Samen von unserm Vater erhalten.“ Möglicherweise sollte den Moabitern und Ammonitern, die aus dieser Beziehung hervorgingen und mit denen die Juden diverse Kriege ausfochten, eine unkoschere Herkunft angedichtet werden. Es wäre jedenfalls nicht hilfreich, wenn jetzt jemand nach dem Moabiter-Gen sucht, um die Erzählung zu verifizieren.

21. September 2010, 08.16 Uhr:

150 Jahre Schopenhauer

von Stefan Ripplinger

Seiten:12

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