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Archiv für: Dezember 2010
29. Dezember 2010, 19.14 Uhr:

Spahn in die Produktion!

von Jörn Schulz

Ich weiß nicht, ob es, wie die Dekolleté-Reklame im Jahr 2009, bewusst schlüpfrig ist, wenn man mit „Willkommen auf Vera Lengsfeld“ zur Website der ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten eingeladen wird. Der ehemaligen Abgeordneten, weil sie damals auf meine guten Ratschläge nicht hören wollte und deshalb nur 11,6 Prozent der Stimmen anstelle des Direktmandats bekam. Selber schuld, Frau Lengsfeld. Nun dürfen Sie nur noch als Besucherin in den Bundestag.

Ist das der Grund dafür, dass Sie sich nun so über den CDU-Abgeordneten Jens Spahn ereifern? Der hat ein Direktmandat. Früher sagte man: Feind, Todfeind, Parteifreund. Bei Ihnen heißt es: „Dumm, dümmer, Spahn.“ Ich hätte “Spahn-Ferkel” origineller gefunden, aber egal. Was hat er getan, der Spahn? Er fordert „Zweibettzimmer für alle Kassenpatienten, höchstens drei Wochen Wartezeit für einen Facharzttermin und Sterne für keimarme Krankenhäuser! Donnerwetter! Da muss man schon ‚Gesundheitsexperte’ sein, um solchen Unsinn von sich zu geben. (…) Warum kümmert sich Spahn nicht um die wirklichen Probleme, die im Gesundheitswesen überreichlich vorhanden sind?“ Nämlich darum, „die kostenlose Mitversicherung von im Ausland lebenden Familienangehörigen in Deutschland lebender GKV-versicherter Ausländer“ abzuschaffen. Denn „in Deutschland werden Familienangehörige aus 16 Ländern kostenlos behandelt“, und soweit muss man es ja nicht treiben mit der christlichen Nächstenliebe. Schon gar nicht in keimarmen Zweibettzimmern. Warum macht er sowas, der Spahn? „Der Mann ist noch nicht eine Minute in seinem Leben produktiv gewesen.“ Beim Honni hätte es das nicht gegeben, der hätte so einen gleich in die Produktion geschickt. War eben nicht alles schlecht damals. „Was soll aus solchen Polit-Krüppeln werden, wenn sie eines Tages kein Mandat mehr ergattern können? Politikberater?“ Nun, im Notfall könnte er ja bei der Achse des Guten bloggen.

29. Dezember 2010, 17.50 Uhr:

And now for something completely different

von Jörn Schulz

Es schneit ein wenig, und schon kommt niemand mehr voran. Im Sommer war es der Bahn zu heiß, jetzt ist es ihr zu kalt. Ausreichende Vorräte an Streusalz einzulagern, wäre ja viel zu teuer, und nun kommt kein Nachschub, weil die Straßen nicht gestreut werden können. Das ist zwar amüsant, aber es könnte doch die Frage aufkommen: Wozu halten wir uns eigentlich einen Verkehrsminister?

Nun, irgendjemand muss sich um die Reinhaltung der deutschen Sprache bemühen und aus Tickets wieder Fahrscheine machen. Dieser Aufgabe widmet sich Ramsauer. Wird er den Transrapid in Hindurchschnell umtaufen? Nun soll es Leute geben, die, ob nun mit Ticket oder Fahrschein, einfach nur ankommen wollen, im Sommer ohne Hitzschlag und im Winter ohne Erfrierungen. Auch für sie hat Ramsauer ein Herz: „Er lässt seine Beamten derzeit aufschreiben, welche Ausfälle es auf Schienen, Straßen und in der Luft gab und warum. Mitte Januar will er den Bericht vorlegen.“ Präsentieren wird er ihn natürlich auf einem Tafelschreibblock und nicht auf einem Flipchart, es sei denn, er entscheidet sich für einen Machtpunkt-Vortrag.

21. Dezember 2010, 10.43 Uhr:

Früher war alles besser

von Jörn Schulz

Das glauben Sie nicht? Schauen Sie hier.

20. Dezember 2010, 17.13 Uhr:

Trendy Anarchists

von Jörn Schulz

Wird auch die Interim von Manufactum („Es gibt sie noch, die guten Dinge“) vertrieben, wo man Wert auf traditionell Gefertigtes legt? Vermutlich nicht, denn ansonsten hätte man dort wohl auch Besuch von der Polizei bekommen. Schließlich wird die Verbreitung des Magazins gerne als „Anleitung zu Straftaten“ interpretiert. Deshalb kann man nicht, wie die Herausgeber es tun, mit einem saloppen „hat mal wieder die neueste Ausgabe unserer Interim in die Hände bekommen“ über die Frage hinweggehen, wie Jörn Hasselmann vom Tagesspiegel sein Exemplar ergattert hat. Berlin darf kein rechtfreier Raum sein! Andererseits, wenn es gut fürs Geschäft ist…

Der große Irrtum der „Chaoten“, die „im kommenden Jahr den boomenden Tourismus angreifen“ wollen, ist nämlich, dass ihr Treiben Leute davon abhält, nach Berlin zu kommen. Doch die Touristen kommen nicht trotz, sondern wegen der Chaoten. Lonely Planet, der wohl einflussreichste Reiseführer, empfiehlt explizit die Besichtigung der „trendy anarchists“ in Kreuzberg. Sogar die Junge Union, die Organisation der Leute, die als letzte auf diesem einsamen Planeten etwas merken, hat die Berliner Chaoten als Reiseziel entdeckt.

Ich muss aus persönlicher Erfahrung leider hinzufügen, dass einige Touristen schon arg enttäuscht wurden. So traf ich auf dem Mariannenplatz einen Briten, der eigens zum 1. Mai angereist war und dann vergeblich den Krawall suchte. „Berlin? It’s fuckin’ boring“, wird er zuhause erzählt haben. Können wir uns solchen Schlendrian leisten?

„Geldbörsen und Handys im Vorbeifahren von den Tischen der Fressläden klauen, Autos anzünden, Hotels einwerfen, Müll verursachen, Touribusse bewerfen“ – so gestaltet man den Abenteuerurlaub in Berlin. „You won’t believe it! I saw this burning police van, everyone was running and yelling, and suddenly a guy tried to grab my wallet!” Das sind die Geschichten, die ein Berlin-Besucher daheim erzählen will. Eigentlich müssten die Autonomen dafür bezahlt werden, dass sie auf diese Weise den Tourismus fördern. Das sollte natürlich diskret geschehen, Herr Wowereit, also aufpassen, dass der Assange nichts davon mitbekommt.

16. Dezember 2010, 16.46 Uhr:

Was reimt sich auf Sepp?

von Jörn Schulz

Wer die Wahl hat zwischen Pest oder Cholera, sollte die Cholera wählen, da ist die Todesrate geringer. Was tut man, wenn man die Wahl hat zwischen Blatter und den Blattern? Vermutlich löst die Anwesenheit von Sepp Blatter nur relativ ungefährliche allergische Reaktionen aus, aber gegen die Blattern kann man sich impfen lassen.

Blatter ist ein Mann mit Humor: „Auf die Frage einer Journalistin, ob sich schwule und lesbische Fans Sorgen machen müssen, während der WM nach Katar einzureisen, meinte der FIFA-Präsident am offiziellen Abschluss der Fussball-Weltmeisterschaften in Südafrika: ‚Dann würde ich sagen, dass sie sich während dieser Zeit zurückhalten sollten mit sexuellen Aktivitäten.’ Darauf entbrannte bei den Journalisten im Saal ein Gelächter.“

Aber so einfach ist das nicht mit der kulturellen Sensibilität. Es gibt noch eine Reihe anderer Tabus, die geachtet werden wollen. Blatter, der vor einigen Jahren den Fußballerinnen „femininere Sportkleidung“, „engere Shorts zum Beispiel“, empfahl, mag glauben, Heteros könnten in Katar tun, was sie wollen. Aber das ist ein Irrtum. Die Vorstellung, dass Blatter ausgepeitscht wird, weil er mit einer Prostituierten erwischt wurde, könnte einem die Sharia allerdings fast sympathisch erscheinen lassen. Züchtige Kleidung ist in Katar vorgeschrieben, kurze Hosen sind nur im Stadion erlaubt. Ziemlich nüchtern dürfte diese WM auch werden, nichtmuslimische Ausländer können sich allerdings eine Lizenz zum Zechen ausstellen lassen. Man sagt sogar, dass Bestechung in Katar verboten sei. Aber das weiß Blatter sicher besser.

9. Dezember 2010, 15.59 Uhr:

Wo gehen wir hin?

von Jörn Schulz

Warum gibt es ein Bildungspaket eigentlich nur für die Kinder von Hartz-IV-Empfängern? Hätte nicht auch Thilo Sarrazin ein paar Gutscheine verdient? „Als die Buren nach Südafrika zogen, war das ein menschenleeres Land“, glaubt er, und wir wollen ihm ja nicht unterstellen, dass er die Zulu und Xhosa nicht für Menschen hält. Sein Gespräch mit Henryk M. Broder fällt insgesamt allerdings enttäuschend warmduscherhaft aus. Aber es gibt doch ein paar amüsante Stellen, etwa wenn Sarrazin erzählt, wie er versucht, Online zu kommunizieren: „Daraufhin habe ich aus dem Hotel heraus der Frankfurter Rundschau eine böse Mail geschrieben, in der ich alles richtig stellte, und die Mail kam dann nach einem halben Tag zurück. Sie hatten sich vertippt? Nein, ich hatte mich nicht vertippt, sondern die Frankfurter Rundschau hat in ihrer Papierausgabe keine Mailanschrift für Leserbriefe. Das geht nur per Post. Ist auch eine Art, sich der Dinge zu entledigen.“

Nun ist der Online-Kontakt zur Frankfurter Rundschau nicht allzu schwer herzustellen. Wenn Sarrazin aber keine E-Mail-Adresse hatte, an wen hat er dann gemailt? Vielleicht volksschädlinge@ihr schweine? Dann wäre die Mail zurückgekommen, weil Umlaute in der Adresse nicht vorkommen dürfen. Leider hat Broder nicht nochmal nachgehakt.

Wenn zwei große Denker zusammenkommen, wird es natürlich auch philosophisch. Sarrazin: „Über die Welt, wo sie herkommt, weshalb sie überhaupt da ist - das ist mir immer wieder ein Rätsel. Wenn ich mit dem Zug durch die Gegend fahre und aus dem Fenster schaue und sehe, was da draußen alles passiert, frag ich mich auch, woher kommt das eigentlich? Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“ Ein Blick auf die Fahrkarte hilft da weiter. Aber Sarrazin hat ja die Bahncard 100. Ein großer Denker muss sich mit der Kritik an seinem Schaffen nicht befassen: „Ich habe den größten Teil dessen, was über mich geschrieben wurde, gar nicht zur Kenntnis genommen.“ Anders verhält es sich natürlich mit den Kritikern, die müssen lesen: „Ich frage mittlerweile immer, wenn ich Menschen treffe, prominent oder nicht prominent, die über mein Buch reden, lobend oder tadelnd, als erstes: Haben Sie es gelesen? Und wenn die Antwort lautet: ‚Nein, habe ich nicht’, dann beende ich das Gespräch (…) Ich halte es da mit Churchill: Never explain, never complain.“ Das Zitat stammt nicht von Churchill, der allerdings sagte: “Criticism may not be agreeable, but it is necessary.” Und: „A fanatic is one who can’t change his mind and won’t change the subject.”

8. Dezember 2010, 18.53 Uhr:

Schnee in der Wüste

von Jörn Schulz

Nun gibt es via Wikileaks auch die Bestätigung für „a world of sex, drugs and rock’n'roll behind the official pieties of Saudi Arabian royalty“, die rauschenden Partys der Prinzen, bei denen die berüchtigte Religionspolizei draußen bleiben muss. Es gibt Sadiqi ("mein Freund"), Selbstgebrannten, aber auch sonst fehlt es an nichts: “Cocaine and hashish use is common in these social circles.“ Es sei nicht allzu schwer, unter den 10000 Prinzen einen Party-Paten zu finden, der dafür sorgt, dass keine ungebeten Gäste mit dem Polizeiknüppel an die Tür hämmern. „One high-society Saudi said: ‘The increased conservatism of our society over these past years has only moved social interaction to the inside of people’s homes.’”

Das wirft auch ein interessantes Licht auf den Fall der saudischen Prinzessin, in deren Anwesen im Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine beachtliche 110 Kilogramm Kokain gefunden wurden. Die Schneeprinzessin aus der Wüste wurde umgehend von der französischen Polizei entlastet, die nicht so respektlos war, sie vernehmen zu wollen. Angeblich hat sie von dem Drogenlager nichts gewusst. In Neuilly-sur-Seine, dessen Bürgermeister bis 2002 Nicolas Sarkozy war, logiert jedoch die High Society, und die Saudis müssen sich langsam Gedanken machen über die Diversifizierung ihrer Wirtschaft. Da Air France von Bogota über Paris nach Riad fliegt, bietet sich die Stadt aber auch als Zwischenstopp für die Versorgung der Party-Prinzen an.

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