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Archiv für: Januar 2011
31. Januar 2011, 22.17 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 31. Januar, Teil II

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

In der Zeitung Tunis Hebdo steht heute in dem, in normalen Zeiten für die Wettervorgersage vorgesehen, Kasten auf der ersten Seite:

“Revolutionen in Tunesien und Ägypten; Die Vorhersage: Tränengas und schöne Tage.”

31. Januar 2011, 15.51 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 31. Januar

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

Statt eines Berichtes – Revolutionen machen auch müde – heute ein Zitat aus Attariq Aljadid, der Zeitung des linken Ettajdid Movement. (Ja man kann sogar wieder traditionslinke Blätter lesen, dieser Tage):

»Unsere Freunde aus Libyen, Jordanien, Syrien, Algerien, Mauretanien und nicht zuletzt Ägypten (…) schauen auf uns mit traumerfüllten Augen wie auf ein Bild von Delacroix. Die tunesische Marianne trägt die Fahne und führt das Volk an. Endlich ist die ›Büchse der Pandora‹ geöffnet worden. (…) Wenn Tunesien erwacht, bebt die arabische Welt.«

Eben Marianne, nicht irgendwelche Bärtigen in der Nachfolge des Propheten.

Und ist sonst noch etwas aufgefallen? Fehlen da nicht ein paar Freunde aus der arabischen Welt? Wer schaut nicht mit traumerfüllten Augen auf Tunesien? Würde man den Autor Ghazi Ben Jaballah fragen, wo sie denn geblieben sind, die Palästinenser, die bis gestern noch wichtigstes Sujet eines jeden Artikels der nun bebenden arabischen Welt waren, er würde wohl ein bisschen rot werden. Uuups, ganz vergessen, wie konnte ich nur …. Sorry.

Und das sagt eigentlich mehr über den Geist dieser Revolution aus als hundert Worte. Marianne ist übers Meer gekommen und hat sich an die Spitze des Protestes gestellt - wir erleben hier offenbar so etwas wie die Geburt einer neuen Ikonographie.

Auch in den arabischen Satellitenprogrammen, die in jedem Café laufen sind sie plätzlich verschwunden, die Bilder der »arabischen Revolte«, also jene vermummten Intifada Kids vor brennenden Reifen, die über Jahrzehnte das Bild und Selbstbild der arabischen Welt geprägt haben.

Natürlich sind sie noch alle für die Befreiung Palästinas, wenn man sie fragt. Nur wenn man sie nicht fragt, dann passiert es neuerdings eben schon mal, dass sie die Palästinenser einfach vergessen und stattdessen an Mauretanien denken.

Für Vorhersagen jedweder Art ist es viel zu früh. Aber, soviel sei erlaubt zu hoffen, das Beste für den so genannten Nahostkonflikt wäre doch, wenn das ganze Thema endlich aus dem Rampenlicht verschwände, in dem es seit Jahrzehnten steht, wenn sich Tunesier endlich um ihre Probleme kümmern würden, Ägypter, Syrer und Mauretanier um die ihren. Denn deren gibt es wahrhaft genug. Und Israelis und Palästinenser um ihre. Die sie dann, wenn nicht jeder meint sich einmischen zu müssen, vielleicht sogar eines Tages gemeinsam lösen könnten. Träumen darf man ja mal in solchen Tagen.

30. Januar 2011, 16.05 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 30. Januar

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

Live aus Tunis: Bikinis gegen Bärte?

Heute ist der Führer der islamistischen Nadha Partei aus seinem Londoner Exil
nach Tunis zurückgekehrt. Ein Chomenei-Empfang war das wahrhaft nicht. Seine Anhänger haben offenbar eimerweise Kreide gefressen: Supporters crowding the arrivals area of the airport held up banners reading: »No to extremism, yes to
moderate Islam!« and »No fear of Islam!«

Viele Frauen hatten auf Facebook angekündigt, ihn im Bikini empfangen zu wollen: Le leader pourrait d’ailleurs bien être accueilli à l’aéroport par un groupe de Tunisiennes en bikini et en mini-jupes. L’idée circule depuis plusieurs jours sur les réseaux sociaux. Sur Facebook, un groupe est même intitulé »Toutes les Tunisiennes en bikini pour accueillir Ghannouchi à l’aéroport«.

Ob sie das wirklich getan haben, ist zur Zeit noch unklar, leider haben wir es nicht geschafft an den Flughafen zu fahren.

AFP meldet gerade, dass dort sowohl seine Anhänger wie Gegendemonstraten ihn erwartet haben: »Un peu en retrait, plusieurs dizaines de défenseurs de la laïcité brandissaient de leur côté des pancartes contre le fondamentalisme.«

30. Januar 2011, 04.18 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 29. Januar

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

Heute war der Tag der ersten großen Demonstrationen für die Gleichheit von Frauen und Männern in Tunesien seit dem unfreiwilligen Abflug des ehemaligen Regierungschefs Ben Ali.

 

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29. Januar 2011, 17.26 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 28. Januar, Teil II

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

Heute gab es in Tunis zum ersten Mal seit Ausbruch der Unruhen eine von Islamisten organisierte Kundgebung. Insgesamt nahmen laut Reuters 200 Leute daran teil. Hier eine kleine Gruppe auf dem Weg zur Kundgebung.

Zeitgleich wurden an der Metrostation Republique nur wenige Meter neben den Bärtigen Aufrufe für eine andere Demo verteilt. Verschiedene Frauenorganisation wollen morgen ab drei Uhr für eine säkulare neue Republik Tunesien auf die Straße gehen. Umstehende machten hauptsächlich abfällige Bemerkungen über die Islamisten. Insgesamt sollen heute über 5000 Menschen an verschiedenen Orten in Tunis gegen die Übergangsregierung demonstriert haben.

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28. Januar 2011, 17.43 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 28. Januar

von Jörn Schulz

Heute meldete sich unser Team Tunis per Telefon:

Die Casbah in Tunis, wo sich die Teilnehmer der “Karawane der Freiheit” und andere Protestierende aufhielten, wurde gegen 16 Uhr von der Polizei geräumt, mit Tränengas, Knüppeln und deutschen Schäferhunden. “Das Militär schützt die Revolution", heißt es in Tunis oft. Die Soldaten hatten sich zurückgezogen, es war das erste Mal, dass sie der Polizei freie Hand ließen. Die Polizisten zerstörten Zelte und alles, was auf dem Platz zurückgeblieben war. Gefunden wurden ein paar Blättchen, angeblicher Drogenkonsum könnte als Rechtfertigung dienen. Es ist unklar, wer den Räumungsbefehl gegeben hat, klarer ist, dass sich die Übergangsregierung auf diese Weise keine Freunde in der Demokratiebewegung macht. Mittlerweile sind die Soldaten zurückgekehrt und drängen die Polizisten zurück. Rund um die Avenue Habib Bourguiba, das zweite Zentrum der Proteste in der Hauptstadt, gibt es noch Scharmützel mit der Polizei.

Ansonsten kann man in den Cafés, die einen Fernseher haben, beobachten, dass die Tunesier sehr erfreut sind über die Proteste in Ägypten.

28. Januar 2011, 12.32 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 27. Januar

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

Auf den Treppen des Stadttheaters in der Avenue Habib Bourguiba ist die Hölle los. Einige Hundert Jugendliche quetschen sich dort zusammen, recken die Fäuste, singen, feuern mit Parolen gegen die Übergangsregierung die Zuschauer und Passanten an. Überall auf dem breiten Mittelstreifen der im Kolonialstil gehaltenen Prachtstraße, dem modernen Zentrum von Tunis, stehen Gruppen von 30 bis 50 Frauen und Männern, die lautstark diskutieren – alle hundert Meter eine Speakers corner. Weiter unten, vor dem mit Stacheldraht abgeriegelten Innenministerium, stehen Panzer, Schützenpanzer, Militär-LKWs (Humwees aus den USA, Schützenpanzer und LKWs aus Deutschland). Vor allem von einem Panzer, dessen Kanonenrohr über den Stacheldraht ragt, sind viele angetan. Man posiert unter dem Kanonenrohr, eingewickelt in die tunesische Flagge oder mit dem Victory-Zeichen, und lässt sich fotografieren.

 

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