Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Kürzliche Beiträge
21. Januar 2009, 07.55 Uhr:

Maker

von Stefan Ripplinger

Am Nachmittag des 21. Januar 1976 sagt Charles Reznikoff zu Marie, seiner Frau, mit einer für ihn untypischen Feierlichkeit: „Ich habe nie Geld gemacht, aber all das, was ich wirklich tun wollte, habe ich getan.“ Er erleidet später an diesem Tag eine schwere Herzattacke und stirbt im Krankenhaus St. Vincent kurz vor dem Morgengrauen des 22. Januar. Wie er es in seinem Testament gewünscht hat, werden bei der Trauerfeier keine Reden gehalten und er wird in einem Sarg aus Kiefernholz im Familiengrab der Reznikoffs auf dem Friedhof von Old Mount Carmel, Brooklyn, beigesetzt. Marie lässt auf einer schlichten Granittafel für das Grab „Charles Reznikoff, Maker, 1894–1976“ und einen Lieblingsvers aus einem seiner Gedichte gravieren: „… and the day’s brightness dwindles into stars“.
aus: Seamus Cooney, „Chronology“, in: Ders., Hg., The Poems of Charles Reznikoff. 1918–1975. Boston: Black Sparrow 2005, S. 392.

A visitor once stopped one of the children:
a boy of seven or eight, handsome, alert and gay,
He had only one shoe and the other foot was bare,
and his coat of good quality had no buttons.
The visitor asked him for his name
and then what his parents were doing;
and he said, „Father is working in the office
and Mother is playing the piano.“
Then he asked the visitor if he would be joining his parents soon –
they always told the children they would be leaving soon to rejoin their parents –
and the visitor answered, „Certainly. In a day or two.“
At that the child took out of his pocket
half an army biscuit he had been given in camp
and said, „I am keeping this half for Mother“;
and then the child who had been so gay
burst into tears.
aus: Charles Reznikoff, Holocaust (1975). Boston: Black Sparrow 2007, S. 51.

16. Januar 2009, 19.03 Uhr:

Häretische Münzen

von Jörn Schulz

Reaktionäre Muslime und Islamisten können manchmal nützlich sein. Wenn sie sich über etwas beklagen, weisen sie damit häufig auf interessante Dinge hin, die einem sonst vielleicht entgangen wären. Auch Sven Muhammad Kalischs Thesen könnten wegen der Proteste muslimischer Verbände auf größeres Interesse stoßen. Er hält es für „äußerst wahrscheinlich, dass der Islam das Produkt einer christlichen oder judenchristlichen Gnosis ist“, der Prophet Muhammad sei wahrscheinlich keine real existierende Person gewesen. Ich halte diese These zwar nicht für überzeugend, doch Kalisch könnte recht haben, wenn er meint, dass die Religion des Islam anfangs „eine ganz andere gewesen sein muss.“ Auf Münzen taucht der Prophet erst recht spät auf, und frühislamische Herrscher verwendeten christliche Symbole. Bei den damaligen Eroberungszügen fehlte es möglicherweise an konfessionellem Bewusstsein. Auch die traditionelle islamische Orthodoxie betont gerne, dass niemand zur Annahme des neuen Glaubens gezwungen wurde. Möglicherweise hat die Araber damals aber nicht einmal die Mission interessiert, weil sie sich nicht einer spezifischen Religion namens Islam zugehörig fühlten, sondern, wie es ja auch im Koran dargelegt wird, ihren Glauben als aktuelle Version einer ewigen Botschaft Gottes sahen, und meinten, er bedürfe keiner besonderen Abgrenzung.

16. Januar 2009, 08.45 Uhr:

U.N. (3)

von Stefan Ripplinger

“Ein Professor der Germanistik, der selbst auf engstem Raum sich vor allem damit befaßt, die Hälfte zweimal zu sagen und den Rest so ungeschickt wie möglich, also nicht einmal was er mit links macht kann, es aber an allen Ecken und Enden treibt und auf den ersten Blick erkennen läßt, daß er gelegentlich schon auch mal von Büchern spricht, die er nicht gelesen hat.”
Uwe Nettelbeck, Die Republik, Nummern 68-71, Seite 149

“Geschrieben steht etwas Tröstliches: und Bücher wurden aufgetan, und ein ander Buch ward aufgetan, welches das des Lebens ist, und die Toten wurden nach ihren Werken unterschieden, ekrithesan, nicht, wie allgemein übersetzt wird, gerichtet, verurteilt.”
Nummern 89–91, Seite 178

“… und daneben: ‘Der schräge Clown. Wigald Boning wurde mit brillantem Nonsens zum Star eines neuen deutschen Humors’ – also ausgerechnet dessen, von dem mir auf der Zunge lag zu sagen, und es am Beispiel Wigald Bonings zu beweisen, daß ihm meine Humorlosigkeit vollauf gewachsen ist.”
Nummern 92–93, Seiten 31 und 32

“In Johnny Guitar, von Nicholas Ray, 1954, in Trucolor, einem etwas rotstichigen Farbformat, das Joan Crawford’s rotes Kleid, in dem sie lieber sterben als weichen will, ihren brennenden Saloon zur Geltung bringt auf Kosten aller übrigen Töne des wide open country und der Horizonte, und auch ansonsten, wie das schwarzweiße Pendant von Samuel Fuller, Forty Guns, 1957, mit Barbara Stanwyck, als Western leicht daneben, was sein damaliger deutscher Verleihtitel sehr gut zur Geltung brachte, ‘Wenn Frauen hassen’, in Johnny Guitar sagt, kurz bevor es zu jenem andern denkwürdigen Wortwechsel kommt, ‘Johnny Guitar, that’s not a name!’, ‘Like to change it?’, der Desperado Dancin’ Kid, dem es nicht gefällt, Vienna neben einem Fremden an der Bar stehen zu sehen, zu Johnny: Was geht hier vor, Mister? Johnny, dem die Störung und die Frage nicht gefallen: Nichts, was Sie nicht sehen, Mister.”
Nummern 94–97, Seiten 95 und 96

“Rinzing und Tewang versuchten es mit einer Darstellung der Umstände. Der Monsun ziehe auf. Keine Träger, um ein Camp auf dem North Col einzurichten. Nicht die Ausrüstung, um durch den Icefall zu kommen. Der Gipfel vom North Col aus nicht erreichbarer als von Camp III aus. Der North Col die Hölle. Die Strecke oberhalb des North Col teuflisch. Tewang schon der Abstieg aus Camp III nur noch unter Aufbietung seiner letzten Kräfte möglich. Der Sahib nicht erfahren genug, um durch den Icefall zu kommen. Und zu kraftlos. Und fast schneeblind. Sie sprachen mit Engelszungen. Sie ließen nicht mit sich reden. Wir gehen keinen weiteren Schritt mehr höher. Dann gehe ich allein.”
Nummern 98–108, Seite 620

Joseph Joubert: „Die Illusion. Gott schuf sie und setzte sie zwischen Samen, Früchte, Fleisch und den Gaumen, und dadurch ließ er den Geschmack entstehen; zwischen die Blumen und den Geruchssinn, und dadurch ließ er die Düfte entstehen; zwischen den Hörsinn und die Töne, und dadurch ließ er die Harmonie, die Melodie etc entstehen, zwischen die Augen und die Gegenstände, und dadurch ließ er die Farben, die Perspektive und die Schönheit entstehen.”
Nummer 110, Seite 46

Karl Philipp Moritz: “Wir hatten die Wälle und Thürme von Braunschweig schon im Angesicht – wir alle waren einige Minuten still – der Knabe schmiegte sich gerührt an seinen Vater – und ein armer pohlnischer Jude, der mitfuhr, hub in hebräischer Sprache den Psalm an herzusagen. ‘Wenn die Hülfe aus Zion kommen wird, dann werden wir seyn wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens seyn. Da wird man sagen unter den Haiden: Der Herr hat Großes an ihnen gethan; Der Herr hat Großes an uns gethan; des sind wir frölich. Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest. Die mit Thränen säen, werden mit Freuden erndten. Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Saamen, und kommen mit Freuden, und bringen ihre Garben.’ Der Jude dachte nicht daran, ob ihn jemand verstand, oder nicht, da er den Psalm hersagte, und alles war aufmerksam und still im sympathetischen Mitgefühl der Menschheit, die sich sehnet, dem Druck entnommen zu seyn, der auf ihr liegt, und in ihrer angestammten Größe wieder zu schimmern.”
Nummern 112–115, Seite 5

“Goethe an Friedrich Johann Bertuch, … am 12. Januar, ‘Was ich von einem niederträchtigen Menschen, wie der Verfasser Ihrer Theaterrecensionen ist, in einem solchen Falle zu erwarten hatte, schwebte mir vor, als ich Sie neulich freundschaftlich um künftige Mittheilung solcher Aufsätze ersuchte. Sie schicken ihn mir gegenwärtig halb gedruckt, und ich kann nur so viel sagen: daß wenn Sie nicht selbst geneigt sind, die Sache zu remediren, und den Aufsatz zu unterdrucken, ich sogleich an Durchl. den Herzog gehe und Alles auf die Spitze setze. Denn ich will entweder von dem Geschäft sogleich entbunden oder für die Zukunft vor solchen Infamien gesichert seyn. Mag der allezeit geschäftige Verzerrer der Künste doch in der Allgemeinen Zeitung, oder wo er will, aufgaukeln, in Weimar werde ich sie nicht mehr leiden, in den Fällen wo ich als öffentliche Person anzusehen bin. Ich erbitte mir vor vier Uhr Ihre Erklärung darüber; mit dem Schlage geht meine Vorstellung an Durchl. den Herzog ab.’”
Nummern 116–117, Seiten 45 und 46

“Aber was sie alle Tage edieren eines schönen vielleicht einmal auch zu lesen, auszubuchstabieren, was sie schwarz auf weiß vor sich haben, in den Büchern, auf den Seiten, in den Sätzen, in den Wörtern, zwar wohl noch immer ein Punkt auf dem Programm, aber ein wunder, dessen vergebliche Abarbeitung sie um den Verstand bringt.”
Nummern 120–122, Seite 84

“Der einsame Coyote, der die Überreste im Zwielicht durchstreift, und einen Schluck aus dem Wasserloch nimmt, trägt ein Halsband. Der Hund am Ende von Osterman’s Weekend ist angeleint und hat eine zugebundene Schnauze.”
Nummern 123–125, Seite 207

15. Januar 2009, 14.45 Uhr:

Wenn das Orakel spricht

von Jörn Schulz

Zwei fantasievolle Denker haben in diesen Tagen die Wirtschaftsesoterik um neue Thesen bereichert. Der eine ist Jürgen Elässer, der seine Analyse passend beim oraclesyndicate postet: „Die Krisenanalyse der meisten Linken ist falsch, da sie das imperialistische Moment sträflich unterschätzt: Die aktuell einsetzende Depression ist Ergebnis eines bewussten Angriffs des anglo-amerikanischen Finanzkapitals auf den Rest der Welt. Dabei kommen ‚finanzielle Massenvernichtungswaffen’ (Warren Buffet) zum Einsatz.“ Ja, so perfide ist die Heuschrecke, sie macht eigens bankrott, nur um anständigen Deutschen zu schaden. Da hilft nur eine „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“, denn „der Hauptstoß steht noch bevor!“ Sonst werden die anglo-amerikanischen Kriegstreiber womöglich noch ihre Länder mit echten Massenvernichtungswaffen bombardieren, um mit dem radioaktiven Fallout den deutschen Bio-Bauern das Geschäft zu verderben. Bei diesen Leuten kann man ja nie wissen.

Doch der wahre Täter hat nun endlich gestanden: Ussama bin Laden war’s! Na ja, nicht ganz allein, doch der „Jihad ist eine der Hauptursachen dieser zerstörerischen Ergebnisse für unsere Feinde“, brüstet sich bin Laden in seinen jüngsten Ausführungen. Was den Niedergang der Weltmacht USA betrifft, beruft sich bin Laden übrigens auf eine bedeutende Autorität, “den deutschen Finanzminister", der das auch so sieht.

Die einen handeln mit Finanzderivaten, die anderen mit Irrsinnsderivaten, dem fiktiven Kapital der Verschwörungstheoretiker und Größenwahnsinnigen. Und es ist zu befürchten: Der Hauptstoß steht noch bevor!

15. Januar 2009, 08.33 Uhr:

U.N. (2)

von Stefan Ripplinger

“Ich weiß wohl, es ist kaum zu glauben, aber in dem zugleich fast schmerzhaften und doch zuversichtlichen Gefühl, nichts zu versäumen, lese ich auch die Bücher von Peter Handke nicht.”
Uwe Nettelbeck, Die Republik, Nummern 1–4, Seite 63

Frieda Grafe: “Gertrude walzt die Sätze aus. So platt wie möglich. Wörter ohne Relief und Konturen sind ihr die liebsten und am allerliebsten überhaupt, weil es die Zeit ausschaltet und Geschichte, Verlaufsformen, Partizipien im Präsens. Aus denen man alles machen kann durch Stellung.”
Nummern 18–26, Seite 180

“Dora Strauch. Eines Morgens, ich hatte gerade die Wäsche aufgehängt, und Friedrich schliff die Machete, hörten wir plötzlich aus unmittelbarer Nähe die Takte des Liedes ‚Das Wandern ist des Müllers Lust’. Wir sahen uns starr vor Erstaunen an. Es klang wie ein Lied aus einer anderen Welt.”
Nummern 41–47, Seite 411

Gustave Flaubert: “Sie haben 1500 Bände gelesen, um EINEN zu schreiben. Das macht nichts! Von dem Moment an, in dem Sie zu schreiben wissen, sind Sie nicht ernst und Ihre Freunde behandeln Sie wie einen dummen Jungen.”
Nummern 48–54, Seite 463

“Hans Rosenthal: ‘Ja, wunderbar. Also jetzt geht es los. Vierzig Sekunden Zeit, langer Satz, Sie kennen das, das erste Wörtchen soll heute sein am. Sie beginnen. Dalli dalli!’ Franz Lambert: ‘Am Sonntag – – –’ Roland Kaiser: ‘Am Sonntag ging – – –’ Franz Lambert: ‘Am Sonntag ging Hänschen – – –’ Roland Kaiser: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein – – –’ Franz Lambert: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein, äh, in die weite – – –’ Roland Kaiser: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt – – –’ Franz Lambert: ‘Am Sonntag, am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt hinein – – –’ Roland Kaiser: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt hinein, Stock – – –’ Franz Lambert: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt hinein, Stock und – – –’ Roland Kaiser: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt hinein, Stock und Hut – – –’ Franz Lambert: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt hinein, Stock und Hut standen – – –’ Roland Kaiser: ‘Am Sonntag ging, äh, Hänschen klein in die weite Welt hinein, Stock und Hut standen ihm gut – – –’ Franz Lambert: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt hinein, Stock und Hut standen ihm gut, aber – – –’ Roland Kaiser: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt hinein, Stock und Hut standen ihm gut, aber wohlgemut – – –’ Franz Lambert: ‘Am Sonntag ging Hänschen klein in die weite Welt hinein – – –’ Hans Rosenthal: ‘Ja, gut, das geht ja schön, Sie sind der Meinung, das war – – –’ Publikum: ‘Spitze!’ Mady Riehl: ‘Wir geben alle, fünfzehn.’”
Nummern 55–60, Seiten 384 und 385

“Seite an Seite auf einer der ‘Zeit’ nahmen ‘Abschied von Uwe Johnson’ Heinrich Böll: ‘Seine Größe war – – – Spätere Zeiten erst werden seine Größe wahrnehmen – – – Unsere Fahnen, die wir nicht zeigen, wehen auf Halbmast’, Günter Grass: ‘Die Nachricht vom Tode Uwe Johnsons’, die überraschend kam und im letzten Moment, nämlich an einem Montag und damit so knapp vor Redaktionsschluß, daß in der Eile kam, was kommen mußte, ‘zwingt mir den Titel seines ersten Romans auf: ‘Mutmaßungen über Jakob’. Ich kann über ihn nur mutmaßen.’ Ende der Fahnenstange.”
Nummern 68–71, Seite 165

Maurice Maeterlinck: “Man möchte wirklich meinen, die Ideen kämen den Blumen auf die gleiche Weise wie uns. Sie tasten in derselben Nacht, begegnen den gleichen Hindernissen, dem gleichen bösen Willen in dem gleichen Unbekannten. Sie kennen dieselben Gesetze, dieselben Enttäuschungen, dieselben langwierigen und mühsamen Siege. Sie haben anscheinend unsre Geduld, unsre Beharrlichkeit, unsre Eigenliebe, den gleichen abgestuften, mannigfachen Verstand, ja fast dieselben Hoffnungen und dasselbe Ideal. Sie kämpfen gleich uns gegen eine große gleichgültige Macht, die sie schließlich doch unterstützt.”
Nummern 76–78, Seite 144

“Innen an der Seitenblende seines Schreibtischs war das Motto befestigt: ‘Keep true to the Dreams of thy Youth.’”
Nummern 82–88, Seite 184

14. Januar 2009, 11.10 Uhr:

U.N.

von Stefan Ripplinger

“Die Ausstrahlung der Sendung ‘Aktenzeichen XY ungelöst’ soll den Tatbestand verdunkeln, daß der Rest des Programms aus der Einblendung ‘Die Kriminalpolizei bittet um Ihre Mitarbeit’ besteht.”
Uwe Nettelbeck, Die Republik, Nummern 1-4, Seite 240

“Friedrich von Gentz; sonst noch hervorgetreten als rechte Hand Metternichs und Redakteur der Karlsbader Beschlüsse. Einer aus der Ahnengalerie des deutschen Journalismus.”
Nummern 16-17, Seite 3

“Der oberste Terroristenfahnder der Bundesrepublik verlegte seine Wohnung in die 36 Millionen Mark teure Zwingburg auf dem Geisberg und nächtigt seit geraumer Zeit im Amt, nicht nur aus Sicherheitsgründen: das Basteln an immer neuen Fahndungsprogrammen ist ihm zum Lebensinhalt geworden, sein Privatleben zwischen Fahndungsrastern und Krisensitzungen längst abhanden gekommen, seine Ehe zerbrochen.”
Nummer 27, Seite 8

Franz Jung: “Was mich betrifft, so habe ich meine Isolierung in der Gesellschaft provoziert, während noch die gleiche Gesellschaft, in dem entsprechenden Abbild meiner engeren Umgebung damit beschäftigt war, mich aufzunehmen und an einem Platz, der mir vielleicht zugesagt hätte, einzuordnen.”
Nummern 34-40, Seite 338

“Bouvard und Pécuchet sitzen an ihrem Doppelschreibtisch, beugen die Köpfe und schreiben ab.”
Nummern 48-54, Seite 468

August Strindberg: “Daß die Sonne ein Photograph ist, ist entschieden. … Denke an den Rücken der Makrele, wo die seegrünen Wellen auf Silber photographiert sind.”
Nummern 61-67, Seite 371

Frieda Grafe: “Das Zwanzigste Jahrhundert ist ein Expreß zwischen Chicago und New York in einer Komödie von Hawks von 1934.”
Nummern 72-75, Seite 74

“… deswegen hier die fast schon verspielte Möglichkeit, noch etwas im Ernst zu sagen, die des Auszugs aus der alten Welt, die Möglichkeit der Verjüngung, die Möglichkeit, das zu tun, was der Leviathan sich verbietet, dem Delphin aber freisteht.”
Nummern 86-88, Seite 160

“In der live zugeschalteten Wohnung der Gewinnerin eines roten Mercedes 200: ‘Was ist das, was Sie da haben, ein Kakadu? na, wie heißt er denn, ist ja aber auch wurscht.’”
Nummern 92-93, Seite 15

“Es ist nicht der Unsinn, den sie veranstalten, so zermürbend, und so zu beklagen, sondern tatsächlich ihr sechster, der es sie so haargenau verstehen läßt, worauf es ankommt, wo es ihnen darauf ankommt, ein gegen sie gerichtetes Sprechen und Schweigen abzuwehren, kleinzumachen, was sich von ihnen abwendet, was sie beschämen müßte nicht wahrzunehmen, zu leugnen, was über ihnen seiner Wege geht und seine Bahnen zieht, und von dem doch ein Schatten auf sie fällt, in dem es sie fröstelt, selbst dort noch zuzuschlagen, und das Berührte auf ihr Mittelmaß, ihren kläglichen Nenner zu bringen, wo es die Unschuld selber ist, die fern von ihnen, in einem andern Jahrhundert, und an einem Gestade jenseits ihres Horizontes, jenen ‘Hauch des Lebendigen’ verkörpert, den er an ihm vernahm, im Zischen der Schildkröte, und gesehen und gehört hat in der Angst der an es verschlagenen, an den Menschen so schicksalhaft, zu ihrem Glück oder Unglück gefesselten schönen Geschöpfe, von denen er spricht, wie sie es nicht können, nie gekonnt haben und nie können werden.”
Nummer 109, Seiten 62 und 63

“Das Buch will nicht übersetzt, aber von einem Leser, der es liest wie dieser Übersetzer, auch nicht gelesen werden.”
Nummer 111, Seite 53

“Der Comte und die Damen kehren in bester Laune von ihren Eskapaden zurück.”
Nummern 118-119, Seite 120

“Tomorrow be the song you sing, / Yesterday won’t mean a thing.”
Nummern 123-125, Seite 108

12. Januar 2009, 16.12 Uhr:

Bodycount

von Ivo Bozic

Innerhalb nur weniger Tage kamen im Sommer 2008 beim Krieg um die von Georgien abtrünnige Provinz Südossetien nach offiziellen Angaben 1.771 Menschen ums Leben. Keinesfalls will ich mit dieser Zahl die Zahl der bald annähernd 1.000 Tote im nun über zwei Wochen andauernden Gaza-Krieg relativieren. Aber ein anderer Bodycount liegt in diesem Zusammenhang auf der Hand: Wenn ich mir die Zahl der antiisraelischen Demos und ihrer Teilnehmer weltweit in den vergangenen Tagen anschaue, und dann versuche, mich an auch nur eine einzige Demo zum Krieg in Georgien zu erinnern, dann scheint es mir doch recht offensichtlich, dass es nicht gerade die Empörung über die zivilen Opfer ist, die die Menschen so zahlreich gegen Israel auf die Straße treibt…

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …