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Kürzliche Beiträge
2. Januar 2009, 09.51 Uhr:

Defafilme

von Stefan Ripplinger

Ob die Filme der Defa im Allgemeinen es wert waren, angeschaut zu werden, weiß ich nicht, zu wenige von ihnen gesehen; die wenigen, die ich gesehen habe, mochte ich, ihrer Nüchternheit wegen, ganz gerne. Aber ich empfehle doch, das Urteil Volker Schlöndorffs, die Defafilme seien fast alle furchtbar, in seinen ursprünglichen Zusammenhang, nämlich die Märkische Allgemeine, zurückzubetten, und es im Zusammenhang mit Schlöndorffs backsteinrotem Haus am Griebnitzsee oder Max Frischs Jaguar zu lesen, den dieser Schlöndorff mit den Worten geschenkt hat, „dort, wo ich hingehe, braucht man keine Autos mehr“, weshalb der Beschenkte in der Achtung von Hotelportiers gestiegen ist und selbst bei ausgebuchtem Haus nicht mehr im Freien schlafen muss, dessen Verdikt also nicht aus seiner notwendigen Verbindung, ja Verklammerung damit zu lösen, dass Dieter Moor samt Fernsehteam für die Sendung „Bauer sucht Kultur“ mit dem offenherzigen Oscargewinner reden will, der ein sonnengelbes Sofa besitzt, jeden Morgen zehn Kilometer joggt, dabei mitunter einen Trainingsanzug mit der Aufschrift „Latin Lover Crew“ trägt und kürzlich den Pariser Marathon in vier Stunden, 22 Minuten bewältigt hat, obwohl er schon 69 ist, und vor allem nicht zu übersehen, dass Schlöndorff nicht etwa die Defa abgewickelt, sondern die Grundlage für die heutigen Erfolge in Babelsberg gelegt hat, Quentin Tarantino sein Schüler war und vermutlich noch ist, er selbst eine Biographie unter dem Titel „Licht, Schatten und Bewegung“ geschrieben hat, sonst gewöhnlich an Kunstfilmen arbeitete, aber mit „Die Päpstin“ fast zu Alexandre Dumas dem Älteren geworden wäre, übrigens der Meinung ist, dass Selbstinszenierung in der Kinobranche generell nie geschadet hat, und nun mit Moor im Jaguar eine Runde dreht, wobei der Auspuff qualmt.

30. Dezember 2008, 22.26 Uhr:

Eine Falle für zwei

von Ivo Bozic

Hosni Mubarak hat es nicht einfach. Die arabische Straße bezeichnet ihn als Verräter, denn seine Kritik an der israelischen Militäroffensive in Gaza ist halbherzig, in der „Jungen Welt“, dem deutschen Zentralorgan der Hamas, wird gar „Mubaraks Dolchstoß“ gegeißelt. Gut, letzteres wird ihn nicht besonders erschüttern, aber, es ist unverkennbar, der Druck auf Ägypten wird tatsächlich größer, die Grenze zu Gaza zu öffnen.

Und da spricht der Herr Mubarak plötzlich so deutliche Worte, dass man zuerst meint, sich verhört zu haben. Aber nein, so hat er es wohl gesagt: „Wenn Ägypten in der jetzigen Situation die Grenze zu dem von der radikal-islamischen Hamas kontrollierten Gebiet öffne, könne Israel versuchen, den Gazastreifen vom Westjordanland ‚’abzutrennen’’. Zudem könne die israelische Führung die Verantwortung für das Gebiet Ägypten zuschieben, begründete Mubarak seine Position: ‚’Ägypten wird nicht in die israelische Falle tappen.’’ (SWR)

Ägypten, sagt Mubarak, will auf gar keinen Fall die Verantwortung für Gaza, für das wilde Hamastan, übernehmen. Den Ärger mit diesen Palästinensern sollen mal bitteschön die Israelis austragen. Dabei gehört der Gaza-Streifen historisch gesehen am ehesten den Ägyptern. Denn nicht palästinensisches Land besetzte Israel einst, sondern ägyptisches und jordanisches. Was Mubarak als die „israelische Falle“ bezeichnet, ist seine Befürchtung, dass Ägypten sich nicht auf Dauer seiner Verantwortung wird entziehen können.
Und Mubarak lenkt den Blick dabei auch noch auf die vielleicht einzige greifbare Lösung des Nahost-Konflikts: Die Aufteilung der beiden palästinensischen Gebiete, Westbank und Gaza. Wenn die so genannte Weltgemeinschaft, oder sagen wir, wenn z.B. Europa jetzt etwas Gutes tun möchte, dann sollte es Schiffe nach Gaza schicken und allen Bewohnern dort anbieten, sie - bei Abschwörung des Terrorismus - in einem EU-Land aufzunehmen und jedem einzelnen eine Eigentumswohnung, einen Fernseher und ein schickes Auto zu schenken. Das wird teuer? Ein Klacks gegenüber dem Geld, das heutzutage Jahr für Jahr in den palästinensischen Gebieten verschwindet!
In Gaza könnte die Hamas dann entmachtet werden, ohne dass sie sich hinter einem Schutzschild aus Zivilisten verkriechen kann, und der Gazastreifen anschließend unter ägyptischer Kontrolle wieder aufgepäppelt werden. Sollte sich dann eine moderate, demokratische palästinensische Autonomieregierung bilden, könnte eine Vereinigung mit der Westbank angedacht werden - aber womöglich hätte Ägypten dann plötzlich gar kein Interesse mehr daran, den Gaza-Streifen wieder herzugeben. Wer weiß?

Zugegeben, das sind verrückte Planspielereien, die mit der Realität nichts zu tun haben. Die Frage aber ist: Warum ist das eigentlich so? Die Antwort auf diese Frage ist auch die Antwort auf viele andere Fragen.

Siehe dazu auch Tobias Kaufmann

30. Dezember 2008, 09.48 Uhr:

Schnee

von Stefan Ripplinger

Der Gedanke, das hätte nun alles sein müssen, damit ein Künstler sein Guernica dazu machen kann, ist zu neronisch, aber die DDR jedenfalls, das steht für mich fest, musste sein, damit Rainer Kirsch „Kopien nach Originalen“ schreiben konnte, etwas anderes von ihm nie gelesen, aber dieses immer wieder. Woanders hätte es nicht entstanden sein können.

Es möchte sein, man leitet günstig mit Schnee ein, das Schwarz verwitterter Zäune, Kristalle, Glitzern, demnach auch Sonne, wenn die Einfallschräge günstiger ist, auf dem Weg der Schnee festgetreten, weiß, obgleich die Turmuhr ¾ 8 schlägt, seit spätestens 6 nennenswerter Neuschnee nicht fiel, der Unterricht um 7 beginnt, zahlreiche nicht ins Internat quartierte, weil in der Umgegend ansässige Schüler diesen Weg als einzigen Zugang zu benutzen gezwungen sind, bis zum Platz vor dem Klostergebäude etwa 50 Meter. Breite 3,20, am Anfang, oder Eingang (hier) von 2 Zäunen begrenzt, die Lattentür, offen, zum rechten fast parallel, vermutlich nicht anders als ich vor 15 Jahren hier einfuhr, vor 14 am 5. März mit einem Luftgewehr auf Wacht zog. Mehrere Schritte gradaus, links, die Glocke, in einem Balkengestell, geschützt vor Unbilden der Witterung und entehrender Beschmutzung durch darüberfliegende Vögel von einem spitzgiebligen Dach: Holz, Teerpappe, darauf, ebenfalls Schnee, darüber, gleichfalls, Sonne, ein Januartag, wie wir ihn brauchen, erst kürzlich hörte ich, manche schreiben immer über den Winter, dabei meinen sie ganz etwas anderes.

(Rainer Kirsch, „Ansicht Roßleben/Unstrut“ (1967),
Kopien nach Originalen. 3 Porträts & 1 Reportage. Leipzig: Reclam 1974, S. 92)

26. Dezember 2008, 13.03 Uhr:

Der junge Valéry

von Stefan Ripplinger

Beim Aufräumen fällt mir der Zettel in die Hände, auf dem ich den Anfang des „Eureka“-Aufsatzes von Paul Valéry übersetzt habe. Für meinen eigenen kleinen Hinweis auf dieses Buch von Poe konnte ich den Zettel dann doch nicht verwenden.

Ich war zwanzig und ich glaubte an die Kraft des Denkens. Ich litt seltsamerweise daran zu sein und nicht zu sein. Manchmal spürte ich unendliche Kräfte. Sie versagten vor den Problemen, und meine tatsächliche Schwäche verzweifelte mich. Ich war düster, lässig, locker in der Erscheinung, im Grunde hart, extrem im Ekel, absolut in der Bewunderung, leicht zu beeindrucken, unmöglich zu überzeugen. Ich vertraute auf einige Gedanken, die mir gekommen waren. Dass sie mit mir, der sie ausgebrütet hat, so gut übereinstimmten, hielt ich für ein sicheres Anzeichen ihres allgemeinen Wertes. Was so deutlich vor meinem inneren Auge erschien, musste einfach unüberwindlich sein. Was der Wunsch hervorbringt, ist immer das Klarste an ihm.

(Paul Valéry, „Au sujet d’
Eurêka. À Lucien Fabre“ (1921), in: Ders., Œuvres. Hg. v. Jean Hytier. Bd. 1, Paris: Gallimard 1992, S. 854–867, hier S. 854f.)

Ein seltsamer Anfang, Valéry setzt zu einer Art autobiographischen Skizze oder rigorosen Selbstanalyse an, zeichnet sich als Opfer seiner Wünsche, seines präpotenten Größenwahns. Ego Gladiator. Es ist ein Größenwahn, der ihn bis ins hohe Alter begleitet hat und die eigentliche Energiequelle seines Schreibens zu sein scheint. Aber die Analyse verharrt bei dem Zwanzigjährigen, der Poe las, und geht bald zu den astronomischen Gegenständen von dessen Buch über. Das Persönliche verliert sich gewissermaßen im Universum.* Nachdem er sich selbst, dem Einzigen, zugewandt hat, überlässt er sich dem All. Das ist typisch für ihn und unterscheidet seine Eitelkeit** von der der vielen. Valéry bleibt trotz seiner hochfahrenden Art immer hart gegen sich selbst, und das macht ihn lesenswert. Es gelingt ihm nicht mehr, sich umzuerziehen, aus dem jungen Geck wird der alte Geck, aber er weiß das selbst lange vor seinem Leser, ja er weiß es zu nutzen.

* „L’univers était un Tout, et avait un centre. Il n’y a plus ni Tout ni centre.
Mais on parle toujours d’Univers.“ („Mauvaises pensées et autres“ (1942), in Œuvres, a.a.O., Bd. 2, S. 790)
** Z.B. wäre der berühmte Satz M. Testes, des Kopfmenschen, „La bêtise n’est pas mon fort“ (Die Dummheit ist nicht meine Stärke) als Koketterie eine wirkliche Dummheit. Es lässt sich vorstellen, dass Valéry erst so kokettierte und dann die doppelte Wahrheit dieser Koketterie eingesehen hat: Nicht dumm sein zu können, wäre eine Schwäche. Nur wer sich nicht für dumm hält, ist hoffnungslos dumm. (Cf. Georges Perros)

19. Dezember 2008, 17.03 Uhr:

Die Basis des Make-Up

von Stefan Ripplinger

Wörter, schreibt Karl Philipp Moritz, können das Schöne nicht beschreiben, es sei denn, sie sind selbst schön. Damit wären ungefähr 95 Prozent der kunstkritischen Produktion hinfällig. Die Kunstgeschichte immerhin kann sich mit Niklas Luhmann aus der Affäre ziehen: Das System unterhält mit der Umwelt keine direkten Verbindungen. Auch wenn es vorgibt, etwas anderes zu beschreiben, beschreibt es nur sich selbst. Auf die akademische Kunstgeschichte bezogen, heißt das, dass sie nicht die Kunst oder die Kunstbetrachter zu bereichern hat, sondern nur sich selbst reproduzieren muss.

Dass es möglich ist, mit Wörtern Kunst zu erhellen, zeigen indes die Künstler. Ein schönes neueres Beispiel sind die Marginalien, die Heinz Emigholz seiner Zeichnungsserie „Die Basis des Make-Up“ beifügt. Sie liefern wohl einige interessante Information, aber es sind weder Beschreibungen noch Selbstinterpretationen und auch keine für sich stehenden Texte. Sie ergänzen, sie erweitern, sie öffnen die Bilder. Jeden Abend kommen hier weitere Kommentartexte hinzu, übrigens fortlaufend auch im Programmheft des Berliner Kinos Arsenal.

16. Dezember 2008, 17.44 Uhr:

Listen Jungle

von Ivo Bozic

Den Beitrag von Alex Feuerherdt aus der aktuellen Ausgabe über die Ausstellung “Flagge zeigen?” in Bonn, kann, wer nicht lesen mag, auch hören. Hier bei Radio Corax.

15. Dezember 2008, 14.14 Uhr:

Dantes Inferno - Jetzt erst recht

von Maik Söhler

Aus einer Presseerlärung von Electronic Arts:

“Electronic Arts wird Spielern eine Reise in den Abgrund bereiten. Basierend auf dem mittelalterlichen epischen Gedicht Die Göttliche Komödie von Dante Alighieri entsteht derzeit das Third-Person-Action Adventure Dantes Inferno. Das düstere Gedicht gilt heute als das Werk, das die heutige Vorstellung der gesamten westlichen Welt von Hölle und Fegefeuer bestimmt hat. Der erste Teil der Göttlichen Komödie Dantes Inferno erzählt die Reise Dantes durch die trichterförmigen, gnadenlosen neun Zirkel der Hölle auf der Suche nach seiner Geliebten Beatrice. (…)

‘Die Zeit ist reif, dieses literarische Meisterwerk für die Welt der interaktiven Unterhaltung zu adaptieren und Dante wieder einem Publikum vorzustellen, das die bemerkenswerten Details dieses Werks bislang nicht kannte’, so Jonathan Knight, Executive Producer von Dantes Inferno. ‘Es ist der perfekte Hintergrund, um großartiges Gameplay und eine atemberaubende Story zu kombinieren.’”

Die Webseite zum Spiel. Werde das Spiel auf jeden Fall bestellen. Falls jemand mitspielen mag, bitte hier kurz Bescheid sagen - und warten.

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