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Kürzliche Beiträge
27. September 2008, 08.46 Uhr:

Engagiert

von Stefan Ripplinger

Je schlechter politische Kunst ist, umso genauere Aussagen macht sie über den Zustand von Kultur, Künstler, Kritik. Hans Haackes deutsche Erdproben im Reichstag, allein die Idee schon, nicht erst die Diskussion, oder die faulen „Versprechungen“ von Jochen Gerz sprechen Bände. Und so auch Gunter Demnigs ins Trottoir eingelassene, ausgerechnet von der Alfred-Toepfer-Stiftung preisgekrönte, ausgerechnet goldene „Stolpersteine“, die an Opfer der Nazis erinnern sollen. Über einen dieser Steine waren wir kürzlich gebeugt, er zeigt an, dass eine junge Frau aus diesem Haus in dieser Neuköllner Straße verschleppt und drei Tage später im KZ ermordet worden ist. Durch uns wurden zwei arabisch aussehende Jugendliche auf den Stein aufmerksam, und als wir weiterspaziert waren, sahen wir gerade noch, wie einer der beiden auf ihn spuckte. Egal, wie schlecht diese Kunst ist, sie erinnert uns doch immer daran, wo wir leben, wer wir sind. Vermutlich je schlechter, umso mehr.

24. September 2008, 18.17 Uhr:

Don't worry, be happy!

von Ivo Bozic

Wenn in der Jungle World mal jemand schlechte Laune hat, oder einen hartnäckigen Kater, wenn mal wieder das Wetter mies, die Heizung oder der Fahrstuhl ausgefallen ist, dann, ja dann startet ein fürsorglicher Kollege immer folgendes Video, wir versammeln uns vor seinem Rechner und alle machen mit. Danach ist alles wieder gut. Es funktioniert! Probieren Sie es aus, Sie werden sehen! Und jetzt alle:

Update: Erst jetzt sah ich, dass es zahlreiche Parodien und Remixe auf Youtube gibt, lohnt sich, da mal rumzusurfen. U.a. das hier ist ganz schön.

23. September 2008, 18.02 Uhr:

Spiel mir das Lied vom Finanzderivat

von Jörn Schulz

Zur Finanzkrise werden Sie am Donnerstag in unserer Zeitung einiges lesen können, einschließlich wertvoller Anlagetipps, die sie wohl nicht reicher, aber vielleicht glücklicher machen. Einen Rat will ich aber schon heute geben: Allerorten ist nun die Rede davon, dass Häme und Schadenfreude unangebracht seien. Lassen Sie sich davon nicht beirren. Seien Sie hämisch, schadenfroh und erfreuen Sie sich an dem ergötzlichen Schauspiel, das die Bourgeoisie und ihre wirtschaftsliberalen Prediger Ihnen derzeit bieten. Natürlich ist es ein bisschen schade um das viele Geld, dass diese Leute verplempert haben, aber davon hätten Sie eh nie einen Cent gesehen. Nun müssen sie auf einmal Verstaatlichungen rechtfertigen und staatliche Reglements fordern, das ist in etwa so, als würde der Papst Kondome verteilen.

Recht amüsant ist auch das Bemühen, nachzuweisen, dass der Kapitalismus trotz allem eine feine Sache ist. „Mit dem Investment-Boom ist es wie mit jedem Exzess im Kapitalismus: Das Nützliche bleibt“, schreibt Nikolaus Piper in der Süddeutschen Zeitung. „Als die Räuberbarone im 19. Jahrhundert ihre Eisenbahnkriege austrugen, wurden unzählige Anleger um ihr Geld gebracht, aber die Vereinigten Staaten bekamen ein effizientes Schienennetz. In der jetzigen Krise wurden Milliardenvermögen vernichtet, aber es bleiben wichtige Innovationen, vor allem neue Techniken der Verbriefung von Krediten und Finanzderivate, die, wenn sie in einem richtig regulierten Markt gehandelt werden, Gutes bewirken können.“

Das ist in etwa so, als würde man Brandstiftung als Mittel zur Senkung der Heizkosten empfehlen, auch wird nicht recht klar, welche Rolle nun der Exzess bei der Innovation spielt. Schließlich kamen die meisten Staaten auf recht unspektakuläre Weise zu einem effizienten Schienennetz. Zugegeben, in der Schweiz oder in Schweden hätte man nie einen Film wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ drehen können. Die Fähigkeit, Stoff zu unserer Unterhaltung zu liefern, muss der Bourgeoisie zuerkannt werden. Allerdings lässt sie nach. 1929 stürzten sich Banker noch von den Hochhäusern, manche mit aufgesetztem Zylinder. Das waren existenzielle Dramen. Mittlerweile liefern die Kapitalisten nur noch Stoff für Komödien. Auch die Innovationen vermögen nicht mehr zu beeindrucken. Der Börsencrash brachte uns im 19. Jahrhundert die Eisenbahn, im 21. Jahrhundert bringt er uns das Finanzderivat.

22. September 2008, 19.21 Uhr:

Klimakatastrophe

von Ivo Bozic

21. September 2008, 09.08 Uhr:

Banal, nicht banal

von Stefan Ripplinger

Die europäischen Künstler richten etwas her, die US-amerikanischen lassen alles, wie es ist. Wenn sich aber ein europäischer Fotograf, sagen wir mal Wolfgang Tillmans, gewissermaßen gegen seine Tradition, dazu entschließt, etwas Banales abzubilden, wird das Bild … banal. Der amerikanische Fotograf fotografiert das Banale, ändert es nicht im Mindesten, es sei denn durch einen Winkel, eine Tönung, einen Dreh, und es gerät zu einem Faszinosum. Es fasziniert und bleibt zugleich schlicht das, was es ist. Nur der Blick ändert sich. William Eggleston zeigt einen Haufen stinkender Müllsäcke, aber auf seinem Foto sind sie einfach schön. (Und vielleicht waren sie es schon immer, aber er ist der erste, der darauf verfiel, Müllsäcke zu fotografieren. Wer Eggleston kennt, verändert sein Verhältnis zu Müllsäcken.) So richten die Alltagsmystiker des New American Cinema ihre Gegenstände nicht her (es fehlte ihnen auch das Geld dazu), sie lassen nicht spielen, sie haben kein Extralicht, kein Studio, keine Kostüme, kein Set, sie haben nur die Stadt oder den Wald hinterm Haus. Ihr Stoff ist alles, was zufällig da ist. Aber die Züge und Zäune bei Bruce Baillie, der Central Park bei Jonas Mekas erscheinen zugleich wie verwandelt und doch genau als das, was sie sind. Sogar der größte Visionär des US-Kinos, Stan Brakhage, konnte mit einigem Recht behaupten, er sei doch bloß ein Dokumentarist.

15. September 2008, 13.06 Uhr:

Der Helmut-Schmidt-Skandal

von Ivo Bozic

Der ewige Kanzler soll Lafontaine mit Hitler verglichen haben. Ja, kann man so verstehen. Und alle regen sich drüber auf. Vor allem aber hat Helmut Schmidt Obama mit Hitler verglichen – und überhaupt niemand regt sich drüber auf. Das ist der Skandal!
Hier das Originalzitat von Helmut Schmidt in der BamS: „Aber wir sehen jetzt in Amerika, wie ein junger Mann, Barack Obama, allein mit Charisma zu einer nationalen Figur wird. Dabei darf man nicht vergessen, dass Charisma für sich genommen noch keinen guten Politiker ausmacht. Auch Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.“

11. September 2008, 01.38 Uhr:

Roger Martin Du Gard

von Diedrich Diederichsen

Letzte Woche war der 50ste Todestag von Roger Martin Du Gard. Ein weitgehend vergessener Nobelpreisträger für Literatur. Fast noch pünktlich zu diesem Datum habe ich sein 2000 Seiten Hauptwerk zu Ende gelesen, eine Sequenz von Romanen über die Familie Thibault. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sperrt der alte Patriarch, der reaktionär katholische Witwer Thibault, eine Stütze der Gesellschaft, sogenannter Philanthrop, Chauvinist und Sittenwächter seinen rebellischen, poetischen Sohn Jacques in eine Besserungsanstalt, die er selbst gestiftet hat. 2000 Seiten und knapp 20 Jahre später stirbt der letzte Überlebende der Dynastie, Jacques’ älterer Bruder Antoine, Arzt und Pragmatiker an den Folgen eines deutschen Giftgasangriff, die er in einem Tagebuch detailliert diagnostiziert, dabei immer deutlicher das unausweichliche, elende Ende vor Augen. Zwischen diesen Situationen probiert Martin Du Gard einen bunten Strauß literarischer Mittel aus, wie sie die Moderne um ihn herum entwickelt hat. Die anderen waren zwar viel besessener von der Richtigkeit einer Methode, Martin Du Gard springt dagegen von Roman zu Roman vom allwissenden Erzähler zum inneren Traum, von Dialogen zu Briefen und zurück zum Tagebuch, das sein armer, sterbender Antoine – Mann ohne Eigenschaften, Homo Faber etc. - schließlich in eine Mischung aus medizinischer Selbstbeobachtung und Klage über nicht gehabte Meinungen und Weltanschauungen hineinbohrt.
Circa eineinhalb Romane davor tobt dagegen der linksradikale Positionenkampf in einer Dichte und Debattenfreudigkeit, wie ich es in literarischen Schilderungen der Zeit vor 1914 noch nie erlebt habe. Viele reale Player europäischer sozialistischer Bewegungen tauchen als Figuren auf, ein aus dem Schweizer Exil in die europäischen Zentren (Paris, Berlin, Wien, Brüssel) versprengter Kreis von Radikalen, politisierten Künstlern, Poeten und Handwerkern versucht zu retten, was natürlich nicht mehr zu retten ist. Jacques ist zum radikalen Pazifisten geworden, der die sozialistischen Parteien Europas vor dem Ausbruch des Krieges noch verzweifelt und schließlich selbstmörderisch zu einem Euro-Generalstreik zwingen will. Sein minimal 400 Seiten lang absehbares, sich zuspitzendes Scheitern wird zu einem immer unerträglicher anschwellenden Unheils-KREISCH-Geräusch, während um ihn herum Jaurés ermordet wird, Paris platzt und die sittenstrenge Jenny, Tochter einer esoterischen Hyperprotestantin und eines hyperhedonistischen Bankrotteurs und liebenswerten Luderjahn, die er schon seit einigen Romanen, sich seiner Gefühle natürlich bockig unklar, anhimmelt, sich endlich in die atemlose Liebe und die revolutionäre Unruhe stürzt. Am Ende stürzen alle und obwohl – ACHTUNG SPOILER! – ein Nachkomme überlebt, dem der sterbende Onkel noch ein paar Lebensweisheiten mit auf den Weg geben kann, ist hier 1918 alles zu Ende. Absurd, danach mit irgendwas – Kunst, Literatur, Liebe, Politik – noch einmal anfangen zu wollen. Als ganz leise Stimme der Vernunft hat Amerika mit Präsident Woodrow Wilson und der Völkerbund-Idee einen über den Horizont huschenden Auftritt.
Man versteht durch diesen Roman ganz gut, warum vielen Avantgardisten der Nachkriegszeit alles so elendsegal war, warum Gründungsheilige der Surrealisten wie Jachques Vaché eben nicht aus lauter Lebenslust und unprofessionellen Überschwang eingingen wie die Befreiungstoten der 60er und die Intensitätsopfer der US-Gegenkulturen, sondern auch an der fetten Fadheit einer Welt, die danach allen Ernstes weitermachen konnte. Die 20er, die immer als, zwar von Armut und Faschos bedrohte, aber doch hyperlebendige Elan-Dekade und Fortschrittsfeier beschrieben werden, kannten lange Monate, in denen die weitermachende Welt so wahnsinnig lächerlich wirkte; noch lächerlicher ihr nun ausgerechnet mit forcierten Albernheiten und Kabarett begegnen zu wollen (Dada). Alternativen dazu gab’s wohl auch nicht. Aber viele hielten dies nicht aus. Das steht allerdings nicht bei den Thibaults. Aber dass ihr Autor sein ganzes Personal dann doch recht rabiat – gegen frühere Pläne – ausradierte, zeigt, dass ihm bei der Niederschrift der letzten Bände während der 30er Jahre klar geworden sein muss, dass man die für ein Leben vor 1914 gebauten Leutchen nicht einfach hätte weiterleben lassen können. Das wäre dann doch ein anderes Buch geworden. Mir fällt gerade keines ein, übrigens, das erfolgreich über diese Zäsur hinweg erzählt hätte; anders als nach dem zweiten Weltkrieg – da glaubte man dann eh nicht mehr an die Kontinuität von Personen und ihren Projekten.

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