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Kürzliche Beiträge
15. September 2008, 13.06 Uhr:

Der Helmut-Schmidt-Skandal

von Ivo Bozic

Der ewige Kanzler soll Lafontaine mit Hitler verglichen haben. Ja, kann man so verstehen. Und alle regen sich drüber auf. Vor allem aber hat Helmut Schmidt Obama mit Hitler verglichen – und überhaupt niemand regt sich drüber auf. Das ist der Skandal!
Hier das Originalzitat von Helmut Schmidt in der BamS: „Aber wir sehen jetzt in Amerika, wie ein junger Mann, Barack Obama, allein mit Charisma zu einer nationalen Figur wird. Dabei darf man nicht vergessen, dass Charisma für sich genommen noch keinen guten Politiker ausmacht. Auch Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.“

11. September 2008, 01.38 Uhr:

Roger Martin Du Gard

von Diedrich Diederichsen

Letzte Woche war der 50ste Todestag von Roger Martin Du Gard. Ein weitgehend vergessener Nobelpreisträger für Literatur. Fast noch pünktlich zu diesem Datum habe ich sein 2000 Seiten Hauptwerk zu Ende gelesen, eine Sequenz von Romanen über die Familie Thibault. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sperrt der alte Patriarch, der reaktionär katholische Witwer Thibault, eine Stütze der Gesellschaft, sogenannter Philanthrop, Chauvinist und Sittenwächter seinen rebellischen, poetischen Sohn Jacques in eine Besserungsanstalt, die er selbst gestiftet hat. 2000 Seiten und knapp 20 Jahre später stirbt der letzte Überlebende der Dynastie, Jacques’ älterer Bruder Antoine, Arzt und Pragmatiker an den Folgen eines deutschen Giftgasangriff, die er in einem Tagebuch detailliert diagnostiziert, dabei immer deutlicher das unausweichliche, elende Ende vor Augen. Zwischen diesen Situationen probiert Martin Du Gard einen bunten Strauß literarischer Mittel aus, wie sie die Moderne um ihn herum entwickelt hat. Die anderen waren zwar viel besessener von der Richtigkeit einer Methode, Martin Du Gard springt dagegen von Roman zu Roman vom allwissenden Erzähler zum inneren Traum, von Dialogen zu Briefen und zurück zum Tagebuch, das sein armer, sterbender Antoine – Mann ohne Eigenschaften, Homo Faber etc. - schließlich in eine Mischung aus medizinischer Selbstbeobachtung und Klage über nicht gehabte Meinungen und Weltanschauungen hineinbohrt.
Circa eineinhalb Romane davor tobt dagegen der linksradikale Positionenkampf in einer Dichte und Debattenfreudigkeit, wie ich es in literarischen Schilderungen der Zeit vor 1914 noch nie erlebt habe. Viele reale Player europäischer sozialistischer Bewegungen tauchen als Figuren auf, ein aus dem Schweizer Exil in die europäischen Zentren (Paris, Berlin, Wien, Brüssel) versprengter Kreis von Radikalen, politisierten Künstlern, Poeten und Handwerkern versucht zu retten, was natürlich nicht mehr zu retten ist. Jacques ist zum radikalen Pazifisten geworden, der die sozialistischen Parteien Europas vor dem Ausbruch des Krieges noch verzweifelt und schließlich selbstmörderisch zu einem Euro-Generalstreik zwingen will. Sein minimal 400 Seiten lang absehbares, sich zuspitzendes Scheitern wird zu einem immer unerträglicher anschwellenden Unheils-KREISCH-Geräusch, während um ihn herum Jaurés ermordet wird, Paris platzt und die sittenstrenge Jenny, Tochter einer esoterischen Hyperprotestantin und eines hyperhedonistischen Bankrotteurs und liebenswerten Luderjahn, die er schon seit einigen Romanen, sich seiner Gefühle natürlich bockig unklar, anhimmelt, sich endlich in die atemlose Liebe und die revolutionäre Unruhe stürzt. Am Ende stürzen alle und obwohl – ACHTUNG SPOILER! – ein Nachkomme überlebt, dem der sterbende Onkel noch ein paar Lebensweisheiten mit auf den Weg geben kann, ist hier 1918 alles zu Ende. Absurd, danach mit irgendwas – Kunst, Literatur, Liebe, Politik – noch einmal anfangen zu wollen. Als ganz leise Stimme der Vernunft hat Amerika mit Präsident Woodrow Wilson und der Völkerbund-Idee einen über den Horizont huschenden Auftritt.
Man versteht durch diesen Roman ganz gut, warum vielen Avantgardisten der Nachkriegszeit alles so elendsegal war, warum Gründungsheilige der Surrealisten wie Jachques Vaché eben nicht aus lauter Lebenslust und unprofessionellen Überschwang eingingen wie die Befreiungstoten der 60er und die Intensitätsopfer der US-Gegenkulturen, sondern auch an der fetten Fadheit einer Welt, die danach allen Ernstes weitermachen konnte. Die 20er, die immer als, zwar von Armut und Faschos bedrohte, aber doch hyperlebendige Elan-Dekade und Fortschrittsfeier beschrieben werden, kannten lange Monate, in denen die weitermachende Welt so wahnsinnig lächerlich wirkte; noch lächerlicher ihr nun ausgerechnet mit forcierten Albernheiten und Kabarett begegnen zu wollen (Dada). Alternativen dazu gab’s wohl auch nicht. Aber viele hielten dies nicht aus. Das steht allerdings nicht bei den Thibaults. Aber dass ihr Autor sein ganzes Personal dann doch recht rabiat – gegen frühere Pläne – ausradierte, zeigt, dass ihm bei der Niederschrift der letzten Bände während der 30er Jahre klar geworden sein muss, dass man die für ein Leben vor 1914 gebauten Leutchen nicht einfach hätte weiterleben lassen können. Das wäre dann doch ein anderes Buch geworden. Mir fällt gerade keines ein, übrigens, das erfolgreich über diese Zäsur hinweg erzählt hätte; anders als nach dem zweiten Weltkrieg – da glaubte man dann eh nicht mehr an die Kontinuität von Personen und ihren Projekten.

10. September 2008, 18.30 Uhr:

Prediger am Abgrund

von Jörn Schulz

„Turks to get storm aid from Bahamas“, berichtet der Nassau Guardian. Dabei schienen die Beziehungen eher etwas getrübt zu sein. „Die antirassistischen Ideologen von der Antifa bis zur Ditib verstehen es dagegen nicht nur in Köln mit Bravour, erfolgreich mit der Lüge hausieren zu gehen, sie seien (…) eine widerständige Minderheit im Land“, heißt es im Aufruf der Bahamas zu einer Predigt, Verzeihung, einem Vortrag Sören Pünjers. „Die Mahner vor der Islamophobie klammern sich indes um so fester an die Lüge, Deutschland stünde vor dem rassistischen Abgrund, je stärker sich diese Lüge vor allem in Westdeutschland einer verbliebenen Restrealität entzieht. Folgerichtig muss jeder noch so zaghafte Islamkritiker dekretorisch unter den Verdacht des Rassismus gestellt und der Islam immer stärker vor jeglicher Kritik in Schutz genommen werden, um weiter den moralischen Mahner und Warner vor der Wiederkehr des hässlichen Deutschland geben zu können.“

Ich weiß zwar nicht, wie so eine Lüge es anstellt, sich der Restrealität zu entziehen, und ob sie dann mit den Mahnern, die sich an sie klammern, über den Abgrund segelt. Aber ich weiß, dass irgendetwas passiert sein muss, seit alle, die nicht an den unmittelbar bevorstehenden Anbruch des 4. Reiches glauben wollten, als Kollaborateure des auferstehenden Nationalsozialismus galten. Haben die Bahamiten sich zu oft mit Gammelfleisch-Döner den Magen verdorben?

Mir ist noch kein Fall zu Ohren gekommen, in dem ein Rassist, bevor er zuschlägt, gefragt hätte: „Verzeihung, sind Sie Muslim? Nein? Dann nichts für ungut. Wünsche noch eine erfolgreiche Integration.“ So will sich mir auch nicht erschließen, warum die Abwehr der Begehrlichkeiten reaktionärer und fundamentalistischer Muslime einher gehen muss mit der Behauptung, es sei gar nicht so schlimm mit dem Rassismus in Deutschland. Doch auf den Bahamas hat man die Schönheit der blühenden Landschaften entdeckt und meint nun: Nein, Deutschland ist nicht hässlich, und es kann auch gar nicht mehr hässlich werden. Wieso nennt man diese Leute eigentlich Antideutsche?

10. September 2008, 17.19 Uhr:

Im Haus der 100000 Leichen

von Jörn Schulz

Die Bundesregierung hat wirklich großes Glück, mit einer Friedensbewegung gesegnet zu sein, deren Aufrufe noch weniger sachkundig sind als eine Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes und eine noch größere Gleichgültigkeit gegenüber der afghanischen Bevölkerung offenbaren als eine Rede des Verteidigungsministers. „Der Abzug der Bundeswehr würde die USA und andere Kriegsparteien unter Druck setzen, ihre Truppen ebenfalls abzuziehen. Dadurch erhielte der Frieden eine echte Chance“, ist im Aufruf für die Demonstration am 20. September zu lesen. Welche Chance? „Gewalt, Terror und Drogenhandel prägen den Alltag. In den meisten Regionen Afghanistans herrschen Warlords und Drogenbarone“, heißt es im Aufruf. Werden nach dem Abzug der ausländischen Truppen die Warlords unter Tränen ihre Sünden bereuen und den nächsten Flug nach Den Haag buchen, um vor dem Internationalen Gerichtshof ihre Verbrechen zu gestehen, während die islamistischen Prediger verkünden, dass sie nur Spaß gemacht haben und eigentlich gar keine Sharia wollen? Es ist offensichtlich, dass der Bürgerkrieg, für den die Warlords zwischen 1989 und 2001 keine ausländischen Truppen benötigten, nach deren Abzug weitergehen würde. Man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass die Friedensaktivisten das auch wissen und ihre Aufrufe es seit sieben Jahren bei dem Glaubenssatz belassen, der Abzug der Interventionstruppen würde dem Frieden zum Durchbruch verhelfen, weil jede Erläuterung nur peinlich werden kann.

Im Aufruf für den „antikapitalistischen Block“ heißt es: „Der Krieg hat hunderttausenden AfghanInnen das Leben gekostet.“ Human Rights Watch
stellt fest: “Im Jahr 2007 wurden mindestens 1633 afghanische Zivilisten bei Kämpfen getötet, die mit dem bewaffneten Konflikt in Verbindung stehen. Etwa 950 von ihnen starben bei Angriffen der aufständischen Kräfte, einschließlich der Taliban und al-Qaida.“ 100000 Tote scheinen so etwas wie eine Aktivierungsschwelle zu sein, drunter macht es der Friedensfreund nicht. Dass so viele Leichen fehlen, ist sicher die Folge einer imperialistischen Verschwörung. Dass, wie übrigens auch im Irak, zwei Drittel der getöteten Zivilisten von der bewaffneten Opposition umgebracht wurden, darf keinesfalls Anlass zum Nachdenken sein. „Auch wenn unsere Sympathie den fortschrittlichen und sozialistischen Kräften im Widerstand gilt, haben auch Organisationen, die nichts mit unseren Ideen gemein haben, ein Recht die Besatzer anzugreifen.“ Von einer Kommunistischen Plattform bei den Taliban war noch nicht viel zu hören. Auch würde man gerne erfahren, ob die Jihadisten, die bislang nicht für den antikapitalistischen Block gewonnen werden konnten, ein Recht haben, Afghanen anzugreifen. Doch warum sich damit befassen, dass Mädchen, die zur Schule gehen wollen, von den Taliban ermordet werden? Der linke deutsche Hausmeister hat eine viel wichtigere Frage zu klären: Dürfen die das, einfach so zur Waffe greifen?

Ja, sie dürfen, glaubt der von Norman Paech geschulte linke Völkerrechtler. Denn in Artikel 51 der UN-Charta wird „im Falle eines bewaffneten Angriffs“ das „naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung“ gewährt. Zwar ist das Rechtssubjekt der Charta der Nationalstaat, die Interpretation, dass Hinz und Kunz bzw. Mullah und Abdullah zur Waffe greifen dürfen, ist daher etwas gewagt. Doch ohne ein verbrieftes Recht geht es nun mal nicht, Ordnung muss schließlich sein. Ist das Recht einmal da, noch dazu naturgegeben, verbieten sich hingegen kritische Nachfragen, was damit angestellt wird.

Das muss nicht so sein. Deshalb werden demnächst aus der Perspektive des aufgeklärten Neo-Salonbolschewismus einige unerwünschte Ratschläge folgen.

9. September 2008, 07.02 Uhr:

Menschenopfer (4 und Schluss)

von Stefan Ripplinger

Wer irgendwo herkommt, der kann von da fortgehen und er kann dahin zurückkehren. Dem Protagonisten von Cesare Paveses La luna e i falò (Der Mond und die Feuer; dt. als „Junger Mond“) ist all das verwehrt.

„Dein Vater“, sagte er, „bist du.“ (Übersetzung von Charlotte Birnbaum)

Weiterlesen.

8. September 2008, 17.03 Uhr:

SPD happy

von Ivo Bozic

Münte is Beck, die SPD freut sich, Jungle-Blog-Leserinnen und -Leser wussten schon am 17. August, wo der Hase langläuft

7. September 2008, 22.02 Uhr:

Was ich inzwischen gelernt habe

von Lieselotte Kreuz

Das Wort ‘Oxymoron’ findet sich in meinem Duden auf Seite 1.111, ‘Pleonasmus’ folgt genau 50 Seiten später, also auf Seite 1.161. Eintausendeinhundertelf und dann fünfzig Seiten dazu, ganz einfach.
Welcher der beiden Begriffe nun welche rhetorische Figur bezeichnet, kann ich mir dagegen ums Verrecken nicht merken. Muss ich ja jetzt aber auch nicht mehr.

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