Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Kürzliche Beiträge
10. September 2008, 18.30 Uhr:

Prediger am Abgrund

von Jörn Schulz

„Turks to get storm aid from Bahamas“, berichtet der Nassau Guardian. Dabei schienen die Beziehungen eher etwas getrübt zu sein. „Die antirassistischen Ideologen von der Antifa bis zur Ditib verstehen es dagegen nicht nur in Köln mit Bravour, erfolgreich mit der Lüge hausieren zu gehen, sie seien (…) eine widerständige Minderheit im Land“, heißt es im Aufruf der Bahamas zu einer Predigt, Verzeihung, einem Vortrag Sören Pünjers. „Die Mahner vor der Islamophobie klammern sich indes um so fester an die Lüge, Deutschland stünde vor dem rassistischen Abgrund, je stärker sich diese Lüge vor allem in Westdeutschland einer verbliebenen Restrealität entzieht. Folgerichtig muss jeder noch so zaghafte Islamkritiker dekretorisch unter den Verdacht des Rassismus gestellt und der Islam immer stärker vor jeglicher Kritik in Schutz genommen werden, um weiter den moralischen Mahner und Warner vor der Wiederkehr des hässlichen Deutschland geben zu können.“

Ich weiß zwar nicht, wie so eine Lüge es anstellt, sich der Restrealität zu entziehen, und ob sie dann mit den Mahnern, die sich an sie klammern, über den Abgrund segelt. Aber ich weiß, dass irgendetwas passiert sein muss, seit alle, die nicht an den unmittelbar bevorstehenden Anbruch des 4. Reiches glauben wollten, als Kollaborateure des auferstehenden Nationalsozialismus galten. Haben die Bahamiten sich zu oft mit Gammelfleisch-Döner den Magen verdorben?

Mir ist noch kein Fall zu Ohren gekommen, in dem ein Rassist, bevor er zuschlägt, gefragt hätte: „Verzeihung, sind Sie Muslim? Nein? Dann nichts für ungut. Wünsche noch eine erfolgreiche Integration.“ So will sich mir auch nicht erschließen, warum die Abwehr der Begehrlichkeiten reaktionärer und fundamentalistischer Muslime einher gehen muss mit der Behauptung, es sei gar nicht so schlimm mit dem Rassismus in Deutschland. Doch auf den Bahamas hat man die Schönheit der blühenden Landschaften entdeckt und meint nun: Nein, Deutschland ist nicht hässlich, und es kann auch gar nicht mehr hässlich werden. Wieso nennt man diese Leute eigentlich Antideutsche?

10. September 2008, 17.19 Uhr:

Im Haus der 100000 Leichen

von Jörn Schulz

Die Bundesregierung hat wirklich großes Glück, mit einer Friedensbewegung gesegnet zu sein, deren Aufrufe noch weniger sachkundig sind als eine Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes und eine noch größere Gleichgültigkeit gegenüber der afghanischen Bevölkerung offenbaren als eine Rede des Verteidigungsministers. „Der Abzug der Bundeswehr würde die USA und andere Kriegsparteien unter Druck setzen, ihre Truppen ebenfalls abzuziehen. Dadurch erhielte der Frieden eine echte Chance“, ist im Aufruf für die Demonstration am 20. September zu lesen. Welche Chance? „Gewalt, Terror und Drogenhandel prägen den Alltag. In den meisten Regionen Afghanistans herrschen Warlords und Drogenbarone“, heißt es im Aufruf. Werden nach dem Abzug der ausländischen Truppen die Warlords unter Tränen ihre Sünden bereuen und den nächsten Flug nach Den Haag buchen, um vor dem Internationalen Gerichtshof ihre Verbrechen zu gestehen, während die islamistischen Prediger verkünden, dass sie nur Spaß gemacht haben und eigentlich gar keine Sharia wollen? Es ist offensichtlich, dass der Bürgerkrieg, für den die Warlords zwischen 1989 und 2001 keine ausländischen Truppen benötigten, nach deren Abzug weitergehen würde. Man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass die Friedensaktivisten das auch wissen und ihre Aufrufe es seit sieben Jahren bei dem Glaubenssatz belassen, der Abzug der Interventionstruppen würde dem Frieden zum Durchbruch verhelfen, weil jede Erläuterung nur peinlich werden kann.

Im Aufruf für den „antikapitalistischen Block“ heißt es: „Der Krieg hat hunderttausenden AfghanInnen das Leben gekostet.“ Human Rights Watch
stellt fest: “Im Jahr 2007 wurden mindestens 1633 afghanische Zivilisten bei Kämpfen getötet, die mit dem bewaffneten Konflikt in Verbindung stehen. Etwa 950 von ihnen starben bei Angriffen der aufständischen Kräfte, einschließlich der Taliban und al-Qaida.“ 100000 Tote scheinen so etwas wie eine Aktivierungsschwelle zu sein, drunter macht es der Friedensfreund nicht. Dass so viele Leichen fehlen, ist sicher die Folge einer imperialistischen Verschwörung. Dass, wie übrigens auch im Irak, zwei Drittel der getöteten Zivilisten von der bewaffneten Opposition umgebracht wurden, darf keinesfalls Anlass zum Nachdenken sein. „Auch wenn unsere Sympathie den fortschrittlichen und sozialistischen Kräften im Widerstand gilt, haben auch Organisationen, die nichts mit unseren Ideen gemein haben, ein Recht die Besatzer anzugreifen.“ Von einer Kommunistischen Plattform bei den Taliban war noch nicht viel zu hören. Auch würde man gerne erfahren, ob die Jihadisten, die bislang nicht für den antikapitalistischen Block gewonnen werden konnten, ein Recht haben, Afghanen anzugreifen. Doch warum sich damit befassen, dass Mädchen, die zur Schule gehen wollen, von den Taliban ermordet werden? Der linke deutsche Hausmeister hat eine viel wichtigere Frage zu klären: Dürfen die das, einfach so zur Waffe greifen?

Ja, sie dürfen, glaubt der von Norman Paech geschulte linke Völkerrechtler. Denn in Artikel 51 der UN-Charta wird „im Falle eines bewaffneten Angriffs“ das „naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung“ gewährt. Zwar ist das Rechtssubjekt der Charta der Nationalstaat, die Interpretation, dass Hinz und Kunz bzw. Mullah und Abdullah zur Waffe greifen dürfen, ist daher etwas gewagt. Doch ohne ein verbrieftes Recht geht es nun mal nicht, Ordnung muss schließlich sein. Ist das Recht einmal da, noch dazu naturgegeben, verbieten sich hingegen kritische Nachfragen, was damit angestellt wird.

Das muss nicht so sein. Deshalb werden demnächst aus der Perspektive des aufgeklärten Neo-Salonbolschewismus einige unerwünschte Ratschläge folgen.

9. September 2008, 07.02 Uhr:

Menschenopfer (4 und Schluss)

von Stefan Ripplinger

Wer irgendwo herkommt, der kann von da fortgehen und er kann dahin zurückkehren. Dem Protagonisten von Cesare Paveses La luna e i falò (Der Mond und die Feuer; dt. als „Junger Mond“) ist all das verwehrt.

„Dein Vater“, sagte er, „bist du.“ (Übersetzung von Charlotte Birnbaum)

Weiterlesen.

8. September 2008, 17.03 Uhr:

SPD happy

von Ivo Bozic

Münte is Beck, die SPD freut sich, Jungle-Blog-Leserinnen und -Leser wussten schon am 17. August, wo der Hase langläuft

7. September 2008, 22.02 Uhr:

Was ich inzwischen gelernt habe

von Lieselotte Kreuz

Das Wort ‘Oxymoron’ findet sich in meinem Duden auf Seite 1.111, ‘Pleonasmus’ folgt genau 50 Seiten später, also auf Seite 1.161. Eintausendeinhundertelf und dann fünfzig Seiten dazu, ganz einfach.
Welcher der beiden Begriffe nun welche rhetorische Figur bezeichnet, kann ich mir dagegen ums Verrecken nicht merken. Muss ich ja jetzt aber auch nicht mehr.

7. September 2008, 21.52 Uhr:

Spielen!

von Lieselotte Kreuz

Die Satirezeitschrift “The Onion” hat vor einiger Zeit mal durchgespielt, wie’s so wäre, wenn ‘Warcraft’- Spieler beim Spielen ganz sie selbst sein könnten. Diese Sorte Realitätserfahrung ist natürlich noch Zukunftsmusik. Was aber alle Menschen, die sich schon immer ein kleines bisschen zu privilegiert gefühlt haben, schon heute im Internet nachspielen können, ist das aufregende Leben eines Bediensteten der Fast-Food-Gastronomie. Allerdings haben die Spielemacher irgendwie versäumt, die schlechte Bezahlung einzubauen - Drecksarbeit fühlt sich schließlich eigentlich erst dann so richtig gut an, wenn man dabei spürt, wie man fast kein Geld verdient.

Dieses weit verbreitete Misverständnis, Pynchon sei Anti-Mathematiker, Anti-Physiker, Anti-Wissenschaftler, Anti-Aufklärer gar. Dieser Vorwurf, viel und umständlich und ausschweifend zu erzählen, weil nur so Esoterik, Castanedatum und Gegnerschaft zur Moderne verborgen werden könnten.

“Gegen den Tag” macht eines deutlicher als anderen Werke Pynchons: Seine Feindschaft zur Festlegung, die Ablehnung aller Formen von Identität, die singulär-alternativlos sein wollen. Oder anders, mathematischer und physikalischer gesagt, seine Anti-Axiomatik. Das Axiom also wieder als Konstrukt zu kennzeichen, als das es einst in die Welt der Zahlen, Kurven und Vektoren, ganz bewusst und zum Zwecke der Ordnung und Systematisierung, eingeführt wurde.

Dazu die Versuche, auch außerhalb der Wissenschaft anti-axiomatisch vorzugehen; daher all die irren Namen, das Getriebensein durch Welten und Zeiten, die Wandlungen von Personal und Institutionen, die Modulationen von Ethik, Moral, Verhalten. Dagegen, nicht neu, aber anders betont als in “V” und “Die Enden der Parabel", die Gnade.

Der Paulaner Cord Riechelmann meint, das liege daran, dass Pynchon Paulus erst jetzt verstanden habe. Widerspreche, weil Gnade und Universalismus bei Pynchon früher eher spannungsgeladen waren, jetzt aber eher harmonisch als Begriffspaar daherkommen, fast schon reaktionär. Dialektik vs. Versöhnung, komme aber nicht so recht weiter, weil neben Pynchon u.a. keine Zeit für Paulus bleibt. (Jemand hier, der mir mit einem Paulus-Poststrukturalismus-Kurzseminar weiterhelfen kann? - Zahle in Weizenbier.)

Hier noch einige schöne Sätze, mal mit mehr, meist mit weniger Bedeutung, immer aber aus dem - hm, grr, hihi - Zusammenhang gerissen:

“Das Schicksal spricht nicht. Es trägt eine Mauser und zeigt uns von Zeit zu Zeit den Weg, den wir zu gehen haben.”

“Lenin persönlich schreibt angeblich gerade an einem sehr dicken Buch, in dem er den Versuch unternimmt, die ‘vierte Dimension’ zu widerlegen. Seine Position ist, soviel ich weiß, dass der Zar nur in drei Dimensionen gestürzt werden kann.”

Über die Ukulele: ” … zur Erzeugung von Akkorden verwendet wird - einzelne, zeitlose Klangereignisse, die nicht hintereinander, sondern gleichzeitig eintreten.”

Quaternionistenkongress in Belgien: “Näher als hier werden wir dem Anarchismus in diesem Leben nicht kommen.” (to do: nachschlagen, ob im am. Original “Anarchism” oder “Anarchy” steht, wäre ein ärgerlicher Fehler in der ansonsten sehr guten Übersetzung Nikolaus Stingls und Dirk von Gunsterens, vgl. auch S. 555.)

Exkurs: Auch hier Schlaflosigkeit, weit verbreitet, effektlos, nicht affektlos, als Begleiterscheinung von etwas, das nicht explizit benannt, aber völlig klar ist.

Gerade läuft in der Glotze mal wieder die 9/11-Verschwörung; Google hat einen eigenen Browser entwickelt; Europa hadert mir Russland; Google wird zehn Jahre alt; “Gustav” hat New Orleans verfehlt; ein Kind wird eingeschult, ein Müntefering ist zurück - Gleichzeitigkeiten, Zufälle, neue Axiome, Axiome, die man, wenn die Zeiten drängen (und wenn Zeit bleibt), wieder sichtbar machen muss. Die andere Axiome brauchen, damit sie nicht so alleine sind, nicht so viel Deutungsmacht entfalten können, nicht unwidersprochen bleiben.

Weiter im Text: Das Theatralische als das Unrentable; “ein Physiker als etwas anderes” und nicht “als solcher"; reflexhafte und humorlose Vorsicht zur Führung der Nation; ein Deutschland, das man gleich wiedererkennt und das doch anders ist als erwartet, harmloser (Stand: Seite 1000 von 1596).

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …