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Kürzliche Beiträge
7. September 2008, 21.52 Uhr:

Spielen!

von Lieselotte Kreuz

Die Satirezeitschrift “The Onion” hat vor einiger Zeit mal durchgespielt, wie’s so wäre, wenn ‘Warcraft’- Spieler beim Spielen ganz sie selbst sein könnten. Diese Sorte Realitätserfahrung ist natürlich noch Zukunftsmusik. Was aber alle Menschen, die sich schon immer ein kleines bisschen zu privilegiert gefühlt haben, schon heute im Internet nachspielen können, ist das aufregende Leben eines Bediensteten der Fast-Food-Gastronomie. Allerdings haben die Spielemacher irgendwie versäumt, die schlechte Bezahlung einzubauen - Drecksarbeit fühlt sich schließlich eigentlich erst dann so richtig gut an, wenn man dabei spürt, wie man fast kein Geld verdient.

Dieses weit verbreitete Misverständnis, Pynchon sei Anti-Mathematiker, Anti-Physiker, Anti-Wissenschaftler, Anti-Aufklärer gar. Dieser Vorwurf, viel und umständlich und ausschweifend zu erzählen, weil nur so Esoterik, Castanedatum und Gegnerschaft zur Moderne verborgen werden könnten.

“Gegen den Tag” macht eines deutlicher als anderen Werke Pynchons: Seine Feindschaft zur Festlegung, die Ablehnung aller Formen von Identität, die singulär-alternativlos sein wollen. Oder anders, mathematischer und physikalischer gesagt, seine Anti-Axiomatik. Das Axiom also wieder als Konstrukt zu kennzeichen, als das es einst in die Welt der Zahlen, Kurven und Vektoren, ganz bewusst und zum Zwecke der Ordnung und Systematisierung, eingeführt wurde.

Dazu die Versuche, auch außerhalb der Wissenschaft anti-axiomatisch vorzugehen; daher all die irren Namen, das Getriebensein durch Welten und Zeiten, die Wandlungen von Personal und Institutionen, die Modulationen von Ethik, Moral, Verhalten. Dagegen, nicht neu, aber anders betont als in “V” und “Die Enden der Parabel", die Gnade.

Der Paulaner Cord Riechelmann meint, das liege daran, dass Pynchon Paulus erst jetzt verstanden habe. Widerspreche, weil Gnade und Universalismus bei Pynchon früher eher spannungsgeladen waren, jetzt aber eher harmonisch als Begriffspaar daherkommen, fast schon reaktionär. Dialektik vs. Versöhnung, komme aber nicht so recht weiter, weil neben Pynchon u.a. keine Zeit für Paulus bleibt. (Jemand hier, der mir mit einem Paulus-Poststrukturalismus-Kurzseminar weiterhelfen kann? - Zahle in Weizenbier.)

Hier noch einige schöne Sätze, mal mit mehr, meist mit weniger Bedeutung, immer aber aus dem - hm, grr, hihi - Zusammenhang gerissen:

“Das Schicksal spricht nicht. Es trägt eine Mauser und zeigt uns von Zeit zu Zeit den Weg, den wir zu gehen haben.”

“Lenin persönlich schreibt angeblich gerade an einem sehr dicken Buch, in dem er den Versuch unternimmt, die ‘vierte Dimension’ zu widerlegen. Seine Position ist, soviel ich weiß, dass der Zar nur in drei Dimensionen gestürzt werden kann.”

Über die Ukulele: ” … zur Erzeugung von Akkorden verwendet wird - einzelne, zeitlose Klangereignisse, die nicht hintereinander, sondern gleichzeitig eintreten.”

Quaternionistenkongress in Belgien: “Näher als hier werden wir dem Anarchismus in diesem Leben nicht kommen.” (to do: nachschlagen, ob im am. Original “Anarchism” oder “Anarchy” steht, wäre ein ärgerlicher Fehler in der ansonsten sehr guten Übersetzung Nikolaus Stingls und Dirk von Gunsterens, vgl. auch S. 555.)

Exkurs: Auch hier Schlaflosigkeit, weit verbreitet, effektlos, nicht affektlos, als Begleiterscheinung von etwas, das nicht explizit benannt, aber völlig klar ist.

Gerade läuft in der Glotze mal wieder die 9/11-Verschwörung; Google hat einen eigenen Browser entwickelt; Europa hadert mir Russland; Google wird zehn Jahre alt; “Gustav” hat New Orleans verfehlt; ein Kind wird eingeschult, ein Müntefering ist zurück - Gleichzeitigkeiten, Zufälle, neue Axiome, Axiome, die man, wenn die Zeiten drängen (und wenn Zeit bleibt), wieder sichtbar machen muss. Die andere Axiome brauchen, damit sie nicht so alleine sind, nicht so viel Deutungsmacht entfalten können, nicht unwidersprochen bleiben.

Weiter im Text: Das Theatralische als das Unrentable; “ein Physiker als etwas anderes” und nicht “als solcher"; reflexhafte und humorlose Vorsicht zur Führung der Nation; ein Deutschland, das man gleich wiedererkennt und das doch anders ist als erwartet, harmloser (Stand: Seite 1000 von 1596).

2. September 2008, 18.22 Uhr:

Menschenopfer (3)

von Stefan Ripplinger

In seinen Dialogen nicht, aber doch in seinen Tagebüchern und in seinen Aufsätzen träumt Cesare Pavese davon, aus dem Mythos könnte ein Schicksal, aus dem Kollektiven etwas Individuelles, aus dem Individuellen etwas Kollektives und aus unserem idiotischen Leiden ein mythisches Menschenopfer werden. Es ist der Traum von der Notwendigkeit, von einem „Grund-losen Sinn“.

Schicksalsgebunden ist der, der in sich einen authentischen Mythos verwirklicht, an den er glaubt. Der schicksalsgebundene Mensch ist nicht frei. (Übersetzung von Charlotte Birnbaum)

Es ist der Traum von einer anderen Notwendigkeit als der, in die wir eingepasst sind. Unsere Orte wären im Mythos keine spezifischen, sondern universelle. Unsere Begegnungen wären keine beliebigen, sondern vorbestimmte. Unser Genuss und unsere Leiden wären abgemessen. Und alles folgte alten „rhythmischen Kadenzen“. An solchen Stellen könnte man glauben, Italo Calvino hätte Recht mit seiner Behauptung, Pavese habe nahe einer „antirationalistischen Unruhe“ gesiedelt. Doch mögen uns die Götter behüten vor Rationalisten, die nie unruhig werden.

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29. August 2008, 16.05 Uhr:

Menschenopfer (2)

von Stefan Ripplinger

Die Geschichte des Opfers ist eine der Opferkritik.

Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HErr. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Farren, der Lämmer und Böcke. (Jesaja, 1, 11)

Hermann Cohen, der die Opferkritik der Propheten bewundert, will gleichwohl mit dem Opfer nicht auch den öffentlichen Kultus verworfen sehen. In der Sublimierung des Opfers halten sich die alten sozialen Motive recht lange. Und vor der völligen Vergeistigung des Opfers im Protestantismus bleibt sogar das archaische noch erkennbar: Die Sakristei mancher mittelalterlichen Kirche verfügt über einen Ausguss für den in Blut verwandelten Messwein, er soll die vor den Kirchenmauern liegenden Felder düngen, so wie in Cesare Paveses Dialoghi con Leucò der Phrygier Lityerses mit dem Blut des Herakles dem Kornfeld, und nicht etwa einem Gott über dem Feld, opfern will.

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28. August 2008, 13.42 Uhr:

Alles meins

von Jörn Schulz

„Die Wissenschaftler hatten insgesamt 229 Manager zu einer Reihe spielerischer Experimente aufgefordert. Spieleinsatz waren die für Manager wohl kostbarsten Güter: Aktien. Jeweils ein Manager musste nun entscheiden, wie er eine festgelegte Menge von Aktien mit einem anderen - nicht anwesenden - Manager teilte. Sie bekamen zum Beispiel die Wahl, zwei Aktien für sich zu behalten und dem anderen Manager keine abzugeben oder die beiden Aktien eins zu eins untereinander zu teilen.“

Es ist nicht schwer zu erraten, wie das Experiment ausgehen würde. Ersetzen Sie „Manager“ durch „Kinder“ und „Aktien“ durch „Schokolinsen“, so ergibt es die Versuchsanordnung, die Spiegel online unter der Überschrift „Egoistische Vorschüler“ präsentiert. Erst mit fünf Jahren entwickeln Kinder Gerechtigkeitssinn, überdies werden sie im Kindergarten und in der Schule ermutigt, auch mal eine Schokolinse abzugeben. „Der Wunsch, Ungleichbehandlungen zu verhindern, unterscheide uns von anderen Tieren und auch von unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, schreiben die Forscher.“ Irgendetwas geht da wohl schief in Erziehung und Sozialisation, wenn wenn so viele Erwachsene in das Sozialverhalten von Schimpansen zurückfallen. Und die lausen sich wenigstens gegenseitig, ein Verhalten, das beim Homo sapiens im Spätkapitalismus noch nicht beobachtet wurde.

26. August 2008, 17.49 Uhr:

Die Fratze der Dämonen

von Jörn Schulz

Nein, Herr Huber, so können Sie ihr Einparteienregime in Bayern nicht retten. Etwas mehr Schwung müssen Sie schon in den Laden bringen. Die Idee, als Ritter in schimmernder Rüstung dem bolschewistischen Ungeheuer tapfer die Stirn zu bieten, ist ja gar nicht so schlecht. Aber es fehlt einfach der Elan.

„Wenn es sein muss, dann führen wir einen politischen Kreuzzug gegen die Partei von Oskar Lafontaine.“ Einen Kreuzzug führt man nicht, wenn es sein muss, man führt ihn, weil Gott es so will. Wenn Papst Urban II. im Jahre 1095 so lustlos an die Sache herangegangen wäre, hätten die tapferen Gotteskrieger niemals die Muslime und Juden in Jerusalem mit der Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus bekannt gemacht. Ihr Kollege Peter Ramsauer hat es schon besser drauf: „Die wahre Fratze der Linken ist noch nicht hinreichend dargestellt.“ Er will diesen „Dämon der Politik“ aus der bayerischen Parteienlandschaft vertreiben. Wahre Fratze! Dämon! Da riecht man den Schwefel, da verspürt der wahre Gläubige den Drang, zum Schwert zu greifen, um der ganzen gottlosen Brut…

Aber Sie, Herr Huber, halten es wohl eher mit Günther Beckstein, der meint, die Linkspartei sei „ein massives Thema.“ Doch mit massiven Themen werden Sie das bolschewistische Ungeheuer, das unseren hart erarbeiteten Wohlstand verschlingen und die Werte des Abendlandes im Gulag einsperren will, nicht erschlagen können.

24. August 2008, 13.56 Uhr:

"Gentrifizierung"?

von Ivo Bozic

Ein Dialog

- als wir in die städte kamen, waren die gefängnisse schon gebaut.
kulle nimmt einen schluck aus der schnapsflasche, lässt seinen blick bedeutungsvoll über die skyline der city wandern. varik zieht an einer zigarette.
- hast du ne ahnung, was unter dem schnee liegt, kulle?
- sackgassen, vielleicht. Ich kann mich nicht erinnern.
- berlin ist ein molloch.
- berlin ist eine stadt.
- die frisst mich auf.
- sei nicht kindisch, varik.
- doch, doch. herti, kaufhof, karstadt. hier sind hunderte von diesen kästen, vollgestopft mit lauter scheißkram, den niemand braucht. manchmal renn ich stundenlang durch son kaufhaus und find nicht einen gegenstand, den ich gerne besitzen möchte.
- man soll sein herz nicht an dinge hängen.
- wenn mans sich leisten kann.
kulle gibt varik die flasche. der nimmt einen tiefen schluck, wobei er genussvoll die augen schließt.
- andere leute zahlen ein vermögen für sonen verdammten lippenstift oder ein gummischlauchboot. denkst du, die habens alle dicke?!
- weiß nicht. du hast hier ein kino neben dem anderen, in jedem verfickten hinterhof gibts´n off-theater, die hotels sind gerammelt voll mit weltstars, aber irgendwie denkste ständig, du bist in einer dieser millionen mc-donalds-filialen, die rund um den globus wuchern und alle den gleichen big bac haben.
- du bist verwöhnt.
- ach, leck mich.
- berlin ist halt mehr als ne stadt, ist irgendwie ne kleine welt.
- ach du scheiße. wenn das die welt ist, muss ich glaub ich dringend mal nen ausflug zum mond machen, aber mal im ernst: mir kommt das hier eher vor wie der mond. hier ist nichts, was mich glücklich macht. ich langweile mich, kulle, ernsthaft.
- es steht nicht gut um dich, mein freund. die langeweile ist ein krebsgeschwür, das breitet sich aus und macht dich alle.
- was kann ich tun, kulle?
- da kann man nichts tun.
- langweilst du dich nie?
- nein, ich bin geduldig.
- und wenn der schnaps alle ist?
- bin ich immer noch geduldig. hör mal, mein freund: entweder du bist zäh und schaffst es, wie ein stummer fels, diesen fluss an dir vorbeiziehen zu lassen, oder er reißt dich mit und du säufst ab. das geht schneller als du denkst.
- in berlin gibt es keinen platz mehr für uns, glaube ich.
- es gibt auch woanders keinen platz.
- schöne scheiße.
- wenn du einen pudel hast und einen roten ski-anzug, ein funktelefon und ein nettes apartment mit stehlampe, dann kannst du dir vielleicht etwas vormachen, dass du zufrieden bist, dass du hier hingehörst. aber du gehörst eben nur dazu, wie ne schaufensterpuppe zum kaufhaus. du bist die staffage für den ganzen scheißladen. und wenn du riesige titten hast, oder besonders gut polierte schuhe, dann stellen sie dich ganz vorne in ihre dekoration.
- oh mann, so will ich nicht enden, alter.
- das sag ich dir.
- weißt du, kulle, ich glaub ich bin zu klein für diese welt. sie tötet mich, bevor ich gelernt habe zu atmen.
- ich habe von ihr das töten gelernt.
- und was spricht uns frei; kulle?
- nichts, varik, nichts. du kannst deine beichte durch die kirchen der welt brüllen, du kannst den leuten am tresen ein ohr abkauen, du kannst dich auf eine klippe stellen und alle himmel anrufen, das höchste ist, dass dich irgendein idiot auslacht. immerhin, man hat dich angehört.
- ey, lass uns abhauen.
- es gibt nichts, wo wir hingehen könnten.
- aber erstmal raus aus diesem gehege.
- den käfig schleppen wir mit uns rum, wo immer wir hingehen.
- vielleicht hast du recht. je mehr straßen es gibt, desto weniger auswege.
- unfug, du hast eben keine idee davon, was freiheit ist, varik.
- du denn?
- keinen schimmer.
- hier nimm noch nen schluck, dann ist alle.
- siehst du, das mein ich.

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