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Kürzliche Beiträge
19. August 2008, 20.59 Uhr:

Menschenopfer

von Stefan Ripplinger

Obwohl ein jeder weiß, dass sich Menschen alles nur Erdenkliche anzutun geneigt sind, fragt man sich doch, weshalb sie in fast allen Kulturen und zu fast allen Zeiten feierlich einen Schwachen aus ihrer Mitte gewählt haben, um ihm das Herz aus dem Leib zu reißen oder ihn auf einen Scheiterhaufen zu werfen oder ihn auf irgendeine andere Weise zu massakrieren. Die meisten Theorien über das Opfer, und es gibt deren Dutzende, sind sich darüber einig, dass die Opferung von Einzelnen die Bindekräfte der Gemeinschaft erhöht. René Girard z.B. glaubt, dass, ganz wie bei Hobbes, erst ein Krieg aller gegen alle herrschte. Dann stürzten sich alle auf einen, besonders Schwachen, und dieser Mord habe ihnen ihr Tun zu Bewusstsein gebracht, sie so sehr befriedigt und vor allem befriedet, dass sie aus dem Menschenopfer ein Ritual und eine Institution gemacht haben. Das leuchtet irgendwie ein, vielleicht zu sehr. Doch wer Filme von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub anschaut, kommt ins Grübeln.

Weiterlesen.

Einmal bestand die Chance, dass der verbreitete Klappentext- oder Rezensionswerbesatz “Ein Buch wie Dynamit” mal Sinn ergeben hätte. Hier werden neben vielem anderen auch kleine Teile der Geschichte des anarchistischen Teils der gewerkschaftlich organisierten US-amerikanischen Minen- und Bergarbeiterbewegung im späten 19., frühen 20. Jahrhundert fiktionalisiert - Pynchon kürz das Satzungetüm hübsch mit “Dynamitarden” ab. Allein: Der Klappentexter, Thomas Pynchon also, hat es vermasselt. Und den Rezensenten war mehr an der seltsamen Referenzgröße der “Zugänglichkeit” gelegen.

Weitere Vorschläge für Klappentextsätze, teils dem Roman entnommen:

- Eine Emphase, deren Verachtung unserer Aufmerksamkeit nicht hatte engehen sollen.

- Er hatte gelernt, neben den Tag zu treten. Wohin auch immer er damit gelangte, der Ort besaß seine eigene gewaltige, unverständliche Geschichte, seine Gefahren und Extasen, sein Potenzial für unverhoffte Romanzen und frühe Beerdigungen.

- Ein Buch wie ein permanenter Belagerungszustand.

Interessierte Verlage, die einen Klappentexter suchen, richten Ihre Bewerbungen bitte
an findensieohnemüheheraus@internet.com oder besuchen mein Xing/Facebook/Myspace/MeinVZ/Kaioo-Profil.

Ach ja, hier noch Thomas Pynchon als Besucher auf der Games Convention 2008

17. August 2008, 20.09 Uhr:

Georgien: Israel mit Pipeline?

von Ferdinand Muggenthaler

Stanislav Lakoba weiß die Geopolitik auf seiner Seite. “Weder die Türkei noch der Iran wollen, dass aus Georgien ein neues Israel entsteht", frohlockt der Sektretär des abchasischen Sicherheitsrats im Interview mit El Pais. Auch in Abchasien lässt sich offenbar mit dem antiisraelischen Stereotyp vom Aussenposten des US-Imperialismus Stimmung machen.

Der russische Imperialimus ist dagegen gerade Lakobas bester Verbündeter. Seine Hoffnung, dass auch die Türkei jetzt alte Gebietsansprüche gegen Georgien ausgeraben könnte, mag übertrieben sein. Dafür kann er fest damit rechnen, dass die russischen Panzer seine Provinz vom “georgischen Joch” befreien.
Anders als im Kosovo sind es jetzt die USA, die sich auf die Unverletzlichkeit der Grenzen berufen. Und niemand glaubt, dass Russland seine Liebe zum Befreiungsdrang der Ethnien in den “Völkergefängnissen” dieser Welt entdeckt hat. Die Zeitungen drucken wieder Pipelinerouten.

Zeit, die alte Dossiers und Polemiken in der Jungle World über Piplinerouten, den Zerfall Jugoslawiens und die neue Weltinnenpolitik neu zu lesen.

17. August 2008, 16.14 Uhr:

Hurra! SPD gerettet!

von Ivo Bozic

Die SPD im Freudenrausch. Jetzt wird alles gut! Denn: Franz Müntefering kehrt zurück! Die sozialdemokratische Volkspartei feiert schon jetzt ihren Erlöser:

16. August 2008, 20.13 Uhr:

Feindbilder

von Lieselotte Kreuz

Martin Büsser hat Recht! Lasst doch die süßen kleinen Emos in Ruhe, es gibt wirklich interessantere Feindbilder.
Natürlich kann das Überangebot an interessanten Feindbildern und role models auch verunsichern und überfordern. Und ja, ich denke schon, dass es in einer solchen Situation helfen kann, sich einiger grundsätzlicher Wahrheiten zu erinnern über die soziale Marktwirtschaft und all das. Sonst macht man sich ganz falsche Vorstellungen und wird am Ende nur enttäuscht. Und das will ja niemand.

15. August 2008, 16.53 Uhr:

Idealismus

von Stefan Ripplinger

Mein Freund Schernikau glaubte nicht an den Idealismus in der Politik, er glaubte nur an Interessen. Der Marquis de Sade, sagte er, hielt bis an sein Ende an der Revolution fest, weil sie seinen höchsteigenen Interessen zupass kam. Diese Lehre habe ich nie vergessen. Glaub nicht dem Multimillionär, der dagegen ist, jedenfalls solange nicht, solange es mehr Gründe für ihn gibt, dafür zu sein; denn dann wird er es irgendwann sein. Aber unbegreiflich bleibt mir der Verlierer, der von ganzem Herzen Ja! zu dem System sagt, das immerzu Nein! zu ihm sagt. Kennt er seine Interessen nicht? Hofft er auf den Multimillionär? Ich weiß es nicht, und Schernikau kann ich nicht mehr fragen.

Ein Artikel will geschrieben werden. Über ein Buch, das zur Hälfte auf Englisch gelesen wurde und zur anderen Hälfte derzeit auf Deutsch zu Ende gelesen wird. Thomas Pynchon. “Against the Day". “Gegen den Tag”. Knappe 1600 Seiten. Gegen die Zeit(läufte). Gegen die Scheiße. Gegen alles. Für nichts, außer –.

Der “Spiegel” macht auf mit der Schlagzeile: “Macht das Internet doof?” Nein, macht es nicht. Zumindest nicht doofer als sonst schon. “Gegen den Tag” ist wie die besten Teile des Internets. Unkonzentriert; ungeordnet; ausschweifend; raumgreifend; verschwenderisch; kosmopolitisch; um Zusammenhänge bemüht, ohne sie zwanghaft festzuzurren; Seiten voller Querverweise, nur nicht als Links kenntlich gemacht; literarische Links; intellektuelle Links; weiter, immer weiter; bloß den Spaß nicht verlieren; den Spaß am Denken; am hemmungslosen Denken?; am grenzenlosen Denken?

Macht Pynchon doof? Ja. Konsistenz ist nicht mehr. Totalität auch nicht. Oder doch. Aber anders.

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