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Kürzliche Beiträge
26. Juli 2008, 11.54 Uhr:

Die Welt

von Stefan Ripplinger

Dunkel, sehr dunkel erinnere ich mich an einen Peterhandkefilm, in dem Jeanne Moreau oder eine, die aussieht wie Jeanne Moreau, Le Monde liest und Handke selbst oder einer, der sich benimmt wie Peter Handke, lacht: „Le monde!“ Das soll also die Welt sein, eine Zeitung. Dabei ist die Welt das, was nicht in der Zeitung steht. Allerdings lässt ein Zeitungstitel mit „Welt“ durchaus offen, ob alles oder nicht viel damit gemeint ist, das Ganze oder das Teilchen eines Teilchens. Was bezeichnet z.B. Jungle World, „the jungle out there“ oder einen Biotop in der Bergmannstraße? Oder beides? Das Wort „Welt“ jedenfalls scheint häufig dann zum Einsatz zu kommen, wenn das, was bislang eher eindimensional erschien und wenig beachtet worden ist, anzeigen will, ganze Epen könnten über es geschrieben werden. Das leider diesen Monat eingestellte Weltarchiv hat mit „Die Welt der Haustüren“, „Intim-World“, „Fenster-World“, „Waffel-Welt“, „Waschwelt“, „Hundewelt“, „Antipasti-Welt“, „Bäder-Welt“ und etlichen weiteren Welten Belege für die alte Auffassung geliefert, die Welt könne weder vom Adler noch vom Astronauten mit einem Blick erfasst werden, aber dass es, kaum schaut einer durchs Mikroskop, von Welten wimmelt.

25. Juli 2008, 18.27 Uhr:

Was will Nasrallah?

von Ivo Bozic

Nasrallah macht den AchmedJihad. Cicero hat ihn interviewt. Den Palästinensern überlässt er, ob sie nun für die 67er oder 48er Grenzen kämpfen wollen (verhandeln lehnt er aber ab), nur eine Zwei-Staaten-Lösung, die will er auf keinen Fall. Anders gesagt, nicht zwei Staaaten, sondern nur einen, nämlich einen palästinensischen, in den Grenzen von 1967 oder 1948.

Mal davon abgesehn, dass es weder 1967 noch 1948 einen palästinensischen Staat mit irgendwelchen Grenzen gegeben hat - kann mir bitte jemand mal erklären, wie sein Modell nun genau aussehen soll? Ich glaube, mir fehlt dazu mir die Phantasie - oder der nötige Galgenhumor…

22. Juli 2008, 18.14 Uhr:

Braffer Hoont

von Jörn Schulz

„Viele Beamte und Einwohner der Gemeinde waren anwesend, als Captain Gus Moulas zum ersten Mal den Amtseid für seinen neuen Partner sprach“, berichtet die Polizei von Elm Grove. „Diese wichtige Zeremonie machte Qay vom Schafer See zu einem anerkannten offiziellen Mitglied des Elm Grove Police Department.“ Ein deutscher Adeliger, der in den amerikanischen Polizeidienst eintritt, aber noch nicht genug Englisch kann? Nein, Qay vom Schafer See ist ein Polizeihund. In Barry County ist sogar der Vierbeiner selbst gefragt: „Sheriff Leaf präsentierte Gina ihr speziell gefertigtes Abzeichen. Nachdem der Sheriff Gina den Eid vorgelesen hatte, bellte sie.“ Da viele Polizeihunde aus Deutschland importiert werden, müssen die zweibeinigen Polizisten deutsche Kommandos lernen. Gehorcht der Köter, lobt ihn der Polizist: „Braffer Hoont.“

20. Juli 2008, 11.49 Uhr:

Fragment

von Stefan Ripplinger

Den Brand der Bibliothek von Alexandria zu bedauern, fällt uns schwer, weil wir nur unsere Bibliotheken kennen und wissen, dass 95 Prozent ihrer Bücher besseres Mäusefutter sind. Es soll große Künstler gegeben haben, von denen nie einer gehört hat; aber die, die wir nicht kennen, können wir nicht vermissen. Etwas anderes ist es mit dem Gedicht, dem Stück, dem Film, von dem nur die letzten Verse, der letzte Satz, der letzte Akt fehlen. Das Fastfertige einiger Fragmente von Hölderlin quält selbst manche vertrockneten Philologen so, dass sie der Versuchung nicht widerstehen können, die Lücken zu schließen. Die Überbleibsel vom vierten Satz der IX. Symphonie Bruckners heizen die Phantasie darüber mächtig an, was wohl auf den Blättern der Partitur steht, die aus dem Sterbezimmer geraubt worden sind. Und wenn es einen Film gibt, um dessen letzten Teil es ewig schade sein wird, ist es „Iwan, der Schreckliche“ von Eisenstein.

Es ist aber ein Glück, dass unter dem ganz Wenigen, was von diesem dritten Teil sich erhalten hat, ausgerechnet die Szene sich befindet, die Eisenstein auch dann nicht hätte verwenden dürfen, hätte ihn der zweite Herzinfarkt nicht dahingerafft. Der Regisseur Michail Romm (zwanzig Jahre später berühmt geworden mit „Der gewöhnliche Faschismus“) spielt in ihr Queen Elizabeth I., und zwar mit dem größten Vergnügen. Während Hitlerei und Hungersnot das Land fast ausbluten, erlauben sich diese Künstler eine Kaprice. Das wird immer ein Triumph des Manierismus bleiben.

18. Juli 2008, 23.10 Uhr:

Morgen ernährt uns der Kleinbauer

von Ferdinand Muggenthaler

Wahrscheinlich hat Martina Backes recht. (Siehe Jungle World 29/2008: Brot für die Welt, aber gekauft wird’s hier.) Die G8 interessieren sich nicht für die Hungernden, sondern haben Angst vor Hungerrevolten. Die G8 schielen bei der Nahrungsmittelhilfe auf die Vorteile für ihre heimische Nahrungsmittelindustrie. Die humanitäre Hilfe zerstört mancherorts die lokale Produktion. Ja, ja, ja.

Backes ist sich einig mit zahlreichen Entwicklungshilfe-, Eine-Welt und Menschenrechtsorganisationen in der Sorge um die Kleinbauern, die für großflächige Gensojaproduktion vertrieben, von Saatgutfirmen in die Abhängigkeit gebracht und überhaupt vom Agrokapitalismus ihrer Existenz beraubt werden. Ja, wahrscheinlich haben sie alle recht.

Trotzdem haftet all den Artikeln ein Hauch von Realitätsverweigerung an. Der Jungle World-Beitrag von Martina Backes hält sich zwar in Kleinbauernromantik zurück. Aber Backes verliert auch kein Wort darüber, dass - Kapitalimus hin oder her - der Kleinbauer nicht genügend Überschüsse produziert, um die die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Allein mit der Nutzung von “traditionellem Wissen” und dem Konzept der “Ernährungssourveränität", das die internationale Klein-Bauernbewegung “La Via Campesina” ausgerufen hat, wird das nicht klappen.

Im Moment ist Hunger noch ein Verteilungsproblem und der Preisanstieg ist durch die Spritproduktion aus Mais, Raps und Zuckerrohr zusätzlich angetrieben. Aber auch ohne Agrosprit werden in absehbarer Zeit die fruchtbaren Böden knapp, will man nicht noch mehr Regenwald abholzen oder den Zwangsvegetarismus einführen. Wer nicht in Malthus’schen Zynismus verfallen will, muss sich deshalb der Tatsache stellen, dass mittelfristig die Bäuerinnen und Landarbeiter dieser Erde noch produktiver werden müssen. Eine Jungle World Autorin, ein Attac-Aktivist oder ein Inkota-Brief-Autor (Zeitschrift zum Nord-Süd-Konflikt und zur konziliaren Bewegung) muss keine Lösung parat haben. Die Anerkennung, dass hier ein materielles Problem besteht, wäre schon ein Schritt.

17. Juli 2008, 20.06 Uhr:

Solidarität!

von Ivo Bozic

Im April hatten wir ein Interview mit Mohamed Mouha, dem Sprecher der berberisch-jüdischen Freundschaftsorganisation „Mémoire Collective“ aus Marokko geführt. Darin berichtete er von den Repressalien gegen ihn und seine Organisation. Nun ist der Mann schon zum zweiten Mal innerhalb von einem Monat von Auftragsschlägern zusammengeschlagen worden. Hier die Dokumentation einer Presserklärung:

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Marokko: Berber-Jewish-Friendship-Organisation Mémoire Collective bereitet in Kooperation mit anderen Organisationen internationales Sommerfestival in Al Hoceima vor. Der marokkanische Staat versucht das mit allen Mitteln zu verhindern.

Die im Februar diesen Jahres gegründeten Berber-Jewish-Friendship-Organisation Mémoire Collective bereitet in Kooperation mit anderen Organisationen für diesen Sommer vom 20. Juli bis 30. August 2008 ein internationales Festival in der nord-marokkanischen Hafenstadt Al Hoceima vor. Ein Bestandteil des Festivals sind mehrere kleinere Kolloquien zu Themen wie Rechte des Individuums, Homophobie und Antisemitismus. Der marokkanische Staat versucht dies zu verhindern.

Mohamed Mouha (Präsident von Mémoire Collective) wurde Anfang dieses Jahres als Festivalpräsident vom marokkanischen Staat eingesetzt. Seit der Gründung von Mémoire Collective im Februar 2008 versuchen nun verschiedene hochrangige Vertreter des marokkanischen Staates gegen Mohamed Mouha und Mémoire Collective vorzugehen. Verschiedene islamistische und pan-arabistische Parteien und Organisationen verbreiteten Aufrufe zur Gewalt gegen die Mitglieder von Mémoire Collective und hetzten antisemitisch gegen die Organisation. Trotz der Versuche des Staates das Festival und die Kolloquien zu verhindern, arbeitet Mémoire Collective in Kooperation mit anderen Organisationen an der Durchführung des Festivals. Personen aus der neuen Königspartei um den ehemaligen Innenminister Fouad Ali El Himma organisieren nun Gegenfestivals, u.a. die Organisation ARID und der Präsident von Marroc Telecom Abdeslam Ahizoune, und versuchen Künstler und Personen, die mit Mémoire Collective sympathisieren und bei dem Festival auftreten wollen durch hohe Geldbeträge zu kaufen. Die Nutzung von Räumlichkeiten - speziell für die Kolloquien - wird bislang vom marokkanischen Staat verwehrt. Zwei Tage vor dem Besuch des marokkanischen Königs am 18. Juli in Al Hoceima ist Mohamed Mouha, Präsident von Mémoire Collective, nun bereits zum zweiten Mal innerhalb von einem Monat von Auftragsschlägern zusammengeschlagen worden.

Für Solidaritätsadressen und zur Unterstützung von Mémoire Collective können Sie sich in Spanisch, Französisch und Arabisch an den Präsidenten von Mémoire Collective Mohamed Mouha wenden:

e-Mail: mouharif@yahoo.es

17. Juli 2008, 19.26 Uhr:

The Army That Never Sleeps

von Jörn Schulz

Was entscheidet über Sieg und Niederlage im Krieg? Die Feuerkraft, die Motivation der Soldaten, die Strategie der Militärführung? Falsch, es ist der Schlaf. Genauer gesagt, die Fähigkeit, mit möglichst wenig Schlaf auszukommen und auch übermüdet zu kämpfen. Die Autoren einer Studie für das Pentagon sprechen dem Schlaf jedenfalls eine entscheidende Bedeutung für die moderne Kriegsführung zu.

Ideal für den Militärdienst wären eigentlich Giraffen, die mit knapp zwei Stunden Schlaf pro Nacht auskommen, und Haie, die gar nicht schlafen, sondern allenfalls ihr Hirn ein wenig ausruhen lassen, während sie sich weiter bewegen. Haie trainiert das US-Militär tatsächlich, für den Einsatz in Kabul oder Bagdad sind sie jedoch ungeeignet. Tiger würden wohl selbst einen abgebrühten Jihadisten beeindrucken, aber nur, wenn sie sich bewegen, und das ist die meiste Zeit nicht der Fall. Wie Löwen schlafen sie 16 Stunden, überdies dösen sie ziemlich viel vor sich hin. „Pentagon züchtet Killervampire“ wäre eine gute Schlagzeile, doch Fledermäuse pennen sogar 20 Stunden.

Bleiben also die Menschen. Ein doppelter Espresso vor dem Gefecht ist schon mal hilfreich, reicht aber in der modernen Kriegsführung nicht aus. Bleiben also die Produkte der pharmazeutischen Industrie, die ich Ihnen kürzlich ("Drogen vom Chef") schon vorgestellt habe, sowie „brain-computer interfaces“. Die funktionieren noch nicht so richtig, aber vielleicht wird es einmal statt „Hände hoch“ heißen: „Widerstand ist zwecklos. Sie werden assimiliert.“

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