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Kürzliche Beiträge
14. Juli 2008, 15.34 Uhr:

Badiou auf dem Weg in die Ewigkeit

von Stefan Ripplinger

Was für eine Type ist wohl Alain Badiou? Im Magazine littéraire las ich vor Jahren, er sei der letzte Maoist unter den französischen Intellektuellen, was mich neugierig machte, ich besorgte mir einige seiner Aufsätze zur Ästhetik, fand sie hinreißend und hätte wohl mehr gelesen, doch dann gab es eine große Debatte um sein Buch über den Namen „Jude“, welches das alte Sartresche Argument aufwärmt, Jude sei, wen Hitler für einen gehalten hat, doch nachgewürzt mit der mehr als bedenklichen, ja widerlichen Folgerung, wer sich heute noch Jude nenne, gebe Hitler Recht, und solchen bei den Linken beliebten Umkehrungen zuhauf, die Palästinenser erscheinen darin als die wahren Juden, Israel als ein nazistischer Staat usw. usw., sodass mir allein die Vorstellung, dieses Buch in die Hand zu nehmen, allzu grauenhaft vorkam, ad acta mit dem Mann, aber nun stolpere ich über die Ankündigung seiner Vorlesung für das nächste Semester und bin nahezu überzeugt davon, dass sein rabiater Universalismus schlicht antimodern ist, und das ist wiederum interessant, denn es erklärt mir, weshalb er mich erst fasziniert, dann abgestoßen hat. Mich faszinierte sein Begriff von Vergänglichkeit, nicht ahnend, dass er es auf die Ewigkeit abgesehen hat. Badiou kommt mir nun vor wie ein wiedergeborener Katharer. Solange er seinen Verein nicht mit der Hamas vereinigt, besteht aber keine Gefahr für Leib und Leben.

Weiterlesen.

12. Juli 2008, 00.57 Uhr:

Geh weg, Carloft

von Elke Wittich

Aus aktuellem Anlass hier hier noch einmal der Link zu meinem vor etwas mehr als einem Jahr erschienenen Jungle World-Artikel über die geplanten Kreuzberger Luxuswohnungen für Leute, die zwar gern im Kiez residieren möchten, aber dunkel ahnen, dass sie nicht willkommen sind. Und deswegen lieber von vorneherein alles tun, um zufällige Begegnungen zu vermeiden und deswegen auch das Auto mit in der sicheren Carloft-Burg wohnen lassen wollen.
Prima Konzept.
Interessant in dem Zusammenhang übrigens, dass die Carloft-Macher schon vor einem Jahr stolz verkündeten, bereits sechs Wohnungen verkauft zu haben….

11. Juli 2008, 18.46 Uhr:

God Save M

von Jörn Schulz

Chief Whip – das könnte auf der Visitenkarte einer erfolgreichen Domina stehen. Es handelt sich jedoch um eine wichtige Funktion im ehrenwerten House of Lords, und man muss zugeben, dass der Titel cooler klingt als die deutsche Entsprechung „parlamentarischer Geschäftsführer“. Über den Hang der Briten zu archaischen Institutionen, hochtrabenden Titeln und seltsamen Perücken wird gern gespottet, auch von mir. Doch hin und wieder tun die Lords und Ladies etwas Nützliches.

Im Unterhaus wurde das neue Antiterrorgesetz, das unter anderem gestattet, Verdächtige 42 Tage lang ohne Gerichtsbeschluss zu inhaftieren, mit knapper Mehrheit angenommen. Im Oberhaus dominieren die Kritiker, Lady Eliza Manningham-Buller meint: „Ich habe abgewogen zwischen dem Recht auf Leben, dem wichtigsten Bürgerrecht, der Tatsache, dass es keine absolute Sicherheit gibt und der Bedeutung unserer hart erkämpften bürgerlichen Freiheiten. Deshalb kann ich aus grundsätzlichen Gründen die 42tägige Inhaftierung ohne Anklage nicht unterstützen.“ Die britische Presse gibt dem Gesetz nach ihrer Rede kaum noch eine Chance. Denn Manningham-Buller leitete den Inlandsgeheimdienst MI 5, und M war nur die bekannteste und einflussreichste unter zahlreichen Polizisten, Staatsanwälten und anderen Experten, die den Gesetzentwurf kritisierten.

10. Juli 2008, 09.13 Uhr:

Im Boden versinken

von Stefan Ripplinger

Vernissagen sind wie Geburtstagsfeiern, peinlich affektiert und quälend langweilig. Man macht sich gar nicht klar, dass nicht selten die Künstler ebensosehr unter ihnen leiden wie die Besucher. Über den vor wenigen Tagen verstorbenen Bruce Conner lese ich, er habe in den frühen Sechzigern den bei seinen ersten Vernissagen auf ihn wartenden Gästen, die nicht wissen konnten, wie er aussieht, Zettel mit „Ich bin Bruce Conner“ und „Ich bin nicht Bruce Conner“ angesteckt. Unerreicht aber bleibt Vito Acconcis Aktion „Seedbed“ (1971). Er legte sich unter die Dielen der Galerie und wichste. Über Lautsprecher teilte er den Galeriebesuchern mit, was ihm gerade über die Leber lief. Das ist eben eine Vernissage: Man möchte im Boden versinken, wenn auch nicht unbedingt, um sich zu exhibitionieren.

9. Juli 2008, 14.05 Uhr:

Faschos gegen Rassismus?

von Ivo Bozic

… oder so ähnlich. Ein Artikel in der Jungle World sorgt für Aufregung - vor allem in antiimperialistischen Wohnstuben.

8. Juli 2008, 15.47 Uhr:

Studieren in Sderot

von Ivo Bozic

“Leben auf einer Zielscheibe” war meine Reportage aus Sderot im Februar 2007 in der Jungle World überschrieben. Auf der Zielscheibe Sderot wird nicht nur gelebt, sondern auch studiert. Und zwar im Sapir College, einer großen Universität direkt an der Grenze zum Gaza-Streifen. Die hatte man extra dahin gebaut, weil man zahlreiche Kooperationen mit den Palästinensern geplant hatte. Doch genau an jenem Tag im Herbst 2000, als man zu diesem Zwecke eine israelisch-palästinensische Konferenz veranstalten wollte, brach die Zweite Intifada aus - seitdem wird Sderot mit Raketen beschossen, schon über 100 Kassams sind in das Uni-Gelände eingeschlagen, wo über 8.000 Menschen studieren.

Unterstützung kann die Uni jederzeit gebrauchen. Jetzt hat das Sapir College auch eine englischsprachige Homepage.

6. Juli 2008, 09.33 Uhr:

Je veux être peuple (2)

von Stefan Ripplinger

Zu den tragischen Geschichten der Intellektuellen gehört die des Schöngeistes, der sich irgendwann und nicht ohne Grund vor der eigenen Schöngeisterei und ihren bourgeoisen Anhängern ekelt, aber mit solcher Inbrunst, dass er auf einmal alles verdammt, was er jemals geliebt hat, und fortan den angeblich gesunden Geschmack der Masse feiert, die freilich auf ihn nicht gewartet und an ungebetenen Fürsprechern ohnehin keinen Mangel hat. Es ist die Geschichte von Carl Einstein, der einige der feinsten Kunstbetrachtungen der Zehner und Zwanziger lieferte, nur um in den Dreißigern seine eigene Arbeit und die Gleichgesinnter als „Fabrikation der Fiktionen“ zu verdammen und auf die Masse zu hoffen, die bald darauf über ihn und seinesgleichen hinwegtrampelte. Es ist die Geschichte des Filmtheoretikers Noël Burch, der nach eigener Auskunft als Anhänger des L’art pour l’art anfing und in seinem neuesten Buch, mit dem köstlichen Titel „De la beauté des latrines“, die L’art-pour-l’art-Doktrin als Ursache allen Übels, nämlich als eine elitäre und „maskuline“ Ideologie, ausmacht und Zuflucht ausgerechnet beim Hollywood-Kino der Fünfziger sucht. Demnächst wird er wohl entdecken, wie volksnah der Blockbuster ist. Das Volk wird es nie erfahren. Und es ist die Geschichte von Pol Pot, der seine Laufbahn als Mallarmé-Liebhaber begann und sie damit beendete, alle Schöngeister umbringen zu lassen, als ob sie dafür zu büßen hätten, dass er einer war.

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