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Kürzliche Beiträge
26. Juni 2008, 21.42 Uhr:

Feuchtgebiet

von Ivo Bozic

Normalerweise wollen Regierungen und die Wirtschaft gerne, dass große Sportereignisse in ihrem Staat ausgetragen werden - eine tolle Werbung für ihr Land ist das. Gerade für Tourismus-Länder wie auch Österreich und Schweiz gilt dies besonders. Doch inzwischen wünscht sich vermutlich so mancher in Ösiland und Schweiz, die „Euro 2008“ würde wo anders stattfinden. Einen größeren Schaden für die Tourismus-Branche als diese EM ist kaum vorstellbar. Wann immer wir den Fernseher einschalten zur Fußball-Übertragung, sehen wir: es regnet. Nun ja, manchmal gießt es auch oder schüttet, plästert, pladdert oder schifft, mal in Strömen, mal wie aus Kübeln oder auch wie aus Eimern. Gerne auch mal mit Gewitter. Und das, während fast überall in Europa schönstes Sommerwetter herrscht.
Wenn ich Urlaub in den Alpen gebucht hätte, würde ich stornieren…

26. Juni 2008, 18.06 Uhr:

Dr. Schäuble oder: Wie die CDU lernte, Brandt zu lieben

von Jörn Schulz

Wer die deutsche Staatbürgerschaft erlangen möchte, muss in Zukunft wissen, warum Willy Brandt 1970 in Warschau kniete. Viele finden das unfair, weil die meisten Deutschen es nicht wissen. Einen Vorzug aber hat der Einbürgerungstest: Er beweist, zu welchen Integrationsleistungen die deutsche Gesellschaft fähig ist. Die Frage hätte nämlich auch lauten können: „Welche Bundestagsparteien verweigerten dem 1970 in Warschau von Brandt geschlossenen Vertrag die Zustimmung, weil sie die Gebietsansprüche gegenüber Polen nicht aufgeben wollten?“ Die richtige Antwort lautet: „CDU und CSU“

Für die Einbürgerung von Bayern würde ich folgende Testfrage vorschlagen:
Die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages durch die Bundesregierung nannte der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß:
a) „einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer friedlichen Welt“
b) „Versailles von kosmischen Ausmaßen“
c) „verfrüht, da eine atomare Aufrüstung der SED-Diktatur nicht ausgeschlossen werden kann“
Die richtige Antwort ist b)

Dennoch haben sie es geschafft. Die sogenannten Vertriebenen, deren Integrationsunwiligkeit noch 1994 Barbara Loeffke bekundete: „Das Gastland kann die Heimat nicht ersetzen.“ Die Revanchisten aus der CDU/CSU, die erst 1990 rechtlich verbindlich auf polnisches Territorium verzichten mochten. Die hompohoben Christen, deren Hauspartei CDU die Strafbarkeit der Homosexualität 1962 so rechtfertigte: „Wo die gleichgeschlechtliche Unzucht um sich gegriffen und großen Umfang angenommen hat, war die Entartung des Volkes und der Verfall seiner sittlichen Kraft die Folge.“ Nun gilt ihnen “der Herr Brandt alias Frahm", wie es Adenauer formuliert hatte, um dezent daran zu erinnern, dass Brandt unehelich geboren wurde, nicht mehr als vaterlandsloser Geselle, der sich dem Kampf für den Führer schändlicherweise entzog, wie Strauß es ihm vorgeworfen hatte: “Eines aber wird man Herrn Brandt doch fragen dürfen: ‘Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht?’” Irgendwie sind sie in der Demokratie angekommen, und nun – der übliche Übereifer der frisch Bekehrten – wollen sie sogleich andere belehren.

24. Juni 2008, 14.14 Uhr:

Pulitzer Prize

von Stefan Ripplinger

Wenn es wieder besonders eng wurde, pflegte ich die Liebste mit den Worten zu beruhigen: Keine Sorge, demnächst hole ich uns den Pulitzer Prize. Worüber wir beide herzlich lachten, nun ja, ich lauter als sie, wie ich zugeben muss. Aber wer hätte gedacht, dass noch ganz andere Chancen winken:

Der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) hat einen neuen Journalistenpreis ins Leben gerufen. Prämiert werden Berichte, Reportagen, Dokumentationen und Essays, die sich mit der Private-Equity-Branche sowie ihrer Bedeutung für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beschäftigen und auf diese Weise einem breiten Publikum ein tieferes Verständnis dieses Themas vermitteln. Unter Private Equity versteht der BVK sowohl die Wagniskapital-Geber ("Venture Capital") als auch Fonds, die Mehrheitsbeteiligungen an etablierten Unternehmen eingehen ("Buy-Out-Fonds").

Das erinnert mich an einen Film von Sam Fuller, in dem ein Journalist sich verrückt stellt, um im Irrenhaus einen Mord aufzuklären und damit berühmt zu werden. Als er glücklich hineingelangt ist, blickt er den Flur mit all den seltsam gestikulierenden Gestalten hinab und spricht: „And this long corridor is the magic highway to the Pulitzer Prize.“ Aber es kommt ganz anders, und nicht, weil er sich in die Private-Equity-Branche verirrt hätte. Der Fuller, diesen Schrecken auszumalen, ist noch nicht geboren.

21. Juni 2008, 18.33 Uhr:

Marcel Duchamp

von Diedrich Diederichsen

Wenn jemand diesen Sommer nur ein Buch lesen wollte, sollte es dieses sein: “Beyond the Dream Syndicate - Tony Conrad and the Arts after Cage” von Branden W. Joseph, erschienen bei Zone Books. So wie sich die 50er und 60er Jahre mit Marcel Duchamp eine Figur erschaffen haben, die alles, was damals anstand, schon Jahrzehnte vorher gedacht und gemacht haben soll, und sich so über die verbürgte historische Realität eines Ahnen Sicherheit bei prekären Gegenwartsaufgaben verschafften, so machen wir es heute mit Tony Conrad. Der war in der Tat bei all den Momenten und Projekten der 60er bis 90er Jahre dabei, die uns heute noch interessieren: Drone-Musik, Queer Underground, Concept Art, Duration Pieces und Psychedelia, Infragestellung des Kino-Dispositivs, Krieg und Spiel, Velvet Underground und vieles mehr, persönlich befreundet mit Jack Smith, John Cale, Mike Kelley, Uwe Nettelbeck, Henry Flynt und vielen mehr. Josephs Buch versucht Conrad aber nicht zur geheimen Quelle zu verklären, sondern schildert ihn eher als einen, der der Hitze folgt und dann mit mathematischem Gleichmut tut und vertritt, was zu tun ist. Kein mysteriöser Urheber, aber auch nicht nur ein Zelig: Gerade die spezifische produktive Qualität des Verhältnis, das Conrad zu Situationen entwickeln konnte, macht ihn aus. Joseph versucht die Deleuze’sche “kleine Literatur” auf ihn als Produktionskatgeorie anzuwenden. Vielleicht ist es auch noch etwas Anderes. Eine Mischung aus Szene- und Hipster-Wissen ("Wo ist was los?") mit sehr klaren künstlerischen Kategorien, die immer die soziale Besonderheit der jeweiligen Szenen respektierte und ihnen nicht als um Credit in the straight world mitbietender Autor auf die Nerven fiel. So jemand wie die andere Seite des lyrischen Ichs aus “Losing my Edge” von LCD Soundsystem: also einer, der immer bei den richtigen Sachen dabei war, aber eben nicht, um später den jungen Leuten davon zu erzählen, sondern um sich die Nachricht von der Gelungenheit des eigenen Lebens hinterher von den jungen Leuten überbringen zu lassen - um hier mal die minor literature zum major Hipster-Märchen zuzuspitzen.

21. Juni 2008, 10.46 Uhr:

Je veux être peuple

von Stefan Ripplinger

Die Geschichte vom König, der sich verkleidet unters Volk mischt, fasst das deutsche Märchen servil und sadistisch, wüst erzählt sie Antonin Artaud in seinem „Héliogabale“ (1934), am kürzesten, kühlsten und klügsten jedoch George Garrett in „The Succession“ (1983):

There was a King of Scotland once, not long ago, who, it is said, used to wander among the people in disguises. To learn what they were thinking and saying and doing. Fat good it did him! No doubt he learned something. But whatever it was he carried it with him into an early grave. And like most other monarchs, wiser and less so, he managed to leave his kingdom somewhat worse than he had found it.

20. Juni 2008, 12.57 Uhr:

Nee, wissense, nee...

von Ivo Bozic

Sicher, sicher, ein SPD-Werbespot von 1957 gehört eigentlich ins GESTERNblog. Aber wenn die SPD nochmal was reißen will, sollte sie sich womöglich an Plietsch und Plemm erinnern… Nagut, vielleicht fällt das auch eher unter die Rubrik Zynismus - oder Schadenfreude?

Hm, haben Sie auch gerade an die Linkspartei und Lafontaine gedacht?

20. Juni 2008, 01.08 Uhr:

Doug Cass and Pat singing

von Ivo Bozic

Extra für die Veranstaltung gestern im “White Trash Fast Food” hat Ol’ Doug einen Song aufgenommen, zusammen mit Pat. Inklusive Grüße an die Jungle World und an seine deutschen Fans in Berlin:

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