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Kürzliche Beiträge
6. Juni 2008, 10.52 Uhr:

Bruce Low

von Stefan Ripplinger

Das ist ja auch eine … wir nennen das „Pferdehalfter“. Das beruht darauf, daß mal irgendein Sänger, ich glaub’ auch, ich weiß, wie er heißt, ist ja egal. Dann ist er eben gestorben und Herr Köpcke (Karl-Heinz Köpcke) oder wer auch immer in den Fernsehnachrichten sitzt da ganz ernst und sagt: „Gestern verstarb der bekannte Sänger soundso. Er wurde bekannt durch sein Lied ‚Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand’.“ Und das als ernsthafte Nachricht zwischen Explosionen in Bangkok und Fußball in Manchester. Also das fanden wir … seitdem ist „Pferdehalfter“ sozusagen ein Scherzsynonym für „Lebensleistung“. Also die berü … bewußte Relativitätstheorie, das war eben auch so eine Art Pferdehalfter.

Tomas Schmit in T.S. / Wilma Lukatsch, Dreizehn Montagsgespräche. Wiens Verlag, Berlin 2008, S. 347

5. Juni 2008, 13.19 Uhr:

Galaktische Ausmaße der Milchkrise

von Ivo Bozic

+++ breaking news +++
Schock! Der Bauernkrieg führt nicht nur zu Engpässen im Lidl-Regal, jetzt ist sogar die Milchstraße geschrumpft! Jetzt schnell Hamster kaufen!

5. Juni 2008, 12.25 Uhr:

Möllemann, geh du voran!

von Ivo Bozic

Vor genau fünf Jahren sprang Jürgen W. Möllemann in den Tod. Vor ziemlich genau sechs Jahren, am 29. Mai 2002, titelte die Jungle World mit einem fallschrimspringenden Möllemann in blau-gelbem Springeranzug und der Schlagzeile “Möllemann, geh du voran!”
Dazu gab es drei Artikel zu Möllemanns u.a. antisemitischen Umtrieben. In einem hieß es: “Möllemann hat aber alles überlebt.” Da haben wir uns denn doch mal geirrt.

3. Juni 2008, 17.38 Uhr:

Wo versank die welsche Brut?

von Jörn Schulz

Die CDU hat die Germanen wieder entdeckt. Angela Merkel sowie die Ministerpräsidenten Christian Wulff und Jürgen Rüttgers übernehmen die Schirmherrschaft für das Ausstellungsprojekt „Imperium – Konflikt – Mythos. 2000 Jahre Varusschlacht“ im kommenden Jahr. Zu ihnen gesellte sich Hans-Gert Pöttering (CDU), Präsident des Europäischen Parlaments, der glaubt, dass das Projekt „die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums auf ein herausragendes europäisches kulturgeschichtliches Ereignis lenken wird.“

Im Herbst des Jahres 9 massakrierten die Kämpfer des germanischen Warlords Arminius in einer mehrtägigen Schlacht etwa 15000 von Publius Quinctilius Varus geführte römische Legionäre. Dieses „herausragende kulturgeschichtliche Ereignis“ wurde in der völkischen Mythologie zum erfolgreichen Abwehrkampf der Deutschen gegen undeutsche Invasoren erklärt. Etwa im Niedersachsenlied, das CDU-Mitglieder immer noch gerne singen: „Wo fielen die römischen Schergen? / Wo versank die welsche Brut? / In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut. / Wer warf den röm’schen Adler nieder in den Sand? / Wer hielt die Freiheit hoch im Deutschen Vaterland?“

Das ist nicht ganz fair gegenüber Arminius, der vermutlich eher an die vier Tonnen Gold und Silber dachte, die Varus mit sich führte als an ein „Vaterland“. Selbst römischer Bürger und Offizier, kam er wohl zu dem Schluss, dass die Aussicht auf Aquädukte und Ozelotohren in Feigengelee die hohe Steuerlast nicht rechtfertigte, die Rom den Provinzen auferlegte. Die meiste Zeit verbrachte er mit Feldzügen gegen andere germanische Warlords. Wer von Germanen spricht, benutzt im Übrigen die Sprache der römischen Besatzer, die mit diesem Begriff Stämme zusammenfassten, die nie die Absicht hatten, einen Staat zu gründen oder ein „Volk“ zu werden.

Bislang enthalten sich die Organisatoren der Ausstellung jeglicher Interpretationen, und Eckhard Fuhr, Redakteur der Welt, glaubt: „Das wird die Kanzlerin schon ordentlich europäisch einbetten und auch für die vielen Tausend hingemetzelten Römer angemessene Worte finden.“ Wird sie wohl, denn die „welsche Brut“ wird sicherlich aufmerksam beobachten, was die Germanen da so treiben. Doch ganz ohne identitätspolitischen Kitsch wird es wohl nicht gehen, und 2009 hätte es weit bessere Anlässe für Gedenktage gegeben. Mein Favorit: „Die unvollendete Säkularisierung: 200 Jahre nach der Annexion des Kirchenstaates durch Napoleon“.

3. Juni 2008, 17.32 Uhr:

David La Flamme

von Diedrich Diederichsen

Da heute schon wieder ein heißer Sommertag ist, fiel mir die Umfrage ein, die Heike Runge neulich rumgeschickt hat und nach Sommerpräferenzen fragte. Ich hatte wieder mal vergessen zu antworten. Grund: mir fiel zu allen Fragen nichts ein, zu einer Frage, aber alles. Jedenfalls zuviel; nämlich zur Frage nach dem Lieblingssong zum Sommer. Nach einer Weile inneren Auflistens wurde mir klar, dass die so entstandene Liste fast identisch war mit der Trackliste einer von meinem Bruder um 1971 aufgenommenen MusiCassette (Agfa C90), die wir während eines heißen Sommers in Spanien gehört hatten. Darunter “Codine” von Buffy Sainte Marie in der Fassung von Quicksilver Messenger Service, der Höhepunkt weinerlich drogenanklagender Drogenverherrlichung, eine köstliche Überdosis selbstmitleidiger Männersentimentalität, “Can’t Be So Bad” von den gleichwohl schwächeren, weil nüchterneren Moby Grape, irgendwas von Bloodwyn Pig, “Good Morning, Little Schoolgirl” in der Fassung von Grateful Dead, und eben auch, durchaus zwei Stücke von It’s A Beautiful Day, nämlich das flotte “Soapstone Mountain", wo einer sich an seine Kindheit in einer One-room-cabin erinnert: “One room full of love, and that was all” - das ist das Allerschönste, sich an seine Kindheit erinnern, die man damit verbrachte, anderer Leute Kindheitserinnerungen zuzuhören - und “Hot Summer Day", der größenwahnsinnigste und unschlagbarste Kitsch des Jahrhunderts. Am Anfang wird durch die Geige und eine zischende Orgel programmmusikalisch die flirrende Hitze des Sommertages erzeugt und im Mittelteil pompert die Macho-Stimme des geigenden Sängers David La Flamme über die Kämme der Sierra Nevada hinweg, so dass man sie bis Colorado hören kann: “Love, LOVE - where did you go?”

Jeder Dreck kann also mein Lieblingslied sein. Pop-Songs sind also tatsächlich nichts anderes als Löschblätter der Seele. Sie haben keinen eigenen Sinn, man muss sie nur zur rechten Zeit am rechten Ort hören und sie speichern ein Gefühl. Als Adorno in seinem Grammophon-Aufsatz schrieb, dass Hörer aufgezeichneter Musik, Musik nur noch so hören, wie man sich Fotos in einem Fotoalbum ansieht, hatte er mal wieder recht. So dachte ich und vergaß die Umfrage. Wechselte zwischendurch zwischen den heißen Hauptstädten und fragte mich: Warum sich mit der Struktur des Löschblattes beschäftigen, wenn es doch nur ein beliebiges Gefäß ist? Bin ich Medienwissenschaftler? Scheißt Bob Dylan in den Wald?

Je nun. David La Flamme war einer dieser vielen französischnamigen, entweder kanadisch- oder Bayou-stämmigen Wundermachos, die der Pop-Musik und der Hell’s-Angel-Bewegung viel gegeben haben. Vor It’s A Beautiful Day hatte er eine Improv-Band mit seinem in dieser Hinsicht Vetter Bobby Beausoleil, der den ersten Manson-Mord beging (auch wenn er zu der Truppe nur am Rande gehörte), später aus dem Knast, wo er noch heute sitzt, die Musik zur überaus dubiosen Extersteine-Passage von Kenneth Angers “Lucifer Rising” schrieb, ein ebenfalls grandios überschlocktes Krautrockzeugs ohne Kraut, und heute bombastische New-Age-Rock-Symphonien komponiert und aus dem Knast als teure Picturediscs verkauft. Die schlimmste vorstellbare Musik, aber ich habe sie komplett. La Flammes Verbrechen bestand dagegen darin, mit der Bandkasse von It’s A Beautiful Day abzuhauen.

Meine Kinderempfindung der Sommerhitze und das, was sich da wirr an Hippie-Macho-Spinnzeugs in die heiße Sommertags-Phantasie ergoß, war vielleicht doch nicht so beliebig verbunden. Diese unterentwickelten, vieles ahnenden, nicht wissenden und mit überschüssigen Kräften rumsauenden Gewaltsentimentalos standen meiner Halbwüchsigkeit wahrscheinlich wirklich nahe. Nur mit künstlerischer Qualität des Löschpapiers haben solche Erinnerungsflashs nichts zu tun. Oder eben doch? Die Pop-Musik mit ihrem gnadenlosen Wahrheitsindex: Du bist, was Du hörst. Das ist ihre Qualität.

Der entscheidende Sommersong wäre dann, hätte ich ausgefüllt, “Summer’s Almost Gone” von den Doors geworden, etwas später kennen gelernt, im verkifften Sommer 1973. Man hörte das an der Außenalster, der eine ältere Typ, den alle Scholz oder Kröger oder so nannten, hatte einen Armybeutel mit dem Dope und das Schöne war, dass einem erzählt wurde, dass erst aus der Perspektive des Vorüberseins der Sommer schön gewesen sein wird, wir uns das aber noch mitten in der Hitze der Sommerferien anhörten, also die sentimentale Erinnerung an das genießen konnten, was doch noch Gegenwart war. Und die Gegenwart als Dreingabe.

3. Juni 2008, 16.35 Uhr:

Krass, CRASS!

von Ivo Bozic

Veranstaltungshinweis für Berlin: Im Rahmen vom Berlin Underground Filmfest im White Trash Fast Food gibt es am Mittwoch, dem 4. Juni, einen Filmabend über CRASS, die legendäre englische Anarcho-Punkband.

Um 21 Uhr läuft als Premiere die Musikdokumentation CRASS: THERE IS NO AUTHORITY BUT YOURSELF über die Band, die zwischen 1977 und 1984 existierte und sich immer konsequent dem kommerziellen Ausverkauf des Punk verweigerte.

Als Gast kommt GEE VAUCHER, ein ehemaliges Mitglied der Band, die für das komplette Artwork der Gruppe zuständig war und auch für deren Live-Auftritte eigene Filme gedreht hat. Einige dieser Filme werden im 2. Teil des Abends unter dem Titel SEMI DETACHED - A COLLECTION OF FILMS BY GEE VAUCHER zu sehen sein.

3. Juni 2008, 15.26 Uhr:

Film über Film

von Stefan Ripplinger

Kunstwerke können nur von Kunstwerken, das Medium kann nur im Medium kommentiert werden, von Gedichten lässt sich nur in Gedichten, von Gemälden nur auf Gemälden, von Filmen nur in Filmen angemessen handeln. Einiges spricht gegen diese Behauptung, weitaus mehr für sie. Vor allem sprechen viele Kunstwerke dafür, deren Gegenstand ein anderes Kunstwerk, die eigene Kunst, das eigene Medium ist. Da gibt es großartige Sachen. Was Kino betrifft, nehme man nur die zugleich knochentrockenen und urkomischen Filme von Morgan Fisher. In Österreich gibt es eine ganze Tradition an solchen Materialfilmen (Rainer, Kren, Export, Scheugl, Schmidt, Tscherkassky u.a.). In Deutschland scheint sich gerade Eske Schlüters, deren Arbeiten ich noch nicht kenne, einen eigenen Weg auf diesem Gebiet zu bahnen.

Ab heute ist die Website des Projekts Kunst der Vermittlung. Aus den Archiven des Filmvermittelnden Films freigeschaltet. In den nächsten Monaten werden dort Filmographien, Artikel, Materialien zum Thema zusammengetragen. Veranstaltungen in Berlin, Köln, Wien und anderswo zeigen die entsprechenden Filme. Auch die pädagogische Seite des Themas wird angeschnitten, doch in der Nachfolge von Alain Bergala, der auf sehr anmutige Weise im Film Filme vorstellt. Angenehmster Unterricht. Unter den Mitgliedern des Projekts finden sich übrigens einige aus den legendären Jungle World-Filmgesprächen bekannte Namen.

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