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Kürzliche Beiträge
2. Juni 2008, 15.42 Uhr:

Aus Forschung und Wissenschaft

von Ivo Bozic

Selbstverständlich konnten sich weder Bild noch Spiegel die Wortspielchen VERKNEIFEN und keinen Kalauer ZURÜCKHALTEN:

„Dringendes Problem auf der Internationalen Raumstation: Das einzige Klo ist defekt. Die Besatzung muss bis mindestens Montag aushalten. Am Boden arbeitet man derweil unter Hochdruck an der Lösung des Problems.“

Dafür habe ich aber volles Verständnis. Und jetzt wird das Klo ja auch endlich repariert. Doch die eigentlich spannende Frage blieb offen: Was passiert eigentlich mit den Fäkalien an Bord der Raumstation? Werden sie ins All geschossen oder wieder mit zur Erde gebracht?

Auf dieser schönen Seite kann man sich alles rund um die Hygiene im Weltraum sehr schön anschauen, - jedenfalls wie es in der „Mir“ war - und man erfährt u.a.:

„Anstelle einer Wasserspülung verfügt die Toilette über ein Absaugrohr, das die Fäkalien nach unten in eine Auffangvorrichtung abführt. Die Feststoffe werden gepresst und bis zur späteren Entsorgung gelagert, während Urin separat aufgefangen und wiederaufbereitet wird. Der komplett gereinigte und desinfizierte Urin wird aufbereitet und daraus unter anderem Brauchwasser für die Crew gewonnen.“

Dies nur mal so als Information, falls Sie überlegen, sich für die Mars-Mission zu bewerben.

2. Juni 2008, 00.17 Uhr:

Requisiten

von Stefan Ripplinger

Als Marcel Duchamp und Man Ray Gebrauchsgegenstände ihren Zwecken entfremdet haben – der eine hängte eine Schneeschaufel an die Decke, der andere versah ein Bügeleisen mit Nägeln –, schienen sie blind auf die ehrwürdige These der Autonomieästhetik zu vertrauen, das Schöne könne niemals nützlich, das Nützliche niemals schön sein. Doch dann gaben sie ihren neuen Dingen Titel und nahmen ihnen damit ihre Selbständigkeit wieder; sie gaben ihnen einen neuen Zweck in einer neuen Geschichte. Die Schaufel heißt bekanntlich „In Advance of the Broken Arm“ (1915), was, ich kann mir nicht helfen, aus ihr ein Requisit in der Geschichte eines Skiunfalls, vielmehr ein Utensil, diesem vorzubeugen, werden lässt. Das Bügeleisen heißt „Le cadeau“ (1921) und erinnert deshalb an die etwa zur selben Zeit von Marcel Mauss (Essai sur le don; 1923/24) vorgebrachte ethnologische Beobachtung, Geschenke könnten, anders als der Begriff es erwarten lässt, eine Verpflichtung, eine Herausforderung, gar ein Fluch sein. Auch hier assistiert die Phantasie mit blutigen Geschichten.

Dagegen behaupten die Dinge, die George Brecht auf seine Stühle legt, niemals, für sich zu stehen. Bloß sind die Skripte, Libretti und finsteren Märchen, in denen sie eine Rolle spielen könnten, noch nicht geschrieben. (Und es ist fraglich, ob sie geschrieben werden sollten.)

29. Mai 2008, 16.53 Uhr:

Ein Ruf nach Liebe

von Jörn Schulz

In Deutschland werden bald viele Führungsetagen in den Konzernhochhäusern leer stehen. Denn „knapp 70 Prozent aller Manager überlegen, das Land zu verlassen“, stellt das manager-magazin fest. 18 Prozent sitzen praktisch schon auf gepackten Koffern, 23 Prozent denken „oft darüber nach“, auszuwandern, und weitere 28 Prozent ziehen es für den Fall in Erwägung, dass die „Belastungen“ steigen. Denn bereits jetzt finden 79 Prozent der 2000 Befragten die Steuern und Sozialabgaben „zu hoch“ oder „viel zu hoch und ungerecht“, nur ein Prozent meint, die Belastungen seien „gerecht verteilt“.

Deutsche Unternehmer und Manager leiden offensichtlich mehr als ihre Kollegen in anderen Ländern. Der wirtschaftsliberale US-Journalist Daniel Gross
stellte bereits vor Jahren fest, dass sie eigentlich immer pessimistisch sind. Er vermutete „etwas Kulturelles“ als Ursache und fragte: „Leiden deutsche Geschäftsleute womöglich unter einem andauernden Schamgefühl oder haben sie Hemmungen, weil in der Welt immer Unruhe aufkommt, wenn die Deutschen enthusiastisch werden?“ Eher auf die Spur der Ursachen unternehmerischen Leidens führt wohl das einfühlsame manager-magazin, das über „die Ausgestoßenen“ schreibt, die sich fragen: „Sind wir hier eigentlich noch erwünscht?“ Henrik Müller meint: „Man kann von den Erfolgreichen kein vorbildliches Verhalten erwarten, wenn man sie nicht entsprechend behandelt.“

Denn was kann sich ein Mensch wünschen, der Geld und Macht im Überfluss hat? OK, noch mehr Geld und noch mehr Macht. Vor allem aber möchte er bewundert und geliebt werden. Doch derzeit gibt es Schelte sogar von Horst Köhler. Das ist zuviel für die arme Managerseele. Für friedliebende Revolutionäre ist es hingegen eine gute Nachricht. Denn es wird wohl gar nicht nötig sein, von der Bourgeoisie den Strick zu kaufen, an dem man sie dann aufknüpft. Man straft sie stattdessen mit Liebesentzug, und statt „Sprich, Genosse Mauser“ kann es in Zukunft heißen: „Sprich, Genosse Steuereintreiber“.

28. Mai 2008, 17.23 Uhr:

Nachhaltig bombardieren

von Jörn Schulz

Beim Umweltschutz kann den Deutschen niemand etwas vormachen. Selbst auf Gebieten, die ein gewöhnlicher Ökologe ignoriert, können deutsche Wissenschaftler Innovationen vorweisen. Krieg zum Beispiel könnte viel umweltfreundlicher geführt werden, wenn derzeit gebräuchliche Sprengstoffe wie TNT und RDX, die toxisch sind und bei der Detonation giftige Dämpfe freisetzen, durch die Tetrazole ersetzt werden, die Thomas Klapötke und andere Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität entwickelt haben. Nicht nur sauberer, sondern auch sicherer zu handhaben und von höherer Sprengwirkung ist die Mischung, besonders geeignet „für großkalibrige Schiffs- und Panzerkanonen“, lobt Klapötke sein von der Bundeswehr und der US-Armee mitfinanziertes Werk.

28. Mai 2008, 10.36 Uhr:

Liebes Tagebuch, heute war ich wieder sehr glücklich

von Stefan Ripplinger

Es hat mich oft irritiert, wenn Positivismus und Positives Denken miteinander verwechselt werden. Das schien mir degoutant. Dabei haben doch beide Denkschulen geachtete Persönlichkeiten hervorgebracht, der Positivismus Otto Neurath, der mich überrascht und zum Lachen gebracht hat, das Positive Denken Rainald Goetz, einen Mann, der wohl sehr unglücklich ist, denn er muss sich jeden Tag aufs Neue einreden, er sei sehr glücklich. Ja, das ist der Unterschied, Positives Denken ist eine traurige Sache, Positivismus kann mitunter recht lustig sein.

27. Mai 2008, 12.18 Uhr:

Der Müll, die Stadt und der Tod

von Ivo Bozic

Im Spiegel stand ein Artikel zu dem Pogrom gegen die Roma in Neapel-Ponticelli und den Ausschreitungen wegen der Müllkrise. Der Autor Alexander Smoltczyk hat beide Ereignisse in Zusammenhang gebracht: „Die Leute von Ponticelli machten das, was sie auch mit den Müllhaufen tun, um die sich niemand kümmert. Ein paar Jugendlichen wurde zu verstehen gegeben, dass niemand etwas gegen Brandflaschen einzuwenden hätte.“ Der Artikel endet mit dem beißenden Absatz:

„Der Müll und die Roma stehen auf der Tagesordnung. Es wird wieder Sonderdekrete geben und ein Sicherheitspaket. Und alle werden von den modernen Verbrennungsanlagen jenseits der Alpen reden und wie man dort mit Problemen fertig wird. Deutschland hat seine Hilfe angeboten. Die nächsten zehn Wochen werden jeden Tag Güterzüge nach Norden rollen. In das Land, wo die besten Öfen stehen.“

In der Online-Ausgabe lesen wir nun den Artikel ohne den letzten Satz, dafür mit folgender redaktioneller Anmerkung:
„In der aktuellen Printausgabe des SPIEGEL endet dieser Text mit dem Satz: ‚In das Land, wo die besten Öfen stehen.’ Der Autor wollte damit das Erschreckende einer ‚Weg mit…’-Haltung betonen, die gegenüber lästigem Müll und lästigen Menschen nur ans Werfen von Brandflaschen denkt. Zu seinem Bedauern kann dieser Satz als bloßes Wortspiel mit der Erinnerung an die Nazi-Zeit missverstanden werden und wurde deshalb in der Online-Version gestrichen.”

Wortspiel? Missverständnis? Nein, nein, das glaub ich kaum. Der Autor wollte mit dem Satz „In das Land, wo die besten Öfen stehen“ wohl kaum „das Erschreckende einer ‚Weg mit…’-Haltung betonen“, denn das hat er ja schon vorher ausgiebig getan. Mit diesem letzten Satz wollte er ziemlich sicher genau das tun, was die Redaktion nun als „Missverständnis“ deklariert, nämlich eine „Erinnerung an die Nazi-Zeit“ assoziieren - allerdings nicht als „Wortspiel“, sondern sehr klar und deutlich. Was der Autor nun angeblich „bedauert“ ist mir allerdings nicht klar, ich nehme eher an, der Spiegel bedauert. Aber zugegeben: Das ist nur eine Vermutung…

25. Mai 2008, 08.48 Uhr:

Sorry (6 und Schluss)

von Stefan Ripplinger

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