Schlüppis
Kürzliche Beiträge
28. Oktober 2013, 18.46 Uhr:

Praktizierte Political Correctness

von Thomas von der Osten-Sacken

Leyla Hussein führte beeindruckend vor, was political correctness, oder besser vermeintliches Verständnis für andere Kulturen, für Folgen haben kann. Sie, die selbst in ihrer Kindheit genitalverstümmelt wurde, sammelte in einem Experiment Unterschriften für die Legalisierung der Praxis in England.

Und was kam dabei heraus?

She decided to conduct an experiment to see “how crazy political correctness has become” but was left in tears by the end.

Approaching shoppers with the petition supporting FGM, she told them she wanted to protect her  “culture, traditions and rights”.

In only 30 minutes 19 people signed it with some saying they believed FGM was wrong but because it was part of Ms Hussein’s culture they would add their names. Only one person refused to sign. (…)

Speaking after the experiment in Northampton, Ms Hussein broke down and said she was scared by people’s reactions.

Würde so etwas in Berlin oder Frankfurt anders verlaufen? Wohl kaum.

In Irakisch-Kurdistan dagegen, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, würde dieses Experiment vermutlich ganz anders verlaufen. Oder im Senegal. Oder in Ägypten. Oder in Niger. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

27. Oktober 2013, 11.31 Uhr:

Europa und die blonden Mädchen

von Thomas von der Osten-Sacken

Blonde Mädchen, die können ja unmöglich die Töchter von Roma sein, nicht wahr?

Dazu schreibt die New York Times:

Whatever the outcome, the Roma say that it is they who now live in fear — of having their children snatched for no reason other than their cultural identity or skin color. The cases, they say, have helped fan a sometimes violent backlash against the roughly 11 million Roma scattered across Europe. In an era of budget cutbacks and high unemployment, politicians on both the left and the right have singled out the Roma as emblematic of the problems of illegal immigration and have questioned whether they can ever be integrated.

24. Oktober 2013, 18.57 Uhr:

Was hat Merkel zu verbergen?

von Jörn Schulz

Ja, jetzt auf einmal. Skandal! Die Amerikaner haben abgehört! Unsere Kanzlerin! Skandal! Doch sollten wir umsichtig sein, und nach der notwendigen Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit kann man nur sagen: Bleiben Sie hart, Herr Obama. Denn hier handelt es sich nicht um eine Datenabschöpfung ohne Anlass, sondern um eine gezielte und notwendige Überwachungsmaßnahme im Interesse nicht nur der nationalen, sondern der globalen Sicherheit. Abgesehen vielleicht von Ted Cruz gibt es keine Person auf diesem Planeten, die eine so große Gefahr für die Weltwirtschaft darstellt wie Angela Merkel.

Erinnern wir uns. September 2008, Finanzkrise. Was tut die Bundesregierung? Sie tut so, als ginge sie das nichts an. Die US-Notenbank Fed schüttet rund drei Billionen Dollar aus, um notdürftig eine gewisse Stabilität wiederherzustellen. Was tut die Bundesregierung? Nein, sie bedankt sich nicht für die Rettung der Deutschen Bank, die erheblichen Anteil am Aufpusten der US-Immobilienblase hatte. Sie nörgelt, dass die Amerikaner so viel Geld ausgeben.

Frühjahr 2010, Beginn der Griechenland-Krise. Was tut die Bundesregierung? Nichts. Monatelang. Eine neue Finanzkrise droht. Als sich die Bundesregierung endlich zum Handeln entschließt, tut sie das Falsche. Jahrelang. Auch in diesen Stunden intrigiert Merkel wieder auf dem EU-Gipfel, um ihre fehlgeleitete Politik durchzusetzen und so die Gefahr einer globalen Rezession zu erhöhen. Sollten die Amerikaner nicht wenigsten rechtzeitig wissen, wann die Fed wieder die Gelddruckmaschinen anwerfen muss?

Aber auch im Interesse des Friedens sollte Merkel überwacht werden. Die Deutschen haben ja aus ihrer Vergangenheit gelernt. Statt selbst Krieg zu führen, verdienen sie lieber am Krieg, den andere führen. Die deutsche Industrie ist dafür bekannt, dass sie alles an jeden verkauft, der zahlungsfähig ist. Merkel ist dafür bekannt, dass sie sich über das übliche Maß hinaus und mit viel Liebe zum Detail für Unternehmensinteressen engagiert, selbst wenn keine Parteispende winkt. Wenn enhüllt wird, dass Chemikalien, die für die Giftgasproduktion verwendet werden können, an das syrische Regime geliefert wurden, sagt Merkel: „Nach allen Erkenntnissen, die mir zur Verfügung stehen, sind sie für zivile Dinge benutzt worden.“ Frei übersetzt: „Ich habe keine Ahnung, was Assad mit dem Zeug gemacht hat, aber ich sag jetzt einfach mal, das war zivil, und das Gegenteil kann mir keiner beweisen. Ätsch!“

Der besonderen Fürsorge der Kanzlerin erfreut sich auch Siemens. Was sagte Merkel zur Lieferung von Überwachungstechnologie von Nokia Siemens Network an den Iran? „Die Beihilfe eines führenden deutschen Unternehmens zu schwersten Menschenrechtsverletzungen erfüllt mich mit Scham. Wir werden strafrechtliche Schritte prüfen und Siemens bis zur baldigen Verschärfung der Exportgesetze keine Genehmigungen mehr für Lieferungen an Diktaturen mehr erteilen.“ Nein, das sagte sie natürlich nicht. Gar nichts sagte sie. Siemens hat sein Iran-Geschäft dann unter erheblichem Druck – nicht der Bundesregierung natürlich – eingestellt. Offiziell. Da die deutsche Exportkontrolle weiterhin lässig gehandhabt wird, kann es nicht schaden, wenn jemand lauscht, ob der Konzern und seine politische Fördererin nicht doch ein wenig schummeln. Wir wollen der Kanzlerin natürlich nicht unterstellen, dass sie bei dubiosen Geschäften hilft. Aber wenn sie nichts zu verbergen hat, hat sie ja auch nichts zu befürchten.

20. Oktober 2013, 15.36 Uhr:

Schneeberger Bürgerprotest

von Thomas von der Osten-Sacken

In Schneeberg in Sachsen, da geht ’s mit Fackeln gegen Asylbewerber:

Mit einem so genannten “Lichtellauf” ist am Samstag in Schneeberg gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in der ehemaligen Jägerkaserne protestiert worden. Wie die Polizeidirektion Chemnitz-Erzgebirge am Sonntag meldete, nahmen rund 1000 Menschen an der von einem NPD-Kreistagsmitglied inititierten Veranstaltung teil. Die Polizei hatte nach Ende der Kundgebung am Samstagabend unter Berufung auf die Versammlungsbehörde des Landratsamts zunächst von 1500 Teilnehmern gesprochen. Viele Menschen zogen mit Fackeln durch die Innenstadt von Schneeberg. Die Veranstaltung verlief friedlich.

Aber, keine Frage, es handelte sich um einen ganz friedlichen Bürgerprotest, nicht etwa um eine Naziveranstaltung. Was wohl den Unterschied ziwschen beidem in den Schneebergs Deutschlands ausmacht?

 

(Copyright des Bildes: Marcus Fischer)

19. Oktober 2013, 11.27 Uhr:

Albanien in die EU

von Thomas von der Osten-Sacken

Man mag von EU-Erweiterungen halten, was man will. Aber ein Land soll unbedingt, wenn die dortige Bevölkerung es will, schon morgen aufgenommen werden: Und das ist Albanien.

Warum?

Zum Beispiel deshalb:

Albania was the only European country occupied by the Axis powers of World War II that ended World War II with a larger Jewish population than before the War.

Oder deshalb:

In September 1943, after the change in Italy’s government, Albania came under German control. The situation of the Jews became worse. Albanian clerks gave identity papers to many of the Jews of Kavaje, so they could go to Tirana as part of an Italian convoy and hide there. Early in 1944 the Gestapo ordered Jews in Tirana to register. Many Jews took this as a signal to flee to the Partisans outside the capital. Other Jews obtained false papers from Albanian friends, and thus avoided attempts by the Gestapo to round up Jews. The Germans also demanded that Albanian officials give them lists of Jews living in Albania, but the officials did not comply. Rather they warned the Jews. Christian and Muslim Albanians alike regarded it as a matter of national pride to help Jews, both native Albanian and refugees. Thus no Jews were turned over to the Germans and the community survived the war, except for one family of six who were discovered by the Germans and sent to Pristina. Only one member of that family survived.

Und weil Albanien ein mehrheitlich von Muslimen bewohntes Land ist, die so gar nicht ins Bild passen wollen und nicht nur dezidiert pro-westlich sind, sondern einen Präsidenten gewählt haben, der aus seinen Sympathien etwa für Israel nie ein Hehl gemacht hat und erst kürzlich dem jüdischen Staat so zum Geburtstag gratulierte:

The 65th anniversary of the State of Israel Independence, the National Day of the friendly people of Israel offers me the special opportunity and pleasure, also on behalf of the Albanian people, to personally express to the people of Israel the best wishes for well-being, peace and prosperity, Mr. Nishani said in the address at the 65th anniversary of the State of Israel Independence.

19. Oktober 2013, 00.29 Uhr:

Boats of Despair

von Thomas von der Osten-Sacken

Lange hat es gedauert, jetzt sind sie da, die Boote mit syrischen Flüchtlingen an den europäischen Außengrenzen. Syrische Flüchtlinge stammen nämlich meist aus recht armen Verhältnissen, haben meist nicht das Geld, um für sichere Schmuggelrouten zahlen zu können, und anders kommt man nicht nach Europa. Wo aber Nachfrage ist, kommt bald auch das entsprechende Angebot: sozusagen der Discounttransport auf überfüllten und oft fast seeuntüchtigen Booten, die eben entsprechend häufig auch havarieren. Boats of Despair, so nennt Ana Maria Luca in einer Reportage. Und es werden mehr, je länger der Krieg in Syrien dauert und je mehr die Menschen die Hoffnung verlieren, je wieder in ein Land zurückkehren zu können, das nicht völlig zerstört und von Rackets regiert wird:

Syrian refugees got the idea of illegally sailing to Europe quite recently. Omar, a 23 year old Syrian who has been living in Egypt for the past two years, says the boats were not even a topic of conversation two months ago: Everybody wanted to go home or was thinking of staying in Egypt until the war in Syria ended. But things changed.

Eben: immer mehr Menschen in und aus Syrien haben die Hoffnung verloren, auch und maßgeblich als Folge des Verrates, den Europa und der restliche Westen an ihnen begangen hat, indem es nichts unternahm, die friedliche Opposition gegen das Assad Regime zu unterstützen, nicht einmal einzugreifen, als das Regime begann, ganze Stadviertel mit Artillerie dem Erdboden gleichzumachen, und zuletzt Giftgas gegen Zivilisten zum Einsatz  kam. Spätestens im August, als man den syrischen Diktator für den Gitfgaseinsatz in Ghouta auch noch gratifizierte, war klar: dieser Krieg wird weitergehen, die Akteure immer ekliger und brutaler, eine Zukunft in Syrien zunehmend undenkbar. Und viele, die die ganze Zeit gehofft hatten, Assad würde gestürzt und sie könnten in ein neues Syrien zurückkehren,  richten, und wer kann es ihnen verdenken, nun ihren Blick auf die Mauern der Festung Europa und werden jede Gelegenheit nutzen, sie zu überwinden, koste es was es wolle, notfalls auch das Leben.

So haben die Europäer, und das passt zur allgemeinen Dummheit, Ignoranz, Unfähigkeit und Immoralität, mit der sie den Syrienkonflikt behandeln, inzwischen maßgeblich dafür mitgesorgt, dass nicht etwa, wie auf Sonntagsreden gefordert, Fluchtursachen bekämpft, sondern erst geschaffen wurden. Sie glauben, ähnlich wie die US-Administration, diesen Konflikt einfach aussitzen zu können, scheinen zu hoffen, er erledige sich irgendwann irgendwie dann von selbst. Wird er nicht tun, sondern alles wir nur immer schlimmer werden. Und damit auch mehr Flüchtlinge kommen, also eintreten, was die EU mit allen Mitteln zu verhindern suchte.

Der Westen und Syrien, auf allen Ebenen wäre das der Stoff für ein weiteres Kapitel in Barbara Tuchman’s Klassiker The March of the Folly.

9. Oktober 2013, 18.19 Uhr:

Orbán er Orbi: Ungarn ungeschminkt

von Jörn Schulz

Gewöhnlich erzählt ein EU-Politiker, der unbehinderte Wirschaftsbeziehungen zum Iran wiederherstellen will, zunächst einmal etwas vom Frieden und von diesem netten neuen Präsidenten, den man gegen die Hardliner stärken müsse. In Ungarn sind solche Vorreden überflüssig. „Ungarn sieht sich in einer besseren Startposition bei einer möglichen Wiederaufnahme verstärkter Beziehungen zum Iran als die meisten anderen Länder des Westens. Das erklärte Außenminister János Martonyi am Rande der UN-Generalversammlung in New York am Montag. Eigentlich warte man nur noch ab, dass ‚die Atomfrage geklärt’ ist.

Es geht nicht allein ums Geld, die völkische Rechte pflegt auch den Gedankenaustausch unter Antisemiten und und betrachtet die Iraner als blutsverwandtes Brudervolk. Und die Universität Kaposvár erprobt schon mal Kleidervorschrifen im Stil Ayatollah light. Keine Shorts, keine Miniröcke, und „auch Flip-Flops und ‚exzessives Schminken’ will der Rektor nicht mehr haben, genausowenig ‚unangemessene Accessoires, ungekämmte Haare oder schmutzige Fingernägel’.“ Studierende reagierten mit einem Nacktprotest. Wohnungslos sein darf man auch nicht mehr: „Das ungarische Parlament hat kürzlich die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen, dass Kommunen hinfort ‚obdachloses Verhalten’ per se als kriminell erklären, entsprechend auslegen und sanktionieren dürfen.“

Das nur mal so als Nachlese und falls Sie dachten, der Satz „Es vergeht kaum eine Woche, in der die Regierung Viktor Orbáns nicht eine dubiose Maßnahme zur Sicherung ihrer Herrschaft beschließt“ sei übertrieben. Wir bleiben in Sachen Ungarn natürlich weiter am Ball.

Andere auch. Die von Aktionsradius Wien organisierte Reihe „Das andere Ungarn“ hat zwar schon begonnen, es gibt aber noch diverse Veranstaltungen und eine Kunstausstellung bis Ende Oktober.

Die Initiative “Leipzig Korrektiv” veröffentlicht einen Appell: „Die autoritäre Wende in Ungarn aufhalten!“, verlinkt wird auch ein Spendenaufruf für ein Hilfsprojekt für Roma im ungarischen Dorf Kálló.

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