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Kürzliche Beiträge
30. Juli 2014, 13.14 Uhr:

Die Taz und die Kindermörder

von Thomas von der Osten-Sacken

Heute ist es nicht die Süddeutsche Zeitung, sondern die TAZ, die den “Kindermörder Israel” brüllenden antisemitischen Mob auf der Straße mit der passenden Karikatur munitioniert:

29. Juli 2014, 20.38 Uhr:

Exodus aus Europa

von Thomas von der Osten-Sacken

Europa 2014…. Cover und Coverstory der neuen Newsweek:

A survey published in November 2013 by the Fundamental Rights Agency of the European Union found that 29% had considered emigrating as they did not feel safe. Jews across Europe, the survey noted, “face insults, discrimination and physical violence, which despite concerted efforts by both the EU and its member states, shows no signs of fading into the past”.

Two-thirds considered anti-Semitism to be a problem across the countries surveyed. Overall, 76% said that anti-Semitism had worsened over the past five years in their home countries, with the most marked deteriorations in France, Hungary and Belgium. The European Jewish Congress has now set up a website, sacc.eu, to give advice and contacts in the events of an attack.

28. Juli 2014, 17.45 Uhr:

Miesestes Stück antiisraelischer Propaganda

von Thomas von der Osten-Sacken

Immer dann, wenn in Europa im Namen irgendwelcher armer Menschen der Dritten Welt Petitionen verfasst werden, ist äußerste Vorsicht geboten. Geschieht dies gar im Namen der Bevölkerung Gazas, dann nicht etwa, weil dort Zensur der Hamas herrscht, sondern weil man besonders betroffen und authentisch klingen mag, um so, moralisch munitioniert, eine Anklage gegen Israel zu formulieren, die es in sich hat. Erschienen ist “An open letter for the people in Gaza” auch noch in einer der weltweit renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften in England, The Lancet, und nicht etwa auf der Seite irgendeiner antiimperialistischen Splittergruppe.

Da heißt es:

We are doctors and scientists, who spend our lives developing means to care and protect health and lives. We are also informed people; we teach the ethics of our professions, together with the knowledge and practice of it. We all have worked in and known the situation of Gaza for years.

Raketen der Hamas, die gibt es nicht, ja die Hamas eigentlich existiert überhaupt bestenfalls als ganz symbiotische Verschmelzung mit der Bevölkerung in Gaza, die wiederum völlig unschuldig einer israelischen Aggressionsmaschinerie ausgeliefert ist, die in ihrer Perfidie den Nazis eigentlich in nichts nachsteht.  Das scheint die Erkenntis zus ein, die die 24 Signatoren in ihren Gazaaufenthalten gewonnen haben.

Die Bevölkerung hält durch, das wissen die Autoren nicht nur empirisch,  sie haben es auch auf einer Gazasolidaritätsseite im Netz gelesen:

People in Gaza are resisting this aggression because they want a better and normal life and, even while crying in sorrow, pain, and terror, they reject a temporary truce that does not provide a real chance for a better future. A voice under the attacks in Gaza is that of Um Al Ramlawi who speaks for all in Gaza: “They are killing us all anyway—either a slow death by the siege, or a fast one by military attacks. We have nothing left to lose—we must fight for our rights, or die trying.”

In Gaza also kämpft ein unterdrücktes Volk für seine Rights, das  von einem brutalen Okkupanten unterdrückt, ausgehungert und massakriert wird:

The massacre in Gaza spares no one, and includes the disabled and sick in hospitals, children playing on the beach or on the roof top, with a large majority of non-combatants. Hospitals, clinics, ambulances, mosques, schools, and press buildings have all been attacked, with thousands of private homes bombed, clearly directing fire to target whole families killing them within their homes, depriving families of their homes by chasing them out a few minutes before destruction. An entire area was destroyed on July 20, leaving thousands of displaced people homeless, beside wounding hundreds and killing at least 70—this is way beyond the purpose of finding tunnels. None of these are military objectives. These attacks aim to terrorise, wound the soul and the body of the people, and make their life impossible in the future, as well as also demolishing their homes and prohibiting the means to rebuild.

Da fehlt nur noch der gezielte Einsatz von Giftgas. Oder hat der schon stattgefunden? Laut Lancet irgendwie schon:

Additionally, should the use of gas be further confirmed, this is unequivocally a war crime for which, before anything else, high sanctions will have to be taken immediately on Israel with cessation of any trade and collaborative agreements with Europe.

Weshalb … Israel’s behaviour has insulted our humanity, intelligence, and dignity as well as our professional ethics and efforts.

Während die Bevölkerung von Gaza kollektiv als unschuldiges Opfer israelischer Massaker beschrieben wird, stellt sich die israelische Gesellschaft den Autoren als reines Täterkollektiv dar:

We register with dismay that only 5% of our Israeli academic colleagues signed an appeal to their government to stop the military operation against Gaza. We are tempted to conclude that with the exception of this 5%, the rest of the Israeli academics are complicit in the massacre and destruction of Gaza. We also see the complicity of our countries in Europe and North America in this massacre and the impotence once again of the international institutions and organisations to stop this massacre.

Dieser Text erschien, man muss es noch einmal betonen, in einer Publikation, die stolz ist, eine der ältesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt (zu sein), die ein Peer-Review einsetzt.

Jetzt kann sie stolz sein, das mit Abstand perfideste und mieseste Stück antiisraelischer Propaganda abgedruckt zu haben, das in den letzten drei Wochen in einer halbwegs seriösen Publikation in Europa erschienen ist.

Und bislang haben über 18 000 Leute ihre Unterschrift unter dieses Ding gesetzt. Eine grössere Bankrotterklärung des akademischen Betriebes ist schwerlich denkbar.

Einer der Mitinitiatoren dieser Petition, der norwegische Arzt Mads Gilbert - Interviewpartner unzähliger Medien, weil er im Shifa Hospital in Gaza arbeitet - fand vor Jahren übrigens lobende Worte für die Massaker vom 11. Septmer 2001:

Gilbert provoked a front-page scandal in Norway  when he expressed support for the 9/11 attacks in an interview with Norway’s Dagbladet newspaper, on 30 September 2001.

First the newspaper quotes his support for a colleague’s pro-terrorism position:

I advocate the moral right of the people you call terrorists to attack the United States, as a legitimate response to 25 years of wars of aggression, mines, starvation and embargo, says surgeon Hans Husum, University Hospital of Tromsø. He is supported by physician Mads Gilbert

Dagbladet: Do you support a terrorist attack on the United States?
Gilbert: “Terror is a poor weapon, but the answer is yes, within the context I have mentioned.”

28. Juli 2014, 14.10 Uhr:

Polizei hier und dort

von Thomas von der Osten-Sacken

In Wien soll ein besetztes Haus geräumt werden. 1 700 Polizisten sind dafür laut Standard im Einsatz.

Zu Palästinademonstrationen in den vergangenen Wochen entsendete die Polizei in verschiedenen europäischen Ländern in der Regel kaum ein Dutzend Beamte und erklärte später, sie habe gegen antisemitische Ausschreitungen und Parolen nichts unternehmen können, man sei personell schließlich drastisch unterbesetzt gewesen.

23. Juli 2014, 19.12 Uhr:

Ist da jemand?

von Jörn Schulz

„Tens of thousands of people, including President Francois Mitterrand, numerous other politicians and many leading religious figures, joined in a silent march tonight through the streets of Paris to protest anti-Semitism and the desecration of 34 graves last week at a cemetery in southern France. (…) The group sponsoring the rally, the Representative Council of French Jewish Institutions, put the final number at 200,000. The organizers noted that the rally attracted many non-Jews - blacks, Asians and Africans.“

Das war 1990, mittlerweile sieht die Lage auch in Frankreich anders aus, sollte aber als Hinweis darauf genügen, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht die Sache einer kleinen Minderheit sein muss. Denn so berechtigt die Kritik an großen Teile der Linken und Der Linken ist – Proteste gegen antisemitische Hassaufmärsche werden ebenfalls maßgeblich von linken Gruppen organisiert, die dann häufig mit den jüdischen Organisationen fast allein bleiben. Hin und wieder lässt sich ein Provinzpolitiker zur Teilnahme herab, vereinzelt sollen auch Liberale, Konservative, Grüne und Sozialdemokraten gesehen worden sein.

Gideon Böss hat also, von der Verallgemeinerung mal abgesehen, Recht, wenn er schreibt, dass „die ‚Nie wieder’-Fraktion, die sich so gerne den Nazis entgegenstellt, wenn die eine ihrer traurigen Demonstrationen abhalten, schweigt“. Aber Liberale, wir erinnern uns, sind die Leute, die Eigeninitiative für sehr wichtig halten und nicht alles dem Staat überlassen wollen. Nun wäre eine gute Gelegenheit, etwas Eigeninitiative zu zeigen, natürlich auch für die etablierten Parteien, den DGB und die Kirchen.

Ich habe mich ja anfangs gefreut, dass bei den offiziellen Stellungnahmen die Phrase vom Ansehen Deutschlands bislang nicht bemüht wurde. Mittlerweile fürchte ich aber, dass der Grund dafür die Ansicht ist, die antisemitischen Märsche ausgrenzen zu können. Sind ja Migranten, folglich eine weiterhin als fremd betrachtete Gruppe, die man als der deutschen Gesellschaft nicht zugehörig betrachtet. Genaue Angaben habe ich zwar nicht, doch dürften die meisten der überwiegend jungen Demonstranten deutsche Staatsbürger sein. Sie fügen den bereits zuvor nicht einheitlichen wahnhaften Herleitungen des Antisemitismus eine weitere hinzu, reihen sich aber ansonsten zwanglos unter die bereits existierenden antisemitischen Gruppen ein.

Auch über die politische Steuerung der Erdogan-Jugend und der Salafisten gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse, dass diesmal in den verschiedensten Ländern die Aggressivität deutlich höher ist, ist aber keine Folge spontaner Empörung oder der angeblichen Emotionalität der Araber. Es handelt sich um einen gezielten und wahrscheinlich strategisch geplanten Versuch der Delegitimierung Israels, und ich werde den Verdacht nicht los, dass es in der „Mitte“ außer jenen, die tatsächlich gegen den Antisemitismus sind und sich nur nicht berufen fühlen, etwas zu unternehmen, auch eine andere Fraktion gibt, die nach dem Vorbild der Akif Pirinçci-Rezeption einer als heißblütig und noch nicht vom Terror der political correctness gebrochen imaginierten Gruppe die Stellvertreterrolle zugesteht, sagen zu dürfen, was der anständige Deutsche denkt.

21. Juli 2014, 15.59 Uhr:

Antisemitismus bleibt zweitrangig

von Thomas von der Osten-Sacken

Gastbeitrag von Jan-Niklas Kniewel

„Über 4.000 Demonstranten verhinderten am Freitag den größten regelmäßig stattfindenden antisemitischen Aufmarsch Deutschlands mit einer erfolgreichen Blockade. Die 800 bis 1.000 Teilnehmer des Aufmarschs konnten nur wenige Meter laufen, bis die Veranstaltung aufgelöst und die Israelfeinde von der Polizei in die Bahn eskortiert wurden. 29 Gruppierungen, darunter Grüne, Linkspartei, die zugehörigen Jugendverbände, Jusos, Piraten, Verdi, ein gutes halbes Dutzend Antifa-Gruppen und Bürgerinitiativen hatten zu den Protesten aufgerufen.“

So oder so ähnlich müssten Berichte über den al Quds-Tag in Berlin klingen, wenn das Bekenntnis so vieler mehr oder weniger linker Gruppen gegen Antisemitismus (der, wenn heutzutage die Unzumutbarkeiten des deutschen Alltags kritisiert werden zumindest pflichtschuldige irgendwo seine Erwähnung zwischen Rassismus, Sexismus, Trans- und Homophobie findet) ernst gemeint wäre.

Abgesehen davon, dass Antisemitismus allerdings eben nicht nur eine Unzumutbarkeit unter vielen ist, muss man konstatieren, dass ein breiter und großer Protest auch in diesem Jahr unwahrscheinlich ist. Die zuvor beschriebenen Gegenproteste fanden zwar statt, aber nicht anlässlich des al Quds-Tags, sondern als in Berlin am 26. April ein erbärmlicher Haufen von 100 NPD-Mitgliedern marschieren wollte.

Viele die sonst kaum einen – noch so jämmerlich winzigen – Naziaufmarsch auslassen und noch ins letzte sächsische oder brandenburgische Kaff fahren, um sich dem menschenverachtenden Treiben entgegenzustellen, werden wohl auch diesen Freitag wieder zu Hause bleiben.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist richtig und wichtig, Neonazis wo es nur geht entgegenzutreten, doch wie kommt dieses Missverhältnis zustande?

Alljährlich wird auf der 1979 von Ayatollah Khomeini ins Leben gerufenen Demonstration in zahlreichen Städten weltweit für die Vernichtung des jüdischen Staates demonstriert. In Teheran fährt man Raketenträger durch die Straßen Spazieren auf denen „Tod Israel“ steht, hierzulande verlegt man sich mangels Raketen darauf in den Redebeiträgen keinen antisemitischen Stereotyp auszulassen, das iranische und syrische Regime sowie die Hisbollah zu feiern, ihre zahllosen Opfer zu verhöhnen und natürlich das „zionistische Gebilde“ zu verteufeln.

Ein Pflichttermin für jeden Antifaschisten, der nicht gezwungen ist zu dieser Zeit der Lohnknechtschaft nachzugehen, möchte man meinen, doch dem ist nicht so. Im vorigen Jahr fanden sich – trotz bundesweiter Mobilisierung – nicht einmal 250 Gegendemonstranten ein. Das  Antifaschistische Bündnis gegen den al Quds-Tag wird von keiner Partei, keiner Gewerkschaft und (außer von Organisationen, deren Arbeitsschwerpunkt beim Antisemitismus liegt, wie der Deutsch-Israelischen Gesellschaft) nur von sehr kleinen in der Öffentlichkeit kaum sichtbaren und kapitalschwachen UnterstützerInnen gebildet – einmal abgesehen von der Grünen Jugend München und ihrem Bundesverband.
An mehr als den Versuch einer kurzfristigen Blockade war nie und ist nicht zu denken.

Die Grüne Jugend Berlin gehört in diesem Jahr nicht zu den UnterstützerInnen des Bündnisses, weil Gegner einer Teilnahme mit Verweis auf den LAK Shalom der Linksjugend sowie Stop The Bomb von einer „rassistischen Unterwanderung“ sprachen. Notwendige und differenzierte Kritik am Islamismus und dem mit ihm eng verbandelten islamisierten Antisemitismus als „rassistisch“ zu verstehen, spricht für falsch verstandene Political Correctness, die so sicher ein Problem von Teilen der linken Szene ist. Die Tatsache, dass derzeit auf den zahlreichen Demonstrationen gegen den jüdischen Staat, auf denen Sprechchöre wie „Hamas, Hamas – Juden ins Gas!“ oder „Kindermörder Israel“ angestimmt werden, der Holocaust relativiert und Dschihad- sowie Hamas-Fahnen entrollt werden auch immer wieder Linke mitlaufen, ist ein Indiz dafür, dass manch Linker mit den am al Quds-Tag artikulierten Forderungen auch einfach kein Problem hat. Doch das sind – auch das muss man sagen – keine Massen. Natürlich hat die Linke selbst ein Problem mit Antisemitismus, doch der Widerstand in der eigenen Szene ist groß, das zeigen zahlreiche Stellungnahmen bundesweit. Gleichzeitig wird dem aber auch nur selten und dann nicht sehr zahlreich entgegengetreten. Bleibt das, was sich hierzulande als Pazifismus oder Friedensbewegtheit tarnt, jedoch viel zu oft nichts weiter als Leichenfledderei ist. Das ideologische Ausweiden der Toten für den eigenen Zweck, gemäß der eigenen Weltsicht, die in alter stumpfer linker Tradition die Aggression nur im Westen sucht, insbesondere bei den Vereinigten Staaten, die man noch immer nur als imperialistisches Monster dämonisiert. Von der Delegitimierung des Kampfes Israels um die eigene Existenz ganz zu schweigen. Als Resultat finden sich deutsche Linke, gerade aus dem antiimperialistischen Spektrum, nicht selten auf der Seite der Despoten wieder: Also eben auch bei Assad, den iranischen Mullahs oder eben Nasrallah. Kurz: Bei denen für die man am al Quds-Tag über den Kurfürsten-damm marschiert.

Wer sich von diesem innerlinken Treiben distanzieren will, muss am al Quds-Tag auf die Straße, denn für einen Antifaschismus, der vorgibt den Antisemitismus zu verurteilen, ist alles andere ein Trauerspiel, und zeigt wieder einmal, dass Bekenntnisse eben meist nicht mehr sind, als Verbal-Aktionismus.

19. Juli 2014, 21.48 Uhr:

Betriebsausfall

von Thomas von der Osten-Sacken

Gastbeitrag von Assoziation. Wiederholungszwang brechen

Als der Strom weg war, ging ich zu dir. Vergiß die Lieder die ich spiel, die hatten nie etwas zu tun mit Dir.

Und davon handeln wir. Um in den pro-Hamas Demonstrationen und Verlautbarungen einen „lupenreinen Antisemitismus“ (Charlotte Knobloch) zu erkennen, der politisch bekämpft werden muss, bedarf es keiner Lupe, sondern bloß funktionierender Augen und Ohren. Offenbar sind die auch bei den sich als „links“ oder „emanzipatorisch“ verstehenden Gruppierungen verstopft, die den Antifaschismus stets vor sich hergetragen haben.

„Hamas, Hamas. Juden ins Gas!“ „Tod den Juden!“ - diese Rufe schallen dieser Tage durch zahlreiche deutsche Städte. In Frankfurt am Main unterstützt durch den Freund und Helfer vor Ort, verstärkt durch die Anlage des Polizeiwagens. In Essen wollte der antisemitische Mob direkt zur Tat schreiten und die „Alte Synagoge“ angreifen, was nur durch ein Großaufgebot der Polizei verhindert werden konnte. Aus Frankreich, Belgien, England und Schweden erfährt man, dass die Fans der Hamas gezielt Juden und jüdische Institutionen angreifen, Molotow Cocktails gegen Synagogen fliegen.

All das ist nichts Neues, sondern gehört, wie man aus den vergangenen Kriegen gegen Israel weiß, zum antisemitischen Normalzustand in Europa.

Die seit Jahren in Latenzzeiten aus allen medialen Kanälen befeuerte „Israelkritik“ wird praktisch, und zwar bislang größtenteils durch verhetzte Suprematisten moslemischen Glaubens. Als distinguierter liberaler Europäer findet man das irgendwie abstoßend, zeigt aber Verständnis für derartige „Reaktionen“, schließlich teilt man die Ansicht, dass Israel ein „Kindermörder“ sei und einen „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser führe. Denn, so die Rationalisierung des Wahns, wo Rauch ist (also Juden angegriffen, bedroht und beleidigt werden), da ist auch Feuer (jüdische Schuld). Die Linke NRW und Jena ruft als Freund der Menschenrechte und der Humanität noch nach den ersten Ausschreitungen zur Unterstützung der selbsternannten Palästinafreunde auf, verliert aber kein Wort über den antisemitischen Hass. In Essen ist die Synagoge noch immer bedroht. Erst im letzten Jahr verdrehte der Vorsitzende des Integrationsbeirates und Liebhaber der rechtsextremen Grauen Wölfe, Muhammet Balaban, Täter und Opfer und warf der jüdischen Gemeinde vor, „Hass zu säen“. Die lud nämlich regelmäßig Kritiker des politischen Islam und des Islamismus ein. Großzügig goß der Essener OB Öl ins balabansche Feuer, statt einer klaren Absage an jedweden Antisemitismus, forderte er die Juden auf „sich den Integrationsgedanken deutlich mehr zu eigen zu machen“. Wer aber vom islamischen Antisemitismus nicht reden will, sollte auch von Integration schweigen. Wie stets exkulpiert man auch heute den Antisemitismus der „Entrechteten“, streichelt ihm paternalistisch übers Köpfchen, bevor der einem über den Kopf schlägt.

Und die Antifa oder das, was von ihr übrig blieb? Betriebsausfall.

Ein paar Jugendliche genießen ihren szenespezifischen Eventheroismus gegen den Patriotismus der Feier-und Schreiernation, sammeln tapfer Deutschlandfähnchen ein und zündeln sie ab. Derweil hat der Nazi von der Kameradschaft fleißig eine Rede ausformuliert und nimmt den langen Weg nach Berlin auf sich, um den besonders virilen Moslems, die auch auf Hitler stehen, beim Kampf gegen die Juden unter die Arme zu greifen. Nur eine kleine Gruppe aus Essen und ein Bündnis gegen den Al Qudstag wagen es, die Friedhofsruhe der Linken zu brechen; die Linksjugend Solid aus Berlin versucht erfolglos ihre Parteigenossen zurückzupfeifen.Im Unterschied zur vorangegangenen Intifada sind die Demonstrationen der Hamas – und Palästinafreunde bislang noch relativ klein, verschärft aber hat sich deren Militanz und der offene Antisemitismus. Es wird nicht länger von Israel, sondern explizit von Juden gebrüllt und Juden angegriffen. Man stelle sich bloß einmal vor, 3500 Nazis sammelten sich am Potsdamer Platz oder 200 Nazis liefen durch die O-strasse, Kreuzbergs Demoherzstück, - die alternativen Restlinken, MbR, Kiga, NfJ und Top riefen auch gegen 50 Kameraden zur Blockade auf. Man stelle sich vor, ein linkes Jugendzentrum würde von Nazis angegriffen, die Linken ständen davor oder veröffentlichten mindestens eine kleine Stellungnahme. Undsoweiter.

Bislang sind die „pro-palästinensichen“ Demonstrationen undurchsichtig als Flashmobs und Facebookmeute organisiert. Wo die Hamasfahne die Seiten durchweht, ist das dürftig vorgeschobene Friedensgewäsch nicht einmal mehr fadenscheinig. Paul Spiegels Diktum „Hinter dem Ruf nach Frieden, verschanzen sich die Mörder“ gilt nach wie vor. Während sich Teile der Antifa selbstverständlich mit „Flüchtlingen“ gegen Rassismus solidarisieren, scheint die Soldiarität mit Juden im Angesicht einer akuten Bedrohung offenbar inopportun. Sogar das Versagen der deutschen Polizei nimmt man leise hin und hofft, anders als bei deutschen Nazidemonstrationen, dass sie es beim nächsten Mal schon besser machen werde. Groß will man die internationale linke Vernetzung vorantreiben, ehrgeizig doktoriert man über Erinnerungspolitik, Antisemitismus in der Linken, über den historischen, strukturalen und latenten Antisemitismus, nur zum klaren Nein gegen den offenen Antisemitismus will man sich nicht aufrappeln. Seit den szeninternen Rangeleien um „antideutsch“ und „antinational“ scheinen sich die Augen starr aufs eigene Identitätsabkommen verdreht zu haben. Man sucht die weitmöglichste Distanz zu den marginalisierten Pro-Israel Linken und will es sich mit den Antizionisten der internationalen Linken nicht verscherzen. Im gordischen Knoten aus stumpfem Strategentum und distinktionseifriger Labelpolitik ist sogar der automatisierte Nie-wieder!-Betrieb ausgefallen. Selbst die vor ein paar Jahren noch anzutreffende zaghafte Argumentation gegen einen revolutionskitschigen Antiimperialismus, der seine reduktionistsiche Weltverkrümmung auf Palästina projeziert, fehlt inzwischen.Was die israelsolidarische Ideologiekritik den linken Antifas seit Jahren vorgerechnet hat, dass Ihr Antifaschismus durchaus konsequent, nämlich konsequent nutzlos ist, bewahrheitet sich dieser Tage einmal aufs Neue. Der strukturelle und latente Antisemitismus versetzt Juden dieser Tage nicht in Todesangst: Das erledigen die Hamas und ihre Freunde und Helfer in Europa.

Immerhin tröstlich, dass man aus dem eigenen Versagen später sicherlich politisches Kapital schlagen und den deutschen Staat angesichts von Überfällen auf Synagogen brav antinational blamieren kann, wenn es dann auf etlichen Antifa-Demos wieder heißen wird:

“Wo, wo wart Ihr …?” Und ihr?

Berlin, den 17.07.2014.

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