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Kürzliche Beiträge
5. November 2015, 12.11 Uhr:

Stachdeldraht II

von Thomas von der Osten-Sacken

Der nächste kommt mit einem weiteren grandiosen Vorschlag, wie den Flüchtlingsstömen Einhalt geboten werden könne. Und da Zäune gerade groß in Mode sind, erwärmt sich nun auch Jan Fleischhauer für den Bau von Grenzanlagen:

Die Ostgrenze der EU ist rund 6000 Kilometer lang, sie verläuft an Russland entlang, über Weißrussland und die Ukraine bis zur Republik Moldau. Hinzu kommt die Grenze zur Türkei. Wer sagt, eine solche Strecke lasse sich nicht sichern, will nicht wissen, was geht. Die Ungarn haben nicht einmal drei Monate gebraucht, um mit einem Zaun ihr Land nach Serbien hin abzuriegeln, und das ganz ohne Hilfe aus Brüssel. Der Grenzzaun, den Israel zum Westjordanland hin errichtet hat, ist 750 Kilometer lang. Die Sperranlage, die die USA von Mexiko trennt, erstreckt sich über mehr als 1000 Kilometer, und es ist absehbar, dass es dabei nicht bleiben wird.

Nur: Die meisten Flüchtlinge kommen übers Meer. Griechenland verfügt über eine Küstenline von 13.676 km, Italien immerhin über 7.600 km. Sollen die dann mit einem zusätzlichen Zaun im Meer an der Fünf Meilen Zone geschützt werden?

So ist es dieser Tage mit all den guten realpolitischen Ideen, sie sagen viel über die Befindlichkeit jener aus, die sie im Akkord verzapfen, vesagen nur kläglich an der Realität.






2. November 2015, 01.18 Uhr:

Stacheldrahtgefühle

von Thomas von der Osten-Sacken

Sätze des Jahres 2015 aus der Feder von FAZ Mitherausgeber Berthold Kohler:

Zäune verschaffen den Leuten gute Gefühle, sonst gäbe es nicht so viele, nicht nur in Deutschland: Jägerzäune, Lattenzäune, Maschendrahtzäune, Staketenzäune, Stacheldrahtzäune. (…)

In jeder Schrebergartenkolonie, in jeder Vorstadt, in jedem Neubaugebiet kann man sehen, dass die Deutschen in Grenzfragen Hegelianer sind: Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenze das, was es ist. Ihre Prozesshanselei hindert die Deutschen nicht daran, einer ordentlichen Grenze – einer mit einem Zaun – friedensstiftende Wirkungen zuzuschreiben.

Das deutsche gute Gefühl oszilliert genau zwischen Jäger- und der Stacheldrahtzaun, die schaffen Frieden, sind sie nur ordentlich gebaut. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen , einem Monat nach Abfeierung des 25ten Jahrestages des Mauerfalls.

30. October 2015, 18.57 Uhr:

Viel zu tun

von Jörn Schulz

Es scheint sich zu einer Tradition in der deutschen Politik zu entwickeln, dass ein Minister bei Auslandsbesuchen besonders peinlich auffällt. Guido Westerwelle war in dieser Rolle ein Meister, nun kommt Sigmar Gabriel, der für Außenpolitik eigentlich gar nicht zuständig ist, und übertrifft ihn. „Sie haben in diesen Tagen viel zu tun, gerade mit dem Konflikt in Syrien“, umschmeichelte er Wladimir Putin. Es ist ein harter Job zu entscheiden, welches Krankenhaus man als nächstes bombardiert, da kann man schon mal etwas Empathie für den geplagten Präsidenten zeigen.

Gabriel ist „völlig unklar“, was Deutschland und Russland so auseinanderbringen konnte. Von der sowjetischen Führung hat man ja behauptet, sie hätte westliche Staatsgäste immer nach Kräften mit Wodka abgefüllt, um sich Zugeständnisse zu ergaunern – ein antikommunistische Legende möglicherweise, aber eine amüsante. Wie auch immer, auf den Fotos von Gabriels Besuch sehen alle sehr nüchtern aus. Andererseits (so die vom Kreml veröffentlichte englischsprachige Version): „I feel that the situation surrounding Ukraine is most likely a symptom rather than the cause of the problems that have occurred.“ Irgendetwas muss er doch eingenommen haben, als wäre Sahra Wagenknecht seine Souffleuse sagte er dann noch: „There are parties involved in Europe and the US who benefit from the continuation of this conflict, rather than its resolution.”

Westerwelle konnte man noch zugute halten, dass Außenpolitik ihn eigentlich gar nicht interessierte, so war der Schaden, den er anrichtete, nicht allzu groß. Gabriel hingegen hat einen Plan. An ein paar Lappalien soll die deutsch-russische strategische Partnerschaft im Energiesektor nicht scheitern. Die Kapazität der Nord Stream-Pipeline soll von zwei auf vier Leitungen erhöht werden. „Your colleague just met in this format with our state secretary. Mr Miller and Mr Matthias Warnig will continue to pursue Nord Stream 2 project. (…) What’s most important as far as legal issues are concerned is that we strive to ensure that all this remains under the competence of the German authorities (…) And in order to limit political meddling in these issues – you are, of course, aware, this is not just a formality – we need to settle the issue of Ukraine’s role as a transit nation after 2019.“

Die lästigen Ukrainer sollen also aus dem Geschäft gedrängt und der Widerspruch osteuropäischer EU-Mitglieder soll ignoriert werden. Illegal ist das nach EU-Recht nicht, denn dieses wahrt „das Recht eines Mitgliedstaats, die Bedingungen für die Nutzung seiner Energieressourcen, seine Wahl zwischen verschiedenen Energiequellen und die allgemeine Struktur seiner Energieversorgung zu bestimmen“, allerdings ist es nicht unbedingt eine Politik im „Geiste der Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten“.

Alexej Miller ist der Vorstandsvorsitzende von Gazprom, Matthias Warnig ein ehemaliger Stasi-Agent, der seit 1991 für die Dresdner Bank in Russland tätig ist, als Freund Putins gilt und diverse Posten in den sogenannten Aufsichtsräten russischer Banken und Konzerne hat. Es handelte sich also um ein Treffen der politisch und ökonomisch Verantwortlichen und um ein deutliches Zeichen dafür, dass die Bundesregierung (davon muss man zumindest bis zu einer Distanzierung Merkels ausgehen) die Sanktionen lästig findet. Vielleicht wird man sie auch schon vor der offiziellen Aufhebung ignorieren oder tut dies bereits. „As for our economic relations, naturally, there are various opportunities to maintain them, in spite of the existing political issues, and our entrepreneurs are trying to use these opportunities“, orakelte Gabriel.

15. October 2015, 11.04 Uhr:

Mythen über Flüchtlinge

von Thomas von der Osten-Sacken

Fotini Rantsiou, der die letzten Wochen als freiwilliger Flüchtlingshelfer auf Lesbos verbracht hat, über Vorurteile und Mythen:

Over the last two months on Lesvos, I have spoken to hundreds of refugees as well as local authorities and community members, and it has become clear that some of the widespread assumptions about the refugees arriving here, which regularly feature in mainstream media coverage, are based on the observations of foreign journalists and volunteers who often spend just a few days on the island.

Below are some of the most prevalent myths and the real story behind them.

Myth #1: Refugee arrivals to Greece are only from Syria, Iraq and Afghanistan

While the majority of arrivals to Greece are from Syria and Afghanistan, there are also many Palestinians (who had been living in Syria), Pakistanis, Algerians, Moroccans, Yemenis and smaller numbers of Sudanese, Somalis, Cameroonians, Nigerians, Sri Lankans and Bangladeshis. Knowing that Syrians are often given priority, many Arab speakers try to pass for Syrians, including many Iraqis. Meanwhile, some Iranians pretend to be Afghans when they arrive in the hope that they will be treated more favourably. During the initial registration that takes place on the Greek islands, false nationality claims may not be caught, but they are unlikely to stand up to scrutiny once refugees reach northern European countries and try to claim asylum.

Myth #2: If humanitarian assistance to countries neighbouring Syria was increased, arrivals of Syrians to Greece would decrease

The idea that more humanitarian assistance will keep Syrians in the region may be convenient logic for countries such as the UK, which would rather increase aid contributions than take in significantly more refugees, and for humanitarian organisations trying to fund their operations in the Middle East, but it is incorrect for several reasons. Firstly, those Syrian refugees in Jordan, Lebanon, Turkey, and Iraq who are dependent on international aid are the poorest. Secondly, most new arrivals say they left Syria and Iraq less than a month ago, after selling everything they owned, or getting money from a relative abroad. Most who make it to Greece are from the middle classes and came directly from Syria.

Myth #3: All Syrians and Iraqis are running away from ISIS (so-called Islamic State)

Syrians are fleeing fighting in all parts of the country, including those regions still under government control. Most say they will return as soon as the war ends, but for now they see no alternative but to come to Europe, where their children can go to school and they can practise their professions while having some quality of life. Even those living in more stable areas are making the decision to leave based on fears about the future, lack of services (including water and electricity in many towns and cities), and the presence of relatives in Europe.

Many Iraqis come from Baghdad, which remains under government control, and many left Mosul before and after its fall to ISIS and crossed on foot to Turkey.

Myth #4: All single men leaving Syria are fleeing mandatory military service

While many young Syrian men want to avoid being drafted into the Syrian army, this is not their only reason for leaving. Many are students who want to complete their studies in Europe because in Syria it is no longer possible. There are also young professionals and artists who tried staying in Syria for the last four years of the war, but in the end could no longer survive.

See: Humans of Syria

Myth #5: Afghans, who make up the second largest nationality arriving in Greece, are all fleeing conflict in Afghanistan

Based on interviews with many Afghan refugees and their interpreters working in Lesvos, it is clear that the vast majority of Afghan arrivals are from the ethnic Hazara minority that have long faced persecution in Afghanistan and have lived as refugees in Iran for many years or were born there. After years of being discriminated against in Iran, they are taking advantage of the route that has opened up into northern Europe via Turkey and Greece. It is unclear how their asylum claims will be treated once they reach their destinations and whether their vulnerability in Iran will be recognised as sufficient basis for refugee status.

Myth #6: Foreign volunteers are doing the bulk of the work receiving new arrivals

A number of volunteers have come to Greece to combine a holiday with doing something useful, joining foreigners already resident on the islands who are contributing to relief efforts. This has been widely covered by European media, giving the impression that gaps in government assistance to the refugees and the initial slowness of the NGO response were being filled only by foreign volunteers. In fact, Greek volunteers and local citizens of the islands have been and continue to be the first responders. Fishermen, for example, often come across stalled or sinking dinghies and bring the refugees to shore or alert the coast guard.

Myth #7: The economic impact on the islands has been negative

It is a fact that during the summer in Kos, tourists complained about seeing refugees arriving at the beaches where they were sunbathing. It is also true that a number of cruises to Lesvos were cancelled and that there were negative impacts on tourism in the town of Mytiline when thousands of refugees were sleeping rough without adequate toilets. But the refugees have also boosted business for many local hotels, taxis, shops and restaurants. The more entrepreneurial have started stocking tents, mats and sleeping bags and providing phone charging facilities. A thorough assessment of the overall economic impact on the islands remains to be done.

 

14. October 2015, 19.20 Uhr:

Unsere Freunde in Teheran II

von Thomas von der Osten-Sacken

Während in Syrien Einheiten der Revolutionsgardisten, unterstützt von russischen Flugzeugen, eine Offensive auf Aleppo vorbereiten, der iranische Revolutionsführer zur Vernichtung Israels trommelt und weltweit als größter Terror-Unterstützer gilt, organisiert Deutschland seine diesjährige Sicherheitskonferenz in …. Teheran.

Es fehlen einem diese Tage die Worte, um den Verrat und diese Dummheit, den Kapitulationswillen und die Bigotterie noch irgendwie begrifflich zu erfassen.

Selbst der Versuch, an so etwas Kritik zu üben, macht sich leider der Kumpanei verdächtig, wird selbst Teil des allgemeinen Wahns.

Das ist, anders lässt es sich nicht ausdrücken, offene Kollaboration mit denen, die Barrel Bombs über syrischen Städten abwerfen, das Abstechen von Juden frenetisch feiern, Schwule an Baukränen aufhängen, besonders perfide foltern, Frauen in Gefängnissen vergewaltigen lassen und einen zweiten Holocaust zu begehen versprechen:

Unter der Leitung des MSC-Vorsitzenden Botschafter Wolfgang Ischinger und des iranischen Außenministers Mohammed Sarif wird in Teheran ein exklusiver Kreis von rund 60 Teilnehmern zusammenkommen, um sich in einem informellen Rahmen austauschen zu können.

Neben dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier und seinem iranischen Amtskollegen nehmen u.a. der afghanische Außenminister Salahuddin Rabbani, der irakische Außenminister Ibrahim Al-Jaafari, der Premierminister der Regionalregierung Kurdistan Nechirvan Idris Barzani, der stellvertretende UN-Sondergesandte für Syrien Ramzy Ezzeldin Ramzy, die stellvertretende Generalsekretärin für politische Fragen des Europäischen Auswärtigen Dienstes Helga Schmid, sowie die Vorsitzenden der Auswärtigen Ausschüsse  der französischen Nationalversammlung Élisabeth Guigou und des Deutschen Bundestages Norbert Röttgen, teil. Weiter werden Regierungsvertreter aus arabischen Ländern, zahlreiche Parlamentarier aus europäischen Staaten und NGO-Vertreter beim Core Group Meeting vertreten sein. (…)

Zum Anlass des Meetings sagte der MSC-Vorsitzende Wolfgang Ischinger: “Das Wiener Abkommen hatte nur die Frage des iranischen Nuklearprogramms im Blick. Es löst nicht alle unsere Probleme, und es bleiben wichtige Umsetzungsschritte zu erfüllen. Aber angesichts der jüngsten Einigung im Atomstreit ist nun der Zeitpunkt gekommen, um zu eruieren, ob und inwieweit mit dem Iran auch in anderen Feldern eine engere Zusammenarbeit möglich sein wird. Wir müssen auch mit iranischen Entscheidungsträgern mögliche gemeinsame Ansätze bei der Bewältigung der vielfältigen regionalen Krisen, insbesondere in Syrien, besprechen.”

9. October 2015, 19.47 Uhr:

Tapas, Tinto und Toreros: Wer braucht schon die Natur?

von Jörn Schulz

Im Jungle-Team gehen die Meinungen auseinander: Ist die urbane Enge und Hektik der Weite und Ruhe der Natur vorzuziehen? Wobei es mit der Ruhe der Natur hier so eine Sache ist. Mit dem Sonnenuntergang beginnt das Hundekonzert. Eine gewisse, wenn auch dem Menschenohr eher befremdlich anmutende Musikalität ist zu erkennen. Zwei Hunde bellen den Rhytmus, einer jault die Melodie. Von der anderen Seite des Tals kommt die Antwort. Manchmal stimmt noch ein Solist vom Berghang ein. Leider gibt es da einen Köter, der kein Ende finden kann. Lauter als das Schnarchen mancher Kollegen ist er aber auch nicht.

Daran haben wir uns gewöhnt, gestern aber waren verdächtige Geräusche im Gebüsch zu hören. Sehr nahe, viel zu laut für einen Hund. Etwas Großes. Von den Katzen, die sonst nie die Hoffnung aufgeben, ein Extrahäppchen ergattern zu können, war nichts zu sehen. „Gibt es hier Bären?“ Mangels Internet ließ sich das nicht so schnell ergründen, aber es gibt wohl keine. Ein Wildschwein? Manch einer denkt da an einen leckeren Braten, aber man sollte nicht vergessen, dass King Robert von einem Eber getötet wurde. Wir waren kaum nüchterner als er und wesentlich schlechter, genau genommen gar nicht bewaffnet. Dennoch leuchteten wir mutig in die Dunkelheit. Nichts zu sehen. Noch ein Rätsel, das ungelöst bleibt. Gewaltiger Spinnen mussten wir uns hier auch erwehren.

Eine weitere Debatte ist: Navi oder human intelligence mit archaischen Hilfsmitteln wie Karten und Orientierungssinn? Unerwünschte Stadtrundfahrten, die der barcelonitischen Vorliebe für Einbahnstraßen und Abbiegeverbote zu verdanken sind, lassen sich allerdings manchmal weder digital noch analog vermeiden.

Immerhin haben wir Orientierung im politischen Dschungel und im Machtleben Barcelonas gefunden, aber, wie möglicherweise bereits erwähnt, müssen sie auf die Ergebnisse bis zum 15. Oktober warten. Während nun für uns zum letzten Mal die Gipfel im Licht der Abendsonne erglänzen, bereiten wir die Abreise und die Hunde ihr Konzert vor. Die esoterischen Tendenzen scheinen sich gemildert zu haben, einsam trauern die nicht umarmten Bäume in der Dämmerung. Hoppla, raschelt da nicht was in den Büschen?

8. October 2015, 01.09 Uhr:

Putins Unterstützer

von Thomas von der Osten-Sacken

Now Lebanon zählt auf, wer alles Putins Intervention in Syrien unterstützt:

Let nobody say Vladimir Putin’s military intervention in Syria is taking place without international support. Having already secured beaming endorsements from Iran, Lebanon’s Hezbollah, Iraq’s leading Shiite Islamist death squads, and Donald Trump, among others, on Tuesday Putin received the full backing of the UK’s far-right British National Party (BNP), who were kind enough to release, along with their statement, a large photo of the Russian president looking fearsome in dark sunglasses as a flustered David Cameron and Barack Obama wince in pain and despair.

Das ist der Blick aus dem Vereinigten Königreich. Die Liste der Unterstützer aus Deutschland müsste noch geschrieben werden und wäre eindrucksvoll.

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