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Kürzliche Beiträge
4. Mai 2008, 21.50 Uhr:

Talk Talk Talk

von Ivo Bozic

Puh! Erst Freitag/Samstag die Iran-Konferenz, dann heute die Podiumsdiskussion des BAK Shalom in der Linksjugend. Beides ganz spannend. Vom letzteren hab ich Fotos. Denn geredet wurde ja nun wirklich genug an diesem Wochenende… Watch this, sieht öder aus, als es war:

3. Mai 2008, 00.23 Uhr:

Cave poetam

von Stefan Ripplinger

Biographien sind meist grauer Teig, aber ein guter Index liest die Rosinen aus. In einer finde ich heute unter Berryman, John: antisocial behavior of den Bericht eines Studenten, der mit seiner Verlobten Franny und dem Dichter einen gemeinsamen Abend verbracht hat:

Wir sprachen gerade über ernsten Poesiekram, als ich seine Hand blitzschnell ihren Rock hochfahren sah. Ich sagte vernehmlich, Habe ich das eben wirklich gesehen? Franny schüttelte ihren Kopf. Wir plauderten weiter & binnen weniger Minuten passierte es erneut. Ich sagte zu Franny, Lass uns abhauen, sie war einverstanden & wir richteten uns zum Aufbruch. Ich war sauer. John zitierte mich in seine kleine Küche; ich dachte, er wollte sich entschuldigen, stattdessen sagte er mir, meine Frau bleibe gern bei ihm und ich solle doch bitte ein guter Verlierer sein & einfach gehen. Ich warf ihm irgendein Schimpfwort an den Kopf & lachte ihn aus, obwohl ich tief verletzt war; als wir schließlich im Gehen begriffen waren, rief Franny irgendwas & ich wollte mich John zuwenden, doch bevor ich es konnte, wurde mir auch schon eins mit der Scotchflasche, die inzwischen leer war, verpasst, ein Streifhieb, aber er genügte, um mich niederzustrecken. . . . Er trampelte auf einer meiner Hände herum, der linken & am nächsten Tag fühlte sich der Daumen gebrochen an.

(Paul Mariani, Dream Song. The Life of John Berryman. William Morrow & Co.: New York 1990, S. 282f.)

1. Mai 2008, 16.27 Uhr:

Triple

von Maik Söhler

Nach langer, sehr langer Zeit mal wieder drei gute belletristische Neuerscheinungen hintereinander erwischt:

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten - hellsichtig und humorvoll.

Karen Duve: Taxi - humorvoll und abgründig.

David Foster Wallace: Vergessenheit - abgründig und größenwahnsinnig.

Nach kurzer, sehr kurzer Zeit hat die Schlafanstalt für Traumgestörte von Karen Russell die Serie heute gleich wieder beendet. Kein Problem, kehre gerne zurück zur Kinderliteratur und zur angewandten Literatur der Spielkonsolen.

1. Mai 2008, 07.17 Uhr:

Sorry (5)

von Stefan Ripplinger

Schon in der ersten Minute hatte ich bemerkt, dass wir zueinander nicht würden finden können, umso zäher zog sich das zum Kennenlernen gedachte Frühstück hin. Zur Haustür brachte ich ihn unter so vielen Entschuldigungen, dass er endlich seinem Ärger Luft machte: „Und höre auf, dich fortwährend zu entschuldigen!“ – „Oh, Entschuldigung!“ entfuhr es mir, fast reflexhaft. Darauf machte er auf dem Absatz kehrt und ging grußlos, während ich in meine Wohnung zurückeilte, um rücksichtslos lachen zu können.

30. April 2008, 15.48 Uhr:

Dienet dem Herrn mit Freuden

von Jörn Schulz

In Hamburg hat der DGB sich diesmal etwas Besonderes einfallen lassen: Einen „gemeinsamen Auftritt“ mit den christlichen Kirchen. Dafür gibt es eine „tragfähige Basis“, meint der Hamburger DGB-Vorsitzende Erhard Pumm. Die Pfaffen wie Gewerkschaftbürokraten von Gott im Übermaß verliehene Fähigkeit, einschläfernde Reden zu halten? Nein, „Christ und Gewerkschafter, Gewerkschafterin und Christin, das kann und darf kein Widerspruch sein. Am besten beweisen das die Engagierten, die sowohl in der Kirche als auch in der Gewerkschaft aktive Rollen übernommen haben.“

Noch in den siebziger Jahren war gewerkschaftliches Engagement in kirchlichen Betrieben verboten. Nun herrscht zwar im Himmel mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 99 Gerechte, doch die Kirchen sündigen weiter und bereuen nicht. Bis heute halten sie an einem korporativen Gesellschaftsbild fest, demzufolge Lohnabhängige in ihren Betrieben einer „Dienstgemeinschaft“ angehören und das gottlose Betriebsverfassungsgesetz nicht angewendet werden darf. Noch immer maßen sie sich das Recht an, über das Privat- und Intimleben ihrer Bediensteten zu gebieten. Ein unchristliches Sexualleben ist ein potenzieller Kündigungsgrund, fast sicher ist die Entlassung bei einem Austritt aus der Kirche, dies gilt überdies als schuldhaftes Verhalten, das eine Sperrfrist bei der Zahlung des Arbeitslosengeldes nach sich zieht.

Es ist leichter, dass eine Heuschrecke durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Kirchenbürokrat im Reich der Meinungsfreiheit ankomme. Die Pharisäer sagen: Siehe, es ist nur ein Gottesdienst, welcher da schnell vorüberzieht, auf dass der Blick frei werde auf Bratwürste und Bier. Ich aber sage euch: Wehe denen, die nicht achten auf die Zeichen. Denn es spricht der Pumm, dass man „in diesem Jahr gemeinsam mit den christlichen Kirchen“ auftrete. Wenn er euch im nächsten Jahr die Köpfe gen Mekka senken lässt, wenn ihr im übernächsten Jahr gemeinsam mit dem Dalai Lama die Gebetsmühle geschwungen habt, wenn ihr im folgenden Jahr ein reinigendes Bad in der Elbe nahmt, weil der Ganges zu weit weg ist, dann werdet ihr gewahr, dass ihr zwar allen Göttern gedient, aber immer noch keine Lohnerhöhung erhalten habt.

29. April 2008, 17.40 Uhr:

wine, cheese and schmoozing

von Doris Akrap

Wer die Möglichkeit hat, den 1. Mai in New York zu verbringen, sollte der charmanten Einladung zu der Veranstaltung “1968: Legacy and Lessons” folgen: “The event is free and open to the public, and there will be wine, cheese, and schmoozing after the talk.”

28. April 2008, 17.10 Uhr:

Management ist keine Erwachsenen-Vergnügung

von Jörn Schulz

Haben Sie schon einmal von einem Unternehmer oder Manager gehört, der sagt: „Es ist toll, reich zu sein. Ich genieße es.“ Vermutlich nicht, stattdessen hört man Klagen, nichts als Klagen. „Extremjobber“ sind sie, meint das manager-magazin:
„Jede zweite Führungskraft mit einem Jahresgehalt von über 200.000 Euro arbeitet mehr als 60 Stunden pro Woche.“ Nun gut, es handelt sich um Eigenangaben, schwerer aber ist es geworden, das Managerleben. Das beweisen die Spesenrichtlinien der Deutschen Bank. Sie „billigt keinerlei Erwachsenen-Vergnügungen und wird solche Ausgaben nicht ersetzen.“ Das Management legt großen Wert auf die Feststellung, dass nur bereits geltende Richtlinien bekräftigt wurden, verrät aber nicht, warum das nötig war. Das tut ein „Deutsche Bank insider“, der den „neuen Puritanismus“ beklagt, gegenüber dem Independent: „In der guten alten Zeit konnte man einen Bordell- als Restaurantbesuch deklarieren, wenn der Name nicht zu offensichtlich war.“

Marx behauptete: „Der Schatzbildner opfert daher dem Goldfetisch seine Fleischeslust. Er macht Ernst mit dem Evangelium der Entsagung.“ Der gemeinsame Bordellbesuch nach dem Geschäftsessen wurde jedoch so selbstverständlich, dass in den achtziger Jahren Manager der gewerkschaftseigenen „Neuen Heimat“ ehrlich empört waren, als ihre Spesenabrechnung aus dem „Club Amphore“ ins Gerede kam. Nun predigt die Deutsche Bank das Evangelium der Entsagung, in einer Zeit, da man die Banker eher als Schatzauflöser bezeichnen müsste. Knapp eine Billion Dollar werden die US-Immobilienkrise und ihre Folgen kosten, schätzt der IWF.
Das entspricht, wenn man die Preise der Drei-Diamanten-Damen des elitären Emperors Club zugrunde legt, dem Gegenwert von einer Milliarde Bordellbesuchen. Da kann der Schatzbildner noch so viel entsagen, die Verluste lassen sich auf diese Art nicht kompensieren.

Nein, offenbar schlummerte tief in der Managerseele ein Bedürfnis nach Selbstkasteiung, das sich nun Bahn bricht. In ihrer Geschichte schwankte die Bourgeoisie immer zwischen dem Bestreben, es dem Adel gleichzutun, und dem Puritanismus. Als Gründe für die derzeitige Entsagung können feministische Kritik oder ein schlechtes Gewissen ausgeschlossen werden. Vielmehr kasteit sich der wahre Puritaner, weil er Spaß daran hat. Als Bourgeois häuft er nun Geld und Macht um ihrer selbst willen an, nicht, weil er sich damit etwas verschaffen kann, das anderen vorenthalten bleibt.

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