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Kürzliche Beiträge
5. April 2008, 18.22 Uhr:

Neukölln

von Ivo Bozic

Gestern erzählte mir ein Freund und Kollege, der gerade nach Neukölln gezogen ist, dass er jeden Tag die einzige im Kiez erhältliche FAZ kauft und dafür neulich von den Spritties am Kiosk mit dem Spruch “Oh, ein Intellektueller” verhöhnt wurde.

Soviel zum Thema neuer In-Bezirk, oder sagt selbst: Was soll man davon halten?

5. April 2008, 13.18 Uhr:

In Mussdorf

von Maik Söhler

Gerade bin ich an einem Ort, wo das “Muss” regiert. Alles hier “muss", nichts “kann", “will” oder “möchte", nicht mal die semiautortären Varianten “darf” oder “soll” sind im hiesigen Denken und Handeln vorgesehen. Mit dem “Muss” einher geht der völlige Verzicht auf Fragen und Austausch. Es ist eine grausame Welt voller Aussagen und Pflichten. Gerade bin ich im Siegerland.

http://de.wikipedia.org/wiki/Siegerland

4. April 2008, 10.02 Uhr:

Kauderwelsch

von Stefan Ripplinger

William Billings (1746-1800) schrieb eines der ersten dissonanten Stücke der amerikanischen Musikliteratur, das Lied „Jargon“. Gloria Coates greift es im zweiten Satz ihrer ziemlich großartigen XIV. Symphonie (2001/2002) auf. In den Liner Notes der Einspielung bemerkt Kyle Gann dazu:

„Bostoner Kritiker hatten sich seinerzeit darüber beklagt, dass Billings’ Musik zu konsonant sei, worauf der ehemalige Gerber eine völlig dissonante (allerdings diatonische) Antwort komponierte:

Lasst furchtbares Kauderwelsch die Luft zerteilen
Und die Nerven zerfetzen
Lasst verhassten Missklang in den Ohren verweilen
Wie Donners Entsetzen
.“ (Übersetzung: Cris Posslac)

3. April 2008, 17.31 Uhr:

Die Prediger der anderen

von Jörn Schulz

Ich würde nicht in ein Flugzeug steigen, wenn der Pilot mir vorher erzählt hat: „Bevor ich eine wichtige Entscheidung treffe, konsultiere ich erst einmal meinen spirituellen Berater.“ Erst recht würde ich Menschen, die sich auf spirituelle Berater berufen, keinen Atomkoffer in die Hand geben. Wer Präsident der USA werden will, muss jedoch einen oder mehrere dieser Berater vorweisen können. Denn die Amerikaner sind gläubig, und sie wollen, dass auch ihr Präsident es ist. Vielleicht glauben auch nur die Wahlkampfberater, dass die Amerikaner so gläubig sind und auf einem frommen Präsidenten bestehen, aber das Ergebnis ist das Gleiche.

Das wirft hin und wieder Probleme auf, denn, wie Christopher Hitchens schreibt: „Sie können mit fast allem davonkommen, wenn vor Ihrem Namen ‚Reverend’ steht.“ Wie Barack Obama die Probleme bewältigt hat, die sein Prediger Jeremiah Wright ihm bereitete, können Sie in der Jungle World nachlesen. Wie aber steht es um die spirituelle Beratung John McCains und Hillary Clintons?

McCain bekundet, „sehr stolz“ auf die Unterstützung seines Pastors John Hagee zu sein. Hagee ist ein Apokalyptiker, der in seinem Buch „Jerusalem Countdown“ prophezeit, der unvermeidliche Atomkrieg mit dem Iran werde zu einem nuklearen Weltkrieg und dem Erscheinen Christi führen. Die katholische Kirche nennt er die „große Hure“ und ein „falsches Kultsystem“, die Überschwemmung in New Orleans eine Folge des zu hohen „Sündenniveaus“ in der Stadt. McCain hat sich bislang nicht distanziert.

Clinton ist Mitglied der Fellowship, eines „Netzwerks nach Geschlecht getrennter Zellen“, in denen sich einflussreiche Politiker, Unternehmer und Offiziere organisieren, die „glauben, dass die Elite ihre Macht durch den Willen Gottes gewann, der sie für seine Zwecke benutzt.“ Die Gruppe mischt Ideen des Calvinismus mit den Lehren Norman Vincent Peales, der das „positive Denken“ predigte. Positives Denken braucht Clinton allerdings auch, wenn sie am Glauben festhalten will, sie könne noch Präsidentin werden.

3. April 2008, 17.11 Uhr:

Rettet den Teufel!

von Jörn Schulz

Sein Fell ist schwarz, und wenn er wütend wird, leuchten seine Ohren rot. Dieses Aussehen und seine gelegentlichen Ausflüge in Schaf- und Hühnerställe trugen dem Sarcophilus harrisii den Namen Tasmanischer Teufel ein. Er wird zur Familie der Raubbeutler gezählt, was auch nicht ganz fair ist, denn schließlich raubt der Beutler nicht. Er frisst, und zwar eine ganze Menge, bis zu 40 Prozent seines Körpergewichts pro Mahlzeit. Dabei verhält er sich ökologisch vorbildlich, er hinterlässt keinen Müll. Knochen, Fell, Eingeweide – nichts bleibt übrig. Eine Ausnahme gibt es allerdings. Verspeist der Tasmanische Teufel einen Planzenfresser, so verschmäht er den Darm. Er mag eben kein Grünzeug.

Der Tasmanische Teufel ist das beste Wappentier für die emanzipatorische Linke. Er ist bissig, mit einem durchschnittlichen Gewicht von acht Kilogramm und einer Körperlänge von 60 Zentimetern aber zu klein, um als Symbol des Machismo gelten zu können. In seinem Outfit vereint er die Farben Schwarz und Rot, es könnte ein bisschen mehr Rot sein, aber man kann nicht alles haben. Der antiautoritäre und nachtaktive Beutler ist ökologisch korrekt, als konsequenter Carnivore aber zugleich ein Symbol des Kampfes gegen den puritanischen Tugendterror.

Doch der Tasmanische Teufel ist bedroht. Eine bislang unheilbare Erkrankung, die Krebsgeschwüre verursacht, könnte in den nächsten 20 Jahren alle Teufel dahinraffen. Nur der Teufel Cedric ist immun, und die Forscher University of Tasmania wollen nun herausfinden, warum. Wir sollten ihnen viel Glück wünschen.

2. April 2008, 19.21 Uhr:

Als ob

von Doris Akrap

These: Hans Vaihinger (1852-1933) hat in seiner “Philosophie des Als ob” die ideologische Grundlage des Internets geliefert. Sowohl seine Erkenntnistheorie als auch die Internetgesellschaft hält objektive Wahrheit für unmöglich.

O-Ton: “Das menschliche Vorstellungsgebilde der Welt ist ein ungeheures Gewebe von Fiktionen voll logischer Widersprüche, d. h. von wissenschaftlichen Erdichtungen zu praktischen Zwecken bzw. von inadäquaten, subjektiven, bildlichen Vorstellungsweisen, deren Zusammentreffen mit der Wirklichkeit von vornherein ausgeschlossen ist.”

Begründung: Gott und Seele werden so behandelt “als ob” sie wahr seien. Dass sie nur Fiktion sind, sagt uns die Vernunft. Sie scheinen aber einen praktischen Wert für den Einzelnen zu haben und deshalb sind sie wahr.

Konklusion: Internet und Blog werden so behandelt, “als ob” sie wahr seien. Dass sie nur Gelaber sind, sagt uns die Vernunft. Sie scheinen aber einen praktischen Wert für den Einzelnen zu haben und deshalb sind sie wahr.

2. April 2008, 17.15 Uhr:

Das Kriegshoroskop 0.8

von Ferdinand Muggenthaler

Der Sturz des Königs war wahrscheinlich. 34 Jahre war er Amt. Und nach einem Computermodell zur Konfliktvorhersage der Georg Mason Universität in Arlington müssen Herrscher, die mehr als 15 Jahre im Amt sind mit gewaltsamen Protesten rechnen. Doch in Bhutan gelten andere Gesetze. Der König übergab sein Amt friedlich seinem Sohn, der jetzt seinen Untertanen die Demokratie verordnete.

In Kamerun hatte das Computerorakel mehr Erfolg. Bereits 2005 hatte es Unruhen prophezeit, die letzten Monat ausgebrochen sind - unter anderem weil Paul Biya das Land seit 1982 regiert. Die Konfliktvorhersage auf den Zusammenhang zwischen Amtsdauer und Umsturzwahrscheinlichkeit zu reduzieren ist natürlich unfair. In die Computeranalyse gehen Daten wie die Anzahl der Ärzte, die Lebenserwartung und das Bruttosozialprodukt ein. Wie der New Scientist schreibt, werden die Methoden immer ausgefeilter.

Zu schade, dass der Quellcode für diese Modelle nicht öffentlich ist. Vieleicht ließe sich so endlich die Frage klären, wann eine Situation reif für die Revolution ist. Oder auch nur, wann die nächste Friedensdemo geplant werden muss. Doch dass erfolgreiche Konfliktvorhersageprogramme geheim bleiben, dafür sorgen schon die Auftraggeber. So beauftragte das Pentagon Lockheed Martin mit der Entwicklung des Integrated Crises Early Warning Systems.

Sicher nichts anfangen können die Simulationen mit dem Bruttoglücksprodukt, das es nach der Staatsphilosophie Bhutans zu steigern gilt. Ob die Anzahl der Fernseher pro Einwohner in die Analyse eingeht ist nicht überliefert. Wenn das Beispiel Bhutans irgendeinen Wert hat, dann lässt sich von der geringen Anzahl von TV-Geräten auf eine friedliche Zukunft schließen. In dem zweitärmsten Staat der Erde wurde Fernsehen erst 1999 eingeführt.

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