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Kürzliche Beiträge
15. September 2015, 16.42 Uhr:

Der neueste Smear gegen Charlie Hebdo

von Bernd Beier

Das französische Satiremagazin Charlie Hebdo hat mit seiner jüngsten Ausgabe erneut die internationale Brigade der Humorkritiker auf den Plan gerufen – Humorkritiker im selben Sinne wie Asylkritiker. Nach einer der in jüngster Zeit immer beliebter werdenden Triggerwarnung – „WARNUNG: Dieser Text enthält Bilder, die einige Leser verstörend finden könnten“ – berichtet die Huffington Post Deutschland:
„Ein Cartoon des Heftes, der in sozialen Medien kursiert, zeigt den ertrunkenen syrischen Jungen Aylan Kurdi, der mit dem Gesicht nach unten am Strand liegt. Dazu die Worte: ‚So nah an seinem Ziel…’. Im Hintergrund steht ein Schild im Stil des McDonald’s Happy Meal, auf dem steht: ‚Zwei Kindermenüs zum Preis von einem.’”
Bebildert wird der Beitrag mit einer plumpen Fälschung des jüngsten Titelblatts von Charlie Hebdo, wie sie derzeit auf Twitter und in anderen „sozialen Netzwerken“ kursiert. Der Cartoon aus dem Innern des Blattes wurde stümperhaft auf die Titelseite kopiert, um den Erregungspegel der sich sturzbetroffen Fühlenden in schwindelerregende Höhen zu schrauben.

Das Original-Titelblatt sieht anders aus.

Aber es bedarf nicht einmal dieser Fälschung, damit die Humorkritiker hyperventilieren. Dass, wie die Huffington Post berichtet, die der AKP-Regierung nahe stehende türkische Zeitung Sabah und die Morocco World News Charlie Hebdo beschuldigen, sich über den ertrunkenen kurdischen Jungen Aylan „lustig zu machen“, verwundert nicht. Es ist in den entsprechenden Ländern nun mal Staatsraison, Charlie Hebdo aller möglichen Schandtaten gegen die Staatsreligion und „die Muslime“ generell zu bezichtigen und bei jeder Gelegenheit zu verbieten.

Da hilft es wenig, wenn etwa Michael Weiss, Ko-Autor eines Buchs über den sogenannten Islamischen Staat, kritisiert: “Extraordinary that people can read these cartoons and conclude that Aylan is the butt of the joke. Truly.”

Aber auch in anderen Ländern nutzen Twitter-User die Gunst der Stunde, um alte Verleumdungen gegen Charlie Hebdo aufzuwärmen und sich für einen Job bei der Tugendpolizei zu empfehlen. So zitiert die Huffington Post UK Tweets von Barrister Peter Herbert, Vorsitzender der Society of Black Lawyers und als ehemaliger Vizevorsitzender der Metropolitan Police Authority ein früherer hochrangiger Cop, bei denen er jedes Understatement vermissen ließ:
“Charlie Hebdo is a purely racist, xenophobic and ideologically bankrupt publication that represents the moral decay of France.“
Nach diesem kleinen Seitenhieb gegen das moralisch verkommene Frankreich, ein Klassiker der reaktionären Kulturkritik, dreht er richtig auf: “The Society of Black Lawyers will consider reporting this as incitement to hate crime and persecution before the International Criminal Court.”

Gute Idee! Für Charlie Hebdo soll also, folgt man dem Gedankengang des Großen Vorsitzenden, nun der Internationale Gerichtshof in Den Haag zuständig sein. Dessen Aufgabe ist es, Delikte des sogenannten Völkerstrafrechts, nämlich Völkermord, Verbrechen gegen die Menschheit, Kriegsverbrechen und Verbrechen der Aggression, der militärischen natürlich, abzuurteilen.

Satire als Verbrechen gegen die Menschheit? Das hat gerade noch gefehlt.

14. September 2015, 13.13 Uhr:

Europas Front

von Thomas von der Osten-Sacken

Europa 2015:

Lieber Flüchtlinge mit der Armee bekämpfen, als die faschistischen Diktatoren oder mordenden Islamisten, vor denen sie fliehen.

Wofür schließlich hat man denn das Militär?

Die Bundesregierung hat am Montagvormittag in einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz verkündet, dass nun das Bundesheer mit 2200 Soldaten die Polizei bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise in Österreich unterstützen wird.

12. September 2015, 13.31 Uhr:

Einer, der den Islam verehrt

von Thomas von der Osten-Sacken

Viktor Orban im Bild-Interview.

Da sagt er, der immer wieder unterstreicht wie christlich er doch sei und es ihm ums Abendland gehe etwas, das von Herzen kommt: “Ich persönlich bin ein Verehrer des Islam".

Denn der Islam, den er so verehrt, ist genau jenes autoritäre, antiwestliche und authentische repressive Umma-Modell, das Europa gerne als stabilen Partner an seiner südöstlichen Peripherie hätte. Nicht Länder in den, wie in Bagdad jetzt auf Massendemonstrationen gefordert, säkulare Republiken eingerichtet wären, in denen es so etwas wie Frauenrechte und Citizenship gäbe und der Einfluss der Religion ins Private zurückgedrängt wäre.

Dass die Barbarei, die gerade herrscht, unter anderem herrscht, weil der Islam, den Orban liebt, am Ruder ist, nein das kann natürlich nicht sein.

Umso verständlicher aber, dass gerade er denjenigen, die nun vor jenen fliehen, die er so verehrt, nicht besonders viel Sympathie entgegenbringt, auch wenn, da ist ihm Recht zu geben, was Ungarn macht, nur die Exekution gültiger EU-Regeln ist, die eben so häßlich sind, wie sie erscheinen, wenn Ungarn sie exekutiert:

BILD: Bleiben Sie bei diesem NEIN zur Quote auch dann, wenn die EU Strafzahlungen oder Sanktionen androht?

Orbán: „Ich sehe das gelassen, es ist noch niemand bestraft worden, weil er EU-Recht befolgt hat.“

30. August 2015, 13.16 Uhr:

#Refugees Welcome

von Thomas von der Osten-Sacken

Wenn die Bild-Zeitung mit dem alten Antifa Slogan #refugeeswelcome für Unterstützung von Flüchtlingen wirbt, deutsche Minister sich mit dem Schild der Kampagne ablichten lassen, man sich kaum noch vor Selbstvorwürfen aus der Presse retten kann, wie denn kommen konnte, was kam, Heribert Prantl eine Allianz für Flüchtlinge fordert, es vermutlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Flüchtlingshilfe als das neue “Schwarz-Rot-Geil“-Gefühl gefeiert wird und  ausländische Medien die deutsche Großzügigkeit bei der Öffnung der Grenzen loben, dann möchte man - schließlich könnte alles viel viel schlimmer sein - nicht als Spielverderber dastehen.

Wenn aber  Independent und Guardian, weil ihnen zu Recht die britische Politik nicht passt, nun so tun, als handele die Bundesrepublik ganz selbstlos, sei doch daran erinnert, dass das europäische Flüchtlingsregime maßgeblich auf deutschen Druck entstand, angefangen von Auffanglagern in Gaddafis Libyen, Rücknahmeabkommen mit der Türkei und vor allem dem Dubliner Abkommen, dass die “Last” den Mittelmeeranrainern aubürdete. Denn es galt, dass ein Asylantrag in dem  EU-Land zu stellen sei, das der Flüchtling als erstes betrete.

Dieses ganze System ist aus verschiedenen Gründen nun in den letzten Monaten zusammengebrochen. Die Türkei lässt ausreisen, wer ausreisen will, d. h. so genannte Schlepper gewähren (schon gibt es die dazu passenden Verschwörungstheorien), die südeuropäische Länder winken die bei ihnen ankommenden Flüchtlinge durch, Gaddafi ist Geschichte und so kommen die Leute also nach Deutschland und können, selbst wenn man wollte, gar wieder abgeschoben werden.Wohin denn? In die Türkei? Nach Griechenland oder Italien? Nach Syrien? Geht alles momentan nicht. Die Dublin Regeln wurden aufgehoben, weil sie schlicht nicht mehr funktionieren.

Selbst wenn man wollte, könnte man also heute nicht, wie in 1990er Jahren nach den Morden von Mölln und Pogromen in Rostock-Lichtenhagen der Fall war, den Forderungen des Mobs “nachgeben".

Ob sie es mit ihrem #refugeeswelcome  es ernst meinen oder nicht spielt keine große Rolle, denn auf absehbare Zeit fehlt die Alternative, außer man folgt den Ungarn und baut Grenzzäune. Die allerdings auch keine Wirkung zeigen werden, wie François Gemenne mit wenigen Worten erklärt:

Abschottung und Überwachung der Grenzen bringen überhaupt nichts. (…) Es ist naiv zu glauben, dass sich die Situation mittels abgeriegelter Grenzen lösen ließe. Überhaupt ist die Idee, Migration kontrollieren oder einschränken zu wollen, absurd. Es gibt Menschen, die rennen um ihr Leben. Und keine Grenze der Welt wird sie in ihrer Todesangst aufhalten. Dann gibt es jene, die losgeschickt werden, um der Familie oder der Gemeinschaft ein besseres Leben zu ermöglichen. Diese Leute haben oft jahrelang Geld gespart. Das Überleben vieler Menschen hängt von ihnen ab - sie werden sich ebenfalls von keiner Grenze stoppen lassen.

29. August 2015, 14.08 Uhr:

"Mit Gruß an den Islamischen Staat"

von Ute Weinmann

Mephistopheles hat die Russische Revolution, die stalinistischen Säuberungen, die Leningrader Blockade und den Einzug des wilden Kapitalismus in den 1990er Jahren überstanden. Mit seinem diabolischen Lächeln blickte er wissend auf die Stadt hinab, dass ihm niemand etwas anhaben kann, und die Leningrader und Petersburger Bevölkerung schaute zu ihm auf. Doch damit ist nun Schluss. Petersburger Kosaken haben dem Satan den Garaus gemacht. Erst haben sie das Relief an der Fassade unter dem Dach des vor über hundert Jahren erbauten sechsstöckigen Wohnhauses fotografiert und schließlich einen Arbeiter mit Werkzeug nach oben geschickt, um Mephistopheles Antlitz von der Wand zu schlagen. Seine Überreste landeten im Müll. Ein Petersburger Blogger kommentierte den Vorfall lakonisch: „Mit Gruß an den Islamischen Staat“.

Vermutlich hätte sich auch weiterhin niemand an der Petersburger Lokalattraktion an jener Häuserfassade gestört, befände sich nicht genau gegenüber eine Baustelle. Und zwar nicht irgendeine. Anstelle eines Spielplatzes und eines Fluchtweges im Brandfall entsteht dort eine orthodoxe Kirche. Erst vor wenigen Tagen wurde auf dem Rohbau ein Kreuz angebracht – gegen den Widerstand der „Figur des Teufels“. Der Autor des Bekennerschreibens mokiert sich darüber, dass in Reiseführern auf diesen Umstand speziell hingewiesen würde, wo sonst findet sich die Verkörperung des Bösen in unmittelbarer Nähe eines Gotteshauses? Man habe im Übrigen nichts dagegen die Eremitage zu bewachen, dort befänden sich schließlich „echte“ Kulturgüter. Die Orthodoxe Kirche äußerte ihr Verständnis für die Tat und forderte mildernde Umstände bei der Bestrafung ein, schließlich sei einem Gläubigen grundsätzlich die Darstellung des Dämonen zuwider.

Der Vergleich mit dem IS mag weit hergeholt sein, denn die Orthodoxen in Russland bleiben auf der Ebene des Kulturkampfes stehen und treten keinesfalls als blutrünstige Machthaber an. Durch Zugeständnisse des Staates erweitern sich ihre Handlungsfreiheiten jedoch zusehends, und das machen sich diverse radikale Zusammenhänge gnadenlos zunutze. Mitte August zerstörte Enteo, mit bürgerlichem Namen Dmitrij Tsorionow, mit weiteren orthodoxen Moralwächtern seiner Gruppe „Gottes Wille“ mehrere Exponate einer Ausstellung sowjetischer Underground-Künstler in der Manege, einem staatlichen Museum direkt von den Kreml-Mauern. Betroffen waren insbesondere Arbeiten des Bildhausers Wadim Sidur, dessen Skulptur „Den Opfern der Gewalt“ im Zentrum von Kassel steht. Sidur habe laut Enteo mit seinen „blasphemischen“ Kreuzigungsdarstellungen die Gefühle Gläubiger verletzt, die per entsprechendem Paragraf im russischen Strafgesetzbuch geschützt werden müssten. Allerdings komme der Staat seinen Aufgaben nicht nach, weshalb die Gläubigen, als deren Sprecher Enteo sich versteht, in einem „Schrei der Verzweiflung“ ihren Gefühlen freien Lauf ließen. Ins Visier der Strafverfolgungsbehörden gerieten jedoch nicht allein die Angreifer, überprüfen will die Staatsanwaltschaft auch die Veranstalter. Enteo durfte dies als Aufforderung auffassen im gleichen Stil fortzufahren. Die zweite Attacke auf die Ausstellung ließ demgemäß nicht lange auf sich warten.

Straffrei gehen sicherlich auch orthodoxe Schläger der orthodoxen Bewegung „Vierzig mal Vierzig“ aus, die bereits mehrere Male Aktivisten einer Anwohnerinitiative gegen den Bau einer Kirche in einem öffentlichen Park im Moskauer Nordosten und sogar lokale Abgeordnete attackiert haben. Im Netz kursieren Fotos, die deren Anführer Andrej Kormuchin gemeinsam mit Patriarch Kyrill zeigen, was zu Spekulationen Anlass gab, die prügelfreudigen Orthodoxen könnten womöglich als eine Art Spezialgarde im Auftrag des russischen „Vertreter Gottes auf Erden“ ihr Unwesen treiben. Kyrill hat das kaum nötig. Um die Zeichen der Zeit zu deuten, braucht es heutzutage nicht einmal viel Verstand. Es reicht, seine religiösen Gefühle, soweit vorhanden, ein wenig aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.

28. August 2015, 16.34 Uhr:

Spendet Kippen

von Thomas von der Osten-Sacken

Ein Mann Gottes, eine prima Initiative:

Zur Stadtrat-Sitzung am Mittwochabend forderte Jenas Jugendpfarrer und Mitglied des Stadtrates, Lothar König (Bürger für Jena), in seinem Redebeitrag die Jenaer Bürger auf, sich an der neuen Initiative „Zigaretten statt Spielzeug“ zu beteiligen.

“Viele Flüchtlinge würden Raucher sein und könnten sich die teuren Zigaretten nicht leisten", so König. Er betonte, dass diese Initiative nicht kinderfeindlich sei, “aber was sollen die Erwachsenen mit Spielzeug. Denkt doch mal an diese armen Leute und kauft mal eine Packung Zigaretten!” Ein Nebeneffekt der Initiative sei auch, dass man bei dieser Form der Hilfe mit den Menschen besser ins Gespräch käme.

27. August 2015, 16.44 Uhr:

Linksdeutsche

von Thomas von der Osten-Sacken

Jakob Augstein:

Die Leute im Osten haben sich den falschen Gegner ausgesucht: Sie sollten sich in die Demonstrationen gegen die Banken einreihen - nicht in die gegen Ausländer. Nur dann wird aus “Wir sind das Pack” wieder “Wir sind das Volk".

Sarah Wagenknecht:

Den „Brief im Zorn“ von Jürgen Todenhöfer habe ich gerade erst entdeckt. Vieles, was er schreibt, kann ich teilen – und ich schließe mich an: Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass die USA und die europäischen Regierungen maßgeblich im Interesse von Waffenproduzenten und Rohstoffkonzernen handeln und ganze Regionen in mörderische Kriege und Bürgerkriege stürzen, um sich auf diese schmutzige Weise Zugang zu billigem Öl, Einflusssphären und Absatzmärkten zu sichern. Nicht nur die aktuelle deutsche Regierung von CDU/CSU und SPD, auch die Grünen haben den Krieg in Afghanistan und die Destabilisierung Syriens vorangetrieben und so failed states geschaffen, aus denen heute Millionen Menschen fliehen müssen. Der seinerzeitige grüne Außenminister Fischer hätte sogar eine direkte deutsche Beteiligung am barbarischen Irak-Krieg gern gesehen. Während die einen von Kriegen, Vertreibungen und Flucht profitieren, leiden Milliarden von Menschen darunter. Nein zu dieser unmenschlichen Politik und Nein zu Parteien, die als verlängerter Arm der Kriegsprofiteure handeln. Wir sind die 99 Prozent!

Oskar Lafontaine:

Wie lange müssen wir warten, bis wir in Deutschland eine Regierung haben, die den USA den blinden Gehorsam verweigert, keinerlei Unterstützung für Ölkriege gewährt und fordert, dass die USA die Kosten für die Unterbringung der Kriegsflüchtlinge zu tragen haben?


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