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Kürzliche Beiträge
25. Oktober 2012, 18.40 Uhr:

Joint Venture

von Jörn Schulz

„Kiffen im deutschen Fernsehen - darf man das?“ Diese Frage stellte die Bild-Zeitung anlässlich des Auftritts von Martin Lindner in der Talkshow Benjamin von Stuckrad-Barres. „Lindner reagierte ganz cool, als ihm (…) vom Moderator Marihuana angeboten wurde. (…) Der FDP-Spitzenpolitiker bot sich als Testkiffer an. (…) Nach einem langen Zug nickte der FDP-Mann anerkennend: ‚Echt!’“

Nun, man darf kiffen. Denn bestraft wird, wer „Betäubungsmittel unerlaubt anbaut, herstellt, mit ihnen Handel treibt, sie, ohne Handel zu treiben, einführt, ausführt, veräußert, abgibt, sonst in den Verkehr bringt, erwirbt oder sich in sonstiger Weise verschafft“. Der Konsum hingegen ist nicht strafbar. Wer einen Joint in die Hand gedrückt bekommt, darf also auch mal ziehen. Nur zurückgeben darf er den Joint nicht. Strafbar gemacht hat sich allerdings - sofern der Joint echt war - Stuckrad-Barre, dessen Wirken man aber ohnehin als Veräußerung von Betäubungsmitteln betrachten kann.

Unbegründet ist jedenfalls die Sorge Lindners, dass die Drogenbeauftragte sauer auf ihn sein könnte. Denn erhat einen Beitrag zu Prävention geleistet. Viel mehr Jugendliche werden nun sagen: „Kiffen? Wie uncool! Das ist was für dröge Spießer.“ Als Drogenexperte sollte er sich aber auch mal an jene wenden, die es übertreiben. Der Berliner Inensenator Frank Henkel (CDU) beispielweise sprach von „sechs Gramm beziehungsweise drei Konsumeinheiten für Cannabisprodukte“. Wenn die so dosieren, muss man sich wirklich nicht wundern, dass die Berliner CDU-Politiker nichts auf die Reihe kriegen.

20. Oktober 2012, 21.20 Uhr:

Die Reconquistadoren von Poitiers

von Thomas von der Osten-Sacken

Den heutigen Jahrestag der Schlacht von Tours und Poitiers nahm eine Gruppe namens “Génération Identitaire” zum Anlass, die Moschee von Poitiers zu besetzen und folgenden rassistischen Dreck abzusondern:

1300 years ago, Charles Martel stopped Arabs in Poitiers after an heroic battle which save our country from the Muslim invasion. It was the October 25th of 732. Today, we’re on 2012 and the choice is still the same : live free or die.

Our generation refuse to see her people and her identity disappear through indifference. We’ll never be the Native Indians of Europe. From this place, important symbol of our past and bravery of our ancestors, we call to memory and fight !

We don’t want extra-European immigration anymore, nor buildings of mosques on french soil. (…)

Our fight has only just begun, we call the young Europeans to become heirs of their fate and to join the advance guard of the youth who stands tall.

May all Europe hear our call : RECONQUEST !

10. Oktober 2012, 18.59 Uhr:

Abgeordnete ohne Marktwert

von Jörn Schulz

Erinnern Sie sich noch an den Mann mit der Fliege? Ja genau, den Riesenhuber, der war früher mal Forschungsminister. Den gibt es immer noch, im Bundestag fällt er nicht weiter auf, aber er belegt den dritten Platz unter den Spitzenverdienern im Parlament. Er sammelt Aufsichtsratsmandate wie andere Leute Briefmarken. Das kann man, weil ein Aufsichtsrat so viel zu tun hat wie der Tourismusminister von Somalia. Sie können darauf wetten: Wenn der nächste Umwelt- oder Korruptionsskandal bekannt wird, werden die Aufsichtsräte sagen, dass sie davon nicht gewusst haben, nichts wissen konnten und ohnehin gerade dafür nicht zuständig waren. Ein Aufsichtsratsposten ist ein Bundesverdienstkreuz für Lobbyisten, nur einträglicher, er sagt daher etwas über den Marktwert eines Menschen aus. Ebenso wie die Honorare für Reden und Beratung. Die werden natürlich nicht gezahlt, weil die Reden so brillant sind oder der Abgeordnete einen genialen Rat hat, auf den niemand anders gekommen wäre. Nein, auch hier wird in Anerkennung des Marktwerts und vergangener wie künftiger Leistungen als Lobbyist ein Bonus gezahlt.

Die Frage, die bei der Durchsicht der „Nebeneinkünfte“ gestellt werden muss, ist daher: Warum ist kein einziger Abgeordneter der deutschen Bourgeoisie mehr als eine Million Euro wert? Mit 680.000 Euro belegt Peer Steinbrück – ein Sozi! – schon den ersten Platz. Also, die Herren von FDP und CDU/CSU: Schämen Sie sich was! Ihre Leistungen bei der Förderung des Wohlergehens der deutschen Unternehmen sind offensichtlich zu dürftig, um ernsthaft honoriert zu werden. Steigern Sie endlich Ihren Marktwert! Abgeordnete, die zum Discounter-Preis zu haben sind – das ist wirklich eine Schande für den Standort Deutschland.

26. September 2012, 00.34 Uhr:

Dettmannsdorf bald kein Urlaubsmagnet mehr?

von Thomas von der Osten-Sacken

In Güstrow-Dettmannsdorf soll ein neues Asylbewerberheim eröffnet werden.

Ein Grund für Dettmannsdorfer Bewohner, aktiv zu werden. Unter anderem mit diesem Flugblatt:

 

Hoffentlich gibt es noch eine Antifa in Mecklenburg, die diesem Dreckskaff mal einen ordentlichen Besuch abstattet. Andererseits: mögen die Dettmannsdorfer doch mit ihrem Anliegen gewinnen, denn wirklich niemand, schon gar nicht ein Flüchtling, sollte gezwungen sein, in der Mitte von einem solchen Pack leben zu müssen.

21. September 2012, 00.08 Uhr:

We are all Greeks now: Die Wasserwerfer kommen

von Jörn Schulz

Zu den Vorzügen der europäischen Einigung – falls man davon noch sprechen kann – gehört neben der Tatsache, dass die lästige Geldwechselei entfällt, die Entstehung einer Art „international community“. Nun, vielleicht nicht community, aber es gibt einen regen Bevölkerungsaustausch überwiegend junger Leute zwischen den europäischen Metropolen. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnten sich nur reiche Südeuropäer eine Reise in das nördliche Europa leisten, von längeren Aufenthalten gar nicht zu reden, es sei denn, man wanderte auf Gedeih und Verderb aus. Nun kann der Sohn einer kommunistischen Tavernenbesitzerin in Berlin Geschichte studieren – noch, müsste man wohl eher sagen.

Vermutlich wird sich in nächster Zeit etwas anderes etablieren. Derzeit leben unzählige Griechen von der Substanz, vom Ersparten, der Unterstützung von Verwandten etc., aber lange wird die Substanz nicht mehr reichen. Bald werden sich wohl jene glücklich schätzen können, die Verwandte halbwegs gut bezahlten Jobs im Ausland haben. In Ägypten und vielen mittelamerikanischen Ländern sind die Überweisungen der Migranten ein unentbehrlicher Wirtschaftsfaktor, darauf scheint auch Griechenland zuzusteuern.

Als die südeuropäischen Länder Anfang der achtziger Jahre in die EWG aufgenommen wurden, hat so ziemlich die gesamte Linke prophezeit, dass ein Zwei-Klassen-Europa entstehen würde. Zwischendurch schien es so, als sei das eine Fehleinschätzung gewesen. Aber nun geht es eindeutig in die damals befürchtete Richtung. Zu den Kollateralschäden wird auch die nicht durch ökonomische Not bestimmte temporäre Migration gehören.

Im social kitchen von Petralona hockte ich heute mit einer Griechin und einem hier in Athen lebenden Schweden zusammen, die über den besten Tränengasschutz diskutierten. Wasserwerfer wurden hier bislang fast ausschließlich zur Bekämpfung von Waldbränden oder von Bränden benutzt, bei denen die Feuerwehr Gefahr lief, angegriffen zu werden. Das Modell von Magirus Deutz ist schon etwas älter, dass die Regierung nun routinemäßig Wasserwerfer gegen Demonstrationen einsetzen will, könnte der deutschen Exportindustrie ein neues Geschäft verschaffen. Diese Ausgabe wird die Troika sicher genehmigen.

Ihren Humor haben die Linken hier trotzdem nicht verloren, allerdings fällt er manchmal ein wenig makaber aus. Besagte Tavernenbesitzerin schlug dem uns begleitenden Griechen vor, alle Linken sollten ein Krankenhaus stürmen, die Antidepressiva plündern und umgehend einwerfen. Ihre Taverne liegt in Petralona, das ist gewissermaßen das altlinke Pendant zu Exarchia. Kommunismus ist hier häufig noch eine Famlienangelegenheit, mittlerweile spielen aber auch diverse andere linke Gruppen eine Rolle.

Auch das Rätsel der Differenz zwischen „anarchists“ and „leftists“ konnte gelöst werden. In Griechenland gibt es keine bedeutende anarchistische Tradition, eine Bewegung entstand erst nach dem Ende der Militärdiktatur. Die Anarchos wollten sich ganz bewusst von sämtlichen altlinken Traditionen absetzen, was ihnen aber zumindest im Hinblick auf die Freude an Spaltprozessen nicht gelungen ist. Es ist hier allerdings auch sehr wichtig, ob man sich als „radical“ oder „revolutionary“ bezeichnet. Aber ich will die Dinge nicht unnötig kompliziert machen, sondern lieber noch einen Ouzo trinken.

18. September 2012, 20.35 Uhr:

We are all Greeks now: Anna und Aris halten's Maul

von Jörn Schulz

Früher mochte ich ja auch keine Journalisten. So aus Prinzip, die lügen doch alle und dienen dem Schweinesystem. Nunmehr selbst Journalist, schätze ich eine solche Haltung natürlich überhaupt nicht. Wirklich beklagen kann ich mich allerdings auch nicht, wenn ich sozusagen mir selbst in der jüngeren, autonomen Gestalt begegne. Die Ansicht, dass man grundsätzlich nicht mit Jounalisten reden sollte oder, falls man es doch in Erwägung zieht, diese Frage erstmal ausführlich im Plenum diskutieren und gegebenenfalls einen Medienverantwortlichen benennen muss, ist jedenfalls weit verbreitet. Häufig geht dann aber doch etwas, weil man etwas von „radical leftist collective“ erzählt hat, bevor das böse J-Wort fiel, oder von Szene-Vertrauenspersonen eingeführt wurde.

Paranoid ist das Misstrauen im übrigen nicht, die griechische Presse scheint tatsächlich überwiegend wenig vertrauenswürdig zu sein, wenn es um die Berichterstattung über die Linke geht. Dass man von linkem Journalismus leben kann, löst hier großes Erstaunen aus und manche haben vielleicht auch die Ansicht, dass jemand, der vom Journalismus lebt, nicht wirklich links sein kann.

Amüsant dann wiederum das „I want to know why you don’t want to talk to journalists“ einer empörten Kollegin im Foyer der Poliklinik von Médecins du Monde. Wir waren eine Stunde zuvor sehr freundlich empfangen und ausführlich informiert worden. Allerdings möchten die Ärztinnen und Ärzte auch nicht die Behandlung unterbrechen, weil wieder mal jemand sofort einen Gesprächspartner haben will. Manchmal nerven sie ja auch wirklich, die Journalisten.

17. September 2012, 19.36 Uhr:

We are all Greeks now: Wachablösung

von Jörn Schulz

Es gibt hier auch Rätsel, die nichts mit der Linken zu tun haben. Wenn Sie Athen besuchen, sollten Sie nicht versäumen, das Ritual der Wachen vor dem Parlament (die Gegend ist derzeit fast immer tränengasfrei) zu beobachten, und zwar besser den kleinen Wachhäuschen-Tausch als den stündlichen Wachwechsel. Nicht nur wegen der ungewöhnlichen Uniformen und der hübschen Puscheln an den Schuhen. Dem Ritual fehlt weitgehend das militärisch zackige, die Soldaten bewegen sich eher bedächtig. Und wenn sie sich in der Mitte treffen, füßeln sie. Wenn beide ihr Wachhäuschen erreicht haben, wird es noch ungewöhnlicher. Normalerweise wird man ja beim Militär angeschnauzt, wenn die Mütze oder etwas anderes nicht richtig sitzt. Hier aber erscheint ein Soldat in gewöhnlicher Uniform, der ansonsten dafür sorgt, dass Kinder und Touristen den Wachsoldaten nicht zu nahe kommen, und tupft nacheinander beiden geradezu liebevoll den Schweiß von der Stirn, zutzelt ihre Mützen zurecht und glättet Falten an der Uniform.

Die Wachsoldaten sind Evzonen, deren Uniformen an den Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen erinnern sollen. Die Einheit wurde von König Otto dem Ersten und zum Glück auch Letzten aufgestellt. Der hatte den Job nur bekommen, weil die europäischen Großmächte darauf bestanden hatten, dass Griechenland eine Monarchie wird, aber kein nennenswerter Monarch oder Fürst den Thron besteigen wollte. Ob Otto das ein wenig an die Neuschwanstein-Märchenwelt erinnernde Ritual erfunden hat, ist allerdings nicht klar.

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