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Kürzliche Beiträge
7. August 2013, 19.25 Uhr:

Occupy Paradise!

von Jörn Schulz

„Ein ehrgeiziger Rechtsanwalt aus Kenia will den Strafprozess gegen Jesus Christus neu aufrollen“, berichtet Spiegel Online. Anklagen will der Anwalt Dola Indidis neben verstorbenen Beteiligten am Prozess wie Pontius Pilatus auch Italien und natürlich Israel. Sieht man davon ab, dass die Kreuzigung eine heilsgeschichtliche Notwendigkeit war, die Rehabilitierung somit das Christemtum eigentlich für ungültig erklären würde, sind Indidis noch einige offensichtliche Fehler unterlaufen.

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1. August 2013, 19.50 Uhr:

Deutschland balanciert

von Jörn Schulz

Es mangelte auch in den ersten Wochen auf Seiten der Fans wie der Feinde Snowdens nicht an Dummheiten und Ressentiments. Aber da fehlte noch jemand, jemand, ohne den eine politische Debatte in Deutschland eigentlich gar nicht denkbar ist. Genau, Hitler fehlte. Aber nun ist er da, und wie nicht anders zu erwarten, taugt er als Stichwortgeber für beide Seiten.

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25. Juli 2013, 17.36 Uhr:

Der große Steuermann

von Jörn Schulz

Stillgestanden, Sozis! Es kommandiert CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt: „Steinbrück muss dem rot-grünen Steuerwahnsinn abschwören und seine Steuererhöhungspläne definitiv zurücknehmen.“ Menschen, die unter dem bayerischen Einparteienregime aufgewachsen sind, fällt es offenbar schwer zu akzeptieren, dass in einer Demokratie gewöhnlich jede Partei ihr eigenes Programm schreibt. Steinbrück muss gehorchen, er „entwickelt sich sonst zum Steuer-Taliban“, mahnt Dobrindt. Da kann Steinbrück wohl froh sein, dass Thomas de Mazières Drohnen nicht so richtig funktionieren.

Nun aber, liebe Wirtschaftsliberale, die schlechte Nachricht: die Steuer-Taliban seid ihr. Denn die Taliban sind keineswegs Leute, die Steuern erhöhen, um den immer gierigen armen Nichtsnutzen Geld in den Rachen zu werfen. Im Fiskaljahr 2011/12 nahmen sie nach Angaben der Uno insgesamt 400 Millionen Dollar ein. Peter Sloterdijk, der „eine allmähliche Umstellung des bestehenden Steuersystems (…) zu einer Praxis freiwilliger Beiträge“ fordert, findet hier ein Vorbild: „The experts said donations are a ‘major’ source of funding”. Besteuert werden vor allem die Mohnernte (entspräche in Bayern einer moderaten Biersteuer) und der Handel. Zwar kommt es hin und wieder zu Unregelmäßigkeiten, so zahlen viele junge Männer Geld, um keine Taliban werden zu müssen. Doch das Steuersystem ist für alle Wirtschaftsliberalen ein Vorbild: „The Taliban use traditional taxes: a 10 percent tax on harvest and a 2.5 percent tax on wealth.“ Konsequenter noch war Ussama bin Laden, der bereits sechs Jahre vor Dobrindt über die Last „wahnsinniger Steuern“ klagte, die den Amerikanern aufgebürdet werde. Er lehrte: „Es gibt keine Steuern im Islam, sondern die begrenzte Zakat von nur 2,5 Prozent.“ Daran können sich Weicheier wie Dobrindt und Westerwelle ein Beispiel nehmen, und wenn die Salafisten etwas mehr von PR verstünden, also etwas weniger von Gott und etwas mehr vom Geld reden würden, könnten sie vielleicht sogar den einen oder anderen Autor der Achse des Guten bekehren.

22. Juli 2013, 00.00 Uhr:

Ruine Detroit

von Thomas von der Osten-Sacken

Yves Marchand and Romain Meffre haben in den vergangenen fünf Jahren in Detroit den Verfall der Stadt photographisch dokumentiert.

Sie schreiben:

At the end of the XIXth Century, mankind was about to fulfill an old dream. The idea of a fast and autonomous means of displacement was slowly becoming a reality for engineers all over the world. Thanks to its ideal location on the Great Lakes Basin, the city of Detroit was about to generate its own industrial revolution. Visionary engineers and entrepreneurs flocked to its borders. (…)

Detroit, industrial capital of the XXth Century, played a fundamental role shaping the modern world. The logic that created the city also destroyed it. Nowadays, unlike anywhere else, the city’s ruins are not isolated details in the urban environment. They have become a natural component of the landscape. Detroit presents all archetypal buildings of an American city in a state of mummification. Its splendid decaying monuments are, no less than the Pyramids of Egypt, the Coliseum of Rome, or the Acropolis in Athens, remnants of the passing of a great Empire.

Eine Auswahl ihrer Bilder haben sie auf ihre Homepage gestellt.

Die Stadtverwaltung von Detroit hat vergangene Woche Konkurs angemeldet.

18. Juli 2013, 18.43 Uhr:

Willenloses Reden

von Jörn Schulz

Es wird langsam Zeit, einen Preis für den irrsten Snowden-Kommentar auszuloben. Täglich treffen neue Bewerbungen ein. „Snowden hat sicher schon längst alles preisgegeben“, weiß Torsten Krauel von der Welt. „Der russische Geheimdienst verfügt aus KGB-Zeiten über Drogen, die einen Menschen zum willenlosen Reden bringen und diese Vernehmung anschließend aus dem Gedächtnis löscht. Ehemalige Sowjetagenten gehen davon aus, dass Snowden auf solche Weise abgeschöpft worden sei.“ Hat jemand bei Springer LSD ins Trinkwasser gekippt? Das „Wahrheitsserum“ ist ohnehin eine Legende, aber selbst wenn es eine gäbe: Wie Snowden im Rausch den Inhalt von vier Festplatten wiedergibt, wüsste man schon gerne.

12. Juli 2013, 18.51 Uhr:

Känguru Keuschie

von Thomas von der Osten-Sacken

In Österreich findet also sowas die volle Unterstützung der Regierung, die darin, wohl nicht ganz zu Unrecht, eine Förderung “christlicher Werte” sieht:

Die Erzdiözese Wien präsentierte heute auf einer Pressekonferenz eine neue Kampagne, mit der Österreichs Jugendliche von vorehelichem Sex abgehalten werden soll. Ab kommenden Herbst wird Känguru Keuschi durch Österreichs Schulen ziehen und neben sexueller Enthaltsamkeit auch christliche Werte vermitteln. (…)

„Känguru Keuschi ist cool und christlich. Mit dieser Figur haben die jungen Österreicherinnen und Österreicher endlich wieder ein Vorbild, an dem sie sich orientieren können“, so der Kardinal. Außerdem würde es der Kirche ermöglichen, den Kontakt zur Jugend wieder herzustellen.

Die Vermittlung von sexueller Enthaltsamkeit sei hier von vorrangigem Interesse: „Das Wort Jesu Christi verbietet Sex vor der Ehe aus gutem Grund.“ Dadurch würden die jungen Menschen fehlgeleitet und verdorben werden.  Homosexualität und Drogensucht könnten die Folge sein, meint Schönborn.

Mehr Hintergründe zur Kampagne auf den Seiten der östereichischen Tagespresse.

11. Juli 2013, 19.18 Uhr:

Liebling des Volkes

von Jörn Schulz

Es klingt wie eine Nachricht aus einem Paralleluniversum: „Vom verhasstesten und verspotteten Politiker hat es Außenminister Guido Westerwelle mittlerweile zum Staatsmann und zum neuen Liebling des Volkes gebracht.“ Habe ich irgendetwas verpasst? Hat beispielweise ein bösartiger Hacker Westerwelles kluge Stellungnahme zu Ägypten verschwinden lassen und durch dieses dumme Geschwätz ersetzt? Aber warum hat das dann im Auswärtigen Amt bis heute keiner gemerkt?

Andererseits ist das natürlich eine Frage der Kriterien. Ulf Poschardts sind etwas eigenwillig: „Westerwelle scheiterte an seiner Rolle als Vizekanzler und fand wenig Zugang zum Amt des Außenministers.“ Westerwelle hat also versucht, eine Rolle zu spielen, die es nicht gibt, da das Amt des Vizekanzlers nicht existiert, und seinen Job nicht erledigt. Stellen wir uns im Arbeitszeugnis eines Bäckers den Satz vor: „Er fand keinen Zugang zum Teig.“ Aber bei Politikern liegen die Dinge natürlich anders. „Die wichtigsten Qualitätsanforderungen an einen Politiker in dieser Berliner Republik sind Beharrungsvermögen, was Psychologen als Persistenz beschreiben, und Unerschütterlichkeit, was die Stoiker Ataraxie nennen. Wer an den Anfeindungen aus innerer Stärke nicht zerbricht, qualifiziert sich für ein Comeback – ein wenig wie bei Heidi Klums Modelshow.“ Früher nannte man das Aussitzen, aber Persistenz und Ataraxie klingen anspruchsvoller. Man könnte es allerdings auch Impertinenz und Apathie nennen.

Gänzlich unrecht hat Poschardt allerdings nicht. Beliebter ist Westerwelle tatsächlich geworden. Der Grund dafür dürfte allerdings schwerlich in seinen besonderen Leistungen zu finden sein, vielmehr enthält er sich innenpolitischer Äußerungen und seit dem Debakel bei der Abstimmung über die Libyen-Intervention im UN-Sicherheitsrat verzichtet er auch auf Außenpolitik. Aber er ist immer zutiefst besorgt über das, was da draußen passiert. Das Westerwelle-Mantra lautet: „Eine Lösung kann nur durch Dialog und politischen Kompromiss erreicht werden. Keine gesellschaftliche Gruppe darf ausgeschlossen werden. Gewalt muss als Mittel der politischen Auseinandersetzung ebenso ausgeschlossen sein wie politisch motivierte Verfolgungen und willkürliche Verhaftungen.“ Das galt jetzt Ägypten, aber von A wie Afghanistan bis Z wie Zimbabwe passt das auf fast jedes Land. Und was kann unser Westerwelle dafür, dass diese uneinsichtigen Ausländer nie auf ihn hören?

Man neigt natürlich dazu, Westerwelle für den passenden „Liebling des Volkes“ zu halten, das an jedem Krieg verdienen, aber mit keinem behelligt werden möchte. Andererseits könnte die gestiegene Popularität Westerwelles auch ein Ausdruck politischer Reife sein: Der beste Politiker ist einer, der nichts tut. Denn sollten wir uns wirklich wünschen, dass sich Westerwelle ernsthaft im Syrien-Konflikt engagiert? Westerwelles Comeback ist daher auch eine gute Nachricht für Peer Steinbrück. Wenn er bis September den Mund hält, gewinnt er die Wahl vielleicht doch noch.

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