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Kürzliche Beiträge
18. September 2012, 20.35 Uhr:

We are all Greeks now: Anna und Aris halten's Maul

von Jörn Schulz

Früher mochte ich ja auch keine Journalisten. So aus Prinzip, die lügen doch alle und dienen dem Schweinesystem. Nunmehr selbst Journalist, schätze ich eine solche Haltung natürlich überhaupt nicht. Wirklich beklagen kann ich mich allerdings auch nicht, wenn ich sozusagen mir selbst in der jüngeren, autonomen Gestalt begegne. Die Ansicht, dass man grundsätzlich nicht mit Jounalisten reden sollte oder, falls man es doch in Erwägung zieht, diese Frage erstmal ausführlich im Plenum diskutieren und gegebenenfalls einen Medienverantwortlichen benennen muss, ist jedenfalls weit verbreitet. Häufig geht dann aber doch etwas, weil man etwas von „radical leftist collective“ erzählt hat, bevor das böse J-Wort fiel, oder von Szene-Vertrauenspersonen eingeführt wurde.

Paranoid ist das Misstrauen im übrigen nicht, die griechische Presse scheint tatsächlich überwiegend wenig vertrauenswürdig zu sein, wenn es um die Berichterstattung über die Linke geht. Dass man von linkem Journalismus leben kann, löst hier großes Erstaunen aus und manche haben vielleicht auch die Ansicht, dass jemand, der vom Journalismus lebt, nicht wirklich links sein kann.

Amüsant dann wiederum das „I want to know why you don’t want to talk to journalists“ einer empörten Kollegin im Foyer der Poliklinik von Médecins du Monde. Wir waren eine Stunde zuvor sehr freundlich empfangen und ausführlich informiert worden. Allerdings möchten die Ärztinnen und Ärzte auch nicht die Behandlung unterbrechen, weil wieder mal jemand sofort einen Gesprächspartner haben will. Manchmal nerven sie ja auch wirklich, die Journalisten.

17. September 2012, 19.36 Uhr:

We are all Greeks now: Wachablösung

von Jörn Schulz

Es gibt hier auch Rätsel, die nichts mit der Linken zu tun haben. Wenn Sie Athen besuchen, sollten Sie nicht versäumen, das Ritual der Wachen vor dem Parlament (die Gegend ist derzeit fast immer tränengasfrei) zu beobachten, und zwar besser den kleinen Wachhäuschen-Tausch als den stündlichen Wachwechsel. Nicht nur wegen der ungewöhnlichen Uniformen und der hübschen Puscheln an den Schuhen. Dem Ritual fehlt weitgehend das militärisch zackige, die Soldaten bewegen sich eher bedächtig. Und wenn sie sich in der Mitte treffen, füßeln sie. Wenn beide ihr Wachhäuschen erreicht haben, wird es noch ungewöhnlicher. Normalerweise wird man ja beim Militär angeschnauzt, wenn die Mütze oder etwas anderes nicht richtig sitzt. Hier aber erscheint ein Soldat in gewöhnlicher Uniform, der ansonsten dafür sorgt, dass Kinder und Touristen den Wachsoldaten nicht zu nahe kommen, und tupft nacheinander beiden geradezu liebevoll den Schweiß von der Stirn, zutzelt ihre Mützen zurecht und glättet Falten an der Uniform.

Die Wachsoldaten sind Evzonen, deren Uniformen an den Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen erinnern sollen. Die Einheit wurde von König Otto dem Ersten und zum Glück auch Letzten aufgestellt. Der hatte den Job nur bekommen, weil die europäischen Großmächte darauf bestanden hatten, dass Griechenland eine Monarchie wird, aber kein nennenswerter Monarch oder Fürst den Thron besteigen wollte. Ob Otto das ein wenig an die Neuschwanstein-Märchenwelt erinnernde Ritual erfunden hat, ist allerdings nicht klar.

16. September 2012, 19.17 Uhr:

We are all Greeks now: Exarchia und Anarchie

von Jörn Schulz

Eine Kiezkarte haben wir hier ja nicht. Aber auch für die Athenerinnen und Athener kostet das Bier vier Euro. Immerhin gibt es Spätis, auf dem Exarchia-Platz ist es daher voller als in den meisten Cafés und Bierschwemmen der Umgebung. Exarchia ist das linke Viertel von Athen, umgeben von einem Polizeikordon. Es heißt, dass sich hier die Anarchisten um law&order bemühen. Offenbar selbstverständlich wird zwischen „anarchist“ und „leftist“ unterschieden (wohl auch seitens der Anarchisten), was dahintersteckt, müssen wir noch herausfinden. Ebenso, was es eigentlich mit den „Anti-Griechen“ auf sich hat. Zumindest so etwas wie critical greekness scheint mir hier durchaus angebracht zu sein, der noch immer nicht beendete Namensstreit mit Mazedonien gehört ja noch zu den harmloseren Auswirkungen des Nationalismus.

Das gute alte Spiel „Judäische Volksbefreiungsfront vs. Volksbefreiungsfront von Judäa“ scheint sich in der Linken hier mindestens ebenso großer Beliebtheit zu erfreuen wie in Deutschland. Zum Beispiel gibt es eine explizit „marxistisch-leninistische“ Antifa, und wenn ich gestern nacht vor dem Techno-Laden noch alles richtig verstanden habe, gehört zu manchen Fraktionen auch ein eigener Musikstil, die ML-Antifa hört Dubstep, die Antiautoritären hören Techno.

In Sachen sozialer Protest herrscht offenbar zur Zeit business as usual, Streiks sind weiterhin häufig, als nächstes ist der öffentliche Nahverkehr in Athen dran, aber man kann die wichtigsten Orte in der Stadt auch zu Fuß erreichen. Das Hauptproblem scheint zu sein, dass niemand so recht weiß, wie es weitergehen soll. Die Phase der spontanen Empörung ist vorbei, und am Ende hat doch eine Mehrheit wieder die „Memorandum-Parteien“, die Unterstützer der EU-Sparpolitik, gewählt. Und die Faschisten sind eindeutig im Aufwind.

Andererseits ist klar, dass es realpolitisch gesehen so oder so weiter abwärts gehen wird. Wenn Griechenland aus der Euro-Zone geworfen oder gemobbt wird, wäre das ein Desaster, sonst wird sich mit der Sparpolitik auch die Rezession verschlimmern. Die Verelendung ist erst auf den zweiten Blick sichtbar, viele der Obdachlosen zum Beispiel sind noch relativ gut gekleidet, und von den Familien wird noch vieles aufgefangen. Aber nicht nur das Bier ist teuer als in Berlin, auch das allgemeine Preis- und Mietniveau ist höher, während die Löhne schon vor der Krise deutlich niedriger waren.

7. September 2012, 19.34 Uhr:

Wie war das in der Steinzeit?

von Jörn Schulz

Ein Schnellkurs in Sachen Kritik der politischen Korrektheit:

„Eine offen vorgetragene Kritik an politischen Positionen als ‚Denunziation’ zu bezeichnen zeugt von einem radikal-autoritären Verständnis vom Meinungskampf.“

Henryk M. Broder über Judith Butler

„Ich finde es absolut bedenklich, dass eine ganze Gesellschaft querbeet durch die Parteien und Verbände über einen Mann herfällt und nicht einmal den Ansatz von Bereitschaft zeigt, sich mit dem auseinanderzusetzen, was er schreibt.“

Henryk M. Broder über Thilo Sarrazin

Und weil ich als Steinzeitkommunist dazu berufen bin, noch ein Schnellkurs in Sachen Antiimperialismus. Das war nämlich so in der grauen Vorzeit: Damals bezeichnete man als antiimperialistisch jene Bewegungen, die für den Sozialismus kämpften bzw. von denen man das glaubte (oder glauben wollte). Also unter den Palästinensern vor allem die PFLP (die galten als irgendwie cooler als die DFLP, das war so ein bisschen wie mit Volksbefreiungsfront von Judäa vs. Judäische Volksbefreiungsfront). Bereits 1985 wurde aber die RAF kritisiert, weil sie den „schiitischen Widerstand“ im Libanon gelobt hatte, und zwar auch von Leuten wie Karam Khella, und wer den kennt, weiß, dass antiimperialistischer wirklich keiner sein kann. Die Palästina-Solidarität war zwar naiv bis unterirdisch, aber die Regel „wer auf Amis oder Juden schießt, kann kein schlechter Mensch sein“, galt damals nicht. Ungefähr in dieser Zeit begann die aufgeklärte Linke, sich mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen, da waren u.a. die Texte von Moishe Postone sehr wichtig. Außerdem hat man herausgefunden, dass viele vorgebliche Sozialisten nur staatsfetischistische Nationalisten und häufig reaktionäre Militaristen waren. Womit klar wurde, dass es im Hinblick auf die Haltung zu Israel einiges zu überdenken gab. Man hat auch vom Antiimperialismus Abschied genommen, und solange niemand eine Theorie entwickelt, die auf der Höhe der Zeit eine Kritik an der gloablen Ausübung staatlicher Macht, die unter anderem reflektiert, dass die Libyen-Intervention ein gänzlich anderes Unternehmen war als die Unterstützung des Militärputsches in Chile und dass die Chinesen nicht nur spielen wollen, mit den Erfordernissen der gesellschaftlichen Emanzipation verbindet, wird es meinerseits dabei bleiben.
Warum Butler in dieser Frage hinter alle Debatten des letzten Vierteljahrhunderts zurückfällt, wüsste ich wirklich gern. Aber bedauerlicherweise übernimmt nun die Fraktion „Was ich schon immer über Gender-Schlampen sagen wollte“ vom virtuellen Altherrenstammtisch „Achse des Guten“ den Diskurs.

7. September 2012, 13.19 Uhr:

Unisexsexismus

von Ivo Bozic

„Die ganze Welt ist gleichberechtigt, nur eine letzte kleine Bastion bleibt uns Männern, wo wir den Frauen gegenüber noch einen bescheidenen Vorteil genießen dürfen. Und die soll nun auch noch geschliffen werden. Nicht mit uns! Wehrt Euch, Männer!“

Das will uns die Sparkasse offenbar weismachen, mit ihrer neuen Werbekampagne anlässlich der Einführung der Unisex-Tarife bei Renten- und Lebensversicherungen Ende des Jahres. Ungleiche Tarife gab es bisher aufgrund der unterschiedlichen Lebenserwartung. Frauen leben zum Beispiel in Deutschland etwa fünf Jahre länger als Männer. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat beschlossen, dass alle Versicherungsunternehmen ab dem 21.Dezember 2012 nur noch Unisex-Tarife anbieten dürfen.

Folgende Plakate fand ich bei mir im Fitnessstudio und zwar in der Umkleidekabine der Männer und in der Männerdusche. Ich glaube, ein Kommentar ist überflüssig…

Was mich nur interessiert: Während für Männer die Beiträge für die Rentenversicherung steigen, steigen sie durch die Unisex-Tarife für Frauen bei den KFZ- und Lebensversicherungen. Würde mich interessieren, ob in den Umkleidekabinen der Frauen Sparkassenwerbung für KFZ- und Lebensversicherungen hängt… Kann das mal bitte jemand für mich recherchieren?!

6. September 2012, 18.10 Uhr:

Nein, meine Suppe ess ich nicht!

von Jörn Schulz

Zuweilen nimmt das antifeministische Rollback wirklich amüsante Formen an. Aus dem publizistischen Sandkasten quengelt Ralf Schuler, der gerade gelernt hat, dass die Frauenquote irgendwie auch etwas mit Männern zu tun haben könnte: „Hiermit erkläre ich feierlich: Nicht mit mir! Ich will keine Quote! (…) Lassen Sie mich aus dem Spiel, Frau Reding!“ Das musste mal gesagt werden. Aber nach dem Sandmännchen muss der kleine Träumer dann schnell ins Bett.

Hmm, vielleicht sollte ich nicht so hart urteilen und es lieber selbst mal probieren. Hey, Kapitalismus! Du, ich will dir mal was sagen. Also, ich kann auch ohne dich! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben. Nee, ganz in echt jetzt, wirklich nicht.

6. September 2012, 17.41 Uhr:

Reeechts um!

von Jörn Schulz

Jene Deutschen, die ständig Integrationsbemühungen fordern, sollten froh und dankbar sein, dass sie schon eingebürgert sind. Ein hübsches Beispiel für Bildungsferne und schlampigen Umgang mit der deutschen Sprache ist die Ausschreibung „Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz“. Dass ein reaktionäres Gesellschafts- und Geschichtsbild propagiert wird, versteht sich da von selbst.

„Heimat und Identität brauchen Geschichte; daher liegt der Ausgangspunkt der Integrationsbemühungen unter anderem in der Definition der historisch gewachsenen Basis unserer gesellschaftlichen Fundamente und demokratischen Werte. Folgende Epochen und historischen Ereignisse einer über 2000-jährigen europäischen Geschichte dienen einer deutsch-europäischen Identität heute als Bezugspunkte:
Griechische und Römische Antike
Christentum
Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation
Reformation
Aufklärung und das geistige, kulturelle Erbe Deutschlands und Europas
Französische Revolution von 1789 und Paulskirchenverfassung von 1849
Die Weltkriege von 1914-1945 und das Bekenntnis zur Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus
Europäischer Einheitsprozess
Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas
Als historische Fundamente unserer Gesellschaft können diese Eckdaten identitätsstiftend für alle Menschen in Deutschland sein.“

Wie eine gewachsene Basis zum Fundament wird, ist noch eine eher nebensächliche Frage. Vielleicht können die Betongießer von Hochtief, die zu den Sponsoren gehören, Auskunft geben. Was aber ist das Christentum nun? Eine Epoche, ein historisches Ereignis oder ein Eckdatum? Eine Universalreligion offenbar nicht. Warum sich Christen über allerlei Lapallien aufregen, aber den Mund halten, wenn gesagt wird, dass sich Jesus für deutschnationale Identitätsstiftung kreuzigen ließ, ist schon eine interessante Frage. Interessant auch, dass die Reformation eigens aufgeführt wird, offenbar hatte sie mit dem Christentum nichts zu tun. Dass man unter Nation bis zum 18. Jahrhundert den Ort der Geburt, nicht die Nationalität im bürgerlichen oder gar deutschen Sinne verstand und die offizielle Bezeichnung bis zur Auflösung nur Heiliges Römisches Reich war, sei nur nebenbei erwähnt. Wer braucht schon Geschichtswissenschaft? Es gibt doch Guido Knopp.

Bezeichnend ist vor allem: „Die Weltkriege von 1914-1945 und das Bekenntnis zur Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus.“ Warum sich mit Details abgeben? Schnell das Bekenntnis abhaken, und dann zurück zum Geschäft. Und das ist noch wohlwollend interpretiert, denn man kann diese Zusammenfassung auch als Zustimmung zu Ernst Noltes Mythos des „europäischen Bürgerkriegs“ sehen.

Seit Herodot bekundete, er wolle „große und wunderbare Werke, wie sie Hellenen sowohl, als Barbaren ausgeführt“, der Nachwelt überliefern, sollten Historiker den Anspruch haben, die Engstirnigkeit des Stammesdenkens zu überwinden. Doch warum sich mit tatsächlichen Leistungen antiker Gelehrter befassen, womöglich gar Bücher lesen, wo es doch viel bequemer ist, mit ein paar Stichworten „Identität“ ohne Rücksicht auf die Fakten zu stiften? Der Geschichte wird wieder offen die Aufgabe zugewiesen, Nationalmythologie zu produzieren – das versteht man in Deutschland unter „Integration und Toleranz“. Immerhin ist die Zurückweisung historischer Erkenntnisse nur erwünscht, sie wird noch nicht zur staatsbürgerlichen Pflicht erhoben.

Bei der Welt, derzeit unter den Zeitungen, die als bürgerlich zu bezeichnen zuviel der Ehre wäre, das führende Kampfblatt für Sozialdarwinismus und Nationalwahn, ist man schon ein bisschen weiter. Dort kommandiert Cora Stephan: „Kopf hoch, Deutschland muss führen! Seit 1945 glauben die meisten Deutschen, wir sollten uns zurückhalten, wenn es um Machtfragen geht – wegen unserer Geschichte. Diese Haltung ist nicht mehr zeitgemäß.“

Geschichtsrevisionisten haben das Problem, das Ernst Noltes Nummer, die Kommunisten seien an allem schuld, mangels Kommunisten nicht mehr zieht. Für den derzeitigen Konkurrenzkampf müssen noch existierende Schuldige gefunden werden. Stephan beruft sich auf den rechtspopulistischen Historiker Niall Ferguson: „Hätten Großbritannien und Frankreich das aufstrebende deutsche Kaiserreich damals ernst genommen und an den Tisch der Mächtigen gebeten (statt sich mit dem reaktionären zaristischen Russland zusammenzutun), dann wäre Deutschland ebenfalls das geworden, was es heute ist, die führende Macht auf dem Kontinent – aber es hätte zwei Weltkriege weniger gegeben. Für Fergusons These spricht einiges.“

Wenn man den Deutschen die Herrschaft über Europa nicht gibt, können sie leider nicht anders als in den Krieg zu ziehen. Die Shoah, die Nolte zu einer „überschießenden Reaktion“ auf die Oktoberrevolution erklärt hatte, wird von Stephan implizit als Folge der „falschen“ britisch-französischen Politik gedeutet.

„Auch dass die deutsche Kolonialmacht anmaßender und brutaler gewesen wäre als andere Kolonialmächte, ist Legende. Die Deutschen wollten auch ‚einen Platz an der Sonne’? Ein Verbrechen war das nicht.“ Dass der Massenmord an Herero und Nama der erste Genozid des 20. Jahrhunderts war, ist in der Geschichtswissenschaft fast unumstritten.

Aber wir haben ja gerade gelernt, wozu Geschichte da ist: Sie wird für Heimat und Identität gebraucht. Oder auch gar nicht: „Lassen wir also die Geschichte. Nach vorne geht der Blick.“ Reeechts um! Feldschritt – vorwärts – marsch!

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