Linke Buchtage vom 3. bis 5. Juni 2016
Missy Magazin
Kürzliche Beiträge
2. August 2014, 11.18 Uhr:

Hamas, Buro und der Friede

von Thomas von der Osten-Sacken

Andreas Buro, der seit gefühlten zweihundert Jahren als wichtiger Vordenker der deutschen Friedensbewegung gilt, meldet sich mit einer persönlichen Erklärung zum Gaza Krieg zu Wort.

Und die beginnt, damit ja keiner auf falsche Gedanken kommt, so:

Der Krieg der israelischen Regierung gegen den Gazastreifen ist ein Kriegsverbrechen.

Nachdem die Kriegsverbrechensfrage geklärt ist, wendet Buro sich der anderen Seite zu:

Der Raketenbeschuss israelischen Gebiets durch das Hamas-Regime richtet sich gegen die israelische Bevölkerung und ist ebenfalls ein Kriegsverbrechen, wenn auch die Auswirkungen unvergleichlich geringer sind als die der Angriffe der israelischen Armee. Der Raketenbeschuss soll die Regierung Israels zu durchaus vertretbaren Zugeständnissen veranlassen, die das Hamas-Regime in seinem 10-Punkte- Programm für einen 10-jährigen Waffenstillstand vorgestellt hat.

  1. Freiheit für den Gazastreifen,
  2. Keine Militäroperationen, zu Lande, zu Wasser und in der Luft,
  3. Abzug der israelischen Armee aus Gaza, damit palästinensische Bauern ihr Land bis an den Grenzenzaun zu Israel nutzen können,
  4. Freilassung von Palästinensern, die erst im Austausch für den israelischen Soldaten Gilat Shalit freikamen und dann bald wieder verhaftet wurden,
  5. Die Beendigung der Blockade und Wiedereröffnung der Grenzen in Gaza. Auch muss der Hafen und der internationale Flughafen unter die Kontrolle der UN gestellt werden,
  6. Erweiterung der Fischerei-Zone und Internationale Überwachung des Grenzübergangs in Rafah,
  7. Zusage einer zehnjährigen Waffenruhe und Schließung des Luftraums in Gaza für israelische Flugzeuge,
  8. Erlaubnis für die Einwohner des Gazastreifens für die Reise nach Jerusalem, um in der Al- Aksa-Moschee zu beten,
  9. Keine Einmischung in die innerpalästinensische Innenpolitik und Regierungsbildung,
  10. Die Eröffnung von Gazas Industriezone.

Keiner der Punkte gefährdet die Sicherheit des Staates Israel. Alle sind nachvollziehbar und durchaus maßvoll.

Die “nicht-so-schlimmen” Kriegsverbrechen der Hamas nämlich sind eigentlich eine Art Friedensangebot, die Raketen aus Gaza unterstreichen nur ganz maßvolle Forderungen, denen Israel dringend nachkommen sollte, dann nämlich gibt es Frieden.

Dass es Frieden gäbe ganz ohne Raketenbeschuss und Tote, ja die Hamas ihren 10. Punkte Plan gar nicht formulieren müsste, weil es längst von Industriezonen bis zum internationalem Flughafen alles in Gaza gäbe, würde sie nur ihrer eigenen Charta abschwören, die Vernichtung Israels nicht mehr als ihr ultimates Ziel propagieren und etwa Zement für den Bau von Kindergärten und Schulen statt Terrortunnel verwenden, diese simple Idee scheint einem deutschen Friedensdenker, anders etwa als ägyptischen Fernsehkommentatoren, gar nicht erst zu kommen.

Eine Umsetzung von Israels ein-Punkte Forderung nach einer Demilitarisierung des Gazastreifens, die nicht nur maßvoll sondern sogar ganz im Interesse der dortigen Bevölkerung wäre, die dann weder als Schutzschilde von Hamas Kämpfern mißbraucht werden könnte, noch vor israelischen Luftangriffen fliehen noch um ihr Leben oder ihren Besitz bangen müsste, wird von Buro nicht einmal in Erwägung gezogen.

Das wäre ja irgendwie ein Zugeständnis, dass “wir Deutsche” jetzt auf keinen Fall machen sollten, auch und gerade wegen Auschwitz, nein wegen der “Verbrechen an Juden während des Nationalsozialismus", Verbrechen, die offenbar auch weniger schlimm waren, als die Kriegsverbrechen, die Israel gerade gegen die Hamas begeht:

Eine Unterstützung der Gewaltpolitik der israelischen Regierung vor dem Hintergrund der deutschen Verbrechen an Juden während des Nationalsozialismus, dem Holocaust, halte ich für falsch. Schon werden aus Deutschland gelieferte Unterseeboote mit israelischen Atomwaffen ausgerüstet. Die Verstöße der israelischen Regierung gegen internationales Recht und gegen die Menschenrechte dürfen nicht schweigend hingenommen werden.

So schließt Buro:

Frieden und damit Sicherheit ist nur durch friedliche Mittel zu erreichen. Daran ist zu arbeiten. Ich hoffe, sehr viele werden, wie ich, solche persönlichen Erklärungen abgeben und veröffentlichen.

Buro arbeitet daran. Stimme Israel den Forderungen der Hamas einfach bbedinungslos zu, ja höre am Besten auf zu existieren, es gäbe ganz sicher Frieden, nicht nur in Gaza, sondern im ganzen Gebiet zwischen Meer und Fluss. Islam und Salam haben ja, Buro vergaß es zu erwähnen, die gleiche Wortwurzel und die Religion der Hamas ist recht eigentlich die des Friedens.

Ansonsten tät man sich als Freund des Friedens freuen, der Herr Buro macht ernst mit seiner “Friedensarbeit", veröffentlichte nicht nur persönliche Erklärungen, sondern buchte gemeinsam mit der Frau Käßmann ein Flugticket in den Nahen Osten, um dort, im Hauptquartier des IS-Khalifates in Mosul etwa, mit seiner Mission, Frieden mit ganz friedlichen Mitteln zu erreichen, zu beginnen.

Denn zur Hamas müsste Buro gar nicht fahren, steht doch in ihrer Charta:

Friedensinitiativen und so genannte Friedensideen oder internationale  Konferenzen widersprechen dem Grundsatz der Islamischen Widerstandsbewegung. (…) Friedensinitiativen sind reine Zeitverschwendung, eine sinnlose Bemühung.


 



1. August 2014, 01.37 Uhr:

'Die gewalttätigsten antiisraelischen Demonstrationen fanden im Westen statt'

von Thomas von der Osten-Sacken

Eine Beobachtung von Amir Taheri, die nicht nur richtig ist, sondern auch sehr viel über den Stand der Dinge aussagt:

The way pundits put it in the West, the current war in Gaza is stoking the flames of rage against both Israel and Western democracies throughout the Muslim world.

A closer look at what is being said and done on the ground offers a different picture.

Although there is great sympathy for the sufferings of Palestinians, in most Muslim countries there is little support for Hamas with its tactic of provoking Israel by firing rockets at civilian targets. (…)

Efforts by the Khomeinist regime in Tehran to organize mass marches against Israel have failed. In some demonstrations, the official slogan of “Death to Israel” soon gave its place to other slogans, including “Death to the dictator.”

Indeed, the security services “advised” President Hassan Rouhani to stay away from the crowds and simply publish his planned speech.

A number of other demonstrations, notably in Kuwait, Amman and Qatar, attracted no more than a few dozen people.

Interestingly, the most violent anti-Israeli demonstrations have taken place in the West, notably in Paris, Berlin and New York. Some demonstrators seemed more motivated by anti-Semitism. (…)

Demonstrations in the West had another interesting feature. In many cases, flags adorned with swastikas flew next to others bearing the hammer and sickle.

There were Nazi salutes and Communist-style waving of the clenched fist in a show of fraternity between extreme right and extreme left radicals.

While many US and European Muslim citizens did join the demonstrations, the bulk of those who turned up weren’t Muslims but individuals motivated by Western ideologies.

Amazing though it might sound, hatred for Jews, thinly disguised as opposition to Israel, appeared to be more intense in Western capitals than anywhere in the Muslim world.

30. Juli 2014, 13.14 Uhr:

Die Taz und die Kindermörder

von Thomas von der Osten-Sacken

Heute ist es nicht die Süddeutsche Zeitung, sondern die TAZ, die den “Kindermörder Israel” brüllenden antisemitischen Mob auf der Straße mit der passenden Karikatur munitioniert:

29. Juli 2014, 20.38 Uhr:

Exodus aus Europa

von Thomas von der Osten-Sacken

Europa 2014…. Cover und Coverstory der neuen Newsweek:

A survey published in November 2013 by the Fundamental Rights Agency of the European Union found that 29% had considered emigrating as they did not feel safe. Jews across Europe, the survey noted, “face insults, discrimination and physical violence, which despite concerted efforts by both the EU and its member states, shows no signs of fading into the past”.

Two-thirds considered anti-Semitism to be a problem across the countries surveyed. Overall, 76% said that anti-Semitism had worsened over the past five years in their home countries, with the most marked deteriorations in France, Hungary and Belgium. The European Jewish Congress has now set up a website, sacc.eu, to give advice and contacts in the events of an attack.

28. Juli 2014, 17.45 Uhr:

Miesestes Stück antiisraelischer Propaganda

von Thomas von der Osten-Sacken

Immer dann, wenn in Europa im Namen irgendwelcher armer Menschen der Dritten Welt Petitionen verfasst werden, ist äußerste Vorsicht geboten. Geschieht dies gar im Namen der Bevölkerung Gazas, dann nicht etwa, weil dort Zensur der Hamas herrscht, sondern weil man besonders betroffen und authentisch klingen mag, um so, moralisch munitioniert, eine Anklage gegen Israel zu formulieren, die es in sich hat. Erschienen ist “An open letter for the people in Gaza” auch noch in einer der weltweit renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften in England, The Lancet, und nicht etwa auf der Seite irgendeiner antiimperialistischen Splittergruppe.

Da heißt es:

We are doctors and scientists, who spend our lives developing means to care and protect health and lives. We are also informed people; we teach the ethics of our professions, together with the knowledge and practice of it. We all have worked in and known the situation of Gaza for years.

Raketen der Hamas, die gibt es nicht, ja die Hamas eigentlich existiert überhaupt bestenfalls als ganz symbiotische Verschmelzung mit der Bevölkerung in Gaza, die wiederum völlig unschuldig einer israelischen Aggressionsmaschinerie ausgeliefert ist, die in ihrer Perfidie den Nazis eigentlich in nichts nachsteht.  Das scheint die Erkenntis zus ein, die die 24 Signatoren in ihren Gazaaufenthalten gewonnen haben.

Die Bevölkerung hält durch, das wissen die Autoren nicht nur empirisch,  sie haben es auch auf einer Gazasolidaritätsseite im Netz gelesen:

People in Gaza are resisting this aggression because they want a better and normal life and, even while crying in sorrow, pain, and terror, they reject a temporary truce that does not provide a real chance for a better future. A voice under the attacks in Gaza is that of Um Al Ramlawi who speaks for all in Gaza: “They are killing us all anyway—either a slow death by the siege, or a fast one by military attacks. We have nothing left to lose—we must fight for our rights, or die trying.”

In Gaza also kämpft ein unterdrücktes Volk für seine Rights, das  von einem brutalen Okkupanten unterdrückt, ausgehungert und massakriert wird:

The massacre in Gaza spares no one, and includes the disabled and sick in hospitals, children playing on the beach or on the roof top, with a large majority of non-combatants. Hospitals, clinics, ambulances, mosques, schools, and press buildings have all been attacked, with thousands of private homes bombed, clearly directing fire to target whole families killing them within their homes, depriving families of their homes by chasing them out a few minutes before destruction. An entire area was destroyed on July 20, leaving thousands of displaced people homeless, beside wounding hundreds and killing at least 70—this is way beyond the purpose of finding tunnels. None of these are military objectives. These attacks aim to terrorise, wound the soul and the body of the people, and make their life impossible in the future, as well as also demolishing their homes and prohibiting the means to rebuild.

Da fehlt nur noch der gezielte Einsatz von Giftgas. Oder hat der schon stattgefunden? Laut Lancet irgendwie schon:

Additionally, should the use of gas be further confirmed, this is unequivocally a war crime for which, before anything else, high sanctions will have to be taken immediately on Israel with cessation of any trade and collaborative agreements with Europe.

Weshalb … Israel’s behaviour has insulted our humanity, intelligence, and dignity as well as our professional ethics and efforts.

Während die Bevölkerung von Gaza kollektiv als unschuldiges Opfer israelischer Massaker beschrieben wird, stellt sich die israelische Gesellschaft den Autoren als reines Täterkollektiv dar:

We register with dismay that only 5% of our Israeli academic colleagues signed an appeal to their government to stop the military operation against Gaza. We are tempted to conclude that with the exception of this 5%, the rest of the Israeli academics are complicit in the massacre and destruction of Gaza. We also see the complicity of our countries in Europe and North America in this massacre and the impotence once again of the international institutions and organisations to stop this massacre.

Dieser Text erschien, man muss es noch einmal betonen, in einer Publikation, die stolz ist, eine der ältesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt (zu sein), die ein Peer-Review einsetzt.

Jetzt kann sie stolz sein, das mit Abstand perfideste und mieseste Stück antiisraelischer Propaganda abgedruckt zu haben, das in den letzten drei Wochen in einer halbwegs seriösen Publikation in Europa erschienen ist.

Und bislang haben über 18 000 Leute ihre Unterschrift unter dieses Ding gesetzt. Eine grössere Bankrotterklärung des akademischen Betriebes ist schwerlich denkbar.

Einer der Mitinitiatoren dieser Petition, der norwegische Arzt Mads Gilbert - Interviewpartner unzähliger Medien, weil er im Shifa Hospital in Gaza arbeitet - fand vor Jahren übrigens lobende Worte für die Massaker vom 11. Septmer 2001:

Gilbert provoked a front-page scandal in Norway  when he expressed support for the 9/11 attacks in an interview with Norway’s Dagbladet newspaper, on 30 September 2001.

First the newspaper quotes his support for a colleague’s pro-terrorism position:

I advocate the moral right of the people you call terrorists to attack the United States, as a legitimate response to 25 years of wars of aggression, mines, starvation and embargo, says surgeon Hans Husum, University Hospital of Tromsø. He is supported by physician Mads Gilbert

Dagbladet: Do you support a terrorist attack on the United States?
Gilbert: “Terror is a poor weapon, but the answer is yes, within the context I have mentioned.”

28. Juli 2014, 14.10 Uhr:

Polizei hier und dort

von Thomas von der Osten-Sacken

In Wien soll ein besetztes Haus geräumt werden. 1 700 Polizisten sind dafür laut Standard im Einsatz.

Zu Palästinademonstrationen in den vergangenen Wochen entsendete die Polizei in verschiedenen europäischen Ländern in der Regel kaum ein Dutzend Beamte und erklärte später, sie habe gegen antisemitische Ausschreitungen und Parolen nichts unternehmen können, man sei personell schließlich drastisch unterbesetzt gewesen.

23. Juli 2014, 19.12 Uhr:

Ist da jemand?

von Jörn Schulz

„Tens of thousands of people, including President Francois Mitterrand, numerous other politicians and many leading religious figures, joined in a silent march tonight through the streets of Paris to protest anti-Semitism and the desecration of 34 graves last week at a cemetery in southern France. (…) The group sponsoring the rally, the Representative Council of French Jewish Institutions, put the final number at 200,000. The organizers noted that the rally attracted many non-Jews - blacks, Asians and Africans.“

Das war 1990, mittlerweile sieht die Lage auch in Frankreich anders aus, sollte aber als Hinweis darauf genügen, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht die Sache einer kleinen Minderheit sein muss. Denn so berechtigt die Kritik an großen Teile der Linken und Der Linken ist – Proteste gegen antisemitische Hassaufmärsche werden ebenfalls maßgeblich von linken Gruppen organisiert, die dann häufig mit den jüdischen Organisationen fast allein bleiben. Hin und wieder lässt sich ein Provinzpolitiker zur Teilnahme herab, vereinzelt sollen auch Liberale, Konservative, Grüne und Sozialdemokraten gesehen worden sein.

Gideon Böss hat also, von der Verallgemeinerung mal abgesehen, Recht, wenn er schreibt, dass „die ‚Nie wieder’-Fraktion, die sich so gerne den Nazis entgegenstellt, wenn die eine ihrer traurigen Demonstrationen abhalten, schweigt“. Aber Liberale, wir erinnern uns, sind die Leute, die Eigeninitiative für sehr wichtig halten und nicht alles dem Staat überlassen wollen. Nun wäre eine gute Gelegenheit, etwas Eigeninitiative zu zeigen, natürlich auch für die etablierten Parteien, den DGB und die Kirchen.

Ich habe mich ja anfangs gefreut, dass bei den offiziellen Stellungnahmen die Phrase vom Ansehen Deutschlands bislang nicht bemüht wurde. Mittlerweile fürchte ich aber, dass der Grund dafür die Ansicht ist, die antisemitischen Märsche ausgrenzen zu können. Sind ja Migranten, folglich eine weiterhin als fremd betrachtete Gruppe, die man als der deutschen Gesellschaft nicht zugehörig betrachtet. Genaue Angaben habe ich zwar nicht, doch dürften die meisten der überwiegend jungen Demonstranten deutsche Staatsbürger sein. Sie fügen den bereits zuvor nicht einheitlichen wahnhaften Herleitungen des Antisemitismus eine weitere hinzu, reihen sich aber ansonsten zwanglos unter die bereits existierenden antisemitischen Gruppen ein.

Auch über die politische Steuerung der Erdogan-Jugend und der Salafisten gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse, dass diesmal in den verschiedensten Ländern die Aggressivität deutlich höher ist, ist aber keine Folge spontaner Empörung oder der angeblichen Emotionalität der Araber. Es handelt sich um einen gezielten und wahrscheinlich strategisch geplanten Versuch der Delegitimierung Israels, und ich werde den Verdacht nicht los, dass es in der „Mitte“ außer jenen, die tatsächlich gegen den Antisemitismus sind und sich nur nicht berufen fühlen, etwas zu unternehmen, auch eine andere Fraktion gibt, die nach dem Vorbild der Akif Pirinçci-Rezeption einer als heißblütig und noch nicht vom Terror der political correctness gebrochen imaginierten Gruppe die Stellvertreterrolle zugesteht, sagen zu dürfen, was der anständige Deutsche denkt.

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