Schlüppis
Kürzliche Beiträge
8. Dezember 2012, 16.57 Uhr:

Exportweltmeister als Judenschuetzer

von Thomas von der Osten-Sacken

Man kann dem Volker Kauder schon ein wenig dankbar sein, wenn er wenigstens offen zugibt, Ziel des Irans sei es, “die Juden ins Meer zu treiben", also Israel zu vernichten, wenn moeglich nuklear. Oft hoert man es nicht so deutlich aus den Reihen dieser Regierung, die bislang noch alles unternommen hat, damit weder Israel oder die USA den Iran gewaltsam soweit abruesten, dass dieses Ziel in etwas weitere Ferne rueckt.

Stattdessen tingeln regelmaessig deutsche Parlamentsdelegationen zu den Ayatollahs und blueht, trotz Sanktionen, der bilaterale Handel, und zu jeder Gelegenheit wird betont, dass einzig Dialog der Weg sei, um mit dem Iran voranzukommen. Als passendes Hintergrundrauschen entwickeln deutsche Stiftungen dann noch Grundsatzpapiere ueber deutsch-iranische strategische Partnerschaften in Eurasien.

Aber der Schein truegt ja nur: in Wahrheit naemlich geht Deutschland einen ganz eigenen Weg, um die bedrohte  Existenz Israels vor nuklearer Ausloeschung zu bewahren. Es liefert naemlich fuer Milliarden Panzer an Saudi Arabien. Und Kauder erklaert auch warum:

„Es ist eine bittere Ironie: Die Saudis mögen selbst judenfeindlich sein, aber sie sorgen auch dafür, dass der Iran die Juden nicht ins Meer treiben kann“, sagte Kauder weiter.

Man verdient an den einen Antisemiten, Frauenunterdrueckern und Handabhackern sich eine goldene Nase und legitimiert den schmutzigen Deal auch noch als gute Tat.  In Deutschland naemlich gilt, anders als im angloamerikanischen Kapitalismus, dass Geldverdienen alleine kein Wert ist, sondern immer auch die Gesinnung stimmen muss.

Wie die Saudis mit deutschen Panzern den iranischen Atombombenbau aufhalten sollten, waere dabei eine ganz andere Frage. Dass dem Iran recht leicht ganz anders das Handwerk zu legen waere, nur verdiente der Exportweltmeister Deutschland daran eben nichts, sondern muesste gar noch Verluste hinnehmen, die Idee kommt dem selbsternannten Judenfreund Kauder gar nicht.

 

5. Dezember 2012, 17.50 Uhr:

Gefahr aus dem All

von Jörn Schulz

Würden Sie 30 Millionen Dollar dafür ausgeben, dass jemand irgendwo herunterhüpft? Vermutlich nicht, dennoch sind bislang wenig Zweifel daran geäußert worden, dass der Red-Bull-Agent Felix Baumgartner einfach nur so aus 39 Kilometer Höhe gesprungen ist. Wer so naiv ist, das zu glauben, glaubt wahrscheinlich auch, dass al-Qaida für 9/11 verantwortlich war. Aber schauen Sie sich die Fotos und Videos nochmal an: Man sieht nur nach unten. Was aber ist über Baumgartner? Was hat Red Bull wirklich in den Weltraum geschossen? Vom Verbleib des angeblichen Ballons hat mein seither ja nichts mehr gehört…

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29. November 2012, 12.59 Uhr:

Extremismus à la russe

von Ute Weinmann

Wer sich gerne noch einmal auf YouTube den Videoclip von der Aktion der Punk-Aktionskünstlerinnen von Pussy Riot im Februar 2012 in der Moskauer Erlöserkathedrale ansehen möchte, sollte sich beeilen. Heute stufte ein Moskauer Gericht den Clip als „extremistisch“ ein und veranlasste die Blockierung praktisch aller bisher im Internet veröffentlichten Videoaufnahmen der Perfomances von Pussy Riot.

Bemerkenswert sind die Schlussfolgerungen aus den vorgelegten Gutachten. Da ist die Rede von „versteckten Aufrufen zu solchen Handlungen, wie die Organisierung von Massenunruhen auf Plätzen, wie Occupy Wall Street oder in arabischen Ländern“. Das Russische Institut für Kulturwissenschaft will in besagtem Videoclip gar den „Aufruf zur Arbeit mit den Strafverfolgungsbehörden mit dem Ziel, einen Teil dessen Angehöriger auf die eigene Seite zu ziehen“ bemerkt haben. Dass der Punk-Auftritt in der Kirche die Gefühle Gläubiger verletzt habe, ist ja bereits hinreichend bekannt. Für die sorgfältige und von Fachkenntnis geprägte Überprüfung der skandalträchtigen Videos sorgte Alexander Starowojtow, Dumaabgeordneter der Zhirinowskij-Partei LDPR mit einem Antrag an die Staatsanwaltschaft.

Zwei der drei im August wegen der gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin gerichteten Performance vor Gericht gestellten Frauen von Pussy Riot, Nadezhda Tolokonnikowa und Maria Aljochina, verbüßen derzeit ihre zweijährigen Haftstrafen in russischen Strafkolonien. Deren Ruhm macht den Gefängnisleitungen jedoch zu schaffen. Nach Drohungen, Beleidigungen und Angriffen seitens ihrer Mithäftlinge sah sich Maria gezwungen, die Leitung um Schutz zu bitten. Dieser Schritt ist äußerst riskant, denn jegliche Ermittlungsmassnahmen zur Klärung des Sachverhalts wirken sich in der „Zone“, wie die Kolonien auch genannt werden, in der Regel am Ende gegen die Hilfesuchenden aus. Vorerst kann sich Maria Aljochina nur in Begleitung des Gefängnispersonals auf dem Gelände der Strafkolonie bewegen. Allerdings gilt die im Permer Gebiet gelegene Zone als vorbildliche „rote Kolonie“, in der der gesamte Ablauf im Unterschied zu vielen anderen komplett durch die Gefängnisleitung bestimmt wird. Sprich, es ist anzunehmen, dass diese die Angriffe auf ihre berühmteste Insassin selbst initiiert hat, um Maria dazu zu bewegen, einen Antrag auf Verlegung in eine andere Strafkolonie zu stellen.

21. November 2012, 03.01 Uhr:

Brasil Clipping (3) Drama Kings unter sich

von Nils Brock

Die Idee der Homo-Ehe gefährdet die menschliche Evolution”, zitierte die brasilianische Presse in der vergangenen Woche die Katholische Kirche. Was für eine Meldung! Ein ebenso später wie spektakulärer Schulterschluss zwischen Darwin und den Stadthaltern Christi, diese Nachricht ist eigentlich nicht zu toppen. Im verbissenen Kampf für die Hetero-Ehe die Schöpfungsgeschichte zu relativieren, noch dazu ohne Rücksicht auf die zu erwartende Kritik an der zölibatären Verweigerung am Arterhalt – das ist politisches Bekenntnis und Beichte zugleich.

Im kleinen wiederholte dieses argumentative Kunststück nur vier Tage später Brasiliens Justizminister José Eduardo Cardoso. „Im Grund meines Herzens würde ich es vorziehen zu sterben, als für lange Zeit in einem brasilianischen Gefängnis einsitzen zu müssen“, offenbarte sich Cardoso auf einem Unternehmertreffen. „Mittelalterlich“ und „erniedrigend“ seien die Haftbedingungen. Kämpferischer als seine Kollegen im Vatikan jedoch, verteidigte der oberste Hüter der Knäste außerdem die angeblich nicht zu leugnende Erfolgsgeschichte der Resozialisierung, denn problematisch sei ja lediglich der Umstand, dass die Gefängnisse des Landes noch nicht „würdevoll“ genug seien. Und auch das Bekenntnis zum Suizid ist bei Cardoso weniger kategorisch angelegt als die Enthaltsamkeit katholischer Würdenträger. Vielmehr sei diese Einstellung situativ bedingt und dem Umstand geschuldet, dass „wir in den Behörden manchmal eben kleiner sind, als die Aufgaben, die uns zugedacht werden.“ 

Was sich auf den ersten Blick wie ein Rücktrittsgesuch liest, ist es jedoch gerade nicht. Denn indem Cardoso das soziale Problem der Knäste im zwanzigsten Jahr der Gefängnisrevolte von Carandiru, bei deren Niederschlagung seinerzeit 111 Häftlinge starben, zu einer rein quantitativen Frage umformuliert, bleibt er letztendlich jeder Verantwortung erhaben. Damals wie heute wird die Überbelegung der Gefängnisse als Grund ihrer desolaten Lage angeführt. Mussten sich in Carandiru “nur” doppelt so viel Gefangene wie vorgesehen die Zellen teilen, sind es heute im “Provisorischen Haftzentrum” (CDP) in Sao Paulo mit 6.000 Gefangenen gleich drei mal mehr. Dabei hat das Justizministerium zwischen 2005 und 2011 eifrig in den Neu- und Ausbau ihrer Verwahranstalten investiert und diese um 75% erweitert. Und dennoch fehlen laut einer aktuellen Statistik noch immer 300.000 Plätze. Cardoso verspricht deshalb, wie alle Amtsinhaber vor ihm auch, eine weitere Vergrößerung der Infrastruktur und kann zugleich jetzt schon verkünden, dass der eingeplante Etat von einer halben Milliarde Euro nicht ausreichen wird.

Doch zurück zur den eigentlichen Statements der beiden Drama Kings. Noch paranoider als die Vorstellung, dass jeglicher Spaß außerhalb eines geschlechtsbessenen Fortpflanzungsschemas den Fortbestand der stetig wachsenden Weltbevölkerung gefährde, ist die fixe Idee des Justizministers, aus dem Fenster springen zu müssen, nur um sich zum Schlafen nicht in einer überfüllten Zelle an den Gittern festketten zu müssen. Denn statistisch betrachtet ist der Durchschnittshäftling eher kein weißer Kravattenträger, sondern ein 29-jähriger Analphabet der wegen unbewaffneter Diebstahlsdelikte oder Drogenhandel einsitzen muss und dessen Schuldhaftigkeit sich in 76% aller Fälle allein auf die Aussage eines Militärpolizisten stützt. Auch einige jüngst wegen Korruption zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilte PolitikerInnen der brasilianischen Arbeiterpartei (PT) werden da quantitativ nur wenig ins Gewicht fallen. Darauf angesprochen, was er den Parteikollegen nun empfehle, verweigerte Cardoso die Aussage. Vielleicht auch deshalb, um nicht über sein Amt hinauszuwachsen und sich am Ende noch wegen Sterbehilfe verantworten zu müssen…

 

18. November 2012, 00.07 Uhr:

Wenn der Islamist vor Neid erblasst

von Thomas von der Osten-Sacken

Massen  demonstrierten heute

in France against plans to legalise same-sex marriage and allow gay couples to adopt.

Police said at least 70,000 took to the streets in Paris; there were other demonstrations in the cities of Lyon, Toulouse and Marseille.

Da werden die Muslimbrüder und Salafiten in Ägypten aber neidisch sein. Soviele Leute bekommen die gerade wegen keinem einzigen heißen Thema auf die Straße.

12. November 2012, 18.13 Uhr:

Friedliches Restjahrhundert

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Dominanz der Opec-Staaten an den internationalen Energiemärkten neigt sich dem Ende entgegen. Fatih Birol, der Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA) schätzt, dass im Jahr 2017 die USA an Saudi-Arabien als weltgrößtem Ölproduzenten der Erde vorbeiziehen werden.

Die Meldung müsste von der deutschen Friedensbewegung mit  Jubel aufgenommen worden sein, denn nun, da keine Kriege der Yankees um Öl mehr drohen, erwartet uns dann ja ein ganz friedliches und konfliktfreies Restjahrhundert.

10. November 2012, 21.49 Uhr:

Brasil Clipping (2) Literarisches Dribbling ohne Abschluss

von Nils Brock

Flupp. Unter diesem flapsigen Label präsentiert sich in Rio de Janeiro derzeit die “Erste internationale literarische Party der polizeilichen Befriedungseinheiten”. Anstatt den üblichen schnarchigen Festivals und Buchmessen organisiert die Stadt diesmal eine fünftägige Lesesause, hoch oben in der Favela Morro dos Prazeres. Also nichts wie rein in den Shuttle Bus, die urbanen Serpentinen rauf und ab zu einem Gespräch mit zwei „gänzlich fußballverrückten Autoren“. Nach Angaben der VeranstalterInnen war deren Kindheit noch dazu von “politisch nachteiligen Konjunkturen” geprägt, sei es die ostdeutsche “Diktatur des Proletariats” oder eben das brasilianische Militärregime. Eine provokante Ankündigung, die im Morro dos Prazeres noch mal an Aktualität gewinnt. Denn Sport und Uniformen - das kennt auch das jüngere Publikum in Rios polizeilich „befriedeten“ Favelas (UPP) aus dem Alltag.

Für die Flupp werben über der Bühne vier überlebensgroße Gesichter, plakative RepresentantInnen der Nachbarschaft. Zwei lachende Jungens, ein freundlicher Opa und eine noch freundlichere UPP-Polizistin mit schwarzem Barett. Darunter bemüht sich der Moderator der Veranstaltung gerade eine improvisierte Breakdance-Einlage im Eingangsbereich aufzulösen. Auch eine spontane „Bestätigung des Territoriums der Favela als öffentliches Gut der Stadt”, wie das Goethe-Institut die Flupp angekündigt hatte - im Programm aber so nicht vorgesehen. „Hilfe! Bitte, alle mal Hinsetzen. Jetzt!“, fordert der Mann auf der Bühne die Jugendlichen deshalb immer wieder auf, die schließlich nachgeben und erwartungsvoll an den in der Mehrzweckhalle verteilten Tischen Platz nehmen. Auf der Bühne sitzen bereits der brasilianische Sozialoge, Fußballforscher und Blogger, Marcos Alvito, und der print- und zelluloiderprobte Thomas Brussig.

Und jetzt? Wie den Bogen schlagen zu Rasen und Repression als Fixpunkte unterschiedlicher Geschichte und Geschichten? Wo anfangen? In der Sonnenallee? Beim geschickten Platzieren der Mauer? Am Elfmeterpunkt? Beim Strafstoß oder beim Schießbefehl?

Alvito probiert es als erster, mit einem Steilpass Richtung Publikum. Als „homo academicus“ sei er vor Jahren in der Favela Jacaré gelandet, als jemand der „nicht mal wusste wie Lachen geht“, mit vielen Klischees im Kopf, nach und nach das Viertel aber als Ort „intensiven kulturellen Lebens und der Poesie“ kennenlernte. Dann schlägt er einen kaum nachvollziehbaren, elliptischen Haken zu Brussig. Satire, Ostdeutschland und Menschlichkeit. Der Teil des Publikums, der sich nicht aus Mitgliedern des deutschen Konsulats oder Kulturschaffenden rekrutiert, schaut etwas irritiert. Doch genau für die hat Alvito nun, zum „Anpfiff der ersten Halbzeit“, wie der Blogger seinen ersten abgelesenen Beitrag nennt, ein besondere Fußball-Story gestrickt und holt ganz weit aus. „Homer war ja der erste Rapper der Geschichte, mit Versen vom Trojanischen Krieg“, einem „Match“ bei dem „die Gedärme nur so flogen und das am Ende keine Sieger kannte.“ Aphrodite wird in seiner Nacherzählung zur Spielerfrau, die die Seiten wechselt und Achill tritt bei Hector noch mal ganz böse nach. „Am Ende der ersten Halbzeit weinen dann alle angesichts ihrer menschlichen Verletzlichkeit“, pfeift ein von sich selbst berauschter Alvito zur Pause. Einige Tischgruppen schauen kurz von ihren Gesprächen auf.

Die zweite Halbzeit entwickelt sich zu einer ähnlich barocken Zitatenstafette: Nelson Rodrigues, Platon, Pasolini, dazwischen eine paar historische Jahreszahlen und rhetorische Fragen wie „Welchen Sinn hat Fußball? Keinen sondern viele.“ Schweigen. Franz Beckenbauer hätte die Situation jetzt einfach mit einer Autogrammrunde retten können. In Rio dagegen muss Brussig ran. In einer zunehmend leeren wie unruhigen Halle fordert ihn der Moderator zum „Gegenangriff“ auf. Doch zurecht weißt der Autor erst einmal darauf hin, dass kaum jemand ab der zweiten Tischreihe Übersetzungsgeräte zur Hand hat. Brussig hat allem Anschein nach ehrliches Interesse das lokale Publikum anzusprechen und liest ein paar gewitzte Stellen aus seinem Buch „Schiedsrichter Fertig“ vor. „Jeder Schiedsrichter fängt unten an“, oder, „man muss es sich hart erkämpfen ausgepfiffen zu werden“, heißt es darin unter anderem. Dann schlägt er „mit Rücksicht auf die Zeit“ vor, nun lieber mal ins Gespräch zu kommen.

Der Moderator dankte es ihm mit einer schönen Vorlage. Welche politische Bedeutung Fußball in Ostdeutschland gehabt habe, fragt er. „Wie wir alle wissen, hat die DDR im Fußball ja keine große Rolle gespielt, sondern eher bei den Olympischen Spielen“, beginnt Brussig seine Ausführung. Dennoch sei Fußball als Gemeinschaftserlebnis damals für politische Zwecke missbraucht worden. Dann ergänzt er schnell, dass Politiker sich den Sport natürlich auch heute noch zu nutze machen, als Ort der Inszenierung oder Ablenkungen. „Aber das ist nicht ganz so heikel, denn die haben wir ja selbst gewählt.“

Alvito geht auf dieses Demokratieverständnis nicht weiter ein. Auch unterlässt er es das – nicht unbedingt für alle nachvollziehbare – Gesagte noch einmal aufzubereiten oder gar einen Vergleich mit der brasilianischen Geschichte zu wagen. Vielmehr umläuft er geschmeidig auch direkte Nachfragen in puncto Diktaturerfahrung, verstolpert sich anschließend bei einem allzu eitlen Zuspiel auf Brussig. Die Frage nach der Schwierigkeit, Fußball literarisch zu verarbeiten, gerät zu einem konfusen Gedribbel ohne Abschluss.

Kaum ein Übersetzungsgerät ist jetzt noch zu sehen, die meisten ZuhörerInnen unterhalten sich rücksichtsvoll leise. Andere nutzen die hübsch hergerichtete Halle mit Palmen und kunterbuntem Filzbelag als Catwalk. Teenagerliebe, mit Schaulaufen, Gezwinker und Händchenhalten. Da sich das Geturtel zunehmend nach draußen in den Sonnenuntergang verlagert, verpassen viele so die einzige politische Pointe des späten Nachmittags. Die gelingt Brussig, als er gegen die ästhetische Aufbereitung fußballerischen Archivmaterials als reine Torparade anredet. „Nach den schönsten 50 Toren hat man doch keinen Geschmack mehr im Mund“, findet er. „Tore brauchen Kontext, so wie Maradonas Einlage als Hand Gottes oder sein Sololauf mit Abschuss im selben Spiel. Beide Tore fielen beim ersten Match von Argentinien gegen England nach dem Falklandkrieg. Dieser Kontext geht bei Kompilationen einfach verloren.“

Dann spricht er von der von ihm gegründeten deutschen Autoren-Fußballmannschaft, die am Samstag gegen ein brasilianisches Pendant antreten wird und verspricht, sich nur einzuwechseln „wenn der Gegner auch mal eine Chance braucht“. Auf den Rängen wird es dann sicher voller sein als heute vor der Lesebühne, wo Alvito gerade eine letztes Bonmot auftischt. „Der instrumentelle Aspekt des Fußballspiels ist es zu gewinnen“, sagt er und während er das sagt, sehe ich ihn bereits im Trickot vor mir, wie er nach einem langen Sprint, völlig außer Puste, kurz nach Luft für ein zwei Kommentare ringt, sich dann aber doch besinnt, an den eigenen Elfer zurückspurtet und dort mit einer beherzten Grätsche ein sicheres Tor verhindert. Dann kann er sich dem lokalen Szenenapplaus hier gewiss sein. Heute dagegen klatschte beim Abpfiff auf der Bühne nur das Organisationskomitee und die deutsche Kulturdelegation.

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