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Kürzliche Beiträge
9. Januar 2015, 11.39 Uhr:

Nichts mit dem Islam zu tun

von Thomas von der Osten-Sacken

Seit nunmehr zwei Tagen bewirbt die deutsche Seite von Yahoo prominent den Artikel “Das hat nichts mit dem Islam zu tun“, in dem Dunja Ramadan noch einmal die ganze, allzu bekannte Mantra ausbreitet, dass Blutbäder wie das in der Redaktion von Charlie Hebdo nichts, aber auch gar nichts mit dem Islam zu tun hätten, ja ihm eigentlich diametral widersprächen. Wir kennen diese Äueßerungen, die allerdings heute weit weniger populär sind, als noch vor ein paar Jahren, von unzähligen Politikern, Akademikern und Journalisten. Das erste Opfer einer Terrorattacke seien nicht etwa die Toten, sondern der Islam selbst:

Auch wenn viele Muslime weder über Mohamed-Karikaturen noch über Jesus-Karikaturen erfreut sind, so hätte keine Karikatur der Welt meiner Religion mehr Schaden zufügen können als es das Massaker getan hat.

Den Tätern nämlich gehe es “nicht um Religion, sondern einzig und allein um Macht und Hass. Solche Menschen wissen nicht, was ihren Glauben überhaupt erst ausmacht, denn sie haben jegliche Menschlichkeit verloren. Im Koran gibt es ein universell gültiges Tötungsverbot das besagt, dass die Ermordung eines Unschuldigen der Ermordung der ganzen Menschheit gleichkäme. Als die Attentäter die Redaktionsräume stürmten, sollen sie “Wir rächen den Propheten” gerufen haben. Dabei können sie den Propheten nicht „rächen“, weil dieser es nie von ihnen verlangt hat.

Ein Tötungsvebot, dass für Unschuldige gilt. Und wer bestimmt, wer schuldig ist und wer nicht? Das nächste Schariagericht? Oder Gott? Oder Frau Ramadan? Und was ist mit den Schuldigen?

Gibt es es auch ein universelles Verbot für Auspeitschungen? Ist beispielsweise Raif Badawi unschuldig, auch wenn er nach allen Regeln der Scharia für schuldig befunden wurde? Wissen die Richter, die ihn zu 1000 Hieben verurteilt haben etwa auch nicht, was eigentlich ihren Glauben ausmacht?

9. Januar 2015, 04.18 Uhr:

Charlie Hebdo – wer mitgeschossen hat

von Oliver M. Piecha

Vor ziemlich genau zwei Jahren hat „Charlie Hebdo“ einen Mohammed-Comic veröffentlicht. Ein Zitat dazu aus der deutschen Presse, 2. Januar 2013:

„Verkaufen ist alles
Zuletzt machte ‚Charlie Hebdo‘ im September mit Mohammed-Zeichnungen auf sich aufmerksam. Nun setzt das französische Satireblatt schon wieder auf Provokation - mit einem Comic-Sonderheft über das Leben des Propheten.
Der Zeitpunkt für einen neuen Mohammed-Jux erschien nach dem Heft vom vergangenen September zum gleichen Thema selbst den Zeichnern der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo etwas zu früh. Die Reaktionen von islamischer Seite sind bisher so gut wie inexistent. Es ist, als wären die Frommen diesmal schlauer als die Frechen. Sollte das auch in den nächsten Tagen so bleiben, werden die in die Jahre gekommenen, ewig halbwüchsigen Spaßmacher von Charlie Hebdo mit ihren Ladenhütern von Sex und Blasphemie eine neue Zielgruppe suchen müssen, um die Verkaufszahlen ihres Blättchens zu steigern.“

Zusammengefasst:
- „Verkaufen ist alles“
- „Provokation“
- „Mohammed-Jux“
- „Die Frommen“ schlauer als „die Frechen“
- „Ewig halbwüchsigen Spaßmacher“
- „Ladenhütern von Sex und Blasphemie“
- „Verkaufszahlen ihres Blättchens zu steigern“

Soviel Provokation nur „um zu verkaufen“. Da könnte man sich ja fast schon was dabei denken. Dasselbe Blatt schreibt nun – deutlich vorsichtiger – in einer Reaktion auf den Terroranschlag gegen “Charlie Hebdo“ über die Arbeit des französischen Satireblattes:

Besonders große Aufmerksamkeit brachten zuletzt Provokationen, die islamischen Bürgern Toleranz abverlangten: Nachdem das Blatt zunächst die Mohammed-Karikaturen des dänischen Jyllands Posten nachgedruckt und seine Verkaufszahlen damit verdreifacht hatte, kam im November 2011 eine Sondernummer mit dem Titel ‚Charia Hebdo‘. Am Vorabend der Auslieferung wurde der Redaktionssitz Ziel eines Brandanschlags, was Charlie Hebdo nicht daran hinderte, ein Jahr später eine neue Karikaturenserie über Mohammed anzukündigen. Die französische Politik reagierte mittelgenervt, schloss vorsorglich die Botschaften in 20 Ländern und stellte Polizeischutz für den Redaktionssitz in Paris.

Zusammengefasst:
- „Provokationen, die islamischen Bürgern Toleranz abverlangten“
- „Verkaufszahlen damit verdreifacht“
- „neue Karikaturenserie über Mohammed anzukündigen“
- „französische Politik reagierte mittelgenervt“

Ganz klar, eine nervige Zumutung an die „deutsche Politik“ wird die Berichterstattung der „Süddeutschen“ nie darstellen, jedenfalls nicht, wenn es um Toleranz gegenüber dem Islamismus geht.

Ostern 1968 hieß in Deutschland die Demonstrationsparole anlässlich des Attentats auf Rudi Dutschke: „BILD hat mitgeschossen.“ Die Idee dahinter war, dass die Berichterstattung dieser Zeitung ein gesellschaftliches Klima gezeitigt hatte, dass dieses Attentat ermöglichte.

Die Mörder von „Charlie Hebdo“ haben sicherlich nicht Blätter wie die „Süddeutsche“ gelesen, um sich bestätigt zu fühlen – aber sie haben zielsicher auf einen gesellschaftlichen Diskurs reagiert, der ihnen signalisiert hat, dass Werte wie Meinungsfreiheit, Aufklärung oder Universalismus „im Westen“ mittlerweile gerne als neckisch herabgewürdigter „Menschenrechtsfundamentalismus” zur Disposition gestellt werden.

Um es auf den Punkt zu bringen:

NEIN, DIE SIND NICHT CHARLIE.
Die sind bloß das Gegenteil.

8. Januar 2015, 16.08 Uhr:

'Je suis Charlie' - Nein, bist Du nicht

von Thomas von der Osten-Sacken

Matt Welch über die “Je suis Charlie"-Kamapgne:

One of the spontaneous social-media reactions to the Charlie Hebdo massacre today was the Twitter hashtag #JeSuisCharlie ("I am Charlie"). It’s an admirable sentiment, resonant with the classic post-9/11 Le Monde cover “Nous sommes tous Americains.” It’s also totally inaccurate.

If we—all of us, any of us—were Charlie Hebdo, here are some of the things that we might do:

* Not just print original satirical cartoons taking the piss out of Islamic-terrorist sensibilities, but do so six days after you were firebombed for taking the piss out of Islamic-terrorist sensibilities (pictured), and do so in such a way that’s genuinely funny (IMO) and even touching, with the message “Love is stronger than hate.”

* Not just print original cartoons of the Prophet Muhammad—a historical figure, lest we forget—but then defending and winning the right to do so after being charged with offensive speech.

* Not just survive such crucibles, but stubbornly resist letting them consume your very being, either by becoming an anti-Islamist obsessive, or a semi-apologetic convert (remember: even the unfathomably brave Salman Rushdie converted to Islam for a while there), or disappearing yourself in the witness protection program, a la the Seattle alt-weekly cartoonist Molly Norris. Charlie Hebdo kept being what it has always been—a satirical, juvenile, and funny check on power and authority and pomposity of all stripes. Do a Google Image search on “Charlie Hebdo” and “Jesus,” and then ask yourself which media entity in this Culture-War-scarred country, with its stronger free-speech protections, would have the courage and latitude to blaspheme both major religions. (…)

The cartoonists who were killed today—Wolinski, Cabu, Tignous, Charb—were some of the most beloved figures in modern French life. Contra some of the nonsense being mouthed today by fools on Twitter, these weren’t some kind of Andrew Dice Clay acts looking for ever-more vulnerable minorities to kick; Cabu, for instance, is most famous for creating the provincial, typical-French character Mon Beauf, who he mocks for being crude and bigoted toward minorities. My French father-in-law, whose Gaullist-flavored politics were certainly satirized by Cabu over the years, said that today felt like being stabbed in the heart.

So no, we’re all not Charlie—few of us are that good, and none of us are that brave. If more of us were brave, and refused to yield to the bomber’s veto, and maybe reacted to these eternally recurring moments not by, say, deleting all your previously published Muhammad images, as the Associated Press is reportedly doing today, but rather by routinely posting newsworthy images in service both to readers and the commitment to a diverse and diffuse marketplace of speech, then just maybe Charlie Hebdo wouldn’t have stuck out so much like a sore thumb. It’s harder, and ultimately less rewarding to the fanatical mind, to hit a thousand small targets than one large one.

7. Januar 2015, 12.52 Uhr:

Mindestens elf Tote in der Redaktion von Charlie Hebdo

von Thomas von der Osten-Sacken

Sincères Condoléances et Solidarité

In Paris hat es heute einen Anschlag gegen die Redaktion des Charlie Hebdo gegeben, bei dem mindestens elf Menschen erschossen wurden.

At least 10 people were killed in a shooting at the Paris offices of Charlie Hebdo, a satirical newspaper firebombed in the past after publishing cartoons in 2011 joking about Muslim leaders, French TV channel iTELE reported. News agencies reported that 11 were dead and 10 wounded, five of them critically.

Satirical newspaper Charlie Hebdo has on several occasions depicted Islam’s prophet in an effort to defend free speech and defy the anger of Muslims who believe depicting Mohammad is sacrilegious.

“About a half an hour ago two black-hooded men entered the building with Kalashnikovs (guns),” Benoit Bringer told the station. “A few minutes later we heard lots of shots,” he said, adding that the men were then seen fleeing the building.


15. Dezember 2014, 16.44 Uhr:

Pegida für Linke

von Ivo Bozic

- Deutsche Bürger sind wütend und gehen auf die Straße.
- Sie halten von den Medien überhaupt nichts, glauben denen allen kein einziges Wort - außer vielleicht „Russia Today“.
- Sie sind der Meinung, die bisher schweigende Mehrheit, „das Volk“, zu sein und von den Politikern da oben nicht ernst genommen zu werden.
- Sie sind sich ganz sicher, komplett verarscht und angelogen zu werden. Die da oben, wissen sie, machen doch eh, was sie wollen.
- Sie wissen, dass es Fremde sind, die ihre Interessen und das Land verraten.
- Sie verbreiten Verschwörungstheorien oder grenzen sich von Verschwörungsideologen nicht ab.

Na, von wem ist hier die Rede? Vom Pegida-Mob oder vom Mahnwachen/Friedenswinter-Mob? Von beiden! So groß ist der Unterschied nicht. Der Friedenswinter ist Pegida für Linke und Pegida die Mahnwachenbewegung für Rechte.

Die Fremden, von denen man der Meinung ist als Deutsche fremdbestimmt, ausgenommen und marginalisiert zu werden, sind wahlweise die Ausländer (Moslems/Islam/Asylanten bei Pegida und Co.) oder das internationale Kapital und die USA (US-Banken/FED/Brüssel/Nato/Israel/Juden bei den Mahnwächtlern). Sie, das deutsche Volk, jedenfalls sind die Guten. Beide leben von Ressentiments und Xenophobie. Und von Angst. Beide haben - und schüren - Angst vor Krieg. Die einen vor einem „Glaubens- und Stellvertreterkriege auf deutschem Boden", die anderen vor einem Krieg mit Russland.

Die Schnittmengen sind groß: Jürgen Elsässer, der einer der Initiatoren der Mahnwachen war und sich als „Friedensaktivist“ bezeichnet, sympathisiert offen mit Pegida. Sein Magazin „Compact“ trommelt für beide Bewegungen, eine „Compact“-Mitarbeiterin trat als Rednerin bei einer Demo von Dügida auf. Zu dieser Demo mobilisierten auch die sogenannten Reichsbürger, die auch bei der „neuen Friedensbewegung“ ständig aufmarschieren. Bei beiden Bewegungen tauchten NPD-Kader auf. Die AfD – oder zumindest Teile der AfD - sympathisierte zunächst mit den Montagsmahnwachen, jetzt mit Pegida. Während beim Friedenswinter Putins Propagandaabteilung persönlich mitmischt („Russia Today“-Reporterin moderierte die Kundgebung), stolziert die Pegida-nahe AfD in die russische Botschaft zwecks “strategischer Beratung".

Da können sich die „Friedenswinter“-Leute noch so sehr von Pegida und Co. öffentlich abgrenzen: Der Schritt von der einen zur anderen Bewegung ist nur ein kleiner, das ist offensichtlich. Beides sind rechtspopulistische Bewegungen, auch wenn bei der einen Prominenz der Linkspartei mitmarschiert. Hier offenbart sich nur, nun für alle sichtbar, der rechte Gehalt gerade der sich (fälschlicherweise) am linksten Wähnenden in der Linkspartei.

Es ist also eben nicht so, dass sich hier Links- und Rechtsextremisten annähern und man nur die Extremismustheorie auspacken muss und die ach so gute Mitte der Gesellschaft verteidigen. Sondern wir haben es mit einer originär völkischen Bewegung zu tun, die derzeit noch zwei Flügel hat. Und „völkisch“ das ist man in nicht wenigen linken Kreisen zwar auch immer schon gewesen, aber „völkisch“ ist nun einmal nicht links. Es ist das Gegenteil davon. Beide Bewegungen sind gleichzeitig so nebulös und weitläufig in ihren Forderungen und grenzen sich jeweils gegen Extremismus ab, so dass man hier genausogut die Mitte der Gesellschaft am Werk sehen kann.

Eine linke Antwort auf diese Bewegung kann nur antivölkisch sein, also “antideutsch". Vielleicht ist es Zeit, diesen längst zur leeren Formel verkommenen Begriff wieder mit Inhalt zu füllen und offensiv in Gebrauch zu nehmen. Gegen Pegida und Friedenswinter gleichermaßen.

9. Dezember 2014, 19.24 Uhr:

Orden der Freundschaft

von Jörn Schulz

Offene Briefe sind meist weniger wegen ihres Inhalts als wegen der Unterzeichner von Interesse. „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ ist da keine Ausnahme. Ich habe da ein gewisses Verständnis, ich würde auch gerne den Bundespräsidenten verpflichten, mich immer, wenn er die Phrase „im Namen des deutschen Volkes“ zu benutzen gedenkt, zu fragen, ob er nicht ein „mit Ausnahme von Jörn Schulz“ folgen lassen muss. Meistens müsste er. Bislang wurde noch vor keinem Krieg die persönlichen Zustimmung aller Beteiligten und potentiell Betroffenen eingeholt, der Kriegserklärung eine Widerspruchsliste beizufügen, würde im Übrigen auch nicht viel ändern.

Aber wer offene Briefe unterzeichnet, möchte nunmal seinen Namen in der Öffentlichkeit erleuchten sehen. Auch wenn man eigentlich nur zu sagen hat, dass die Regierung alles richtig macht: „Die deutsche Regierung geht keinen Sonderweg, wenn sie in dieser verfahrenen Situation auch weiterhin zur Besonnenheit und zum Dialog mit Russland aufruft.“ Aber weil „Deutschland besondere Verantwortung fu?r die Bewahrung des Friedens“ trägt, fühlen sie sich dennoch zu Mahnungen berufen. Die Abgeordneten sollen „aufmerksam auch u?ber die Friedenspflicht der Bundesregierung zu wachen“. Und natürlich die Medien: „Wir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen.“ Warum eine Dämonisierung mit Würdigung der Geschichte besser wäre, erschließt sich hier nicht, auch ist nicht ganz klar, wer eigentlich gemeint ist. „Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen.“ Nun, gekommen ist Putin, gehen will er aber offenbar nicht wieder.

Apropos Würdigung der Geschichte: „Seit dem Wiener Kongress 1814 gehört Russland zu den anerkannten Gestaltungsmächten Europas. Alle, die versucht haben, das gewaltsam zu ändern, sind blutig gescheitert – zuletzt das größenwahnsinnige Hitler-Deutschland, das 1941 mordend auszog, auch Russland zu unterwerfen.“ Als wäre die Berufung auf die monarchische Restauration von 1814 nicht schon reaktionär genug – die Ansicht, Hitler habe Russlands Anerkennung als Gestaltungsmacht Europas widerrufen wollen, trifft dessen Kriegsziele nicht so ganz.

Vielleicht hat ja Luitpold Prinz von Bayern (Königliche Holding und Lizenz KG) diesen Teil geschrieben, schließlich hatten seine Vorfahren 1848 arg unter dem Bestreben des Pöbels zu leiden, mit der Ordnung des Wiener Kongresses („Der König von Württemberg frißt für alle, der König von Bayern säuft für alle und der Zar von Rußland liebt für alle“, sagte man damals) zu brechen. Königliche Holding und Lizenz KG? Ihro Hochwohlgeboren veranstalten nun Ritterturniere, eine nicht ganz standesgemäße Beschäftigung. Glaubt er, noch einmal eine dynastische Verbindung mit dem Zarenhaus schließen zu können?

Deutlicher wird die Interessenlage bei anderen Unterzeichnern. Bei Gazprom-Gerhard wird „Bundeskanzler a.D.“ als Beruf angegeben, bei Dr. Andrea von Knoop schlicht „Moskau“. Die Liste war wohl zu lang: „Für ihre besonderen Verdienste um die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen wurde sie 1999 von Bundespräsident Roman Herzog mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet und in 2003 auf Erlass des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem Orden der Freundschaft, dem höchsten Orden, der in Russland an Ausländer verliehen wird. Im Jahre 2006 ehrte sie der Moskauer Oberbürgermeister Juri Lushkow mit der höchsten Auszeichnung der Moskauer Stadtregierung und die Russische Akademie für den Staatsdienst beim Präsidenten der RF mit dem Ehrendoktortitel (Doctor habil honoris causa). Im Laufe ihrer langjährigen Tätigkeit in Russland erhielt sie zahlreiche weitere Auszeichnungen wie z.B. der Handels-und Industriekammer der RF, des Russischen Verbandes der Unternehmer und Industriellen, des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Handel der RF, des Föderalen Zolldienstes Russlands. Frau Dr. von Knoop ist Ehrenpräsidentin der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, Moskau, und Mitglied des Vorstandes des Deutsch-Russischen Forums e.V. (…)“

Auch Klaus Mangold (Chairman Mangold Consulting GmbH) hat nachvolliehbare Gründe für sein Engagement: „Kontaktvermittlung zu Einrichtungen der öffentlichen Hand in Russland, GUS, Mittel- und Osteuropa. Für eine erfolgreiche Realisierung Ihrer Wirtschaftstätigkeiten- und Projekte ist eine enge Zusammenarbeit mit den Regierungs- und Verwaltungsorganen unentbehrlich. Im Rahmen Ihrer Projekte profitieren Sie von den ausgezeichneten Kontakten der IWB GmbH zu den staatlichen und regionalen Entscheidungsträgern vor Ort.“

Aber wie kommt Josef Jacobi (Biobauer) auf die Liste? Kauft Roman Herzog bei ihm seine Milch? Warum fehlen Günter Grass und Konstantin Wecker? Wie bereits an anderer Stelle erläutert, bleibt es jedem unbenommen, seine mehr oder weniger sachkundige Meinung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Pose des Prominenten aber, der glaubt, seiner Ansicht käme größere Bedeutung zu, weil er prominent ist, verrät hingegen Standesdünkel – und solche offenen Briefe inhaltlich wichtig zu nehmen Obrigkeitshörigkeit bei den Gläubigen.

3. Dezember 2014, 14.40 Uhr:

Eine kleine Adventsgeschichte

von Ivo Bozic

(Triggerwarnung: In diesem Beitrag ließen sich ein paar Fäkalbegriffe nicht vermeiden.)

Irgendwo mitten im Pazifischen Ozean liegt die kleinste Republik der Welt: Nauru. Ein kleines Atoll, so groß wie Hiddensee, auf dem rund 10.000 Menschen leben (Hiddensee: 1.000). Was man wissen muss: Hunderttausende Jahre lang wurde diese kleine Insel von Seevögeln vollgeschissen. Mehrere Meter hoch häuften sich die Exkremente. Auf diesem aus dem Meer herausragenden Scheißhaufen ließen sich irgendwann ein paar Hundert Menschen nieder. 1888 annektierte Deutschland die Insel und zwei Jahre später begann man, aus Scheiße Gold zu machen. Genaugenommen waren es die Briten, die begannen, den Vogelkot abzutragen, denn der Dreck, der sich mit den Jahren zu einem fluorhaltigen Phosphorit wandelt, ist ein wichtiger und wertvoller Bestandteil von Düngemitteln. Die Deutschen erhielten eine Dividende für die Förderung, die Inselbewohner gar nichts. Nach dem Ersten Weltkrieg ging das Land an Australien, Großbritannien und Neuseeland. Das Phosphat wurde zunächst von den Briten, später dann von Australien ausgebeutet, die Naururer speiste man mit 0,009 australischen Dollar pro Tonne ab.

(Quelle: ARM.gov)

Doch 1968 hatten die Entbehrungen der Kolonialzeit ein Ende, Nauru wurde unabhängig und 1970 wurde die australische Phosphatabbaugesellschaft verstaatlicht. Nun baute Nauru die Phosphate selbst ab, die winzige Insel wurde flugs zum zweitreichsten Staat der Welt, das Pro-Kopf-Einkommen zu Grunde gelegt. Mit dem Geld ließ man es sich mal so richtig gut gehen auf Nauru. Man ließ nunmehr Billigarbeiter aus China für sich im Tagebau schuften. Den Bewohnern wurden Häuser vom Staat fast kostenlos zur Verfügung gestellt, an der Küste schossen fette Villen aus dem Boden, eine Einkommenssteuer gab es nicht, Bildungs- und Gesundheitswesen, das Kino und die Stromversorgung waren kostenlos, die vollständig importierten Lebensmittel staatlich subventioniert und billig. Die meisten Einheimischen besaßen zwei, nicht wenige auch sechs Autos, auch wenn man die Insel bei einem längeren Spaziergang locker zu Fuß umrunden kann. Das gesamte Straßennetz umfasst nur 29 Kilometer. Man zog eine eigene Fluggesellschaft und eine Reederei hoch. Die Arbeitsmigranten ließ man nicht nur die Kacke der Vögel wegmachen, sondern auch die eigene, der Staat zahlte jedem Bürger eine Putzfrau.

Es ging den Naururern also prächtig, sie lebten so, wie man es sich auf einer einsamen, von Strand umsäumten Insel im Pazifik, auf der das ganze Jahr 27 Grad herrschen, wohl wünscht. Doch irgendwann in den neunziger Jahren merkten die Naururer plötzlich, dass die Vogelkacke nicht ewig da sein würde. Ja, man muss es so sagen: Die Vögel konnten nicht so schnell nachscheißen, wie die Menschen das Zeug abräumten. Um es kurz zu machen: Das Land verarmte in kürzester Zeit. Aus dem ehemaligen Wohlstandsparadies wurde ein Rück-Entwicklungsland, die Arbeitslosigkeit liegt heute bei 90 Prozent, die durchschnittliche Lebenserwartung bei 63,81 Jahren. 80 Prozent der Einwohner sind verfettet und jeder zweite bis dritte hat Diabetes. Der Staat ist bankrott, die Fluggesellschaft längst pleite gegangen und die Insel sieht nach dem Phosphatabbau aus wie eine Mondlandschaft. Wer kann, zieht weg. Kurzum: Die ehemalige Trauminsel ist total am Arsch.

Doch man fand neue Einnahmequellen: Flüchtlinge. Zuerst waren es Steuerflüchtlinge, denen man Tür und Tor öffnete, ab 2001 Asylsuchende. Das Eiland errichtete zwei Flüchtlingslager und lässt sich dies von Australien finanziell honorieren. Es ist die einzige Einnahmequelle des Landes - und Teil der rigiden Flüchtlingspolitik Australiens. Zwischenzeitlich wurden die Lager geschlossen, aber seit 2012 läuft der Betrieb wieder. Im Sommer 2013 kam es zu einer Revolte von 150 iranischen Flüchtlingen, die aus dem mit Stacheldraht umgebenen Camp ausbrechen wollten. 80 Prozent der Gebäude brannten nieder. Die Polizei und rund tausend Einwohner der Insel gingen gemeinsam mit Macheten und Stahlrohren gegen die revoltierenden Flüchtlinge vor. 1.095 Asylsuchende befinden sich derzeit auf Nauru.

Es gibt mehrere Bücher über die tragische Geschichte Naurus, eines heißt „Nauru. Die verwüstete Insel. Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte.“ Das ist natürlich schon im Titel nur halb wahr. Denn es war ja auch der Kapitalismus, der dieses Kothäufchen im Ozean erst reich gemacht hat. Aber klar: Man könnte aus dieser kleinen Episode viele Erkenntnisse gewinnen, viele Lehren ziehen. Zum Beispiel, ganz profan, dass man sein Geld nicht verprassen soll. Oder wie bei Maischberger gestern: “Hoch geflogen, tief gestürzt – Wie geht das Leben weiter?” Oder irgendwas mit Kolonialismus und der schäbigen Ausbeutung fremder Länder. Oder aber, dass Unabhängigkeit vom Kolonialherren auch nicht unbedingt die Lösung sein muss, oder dass Verstaatlichung auch nicht zwingend glücklich macht. Oder etwas Intelligentes zu Umweltschutz und ein paar böse Worte zur australischen Flüchtlingspolitik.

Aber um all das geht es mir grad gar nicht. Es ist ja Advent. Ich wollte mit dieser kleinen Geschichte nur mal sagen: Liebe Leute, jetzt wo es so bitterkalt ist da draußen, denkt bitte auch an die Vögel! Ein Vogelhäuschen aufstellen und ein bisschen Futter hinein tun, das ist doch wirklich nicht aufwendig. Und das Schönste: Wenn ihr ein bisschen Geduld habt und es dann geschickt anstellt, ist das auch in eurem ganz eigenen Interesse. Seid nett zu den Tieren, dann zahlen sie es euch zurück.

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