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Kürzliche Beiträge
24. September 2013, 00.45 Uhr:

Orbán et Orbi: Mit Gott und Merkel

von Jörn Schulz

Nicht alle Europäer dürften sich über das Ergebnis der Bundestagswahlen freuen, aber einer scheint sehr zufrieden sein. “Gott schütze die Deutsche Christlich Demokratische Union“, betet Viktor Orbán. „Glückwunsch Angela!” Die beiden sind, verbunden über die EVP, Parteifreunde, und verglichen mit dem zackigen Kommandoton, der gegenüber den Griechen angeschlagen wird, werden die Ungarn sehr zuvorkommend behandelt. Gewiss, es geht nur um Demokratie, und die CDU war nie bekannt für ihre harte Kritik an rechten und rechtextremen Regierungen. Und ja, bei sonnigem Wetter ist das Leben in Budapest recht angenehm.

Geschäftssinn könnte auch eine Rolle spielen: „In Ungarn wird gerade darüber gestritten, ob Merkel sich ihre politische Solidarität möglicherweise über einen mehrfach überhöhten Kaufpreis (so die Behauptung der linkslinken Verschwörer) für die E.ON-Gastöchter habe bezahlen lassen“, berichtet die Online-Zeitung Pester Lloyd.

Eines erstaunt dann aber doch. Zu Orbáns Erfolgsrezept gehört eine sozialpopulisitische Wirtschaftspolitik (auch darüber mehr am 2. Oktober), die sich die Linkspartei nicht einmal zu propagieren trauen würde. Stellen wir uns vor, die Linkspartei würde vorschlagen,die Preise für Strom, Gas und Fernheizung per Gesetz um 21 Prozent zu senken. Da wäre schon mal so richtig was los. Käme dann auch noch die Forderung, die Preissenkung sowie die Umwandlung der Energie- und Kommunalversorgung in eine „Non-profit-Branche“ in der Verfassung zu verankern – „Rückkehr zum SED-Staat“ wäre wohl noch der zahmste Vorwurf. Oder stellen wir uns mal vor, die griechische Regierung würde solche Maßnahmen beschließen… Aber der Orbán, der darf das.

Und was lernt uns das? Die Mischung aus Sozialpopulismus und völkischer Neuordnung funktioniert derzeit bedauerlicherweise recht gut – ob dies im globalisierten Kapitalismus ein dauerhaftes Modell sein kann, sei einmal dahingestellt. Aber vielleicht erklärt gerade diese Unsicherheit die Duldsamkeit der europäischen Parteigenossin Merkel. Griechenland ist das Labor für die rigide Spar- und Repressionspolitik: Wie weit kann man gehen, bis die Leute völlig ausrasten? Ist Ungarn das Labor für die konservative Revolution 2.0.? Merkels Politik folgt zwar anderen Leitlinien, aber auch anderen als denen, die Griechenland aufgezwungen werden, und der Sozialstaat ist ja eher eine konservative Erfindung – die Linken waren damals noch unbescheidener. Jedenfalls scheint Merkel sich in Ruhe anschauen zu wollen, was beim hiesigen Experiment in rechter Krisenbewältigungspolitik herauskommt.

23. September 2013, 22.59 Uhr:

„Meine Wurzeln sind jetzt hier“

von Jörn Schulz

Gastbeitrag von Carl Melchers:

Der Theaterregisseur Mohamed M. kam vor 22 Jahren während des Bürgerkriegs zwischen Armee und Islamisten aus Algerien nach Deutschland. Um seine drohende Abschiebung zu verhindern, hat er eine Online-Unterschriftenkampagne gestartet.

Mohamed, wie ist deine momentane Situation?

Ich habe dieses Jahr zum zweiten Mal einen Abschiebungsbescheid bekommen. Die Behörden behaupten, dass ich als ALG II-Empfänger in den letzten zwei Jahren nicht genug “wirtschaftlich integriert” gewesen sei. Was in den 20 Jahren davor war, hat sie nicht interessiert, da habe ich nie staatliche Hilfe angenommen. Dabei wurde vor 22 Jahren mein Asylantrag mit der Behauptung abgelehnt, ich sei nur aus beruflichen Gründen gekommen. Dass ich damals gerade als Theaterregisseur und als Pazifist durch beide Bürgerkriegsparteien bedroht war, erkannten sie nicht an.

Was würde es für dich bedeuten, nach Algerien zurückkehren zu müssen?

In den vergangenen 22 Jahren hat sich Algerien politisch und kulturell sehr verändert. Ich würde mich dort nicht mehr zurechtfinden. Mit der Politik dort bin ich nicht einverstanden und kulturell gehöre ich schon längst nicht mehr dorthin. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich so die Schnauze voll von den Islamisten, dass ich in Potsdam jüdische Studien studiert habe. Für die Islamisten, die seit dem Arabischen Frühling auch in Algerien wieder stärker werden, bin ich heute deshalb so etwas wie ein Jude und damit ihr Todfeind. Ich wurde aus meiner Heimat entwurzelt und habe hier neue Wurzeln geschlagen. Meine Wurzeln sind jetzt hier.

Du hast sechs Jahre lang in Deutschland illegal gelebt. Wie kam das?

Mir wurde von der algerischen Botschaft kein neuer Pass ausgestellt. Während des Bürgerkriegs hat sie Leute, die aus politischen Gründen das Land verlassen haben, oft auf solche Weise terrorisiert. Ich musste ein Jahr auf einen neuen Pass warten, wurde deshalb exmatrikuliert und bekam kein Studentenvisum mehr. Dadurch landete ich in der Illegalität.

Welche Chancen siehst du, dein Bleiberecht zu erkämpfen?

Nur politischer Druck kann das erreichen. Ich hoffe, dass eine möglichst große Öffentlichkeit ihre Solidarität erklärt und sagt: „Jemand, der in 22 Jahren Teil dieser Gesellschaft geworden ist, darf nicht einfach abgeschoben werden.“

22. September 2013, 00.40 Uhr:

Orbán et Orbi: Im Galopp

von Jörn Schulz

Wir haben ja eine Kollegin unter uns, die auf jeder Reise nach lecker Pferdeschinken fahndet. Meist ohne Erfolg, so bislang auch hier in Budapest. Der Grund für diesen Mangel könnte in der Nationalmythologie zu finden sein, denn das Pferd spielt da eine wichtige Rolle. Die Reitervölker des Altertums waren zwar nicht so pingelig, was den Verzehr von Pferdefleisch betrifft, aber obwohl es sich heute noch hin und wieder in der Wurst findet, hat es hier keinen sehr guten Ruf. Sonst würde man es ja nicht heimlich den Briten unterjubeln.

Vielmehr gilt das Pferd eher als hochherrschaftliches Tier, manchen auch als Beweis dafür, dass die Ungarn die Quelle aller Zivilisation sind. So soll das engliche Wort law vom ungarischen ló (Pferd) abgeleitet sein, und das wiederum hat etwas mit den Skythen und deren immer mit dem Pferd zusammenhängenden Rechtsbewusstsein zu tun. Nun, Phantasie kann man den hiesigen Rechten jedenfalls nicht absprechen.

Mit Pferden hatte ich ja schon in Slowenien zu tun. Die dortige Paradesportart ist das Dressurreiten der Lipizzaner. Es wäre sicherlich interessant zu erforschen, was der Umgang mit Pferden und der beliebteste Pferdesport über ein Land aussagen. Hier jedenfalls bevorzugt man offenbar den Galopp, und es liegt nahe, darin so etwas wie einen symbolischen Kavallerieangriff zu sehen. Heute habe ich mir den „National Gallop 2013“ angeschaut, der rund um den Heldenplatz ausgetragen wird. So ein Pferderennen ist schon eine spannende Sache, und das sage ich als jemand, der auf Sport eigentlich keinen Pferdeapfel gibt. Es gab auch einen dramatischen Sturz, aber der Reiterin ist nichts passiert und das Pferd hielt sich auch ohne sie recht gut im Rennen.

So ganz ohne Politik kann hier allerdings nicht galoppiert werden. Dass vor jedem Rennen hinter Reitern mit ungarischer Fahne, Säbel und k.u.k-Uniformen mit schmucken Goldschnürchen paradiert wird, könnte man noch unter Nostalgie und Folklore abbuchen. Aber am „National Galopp“ nehmen ganz selbstverständlich auch Teams aus den Nachbarstaaten teil, die auf diese Weise schon mal symbolisch in Orbáns Reich geholt werden.

Wie langjährige Leserinnen und Leser vielleicht ahnen, werde ich mich auch in dieser Auslandsausgabe mit einem Thema befassen, das etwas mit Geschichte und Mythologie zu tun hat. Zur Einstimmung können Sie sich schon mal dieses Video anschauen. Ich mag Ihnen noch nicht versprechen, dass ich Ihnen dieses Event am 2. Oktober wirklich schlüssig erklären kann. Denn die hiesigen Rechten zeichnen sich nicht nur durch überdurchschnittliche Phantasie aus, die Logiklöcher in deren Theorien sind so groß, dass ein Turul durchfliegen könnte. Was ein Turul ist, erfahren Sie aber auf jeden Fall.

Was die fehlenden Katzen in Budapest betrifft, kann ich im Übrigen einen Fortschritt vermelden. Es scheint, als sammelten sie sich alle in einem Café. Das werden wir natürlich aufsuchen.

21. September 2013, 13.02 Uhr:

Dawn of the Greeks

von Thomas von der Osten-Sacken

Die  Organisation Dawn of the Greeks hat ein Video zusammengestellt, das zu kommentieren leider nicht notwengig ist. Europa 2013:

21. September 2013, 01.55 Uhr:

Orbán et Orbi: Aber bitte mit Sahne

von Jörn Schulz

In Berlin sieht man mehr Deutschland-Fahnen aus Fenstern und von Balkons hängen als hier in Budapest Ungarn-Fahnen. Genau genommen habe ich noch keine Ungarn-Fahne jenseits der Beflaggung staatlicher Institutionen gesehen. Für Außenstehende ist die Rechtsentwicklung auf den ersten Blick nicht zu bemerken. Sie kommt mit einer gewissen k.u.k.-Gemütlichkeit daher. Natürlich gibt es auch sichtbare Veränderungen, etwa in der Gedenk- und Denkmalspolitik. Aber wer kennt schon die ungarischen Nationalhelden und ihre oftmals recht zweifelhaften „Verdienste“? Und wer kann schon ungarische Zeitungen lesen? Sollten doch mal Ausländer etwa über rabiate Hetze gegen Roma nörgeln, kann man immer noch die Sarrazin-Doktrin geltend machen: Man wird doch wohl noch…

Orbán kann jedenfalls wohl als der derzeit cleverste und geschickteste rechte Politker zumindest in Europa gelten. Die Atmosphäre ist, so jedenfalls der erste Eindruck, weitgehend entpolitisiert. Wir logieren hier ja im Ausgehviertel - was sehr praktisch ist -, und es gibt auch so etwas wie alternative Läden. Aber offenbar wenige politische Events, die Plakat- und Graffitikultur scheint jedenfalls nicht sehr entwickelt zu sein, auch im Vergleich zum wesentlich kleineren Ljubljana, wo wir 2011 waren. Aber wir haben längst noch nicht alles gesehen, vielleicht findet sich ja noch was.

Erbost sind viele Ungarn allerdings über die Tabak-Politik. Zigaretten dürfen jetzt nur noch in lizensierten Läden verkauft werden. Dass die Lizenzen bevorzugt an Parteigänger der Fidesz vergeben wurden, ist nur ein Teil des Problems. Es war halt vorher viel einfacher, Kippen gab’s in jeder Bar. Jetzt wird die sündhafte Ware hinter Milchglas verborgen (in einem Fall auch hinter gestapelten Wasserflaschen), mein Zigarettenladen (zum Glück gleich um die Ecke) sieht mit dem Milchglas und den bunten Lämpchen aus wie der Eingang zu einem Bordell.

Das gehört zu den Widersprüchen der völkischen Politik. Da der ungarische Volkskörper gesunden soll, sollen die Leute weniger rauchen und weniger Fett essen. Da liegt Orbán ausnahmsweise mit der EU auf einer Linie, auch wenn in Brüssel mehr von der Wettbewerbsfähigkeit die Rede ist. Der durchschnittliche real existierende Ungar raucht aber ganz gerne, und für die hiesige Küche scheint die Wortkombination „zu fettig“ nicht zu existieren. Ein bisschen Schmalz oder Schmand müssen schon sein, und es darf auch gern ein bisschen mehr sein.

Tja, vielleicht wäre ja „Antifa heißt Sahnetörtchen“ für den Anfang die passende Parole. Ich mag ja die k.u.k.-Küche und auch die Bauwerke mitsamt dem kitschig-barocken Schnickschnack, die immer ein Hauch von Verfall und décadence umgibt, auch wenn sie gerade frisch getüncht wurden. Unser Hinterhof hat zweifellos schon bessere Zeiten gesehen, war aber bestimmt mal irre mondän. Nur eines fehlt: eine Katze. Warum gibt es hier eigentlich keine Katzen?

3. September 2013, 11.59 Uhr:

Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Süddeutsche schreibt einen Nachruf auf Wolfgang Herrndorf. Und dann, kursiv gesetzt, folgt:

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung über den Tod Wolfgang Herrndorfs gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide.

Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Ob Rauchen, Essen, Spielen oder Radfahren, nichts kommt mehr ohne die kostenlose Hotline aus, ohne  Berater am Ende der 0800-Nummer. Wer diesem Leben, aus welchen Gründen auch immer, entrinnen will, der wählt die 1110111. Wird über diejenigen, denen 1110111 nicht helfen konnte, dann nicht berichtet, weil Zeitungsredaktionen in Deutschland schließlich nicht einfach berichten sollen, sondern Teil des hermetischen Lebensberatungskollektives sind, in das Gesellschaft sich zunehmend transformiert, dann hat auch verantwortungsbewusster Journalismus seinen Teil beizutragen.

Zu hoffen bleibt, dass künftig in Artikeln auf der Sportseite über Autorennen beispielsweise, der Hinweis eingefügt wird, zu schnelles Autofahren sei bedrohlich.

29. August 2013, 19.24 Uhr:

Werden auch Sie ein deutscher Nahost-Experte!

von Jörn Schulz

Mit meinem Kurzlehrgang in sieben Schritten:

1. Warnen Sie vor dem Flächenbrand!

Kein verantwortungsbewusster Nahost-Experte kommt ohne das Wort Flächenbrand aus. Lassen Sie sich nicht davon stören, dass es schon lange brennt. Ein Flächenbrand ist ganz etwas anderes. Er entsteht, wenn Unbefugte sich einmischen. Unbefugte sind Amerikaner und Israelis, nun auch wieder Briten und Franzosen. Wenn sunnitische und schiitische Jihadisten den syrischen Bürgerkrieg auch im Libanon austragen, hat das nichts mit einem Flächenbrand zu tun. Die tun nur ihre Pflicht. Wenn aber Israel aus dem Libanon mit Raketen beschossen wird und zurückschießt, droht ein Flächenbrand. Vergessen Sie nicht, Israel wohlwollend ein Existenzrecht zuzusprechen, bevor Sie nach dem „aber“ zur Sache kommen! Beweisen Sie stilistische Originalität, indem Sie den Nahen Osten auch einmal als Pulverfass bezeichnen. Wer an der Lunte zündelt, wissen Sie ja bereits.

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