Schlüppis
Kürzliche Beiträge
6. September 2012, 18.10 Uhr:

Nein, meine Suppe ess ich nicht!

von Jörn Schulz

Zuweilen nimmt das antifeministische Rollback wirklich amüsante Formen an. Aus dem publizistischen Sandkasten quengelt Ralf Schuler, der gerade gelernt hat, dass die Frauenquote irgendwie auch etwas mit Männern zu tun haben könnte: „Hiermit erkläre ich feierlich: Nicht mit mir! Ich will keine Quote! (…) Lassen Sie mich aus dem Spiel, Frau Reding!“ Das musste mal gesagt werden. Aber nach dem Sandmännchen muss der kleine Träumer dann schnell ins Bett.

Hmm, vielleicht sollte ich nicht so hart urteilen und es lieber selbst mal probieren. Hey, Kapitalismus! Du, ich will dir mal was sagen. Also, ich kann auch ohne dich! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben. Nee, ganz in echt jetzt, wirklich nicht.

6. September 2012, 17.41 Uhr:

Reeechts um!

von Jörn Schulz

Jene Deutschen, die ständig Integrationsbemühungen fordern, sollten froh und dankbar sein, dass sie schon eingebürgert sind. Ein hübsches Beispiel für Bildungsferne und schlampigen Umgang mit der deutschen Sprache ist die Ausschreibung „Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz“. Dass ein reaktionäres Gesellschafts- und Geschichtsbild propagiert wird, versteht sich da von selbst.

„Heimat und Identität brauchen Geschichte; daher liegt der Ausgangspunkt der Integrationsbemühungen unter anderem in der Definition der historisch gewachsenen Basis unserer gesellschaftlichen Fundamente und demokratischen Werte. Folgende Epochen und historischen Ereignisse einer über 2000-jährigen europäischen Geschichte dienen einer deutsch-europäischen Identität heute als Bezugspunkte:
Griechische und Römische Antike
Christentum
Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation
Reformation
Aufklärung und das geistige, kulturelle Erbe Deutschlands und Europas
Französische Revolution von 1789 und Paulskirchenverfassung von 1849
Die Weltkriege von 1914-1945 und das Bekenntnis zur Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus
Europäischer Einheitsprozess
Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas
Als historische Fundamente unserer Gesellschaft können diese Eckdaten identitätsstiftend für alle Menschen in Deutschland sein.“

Wie eine gewachsene Basis zum Fundament wird, ist noch eine eher nebensächliche Frage. Vielleicht können die Betongießer von Hochtief, die zu den Sponsoren gehören, Auskunft geben. Was aber ist das Christentum nun? Eine Epoche, ein historisches Ereignis oder ein Eckdatum? Eine Universalreligion offenbar nicht. Warum sich Christen über allerlei Lapallien aufregen, aber den Mund halten, wenn gesagt wird, dass sich Jesus für deutschnationale Identitätsstiftung kreuzigen ließ, ist schon eine interessante Frage. Interessant auch, dass die Reformation eigens aufgeführt wird, offenbar hatte sie mit dem Christentum nichts zu tun. Dass man unter Nation bis zum 18. Jahrhundert den Ort der Geburt, nicht die Nationalität im bürgerlichen oder gar deutschen Sinne verstand und die offizielle Bezeichnung bis zur Auflösung nur Heiliges Römisches Reich war, sei nur nebenbei erwähnt. Wer braucht schon Geschichtswissenschaft? Es gibt doch Guido Knopp.

Bezeichnend ist vor allem: „Die Weltkriege von 1914-1945 und das Bekenntnis zur Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus.“ Warum sich mit Details abgeben? Schnell das Bekenntnis abhaken, und dann zurück zum Geschäft. Und das ist noch wohlwollend interpretiert, denn man kann diese Zusammenfassung auch als Zustimmung zu Ernst Noltes Mythos des „europäischen Bürgerkriegs“ sehen.

Seit Herodot bekundete, er wolle „große und wunderbare Werke, wie sie Hellenen sowohl, als Barbaren ausgeführt“, der Nachwelt überliefern, sollten Historiker den Anspruch haben, die Engstirnigkeit des Stammesdenkens zu überwinden. Doch warum sich mit tatsächlichen Leistungen antiker Gelehrter befassen, womöglich gar Bücher lesen, wo es doch viel bequemer ist, mit ein paar Stichworten „Identität“ ohne Rücksicht auf die Fakten zu stiften? Der Geschichte wird wieder offen die Aufgabe zugewiesen, Nationalmythologie zu produzieren – das versteht man in Deutschland unter „Integration und Toleranz“. Immerhin ist die Zurückweisung historischer Erkenntnisse nur erwünscht, sie wird noch nicht zur staatsbürgerlichen Pflicht erhoben.

Bei der Welt, derzeit unter den Zeitungen, die als bürgerlich zu bezeichnen zuviel der Ehre wäre, das führende Kampfblatt für Sozialdarwinismus und Nationalwahn, ist man schon ein bisschen weiter. Dort kommandiert Cora Stephan: „Kopf hoch, Deutschland muss führen! Seit 1945 glauben die meisten Deutschen, wir sollten uns zurückhalten, wenn es um Machtfragen geht – wegen unserer Geschichte. Diese Haltung ist nicht mehr zeitgemäß.“

Geschichtsrevisionisten haben das Problem, das Ernst Noltes Nummer, die Kommunisten seien an allem schuld, mangels Kommunisten nicht mehr zieht. Für den derzeitigen Konkurrenzkampf müssen noch existierende Schuldige gefunden werden. Stephan beruft sich auf den rechtspopulistischen Historiker Niall Ferguson: „Hätten Großbritannien und Frankreich das aufstrebende deutsche Kaiserreich damals ernst genommen und an den Tisch der Mächtigen gebeten (statt sich mit dem reaktionären zaristischen Russland zusammenzutun), dann wäre Deutschland ebenfalls das geworden, was es heute ist, die führende Macht auf dem Kontinent – aber es hätte zwei Weltkriege weniger gegeben. Für Fergusons These spricht einiges.“

Wenn man den Deutschen die Herrschaft über Europa nicht gibt, können sie leider nicht anders als in den Krieg zu ziehen. Die Shoah, die Nolte zu einer „überschießenden Reaktion“ auf die Oktoberrevolution erklärt hatte, wird von Stephan implizit als Folge der „falschen“ britisch-französischen Politik gedeutet.

„Auch dass die deutsche Kolonialmacht anmaßender und brutaler gewesen wäre als andere Kolonialmächte, ist Legende. Die Deutschen wollten auch ‚einen Platz an der Sonne’? Ein Verbrechen war das nicht.“ Dass der Massenmord an Herero und Nama der erste Genozid des 20. Jahrhunderts war, ist in der Geschichtswissenschaft fast unumstritten.

Aber wir haben ja gerade gelernt, wozu Geschichte da ist: Sie wird für Heimat und Identität gebraucht. Oder auch gar nicht: „Lassen wir also die Geschichte. Nach vorne geht der Blick.“ Reeechts um! Feldschritt – vorwärts – marsch!

4. September 2012, 12.41 Uhr:

Bio-Unterricht

von Ivo Bozic

Plötzlich ist überall vom großen „Bio-Betrug“ die Rede und alle Welt empört sich, dass mit den Lebensmittelsiegeln Schindluder getrieben werde. Sowieso, da blicke ja auch keiner mehr durch, „Bild“ etwa erklärt jetzt mal, was die alle genau bedeuten…

Dabei ist es durchaus vernünftig, dass es verschiedene Siegel zur Kennzeichnung von Lebensmittel gibt. Denn etwas, das »bio« ist, muss noch lange nicht »tierfreundlich« sein – und umgekehrt. Ob zum Beispiel das Soja, das die Schweine als Futter vorgesetzt bekommen, frei von Gentechnik ist oder nicht, dürfte die Schweine wenig kümmern. … Die biologische oder ökologische Landwirtschaft erfolgt nicht in erster Linie aus Tierliebe, sondern im Sinne der Konsumenten und vor allem der Produzenten.

Alle Hintergründe dazu bereits vor einem Jahr in der „Jungle World“, hier.

31. August 2012, 19.17 Uhr:

Zutiefst desorientiert

von Jörn Schulz

Es war zu befürchten, dass die offensive Verteidigung Julian Assanges nicht nur ein antiamerikanischem Übereifer geschuldeter Ausrutscher ist, sondern Ausdruck eines gezielten antifeministischen Rollbacks. Vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) wird das nun in der Kritik an linken Gruppen, die Assange nicht vorbehaltlos verteidigen, bestätigt: „Beide Gruppen stimmen seit langem mit der empörenden Kampagne der rechten und auch der angeblich liberalen Presse überein, Assange als Sexualverbrecher zu brandmarken. Bisher zögerten sie nur, das in der Öffentlichkeit zu sagen. Jetzt ist die Zeit der Ausflüchte vorbei. Andernfalls würden sie Gefahr laufen, die oberen Schichten des Kleinbürgertums zu vergrätzen, die sie im Auge haben. Das sind die Schichten, die seit langem schon Politik auf der Grundlage von Geschlecht und Hautfarbe betreiben und sich auf einer bewussten Klassengrundlage gegen Sozialismus wenden. Diese Schichten werden gegenwärtig gegen Assange in Stellung gebracht.”

Das kann schwerlich anders verstanden werde als: Feminismus und Antirassismus sind Sache des Klassenfeinds. Ein anständiger Arbeiter hält sich davon fern. „Nur in den zutiefst desorientierten Zirkeln, für die der Guardian, der Independent und andere schreiben, und zu denen die SWP und die SP genauso gehören, kann die Unschuldsvermutung auf diese Weise durch die Behauptung ersetzt werden, dass alle Frauen die Wahrheit sagten und alle Männer lügen würden und Sexualverbrecher wären.“ Dies hat im Kontext Assange niemand behauptet, und es lässt tief blicken, dass sich der Autor gleich persönlich angegriffen fühlt. „Gegen Assange ist deswegen noch keine Anklage erhoben worden, weil die Behauptungen der Frauen nicht glaubwürdig sind. Die Beziehung zu den beiden Frauen war einvernehmlich.“ Während der Republikaner Todd Akin wenigstens noch auf eine, wenn auch extrem bizarre und frei erfundene, Theorie Bezug nahm, genügt beim IKVI die Fernermittlung des ZK. Eine Unschuldsvermutung für die klagenden Frauen ist nicht vorgesehen, zumal sie sich auch noch „abgestimmt hatten und gemeinsam bei der Polizei ihre Aussage gemacht hatten“.

Sevim Agdelen, Abegordnete der Linkspartei, wird Assange am Wochenende besuchen. Sie freut sich schon sehr und erwähnt die Vergewaltigungsvorwürfe in ihrer Presseerklärung gar nicht erst. So geht’s natürlich auch.

30. August 2012, 16.32 Uhr:

Ein Papst genügt nicht

von Jörn Schulz

Bei aller gebotenen Solidarität unter Ketzern, es muss auch einmal Kritik geübt werden. Die Titanic bereitet sich bekanntlich auf den von einem gewissen Herrn Ratzinger angestrengten Prozess vor: „Der politische Arm des Magazins, die Partei ‚Die PARTEI’, wird darüber hinaus in der Innenstadt einen Papst-Mittelaltermarkt veranstalten. Geboten werden u.a. Jongleure, Feuerspucker, ein Pranger und die Möglichkeit, eine Hexe zu verbrennen (symbolisch). Interessierte Bürger sollen sich so in die Lebenswelt des Papstes hineinversetzen können.“

Ich finde, da tut man ihm unrecht. Dem Mittelalter natürlich, nicht dem Papst. Einen Brief an den Papst begann man damals etwa so: „An Hildebrand, nicht Papst, sondern falscher Mönch.“ So formulierte es ein frommer Monarch, und es gab kein Landgericht, vor dem Gregor VII. seine Persönlichkeitsrechte hätte einklagen können. Eine zeitgenössische Entsprechung könnte etwa lauten: „An Ratze, den alten HJ-Lümmel…“ – so etwas würde heute nicht einmal der gottloseste Staatschef wagen.

Es gab auch mehr Pluralismus. Die schöne Sitte, Gegenpäpste aufzustellen, so dass sich jeder einen aussuchen kann, ist leider in Vergessenheit geraten. Und die Diskursstrategie Sciarra Colonnas, der 1303 Papst Bonifaz VIII. mit einer Watschn darauf aufmerksam machte, dass er sich einer Gerichtsverhandlung stellen müsse, wird auch nicht mehr praktiziert. Gewiss, es war nicht alles besser damals. Aber was den Umgang mit Päpsten betrifft, können wir vom Mittelalter viel lernen.

29. August 2012, 23.32 Uhr:

Demonstration fuer goettliches Gesetz und Beschneidungen

von Thomas von der Osten-Sacken

Heute fand die erste Demonstration mit folgender Pressekonferenz fuer die Legalisierung von Beschneidungen  minderjaehriger  Jungen und Maedchen statt. Und zwar in Karlsruhe vor dem Bundesverfassungsgericht. Aufgerufen hatten verschiedene islamische Kleriker (von denen zumindest einer, naemlich der Herr Choudari, so liest man, eine ziemliche Naehe zu Al Qaida pfelgte und sie als “noble Organisation” lobte), um klar zu machen, dass endlich von Menschen erschaffene Gesetze ueberwunden gehoeren und durch’s einzig goettliche Gesetz, die heilige Scharia ersetzt werden muesste. Nur so werde auch gewaehrleistet, dass  religiose Praktiken, wie etwa die Beschneidung, in Zukunft in voelliger Rechtssicherheit praktiziert werden koennen:

 Europe is today in dire need of an alternative system to regulate its affairs which agrees with the nature of Human beings and satisfying their own needs whilst at the same time providing tranquility within society.

The conflict between man made law and divine law, between sovereignty for man and sovereignty for God (Allah is as old as Europe itself. Hence it is only appropriate that this press conference is held in front of the highest court in Germany representing those who believe in Sovereignty for man and which has presided over and witnessed the criminalising of those who wish to defend the Honour of the Messenger Muhammad (saw), those who wish to practice their religion through simple rituals such as Circumcision and those who wish to share the beauty of the Quran and the teaching of the Shariah with the German people.

27. August 2012, 23.31 Uhr:

Queer gegen Adorno und Israel

von Thomas von der Osten-Sacken

Ein bisschen tut sich inzwischen, der Verleihung des Adorno Preises an Judith Butler bleibt nicht ganz unwidersprochen. Inzwischen haben der Zentralrat der Juden, das Simon Wiesenthal Center und der israelische Botschafter in recht deutlichen Worten protestiert.

Treffende Worte hat auch Jayson Littman gefunden, ein ” prominent US gay activist and writer (…), “I am saddened that a respected-academic like Judith Butler is working to turn the hatred of Israel into a queer value, and certainly hope that in honor of Theodor Adorno, she turns down the award.”

Seine Hoffnung wird wohl enttaeuscht werden, die Stadt Frankfurt und das Kuratorium des Adorno Preises allerdings duerften in den naechsten Tagen ein wenig in verdiente Erklaerungsnot geraten.

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