Schlüppis
Kürzliche Beiträge
4. September 2012, 12.41 Uhr:

Bio-Unterricht

von Ivo Bozic

Plötzlich ist überall vom großen „Bio-Betrug“ die Rede und alle Welt empört sich, dass mit den Lebensmittelsiegeln Schindluder getrieben werde. Sowieso, da blicke ja auch keiner mehr durch, „Bild“ etwa erklärt jetzt mal, was die alle genau bedeuten…

Dabei ist es durchaus vernünftig, dass es verschiedene Siegel zur Kennzeichnung von Lebensmittel gibt. Denn etwas, das »bio« ist, muss noch lange nicht »tierfreundlich« sein – und umgekehrt. Ob zum Beispiel das Soja, das die Schweine als Futter vorgesetzt bekommen, frei von Gentechnik ist oder nicht, dürfte die Schweine wenig kümmern. … Die biologische oder ökologische Landwirtschaft erfolgt nicht in erster Linie aus Tierliebe, sondern im Sinne der Konsumenten und vor allem der Produzenten.

Alle Hintergründe dazu bereits vor einem Jahr in der „Jungle World“, hier.

31. August 2012, 19.17 Uhr:

Zutiefst desorientiert

von Jörn Schulz

Es war zu befürchten, dass die offensive Verteidigung Julian Assanges nicht nur ein antiamerikanischem Übereifer geschuldeter Ausrutscher ist, sondern Ausdruck eines gezielten antifeministischen Rollbacks. Vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI) wird das nun in der Kritik an linken Gruppen, die Assange nicht vorbehaltlos verteidigen, bestätigt: „Beide Gruppen stimmen seit langem mit der empörenden Kampagne der rechten und auch der angeblich liberalen Presse überein, Assange als Sexualverbrecher zu brandmarken. Bisher zögerten sie nur, das in der Öffentlichkeit zu sagen. Jetzt ist die Zeit der Ausflüchte vorbei. Andernfalls würden sie Gefahr laufen, die oberen Schichten des Kleinbürgertums zu vergrätzen, die sie im Auge haben. Das sind die Schichten, die seit langem schon Politik auf der Grundlage von Geschlecht und Hautfarbe betreiben und sich auf einer bewussten Klassengrundlage gegen Sozialismus wenden. Diese Schichten werden gegenwärtig gegen Assange in Stellung gebracht.”

Das kann schwerlich anders verstanden werde als: Feminismus und Antirassismus sind Sache des Klassenfeinds. Ein anständiger Arbeiter hält sich davon fern. „Nur in den zutiefst desorientierten Zirkeln, für die der Guardian, der Independent und andere schreiben, und zu denen die SWP und die SP genauso gehören, kann die Unschuldsvermutung auf diese Weise durch die Behauptung ersetzt werden, dass alle Frauen die Wahrheit sagten und alle Männer lügen würden und Sexualverbrecher wären.“ Dies hat im Kontext Assange niemand behauptet, und es lässt tief blicken, dass sich der Autor gleich persönlich angegriffen fühlt. „Gegen Assange ist deswegen noch keine Anklage erhoben worden, weil die Behauptungen der Frauen nicht glaubwürdig sind. Die Beziehung zu den beiden Frauen war einvernehmlich.“ Während der Republikaner Todd Akin wenigstens noch auf eine, wenn auch extrem bizarre und frei erfundene, Theorie Bezug nahm, genügt beim IKVI die Fernermittlung des ZK. Eine Unschuldsvermutung für die klagenden Frauen ist nicht vorgesehen, zumal sie sich auch noch „abgestimmt hatten und gemeinsam bei der Polizei ihre Aussage gemacht hatten“.

Sevim Agdelen, Abegordnete der Linkspartei, wird Assange am Wochenende besuchen. Sie freut sich schon sehr und erwähnt die Vergewaltigungsvorwürfe in ihrer Presseerklärung gar nicht erst. So geht’s natürlich auch.

30. August 2012, 16.32 Uhr:

Ein Papst genügt nicht

von Jörn Schulz

Bei aller gebotenen Solidarität unter Ketzern, es muss auch einmal Kritik geübt werden. Die Titanic bereitet sich bekanntlich auf den von einem gewissen Herrn Ratzinger angestrengten Prozess vor: „Der politische Arm des Magazins, die Partei ‚Die PARTEI’, wird darüber hinaus in der Innenstadt einen Papst-Mittelaltermarkt veranstalten. Geboten werden u.a. Jongleure, Feuerspucker, ein Pranger und die Möglichkeit, eine Hexe zu verbrennen (symbolisch). Interessierte Bürger sollen sich so in die Lebenswelt des Papstes hineinversetzen können.“

Ich finde, da tut man ihm unrecht. Dem Mittelalter natürlich, nicht dem Papst. Einen Brief an den Papst begann man damals etwa so: „An Hildebrand, nicht Papst, sondern falscher Mönch.“ So formulierte es ein frommer Monarch, und es gab kein Landgericht, vor dem Gregor VII. seine Persönlichkeitsrechte hätte einklagen können. Eine zeitgenössische Entsprechung könnte etwa lauten: „An Ratze, den alten HJ-Lümmel…“ – so etwas würde heute nicht einmal der gottloseste Staatschef wagen.

Es gab auch mehr Pluralismus. Die schöne Sitte, Gegenpäpste aufzustellen, so dass sich jeder einen aussuchen kann, ist leider in Vergessenheit geraten. Und die Diskursstrategie Sciarra Colonnas, der 1303 Papst Bonifaz VIII. mit einer Watschn darauf aufmerksam machte, dass er sich einer Gerichtsverhandlung stellen müsse, wird auch nicht mehr praktiziert. Gewiss, es war nicht alles besser damals. Aber was den Umgang mit Päpsten betrifft, können wir vom Mittelalter viel lernen.

29. August 2012, 23.32 Uhr:

Demonstration fuer goettliches Gesetz und Beschneidungen

von Thomas von der Osten-Sacken

Heute fand die erste Demonstration mit folgender Pressekonferenz fuer die Legalisierung von Beschneidungen  minderjaehriger  Jungen und Maedchen statt. Und zwar in Karlsruhe vor dem Bundesverfassungsgericht. Aufgerufen hatten verschiedene islamische Kleriker (von denen zumindest einer, naemlich der Herr Choudari, so liest man, eine ziemliche Naehe zu Al Qaida pfelgte und sie als “noble Organisation” lobte), um klar zu machen, dass endlich von Menschen erschaffene Gesetze ueberwunden gehoeren und durch’s einzig goettliche Gesetz, die heilige Scharia ersetzt werden muesste. Nur so werde auch gewaehrleistet, dass  religiose Praktiken, wie etwa die Beschneidung, in Zukunft in voelliger Rechtssicherheit praktiziert werden koennen:

 Europe is today in dire need of an alternative system to regulate its affairs which agrees with the nature of Human beings and satisfying their own needs whilst at the same time providing tranquility within society.

The conflict between man made law and divine law, between sovereignty for man and sovereignty for God (Allah is as old as Europe itself. Hence it is only appropriate that this press conference is held in front of the highest court in Germany representing those who believe in Sovereignty for man and which has presided over and witnessed the criminalising of those who wish to defend the Honour of the Messenger Muhammad (saw), those who wish to practice their religion through simple rituals such as Circumcision and those who wish to share the beauty of the Quran and the teaching of the Shariah with the German people.

27. August 2012, 23.31 Uhr:

Queer gegen Adorno und Israel

von Thomas von der Osten-Sacken

Ein bisschen tut sich inzwischen, der Verleihung des Adorno Preises an Judith Butler bleibt nicht ganz unwidersprochen. Inzwischen haben der Zentralrat der Juden, das Simon Wiesenthal Center und der israelische Botschafter in recht deutlichen Worten protestiert.

Treffende Worte hat auch Jayson Littman gefunden, ein ” prominent US gay activist and writer (…), “I am saddened that a respected-academic like Judith Butler is working to turn the hatred of Israel into a queer value, and certainly hope that in honor of Theodor Adorno, she turns down the award.”

Seine Hoffnung wird wohl enttaeuscht werden, die Stadt Frankfurt und das Kuratorium des Adorno Preises allerdings duerften in den naechsten Tagen ein wenig in verdiente Erklaerungsnot geraten.

24. August 2012, 00.38 Uhr:

Drei Jahre für Gotteslästerung?

von Thomas von der Osten-Sacken

Hand aufs Herz: Wäre dieser Vorfall aus Tunesien berichtet worden, die Kommentare, dass dort alles nur schlimmer werden würde, die Araber eben nicht reif seien für die Demokratie und die Islamisten nun übernähmen, sie wären Legion.

Nur, dies ist nicht in Tunis passiert, sondern in Kassel und damit in einem Land, in dem “Beschimpfung von Kirchen und Religionsgesellschaften” eben  als zu ahndende Straftat gilt und das sich doch ganz selbstverständlich säkular nennt:

Eine umstrittene Jesus-Karikatur sorgt in Kirchenkreisen für Empörung. Ein Plakat an der Fassade des Kulturbahnhofs in Kassel zeigte Jesus am Kreuz und darüber eine Sprechblase aus dem Himmel.

Der Text: „Ey … du … Ich hab deine Mutter gefickt!“ Damit sollte für die Ausstellung „Caricatura VI: Die Komische Kunst - analog, digital, international“ geworben werden.

Ein 75-jähriger Bestatter fand das gar nicht komisch. Er erstattete Anzeige wegen Blasphemie (…).

Der Fall soll laut Polizei in den kommenden Tagen der Staatsanwaltschaft übergeben werden. Kommt es zur Anklage, drohen laut dem sogenannten Gotteslästerungsparagraphen 166 des Strafgesetzbuches bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

23. August 2012, 18.47 Uhr:

Emulate the enemy

von Jörn Schulz

“Conservatives throw around the phrase ‘leftwing feminist’. They do not understand that although most feminists are on the left, it is far from clear that all leftwingers are feminist. If the indulgence of Islamists who believe that divine law mandates the subjugation of women did not convince you on this point, the treatment of Assange’s alleged victims ought to make you think again”, schreibt Nick Cohen im Guardian.

Das bestätigt sich auch bei Durchsicht von Kommentaren aus der Linken in Deutschland. Vergleichsweise seriös äußert sich die Linkspartei: „Die Ablehnung der Britischen Regierung, Julian Assange freies Geleit zu geben, ist ein Akt der Missachtung der souveränen Entscheidung der Republik Ecuador.“ Wie gesagt, vergleichsweise seriös, denn die „Missachtung der souveränen Entscheidung der Republik Ecuador“ ist wiederum eine souveräne britische Entscheidung, während die souveräne Entscheidung, Assange Asyl zu gewähren, eine Missachtung der souveränen Entscheidung der britischen Justiz war. Was die Forderung, dass die „britische Regierung soll sich lieber um die Londoner City kümmern“ soll, „wo unzählige Banker weiter die Steuergelder der Bürgerinnen und Bürger an der Börse verzocken, ohne dass sich die britische Regierung darum kümmert“, in diesem Kontext zu suchen hat, ist nicht so recht klar.

Immerhin wird eingeräumt: „Die Forderungen Schwedens nach Aufklärung der Straftats-Vorwürfe gegen Julian Assange sind legitim. Julian Assange hat selbst angeboten, dass er in der ecuadorianischen Botschaft zu diesen Vorwürfen vernommen werden kann. Schwedens konservative Regierung hat es beharrlich abgelehnt, Julian Assange diesbezüglich Garantien zu geben.“ Abgesehen von der Frage, ob in Zukunft der Vergewaltigung Beschuldigte über Umstände und Ort ihrer Vernehmung selbst entscheiden sollen – was soll geschehen, wenn es zum Verfahren kommt? Soll das auch in der ecuadorianischen Botschaft stattfinden?

Freigesprochen wurde Assange bereits vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale (IKVI), einer bedeutenderen der noch existierenden trotzkistischen Organisationen: „Es gibt keine ernstzunehmende juristische Grundlage für den Vorwurf sexuellen Missbrauchs gegen Assange. Die schwedischen Behörden haben noch nicht einmal formell Anklage gegen ihn erhoben. Die Vorwürfe wurden von zwei Frauen erhoben, die auf ihre Initiative hin sexuellen Kontakt in beiderseitigem Einvernehmen mit ihm hatten.“ Tatsächlich kann nach schwedischem Recht Anklage erst nach der Vernehmung des Beschuldigten erhoben werden. Schwerwiegender ist, dass das IKVI offenbar der Ansicht ist, bei Zustimmung zu einmaligem Sex könne sich eine Frau später nicht mehr über eine Vergewaltigung beklagen. Es ist zu hoffen, dass sich diese Lehrmeinung in trotzkistischen Kreisen nicht durchsetzt.

Auch in der Linken Zeitung wird Assange freigesprochen: „Er hat keine Frauen vergewaltigt. (…) Worum geht dann der ganze Zirkus? Zuerst wurde Assange von zwei schwedischen Frauen, die auf der Jagd nach Berühmtheiten waren, aufgegabelt und in ihre Wohnungen und Betten gebracht. Aus unbekannten Gründen beschwerte sich eine später, dass er kein Kondom benutzt habe, und die andere beschwerte sich, dass sie eines angeboten habe, er aber zwei genommen habe.“ Bemerkenswert ist, dass hier nicht nur eine elaboriertere Version der Kondom-Legende verbreitet wird, sondern sogar die Motive der Frauen („Jagd nach Berühmtheiten“) bekannt sind.

Soviel Phantasie hat Werner Pirker in der Jungen Welt nicht, er bietet nur das übliche: „Schweden, das Land, in das die Briten den Aufdecker unangenehmer Wahrheiten abschieben wollen, von wo aus er dann nach Übersee weitergereicht werden dürfte, ist in seinem Diensteifer gegenüber den USA zum Schauplatz einer beispiellosen Justizfarce geworden. Erstmals wurde ein geplatztes Kondom, das als Corpus delicti für eine angebliche Vergewaltigung herhalten muß, zum Anlaß für ein Auslieferungsbegehren. Die westlichen Leitmedien haben die Assange angedichtete Vergewaltigungsgeschichte fleißig weitererzählt und trotz aller Ungereimtheiten nie in Frage zu stellen versucht.“ Könnten sich die Herren nicht wenigstens auf eine Kondom-Legende einigen?

Cohen schließt: „Activists, who claim they are the enemies of patriarchy, dismiss allegations of sexual abuse as a CIA conspiracy. Comfortable and ignorant men and women, who claim to be on the side of the ‘resistance’ in its struggles against hegemonic power, grass up real resisters against authentic dictatorship. In 1964, Hofstadter noted the tendency for the paranoid to emulate the enemy they claim to oppose. His words read as well today: ‘It is hard to resist the conclusion that this enemy is on many counts the projection of the self; both the ideal and the unacceptable aspects of the self are attributed to him.’”

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Golem-AnzeigeRM16

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …