Jungle World - shop
Kürzliche Beiträge
17. Oktober 2016, 13.39 Uhr:

Den Volksempfänger voll aufgedreht

von Jörn Schulz

Gastbeitrag von Arne Zillmer

Aktuell hagelt es reichlich Kritik für den Berliner Radiosender Kiss FM, denn im Rahmen der Talk-Show „Facetalk“ wurde ausgerechnet der Neonazi Makss Damage eingeladen und zum Thema „Deutschland“ befragt. Bei der Show, die immer sonntags um 21 Uhr auch auf Delta Radio und Radio Energy Sachsen über den Äther geht, diskutieren die beiden Moderatoren verschiedene Themen mit Anrufern und Gästen, darunter dieses Mal neben dem Imam Ali Özgür Özdil und dem jüdischen Schriftsteller Shahak Shapira eben „Nazi-Rapper“ Makss Damage. Der Aufschrei im Netz über dessen Einladung ist groß, die Initiative „Kein Bock auf Nazis“ beschuldigt die Verantwortlichen, „Werbung für Neonazis“ zu machen, andere User kritisieren die journalistischen Fertigkeiten der Moderatoren im Umgang mit dem rechtsextremen Musiker, der mit bürgerlichem Namen Julian Fritsch heißt.

Fritsch war einst in Teilen der anti-imperialistischen Linken aktiv, bezeichnete sich selbst als „Stalinist“ und erlangte damals zweifelhaften Ruhm für seinen Song „Antideutsche Hurensöhne“, welcher vor Männlichkeitswahn und Verherrlichung von sexualisierter Gewalt nur so strotzte. In der aktuellen medialen Berichterstattung und allgemeinen Empörung geht derweil völlig unter, dass auch die nun überall zitierte Textzeile über das „lyrisch in jüdische Siedlungen“ geleitete Giftgas aus der Zeit stammt, als sich der Rapper noch als „links“ verstand. Mittlerweile ist Fritsch ideologisch seinem politischen Vorbild Horst Mahler gefolgt und nun bekennender Neonazi. In seinen aktuellen Texten fantasiert der Rapper beispielsweise über Mord an linken Aktivisten und beklagt „das Verschwinden der Deutschen“.
In einer Gegendarstellung des Senders Kiss FM heißt es jetzt, das Team sehe es „als Pflicht an“, derartige „harte und emotional aufreibende Themen“ nicht zu ignorieren, sondern „anzupacken“. Tatsächlich geschieht jedoch genau das nicht, das Moderatoren-Duo stellt kaum kritische Nachfragen, agiert geradezu zurückhaltend, attestiert Fritsch sogar noch zwischenzeitlich eine „tolerante“ Haltung, da dieser generell „mit jedem“ spräche. So kann der rechtsextreme Musiker nahezu ungefiltert seine Ansichten zu armen „unterdrückten Deutschen“ wiedergeben und über die „europäische, die schwarze und die gelbe Rasse“ sinnieren. Auch wenn es die Moderatoren über fast 30 Minuten versäumen, Fritsch aus dem Konzept zu bringen, hätte eigentlich Schriftsteller Shapira die Möglichkeit dazu bekommen müssen, denn ihm war im Vorfeld durch die Redaktion zugesagt worden, dass er zugeschaltet wird und dem rechtsextremen Musiker seine Fragen stellen dürfe, wie Shapira auf „Vice“ berichtet. Fritsch jedoch beendete schon vorher das Interview und schlug das Angebot, mit einem angeblich willkürlichen Anrufer zu sprechen, mit der selbst-entlarvenden Begründung aus, das könne „ja jeder sein“. „Der Sender hat mich persönlich kontaktiert und sich entschuldigt. Ich finde ihre bisherige Gegendarstellung nicht ausreichend, da sie dort keinen Fehler einräumen möchten, aber gleichzeitig die Aufnahme von der Sendung runtergenommen haben. Da muss also ein bisschen mehr von Kiss FM kommen - wird es hoffentlich auch“, sagte Shapira der Jungle World.

Zumindest in einem Punkt dürfte das Weltbild des Rechtsextremen auch ohne kritische Nachfragen etwas ins Wanken geraten sein: Obwohl der Neonazi sich zu Beginn des Interviews über „schlechte Erfahrungen“ mit Medien beschwert, wird ihm das Interview bei Kiss FM dank der Moderatoren und Redaktion sicher in positiver Erinnerung bleiben.

5. Oktober 2016, 12.19 Uhr:

Queers for Israel

von Jungle World

Am vergangenen Wochenende fand in Berlin die Tagung »Queers and feminists against antisemitism« statt, die sich gegen Antisemitismus in der queer-feministischen Szene richtete.

Ein Bericht von Dierk Saathoff

Allein in diesem Jahr gab es in Berlin antiisraelische und antisemitische Vorfälle auf Queer-Veranstaltungen: beim CSD, dem Transgenialen X*CSD, dem lesbisch-schwulen Stadtfest und der Israeli Queer Movie Night.

Welche sind die Gründe für Israelhass in Teilen der queeren Szene und wie kann man dagegen vorgehen? Darüber wurde am vergangenen Wochenende in der Werkstatt der Kulturen in Berlin diskutiert. Dass man Antisemitismus nicht nur in dieser Szene, sondern seit Jahren in der gesamten deutschen Linken verstärkt wahrnehmen kann, machten die Veranstalter_innen im Anfangsstatement klar. Ihnen ging es auch darum, sich Angstklima und Spaltungstendenzen entgegen zu stellen. Der Zusammenhalt in der Linken solle gestärkt werden.

Zu den ganztägig laufenden Veranstaltungen am vergangenen Sonntag kamen rund 60 Teilnehmer_innen. Die Tagung fand informell statt. Die Organisator_innen hatten in ihren intern verschickten Ankündigungen explizit darum gebeten, die Tagung nicht öffentlich zu bewerben, weitere Einladungen wurden nur nach Vorschlag verschickt. Dieses Vorgehen, so vermutete eine Referentin, entspringe nicht aus blinder Paranoia, sondern es gäbe eine reale Gefahr, dass Anti-Israel-Aktivist_innen die Veranstaltung stören. Diese blieben aber aus, die Tagung verlief ruhig.

Das Erstarken antisemitischen Denkens in queeren Kreisen nicht nur in Deutschland lässt sich auf die Popularisierung von zwei Begriffen zurückführen: Homonationalismus und Pinkwashing. Der erste wurde benutzt von Judith Butler, als sie 2010 den Zivilcouragepreis des Berliner CSD ablehnte. Der zweite wurde mitgeprägt von der US-amerikanischen Professorin für Gender Studies, Jasbir Puar, die im selben Jahr auf der Konferenz »Fundamentalism and Gender« an der Humboldt-Universität in Berlin einen Vortrag mit dem Titel »Beware Israeli Pinkwashing« hielt. „Homonationalismus“ bedeute, so eine Referentin auf der Tagung, eine biopolitische Struktur, in der Schwule in einen nationalen Diskurs eingemeindet werden, um Muslime aufgrund ihrer vermeintlichen Homophobie auszuschließen. „Pinkwashing“ wiederum sei ein konkretes Beispiel für jene Struktur, nämlich eine Imagekampagne eines Staates über deren liberalen Umgang mit LGBTIQ. Der Begriff wird jedoch fast ausschließlich auf Israel angewendet. Im dieses Thema behandelnden Workshop wurde herausgearbeitet, dass die scheinbar logische Verknüpfung zwischen den Imagekampagnen Israels und der Politik gegenüber Palästinenser_innen konstruiert sei. Butler und Puar sind Unterstützerinnen der BDS-Kampagne (Boycott, Divestment and Sanctions), die einen umfassenden ökonomischen und kulturellen Boykott Israels fordert. Der deutsche Ableger bezeichnet dieses Handeln sogar als eine Schlussfolgerung aus der deutschen Geschichte. Es sei zu beobachten, so hieß es auf der Tagung, dass BDS Deutschland und ihre Verbündeten sich immer stärker nicht nur in linke Bündnisse drängen, sondern auch im akademischen Kontext an Einfluss gewinnen, zum Beispiel durch Sitze in studentischen Gremien. Allerdings sei die Situation im Vergleich zu den USA besser, da es dort kaum eine große Universität ohne BDS-Gruppe gibt. Viele Teilnehmer_innen wussten aus eigenen Erfahrungen mit BDS-Aktivist_innen in diesen Zusammenhängen negativ zu berichten.

Ein besonderes Augenmerk lag auf dem Konzept Critical Whiteness. In den neunziger Jahren schien es in der linksradikalen Szene eine höhere Sensibilität für Antisemitismus zu geben, doch diese scheint durch das Engagement gegen Rassismus geradezu verdrängt worden zu sein. Wie konnte es dazu kommen, dass aus einer sich selbst als antirassistisch verstehenden Szene heraus sich eine antiisraelische Haltung entwickelte?

Die vermeintliche Aporie Antisemitismus versus Rassismus sei, so ein Referent, auch in antideutschen Zusammenhängen verfestigt worden. In den vergangenen Jahren hätten sich innerhalb der Linken zwei Fronten gebildet, auf der einen Seite stehe der Antisemitismus, auf der anderen der Rassismus im Mittelpunkt der Kritik.

Viel intensiver ging es um den konkreten Vorwurf des Pinkwashing gegen Israel, die laut einer Referentin und mehreren Teilnehmer_innen auch gegen jeden anderen Staat theoretisch vorzubringen sei. Dies bezieht sich zwar auf das singling out Israels, jedoch nicht auf das ideologische, wahnhafte Interesse von Antizionist_innen, die sich so vehement auf den Staat Israel konzentrieren. Diese Vehemenz kann aber in der Auseinandersetzung mit Vertreter_innen von Critical Whiteness gar nicht thematisiert werden, da die Debatte rein auf der Diskursebene geführt wird. Demnach gilt eben jede_r als Rassist_in, die eine Kritik an kulturalistischem Antirassismus, also auch an ihrem Antizionismus übt, da man damit einen rassistischen Diskurs bedienen würde.

In einem Vortrag über den queeren Aktivismus in Berlin wurde deutlich gemacht: Critical Whiteness sei keine kritische Praxis, sondern ein Instrument zur Machtausübung und Machterhaltung durch autoritäre Sprechverbote in der linken Szene. Deutlich wurde in der Diskussion nach dem Vortrag, dass viele der Teilnehmer_innen Ansätze von Critical Whiteness für gerechtfertigt halten und einer generellen Ablehnung kritisch gegenüber stehen. Dass aber Jüdinnen und Juden gerade auch in intersektionalen Theorien oft nicht als eine diskriminierte Gruppe auftauchen, wurde kritisiert.

Nicht zuletzt als Vernetzungstreffen war die Tagung wichtig. Viele Teilnehmer_innen berichteten von ihren erbitterten Auseinandersetzungen mit Antisemit_innen in der queeren Szene und lobten den offenen, angstfreien Raum, den das Organisationsteam erfolgreich umgesetzt hatte. Auch die Planung von Aktionen gegen Antisemitismus wurde überlegt. Gefehlt hat trotzdem eine spezifische Auseinandersetzung mit islamistischem Antisemitismus und Antizionismus, die bei Critical Whiteness und in den Postcolonial Studies regelmäßig verharmlost werden. Außerdem muss es darum gehen, die neuen Codes des Antisemitismus zu knacken, die sich eben oft als queerfeministisch und antirassistisch tarnen. Das Sammeln von guten Argumenten gegen Antisemitismus kann nicht ausreichend sein. Es ist notwendig, den ideologischen Kern des Antisemitismus in den Blick zu bekommen: seinen antizivilisatorischen Aspekt und seine wahnhafte Projektionsleistung. Rassismus gegen Antisemitismus auszuspielen kann nicht die Lösung sein.

Zu den Vorzügen frühherbstlicher Jungle-Reisen gehört es, am 3. Oktober nicht in Deutschland zu sein. Stattdessen kann man sich mit angenehmeren Dingen befassen und sich zum Beispiel ein beeindruckendes Gebäude anschauen, das für „eine optimistische Vision der Zukunft einer neuen, modernen und hyper-technologischen Welt, die es den Menschen ermöglichen sollte, besser zu leben“ steht.

Klar, das ist etwas naiv, von wegen Produktionsverhältnisse, Klassengesellschaft und so, aber wir wollen jetzt nicht kleinlich sein. Das Atomium, errichtet zur Expo 58, ist wirklich sehenswert. Ursprünglich sollte ein mehr als 600 Meter hoher Turm errichtet werden, zum Glück hat man sich dann nicht auf das „wer hat den längsten?“-Spiel eingelassen und stattdessen etwas Einmaliges, nämlich „die kubisch-raumzentrierte Elementarzelle einer Eisen-Kristallstruktur in 165-milliardenfacher Vergrößerung“ gebaut (leider ist der Kollege, der mir genau erklären könnte, was das ist, nicht hier).

Es ist bedauerlich, dass sich das architektonische Prinzip nicht durchgesetzt hat. Man könnte zum Beispiel im Natriumchlorid-Kristallgitter (Kochsalz) leben, jede Kugel wäre dreistöckig mit variablen Wänden und könnte oben geöffnet werden, so dass das Obergeschoss zur Dachterrasse wird; in den größeren Strukturen wären die öffentlichen Einrichtungen untergebracht und auf der Fläche rechts oben eine coole Bar, die im Winter und bei schlechtem Wetter mit Plexiglas verschlossen wird. Man muss natürlich der Chemie nicht sklavisch folgen, die Konstruktion könnte überdies beweglich sein, so dass Sie mit ihrer Kugel (deren Farbe variabel wäre) mal die Aussicht auf 100 Meter Höhe genießen, mal auf die Bäume schauen, aus dem Fenster greifen und einen Apfel pflücken könnten. Ja, ja, ein paar Koordinationsprobleme mit den Nachbarn könnten aufkommen, das muss ich zugeben. Und zu teuer wär’s wohl auch, womit wir wieder bei Produktionsverhältnissen und Klassengesellschaft gelandet sind.

Zurück zum Atomium. Die Aussicht auf knapp 100 Meter Höhe ist großartig, aber auch die Ausstellung inklusive psychedelischer Rolltreppenfahrten ist interessant. Über die Hostessen, deren Beschäftigung damals für moderne Frauenpolitik gehalten wurde, können Sie hier etwas lesen. Damals, 1958, haben sich die Leute von der Zukunft noch etwas erwartet. Aufbruchstimmung, auch in der UdSSR, wo man hoffte, die „Entstalinisierung“ würde weiter gehen, als sie es dann tat. Den in den Weltraum ragenden sowjetischen Proletarier, den es in der Ausstellung zu sehen gibt (was sich die British Electrical and Allied Industry bei diesem die Welt bedrohenden Riesenroboter gedacht, ist auch wieder ein interessantes Rätsel), habe ich im Internet leider nicht gefunden, hüsch aber auch diese recht farbenfrohe Präsentation.

Versteht man unter Globalisierung nicht den Abschluss abstruser Handelsabkommen, kann diese Zeit eigentlich eher als Epoche internationalistischer Initiativen gelten. Vieles war natürlich verlogen, wie Eisenhowers „Atoms for Peace“-Initiative oder „Visit the U.S.S.R.“, aber dies war unter anderem die Epoche des Aufbaus europäischer Institutionen und der Entkolonialisierung, des Rock ’n’ Roll und damit der musikalischen Globalisierung, allgemein interessierte man sich für Menschen in anderen Ländern. Zum Anlass einer Expo war man bereit, mit erheblichen Aufwand etwas Schönes, aber völlig Nutzloses zu errichten (dass das Atomium später viel Geld einspielen würde, hat man nicht geahnt, eigentlich sollte es nach der Expo abgerissen werden). Die Mondlandung war etwa ein Jahrzehnt später ein vergleichbares Unternehmen in ungleich größerem Maßstab.

Auch im technologischen Bereich fehlt dem Kapitalismus die Konkurrenz der Sowjetunion. Warum die Stalinisten alles verpatzt haben und wie die frühsozialistischen Fehlschläge überwunden werden können, wird die Jungle World anlässlich des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution im kommenden Jahr erkunden, da müssen Sie sich also noch etwas gedulden. Heute sind für Utopien, wenn man deren Ziele denn so nennen will, allenfalls noch ein paar Oligarchen im Silicon Valley zuständig. Was und wie man baut, was man erforscht und was nicht ist ja eine politische und gesellschaftliche Frage. Wir könnten längst auf dem Jupitermond Europa Schlittschuh laufen und unseren Energiebedarf mit Kernfusion decken. Und demokratische Institutionen entwickelt haben, die jenseits ökonomischer Interessen, naiver Technologiegläubigkeit und paranoiden Misstrauens gegen Neuerungen rationale Entscheidungen treffen. Und hin und wieder auch die irrationale Entscheidung, etwas völlig Nutzloses, aber Schönes zu bauen.

Bonusrätsel: Die meisten Belgier legen großen Wert darauf, dass ihre Hecken exakt geschnitten sind. Nur im Vorgarten des Königspalasts wuchert es. Was will Philippe damit sagen? „Hey, ich leiste mir nicht mal einen Gärtner. Da werdet ihr ja wohl auch den Gürtel enger schnallen können!“ Oder: „Hey, ihr Spießer, werdet mal ein bisschen lockerer!“

Bonussong: Wenn Sie wissen wollen, was man im Jahr 1830 hörte, bevor man das Gewehr schulterte und seine Regierung stürzte, hören Sie mal hier rein.

2. Oktober 2016, 01.47 Uhr:

Pommes, Puller und Pralinen: Land unter

von Jörn Schulz

Man sollte meinen, dass in einem so feuchten Land die Vorzüge des Kellers geschätzt werden. Unser Domizil hat leider keinen, so dass während eines kurzen Unwetters aus einer Bodenklappe Wasser quoll. Des Deichbaus kundige Norddeutsche konnten mit Handtuchwällen das Schlimmste verhindern, mussten allerdings den Feudel schwingen. Der Feudel wurde übrigens nicht von Constantin Feudel erfunden (der war Maler), das Saxophon hingegen von Adolphe Sax (Ist es nicht immer wieder beeindruckend, wie Journalisten elegant von einem Thema zum anderen überleiten?), der Belgier war. Auf die Spuren des Adolphe Sax begab sich ein Redakteur in dessen Geburtsstadt Dinant, einen beschaulichen Ort, der, obwohl Sax anderswo lebte und Instrumente erfand, sehr viel auf das Saxophon hält. Um sein Instrument unter die Leute zu bringen, musste Sax hart kämpfen, aber darüber erfahren Sie am 13. Oktober mehr. Er hat übrigens noch mehr Instrumente erfunden, die sich nicht durchsetzten, was zumindest im Fall der etwas unhandlichen Saxtuba verständlich ist.

Aber natürlich gibt es noch bizarrere Musikinstrumente (Haben Sie’s gemerkt? Wieder eine gekonnte Überleitung!), zum Beispiel bei Hieronymus Bosch. Der war kein Belgier – das Land gab es damals ohnehin noch nicht –, aber nationalistische Kleingeistigkeit spielte (im Gegensatz zu anderen Formen der Kleingestigkeit) in seiner Epoche auch keine Rolle in der Kunst. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung schon, wenngleich schwer zu ermessen ist, wie man vom selbstbewussten Kaufherren, der irgendwann gar auf die unerhörte Idee kam, sich ein Kunstwerk zu leisten, zu den Phantasien Boschs kommt. Die etwas behäbige spätere holländische Malerei, die das Bürgertum in seiner ganzen Pracht zeigt, hat ja einen völlig anderen Stil. Bosch war wahrscheinlich (über sein Leben ist fast nichts bekannt) religiös konservativ und somit kritisch gegenüber dem aufkommenden Luxus, hatte vielleicht etwas von der strengen und asketischen Art Savonarolas, aber auch etwas vom (damaligen) Humanismus. Was er nachts geträumt hat, möchte man gar nicht wissen.

Reizvoll ist natürlich auch Stanislaws Lems Version, der zufolge Bosch aus der Zukunft in eine frühere Zeit verbannt wurde, weil er bei der Neuerschaffung des Universums (oder vielmehr bei der eigentlichen Erschaffung des Universums, aber das lesen Sie bitte selbst bei Lem nach, der Ihnen auch verrät, auf welchem Bild Sie die Zeitmaschine sehen können) gepfuscht hat. Aber man muss wohl eher sagen, dass Bosch jenseits seiner Zeit – und wohl jeder Zeit – steht. Umso erstaunlicher, dass er in seiner Zeit recht populär war.

Der „Garten der Lüste“, das Genälde mit den Musikinstrumenten, ist in Brüssel nicht zu sehen, derzeit aber „Die Versuchung des heiligen Antonius“. Ich will jetzt gar nicht erst versuchen, da etwas zu erklären, jedenfalls ist Boschs Version bizarrer, aber auch subtiler und geistreicher als die ein halbes Jahrtausend jüngere Salvador Dalis (Ein Maler für kiffende Teenies, wenn Sie mich fragen. Müssen Sie aber nicht). Das Thema ist übrigens gar nicht so abseitig, wie der hagiographische Background vermuten lassen könnte, sofern man die religiösen Bezüge nicht wörtlich nimmt. Wäre sicherlich interessant, sich eine linke Variante auszudenken, so etwas wie „Die Versuchung des Josef Dschugashwili“, der den Dämonen bekantlich nicht widerstanden hat.

Wie auch immer, zu den Nachfolgern und Bewunderern Boschs gehörte Pieter Bruegel (in Brüssel geboren), dessen Gemälde derzeit hier im Museum zahlreicher zu sehen sind (zum Teil als Leihgaben). „Der Sturz der rebellierenden Engel“ hat seinen eigenen bizarren Stil. Bruegels Szenen aus dem bäuerlichen und städtischen Leben sind bodenständiger, voller Symbole und Anspielungen, aber in gewisser Weise düsterer als die Monstren. Die sind ja, wenngleich in gewisser Weise real für die Menschen dieser Epoche, Wesen aus einer anderen Welt. Aber schauen Sie sich mal die Gesichter der Menschen an – auch wenn sie tanzen und saufen, sieht keiner wirklich fröhlich aus. Man will dem Leben zwanghaft etwas abgewinnen, aber es klappt nicht so recht. Sehr hübsch auch die Symbolik in (wir gehen jetzt mal davon aus, das Gemälde ist von ihm) „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“, in dem Ikarus unten rechts absäuft, ohne dass es jemanden sonderlich kümmert.

Womit wir den Kreis geschlossen hätten, noch so ein journalisischer Kniff. Wir begannen mit Wasser, wo man es gerade nicht haben will, und schließen mit Ikarus, der es auch da hat, wo er es nicht haben will, nämlich in der Lunge. Da hilft dann auch kein Feudel mehr und kein Saxophon.

Bonusinformation: In Molenbeek gibt es sehr viele Schuhläden. Dies stärkt die These, dass es ein Problem mit dem Schuhklau vor der Moschee geben könnte (siehe gestrigen Eintrag).

1. Oktober 2016, 02.08 Uhr:

Pommes, Puller und Pralinen: Mussels in Brussels

von Jörn Schulz

Sie, liebe Abonnentinnen und Abonnenten, wissen ja, dass wir uns hier in Belgien nicht einfach auf Ihre Kosten eine schöne Zeit machen. Vielmehr schwärmen wir hier für diverse Recherchen aus, bei denen wir zwar viele neue Erkentnisse gewinnen, aber auch auf neue Fragen stoßen. Die Mutigsten waren heute in Molenbeek, Jihadisten gucken. Hohe Verschleierungsrate – keine Überraschung. Aber warum gehen so viele Männer mit Schlappen in die Moschee? Handelt es sich hier um das Pendant zum Berliner, der in Jogginghose und Unterhemd sein Bier einkauft? Das wäre eigentlich eine unverzeihliche Lässigkeit bei der Erfüllung religiöser Pflichten. Oder ist, wie etwa in Kairo, der Schuhklau vor der Moschee ein so verbreitetes Phänomen, dass es ratsam ist, die billigste Fußbekleidung zu wählen, wenn keine Wächter auf die Schuhe achten?

Eine andere Gruppe begab sich nach Brügge (nur am Rande sei die Frage erwähnt, warum hier und in zahlreichen anderen Ländern die Bahn pünktlich fährt, während die Deutsche Bahn diese Aufgabe nicht bewältigen kann), wo es seit dem Ende des Mittelalters eher friedlich zugegangen ist. Die Stadt, die im 14. Jahrhundert wahrscheinlich mehr Einwohner zählte als heute, war aus Arbeitersicht so etwas wie das Bangladesh des Spätmittelalters und beherbergte eine sehr bedeutende Textilindustrie (die Kaufherren und Verleger waren allerdings keine Subunternehmer, sondern global players des Frühkapitalismus). Dementsprechend hart waren die Klassenkämpfe. Die Weber haben verloren, die Kaufherren aber letztlich auch, mittlerweile ist die Stadt ein Freilichtmuseum, in dem man auch leckere Muscheln mit Fritten serviert bekommt (aber Mussels in Bruges klingt weniger schön, an dieser Stelle sei auch nochmal erwähnt, dass die Fritten hier wirklich besser sind).

Während sich Schuh- und Bahnrätsel möglicherweise lösen lassen, ist es mit der kontrafaktischen Geschichte schwieriger. Was fehlte dem spätmittelalterlichen Bürgertum, hoch entwickelt vor allem in Flandern und den italienischen Städten, in vielen Schlachten siegreich gegen den Adel, zum Durchbruch? Nur die passende Energiequelle zur Mechanisierung der Arbeit? Kolonien als Markt und Rohstoffquelle? Die belgische Kolonialpolitik war ja auch im internationalen Vergleich von immenser Brutalität, aber nicht unbedingt eine ökonomische Erfolgsgeschichte für Belgien; Leopold II. war wohl so etwas wie der Donald Trump seiner Epoche. Belgien entstand durch eine etwas theatralische Revolution, und weil es in der Zeit nach dem Wiener Kongress nicht ohne König ging, setzte man einen eher zweitrangigen Adligen auf den Thron, dessen Sohn dann glaubte, ein Reich regieren zu müssen, dass mehr als 70mal größer war als sein Belgien. Ein für die Kongolesen tödlicher Größenwahn, und ich habe den Eindruck, dass die Stimmung, die sich in der zweiten Hälfte des19. Jahrhunderts in der belgischen Oberschicht verbreitet haben muss, ihren architektonischen Ausdruck im Brüsseler Justizpalast findet, einem pompösen, den Betrachter erschlagenden und dem Größenwahn huldigenden, ohne jeden Sinn für Schönheit und Proportion errichteten Gebäude. Sozusagen der Trump Tower dieser Epoche.

30. September 2016, 12.22 Uhr:

"Blasphemieverbote sind politisch"

von Jungle World

Wir haben mit Michael De Dora gesprochen, Leiter der Kommunikation beim Center for Inquiry’s, das den International Blasphemy Rights Day ins Leben gerufen hat.

 

Warum haben Sie den Internationalen Blasphemietag ins Leben gerufen?

Den Internationalen Tag für das Recht auf Blasphemie gibt es seit 2009 und er erinnert an den 30. September 2005, als die dänische Zeitung Jyllands-Posten die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, die weltweit gewaltsame Proteste auslösten. Gläubige Muslime gingen auf die Straßen, res gab viele Tote. Ziel dieses Gendenktages ist es, Solidarität mit den Opfern von Blasphemieverboten weltweit zu zeigen, und das Recht auf Meinungsfreiheit zu stärken, dazu gehört auch das Recht, die Religion zu beleidigen, ohne Repression und Verfolgung fürchten zu müssen.

 

Sollen an diesem Tag Götter und Religionen beleidigt werden?

Manche Leute nutzen diesen Tag als eine Gelegenheit, sich über die verschiedenen Konzepte von Gott lustig zu machen, aber in erster Linie geht es darum, das Recht auf Kritik und Dissens zu verteidigen und zu stärken. Wenn wir über Blasphemie reden, reden wir nicht nur über Atheisten, die sich über Gott und Religion lustig machen, was natürlich ihr Recht ist. Blasphemieverbote treffen aber nicht nur Atheisten, sondern auch durchaus gläubige Menschen, die versuchen, religiöse Praktiken und Traditionen zu hinterfragen und sich für Reformen einsetzen.

 

Spielen Blasphemieverbote weltweit heute eine größere Rolle als in der Vergangenheit, was sind Ihre Beobachtungen?

Studien des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center zufolge zeigen, dass staatliche Einschränkungen der Religions- und Meinungsfreiheit – unter anderem, aber nicht nur durch Blasphemieverbote – in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben sind. Gestiegen sind aber die religiösen Spannungen innerhalb der Gesellschaften. Auch wenn die Gesetze, die Blasphemie verbieten, sich kaum geändert haben, herrscht in vielen Ländern ein gesellschaftliches Klima, das dazu führen kann, dass Menschen aufgrund eines Blasphemievorwurfes getötet werden. In manchen Ländern spielt das Thema Blasphemie eine wichtigere Rolle als in anderen, und es ist bekannt, dass viele Staaten die Gotteslästerung kriminalisieren und die Rechte religiöser sowie nichtreligiöser Minderheiten eingeschränken. Bedenklicher ist aber, dass es immer mehr Länder gibt, in denen Pseudo-Blasphemieverbote eingeführt werden, etwa das „Anstiften von religiösem Hass“. Diese Sprache wird auch in Resolutionen den Vereinten Nationen verwendet, wodurch bestimmte Begriffe säkularer klingen mögen, aber in vielen Staaten werden solche Gesetze einfach dafür benutzt, um Blasphemie durch andere, „softere“, Mittel zu verfolgen.

 

Welche politische Funktion haben Blasphemieverbote?

Blasphemieverbote sind in erster Linie politisch. Viele Regierungen nutzen sie als eine Form der sozialen und gesellschaftlichen Kontrolle, um Kritik an ihren politischen Entscheidungen tot zu machen. Der Vorwurf der Blasphemie spielt auch gesellschaftlich eine Rolle, etwa wenn er benutzt wird, um persönliche oder familiäre Konflikte zu regeln.

 

Interview: Julia Hoffmann

28. September 2016, 00.06 Uhr:

Pommes, Puller und Pralinen: Lifestyle Superpower

von Jörn Schulz

Wie Sie vermutlich bereits wissen, entsteht unsere Auslandsausgabe dieses Jahr in Brüssel. Wie Sie vermutlich auch wissen, logiert hier eine Institution namens EU, die diverse europäische Staaten vertreten und zusammenführen soll, obwohl das Gastgeberland Belgien Probleme hat, seine Existenz zu rechtfertigen und viele Belgier der Ansicht sind, man solle zwei Länder draus machen, mindestens, und einige würden hier gerne einen ganz anderen Vereinigungsprozess in Gang setzen und dienen sich einem unrasierten Möchtegern-Kalifen an. Die EU kann da nichts dafür, ob die Belgier was dafür können, werden wir vielleicht herausfinden.

Das erste, was man hier tut, ist natürlich Pommes essen. Nicht irgendwo, sondern dort, wo auch Angela Merkel ihre Pommes ist. Guter Tipp der Kanzlerin übrigens. Danke, Merkel. Und selbstverständlich haben wir dann die EU-Kommission besucht, diverse Vorträge gehört, an einer Pressekonferenz teilgenommen und ein bisschen debattiert. Ist natürlich nur eine kurzer Einblick, aber es wird recht schnell klar, dass die berühmt-berüchtigte Bürokratie so etwas wie eine “internationale Gemeinschaft” von Menschen aus diversen Ländern ist, die ein sense of mission vereint und die derzeit, nun ja, offenbar ein wenig beunruhigt sind und sich fragen, wie das alles wohl weitergehen wird. Und tatsächlich hat die EU ja Bedingungen geschaffen, in denen das Leben in anderen Ländern nicht mehr ein Privileg der Oberschicht oder eine existentielle Entscheidung für “Gastarbeiter” ist. Nicht für alle, aber für weitaus mehr Menschen als jemals zuvor. Das (und vieles andere) steht nun auf der Kippe.

Erwartungsgemäß hat man uns hier natürlich nicht alle Geheimnisse und Zukunftspläne verraten. Letztere scheint es immerhin zu geben, wobei unklar bleibt, ob die EU die Grundwidersprüche, etwa den zwischen nationalstaatlicher Konkurrenz und gemeinsamer Wirtschaftspolitik, lösen kann. Im Vordergrund stehen wohl auch akutere Probleme wie die Gefahr, dass die Ahndung dubioser Geschäfte der Deutschen Bank durch US-Behörden im Verbund mit der italienischen Bankenkrise - nun, “We’re not in the if-business", hieß es bei der Pressekonferenz. Auch auf Spekulationen über die Folgen des Referendums in Ungarn will man sich nicht einlassen. Sehr hübsch aber die Formulierung, dass die EU trotz aller Probleme (und mangels besserer Angebote) eine “lifestyle superpower” sei. In Sachen Kaffeequalität und Raucherecken in EU-Gebäuden gibt es allerdings noch ein wenig Luft nach oben.

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …