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Kürzliche Beiträge
8. November 2016, 18.53 Uhr:

"When everything was on the line"

von Jörn Schulz

“When your kids and your grandkids ask you in the future what you did in 2016, when everything was on the line, you’ll be able to say you voted for a stronger, fairer, better America where we build bridges, not walls”, sagte Hillary Clinton bei ihrer letzten Wahlkampfrede. Pathetisch? Gewiss, aber es ist berechtigtes Pathos, denn dies ist zumindest die wichtigste Wahl seit 1932 (und Hoover war kein rechtextremer Psychopath). Das diffuse Gefühl, dies sei ein Tag, mit dem vielleicht das Ende der Demokratie oder das Ende der Zivilisation beginnen könnte oder doch eine Zeit, in der es jedem, der sich nicht rechtzeitig auf die Seite des rechten Mobs schlägt, ergehen könnte wie diesem Iguana, haben viele US-Amerikaner: „I remember her (seine Mutter) telling me that she has a memory of walking home during the Cuban Missile Crisis knowing that a nuclear war could begin at any moment.“

Wenn Österreich an die extreme Rechte fällt, bleibt der Schaden überschaubar. Aber: This is America. Es geht nun weniger darum, dass Trump umgehend den roten Knopf (den es ohnehin nicht gibt) drücken könnte. Aber dass sein Sieg Rechtspopulisten und Rechtsextremisten (indirekt auch die feindlichen Brüder, die Islamisten) stärken würde, steht außer Frage. Die wohl größte akute Gefahr ist, dass er umgehend einen Handelskrieg mit China beginnt, dessen Folgen unkalkulierbar wären, weil die chinesische Regierung zwar in erster Linie am Geschäft interessiert ist, Autokraten aber nie Schwäche zeigen dürfen, es also Gegenmaßnahmen und nationalistische Rhetorik geben wird. Dann eine irrationale Reaktion des Marktes, vielleicht eine Konvergenz mit der Euro-Krise…

Eine gewisse Sehnsucht nach der Apokalypse ist auch in der Linken spürbar, wo es ja bei einigen eine gewisse Überschneidung mit dem Trumpismus gibt. Aber: „The hatred of Clinton from the testosterone left is a dangerous, self-defeating omission from those who insist theirs is a project of fairness.“ Und: „It’s important not to mistake her pragmatism for a lack of ambition or vision. Clinton’s agenda is plenty ambitious. It’s a serious attempt to adapt a comprehensive welfare state to the demands of American politics, to overcome the particular flaws of America’s political system to create a cradle-to-grave safety net.“

So, mehr kann ich jetzt auch nicht tun. Kinder habe ich ja nicht, aber ich bin nicht mehr so flink wie ein junger Iguana.

4. November 2016, 17.12 Uhr:

Warum Erdogan kein Diktator ist

von Thomas von der Osten-Sacken

Kommentar von David Kirsch

Unzählige Abgeordnete der oppositionellen Halklarin Demokratik Partisi (HDP) wurden, einer nach dem anderen, letzte Nacht verhaftet. Unter ihnen die beiden Co-Vorsitzenden der Partei Figen Yüksekdag und Selahattin Demirtas sowie Ziya Pir, Leyla Birlik, Ferhat Encü, Selma Irmak, Nursel Aydogan, Sirri Süreyya, Gülseren Yildirim, Mithat Sancar und Idris Baluken.

Das macht Erdogan allerdings noch nicht zu einem “Diktator” und die Türkei zu einer “Diktatur". Die momentane Verhaftungswelle ist autoritär, sie ist faschistoid, aber eben nicht zwingend diktatorisch. Vielmehr kann Recep Tayyip Erdogan auf die Legitimation des Mobs - das anti-kurdische und anti-linke Brüllvieh - hoffen, welches ihm auf der Straße Rückhalt gegen all jene gebietet, die sich länger schon im Visier des autoritären Staates befinden: Kurden, Ungläubige, Homosexuelle, Freunde des Rechtsstaats.
Die Unterstützung für Erdogan ergibt sich aus dem Zusammenschluss des Nationalismus mit dem Islamismus; der Verquickung zweier Elemente, die es zwar bereits vor Erdogans Siegeszug gab, jedoch erst durch seine Person zu einer Einheit verschmelzen konnten.

“Wir haben Demokratie neu definiert und der Welt gezeigt, wie Muslime Politik machen.”
Mit diesen Worten wurde Erdogan von der türkischen staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu letzte Nacht zitiert.

ERDOGAN ALLEINE IST NICHT DAS PROBLEM

Die völkische MHP und ihr Oberster, Devlet Bahceli, traf sich erst gestern mit Erdogan und sicherte ihm seine Zustimmung zur Verfassungsänderung zu. Unter einer Voraussetzung: Dass die Todesstrafe auch PKK-Boss Apo Öcalan betreffen würde. Für die MHP würde das einen großen Erfolg bedeuten, für den Südosten der Türkei die endgültige Eskalation eines Bürgerkrieges.

Es scheint sich dieser Tage eine Art faschistische Staatsfront gegen die parlamentarische Repräsentation der HDP zusammenzuschließen, welche sowohl Grauen, als auch Grünen Wölfen widerspricht. Zur Erinnerung: Auch die sozialdemokratische CHP hat der Aufhebung der Immunität der HDP-Abgeordneten zugestimmt. Auch ihnen ist eine linke Kraft, welche der Verdrängung der Gräueltaten unter dem Banner des Kemalismus Einhalt gebieten möchte, alles andere als geheuer.

WER IST DIESE EUROPA?

Die Europäische Union hat sich innerhalb der letzten 8 Jahren ins politische Abseits manövriert. Es hat dem Grauen in Syrien, im Irak, in der Türkei, ja überall, handlungsscheu zugesehen und niemals auch nur einen Funken an interessiertem Engagement aufblitzen lassen. Man hat alle Despoten und Autoritäten machen lassen und steht nun vor der absoluten Bedeutungslosigkeit seiner selbst. Ob die EU-Beitrittsgespräche mit Erdogan nun abbrechen, interessiert die türkischen Entscheidungsträger heute kaum noch wirklich. Erst gestern drohte Erdogan den Flüchtlingsdeal platzen zu lassen - noch innerhalb dieses Jahres. Europa? Planlos wie immer. Es hat den Iran den Kampf gegen den Terror und der Türkei den Schutz der europäischen Außengrenzen überlassen.

Vielleicht wäre jetzt der Zeitpunkt, um sich zu fragen, ob diese gemütliche Äquidistanz gegenüber einem implodierenden Nahen Osten, irre gewordenen Verhältnissen und überfüllten Flüchtlingsbooten wirklich die Art und Weise ist, wie man komplexen Problemen am angemessensten begegnet.

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

3. November 2016, 13.36 Uhr:

Liberale sind die neuen Extremisten

von Jungle World

Gastbeitrag von Marcus Latton

Als Rechtshilfeverein für Opfer rassistischer Gewalt sowie als Rechercheverbund über rechtsextreme und neonazistische Vereinigungen in den USA hat sich das Southern Poverty Law Center (SPLC) mit Sitz in Montgomery, Alabama, viele Verdienste erworben. Einer der Arbeitsschwerpunkte ist seit Jahren der Kampf gegen sogenannte hate groups, zu denen das SPLC u.a. den Ku-Klux-Klan, die Nation of Islam, diverse christliche Fundamentalisten und die Jewish Defense League zählt.

Die neueste Veröffentlichung der Bürgerrechtsorganisation ist der „Field Guide to Anti-Muslim Extremists“, der sich öffentliche Personen vorknöpft, die aus Sicht des SPLC in einer Reihe mit den hate groups stehen. Schon die Auswahl der Personen ist einigen Fällen zweifelhaft - und in anderen rufschädigend. Haarsträubend sind jedoch die Begründungen des SPLC, in denen zwischen Religionskritik und tatsächlicher Bigotterie gegen Muslime bzw. Rassismus gegen Einwanderer aus islamisch geprägten Ländern nicht mehr unterschieden wird. Verdammungswürdig ist für die Organisation allein schon die unspektaktuläre Überlegung, ob der Islamismus mit dem Islam in Verbindung stehe.

Die wohl bekannteste Protagonistin auf der Liste dürfte Ayaan Hirsi Ali sein, die als gebürtige Somalierin mittlerweile in den USA lebt, zur Atheistin wurde und gegen die weibliche Genitalverstümmelung kämpft. Von Islamisten wurde sie mehrmals mit dem Tod bedroht. Als Beweis, warum sie als anti-muslimische Extremistin zu gelten habe, schreibt das etwa SPLC:

“In a July 11, 2009, essay for the online World Post, Hirsi Ali criticized President Obama for denouncing “Islamic extremism without once associating Islam with extremism.” She threw cold water on the idea of the U.S cooperating with Muslims in order to battle jihadist extremism.”

Noch dreister wurde der britische Publizist und Politiker der Liberal Democrats Maajid Nawaz diffamiert, der sich selbst als liberalen Muslim bezeichnet und die anti-islamistische Quilliam-Stiftung gründete. Als Begründung, warum auch er ein islamophober Hassprediger sei, führt das SPLC ein Zitat der Quilliam-Stiftung (“The ideology of non-violent Islamists is broadly the same as that of violent Islamists; they disagree only on tactics.”), das nicht einmal viele Mainstream-Muslime anzweifeln würden. Seine extremistische Gesinnung stellte Nawaz aus Sicht des SPLC zudem durch eine „blasphemische“ Karikatur zur Schau, in der Mohammed dargestellt werde.

According to a Jan. 24, 2014, report in The Guardian, Nawaz tweeted out a cartoon of Jesus and Muhammad — despite the fact that many Muslims see it as blasphemous to draw Muhammad. He said that he wanted “to carve out a space to be heard without constantly fearing the blasphemy charge.”

Einer der traditionsreichsten linken Institutionen der USA reicht polemische Kritik am Islam und seinen politischen Manifestationen sowie der reaktionär-klerikale Vorwurf der Blasphemie bereits als Beleg für anti-muslimischen Extremismus. Ayaan Hirsi Ali, Maajid Nawaz und der außerdem in der Liste aufgeführte konservative Publizist Daniel Pipes mögen für ihre Einschätzungen im Einzelnen kritikwürdig sein, in eine Reihe mit rechten Verschwörungstheoretikern wie John Guandolo und Pamela Geller gehören sie nicht.

Dass gerade Personen wie Maajid Nawaz von westlichen Linken als Muslimhasser verleumdet werden, könnte sie noch mehr als sonst ins Visier von islamistischen Überzeugungstäter bringen, schreibt Nawaz auf seiner Facebookseite: 1st world American non-Muslims at the Southern Poverty Law Center just listed me - a liberal reform Muslim - as an “anti-Muslim Extremist". I consider this as placing a target on my head. It is nothing but a hit list for jihadist terrorists.

19. Oktober 2016, 20.12 Uhr:

Klaus Behnken ist tot

von Jungle World

 

Das Foto von Klaus Behnken stammt aus dem Film „Der zynische Körper“ von Heinz Emigholz, in dem er mitgespielt hatte. Es gab davon Postkarten, die Klaus wie Visitenkarten verschenkte. Der schlafende Klaus flog eine Weile durch die Redaktion und liegt heute zuhause im Privatarchiv des einen oder anderen Redakteurs. Klaus war ein strenger Chef. “Antiautoritär“ war sein Lieblingswort, unverzichtbar, wenn es darum ging, die Linke zu beschreiben, wie sie nach Meinung von Klaus sein sollte. Klaus selbst beschrieb sich als  „antiautoritär". Politisch traf das auch zu. Als Lektor, Redakteur oder Chef vom Dienst aber war er streng, unnachgiebig, nicht selten diktatorisch. Ein Streit um eine Fußnote konnte eine Redaktionskrise auslösen. “Kann man so oder auch anders machen” gab es für ihn nicht.

Das Foto zeigt seine andere, seine verletzliche, seine zärtliche Seite.

Im „zynischen Körper“ ging es um den Tod eines Lektors. Seine Freunde nehmen den Tod zum Anlass über ihre Arbeit, die Gebrechlichkeit des Körpers und das Unvergängliche der Kultur nachzudenken. Sie kramen ihre Notizbücher hervor und rekonstruieren ihre gemeinsame Geschichte.

Dass Klaus gestern abend gestorben ist, erfuhren wir kurz vor der heutigen Konferenz  Wir wussten seit langem, dass er schwer krank ist. Heute sind wir es, die im Archiv suchen und die Vergangenheit rekonstruieren. Klaus Behnken hat darin eine wichtige Rolle gespielt: Als unser Gründer, Herausgeber, Chefredakteur, Lektor und Autor dieser Zeitung. Und für viele von uns auch als Freund.

Die Redaktion der Jungle World

17. Oktober 2016, 13.39 Uhr:

Den Volksempfänger voll aufgedreht

von Jörn Schulz

Gastbeitrag von Arne Zillmer

Aktuell hagelt es reichlich Kritik für den Berliner Radiosender Kiss FM, denn im Rahmen der Talk-Show „Facetalk“ wurde ausgerechnet der Neonazi Makss Damage eingeladen und zum Thema „Deutschland“ befragt. Bei der Show, die immer sonntags um 21 Uhr auch auf Delta Radio und Radio Energy Sachsen über den Äther geht, diskutieren die beiden Moderatoren verschiedene Themen mit Anrufern und Gästen, darunter dieses Mal neben dem Imam Ali Özgür Özdil und dem jüdischen Schriftsteller Shahak Shapira eben „Nazi-Rapper“ Makss Damage. Der Aufschrei im Netz über dessen Einladung ist groß, die Initiative „Kein Bock auf Nazis“ beschuldigt die Verantwortlichen, „Werbung für Neonazis“ zu machen, andere User kritisieren die journalistischen Fertigkeiten der Moderatoren im Umgang mit dem rechtsextremen Musiker, der mit bürgerlichem Namen Julian Fritsch heißt.

Fritsch war einst in Teilen der anti-imperialistischen Linken aktiv, bezeichnete sich selbst als „Stalinist“ und erlangte damals zweifelhaften Ruhm für seinen Song „Antideutsche Hurensöhne“, welcher vor Männlichkeitswahn und Verherrlichung von sexualisierter Gewalt nur so strotzte. In der aktuellen medialen Berichterstattung und allgemeinen Empörung geht derweil völlig unter, dass auch die nun überall zitierte Textzeile über das „lyrisch in jüdische Siedlungen“ geleitete Giftgas aus der Zeit stammt, als sich der Rapper noch als „links“ verstand. Mittlerweile ist Fritsch ideologisch seinem politischen Vorbild Horst Mahler gefolgt und nun bekennender Neonazi. In seinen aktuellen Texten fantasiert der Rapper beispielsweise über Mord an linken Aktivisten und beklagt „das Verschwinden der Deutschen“.
In einer Gegendarstellung des Senders Kiss FM heißt es jetzt, das Team sehe es „als Pflicht an“, derartige „harte und emotional aufreibende Themen“ nicht zu ignorieren, sondern „anzupacken“. Tatsächlich geschieht jedoch genau das nicht, das Moderatoren-Duo stellt kaum kritische Nachfragen, agiert geradezu zurückhaltend, attestiert Fritsch sogar noch zwischenzeitlich eine „tolerante“ Haltung, da dieser generell „mit jedem“ spräche. So kann der rechtsextreme Musiker nahezu ungefiltert seine Ansichten zu armen „unterdrückten Deutschen“ wiedergeben und über die „europäische, die schwarze und die gelbe Rasse“ sinnieren. Auch wenn es die Moderatoren über fast 30 Minuten versäumen, Fritsch aus dem Konzept zu bringen, hätte eigentlich Schriftsteller Shapira die Möglichkeit dazu bekommen müssen, denn ihm war im Vorfeld durch die Redaktion zugesagt worden, dass er zugeschaltet wird und dem rechtsextremen Musiker seine Fragen stellen dürfe, wie Shapira auf „Vice“ berichtet. Fritsch jedoch beendete schon vorher das Interview und schlug das Angebot, mit einem angeblich willkürlichen Anrufer zu sprechen, mit der selbst-entlarvenden Begründung aus, das könne „ja jeder sein“. „Der Sender hat mich persönlich kontaktiert und sich entschuldigt. Ich finde ihre bisherige Gegendarstellung nicht ausreichend, da sie dort keinen Fehler einräumen möchten, aber gleichzeitig die Aufnahme von der Sendung runtergenommen haben. Da muss also ein bisschen mehr von Kiss FM kommen - wird es hoffentlich auch“, sagte Shapira der Jungle World.

Zumindest in einem Punkt dürfte das Weltbild des Rechtsextremen auch ohne kritische Nachfragen etwas ins Wanken geraten sein: Obwohl der Neonazi sich zu Beginn des Interviews über „schlechte Erfahrungen“ mit Medien beschwert, wird ihm das Interview bei Kiss FM dank der Moderatoren und Redaktion sicher in positiver Erinnerung bleiben.

5. Oktober 2016, 12.19 Uhr:

Queers for Israel

von Jungle World

Am vergangenen Wochenende fand in Berlin die Tagung »Queers and feminists against antisemitism« statt, die sich gegen Antisemitismus in der queer-feministischen Szene richtete.

Ein Bericht von Dierk Saathoff

Allein in diesem Jahr gab es in Berlin antiisraelische und antisemitische Vorfälle auf Queer-Veranstaltungen: beim CSD, dem Transgenialen X*CSD, dem lesbisch-schwulen Stadtfest und der Israeli Queer Movie Night.

Welche sind die Gründe für Israelhass in Teilen der queeren Szene und wie kann man dagegen vorgehen? Darüber wurde am vergangenen Wochenende in der Werkstatt der Kulturen in Berlin diskutiert. Dass man Antisemitismus nicht nur in dieser Szene, sondern seit Jahren in der gesamten deutschen Linken verstärkt wahrnehmen kann, machten die Veranstalter_innen im Anfangsstatement klar. Ihnen ging es auch darum, sich Angstklima und Spaltungstendenzen entgegen zu stellen. Der Zusammenhalt in der Linken solle gestärkt werden.

Zu den ganztägig laufenden Veranstaltungen am vergangenen Sonntag kamen rund 60 Teilnehmer_innen. Die Tagung fand informell statt. Die Organisator_innen hatten in ihren intern verschickten Ankündigungen explizit darum gebeten, die Tagung nicht öffentlich zu bewerben, weitere Einladungen wurden nur nach Vorschlag verschickt. Dieses Vorgehen, so vermutete eine Referentin, entspringe nicht aus blinder Paranoia, sondern es gäbe eine reale Gefahr, dass Anti-Israel-Aktivist_innen die Veranstaltung stören. Diese blieben aber aus, die Tagung verlief ruhig.

Das Erstarken antisemitischen Denkens in queeren Kreisen nicht nur in Deutschland lässt sich auf die Popularisierung von zwei Begriffen zurückführen: Homonationalismus und Pinkwashing. Der erste wurde benutzt von Judith Butler, als sie 2010 den Zivilcouragepreis des Berliner CSD ablehnte. Der zweite wurde mitgeprägt von der US-amerikanischen Professorin für Gender Studies, Jasbir Puar, die im selben Jahr auf der Konferenz »Fundamentalism and Gender« an der Humboldt-Universität in Berlin einen Vortrag mit dem Titel »Beware Israeli Pinkwashing« hielt. „Homonationalismus“ bedeute, so eine Referentin auf der Tagung, eine biopolitische Struktur, in der Schwule in einen nationalen Diskurs eingemeindet werden, um Muslime aufgrund ihrer vermeintlichen Homophobie auszuschließen. „Pinkwashing“ wiederum sei ein konkretes Beispiel für jene Struktur, nämlich eine Imagekampagne eines Staates über deren liberalen Umgang mit LGBTIQ. Der Begriff wird jedoch fast ausschließlich auf Israel angewendet. Im dieses Thema behandelnden Workshop wurde herausgearbeitet, dass die scheinbar logische Verknüpfung zwischen den Imagekampagnen Israels und der Politik gegenüber Palästinenser_innen konstruiert sei. Butler und Puar sind Unterstützerinnen der BDS-Kampagne (Boycott, Divestment and Sanctions), die einen umfassenden ökonomischen und kulturellen Boykott Israels fordert. Der deutsche Ableger bezeichnet dieses Handeln sogar als eine Schlussfolgerung aus der deutschen Geschichte. Es sei zu beobachten, so hieß es auf der Tagung, dass BDS Deutschland und ihre Verbündeten sich immer stärker nicht nur in linke Bündnisse drängen, sondern auch im akademischen Kontext an Einfluss gewinnen, zum Beispiel durch Sitze in studentischen Gremien. Allerdings sei die Situation im Vergleich zu den USA besser, da es dort kaum eine große Universität ohne BDS-Gruppe gibt. Viele Teilnehmer_innen wussten aus eigenen Erfahrungen mit BDS-Aktivist_innen in diesen Zusammenhängen negativ zu berichten.

Ein besonderes Augenmerk lag auf dem Konzept Critical Whiteness. In den neunziger Jahren schien es in der linksradikalen Szene eine höhere Sensibilität für Antisemitismus zu geben, doch diese scheint durch das Engagement gegen Rassismus geradezu verdrängt worden zu sein. Wie konnte es dazu kommen, dass aus einer sich selbst als antirassistisch verstehenden Szene heraus sich eine antiisraelische Haltung entwickelte?

Die vermeintliche Aporie Antisemitismus versus Rassismus sei, so ein Referent, auch in antideutschen Zusammenhängen verfestigt worden. In den vergangenen Jahren hätten sich innerhalb der Linken zwei Fronten gebildet, auf der einen Seite stehe der Antisemitismus, auf der anderen der Rassismus im Mittelpunkt der Kritik.

Viel intensiver ging es um den konkreten Vorwurf des Pinkwashing gegen Israel, die laut einer Referentin und mehreren Teilnehmer_innen auch gegen jeden anderen Staat theoretisch vorzubringen sei. Dies bezieht sich zwar auf das singling out Israels, jedoch nicht auf das ideologische, wahnhafte Interesse von Antizionist_innen, die sich so vehement auf den Staat Israel konzentrieren. Diese Vehemenz kann aber in der Auseinandersetzung mit Vertreter_innen von Critical Whiteness gar nicht thematisiert werden, da die Debatte rein auf der Diskursebene geführt wird. Demnach gilt eben jede_r als Rassist_in, die eine Kritik an kulturalistischem Antirassismus, also auch an ihrem Antizionismus übt, da man damit einen rassistischen Diskurs bedienen würde.

In einem Vortrag über den queeren Aktivismus in Berlin wurde deutlich gemacht: Critical Whiteness sei keine kritische Praxis, sondern ein Instrument zur Machtausübung und Machterhaltung durch autoritäre Sprechverbote in der linken Szene. Deutlich wurde in der Diskussion nach dem Vortrag, dass viele der Teilnehmer_innen Ansätze von Critical Whiteness für gerechtfertigt halten und einer generellen Ablehnung kritisch gegenüber stehen. Dass aber Jüdinnen und Juden gerade auch in intersektionalen Theorien oft nicht als eine diskriminierte Gruppe auftauchen, wurde kritisiert.

Nicht zuletzt als Vernetzungstreffen war die Tagung wichtig. Viele Teilnehmer_innen berichteten von ihren erbitterten Auseinandersetzungen mit Antisemit_innen in der queeren Szene und lobten den offenen, angstfreien Raum, den das Organisationsteam erfolgreich umgesetzt hatte. Auch die Planung von Aktionen gegen Antisemitismus wurde überlegt. Gefehlt hat trotzdem eine spezifische Auseinandersetzung mit islamistischem Antisemitismus und Antizionismus, die bei Critical Whiteness und in den Postcolonial Studies regelmäßig verharmlost werden. Außerdem muss es darum gehen, die neuen Codes des Antisemitismus zu knacken, die sich eben oft als queerfeministisch und antirassistisch tarnen. Das Sammeln von guten Argumenten gegen Antisemitismus kann nicht ausreichend sein. Es ist notwendig, den ideologischen Kern des Antisemitismus in den Blick zu bekommen: seinen antizivilisatorischen Aspekt und seine wahnhafte Projektionsleistung. Rassismus gegen Antisemitismus auszuspielen kann nicht die Lösung sein.

Zu den Vorzügen frühherbstlicher Jungle-Reisen gehört es, am 3. Oktober nicht in Deutschland zu sein. Stattdessen kann man sich mit angenehmeren Dingen befassen und sich zum Beispiel ein beeindruckendes Gebäude anschauen, das für „eine optimistische Vision der Zukunft einer neuen, modernen und hyper-technologischen Welt, die es den Menschen ermöglichen sollte, besser zu leben“ steht.

Klar, das ist etwas naiv, von wegen Produktionsverhältnisse, Klassengesellschaft und so, aber wir wollen jetzt nicht kleinlich sein. Das Atomium, errichtet zur Expo 58, ist wirklich sehenswert. Ursprünglich sollte ein mehr als 600 Meter hoher Turm errichtet werden, zum Glück hat man sich dann nicht auf das „wer hat den längsten?“-Spiel eingelassen und stattdessen etwas Einmaliges, nämlich „die kubisch-raumzentrierte Elementarzelle einer Eisen-Kristallstruktur in 165-milliardenfacher Vergrößerung“ gebaut (leider ist der Kollege, der mir genau erklären könnte, was das ist, nicht hier).

Es ist bedauerlich, dass sich das architektonische Prinzip nicht durchgesetzt hat. Man könnte zum Beispiel im Natriumchlorid-Kristallgitter (Kochsalz) leben, jede Kugel wäre dreistöckig mit variablen Wänden und könnte oben geöffnet werden, so dass das Obergeschoss zur Dachterrasse wird; in den größeren Strukturen wären die öffentlichen Einrichtungen untergebracht und auf der Fläche rechts oben eine coole Bar, die im Winter und bei schlechtem Wetter mit Plexiglas verschlossen wird. Man muss natürlich der Chemie nicht sklavisch folgen, die Konstruktion könnte überdies beweglich sein, so dass Sie mit ihrer Kugel (deren Farbe variabel wäre) mal die Aussicht auf 100 Meter Höhe genießen, mal auf die Bäume schauen, aus dem Fenster greifen und einen Apfel pflücken könnten. Ja, ja, ein paar Koordinationsprobleme mit den Nachbarn könnten aufkommen, das muss ich zugeben. Und zu teuer wär’s wohl auch, womit wir wieder bei Produktionsverhältnissen und Klassengesellschaft gelandet sind.

Zurück zum Atomium. Die Aussicht auf knapp 100 Meter Höhe ist großartig, aber auch die Ausstellung inklusive psychedelischer Rolltreppenfahrten ist interessant. Über die Hostessen, deren Beschäftigung damals für moderne Frauenpolitik gehalten wurde, können Sie hier etwas lesen. Damals, 1958, haben sich die Leute von der Zukunft noch etwas erwartet. Aufbruchstimmung, auch in der UdSSR, wo man hoffte, die „Entstalinisierung“ würde weiter gehen, als sie es dann tat. Den in den Weltraum ragenden sowjetischen Proletarier, den es in der Ausstellung zu sehen gibt (was sich die British Electrical and Allied Industry bei diesem die Welt bedrohenden Riesenroboter gedacht, ist auch wieder ein interessantes Rätsel), habe ich im Internet leider nicht gefunden, hüsch aber auch diese recht farbenfrohe Präsentation.

Versteht man unter Globalisierung nicht den Abschluss abstruser Handelsabkommen, kann diese Zeit eigentlich eher als Epoche internationalistischer Initiativen gelten. Vieles war natürlich verlogen, wie Eisenhowers „Atoms for Peace“-Initiative oder „Visit the U.S.S.R.“, aber dies war unter anderem die Epoche des Aufbaus europäischer Institutionen und der Entkolonialisierung, des Rock ’n’ Roll und damit der musikalischen Globalisierung, allgemein interessierte man sich für Menschen in anderen Ländern. Zum Anlass einer Expo war man bereit, mit erheblichen Aufwand etwas Schönes, aber völlig Nutzloses zu errichten (dass das Atomium später viel Geld einspielen würde, hat man nicht geahnt, eigentlich sollte es nach der Expo abgerissen werden). Die Mondlandung war etwa ein Jahrzehnt später ein vergleichbares Unternehmen in ungleich größerem Maßstab.

Auch im technologischen Bereich fehlt dem Kapitalismus die Konkurrenz der Sowjetunion. Warum die Stalinisten alles verpatzt haben und wie die frühsozialistischen Fehlschläge überwunden werden können, wird die Jungle World anlässlich des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution im kommenden Jahr erkunden, da müssen Sie sich also noch etwas gedulden. Heute sind für Utopien, wenn man deren Ziele denn so nennen will, allenfalls noch ein paar Oligarchen im Silicon Valley zuständig. Was und wie man baut, was man erforscht und was nicht ist ja eine politische und gesellschaftliche Frage. Wir könnten längst auf dem Jupitermond Europa Schlittschuh laufen und unseren Energiebedarf mit Kernfusion decken. Und demokratische Institutionen entwickelt haben, die jenseits ökonomischer Interessen, naiver Technologiegläubigkeit und paranoiden Misstrauens gegen Neuerungen rationale Entscheidungen treffen. Und hin und wieder auch die irrationale Entscheidung, etwas völlig Nutzloses, aber Schönes zu bauen.

Bonusrätsel: Die meisten Belgier legen großen Wert darauf, dass ihre Hecken exakt geschnitten sind. Nur im Vorgarten des Königspalasts wuchert es. Was will Philippe damit sagen? „Hey, ich leiste mir nicht mal einen Gärtner. Da werdet ihr ja wohl auch den Gürtel enger schnallen können!“ Oder: „Hey, ihr Spießer, werdet mal ein bisschen lockerer!“

Bonussong: Wenn Sie wissen wollen, was man im Jahr 1830 hörte, bevor man das Gewehr schulterte und seine Regierung stürzte, hören Sie mal hier rein.

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