Schlüppis
Kürzliche Beiträge
19. Juni 2012, 18.41 Uhr:

Inspirierender Jihad

von Jörn Schulz

Immer stärker drängt sich mir der Eindruck auf, dass in Deutschland eine Stimmung aufkommt wie um das Jahr 1914. Der rechte Pöbel will Blut sehen, die vielen Friedensjahre waren ja auch arg langweilig. Wer die Feinde und wer die Verbündeten sein sollen, ist noch umstritten. Sind „die Muslime“ Volksschädlinge oder Hilfsvölker? Der rechtskatholische Schriftsteller Martin Mosebach betrachtet sie als Avantgarde im Kampf gegen die Freiheit.

„Entgegen der Forderung nach unbedingter Freiheit, die Künstler gern beanspruchen, ist in der Geschichte der Kunst die Beschränkung dieser Freiheit der Entstehung von Kunst höchst förderlich gewesen. Nicht alles aussprechen zu dürfen, von rigiden Regeln umstellt zu sein, hat auf die Phantasie der Künstler überaus anregend gewirkt und sie zu den kühnsten Lösungen inspiriert. (…) In diesem Zusammenhang will ich nicht verhehlen, dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen. Ich begrüße es, wenn es in unserer Welt wieder Menschen wie Jean Jacques Rousseau gibt, für die Gott anwesend ist. Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.“

Man hat sich daran gewöhnt, dass vom religiösen Terror Bedrohte wie der iranische Rapper Shahin Najafi in Deutschland nicht gerade mit Solidaritätserklärungen überhäuft werden. Dass reaktionäre christliche und muslimische Kleriker gern gemeinsam „Respekt“ von jenen fordern, denen sie selbst keinerlei Respekt entgegenbringen, ist auch keine Neuigkeit mehr. Salafisten und Jihadisten als Volkssturm im eigenen Kreuzzug gegen die Meinungsfreiheit einsetzen zu wollen, entbehrt hingegen nicht einer gewissen Originalität, wirft aber auch eine Frage auf.

Warum so kleinmütig? Gott liebt die Kleinmütigen nicht. Für schnöden Feuilleton-Talibanismus hat noch keiner 72 Jungfrauen bekommen. Und auch in der Bibel steht nirgendwo: „Macht’s euch gemütlich und lasst andere die Drecksarbeit erledigen.“ Vielmehr heißt es: „Ich will das Schwert lassen klingen, dass die Herzen verzagen und viele fallen sollen an allen ihren Toren. Ach, wie glänzt es und haut daher zur Schlacht! Haue drein, zur Rechten und Linken, was vor dir ist! Da will ich dann mit meinen Händen darob frohlocken und meinen Zorn gehen lassen.“ Eine Axt, Herr Mosebach, tut es zur Not auch.

19. Juni 2012, 13.23 Uhr:

Am Samstag ist Johannistag!

von Ivo Bozic

Halleluja! Am kommenden Samstag ist Johannistag. Der jährliche Gedenktag soll an die Geburt Johannes des Täufers erinnern und wird gewöhnlich von den beiden Ordensgemeinschaften der Johanniter und Malteser mit Gottesdiensten und anderen Feierlichkeiten begangen, zuweilen sogar gemeinsam. In diesem Jahr haben die Johanniter doppelt Grund zum Feiern: nicht nur den Geburtstag ihres Namenspatrons, sondern auch den 700. Jahrestag der Begründung ihres Reichtums.

Noch vor dem Ende eines insgesamt sieben Jahre dauernden Prozesses wegen angeblicher Anbetung eines Götzenbildes, Verleugnung Christi, Besudelung des Kreuzes, Homosexualität, Bündelei mit Muslimen, Verschwendung der Ordensgüter und Habgier bei Geschäften wurde vor 700 Jahren, genauer: am 22. März 1312, auf dem Konzil von Vienne, der Templerorden durch Papst Clemens V. aufgelöst. Kurz zuvor war er verboten worden. Die Anklagepunkte, die heute noch irren Verschwörungstheorien Futter geben, waren freilich allesamt konstruiert, in Wirklichkeit wurden die Templer Opfer eines profanen Machtkampfs zwischen dem französischen König Philipp IV. und dem Papst. Über 500 Tempelritter wurden zum Tode oder zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt und 1314 wurde der Großmeister Jacques de Molay in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die sehr zahlreichen Besitztümer, vor allem Ländereien, Gutshöfe und Klöster in ganz Europa, gingen unter anderem an den dem Templerorden sehr ähnlichen Johanniterorden. Heute fahren sie ihre Krankenwagen auf unseren Straßen umher, doch neben dieser modernen Erscheinung pflegen 3.900 »Ritter« unter Vorsitz des »Herrenmeisters« Oskar Prinz von Preußen noch immer ihren geistlichen Orden, gegliedert wie vor hunderten von Jahren in »Balley«, »Kommenden« (Genossenschaften) und Ordensregierung. Der Johanniterorden ist Teil der Evangelischen Kirche Deutschlands.

Auch der katholische Malteserorden, der sich von dem im 16. Jahrhundert reformierten Johanniterorden abspaltete, ist heute nicht nur eine karitative Hilfsorganisation, sondern auch ein geistlicher Orden mit »Rittern« und »Damen«, die bei ihrer Aufnahme Armut, Keuschheit und Gehorsam geloben und von einem »Großmeister« geleitet werden. Zugleich ist der Malteserorden so etwas wie ein Staat ohne Territorium. Er hat den Status eines »nichtstaatlichen Völkerrechtssubjekts«, verfügt über eine eigene Währung und genießt Beobachterstatus bei der Uno.

Der Deutsche Orden, der dritte während der Kreuzzüge im »Heiligen Land« aktive und nach dem Vorbild der Templer gegründete Ritterorden, konnte nach dem Verbot der Templer ebenfalls weitermachen. Er widmete sich im 13. und 14. Jahrhundert vor allem der blutigen Eroberung und Christianisierung Osteuropas. 300 Kreuzzüge führten die Deutschritter zwischen 1305 und 1409 gegen die Litauer, jeder einzelne ein gnadenloses Gemetzel. Heute gibt es den Deutschen Orden immer noch, oder besser gesagt wieder. Eines seiner Mitglieder ist Laienbruder Edmund Stoiber, der ehemalige Ministerpräsident Bayerns.

An die Templer hingegen erinnern nur noch einige Burgen, Kirchen und Ruinen in Europa und im »Heiligen Land«. Und Straßen- und Ortsnamen wie zum Beispiel Tempelhof. Der heutige Berliner Bezirk gehörte ebenso wie die Ortschaften Mariendorf, Marienfelde und Rixdorf zu den Besitztümern des Templerordens. Die Siedlungen gingen nach deren Verbot in den Besitz der Johanniter über, die sie 1435 dann an die Stadt Berlin verkauften.

All das wird am Johannistag allerdings nicht thematisiert. So wenig wie die Unfallhelfer mit der Spendenbüchse in der Regel über die mittelalterlichen Strukturen ihres Ordens sprechen wollen. Aber vielleicht wissen sie auch gar nichts davon.

Mehr zur Geschichte der Templer hier.

18. Juni 2012, 17.20 Uhr:

Definiere Blockade!

von Ivo Bozic

50 Hilfs- und UN-Organisationen, darunter Amnesty International, Medico International und die Weltgesundheitsorganisation (WHO), haben am Donnerstag voriger Woche in einer gemeinsamen Erklärung ein Ende der Blockade bzw. “Abriegelung” des Gaza-Streifens gefordert: “Seit über fünf Jahren leiden mehr als 1,6 Millionen Menschen unter einer völkerrechtswidrigen Abriegelung des Gazastreifens. Mehr als die Hälfte hiervon sind Kinder. Wir, die Unterzeichnenden fordern mit einer Stimme: Beendet die Abriegelung jetzt.”

Die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz schrieb dazu: “End the blockade of Gaza? First, define blockade” (Die Blockade von Gaza beenden? Definiere zuerst “Blockade") In dem Artikel werden Zahlen vom April 2012 aufgeführt: Danach haben im April 4.171 Lastwagen mit Gütern den Kerem-Shalom-Übergang zwischen Israel und Gaza passiert. Das sind fast 140 Lastwagen täglich, also etwa alle 10 Minuten einer. Außerdem verließen im April 3.888 Menschen den Gazastreifen in Richtung Westjordanland. Und durchschnittlich 1.200 Menschen passieren täglich den Rafah-Grenzübergang zwischen Ägypten und dem Gazastreifen.

Definiere “Blockade"!

17. Juni 2012, 09.30 Uhr:

Lebertran auf ex

von Thomas von der Osten-Sacken

Es gibt so Sätze, wie diesen von Ulf Poschardt, nach deren Lektüre fühlt man sich, als hätte man ein ganzes Glas Lebertran auf ex getrunken:

Damit sind wir, die Deutschen, endlich Teil einer Völkergemeinschaft geworden, deren gemeinsamer Nenner ein irgendwie geartetes, im besten Falle unverdrehtes Verhältnis zu sich selbst ist.

15. Juni 2012, 18.36 Uhr:

Wer braucht schon Parlamente?

von Jörn Schulz

Es hatte wohl doch Nachwirkungen, dass Thilo Sarrazin ein Jahr bei der Bundesbank verbrachte (von arbeiten kann, wie er selbst zugab, nicht die Rede sein). Nun glaubt dort jeder, zur Verkündung rechter Parolen berufen zu sein. Jens Weidman, der Präsident der Bundesbank, erläutert, wie er sich die Abschaffung der Demokratie vorstellt: „Für den Fall, dass sich ein Land nicht an die Haushaltsregeln hält, ginge nationale Souveränität automatisch in dem Ausmaß auf die europäische Ebene über, dass dadurch die Einhaltung der Ziele gewährleistet werden kann. Der ehemalige EZB-Präsident Trichet hat dies in einer Rede am Peterson Institute treffend als ‚federalism by exception’ bezeichnet. Denkbar wäre zum Beispiel das Recht, Steuererhöhungen oder proportionale Ausgabenkürzungen vornehmen – und nicht bloß verlangen – zu können.“

Die Bundesbank gilt als seriöse Institution, weil niemand weiß, was dort passiert. Das ist vom Gesetzgeber so gewollt: „Die Deutsche Bundesbank hat ihre für die Öffentlichkeit bestimmten Bekanntmachungen, insbesondere den Aufruf von Noten sowie die Anordnung von Statistiken im Bundesanzeiger zu veröffentlichen.“ (Paragraph 33 des Bundesbank-Gesetzes)

Mit anderen Worten, politische Propaganda gehört nicht zum Aufgabenbereich Weidmanns. Die Bundesbank ist „unabhängig“, d.h. sie unterliegt keiner demokratischen Kontrolle, soll sich im Gegenzug aber der öffentlichen Einflussnahme enthalten, also beispielsweise keine Wahlempfehlungen geben. Die Aussage „Nur mit Steinmeier als Kanzler ist Ihr Geld sicher“ würde man Weidmann wohl nicht verzeihen, die Abschaffung der Demokratie in Südeuropa zu fordern, ist aber weniger brisant. Ich würde jedenfalls nicht darauf wetten, dass die Bundesbank im nächsten Verfassungsschutzbericht erwähnt wird.

14. Juni 2012, 15.21 Uhr:

Ermittlungen im Jenseits

von Jörn Schulz

Man denkt ja immer, irrer geht’s nun wirklich nicht mehr. Geht aber doch, wie die Ermittlungen in Sachen NSU-Ermittlungen beweisen: „Ein iranischer ‚Metaphysiker’ bot den hanseatischen Beamten im Januar 2008 an, über ein ‚Medium’ Kontakt zu dem sieben Jahre zuvor ermordeten Gemüsehändler Süleyman T. aufzunehmen. Die Verantwortlichen der ‚Soko 061’ willigten den Akten zufolge ein. Im April 2008 teilte der Iraner ihnen die angeblichen Ergebnisse seiner metaphysischen ‚Befragung’ des Mordopfers mit, woraufhin die Beamten einen entsprechenden Vermerk anlegten.

Wir brauchen also nicht nur eine „Soko Rassismus bei der Polizei“, sondern auch eine Aktion „Spenden Sie Hirn für notleidende Polizisten“. Immerhin, der „Metaphysiker“ war clever, er wusste, was seine Kunden hören wollten: „Über eine Mittelsfrau ließ der Geisterbeschwörer demnach die Hamburger Polizisten wissen, dass er während eines Aufenthalts in der Hansestadt in einer angemieteten Wohnung für zehn bis fünfzehn Minuten Kontakt zu dem getöteten Gemüsehändler habe aufnehmen können. (…) Hintergrund der Tat sei eine ‚Ungerechtigkeit’ gewesen, auch Drogen hätten eine Rolle gespielt. Das Opfer habe ‚mit einer Bande in Kontakt’ gestanden, die aus bis zu acht Personen mit ‚Motorrädern/Rockern’ bestehe, polizeibekannt sei, jedoch ‚keinen hohen Organisationsgrad’ habe.“ Nicht fehlen darf in solchen Fällen natürlich eine auffällige „Person mit Kopftuch“, und „der Täter soll einen dunklen Teint (Südländer), braune Augen und schwarze Haare haben. Er soll sehr jung sein, und es könnte sich um einen Türken handeln. (…) Damals aber schienen die Informationen aus dem Jenseits den Hamburger Beamten offenbar immerhin so interessant, dass sie sie mit ihrem internen Informationssystem abgleichen ließen.“

Ich habe mal in die Kristallkugel geschaut, was als nächstes kommt:

„Rainer Brüderle drückte sein Bedauern darüber aus, dass Philipp Rösler aus gesundheitlichen Gründen den FDP-Vorsitz abgeben musste. Er stritt jeden Zusammenhang mit der Tätigkeit des kürzlich von ihm engagierten Voodoo-Priesters ab. ‚Ich habe eine Puppe, die wie Rösler aussieht, weil ich ihn so mag. Keine Ahnung, wie die Nadeln da reingekommen sind’, sagte der neue FDP-Vorsitzende.“

„Euro-Krise endlich gelöst: ‚Das war harte Arbeit’, sagte der IWF-Direktor Harry Potter, der das Amt nach dem unerklärlichen Verschwinden Christine Lagardes übernommen hat. ‚Merkels Exorzist hat mir sehr geholfen.’ Die Austreibung der Griechen habe einen großen Beitrag zur Stabilisierung des Euro geleistet. ‚Nachdem die Critters nun sämtliche Staatschulden aufgefressen haben, steht dem Aufschwung nichts mehr im Weg’, sagte Potter.“

12. Juni 2012, 18.54 Uhr:

Geh doch nach drüben!

von Jörn Schulz

Anderswo versteht man unter Liberalen Menschen, die einen jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wollen. In Deutschland ist das anders, hier gilt als liberal, was etwa in den USA dem rechtkonservativ-sozialdarwinistischen Milieu der Tea-Party-Bewegung zugerechnet würde: die Idee, die Armut als Mittel zu nutzen, um den neuen Menschen zu formen.

„Nichts hat Berlin in seiner wirtschaftlichen Entwicklung so gebremst wie jene Dumpingmieten, die einfach nur Kollateralschäden eines ökonomisch gescheiterten Bundeslandes waren. Auch wenn die Boheme von billigen Ateliers profitiert hat, ist nahezu jede Form von Gentrifizierung in Berlin ein Schritt in die richtige Richtung. Es fehlt der Druck, sich anzustrengen und zu kämpfen, um zu überleben, wie er in Paris, London oder New York selbstverständlich ist“, schreibt Ulf Poschardt in der Welt.

Warum hassen sie uns? Sie hassen unsere Freiheit. Sie können den Gedanken nicht ertragen, dass Menschen anders leben als sie und dabei womöglich noch glücklich sind. Also müssen diese Menschen ins Elend gestürzt werden. Wenn sie in der Mülltonne nach Nahrung wühlen, können sie Poschardt nicht mehr im Weg stehen: „Zögerlich, autistisch, überfordert von den kleinsten Problemen des Alltags zuckelt der Berliner durch seinen Kiez und reagiert gereizt und aggressiv auf alle, denen Lebens- wie Arbeitszeit kostbar sind.“ Eher scheint es so, als ob ein unter ADHS leidender Publizist gereizt und aggressiv auf seine Mitmenschen reagiert.

„Ihre Buddy-Bären visualisieren Stillstandssehnsüchte. Sie verlangsamen sogar das Flanieren, sind mithin Sinnbild der Verweigerung der Berliner, Verkehr als Mittel zur schnellstmöglichen Überwindung von Distanzen in einer weitläufigen Stadt zu verstehen.“ Nun zeichnet sich das Flanieren eben durch einen Mangel an Eile aus, doch um diese zivilisatorische Errungenschaft zu schätzen, bedarf es einer gewissen persönlichen Reife. Statt zu quengeln wie ein Kleinkind, das nicht schnell genug sein Eis bekommt, kann man aber auch ein Taxi oder die U-Bahn nehmen. Ansonsten: Wer unsere freiheitliche Grundordnung nicht mag, der soll halt nach drüben gehen.

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