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Kürzliche Beiträge
13. Juli 2012, 16.46 Uhr:

Von der Beschneidung zur Burka

von Thomas von der Osten-Sacken

Gestern versuchte ich den Rechtspositivismus, der aus dem Kölner Beschneidungsurteil spricht, vor falscher Kritik in Schutz zu nehmen, da lese ich heute folgende Aüßerungen der europäischen Rabbinerkonferenz:

Das Schächtverbot der Nationalsozialisten sei ein Zeichen für viele Juden gewesen, „wir müssen weg aus Deutschland“, sagte Goldschmidt. Ein Beschneidungsverbot wäre angesichts der Bedeutung dieses Brauchs ein viel stärkeres Zeichen.

Auch wenn Antisemiten aller Couleur sich seit Jahrhunderten regelhaft über genau an diesen beiden angeblich  so archaischen jüdischen Praktiken empören, muss doch an dieser Stelle auf eine grundlegende Differenz zwischen Nazijustiz und Kölner Urteil verwiesen werden: Den Nazis ging es um den Schutz der Tiere, das Wohlergehen jüdischer Knaben war ihnen so egal, wie das aller anderen Juden auch, die eh kollektiv ins Gas sollten. Dass im Grundgesetzt dem Recht auf körperliche Unversehrtheit ein so hoher Stellenwert als Rechtsgut beigemessen wird, ist vor allem auch eine Reaktion  auf das nationalsozialistisches Rechtsverständnis, das zu Euthanasie, Zwangssterilisationen und überhaupt dem Begriff des “unwerten Lebens” führte.

Was aus der Forderung nach religiöser Freiheit konsequent folgt, man beginnt es zu erahnen, denn mit Beschneidungen wird es keineswegs enden:

Das Urteil sei Teil einer Folge von Angriffen auf religiöse Minderheiten in Europa, sagte Goldschmidt nach einer Sitzung von rund 40 europäischen Rabbinern. Dazu gehörten die Einschränkungen für den Minarettbau in der Schweiz, das Burkaverbot in Frankreich sowie das Schächtverbot in den Niederlanden.

Da anempfehlen sie sich jetzt also den Islamverbänden  und erklären das Burkavebot zum Angriff auf religiöse Minderheiten. Wie zu befürchten war. Denn wer argumentiert, ein solcherart verstandenes Recht auf religiöse Selbstbestimmung (Heine, Büchner, Börne, von Feuerbach gar nicht zu sprechen, drehen sich im Grabe um) müsse als oberstes Rechtsgut behandelt werden, öffnet eine Büchse der Pandora, die zu schließen absehbar nicht mehr möglich sein wird.

Wie steht’s dann mit dem Heiratsalter von Mädchen und der Polygamie? Die sind auch jahrtausendealte Traditionen und gehören zum islamischen Selbstverständnis. Oder? Im Zweifelsfalle darf dann die nächste islamische Organisation über solche Fragen befinden, Organisationen mit denen die Rabbis jetzt den Rechtsweg beschreiten wollen, um das Recht auf Beschneidung für Juden und Muslime zu erkämpfen.

Für Muslime auch. Die ihre Jungen im Alter zwischen vier und elf Jahren beschneiden. Dazu stellte erst vor wenigen Tagen eine Mohelet und Rabbinerin aus Bamberg in der Jüdischen Allgemeinen fest:

Ein später, im Kleinkind- oder Jugendlichenalter beschnittener Junge wird durch den Eingriff ungleich mehr traumatisiert als ein Säugling, da er physische und psychische Aspekte in ganz anderer Weise wahrnimmt.

Also: eine Expertin meint, spätere Beschneidungen seien, anders als das jüdische, am achten Lebenstag vorgenommene Ritual, schmerzhaft und traumatisierend und geben damit den Kölner Richtern zumindest Recht, was die muslimische Beschneidung angeht. Die Frage, ob und inwiefern der Eingriff  im Säuglingsalter nicht auch schwerwiegende psychische und physische Folgen haben könne, ist ebenfalls längst nicht so eindeutig geklärt, wie gerne dargestellt. (Auch auf den Seiten dieser Zeitung, in der ein Islamophobieexperte im Vorübergehen die Behauptung aufstellt, dass die “in Judentum und Islam vorgenommene Beschneidung nüchtern betrachtet eine Unannehmlichkeit (darstellt), die man den Jungen ersparen könnte, sie zieht aber bei sachgemäßer Operationshygiene und Narkose weder gesundheitliche noch sexuelle Beeinträchtigungen nach sich.) Dabei stellen inzwischen selbst verschiedene Untersuchungen und Umfragen das Bild vom so ganz unproblematischen und folgenlosen Eingriff im Säuglingsalter  in Frage. (Wie auch einige jüdische Organisationen die Beschneidung inzwischen ablehnen, etwa die Jews against Circumcision oder von muslimischer Seite diese Organisation.)

Trotzdem sehen die Rabbiner offenbar kein Problem, ein generelles Recht auf Beschneidung nach jüdischen und muslimischen Ritual zu erwirken, selbst wenn sogar aus ihrer Mitte Stimmen laut werden, die  die muslimische Praxis als “traumatisierend” bezeichnen. Damit aber stellten sie dieses Recht, auch wenn der Eingriff, zumindest bei Muslimen,  negative physische und psychische Folgen hat, über das vom Grundgetzt definierte Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Wenn nun plötzlich nun Regierungssprecher und Vertreter aller Parteien sich in Äußerungen überschlagen, wie wichtig es doch sei, “Beschneidungen gesetzlich zu schützen“, müssten sie sich eigentlich zuerst fragen lassen, warum es erst eines solchen Urteiles bedurfte, damit sie, der Gesetzgeber, überhaupt auf dieses Problem aufmerksam wurde. Und so leicht, wie sie es nun darstellen, wird es keineswegs sein, diese Praxis gesetzlich und als Teil religiöser Freiheit zu verankern. Denn folgerichtig müsste dieses Gesetz dann sogar mit einer entsprechenden Grundgesetzänderung einhergehen.

Eine der wohl unangenehmsten Begleiterscheinung dieses Urteils ist nebenbei gesagt, dass  nun Pfaffen aller Couleur sich berufen fühlen, ihren Sermon zu Debatte beizutragen,  etwa der Johannes Friedrich

“Es gehört doch auch dazu, die Unversehrtheit der Psyche eines Kindes zu bedenken", sagte Friedrich dem Evangelischen Pressedienst (EPD). “Es kann viel verletzender sein, wenn ein Kind das Gefühl hat, dass es zu einer religiösen Gruppe nicht dazu gehört.”

Nicht die Rabbiner, deren Job es schließlich ist, für das Recht auf Beschneidung zu kämpfen, wohl aber die Herren Friedrich et. al. scheinen sich nun berufen, alles unternehmen zu wollen, dass restvernünftiges Leben in Deutschland zunehmend verunmöglich wird.

Beeindruckend auch diese Stellungnahme der SPD:

Es könne “nicht sein, dass Jahrtausende alte  Traditionen von Millionen von Menschen auf diese Weise in Deutschland in Frage gestellt werden”

Für so eine Äußerung hätte man unter August Bebel in  Sekundenbruchteilen sein Parteibuch verloren.

 

12. Juli 2012, 18.44 Uhr:

Werdet Märtyrer!

von Jörn Schulz

„Bedenke wohl, dass die Folgen unseres Hasses schmerzlicher sind als die Handlungen, die ihn ausgelöst haben“, mahnte Augustinus von Hippo. Bedauerlicherweise mangelt es jenen, die sich nun über das einen inkontinenten Papst zeigende Titanic-Titelbild ereifern, an Kenntnissen über das Christentum. „Du bist im Irrtum, wenn du denkst, dass ein Christ ohne Verfolgung leben kann“, lehrte Hieronymus. Man muss sich ja nicht gleich in Öl sieden lassen, um sich der Nachfolge Christi als würdig zu erweisen, aber einen Witz sollte man schon vertragen können. Ein wahrer Chist würde eine solche Herausforderung entweder mit mildem Lächeln übergehen, oder, im Bewusstsein der Unvollkommenheit allen menschlichen und somit auch päpstlichen Handelns, als vielleicht nicht allzu subtile, aber letzlich, wie alles in der Welt, gottgewollte und daher dem Heilsplan dienende Mahnung hinnehmen.

Thomas Goppel, Sprecher der Christsozialen Katholiken, würde dem Titanic-Chefredateur aber gerne persönlich „die Lizenz zum Schreiben entziehen“. Auf den ersten Blick erstaunlich auch, dass fast alle Titanic-Kritiker zwanghaft von Papst- auf Mohammed-Karikaturen kommen. So wie Jan Fleischhauer: „Ich gebe zu, dass ich an dieser Stelle kurz Sympathie für Martin Mosebach empfand, der sich kürzlich in einem Beitrag für die ‚Berliner Zeitung’ wünschte, dass Gotteslästerung wieder etwas gefährlicher werden sollte. Ich bin nicht katholisch genug, um mir wie Mosebach eine strengere Verfolgung der Blasphemie zurückzuwünschen. Aber wenn man als aufmüpfig gelten will, dann sollte man dabei einen Einsatz wagen - da hat er recht, wie ich finde. Wie wäre es also, liebe ‚Titanic’-Redaktion, beim nächsten Mal mit einer ordentlichen Mohammed-Karikatur? Vielleicht zum Anfang ein Bild des Propheten mit verschütteter Cola überm Rauschebart. Dann müsstet ihr in eurem fidelen Studentenbuden-Gejuxe mal ausnahmsweise unter Beweis stellen, dass es euch wirklich ernst ist mit dem Einsatz für den Freiraum der Satire.“

Ähnlich Franz Josef Wagner in der Bild: „Ich frage mich, ob Ihr Humorhelden jemals einen sich besudelnden Propheten Mohammed auf den Titel gebracht hättet. Ihr habt es nicht gemacht, weil Euer Arsch auf Grundeis ging. Scharia, Todesdrohungen. Euer Redaktionsgebäude würde belagert von Demonstranten. Fahnen würden brennen. Ihr tapferen Humorhelden von Titanic. Mit dem Papst könnt Ihr alles machen. Er schickt keine Todesschwadronen. Er setzt kein Kopfgeld auf den Chefredakteur aus. Der Papst klagte gegen seine beschmutzten Bilder. Die Idioten von Titanic jubeln.“

Was für ein Glück, dass die Rechtpopulisten so feige sind. Wagner macht sich schon vor Angst in die Hosen, wenn er an Neukölln nur denkt: „Wenn Sie da jemanden angucken, dann sagt er: Scheiß Deutscher, was du gucken, einen in die Fresse, besser du tot als ich.“ Fleischhauer jammert noch nach Jahrzehnten darüber, dass er als Kind nicht genug verwöhnt wurde.

Es ist schwer, bei solchen Titanic-Kritikern kein insgeheimes Bedauern über das Ausbleiben eines deutschen Breivik zu vermuten. Aber selbst das Kreuz zu nehmen und die Ungläubigen vom Angesicht der Erde zu vertilgen, ist ihnen zu beschwerlich und zu gefährlich, deshalb sollen “die Muslime” alles für sie erledigen. Wenn ihr nicht brav seid, holt euch der Salafist! Rechtpopulisten bewundern den bornierten Stumpfsinn und die virile Härte des Jihadismus, auch wenn sie die Muslime hassen.

Es ist ja eigentlich nicht recht ersichtlich, warum Satire eine Mutprobe sein soll und warum eine Papst-Karikatur mit einer Mohammed-Karikatur einhergehen muss. Doch wie bereits erwähnt, die deutschen Rechten wollen wieder Blut sehen. Natürlich das der anderen. Wenn aber die Blasphemie wieder gefährlicher werden soll, warum nicht auch der Glauben? Keine atheistischen Todeschwadronen verfolgen den Papst, obwohl dieser den Atheismus für die „Schrecknisse der Konzentrationslager“ und die „Verwahrlosung des Menschen“ verantwortlich macht. Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie die Friesen, die im Jahr 716 den Missionar Bonifatius erschlugen. Der jammerte übrigens nicht: „Lasst uns in dieser Zeit der Härten und Anfechtungen für den Herrn kämpfen. Wenn es der Wille Gottes ist, lasst uns für die heiligen Gesetze unserer Väter sterben, damit wir gemeinsam mit ihnen das ewige Erbe antreten können.“ Zweifellos wird heutzutage nur deshalb so ungehemmt gegen des Atheismus gehetzt, weil es ungefährlich ist.

Bemerkenswert auch ein weiteres Phänomen: die Bushidoisierung des Journalismus. Respekt fordern am lautesten jene, die am wenigsten bereit sind, ihn anderen entgegenzubringen. „Idioten“ nennt Wagner die Titanic-Redakteure. Also, Herr Wagner: Wir sind alle Kinder Gottes. „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“, sagte Jesus. Fast könnte man glauben, der Mann habe Sie und Ihre Bild-Kollegen persönlich gekannt: „Ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und alles Unflats! Also auch ihr: von außen scheint ihr den Menschen fromm, aber in wendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.“ Beim Jüngsten Gericht wird es ohnehin einen Stau geben, wenn Ihnen Ihre Sünden vorgehalten werden, Sie sollten den Betrieb nicht unnötig aufhalten und Ihr Gewissen ein wenig erleichtern. Schreiben Sie also der Titanic noch heute einen Entschuldigungsbrief!

11. Juli 2012, 15.04 Uhr:

Vernunft und Vorhaut

von Thomas von der Osten-Sacken

Die Beschneidungsdebatte, wie sie inzwischen heißt, lässt einen nicht zur Ruhe kommen. Erst heute wieder sah ich mich gezwungen über das Thema zu sprechen mit einem Menschen, der ganz fortschrittlich ist und sich äußert empört über das Urteil zeigte, so empört, dass er meinte, nein, so etwas hätten selbst die Nazis nicht getan.

Da konnte ich nur antworten, dass dem Urteil immerhin die Idee der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz zugrunde liege, eine höchst verteidigenswerte republikanische Idee, die von den Nazis bis aufs Messer bekämpft wurde und die sie deshalb spätestens 1935 mit den Nünberger Rassegesetzen auch abgeschafften, die Nazis also ein solches Urteil natürlich niemals gefällt hätten, sondern ganz im Gegenteil, wo immer sie konnten, jede Art  rechtlicher Sonderbehandlung von Juden befürworteten, ja forcierten. Es wäre also weit mehr im Sinen der Nazis gewesen, allen, laut Nürnberger Gesetzen als Juden definierten Menschen, einen Beschneidungszwang aufzulegen.

Wer also dieser Tage sich abfällig über den angeblichen Rechtspositivismus der Kölner Richter mokiert, sollte wissen, dass die Nazijuristen, allen voran Carl Schmitt, die so genannte rechtspositivistische Schule um Hans Kelsen ebenso wie den Staatsrechtler Hermann Heller (die beide auch noch Juden waren) wie die Pest hassten und bekämpften.

Aber Vorhaut und Vernunft, sie gehen eben nur bedingt zusammen. Glücklicherweise braucht man den Erwartungen ja nicht zu entsprechen und selbst eine Meinung zu dem Urteil zu haben. Genug haben ihre schon geäußert und hätten es besser bleiben lassen sollen. Eine erfreuliche Ausnahme stellt Alan Posener dar, der heute in der Welt schreibt:

Die rührende Gemeinsamkeit der ansonsten verfeindeten monotheistischen Religionen, wenn es darum geht, kleinen Jungen am Penis wehtun zu dürfen, weist allerdings auf ein grundsätzliches Problem hin: auf die frühkindliche Indoktrination, vermittels derer sich die Religionen fortpflanzen. “Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten", sagte Jean-Jacques Rousseau. Und die schlimmsten Ketten sind die psychischen, die in der Kindheit geschmiedet werden. Die Religionen mögen ihre Meriten haben; die Freiheit ist wichtiger. Und so lange Menschenkinder zu Juden, Muslimen, Christen usw. gemacht werden, ob nun mit oder ohne Vorhaut und Kopftuch, wird die Religionsfreiheit, auf die sich die Vorhautfeinde und Burkafreunde berufen, mit Füßen getreten.

27. Juni 2012, 16.10 Uhr:

Hasta la vista, baby

von Jörn Schulz

Dreht Angela Merkel jetzt völlig durch? Sie scheint vom Gaddafi-Syndrom befallen zu sein. „Ich werde als Märtyrer sterben“, kündigte der “Revolutionsführer” im Februar vergangenen Jahres an. Merkel sagte, „eine ‚gesamtschuldnerische Haftung’, also auch Euro-Bonds, werde es nicht geben ‚solange ich lebe’. Einige liberale Abgeordnete riefen spontan in den Fraktionssaal: ‚Wir wünschen Ihnen ein langes Leben!’“

Nicht überall dürfte dieser Wunsch geteilt werden. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass Merkel von wütenden Griechen in einem Abflussrohr gestellt wird. Überdies ist der christliche Heiligenkalender schon voll, für eine Heilige Angela, Schutzherrin der Schuldenbremse, ist kein Platz mehr. Doch gerade weil es sich wohl um eine spontane Äußerung handelte, lässt sie um so tiefer blicken. Denn für gewöhnlich stellen Diktatoren und ihr Führungspersonal wie etwa auch Kronprinz Salman bin Abdulaziz al-Saud mit derartigen Formulierungen klar, dass man sie umbringen muss, wenn man in Freiheit leben will.

„Solange ich Kanzlerin bin“ wäre schon überheblich genug gewesen, da es ja – theoretisch jedenfalls – um eine gesamteuropäische Entscheidung geht. Doch in ihrem Größenwahn scheint Merkel entfallen zu sein, dass sie nicht Kaiserin Euopas auf Lebenszeit ist. Deshalb ist es ausgesprochen unfair, dass das britische Magazin New Statesman sie sie auf der Titelseite als Terminator abbildet. Gewiss, die Charakterisierung von Kyle Reese („Man kann mit ihm nicht verhandeln. Man kann mit ihm nicht argumentieren. Er fühlt kein Mitleid, kein Bedauern.“) ist erstaunlich zutreffend. Doch dem Terminator ist Größenwahn fremd, er erledigt in stiller Bescheidenheit seinen Job und richtet dabei nicht mehr Schaden an als nötig. Er kennt, das vergaß Reese zu erwähnen, auch keinen nationalen Chauvinismus. Vor allem aber hat der Terminator einen erfolgversprechenden Plan. All das kann man von Angela Merkel nicht behaupten.

22. Juni 2012, 15.25 Uhr:

Prioritäten setzen

von Jörn Schulz

„Nein, Frau Merkel, zu dieser Uhrzeit kann ich Sie nicht empfangen. Da läuft meine Lieblingsserie im Fernsehen.“ Man kann sich die Reaktion vorstellen, wenn der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras so etwas sagen würde. Dass der Vierer-Gipfel in Rom um einige Stunden vorverlegt wurde, damit Merkel rechtzeitig nach Danzig zum Spiel Deutschland-Griechenland fliegen kann, gilt hingegen als selbstverständliche Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der ungekrönten Königin Europas.

20. Juni 2012, 18.04 Uhr:

Unter falscher Flagge

von Jörn Schulz

Tja, dieser Augstein. Da macht er einmal im Leben etwas Vernünftiges, muss diesen einzigartigen Moment aber sofort durch sein Ressentiment verderben. In einer Fernsehsendung schneuzte er in eine Deutschlandfahne, zur Empörung unzähliger Nationalisten. Freuen kann man sich aber nur, wenn man den Ton abstellt. Denn Augstein fabuliert: „Was würde man mit mir jetzt in Amerika machen? Ich würde in Guantanamo sitzen. Sind wir in Deutschland jetzt auch schon soweit?“

Guantanamo ist ein Gefängnis für enemy combatants, nicht für enemy fools. Also keine Sorge, Herr Augstein, zumal das Oberste Gericht der USA 1990 enstchied: „While flag desecration - like virulent ethnic and religious epithets, vulgar repudiations of the draft, and scurrilous caricatures - is deeply offensive to many, the Government may not prohibit the expression of an idea simply because society finds the idea itself offensive or disagreeable.” Soweit sind wir in Deutschland natürlich noch nicht, Paragraph 90 verbietet die „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“. Sollten Sie nicht nach Stammheim wollen – auch das Asylrecht ist in den USA liberaler als in Deutschland.

19. Juni 2012, 18.41 Uhr:

Inspirierender Jihad

von Jörn Schulz

Immer stärker drängt sich mir der Eindruck auf, dass in Deutschland eine Stimmung aufkommt wie um das Jahr 1914. Der rechte Pöbel will Blut sehen, die vielen Friedensjahre waren ja auch arg langweilig. Wer die Feinde und wer die Verbündeten sein sollen, ist noch umstritten. Sind „die Muslime“ Volksschädlinge oder Hilfsvölker? Der rechtskatholische Schriftsteller Martin Mosebach betrachtet sie als Avantgarde im Kampf gegen die Freiheit.

„Entgegen der Forderung nach unbedingter Freiheit, die Künstler gern beanspruchen, ist in der Geschichte der Kunst die Beschränkung dieser Freiheit der Entstehung von Kunst höchst förderlich gewesen. Nicht alles aussprechen zu dürfen, von rigiden Regeln umstellt zu sein, hat auf die Phantasie der Künstler überaus anregend gewirkt und sie zu den kühnsten Lösungen inspiriert. (…) In diesem Zusammenhang will ich nicht verhehlen, dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen. Ich begrüße es, wenn es in unserer Welt wieder Menschen wie Jean Jacques Rousseau gibt, für die Gott anwesend ist. Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.“

Man hat sich daran gewöhnt, dass vom religiösen Terror Bedrohte wie der iranische Rapper Shahin Najafi in Deutschland nicht gerade mit Solidaritätserklärungen überhäuft werden. Dass reaktionäre christliche und muslimische Kleriker gern gemeinsam „Respekt“ von jenen fordern, denen sie selbst keinerlei Respekt entgegenbringen, ist auch keine Neuigkeit mehr. Salafisten und Jihadisten als Volkssturm im eigenen Kreuzzug gegen die Meinungsfreiheit einsetzen zu wollen, entbehrt hingegen nicht einer gewissen Originalität, wirft aber auch eine Frage auf.

Warum so kleinmütig? Gott liebt die Kleinmütigen nicht. Für schnöden Feuilleton-Talibanismus hat noch keiner 72 Jungfrauen bekommen. Und auch in der Bibel steht nirgendwo: „Macht’s euch gemütlich und lasst andere die Drecksarbeit erledigen.“ Vielmehr heißt es: „Ich will das Schwert lassen klingen, dass die Herzen verzagen und viele fallen sollen an allen ihren Toren. Ach, wie glänzt es und haut daher zur Schlacht! Haue drein, zur Rechten und Linken, was vor dir ist! Da will ich dann mit meinen Händen darob frohlocken und meinen Zorn gehen lassen.“ Eine Axt, Herr Mosebach, tut es zur Not auch.

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