Schlüppis
Kürzliche Beiträge
27. Juni 2012, 16.10 Uhr:

Hasta la vista, baby

von Jörn Schulz

Dreht Angela Merkel jetzt völlig durch? Sie scheint vom Gaddafi-Syndrom befallen zu sein. „Ich werde als Märtyrer sterben“, kündigte der “Revolutionsführer” im Februar vergangenen Jahres an. Merkel sagte, „eine ‚gesamtschuldnerische Haftung’, also auch Euro-Bonds, werde es nicht geben ‚solange ich lebe’. Einige liberale Abgeordnete riefen spontan in den Fraktionssaal: ‚Wir wünschen Ihnen ein langes Leben!’“

Nicht überall dürfte dieser Wunsch geteilt werden. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass Merkel von wütenden Griechen in einem Abflussrohr gestellt wird. Überdies ist der christliche Heiligenkalender schon voll, für eine Heilige Angela, Schutzherrin der Schuldenbremse, ist kein Platz mehr. Doch gerade weil es sich wohl um eine spontane Äußerung handelte, lässt sie um so tiefer blicken. Denn für gewöhnlich stellen Diktatoren und ihr Führungspersonal wie etwa auch Kronprinz Salman bin Abdulaziz al-Saud mit derartigen Formulierungen klar, dass man sie umbringen muss, wenn man in Freiheit leben will.

„Solange ich Kanzlerin bin“ wäre schon überheblich genug gewesen, da es ja – theoretisch jedenfalls – um eine gesamteuropäische Entscheidung geht. Doch in ihrem Größenwahn scheint Merkel entfallen zu sein, dass sie nicht Kaiserin Euopas auf Lebenszeit ist. Deshalb ist es ausgesprochen unfair, dass das britische Magazin New Statesman sie sie auf der Titelseite als Terminator abbildet. Gewiss, die Charakterisierung von Kyle Reese („Man kann mit ihm nicht verhandeln. Man kann mit ihm nicht argumentieren. Er fühlt kein Mitleid, kein Bedauern.“) ist erstaunlich zutreffend. Doch dem Terminator ist Größenwahn fremd, er erledigt in stiller Bescheidenheit seinen Job und richtet dabei nicht mehr Schaden an als nötig. Er kennt, das vergaß Reese zu erwähnen, auch keinen nationalen Chauvinismus. Vor allem aber hat der Terminator einen erfolgversprechenden Plan. All das kann man von Angela Merkel nicht behaupten.

22. Juni 2012, 15.25 Uhr:

Prioritäten setzen

von Jörn Schulz

„Nein, Frau Merkel, zu dieser Uhrzeit kann ich Sie nicht empfangen. Da läuft meine Lieblingsserie im Fernsehen.“ Man kann sich die Reaktion vorstellen, wenn der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras so etwas sagen würde. Dass der Vierer-Gipfel in Rom um einige Stunden vorverlegt wurde, damit Merkel rechtzeitig nach Danzig zum Spiel Deutschland-Griechenland fliegen kann, gilt hingegen als selbstverständliche Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der ungekrönten Königin Europas.

20. Juni 2012, 18.04 Uhr:

Unter falscher Flagge

von Jörn Schulz

Tja, dieser Augstein. Da macht er einmal im Leben etwas Vernünftiges, muss diesen einzigartigen Moment aber sofort durch sein Ressentiment verderben. In einer Fernsehsendung schneuzte er in eine Deutschlandfahne, zur Empörung unzähliger Nationalisten. Freuen kann man sich aber nur, wenn man den Ton abstellt. Denn Augstein fabuliert: „Was würde man mit mir jetzt in Amerika machen? Ich würde in Guantanamo sitzen. Sind wir in Deutschland jetzt auch schon soweit?“

Guantanamo ist ein Gefängnis für enemy combatants, nicht für enemy fools. Also keine Sorge, Herr Augstein, zumal das Oberste Gericht der USA 1990 enstchied: „While flag desecration - like virulent ethnic and religious epithets, vulgar repudiations of the draft, and scurrilous caricatures - is deeply offensive to many, the Government may not prohibit the expression of an idea simply because society finds the idea itself offensive or disagreeable.” Soweit sind wir in Deutschland natürlich noch nicht, Paragraph 90 verbietet die „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“. Sollten Sie nicht nach Stammheim wollen – auch das Asylrecht ist in den USA liberaler als in Deutschland.

19. Juni 2012, 18.41 Uhr:

Inspirierender Jihad

von Jörn Schulz

Immer stärker drängt sich mir der Eindruck auf, dass in Deutschland eine Stimmung aufkommt wie um das Jahr 1914. Der rechte Pöbel will Blut sehen, die vielen Friedensjahre waren ja auch arg langweilig. Wer die Feinde und wer die Verbündeten sein sollen, ist noch umstritten. Sind „die Muslime“ Volksschädlinge oder Hilfsvölker? Der rechtskatholische Schriftsteller Martin Mosebach betrachtet sie als Avantgarde im Kampf gegen die Freiheit.

„Entgegen der Forderung nach unbedingter Freiheit, die Künstler gern beanspruchen, ist in der Geschichte der Kunst die Beschränkung dieser Freiheit der Entstehung von Kunst höchst förderlich gewesen. Nicht alles aussprechen zu dürfen, von rigiden Regeln umstellt zu sein, hat auf die Phantasie der Künstler überaus anregend gewirkt und sie zu den kühnsten Lösungen inspiriert. (…) In diesem Zusammenhang will ich nicht verhehlen, dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen. Ich begrüße es, wenn es in unserer Welt wieder Menschen wie Jean Jacques Rousseau gibt, für die Gott anwesend ist. Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.“

Man hat sich daran gewöhnt, dass vom religiösen Terror Bedrohte wie der iranische Rapper Shahin Najafi in Deutschland nicht gerade mit Solidaritätserklärungen überhäuft werden. Dass reaktionäre christliche und muslimische Kleriker gern gemeinsam „Respekt“ von jenen fordern, denen sie selbst keinerlei Respekt entgegenbringen, ist auch keine Neuigkeit mehr. Salafisten und Jihadisten als Volkssturm im eigenen Kreuzzug gegen die Meinungsfreiheit einsetzen zu wollen, entbehrt hingegen nicht einer gewissen Originalität, wirft aber auch eine Frage auf.

Warum so kleinmütig? Gott liebt die Kleinmütigen nicht. Für schnöden Feuilleton-Talibanismus hat noch keiner 72 Jungfrauen bekommen. Und auch in der Bibel steht nirgendwo: „Macht’s euch gemütlich und lasst andere die Drecksarbeit erledigen.“ Vielmehr heißt es: „Ich will das Schwert lassen klingen, dass die Herzen verzagen und viele fallen sollen an allen ihren Toren. Ach, wie glänzt es und haut daher zur Schlacht! Haue drein, zur Rechten und Linken, was vor dir ist! Da will ich dann mit meinen Händen darob frohlocken und meinen Zorn gehen lassen.“ Eine Axt, Herr Mosebach, tut es zur Not auch.

19. Juni 2012, 13.23 Uhr:

Am Samstag ist Johannistag!

von Ivo Bozic

Halleluja! Am kommenden Samstag ist Johannistag. Der jährliche Gedenktag soll an die Geburt Johannes des Täufers erinnern und wird gewöhnlich von den beiden Ordensgemeinschaften der Johanniter und Malteser mit Gottesdiensten und anderen Feierlichkeiten begangen, zuweilen sogar gemeinsam. In diesem Jahr haben die Johanniter doppelt Grund zum Feiern: nicht nur den Geburtstag ihres Namenspatrons, sondern auch den 700. Jahrestag der Begründung ihres Reichtums.

Noch vor dem Ende eines insgesamt sieben Jahre dauernden Prozesses wegen angeblicher Anbetung eines Götzenbildes, Verleugnung Christi, Besudelung des Kreuzes, Homosexualität, Bündelei mit Muslimen, Verschwendung der Ordensgüter und Habgier bei Geschäften wurde vor 700 Jahren, genauer: am 22. März 1312, auf dem Konzil von Vienne, der Templerorden durch Papst Clemens V. aufgelöst. Kurz zuvor war er verboten worden. Die Anklagepunkte, die heute noch irren Verschwörungstheorien Futter geben, waren freilich allesamt konstruiert, in Wirklichkeit wurden die Templer Opfer eines profanen Machtkampfs zwischen dem französischen König Philipp IV. und dem Papst. Über 500 Tempelritter wurden zum Tode oder zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt und 1314 wurde der Großmeister Jacques de Molay in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die sehr zahlreichen Besitztümer, vor allem Ländereien, Gutshöfe und Klöster in ganz Europa, gingen unter anderem an den dem Templerorden sehr ähnlichen Johanniterorden. Heute fahren sie ihre Krankenwagen auf unseren Straßen umher, doch neben dieser modernen Erscheinung pflegen 3.900 »Ritter« unter Vorsitz des »Herrenmeisters« Oskar Prinz von Preußen noch immer ihren geistlichen Orden, gegliedert wie vor hunderten von Jahren in »Balley«, »Kommenden« (Genossenschaften) und Ordensregierung. Der Johanniterorden ist Teil der Evangelischen Kirche Deutschlands.

Auch der katholische Malteserorden, der sich von dem im 16. Jahrhundert reformierten Johanniterorden abspaltete, ist heute nicht nur eine karitative Hilfsorganisation, sondern auch ein geistlicher Orden mit »Rittern« und »Damen«, die bei ihrer Aufnahme Armut, Keuschheit und Gehorsam geloben und von einem »Großmeister« geleitet werden. Zugleich ist der Malteserorden so etwas wie ein Staat ohne Territorium. Er hat den Status eines »nichtstaatlichen Völkerrechtssubjekts«, verfügt über eine eigene Währung und genießt Beobachterstatus bei der Uno.

Der Deutsche Orden, der dritte während der Kreuzzüge im »Heiligen Land« aktive und nach dem Vorbild der Templer gegründete Ritterorden, konnte nach dem Verbot der Templer ebenfalls weitermachen. Er widmete sich im 13. und 14. Jahrhundert vor allem der blutigen Eroberung und Christianisierung Osteuropas. 300 Kreuzzüge führten die Deutschritter zwischen 1305 und 1409 gegen die Litauer, jeder einzelne ein gnadenloses Gemetzel. Heute gibt es den Deutschen Orden immer noch, oder besser gesagt wieder. Eines seiner Mitglieder ist Laienbruder Edmund Stoiber, der ehemalige Ministerpräsident Bayerns.

An die Templer hingegen erinnern nur noch einige Burgen, Kirchen und Ruinen in Europa und im »Heiligen Land«. Und Straßen- und Ortsnamen wie zum Beispiel Tempelhof. Der heutige Berliner Bezirk gehörte ebenso wie die Ortschaften Mariendorf, Marienfelde und Rixdorf zu den Besitztümern des Templerordens. Die Siedlungen gingen nach deren Verbot in den Besitz der Johanniter über, die sie 1435 dann an die Stadt Berlin verkauften.

All das wird am Johannistag allerdings nicht thematisiert. So wenig wie die Unfallhelfer mit der Spendenbüchse in der Regel über die mittelalterlichen Strukturen ihres Ordens sprechen wollen. Aber vielleicht wissen sie auch gar nichts davon.

Mehr zur Geschichte der Templer hier.

18. Juni 2012, 17.20 Uhr:

Definiere Blockade!

von Ivo Bozic

50 Hilfs- und UN-Organisationen, darunter Amnesty International, Medico International und die Weltgesundheitsorganisation (WHO), haben am Donnerstag voriger Woche in einer gemeinsamen Erklärung ein Ende der Blockade bzw. “Abriegelung” des Gaza-Streifens gefordert: “Seit über fünf Jahren leiden mehr als 1,6 Millionen Menschen unter einer völkerrechtswidrigen Abriegelung des Gazastreifens. Mehr als die Hälfte hiervon sind Kinder. Wir, die Unterzeichnenden fordern mit einer Stimme: Beendet die Abriegelung jetzt.”

Die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz schrieb dazu: “End the blockade of Gaza? First, define blockade” (Die Blockade von Gaza beenden? Definiere zuerst “Blockade") In dem Artikel werden Zahlen vom April 2012 aufgeführt: Danach haben im April 4.171 Lastwagen mit Gütern den Kerem-Shalom-Übergang zwischen Israel und Gaza passiert. Das sind fast 140 Lastwagen täglich, also etwa alle 10 Minuten einer. Außerdem verließen im April 3.888 Menschen den Gazastreifen in Richtung Westjordanland. Und durchschnittlich 1.200 Menschen passieren täglich den Rafah-Grenzübergang zwischen Ägypten und dem Gazastreifen.

Definiere “Blockade"!

17. Juni 2012, 09.30 Uhr:

Lebertran auf ex

von Thomas von der Osten-Sacken

Es gibt so Sätze, wie diesen von Ulf Poschardt, nach deren Lektüre fühlt man sich, als hätte man ein ganzes Glas Lebertran auf ex getrunken:

Damit sind wir, die Deutschen, endlich Teil einer Völkergemeinschaft geworden, deren gemeinsamer Nenner ein irgendwie geartetes, im besten Falle unverdrehtes Verhältnis zu sich selbst ist.

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