Schlüppis
Missy-Magazin
Kürzliche Beiträge
23. November 2011, 17.28 Uhr:

Wenn Ossis gleiten

von Jörn Schulz

Erstaunlich wenig war bislang davon die Rede, dass die Mitglieder der NSU aus der Ostzone kommen. Neonazis gibt es ja auch im Westen mehr als genug. Andererseits aber gibt es Jana Hensel, die im Freitag erklärt, warum sie sich im Osten besonders wohlfühlen. Da sind nämlich alle – nein, keine Neonazis, aber „irgendwie rau, irgendwie zynisch, ohne Halt. (…) Die Harmloseren unter uns zogen in die Innenstadt und klauten dort Klamotten oder Fahrräder. Das war natürlich pubertär. Aber es kann bis zu einem Punkt gehen, an dem man alles Maß verliert: Im September 1997 legten die drei damals noch in Jena wohnenden Täter ihre erste Bombe.“ Ja, so kann’s gehen. Da klaut man eine Jacke, und schon - Huch! - hat man eine Rohrbombe in der Hand.

„Es ist eigenartig, dass diese doch einfache Geschichte des Abgleitens jetzt nicht erzählt wird. Dass nicht gefragt wird, unter welchen Bedingungen sich diese Jugendlichen derart radikalisieren konnten, dass ihnen sogar die Bezeichnung ‚Untergrund’ legitim erschien.“ So ein „nationalsozialistisch“ ist ja nicht so dramatisch, aber „Untergrund“ – pfui, wie radikal! Über die Bedingungen verrät Hensel unfreiwillig einiges. Die Bestsellerautorin, die sich als Repräsentantin der verkannten Ossis betrachtet, nimmt zwischen normalen Teenager-Aktivitäten und Serienmord nur ein sanftes Gleiten wahr. Hensel hält „den Rechtsradikalismus für eine Maskierung, für eine Chiffre, die die Jugendlichen benutzen, weil, ja, weil sie ihnen angeboten wurde, sie frei war, zur Provokation taugte“.

Dementsprechend ist ihr Hauptproblem mit der Mordserie, dass die Befindlichkeit der Ossis nicht gebührend gewürdigt wird. „Diese Fragen jedoch würden ins Zentrum einer Debatte über Ostdeutschland weisen, derer wir über die Jahre immer überdrüssiger geworden sind. So oft ist sie schon schiefgegangen: Statt sie offen und selbstkritisch in beiden Teilen des Landes zu führen, fanden gegenseitige Schuldzuweisungen statt, kämpften Ost gegen West und umgekehrt, ging es eher um Ideologien statt um Biografien, lag darin immer so etwas wie Herkunftsrassismus.“ Ja, da taucht der Begriff Rassismus dann doch noch auf. „Und so werde ich das Gefühl nicht los, dass nur wenig mehr als ein schmaler Grat meinen Lebenslauf von denen der drei gewalttätigen Neonazis trennt.“ Da möchte man ihr ausnahmsweise nicht widersprechen.

23. November 2011, 16.07 Uhr:

"Krauts to hell" II oder Germanys new war

von Thomas von der Osten-Sacken

Jetzt also auch die Times. Da sieht Anatole Kaletsky gar einen neuen deutschen Krieg gegen Europa heraufziehen und bezieht sich dabei auch noch auf Clausewitz:

If Clausewitz is right that “war is the continuation of policy by other means”, then Germany is again at war with Europe — at least in the sense that German policy is trying to achieve in Europe the characteristic objectives of war.

Auf der anderen Seite des Atlantik sieht man die Euro Krise, wenn auch pragmatischer, so doch nicht weniger dramatisch.  Bruce Stokes vom German Marshall Fund schreibt:

The euro crisis is no longer simply an economic problem. It is increasingly a foreign and security policy challenge for the United States.

And this crisis has the potential to undermine the transatlantic alliance, something the Soviets never accomplished during the Cold War.


Default by one or more euro area countries could well lead to stagnant economic growth, introspection and self-preoccupation in Europe. A weakened, distracted Europe would prove a strategic liability for the United States.

It would mean a Europe even less able to defend itself. One that cuts back on foreign aid. A Europe that falls short in its effort to curb greenhouse gases. That becomes dependent on China to fund its debt. That is less able to stand up to Russian energy blackmail. Or to impose trade sanctions to curb Iran’s nuclear ambitions.

A Europe where the standard of living is declining could also face a growing public backlash in the form of rising nationalism and populism that could pull Europe apart. And a disintegrating Europe would only accelerate America’s drift toward an Asian-centric foreign policy. A development that is neither in Europe’s, nor America’s self-interest.

A Europe that is tearing itself apart will be, by definition, less strong. And a Europe that is less strong will be less useful for the United States

10. November 2011, 12.59 Uhr:

"Krauts to hell" oder Regime Change, German style

von Thomas von der Osten-Sacken

Simon Heffer in der Daily Mail, der trifft noch den Ton:

Once, it would have taken an invading military force to topple the leadership of a European nation. Today, it can be done through sheer economic pressure: it might be that within a few days the Germans — along with their French allies — will have secured regime change in the two most tiresome countries in the eurozone. (…)

Whether the Greeks will swallow the austerity policy about to be imposed on them by the Fourth Reich’s new Gauleiter there remains to be seen. Given the expressions of anger already seen in response to previous milder measures, one must suspect not.

What has happened in Greece, and what may be about to happen in Italy, should terrify all true democrats. That it does not terrify those who lead the EU shows, yet again, what a profoundly sovietised institution it is.

And when the people realise what is being done to their democratic rights in the name of the future of Europe, one dreads to think what their reaction will be.

7. November 2011, 11.49 Uhr:

Wenigstens nicht mehr langweilig

von Thomas von der Osten-Sacken

John Lichtfeld über die Eurokrise:

Now Europe is no longer boring. It used to be like an instruction manual for a fridge-freezer in 20 languages. It is now like a Bunuel movie or a Dostoyevsky novel, compelling but bewildering. And scary. Even the main characters no longer understand the plot. There was an endearing, but terrifying, moment at one of the recent summits when Angela Merkel told journalists: “No one has ever tried anything like this before. Even the greatest experts don’t know if it will work. But it’s the best thing we can come up with.”

Und auch Bänker werden ganz poetisch:

„Es sieht schlimm aus. Wir rasen auf den Abgrund zu, und die Bremsen EU-Gipfel, G-20-Treffen, Bankenkapitalisierung funktionieren nicht“, sagt Andrew Roberts, Stratege bei der britischen Royal Bank of Scotland.

Ganz schwach dagegen, aber wer erwartet schon anderes?, die Süddeutsche:

Für seinen Auftrag, eine Brandmauer aus 2000 Milliarden Euro um die Währungsgemeinschaft zu errichten, fehlt ihm das nötige Geld. Mit dem, was da ist, lassen sich nach wie vor lediglich ein paar kleinere Brandherde löschen. Brennen Spanien oder Italien, ist der Fonds am Ende.

2. November 2011, 00.59 Uhr:

Welches ist das einflussreichste Land auf der Welt?

von Thomas von der Osten-Sacken

Die USA? Unter Obama? Ach schon lange nicht mehr. China? Auch nicht, nein, nein, es ist: Griechenland! Und das zeigt den Deutschen gerade eine ganz lange Nase.

Warum erklärt die Money Week:

The fact that markets are diving this morning should tell us one more thing. Greece has all the power. The talk around the bail-outs is usually about what Germany is prepared to do rather than what Greece is prepared to accept. Germany is assumed to have the power. But Greece has now shown the markets that it just isn’t so. If the Greeks decide they don’t fancy the terms much and announce a disorderly exit, it is game over for the euro, for Europe’s economy and for Germany’s weak-currency driven export boom.

Time for everyone to start being a bit more polite to Greece.  A senior member of Angela Merkel’s government has noted that he is irritated: “"Other countries are making considerable sacrifices for decades of mismanagement and poor leadership in Greece,” he says.

I suspect that if they don’t want to have to start staving off the next banking crisis, they might have to make a few more

Man kann ihn förmlich lachen hören, den Diogenes in seiner Tonne.

30. Oktober 2011, 11.36 Uhr:

"Google: Jewish Billionaires"

von Thomas von der Osten-Sacken

In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen befasst sich Samuel Salzborn mit der “Occupy Bewegung” und erklärt, was “antisemitischer Antikapitalismus” ist:

Die Ursache hierfür liegt in einer wahrgenommen Differenz zwischen Abstraktem und Konkretem. Das Abstrakte wird in der kapitalistischen Gesellschaft von den Globalisierungsgegnern verteufelt: das Geld, die Aktien, der »künstliche« Profit, das Finanzkapital. Hingegen wird das Konkrete glorifiziert: die »ehrliche« und »nützliche« Arbeit, die »natürliche« Grundversorgung, das Industriekapital. Die globalisierungskritische Denklogik meint, die Probleme in den Griff bekommen zu können, wenn der verteufelte Teil des Kapitalismus angegriffen wird – und fühlt sich dabei einer anonymen, unheimlichen und scheinbar omnipotenten Macht ausgesetzt.
(…) In der antisemitischen Fantasie wird die Sphäre des Abstrakten dabei mit »den Juden« identifiziert. Denn Antisemiten glauben, dass gerade Juden diejenigen seien, die Profit aus Kapitalismus und Finanzkrise schlagen – weil sie für den Antisemiten all das verkörpern, was er selbst nicht versteht und wovor er sich fürchtet: das abstrakte Gesetz, den Verstand, die Individualität, die Freiheit, kurzum – die Moderne. Wer also Kapitalismuskritik als Finanzkapitalkritik formuliert, hat die Denklogik des Antisemitismus bereits internalisiert – und das möglicherweise sogar, ohne es zu wissen.

17. Oktober 2011, 10.10 Uhr:

Nicht links und nicht rechts. Aber unheimlich wütend

von Thomas von der Osten-Sacken

Wenn Heribert Prantl gegen den zügellosen Kapitalismus losschreibt und eine gewaltige Lanze für eine Bewegung bricht, die kürzlich im Handelsblatt als “Finanzmarktkritiker” bezeichnet wurde, also für Leute, die in bester antikapitalistischer Tradition gegen das Finanzkapital mobilisieren, dann spätestens sollte klar sein, um was es sich da handelt:

David gegen Goliath, 1 versus 99 Prozent, die Menschen gegen das Finanzsystem: Der weltweite Protest ist nicht typisch links oder rechts - es bildet sich eine europäische Öffentlichkeit, die ihren Zorn auf das System nicht einfach runterschlucken wird. Anstatt den Hindukusch zu verteidigen, gilt jetzt auch in Deutschland: die Demokratie gegen die Gier der Märkte zu verteidigen. (…)

Die Davids der Welt wollen nicht mehr dabei zusehen, wie mit den Millionen und Milliarden der Steuerzahler die Banken saniert und die Löcher in den Autobahnen des Finanzkapitalismus nur zur weiteren Raserei geflickt werden: Die Davids rufen daher nach neuen Verkehrsregeln, nach Geschwindigkeitsbeschränkungen, nach Zulassungsvoraussetzungen und nach einem TÜV für die Vehikel, die auf diesen internationalen Autobahnen verkehren.

Die letzte deutsch-europäische Erweckungsbewegung, die weder links noch rechts, dafür aber unheimlich wütend war, das nur zur Erinnerung, hatten die Herren Habermas und Derrida im Früjahr 2003 ausgemacht. Damals ging es gegen den Irakkrieg. Deshalb muss Prantl auch den Hindukusch ins Spiel bringen, den zwar niemand zu verteidigen braucht, den gibt es nämlich schon ein paar Millionen Jahre länger als den  globalen Kapitalismus, aber sei’s drum, es klingt gut und noch jede deutsche Massenbewegung muss, will sie zumindest partiell erfolgreich sein, ihren Antikapitalismus mit Friedenssehnsucht zu synthestisieren verstehen.

Am Ende wollen sie immer nur den starken Souverän, weshalb ihnen ein Wolfgang Schäuble auch gleich seine Sympathien bekundet und die Kollegen in den USA, von denen man das ganze Spektakel nur abgekupfert hat, eigene Ideen pflegen deutsche Erweckungsbewegungen in der Regel nämlich nicht zu entwickeln, haben zudem ein, gelinde gesagt, virulentes Antisemitismusproblem, wie Seth Weiss schon vor einiger Zeit in einem Artikel für die Marxist-Humanist Initiative bemerkte, eine Bobachtung, deren Richtigkeit von dieser Dame leider eindrucksvoll bestätigt wird:

(Und hier hat dankenswerterweise der Betreiber des Blogs “Reflexion” sich der Mühe unterzogen, einen etwas genaueren Blick auf die Demonstrationen und Demonstranten der letzten Tage zu werfen.)

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