Schlüppis
Kürzliche Beiträge
4. April 2012, 18.41 Uhr:

Breaking News! Exklusiv! Das echte Grass-Gedicht

von Jörn Schulz

Sie haben sich wahrscheinlich schon gedacht, dass das angeblich von Grass stammende Gedicht nicht wirklich von einem Literaturnobelpreisträger geschrieben worden sein kann. Aus Versehen hat die Sekretärin die Prosavorlage von Ali Khamenei verschickt. Unserem Sonderkorrespondenten gelang es, das echte Gedicht  zu ergattern:

 

Den Helmut Schmidt lädt jeder ein

Nur mich hören will kein Schwein

Nicht Beckmann und nicht Anne Will

Drum bin ich nun nicht länger still

 

So weiß ich noch aus alter Zeit:

Der Jude ist zum Krieg bereit!

Dann kam der Führer, und auch ich

Bis heimlich ich mich davonschlich

 

Nun gibt’s den Mann in Teheran

Der hat Uran und reichert’s an

Dieser Mann kennt die Geschicht’

Den Holocaust, den gab es nicht

 

Und warum darf das niemand sagen?

Weil die Juden immer klagen!

Doch macht mit dem Verdruss

der Ahmed Jihad endlich Schluss!

 

Doch halt! Ich wollt’ natürlich sagen:

Für Frieden tut er sich abplagen

Und gäb’s nicht dieses Israel

Ging’s mit dem Frieden ja ganz schnell

 

Die Juden haben jetzt auch Waffen

Und können umso besser raffen

U-Boot von uns! Wie ungeheuer!

Dafür zahl’ ich doch keine Steuer!

 

Wird der Mahmoud es auch vergeigen?

Der Arier darf nicht länger schweigen.

So sitz’ ich hier in meinem Wahn

Vielleicht ruft Anne Will mich an.

 

 

 

 

 

1. April 2012, 13.56 Uhr:

Normalität und Barbarei

von Thomas von der Osten-Sacken

Nicht nur in der so genannten bürgerlichen Presse reagieren Feuilleton und politischer Kommentar nach jedem Massaker mit dem selben Reflex: wie konnte nur jemand, der doch ganz angepasst lebte so etwas in “unserer Mitte” tun? Mohammed Merah, der jüngste in einer langen Reihe von Mördern völlig Unbeteiligter und Unschuldiger, sei eigentlich doch so sanft gewesen, ein netter Kerl, heißt es nun.

Ähnliche Gedanken macht sich vielmehr auch Marcel Malachowski in der Jungle World:

»Sanft und freundlich« und »ein sehr netter Kerl« sei Mohammed Merah gewesen, sagten seine Nachbarn der Presse. Was angesichts seiner barbarischen Morde absurd erscheint, könnte auf die Charakterstruktur eines Amokläufers deuten. Auch viele »unpolitische« Kapitalverbrecher wie der »Maskenmann« Josef Fritzl oder Wolfgang Priklopil, der Entführer von Natascha Kampusch, errichten eine bürgerliche Fassade, um im Verborgenen ihre sadistischen Vorlieben befriedigen zu können. Bei Merah scheint der Wunsch nach der Vernichtung anderer und seiner selbst erst während der bewussten Partizipation an einem halbwegs bürgerlichen Leben entstanden zu sein.

Rudolf Höß war auch ein liebenswerter Familienvater, ein wenig streng vielleicht, pflegte seine Villa in Sichtweise der Krematorien und legte Wert auf einen schönen Garten, in den Worten von Martin Boszat ein “durschnittlicher Kleinbürger” eben. Dass es  “ganz gewöhnliche” Menschen waren, die Ausschwitz erst ermöglicht haben, verleitete einen in meiner Jugend noch, also in den 80er Jahren, bevor die Biologie sie endgültig erledigte, sich unwillkürlich bei jedem älteren Herren, der einem in der Bahn gegenübersaß, zu fragen, was er wohl zwischen 1933 und 45 so getrieben habe. Was gemeinhin bürgerliches Leben genannt wird, kann, wie Sigmund Freud schon bevor die Lager in Betrieb gingen, schrieb, jederzeit umschlagen, der Forschritt sei in der Moderne ein Bündnis mit der Barbarei eingegangen.

Wenn es so etwas gibt, wie eine Lehre aus dem 20. Jahrhundert, dann die, dass nicht die Unangepassten und Außenseiter, die auffälligen Neurotiker oder Perversen es sind, die zu Massenmördern werden, sondern die vermeintlich ganz Normalen. Und um einen Begriff von Normalität zu bewahren, ohne den Alltag so nicht mehr möglich wäre, muss nach jeder Tat, die so erstaunlich, wie alle dann tun, eben nicht war, ein angeblicher Widerspruch zwischen bürgerlicher Existenz und barbarischer Gewalttat rekonstruiert werden.

Wer, zwar in apologetischer Absicht, schreibt, Osama bin Laden sei doch ein fürsorgender Familienvater gewesen, eine Äußerung über die sich so heftig echauffiert wurde, ist der Wahrheit viel näher, als vielen lieb ist. Warum soll deshalb Mohammed Merah nicht ein “ganz netter Kerl” gewesen sein, Mohammed Atta ganz unauffällig in Hamburg gelebt oder Breivik alten Damen über die Straße geholfen haben?

Sind sie dehalb keine Verrückten, oder spielt es, wie Alan Posener meint, keine Rolle, ob sie verrückt sind? Natürlich sind sie es, selbst gemessen an den Maßstäben einer Welt, in der täglich Kinder verhungern, obwohl genug zu Essen für alle da ist, und in der täglich die Möglichkeit besteht, den Planeten atomar zu zerstören, um nur zwei Ungeheuerlichkeiten zu nennen. Wer lachend Jugendliche auf einer Insel abknallt oder sich selbst dabei filmt, wie er Kinder exekutiert, muss selbst in diesem alltäglichen Wahnsinn noch als verrückt bezeichnet werden. Nur hilft diese Erkenntnis so wenig, wie das angedrehte Staunen, dass die Täter ja eigentlich zuvor ihrer Umwelt ganz normal erschienen. Sie waren es nämlich. Ob es sich um Islamisten oder autochthone Nazis handelt, spielt da gar keine so große Rolle; der vermeintlich so fremde und unzivilisierte Orientale hat sich nämlich, auch wenn er zum Massaker schreitet, inzwischen völlig an diese Moderne assimiliert.

Zum Scheitern verurteilt ist deshalb auch jeder noch so gut gemeinte Versuch, Zivilisation oder, in den Worten von Malachowski , den “Möglichkeitsreichtum der Moderne", affirmativ gegen solche Barbarei zu verteidigen. Im politischen Alltag bietet sich allerdings kaum eine andere Alternative.

Im Gegensatz zu unseren schwäbischen und sächsischen Mitbürgern sind die meisten jener, die Kiezdeutsch sprechen, auch in der Lage, Hochdeutsch zu sprechen. Und während die Baden-Württemberger auch noch stolz auf die Unfähigkeit zu korrekter Artikulation sind und trotzdem als musterhafte Bürger anerkannt werden, haben die Kiezdeutsch-Sprecher weiterhin mit Vorurteilen zu kämpfen. Zu unrecht, denn Jungle-Leser wissen bereits seit Jahren, „dass Kiezdeutsch nicht länger als gebrochenes Deutsch bezeichnet wird. Denn Kiezdeutsch ist nicht bloße Reduktion von Grammatik, sondern der produktive Ausbau von Optionen, die das grammatische System des Deutschen bietet“. Auch um eine Migrantensprache handelt es sich, anders als beim Prenzlauer-Berg-Schwäbisch, nicht, und kreativer sind die Kiezdeutsch-Sprechenden auch noch.

Nun ist die Botschaft auch bei Spiegel online angekommen, dessen Quiz auch darüber aufklärt, dass es einen Unterschied zwischen dem Satzbau Yodas und dem Kiezdeutschen gibt. Doch das Kiezdeutsch erregt den Unwillen mancher Leser: „Die Schwaben und Bayern sind deutsche Volksstämme und haben deshalb ihren eigenen Dialekt. Kiezdeutsch, besser wäre Türkendeutsch, steht für mangelnde Integrationsbereitschaft.“ Es gibt aber auch ernstzunehmende Einwände gegen die Mundart an sich: „Mal ehrlich - welcher Bayer oder Schwabe oder gerade auch Sachse wird mit seinem Dialekt im Rest der Nation ernst genommen?“

Aber so erging es einst auch den Cockney-Sprechenden: “The Cockney mode of speech, with its unpleasant twang, is a modern corruption without legitimate credentials, and is unworthy of being the speech of any person in the capital city of the Empire.” 2008 aber kam Cockney unter den britischen “coolest accents” immerhin auf den vierten Platz. Gerade auch dem Sächsischen wird das nie passieren.

Übrigens habe ich den Begriff „Yalla“ bereits Ende der achtziger Jahre in die deutsche Sprache eingeführt, wobei es im Schulzdeutsch neben dem Imperativ („Yalla!“, Los geht’s) auch die Frageform („Yalla?“, Wollen wir gehen?) gibt. Aber das nur nebenbei. Jetzt isch geh Asia-Imbiss.

26. März 2012, 01.41 Uhr:

Der zeitgenössische Klang der Barbarei

von Thomas von der Osten-Sacken

Europa im neuen Jahrtausend ist, wenn nach dem nächsten sinnlosen Massaker an völlig Unbeteiligten und Unschuldigen, das nur die Kehrseite des geschichtsvergessenen und bigotten Geschwätzes vom Abendland, seinen Werten und seiner Friedfertigkeit ist, je die eine Hälfte aufatmet: Die selbsternannten  Verteidiger Europas gegen die islamische Bedrohung, war es der Islamist von nebenan, der zwar so europäisch und angepasst gewesen ist, wie nur ein Mohammed Atta es sein konnte; die Anhänger von kultureller Partikularität und moralischem Relativismus, entpuppt der Täter sich als ganz autochthoner Nazi. Bis die Polizei kund tut wer’s denn war in Oslo, Toulouse oder Thüringen trauert man nicht etwa um die Opfer oder stellt die Verfasstheit von Gesellschaften in Frage, in denen solcher Terror sich mit monotoner Regelmäßigkeit ereignet,  sondern fürchtet mit angehaltenem Atem, dass die Motivation des Täters einen in Erklärungsnot bringen könnte. Das hörbare  Aufatmen, das danach folgt, ist der zeitgenössische Klang der Barbarei.

23. März 2012, 08.59 Uhr:

Der Bundespräsident und die Relativierung des Holocaust

von Thomas von der Osten-Sacken

Bundespräsidentenwahlen und Bundespräsidenten sind periodisch wiederkehrende Ereignisse, die man in etwa so dringend braucht wie Zahnschmerzen. Und doch, jedes Mal entzündet sich an ihnen eine sinnsaugende Feuilleton-Debatten. So auch wieder geschehen bei Joachim Gauck. Man mag hier gar nicht auf all die Hymnen verlinken, die über ihn in den letzten Tagen zu Papier gebracht wurden, und wofür er stehe, was dieses Jahrhundertereignis nun für die Berliner Republik, den Protestantismus, die Demokratie, die Zukunft Europas und die Debattenkultur  alles bedeute, ja wie nachhaltig es das Gesicht der Republik verändern werde.

Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Zentrum hat einen der wenigen lesenswerten Artikel über das ganze Spektakel geschrieben, und wer ihn liest, versteht vielleicht ein wenig besser, warum der Rest so begeistert von Gauck ist. Der, erklärt Zuroff, habe nämlich als einzig prominenter Deutscher im Jahre 2008 die Pager Erklärung unterschrieben, in der es unter anderem heißt “Europe will never be united unless it is able to reunite its history [and] recognize Communism and Nazism as a common legacy”.

Über die daraus folgenden Konsequenzen schreibt Zuroff:

By elevating Communist crimes to the hallowed status of genocide, however, the signers of the Prague Declaration hope to shift the focus from the mass murder of Jews during the Holocaust to the suffering of East Europeans under the yoke of Communism, thereby transforming perpetrator-nations into countries of victims. Even better, the assessment of Communist crimes as genocide would allow East Europeans to counter the accusations against them for Holocaust crimes by creating a false symmetry between their criminals and Jews who committed crimes against them in the service of Moscow. The fact that the former were motivated by ultra-nationalistic patriotism, while the latter’s motivation was a direct result of their decision to sever their ties with the Jewish community would of course be ignored by those positing this ostensibly meaningful equation. And if the guilt for such horrific crimes cuts across all national and religious lines, the criminals need not fear being held accountable for their crimes, since if practically everyone is guilty, ultimately few, if any, will ever be brought to justice.

A close look at the practical steps called for by the Prague Declaration makes crystal clear how problematic its adoption would be. Thus, for example, it calls for August 23, the date of the Molotov-Ribbentrop non-aggression pact, to be designated as a joint memorial day for all victims of totalitarian regimes. The choice of this date clearly implies that the Soviet Union and Nazi Germany are equally to blame for the atrocities of World War II, as if the regime which conceived, built, and operated the Auschwitz-Birkenau death camp is just as guilty as the country whose troops liberated that center of industrialized mass murder and stopped the killing. Were this proposal to be accepted — and several declaratory resolutions supporting it have already been passed in European forums — Holocaust memorial day will soon be a relic of the past.

Und kommt zu dem Schluss:

His public stance and pronouncements will have a strong influence on the direction Germany will take in the coming years vis-a-vis Holocaust-related issues and their significance in both local and universal terms. Joachim Gauck’s signature on the Prague Declaration is an ominous and very dangerous sign that he is likely to lead the Federal Republic in a different direction than hereto pursued. Instead of building on the foundation of Germany’s to a large extent successful, even if far-from-perfect, confrontation with its Nazi past, he is likely to strengthen those voices which seek to de-emphasize the importance of the Holocaust in German history and consciousness. Instead of serving as a model for the countries of post-Communist Eastern Europe, which have hereto utterly failed to confront their bloody records during World War II, he is likely to strengthen their tendency to flee responsibility and wallow in their victimhood, a stance which would be a tragedy first and foremost for them, but also for Germany — not to mention the negative consequences for the future of Europe.

It is precisely for these reasons that Gauck appears to be the wrong person to assume that lofty post at this important point in time.

21. März 2012, 13.18 Uhr:

The day Europe died

von Thomas von der Osten-Sacken

Yigal Walt über den 19. März:

Monday, March 19th will be remembered as a dark day for Europe. That day, it crossed the “point of no return,” as long years of political correctness and currying favor with the Arab world prompted the final burial of the continent’s liberal discourse, which has become a twisted, meaningless absurdity.

The events of the day did not come from nowhere. After all, this is the same Europe where a German opposition leader slams “Israeli apartheid,” where officials call for boosting Arab control in Jerusalem and blacklisting settlers, and where Europe’s foreign policy chief expresses concern for a hunger-striking

And still, all records were broken Monday, with the slippery slope turning into a deep, dark pit; indeed, the time has come to say goodbye to the Europe we once knew. (…)

Yet while still overcoming the initial shock, a more painful blow arrived when four innocents, including three children, were murdered in cold blood outside a Jewish school in France. One of the most dreadful moments on that sad day soon followed, when her majesty Catherine The EU’s foreign policy chief, condemned the massacre while making note of children dying in Gaza. Such disgraceful equation reflects an incredibly twisted value system coupled with total blindness in the face of global and Mideastern reality. A member of the French Jewish community expressed this well when he told Ynet: “Where did she draw this comparison? How can you compare the despicable murder of a man who confirmed the kill of an eight-year-old girl to children killed in Gaza? How low have we reached?”

It is no wonder that Hamas rushed to praise Ashton for her statements, thereby highlighting Europe’s moral confusion. At the same time, a citation from Hamas may serve as a badge of honor in contemporary Europe.

20. März 2012, 10.45 Uhr:

Dresden und die Kinder der 3. Welt vergessen

von Thomas von der Osten-Sacken

Catherine Ashton hat in ihrer Aufzählung, in der sie faktisch das Vorgehen des israelischen Staates in Gaza mit den Taten des Massenmörders Breivik und den Massakern von Assads Shabiba Milizen gleichsetzt, und damit vorläufig europäische Äquidistanz und Ignoranz auf einen neuen Höhepunkt bringt, Dresden vergessen. Wir sollen jetzt unbedingt auch noch all der Kinder gedenken, die den alliierten Luftangriffen zum Opfer gefallen sind, ja überhaupt, nach den antisemitischen Morden in Toulouse sollten wir jetzt ganz doll an die vielen armen und leidenden Kinder in aller Welt denken. So wie es nach 9/11 , als die Türme gerade in sich zusammenfielen, ja auch unbedingt der richtige Zeitpunkt war, sich über den  Hunger in der 3. Welt zu empören:

“When we think about what happened today in Toulouse, we remember what happened in Norway last year, we know what is happening in Syria, and we see what is happening in Gaza and other places,” Ashton said on the sidelines of a meeting of Palestinian youths in Brussels.

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