Herrschaftskritische Sommeruni
Missy Magazin
Kürzliche Beiträge
9. Mai 2013, 01.12 Uhr:

Boycott yourself

von Thomas von der Osten-Sacken

Heute machte es Schlagzeilen. Stephen Hawking, schließt sich, scheinbar ist das gerade in Großbritannien mächtig en vogue, der unseligen  Boykott-Kampagne gegen Israel an und nimmt, auch weil palästinensische Kollegen ihm dies dringend geraten hätten, nicht an einer Konferenz in Jerusalem teil.

Die Reaktion von Nitsana Darshan-Leitner, der Direktorin des Shurat HaDin – Israel Law Center:

“His whole computer-based communication system runs on a chip designed by Israel’s Intel team. I suggest that if he truly wants to pull out of Israel, he should also pull out his Intel Core i7 from his tablet.”

8. Mai 2013, 16.34 Uhr:

Freimütige Deppen-Parade

von Jörn Schulz

Wer das Bild des Blutsaugers am gesunden Volkskörper beschwört, also etwa Jürgen Trittin „Graf Dracula für den Mittelstand“ nennt, bewegt, sich, milde ausgedrückt, in gefährlicher Nähe zu antisemitischen Ressentiments. Wenn er ein ernstzunehmender Erwachsener ist. Aber wir sprechen von Rainer Brüderle und seiner Comedy-Truppe. Nun wurde das ohnehin dürftige Niveau der deutschen Comedy hier noch einmal unterboten, aber das Dargebotene muss ja für die Anwesenden verständlich sein. Das Projekt 18 wurde oft fehlinterpretiert, in Wahrheit soll es die Hoffnung der FDP-Mitglieder ausdrücken, dass sie irgendwann doch noch erwachsen werden. Das Kasperletheater war also dem Anlass angemessen.

So gab Philipp Rösler Auskunft über seinen literarischen Horizont und nannte Jürgen Trittin „den bösen Räuber Hotzenplotz für alle in Deutschland“. So, dem bösen, bösen Jürgen haben wir es aber gegeben. Und nun muss der kleine Träumer schnell ins Bett. Weil der Philipp so brav war, liest ihm der Onkel Rainer noch eine Gute-Nacht-Geschichte vor, falls er noch nüchtern genug ist. Aber, lieber Philipp: bis zur Bundestagswahl 2017 lesen wir auch mal was Anspruchsvolleres, nicht wahr? Vielleicht wagen wir uns sogar an ein Buch von Karl May heran? Immer schön fleißig lernen, dann darfst du das Taka-Tuka-Land regieren, wenn du mal groß bist!

Die skurrile Veranstaltung lässt nicht nur Sorge aufkommen, ob für die FDP-Abgeordneten genug Kita-Plätze vorhanden sind, falls sie im Bundestag nicht mehr unterkommen. Man fragt sich auch, wie die FDP und ihr Spitzenpersonal in die Welt der Märchen, Mysterien und Schauergeschichten einzuordnen wären. Brüderle erinnert mich ja ein wenig an den Froschkönig, obwohl ich bezweifle, dass er sich in einen Prinzen verwandelt, wenn man ihn an die Wand wirft. Aber als der „garstige Frosch“ aufdringlich wurde, fürchtete sich die Königstochter „vor dem kalten Frosch, sie getraute sich nicht ihn anzurühren und nun sollte er bei ihr in ihrem Bett liegen, sie fing an zu weinen und wollte durchaus nicht“. Das erinnert doch irgendwie an eine im Stern beschriebene Episode aus dem Leben Brüderles. Das Märchen endet übrigens mit einer Zwangsheirat auf Befehl des Königs. Da haben Sie nochmal Glück gehabt, Frau Himmelreich, dass Deutschland keine Monarchie mehr ist!

Wendet man sich der Welt der modernen Märchen zu, könnte man die FDP als Jar Jar Binks betrachten: sie stolpert von Panne zu Panne und redet nur wirres Zeug, aber am Ende sitzt sie dennoch im Parlament und entscheidet sogar, welche Vollmachten der Kanzler hat. Da die Partei aber ohne Zweifel der dunklen Seite der Macht verfallen ist, sollte man Parallelen wohl eher in der Welt der Untoten suchen. Man könnte die FDP als Zombie betrachtet: Niemand kennt den Grund ihrer Existenz, niemand weiß, warum sie den Menschen das Hirn aussaugen will, aber ihre Grauen erregende Präsenz ist nicht zu leugnen, und sie ist einfach nicht totzukriegen.

6. Mai 2013, 12.43 Uhr:

Des einen Freud, des anderen Leid

von Jörn Schulz

Endlich sagt es mal einer. Es ist ja keine ganz neue Nachricht, dass es einen Zusammenhang zwischen reaktionärem Geschwätz und Sexualneurosen gibt, aber es ist doch schön, dass man sich bei der „Achse des Guten“ nun endlich zur Kastrationsangst bekennt.

4. Mai 2013, 12.30 Uhr:

"Gib Gas" im Herzen Europas

von Thomas von der Osten-Sacken

“Ungarn - Das Land im Herzen Europas” - so wirbt ein Reiseveranstalter. Aus diesem Herzen  berichtet Pusztaranger:

Die ursprünglich per Dekret von Viktor Orbán verbotene “antizionistische” Jobbik-Gegendemo zur Jahresversammlung des Jüdischen Weltkongresses in Budapest darf morgen doch stattfinden. Das Hauptstädtische Verwaltungs- und Arbeitsgericht hat das Verbot der Polizei außer Kraft gesetzt. Der Demo wollen sich auch die Jobbik-nahen “National gesinnten Biker” anschließen, deren Motorradkorso “Gib Gas!” zur Holocaust-Gedenkveranstaltung “Marsch des Lebens” ebenfalls per Dekret von Viktor Orbán verboten wurde. (…)

Tatsächlich hat allem Anschein nach der noch funktionierende ungarische Rechtsstaat (?) aktuell dafür gesorgt, dass rassistische und antisemitische Parolen im öffentlichen Raum ungehindert verbreitet werden können:

Die ursprünglich verbotene “antizionistische” Jobbik-Gegendemo zur Jahresversammlung des Jüdischen Weltkongresses in Budapest darf morgen doch stattfinden. Das Hauptstädtische Verwaltungs- und Arbeitsgericht hat das auf Veranlassung von Viktor Orbán erfolgte Verbot der Polizei heute außer Kraft gesetzt. (atv) Der Ministerpräsident hat sich deswegen an den Innenminister und an das Oberste Gericht gewandt. (Magyar Hirlap)

 

3. Mai 2013, 17.36 Uhr:

Breaking News: Die Wahrheit über die S-Bahn-Anschläge

von Jörn Schulz

Folgendes Abhörprotokoll, aufgenommen offenbar in den vergangenen Tagen in der Vorstandsetage der Deutschen Bahn AG, wurde der Redaktion zugespielt. Zu erkennen sind die Stimmen von Rüdiger Grube, dem Vorstandsvorsitzenden, und Volker Kefer, Vorstand für Technik, Systemverbund und Dienstleistungen.

Grube: „So geht das nicht weiter. In Berlin ist schon wieder alles zusammengebrochen bei der S-Bahn. Mit dem Schneefall können wir uns diesmal nicht herausreden. Und mit der Hitze auch nicht. Was sollen wir tun?“
Kefer: „Vielleicht sollten wir doch die Züge hin und wieder warten. Sie wissen schon: ‚an efficient service provider of local and regional transport in and around Berlin…’”
Grube: „Für blöde Witz ist die Lage zu ernst. Aber wenn wir den Wowi mit zwei Flaschen Champagner abfüllen, vielleicht übernimmt er dann die Verantwortung. Dem kann doch jetzt eh alles egal sein…“
Kefer: „Selbst wenn, dem glaubt doch keiner mehr was, noch nicht einmal, dass er an irgendwas die Schuld hat.“
Grube: „Hmm. Also was anderes. Starker Pollenflug verstopfte die…nee, ist wohl nicht so gut. Ist nicht wenigstens in Island ein Vulkan ausgebrochen? Aus Sicherheitsgründen musste nach dem Ausbruch des Römpömpömpöm der Bahnverkehr eingestellt werden, weil… weil…“
Kefer: „Wir geben den Chaoten die Schuld!“
Grube: „Also wissen Sie, so redet man doch wirklich nicht über seine Vorstandskollegen.“
Kefer: „Nein, nein, ich meine doch die Linken. Wir schreiben sofort einen Bekennerbrief. Wir fangen an mit Mexiko!“
Grube: „Mexiko?“
Kefer: „Ja, Mexiko: ‚Der Tag, der Tag war, wurde Nacht, und die Nacht wird der Tag sein, der Tag sein wird.’”
Grube: „Hää?“
Kefer: „Die Erde dreht sich.“
Grube: „Ach so.“
Kefer: „Kryptischer Anfang. Das ist wichtig. Wirkt geistreich. Und dann weiter: ‚Wir unterbrechen mit unserer Aktion den Fluss der Mobilität und der Telekommunikation und damit den für Kapitalverwertung und Profitmaximierung notwendigen dynamischen Zustand, der die Menschen als Material mit Konsumenten- und Produzenteneigenschaften notwendigerweise eingewoben hält im beschissenen Gesamtzusammenhang.’“
Grube: „Aus dieser Perspektive habe ich unsere Arbeit noch nie betrachtet. Hmm. Da könnte was dran sein. Aber sollten wir das so offen sagen? Ich glaube, an der Börse kommt das nicht gut an.“
Kefer: „Herrrr Grrube, wir unterschreiben das doch nicht selbst!“
Grube: „Ach ja, richtig. Aber wer unterschreibt dann?“
Kefer: „Na, ein isländischer Vulkan natürlich!“
Grube: „Häää?“
Kefer: „Hab ich doch gesagt: Kryptisch muss es sein, damit die Leute es nicht kapieren und glauben, es sei geistreich. So wie in: ‚Der Einklang der drei Dimensionen Ökonomie, Soziales und Ökologie findet sich nun auch im Leitbild wieder.’ Kein Mensch weiß, warum Ökonomie, Soziales und Ökologie auf einmal Dimensionen sein sollen und was man sich unter so einem Einklang der Dimensionen vorzustellen hat, aber es klingt harmonisch und die Leute glauben, wir hätten uns was dabei gedacht.“
Grube: „OK, kommt das auch in diesen Bekennerbrief?“
Kefer: „Besser nicht, das steht schon auf unserer Homepage. Also, Vulkan Grimsvötn, es muss ja diesmal ein anderer sein…“
Grube: „Was, Sie haben das schon mal gemacht? Ohne Absprache?“
Kefer: „Dafür war keine Zeit, aber hören Sie doch mal: ‚Es liegen Mehrfachsicherungen vor. Bei technischen Störungen werden alle Signale auf rot gestellt. Zudem ist das Signal als solches auch bei Stromausfall erkennbar, z.B. als Tafel. Für solch einen Fall sind klare Regeln vorgeschrieben. Ohne Erlaubnis vom zuständigen Fahrdienstleiter darf nicht weiter gefahren werden. Den LokführerInnen stehen zur Sicherheit zwei Kommunikationswege zu ihrer Verfügung (Funk und Diensthandy). Fallen beide aus, weil es einen Totalausfall der internen Kommunikation gibt, darf kein Zug mehr weiterfahren. Der hintere Anschnitt wird automatisch gesperrt. Züge können nicht aufeinander auffahren. Ohne Erlaubnis wird nicht mehr gefahren.’“
Grube: „Das hätte ich nicht schöner formulieren können.“
Kefer: „Ja, aber wer hätte Ihnen das geglaubt? So etwas nennt man Guerilla-Marketing.“
Grube: „Das könnte unser neuer Werbeslogan werden: Ob Krieg, ob Sturm, ob gar Vulkan - immer sicher in der Bahn.“
Kefer: „Es sei denn, sie fährt ausnahmsweise.“
Grube: „Noch so ein blöder Witz, und Sie werden zu Berlin Brandenburg Airport versetzt!“

30. April 2013, 19.14 Uhr:

Moralische Läuterung

von Jörn Schulz

Der Kirchentag hat begonnen: „Das ist ein Epochenwandel. Die Krise des Kapitalismus mündet in die Katharsis. In die moralische Läuterung. Es ist nicht zu einem äußeren Umsturz der Verhältnisse gekommen, aber zu einem inneren.“ Streng genommen stammt das Zitat von Jakob Augstein, aber die Pfaffen werden es schwer haben, dieses pastorale Geschwafel zu überbieten.

Die Eröffnunsgpredigt hält Andreas Barner, Vorsitzender der Unternehmensleitung von Boehringer Ingelheim, über die Losung „Soviel du brauchst“. Ich wette, das hat er noch nie einem Gewerkschafter bei Tarifverhandlungen gesagt. Aber zu so einem Kirchentag gehört eben das „Gespräch mit der Wirtschaft (gemeint sind die Unternehmer) in der Hamburger Tradition des ‚ehrbaren Kaufmanns’ ebenso wie der Austausch mit den Gewerkschaften“, die sich übrigens in Hamburg zu einer „Brückenveranstaltung“ mit der evangelischen Kirche treffen, obwohl diese nicht einmal das kapitalistische Arbeitsrecht anerkennt.

Die Losung spielt auf eine Episode des Exodus an, und es gibt auch ein Lied, das die theologisch etwas eigenwillige Interpretation vorgibt: „Es geht um das richtige Maß. Die Israeliten sollen sich nehmen, so viel sie brauchen. Doch – es geht ihnen wie den meisten – das, was der Mensch wirklich braucht, weiß er gar nicht so genau. Geschweige denn, was der oder die Andere wirklich braucht. Und so nehmen die einen viel, die anderen wenig. Folge: Das, was zu viel ist, verdirbt. Den Charakter übrigens auch. Quintessenz: Das, was du wirklich brauchst, gibt Gott überreichlich und täglich neu“, meint Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck.

Tatsächlich sagt die Bibel, dass beim Sammeln alles klappt. Aber viele glauben nicht, dass sie am folgenden Tag wieder Brot finden werden und heben sich sicherheitshalber etwas auf. Deshalb, und nur deshalb lässt Gott das Brot über Nacht vergammeln, während es im gleichen Zeitraum nicht verdirbt, wenn der kommende Tag Sabbat ist. Gescholten werden dann jene, die auch am Sabbat Brot suchen, obwohl Moses gesagt hat, dass sie keines finden werden. Es geht also nicht um Gier, sondern um Gehorsam: „Da sprach der HERR zu Mose: Wie lange weigert ihr euch, zu halten meine Gebote und Gesetze?“ Offensichtlich ist auch, dass der Brotsegen nicht einfach so daherkommt, sondern weil „der HERR euer Murren gehört hat“ und einen Aufstand gegen Moses und den Heilsplan verhindern will.

Die Episode stammt aus einer Zeit, in der man mit Gott noch Tarifverhandlungen führen konnte, übrigens mit größeren Erfolgsaussichten als heute mit der Diakonie. In normalen Zeiten aber konnten die Juden nicht mit Manna rechnen, die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens kommt erst bei Jesus auf: „Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen sollt, auch nicht für euren Leib, was ihr antun sollt.“ Aber das wäre wohl etwas zu viel Katharsis, stattdessen predigt Hans-Nissen Andersen, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft: „Bei aller Wichtigkeit der Marktwirtschaft, darf es keinen Gewinn um jeden Preis geben, kein Gewinn auf Kosten Schwächerer, der Umwelt oder unserer Menschlichkeit. Letztlich sind wir alle, Unternehmen und Mitarbeitende dem Gemeinwohl verpflichtet.“ Sie können es also doch so gut wie Augstein. Wir aber sollten die Losung zum Anlass nehmen, beharrlicher zu Murren und auch mal mit einem Aufstand zu drohen, denn siehe, auf einmal klappt es doch mit den übertariflichen Zulagen.

22. April 2013, 22.56 Uhr:

Durchbrennen in Somlia

von Thomas von der Osten-Sacken

Aus Somalia berichtet Abdi Guled, dass es wieder so etwas wie ein wenig Hoffnung auf Besserung gibt, dank den Truppen der Afrikanischen Union:

Seit die islamistischen Rebellen der Al-Shabaab-Miliz aus den meisten somalischen Städten vertrieben wurden, normalisiert sich das Leben dort wieder. Unter der Herrschaft der Miliz, die das islamische Recht der Scharia streng auslegt, war heiratswilligen Paaren das Durchbrennen unter Androhung von Peitschenhieben oder der Steinigung verboten. Nun gilt wieder eine tolerantere Form des Islams, und junge Paare wagen es wieder, sich den Wünschen ihrer Familien zu widersetzen und durchzubrennen, um den Partner des Herzens zu heiraten.

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