Schlüppis
Neues Deutschland wird 70
Kürzliche Beiträge
7. März 2013, 17.03 Uhr:

He'll be back

von Jörn Schulz

Es kommt vor, dass Jürgen Elsässer richtig liegt. Seine „Vier Thesen zur bleibenden Bedeutung von Hugo Chavez“ fassen treffend zusammen, was den venezolanischen Staatschef auszeichnete. In der Bewertung muss man Elsässer ja nicht folgen.

„Gläubiger Christ und überzeugter Marxist – das war für ihn kein Widerspruch.“ Tatsächlich hat Chávez bewiesen, dass jemand, der ostentativer frömmelte und sich häufiger auf Gott berief als George W. Bush, für einen Linken gehalten werden kann.

„Er versöhnte Volkseigentum und Privatbesitz.“ Selbst im Ölsektor blieb die Verstaatlichung hinter dem Niveau Saudi-Arabiens, das gemeinhin nicht als linker Staat gilt, zurück, und die Rechten von Fox News ließen sich nicht täuschen: „In fact, the private sector still controls two-thirds of Venezuela’s economy — the same as when Chavez was elected in 1998, according to estimates by the Central Bank.“ Nur viele Linke glauben an den “Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, versöhnt hat Chávez also einen beachtlichen Teil der Linken mit dem Kapitalismus.

Reform? Revolution? Chávez kann es besser: „Mit dem Militär im Rücken zum Präsidenten gewählt werden, und alle weitere Schritte der Umgestaltung über Volksentscheide durchsetzen und absichern.“ Wer geglaubt hatte, mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus sei klar geworden, dass linke Politik immer etwa mit Basisdemokratie, Selbstverwaltung und gesellschaftlicher Emanzipation zu tun haben müsse, wurde durch Chávez und seine Fans belehrt: Stillgestanden! Das Denken einstellen! Zur Urne vorwärts marsch!

Und nicht zuletzt: „Er versöhnte die antiimperialistische Linke mit der islamischen Revolution.“ Man kann darüber streiten, ob das wirklich noch nötig war. Aber Chávez leistete weit mehr als profane Versöhnungarbeit, er veränderte die Heilsgeschichte. Das flüsterte offenbar Gott dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zu: „Although Hugo Chavez, is no longer among us today, I am sure that his innocent spirit has ascended to the heavens and will one day return to us with Jesus Christ and will once again help humankind establish peace, justice and kindness.”

Bislang galt für den Erlöser: Es kann nur einen geben! Doch erinnern wir uns des tiefsinnigen theologischen Gesprächs zwischen Chávez und Ahmadinejad im Jahr 2009:
„Chávez: Du hast mir das sehr gut erklärt. Der Imam Nummer… acht!
Ahmadinejad: Zwölf.
Chavez: Zwölf! Ich habe mich nochmal geirrt!
Ahmadinejad: Der achte Imam ist in der Stadt Mashad, da wo wir waren.
Chavez: Ah, da wo wir waren. Danke. Ich denke, ich werde weiterstudieren, sie sehen schon. Gut, der Imam Nummer zwölf, genannt…
Ahmadinejad: Mahdi
Chavez: Mahdi, Mahdi - Mahdi und Christus werden zurückkehren - zusammen, sich an den Händen haltend… Sie werden wiederkommen.“

Da soll noch einer sagen, der Dialog der Kulturen trage keine Früchte. Warum sich mit einem Erlöser begnügen, wenn man auch zwei haben kann? Oder drei, vielleicht sogar…vier? Denn wenn Jesus mit Chávez herniederfährt, braucht ja auch der Mahdi einen Kompagnon. Ein Job für Mahmoud?

Die wahren Propheten finden sich aber natürlich anderswo, nämlich in unseren Redaktionsräumen. In der Jungle World stand schon 2007: “Chávez hingegen ließ sich die Vollmacht erteilen, per Dekret zu regieren, und will über die von der Verfassung vorgesehene Zeit hinaus Präsident bleiben. Wahrscheinlich bis er, wie Lenin, einbalsamiert wird.” Und sehet, oh Ungläubige, diese Prophezeiung erfüllt sich nun.

6. März 2013, 17.54 Uhr:

Furor Teutonicus

von Jörn Schulz

„Drei Höllenfurien sah ich dort alsbald,
Die, blutbefleckt, g’rad’ aufgerichtet, stunden,
Und Weibern gleich an Haltung und Gestalt,
Mit grünen Hadern statt des Gurts umbunden,
Mit kleinern Schlangen aber, wie mit Haar,
Und Ottern rings die grausen Schläf’ umwunden.“

So stellt sich Joachim Gauck vermutlich Feministinnen vor, die gerade einen unschuldigen Brüderle verschlungen haben. Die Furien, die Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ schildert, werden meist als Rachegöttinnen bezeichnet, treffender wäre jedoch, sie als Schutzgöttinen oder Göttinnen der Gerechtigkeit zu sehen. Denn sie geraten nicht grundlos in Raserei, Orestes etwa wird von ihnen mit Wahnsinn geschlagen, weil er seine Mutter Klytaimnestra ermordet hat. Ihr Furor ist also immer ein Tugendfuror, und auch wenn die in der Antike üblichen, zuweilen recht rabiaten Methoden der Rechtspflege kein Vorbild für die heutige Zeit sein sollten, ist es eigentlich keine Schande, eine Furie zu sein, sich also über Unrecht zu empören und den Übeltätern zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Seit der römischen Zeit ist allerdings auch der Furor Teutonicus bekannt, die Raserei, mit der sich Barbaren in die Schlacht stürzen, um sich die Zumutungen der Zivilisation vom Leib zu halten. Derzeit findet diese Schlacht in den Kommentarspalten statt: „Herr Gauck bleiben Sie bei ihren Aussagen. Seien Sie standhaft gegenüber diesen tugendhaften Furien!“; „Da kriechen die ‚Kampfemanzen’ im schlechtesten Sinne des Wortes aus ihren Löchern“ usw.

Andererseits sollte man fair sein. Gauck hat das Patriarchat gar nicht geleugnet. „Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen“, sagte er. Und das stimmt wohl. Er kapiert es wirklich nicht, nur sagt das allein etwas über Gauck, aber nichts über die Realität aus. Doch was will man von einem Bundespräsidenten erwarten, der glaubt, eine Fehlhaltung könne Flächen bedecken?

28. Februar 2013, 13.41 Uhr:

Ein Islamophobieexperte

von Thomas von der Osten-Sacken

Der tuerkische Premier Erdogan praesentierte sich in Wien als ganz grosser Islamophobieexperte und plauderte gleich auch noch aus, worum es den Apologeten dieses Begriffes eigentlich geht:

“Just like Zionism, anti-Semitism and fascism, it becomes unavoidable that Islamophobia must be regarded as a crime against humanity.”

UN-Watch stellt fest:

“We remind secretary-general Ban Ki-moon that his predecessor Kofi Annan recognized that the UN’s 1975 Zionism-is-racism resolution was an expression of anti-Semitism, and he welcomed its repeal.” […]

“Erdogan’s misuse of this global podium to incite hatred, and his resort to Ahmandinejad-style pronouncements appealing to the lowest common denominator in the Muslim world, will only strengthen the belief that his government is hewing to a confrontational stance, and fundamentally unwilling to end its four-year-old feud with Israel.”

Derweil Erdogan der Islamophobieexperte noch einmal:

Islam means ‘peace.’ We can never accept arguments that a religion of peace, Islam, encourages or approves terrorism.

27. Februar 2013, 16.47 Uhr:

Jihad an der Zapfsäule

von Jörn Schulz

Im deutschen Staatsbürgerschaftsrecht gilt das Optionsverfahren, Deutsche aus migrantischen Familien müssen sich bis zu ihrem 23. Geburtstag für eine Staatsbürgerschaft entscheiden. Es gibt aber auch noch ein inoffizielles Optionsverfahren: echte Deutsche entscheiden, wer ein Deutscher ist, ohne sich von Belanglosigkeiten wie Recht und Gesetz beeindrucken zu lassen. Dieses Verfahren praktiziert Wolgang Röhl auf der „Achse des Guten“. Es geht um einen wegen einer Schießerei an einer Tankstelle gesuchten Verdächtigen, über den das Hamburger Abendblatt berichtete.

„Der 25 Zeilen lange Bericht erwähnt drei Mal, es handele sich bei dem Gesuchten um einen Deutschen. Typisch deutsch sieht er auf dem abgedruckten Fahndungsfoto der Polizei nicht direkt aus, und sein Name (Nikbakht Shasavand) klingt auch etwas ungewöhnlich. Aber egal. Seine Staatsbürgerschaft ist mutmaßlich eine deutsche, und somit war das Abendblatt aus dem Schneider. Foto und Name gedruckt, wie von der Polizeipressestelle gewünscht, und dennoch keine fiese braune Hetze gegen Migranten abgeliefert – vorbildlich gelöst.“

Vermutlich geht es um den Artikel „Versuchtes Tötungsdelikt am Rothenbaum“, zumindest hat er, zählt man Überschrift und Vorspann mit, 25 Zeilen, und sonst findet sich im Internet nur noch eine Kurzmeldung des Abendblatts über Shasavand. Allerdings wird nur zweimal, einmal im Vorspann und einmal im Artikel, erwähnt, dass Shasavand Deutscher ist. Aber ein echter Deutscher muss nicht bis drei zählen können, um zu wissen, wer kein echter Deutscher ist.

Doch warum verschweigt Röhl den Skandal, dass sogar die deutsche Polizei in ihrem Fahndungsaufruf Shasavand dreist als Deutschen bezeichnet? Werden Polizisten nicht mehr in Rassenkunde unterrichtet? Wenn das der Führer wüsste! Auch fragt man sich, welche Meldung Röhl gerne gelesen hätte. Vielleicht: „Untermenschen immer dreister: Kanakenterror an der Tankstelle“? Hmmm, etwas old school. Besser wohl: „Jihad an der Zapfsäule: Heute zielen sie auf unsere Autos. Morgen greifen sie unsere Atomkraftwerke an.“ Ja, ich glaube, so müsste eine unaufgeregte und ausgewogene Berichterstattung aussehen, die sich nicht dem Gutmenschen-Multikulti-Rechtsstaats-Terror beugt.

26. Februar 2013, 20.08 Uhr:

Vorschlag zu einer EU-Reform

von Thomas von der Osten-Sacken

Nachdem sowohl die Wall Street (der Kapitalismus wird auch immer seltsamer), als auch das deutsche politische Establishment ganz auf den Sieg eines ehemaligen Kommunisten in Italien gesetzt haben, der nur leider nicht von den Italienern, um deren “Zukunftsfestigkeit” (Die Welt) es eben schlecht bestellt ist, so gewaehlt wurde, dass er eine Mehrheit in beiden Kammern erhielt, ein Vorschlag:

Fortan laesst man einfach die Deutschen die Regierungen suedeuropaeischer Krisenlaender waehlen. Denn anders als die Italiener, die sich mal wieder ganz national borniert und “realitaetsfremd” (Die Welt) gezeigt haben, treibt den Deutschen bekanntermassen auschliesslich das Wohl Europas um.

Und schon wuerde die “europaeische Idee", die ja nun als eigentlicher Wahlverlierer ausgemacht wurde, glanzvoll und ganz demokratisch von Sieg zu Sieg schreiten und die Aktienkurse an der Wall Street nicht ob der Nachricht nach unten gehen, dass ein, nun sozialdemokratischer, ehemaliger Kommunist, in einem europaeischen Land nicht das Rennen gemacht hat.

15. Februar 2013, 10.31 Uhr:

Love Commandos

von Thomas von der Osten-Sacken

Aus Indien berichtet die Global Post über “Love Commandos”:

Started in 2010, the Love Commandos rescue and shelter young couples who face threats from their families because they’ve chosen to defy barriers of caste and religion for the sake of love.

Operating a help line, secret shelters, and a kind of underground railroad for India’s Romeos and Juliets, the Love Commandos rescue and protect couples from their parents, the police and, all too often, the courts — as filing false cases of kidnapping and abduction and even rape is one of the angry parents’ first responses to forbidden love.

Fielding an average of 300 calls a day, so far, the group has helped as many as 30,000 couples to marry.

“It is a war against fundamentalists,” said Sachdeva. “It is a war against orthodox people — whether they are Hindus, Muslims, Sikhs, Christians or of any other religion. No religion preaches to hate love.”

7. Februar 2013, 17.33 Uhr:

Jenseits des Dirndls

von Jörn Schulz

Was tut man, wenn man sich wieder ins Gespräch bringen will, ohne das Gespräch auf das Gespräch zu bringen, über das man auf keinen Fall sprechen will? Man macht einen Vorschlag, der sehr bedeutsam klingt. Zum Beispiel: „Rainer Brüderle fordert europäische Mars-Mission“, „Rainer Brüderle fordert Verfassungsänderung“ oder „Rainer Brüderle fordert Syrien-Intervention der Nato“. Da das Thema Syrien zu heikel und der Mars zu fern ist, hat Brüderle sich für die Verfassungsänderung entschieden: „Geldwertstabilität muss im Grundgesetz verankert werden“, fordert die von ihm geführte FDP-Fraktion.

Ich finde ja auch, dass da noch viel fehlt im Grundgesetz, zum Beispiel: „Jeder Bürger hat das Recht auf mindestens neun Monate Sonnenschein im Jahr.“ Aber die FDP meint es offenbar ernst. „Wir haben auch die Schuldenbremse in das Grundgesetz aufgenommen. Die Geldwertstabilität hat gerade in Deutschland eine besondere Bedeutung“, sagte Brüderle. Der finanzpolitische Sprecher Volker Wissing sekundiert: „Das EZB-Statut verpflichtet die Zentralbank, aber nicht die Politik.“ Seiner Ansicht nach wird in den USA „gezielt mit der Inflation Politik gemacht“. Tatsächlich betrug die Inflationsrate im Januar 2013 in den USA 1,7 Prozent, während sie in Deutschland 1,7 Prozent betrug. Aber so sind halt linke Träumer wie Obama, nicht einmal eine anständige Inflation bringen sie zustande.

Ernst nehmen sollte man den Vorschlag trotzdem, denn er gehört zu den Versuchen, wirtschaftliberalen Doktrinen Verfassungsrang zu geben und sie so unangreifbar zu machen. Einen „Plan zum Schutz vor Inflation“ veröffentlichte Brüderle bereits im Herbst. Dort findet sich der schöne Satz: „Die EZB muss als eine von der Politik unabhängige Zentralbank wieder dazu verpflichtet werden, für Geldwertstabilität zu sorgen.“ Die von der Politik unabhängige Notenbank soll also von der Politik zu einer bestimmten Politik verpflichtet werden. Aber die FDP ist auch innovativ: „Jede Erhöhung von Abgaben steigert die Inflation.“ Während sonst die Erhöhung der Geldmenge zu Preissteigerungen führt, kommt es nun zur Inflation, wenn Geld vom Markt genommen wird. Der Kapitalismus als Wille und Vorstellung. Aber was soll’s, besser „Finanzpolitiker zerpflücken Brüderles Inflations-Idee“ als Schlagzeilen wie „Sexismus-Vorwurf: Brüderle schweigt noch immer“.

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Anzeige Transformellae IkeaeRM16

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …