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Kürzliche Beiträge
2. Oktober 2016, 01.47 Uhr:

Pommes, Puller und Pralinen: Land unter

von Jörn Schulz

Man sollte meinen, dass in einem so feuchten Land die Vorzüge des Kellers geschätzt werden. Unser Domizil hat leider keinen, so dass während eines kurzen Unwetters aus einer Bodenklappe Wasser quoll. Des Deichbaus kundige Norddeutsche konnten mit Handtuchwällen das Schlimmste verhindern, mussten allerdings den Feudel schwingen. Der Feudel wurde übrigens nicht von Constantin Feudel erfunden (der war Maler), das Saxophon hingegen von Adolphe Sax (Ist es nicht immer wieder beeindruckend, wie Journalisten elegant von einem Thema zum anderen überleiten?), der Belgier war. Auf die Spuren des Adolphe Sax begab sich ein Redakteur in dessen Geburtsstadt Dinant, einen beschaulichen Ort, der, obwohl Sax anderswo lebte und Instrumente erfand, sehr viel auf das Saxophon hält. Um sein Instrument unter die Leute zu bringen, musste Sax hart kämpfen, aber darüber erfahren Sie am 13. Oktober mehr. Er hat übrigens noch mehr Instrumente erfunden, die sich nicht durchsetzten, was zumindest im Fall der etwas unhandlichen Saxtuba verständlich ist.

Aber natürlich gibt es noch bizarrere Musikinstrumente (Haben Sie’s gemerkt? Wieder eine gekonnte Überleitung!), zum Beispiel bei Hieronymus Bosch. Der war kein Belgier – das Land gab es damals ohnehin noch nicht –, aber nationalistische Kleingeistigkeit spielte (im Gegensatz zu anderen Formen der Kleingestigkeit) in seiner Epoche auch keine Rolle in der Kunst. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung schon, wenngleich schwer zu ermessen ist, wie man vom selbstbewussten Kaufherren, der irgendwann gar auf die unerhörte Idee kam, sich ein Kunstwerk zu leisten, zu den Phantasien Boschs kommt. Die etwas behäbige spätere holländische Malerei, die das Bürgertum in seiner ganzen Pracht zeigt, hat ja einen völlig anderen Stil. Bosch war wahrscheinlich (über sein Leben ist fast nichts bekannt) religiös konservativ und somit kritisch gegenüber dem aufkommenden Luxus, hatte vielleicht etwas von der strengen und asketischen Art Savonarolas, aber auch etwas vom (damaligen) Humanismus. Was er nachts geträumt hat, möchte man gar nicht wissen.

Reizvoll ist natürlich auch Stanislaws Lems Version, der zufolge Bosch aus der Zukunft in eine frühere Zeit verbannt wurde, weil er bei der Neuerschaffung des Universums (oder vielmehr bei der eigentlichen Erschaffung des Universums, aber das lesen Sie bitte selbst bei Lem nach, der Ihnen auch verrät, auf welchem Bild Sie die Zeitmaschine sehen können) gepfuscht hat. Aber man muss wohl eher sagen, dass Bosch jenseits seiner Zeit – und wohl jeder Zeit – steht. Umso erstaunlicher, dass er in seiner Zeit recht populär war.

Der „Garten der Lüste“, das Genälde mit den Musikinstrumenten, ist in Brüssel nicht zu sehen, derzeit aber „Die Versuchung des heiligen Antonius“. Ich will jetzt gar nicht erst versuchen, da etwas zu erklären, jedenfalls ist Boschs Version bizarrer, aber auch subtiler und geistreicher als die ein halbes Jahrtausend jüngere Salvador Dalis (Ein Maler für kiffende Teenies, wenn Sie mich fragen. Müssen Sie aber nicht). Das Thema ist übrigens gar nicht so abseitig, wie der hagiographische Background vermuten lassen könnte, sofern man die religiösen Bezüge nicht wörtlich nimmt. Wäre sicherlich interessant, sich eine linke Variante auszudenken, so etwas wie „Die Versuchung des Josef Dschugashwili“, der den Dämonen bekantlich nicht widerstanden hat.

Wie auch immer, zu den Nachfolgern und Bewunderern Boschs gehörte Pieter Bruegel (in Brüssel geboren), dessen Gemälde derzeit hier im Museum zahlreicher zu sehen sind (zum Teil als Leihgaben). „Der Sturz der rebellierenden Engel“ hat seinen eigenen bizarren Stil. Bruegels Szenen aus dem bäuerlichen und städtischen Leben sind bodenständiger, voller Symbole und Anspielungen, aber in gewisser Weise düsterer als die Monstren. Die sind ja, wenngleich in gewisser Weise real für die Menschen dieser Epoche, Wesen aus einer anderen Welt. Aber schauen Sie sich mal die Gesichter der Menschen an – auch wenn sie tanzen und saufen, sieht keiner wirklich fröhlich aus. Man will dem Leben zwanghaft etwas abgewinnen, aber es klappt nicht so recht. Sehr hübsch auch die Symbolik in (wir gehen jetzt mal davon aus, das Gemälde ist von ihm) „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“, in dem Ikarus unten rechts absäuft, ohne dass es jemanden sonderlich kümmert.

Womit wir den Kreis geschlossen hätten, noch so ein journalisischer Kniff. Wir begannen mit Wasser, wo man es gerade nicht haben will, und schließen mit Ikarus, der es auch da hat, wo er es nicht haben will, nämlich in der Lunge. Da hilft dann auch kein Feudel mehr und kein Saxophon.

Bonusinformation: In Molenbeek gibt es sehr viele Schuhläden. Dies stärkt die These, dass es ein Problem mit dem Schuhklau vor der Moschee geben könnte (siehe gestrigen Eintrag).

1. Oktober 2016, 02.08 Uhr:

Pommes, Puller und Pralinen: Mussels in Brussels

von Jörn Schulz

Sie, liebe Abonnentinnen und Abonnenten, wissen ja, dass wir uns hier in Belgien nicht einfach auf Ihre Kosten eine schöne Zeit machen. Vielmehr schwärmen wir hier für diverse Recherchen aus, bei denen wir zwar viele neue Erkentnisse gewinnen, aber auch auf neue Fragen stoßen. Die Mutigsten waren heute in Molenbeek, Jihadisten gucken. Hohe Verschleierungsrate – keine Überraschung. Aber warum gehen so viele Männer mit Schlappen in die Moschee? Handelt es sich hier um das Pendant zum Berliner, der in Jogginghose und Unterhemd sein Bier einkauft? Das wäre eigentlich eine unverzeihliche Lässigkeit bei der Erfüllung religiöser Pflichten. Oder ist, wie etwa in Kairo, der Schuhklau vor der Moschee ein so verbreitetes Phänomen, dass es ratsam ist, die billigste Fußbekleidung zu wählen, wenn keine Wächter auf die Schuhe achten?

Eine andere Gruppe begab sich nach Brügge (nur am Rande sei die Frage erwähnt, warum hier und in zahlreichen anderen Ländern die Bahn pünktlich fährt, während die Deutsche Bahn diese Aufgabe nicht bewältigen kann), wo es seit dem Ende des Mittelalters eher friedlich zugegangen ist. Die Stadt, die im 14. Jahrhundert wahrscheinlich mehr Einwohner zählte als heute, war aus Arbeitersicht so etwas wie das Bangladesh des Spätmittelalters und beherbergte eine sehr bedeutende Textilindustrie (die Kaufherren und Verleger waren allerdings keine Subunternehmer, sondern global players des Frühkapitalismus). Dementsprechend hart waren die Klassenkämpfe. Die Weber haben verloren, die Kaufherren aber letztlich auch, mittlerweile ist die Stadt ein Freilichtmuseum, in dem man auch leckere Muscheln mit Fritten serviert bekommt (aber Mussels in Bruges klingt weniger schön, an dieser Stelle sei auch nochmal erwähnt, dass die Fritten hier wirklich besser sind).

Während sich Schuh- und Bahnrätsel möglicherweise lösen lassen, ist es mit der kontrafaktischen Geschichte schwieriger. Was fehlte dem spätmittelalterlichen Bürgertum, hoch entwickelt vor allem in Flandern und den italienischen Städten, in vielen Schlachten siegreich gegen den Adel, zum Durchbruch? Nur die passende Energiequelle zur Mechanisierung der Arbeit? Kolonien als Markt und Rohstoffquelle? Die belgische Kolonialpolitik war ja auch im internationalen Vergleich von immenser Brutalität, aber nicht unbedingt eine ökonomische Erfolgsgeschichte für Belgien; Leopold II. war wohl so etwas wie der Donald Trump seiner Epoche. Belgien entstand durch eine etwas theatralische Revolution, und weil es in der Zeit nach dem Wiener Kongress nicht ohne König ging, setzte man einen eher zweitrangigen Adligen auf den Thron, dessen Sohn dann glaubte, ein Reich regieren zu müssen, dass mehr als 70mal größer war als sein Belgien. Ein für die Kongolesen tödlicher Größenwahn, und ich habe den Eindruck, dass die Stimmung, die sich in der zweiten Hälfte des19. Jahrhunderts in der belgischen Oberschicht verbreitet haben muss, ihren architektonischen Ausdruck im Brüsseler Justizpalast findet, einem pompösen, den Betrachter erschlagenden und dem Größenwahn huldigenden, ohne jeden Sinn für Schönheit und Proportion errichteten Gebäude. Sozusagen der Trump Tower dieser Epoche.

30. September 2016, 12.22 Uhr:

"Blasphemieverbote sind politisch"

von Jungle World

Wir haben mit Michael De Dora gesprochen, Leiter der Kommunikation beim Center for Inquiry’s, das den International Blasphemy Rights Day ins Leben gerufen hat.

 

Warum haben Sie den Internationalen Blasphemietag ins Leben gerufen?

Den Internationalen Tag für das Recht auf Blasphemie gibt es seit 2009 und er erinnert an den 30. September 2005, als die dänische Zeitung Jyllands-Posten die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, die weltweit gewaltsame Proteste auslösten. Gläubige Muslime gingen auf die Straßen, res gab viele Tote. Ziel dieses Gendenktages ist es, Solidarität mit den Opfern von Blasphemieverboten weltweit zu zeigen, und das Recht auf Meinungsfreiheit zu stärken, dazu gehört auch das Recht, die Religion zu beleidigen, ohne Repression und Verfolgung fürchten zu müssen.

 

Sollen an diesem Tag Götter und Religionen beleidigt werden?

Manche Leute nutzen diesen Tag als eine Gelegenheit, sich über die verschiedenen Konzepte von Gott lustig zu machen, aber in erster Linie geht es darum, das Recht auf Kritik und Dissens zu verteidigen und zu stärken. Wenn wir über Blasphemie reden, reden wir nicht nur über Atheisten, die sich über Gott und Religion lustig machen, was natürlich ihr Recht ist. Blasphemieverbote treffen aber nicht nur Atheisten, sondern auch durchaus gläubige Menschen, die versuchen, religiöse Praktiken und Traditionen zu hinterfragen und sich für Reformen einsetzen.

 

Spielen Blasphemieverbote weltweit heute eine größere Rolle als in der Vergangenheit, was sind Ihre Beobachtungen?

Studien des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center zufolge zeigen, dass staatliche Einschränkungen der Religions- und Meinungsfreiheit – unter anderem, aber nicht nur durch Blasphemieverbote – in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben sind. Gestiegen sind aber die religiösen Spannungen innerhalb der Gesellschaften. Auch wenn die Gesetze, die Blasphemie verbieten, sich kaum geändert haben, herrscht in vielen Ländern ein gesellschaftliches Klima, das dazu führen kann, dass Menschen aufgrund eines Blasphemievorwurfes getötet werden. In manchen Ländern spielt das Thema Blasphemie eine wichtigere Rolle als in anderen, und es ist bekannt, dass viele Staaten die Gotteslästerung kriminalisieren und die Rechte religiöser sowie nichtreligiöser Minderheiten eingeschränken. Bedenklicher ist aber, dass es immer mehr Länder gibt, in denen Pseudo-Blasphemieverbote eingeführt werden, etwa das „Anstiften von religiösem Hass“. Diese Sprache wird auch in Resolutionen den Vereinten Nationen verwendet, wodurch bestimmte Begriffe säkularer klingen mögen, aber in vielen Staaten werden solche Gesetze einfach dafür benutzt, um Blasphemie durch andere, „softere“, Mittel zu verfolgen.

 

Welche politische Funktion haben Blasphemieverbote?

Blasphemieverbote sind in erster Linie politisch. Viele Regierungen nutzen sie als eine Form der sozialen und gesellschaftlichen Kontrolle, um Kritik an ihren politischen Entscheidungen tot zu machen. Der Vorwurf der Blasphemie spielt auch gesellschaftlich eine Rolle, etwa wenn er benutzt wird, um persönliche oder familiäre Konflikte zu regeln.

 

Interview: Julia Hoffmann

28. September 2016, 00.06 Uhr:

Pommes, Puller und Pralinen: Lifestyle Superpower

von Jörn Schulz

Wie Sie vermutlich bereits wissen, entsteht unsere Auslandsausgabe dieses Jahr in Brüssel. Wie Sie vermutlich auch wissen, logiert hier eine Institution namens EU, die diverse europäische Staaten vertreten und zusammenführen soll, obwohl das Gastgeberland Belgien Probleme hat, seine Existenz zu rechtfertigen und viele Belgier der Ansicht sind, man solle zwei Länder draus machen, mindestens, und einige würden hier gerne einen ganz anderen Vereinigungsprozess in Gang setzen und dienen sich einem unrasierten Möchtegern-Kalifen an. Die EU kann da nichts dafür, ob die Belgier was dafür können, werden wir vielleicht herausfinden.

Das erste, was man hier tut, ist natürlich Pommes essen. Nicht irgendwo, sondern dort, wo auch Angela Merkel ihre Pommes ist. Guter Tipp der Kanzlerin übrigens. Danke, Merkel. Und selbstverständlich haben wir dann die EU-Kommission besucht, diverse Vorträge gehört, an einer Pressekonferenz teilgenommen und ein bisschen debattiert. Ist natürlich nur eine kurzer Einblick, aber es wird recht schnell klar, dass die berühmt-berüchtigte Bürokratie so etwas wie eine “internationale Gemeinschaft” von Menschen aus diversen Ländern ist, die ein sense of mission vereint und die derzeit, nun ja, offenbar ein wenig beunruhigt sind und sich fragen, wie das alles wohl weitergehen wird. Und tatsächlich hat die EU ja Bedingungen geschaffen, in denen das Leben in anderen Ländern nicht mehr ein Privileg der Oberschicht oder eine existentielle Entscheidung für “Gastarbeiter” ist. Nicht für alle, aber für weitaus mehr Menschen als jemals zuvor. Das (und vieles andere) steht nun auf der Kippe.

Erwartungsgemäß hat man uns hier natürlich nicht alle Geheimnisse und Zukunftspläne verraten. Letztere scheint es immerhin zu geben, wobei unklar bleibt, ob die EU die Grundwidersprüche, etwa den zwischen nationalstaatlicher Konkurrenz und gemeinsamer Wirtschaftspolitik, lösen kann. Im Vordergrund stehen wohl auch akutere Probleme wie die Gefahr, dass die Ahndung dubioser Geschäfte der Deutschen Bank durch US-Behörden im Verbund mit der italienischen Bankenkrise - nun, “We’re not in the if-business", hieß es bei der Pressekonferenz. Auch auf Spekulationen über die Folgen des Referendums in Ungarn will man sich nicht einlassen. Sehr hübsch aber die Formulierung, dass die EU trotz aller Probleme (und mangels besserer Angebote) eine “lifestyle superpower” sei. In Sachen Kaffeequalität und Raucherecken in EU-Gebäuden gibt es allerdings noch ein wenig Luft nach oben.

20. September 2016, 13.56 Uhr:

Ohne Qual der Wahl

von Ute Weinmann

Moskau, es ist Wahltag. Gewählt wird die Duma, schon die siebte in postsowjetischer Zeitrechnung. Wählen darf ich allerdings nicht. Das ist nicht nur eine Frage des Passes, sondern der Meldeadresse. Etwa zwei Drittel der volljährigen Einwohner der Megastadt haben offiziell ihren festen Wohnsitz an einem anderen Ort und verfügen bestenfalls über eine befristete Anmeldung. In dem Fall ist der Versuch sich in Moskau einen Wahlzettel zu erschleichen sinnlos. Nur einmal habe ich es wohl aus Versehen bei den Bürgermeisterwahlen in eine Liste ehrenwerter Hauptstadtbewohner geschafft und ein Schreiben vom Bürgermeister bekommen mit dem fast unwiderstehlichen Vorschlag, meine Stimme abzugeben. Von dem Angebot habe ich keinen Gebrauch gemacht. Vermutlich hat das dann jemand anderer an meiner Stelle erledigt.

Ungefähr so: In der Metro stoße ich buchstäblich mit meiner alten Bekannten Dascha zusammen, ihres Zeichens Moskauer Vertreterin des Außenministeriums der Donezker “Volksrepublik". Sie kandidierte bei den Dumawahlen für die “Kommunisten Russlands” - nicht zu verwechseln mit der Kommunistischen Partei KPRF -, und das nur deshalb, weil ihrem eigentlichen Favoriten, der “Vereinigten Kommunistischen Partei", bislang kein Erfolg beschert war sich zu registrieren. Früher war sie schon mal Abgeordnete, aber damals war das Parlament noch nicht so übersichtlich strukturiert wie heutzutage und das Einige Russland existierte noch nicht einmal. Dascha kommt gerade aus einem Wahllokal und ist auf dem Weg an höherer Stelle eine Beschwerde einzureichen. Im Wahlregister entdeckte sie die Namen ihrer beiden Nachbarinnen, daneben eine Unterschrift, mit der die Aushändigung der Wahlzettel ordentlich quittiert werden. Dascha hat allerdings berechtigte Zweifel an deren Echtheit, denn ihre russlanddeutschen Nachbarinnen halten sich seit mehreren Jahren arbeitsbedingt in Deutschland auf. Unwahrscheinlich, dass sie die Wahlbehörde davon in Kenntnis gesetzt haben. Dascha aber sollte es ohnehin besser wissen als die Menschen vom Amt, sie hütet nämlich derweil deren Wohnung und hätte es sicherlich bemerkt, wenn die beiden Damen, oder eine davon, um ihrer moralischen, ja vaterländischen Pflicht als wahlberechtigte Moskauerinnen nachzukommen, am vergangenen Sonntag an ihrem Wohnsitz aufgetaucht wären. Die Wahlhelferin konnte und wollte diese Logik nicht nachvollziehen. Anfangs versuchte sie es mit klassischen Zurechtweisungen von wegen Dascha sei so eine Dahergelaufene, da könne schließlich jeder irgendwelche Behauptungen aufstellen. Und ein Recht sich zu beschweren habe sie sowieso nicht. Aber weil das bei Dascha keinen Eindruck hinterließ, folgte das denkbar schlagkräftigste Argument: “Ich habe die Frau doch gesehen! Sie war hier!” Das soll mal jemand widerlegen.

Noch nie haben so wenige Wahlberechtigte ihre Stimme abgegeben wie bei diesen Parlamentswahlen. Will sagen selber abgegeben. Andere haben nachgeholfen, damit die Beteiligung nicht bei desaströsen zwanzig Prozent bleibt, sondern wenigstens knapp 50 Prozent erreicht. So mancher Beobachter durfte mit eigenen Augen zusehen, ansonsten kursieren Videos im Netz, beispielsweise aus Rostow am Don. An der Längsseite einer Turnhalle läuft das reguläre Wahlgeschäft, ein paar Meter weiter an der Wand das irreguläre. Dort wirft eine aus einem Nebenraum mit einem Stapel Papier gekommene Frau ein Blatt nach dem anderen in die Wahlurne und holt dann Nachschub. Tschetschenien liegt hinsichtlich der Wahlbeteiligung nur auf dem dritten Platz, dafür durfte die kleine Vorzeigerepublik erstmals seit 13 Jahren über ihren Präsidenten abstimmen. Gewonnen hat, wie es sich gehört, Amtsinhaber Ramsan Kadyrow. Für ihn persönlich war das Prozedere also ein Novum, und die tschetschenischen Wahlen waren selbstredend die transparentesten und fairsten überhaupt. So was von Transparenz und Fairness hat mensch dort noch nie erlebt. Alles klar.

Das Einige Russland hat landesweit alle Direktmandate gewonnen, in denen die Partei einen Kandidaten aufstellen ließ, also in 203 von 225. In den anderen durften kremlnahe Politiker absahnen. Oppositionelle hatten das Nachsehen. Selbst Jabloko blieb unter drei Prozent, somit erhält die Partei, die im Unterschied zur liberalen Konkurrenz PARNAS ein Bündnis mit rechtsextremen und nationalistischen Kräften kategorisch ausschließt, nun auch keine Rubel mehr aus der Staatskasse. Verhalten optimistische Stimmen gibt es dennoch. Dass die Jabloko-Kandidatin und profilierte Kommunalpolitikerin Jelena Rusakowa in ihrem Moskauer Wahlkreis auf dem dritten Platz mit nur wenig Rückstand zur KPRF landete, ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Mangels finanzieller Ressourcen fiel ihr Wahlkampf bescheiden aus, die Konkurrenz sorgte dafür, dass ihre Flugblätter schnell von der Bildfläche verschwanden und sie kann von sich auch nicht behaupten, dass der übermächtige Staat hinter ihr stehe. Vielmehr lässt er sie beobachten. Die russische Opposition hat viele Mankos, eines davon ist die fehlende Politikerfahrung. Menschen wie Jelena Rusakowa versuchen sich durch Politik der kleinen Schritte langsam nach vorne zu arbeiten und sammeln dabei wertvolle Erfahrungen, die dem Protestpublikum vor fünf Jahren fehlte. Damals haben viele ihre Stimme gegen das Einige Russland abgegeben aus dem Kalkül heraus, der Kremlpartei damit wenigstens eine Ohrfeige zu erteilen. Enttäuscht vom Wahlergebnis gingen sie auf die Straße. Am Tag nach der diesjährigen Dumawahl blieben alle zu Hause. Auf Distanz gehen ist der sicherste Weg nichts falsch zu machen. Das tun dafür die Anderen.

19. September 2016, 14.26 Uhr:

In Memoriam Paul Parin

von Thomas von der Osten-Sacken

Biografische Facetten aus dem Leben eines Forschungsreisenden. Zum 100. Geburtstag des Psychoanalytikers und Schriftstellers Paul Parin

Gastbeitrag von Roland Kaufhold

„Für einen Juden ist „nach Auschwitz“ nichts mehr so, wie es früher war. Auch an ihm (meinem Vater) sind die Ereignisse nicht vorbeigegangen.“
Paul Parin (Parin, 1993, S. 28)

„Ich würde nicht schreiben, wenn Goldy meine Texte nicht gerne hören oder lesen würde.“
Paul Parin (1993, S. 164)

 

Mit Paul Parin verbindet mich vor allem, dass ich ihn immer gerne gelesen habe. Er hat mir viel bedeutet. Und er hat mich mein Leben lang immer mal wieder begleitet.

Erstmals gelesen habe ich Paul Parin 1981 im Philosophieunterricht eines Gymnasiums, bei einem „progressiven“ Lehrer, Dieter Ferfers, kurz vor meinem Abitur. Er muss mich berührt haben, zumindest habe ich mir seinen Namen gemerkt. Es war die Zeit der „Züricher Jugendunruhen“. Der seinerzeit 65-jährige, gesellschaftlich „etablierte“ linke Psychoanalytiker bemühte sich, die aufbegehrende Jugend solidarisch zu unterstützen – mit seinen Mitteln: Er nahm an Demonstrationen für den Erhalt eines autonomen Züricher Jugendzentrums teil und publizierte psychoanalytische Studien, in denen er die legitimen Motive der aufbegehrenden Jugendlichen darlegte: „Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen“, „Befreit Grönland vom Packeis“, „Der Knopf an der Uniform des Genossen“: typische Essayüberschriften für sein seinerzeitiges publizistisches Engagement (in: Reichmayr, 2006).

Im Studium begegnete mir Paul Parin dann wieder. Ich erinnerte seinen Namen und las seine späteren Werke gleich nach ihrem Erscheinen. Zweimal erlebte ich ihn bei Lesungen in Köln. Meine gelegentlichen Besprechungen seiner Bücher nahm er bewusst wahr und schrieb mir jeweils ausführlich und sehr freundlich. Als er schon nahezu vollständig erblindet war besprach ich sein letztes Werk „Lesereise 1955 bis 2005“ (Parin, 2006). Paul Parin, inzwischen 91 alt, war sehr erfreut, wessen ich mir zuvor nicht sicher gewesen war. Er rief mich extra an, sprach sehr lange mit mir, und danach schickte er mir einen ausführlichen, trotz seiner Erblindung gut lesbaren Brief. Hierin schrieb er u.a.: „Ich bin mir bewusst, dass bei einem solchen Lebensalter Misserfolge und Fakten weggelassen werden. Es wäre aber falsche Bescheidenheit wenn ich Ihre tiefe und einfühlsame Darstellung nicht mit voller Zustimmung und ganz herzlichem Dank beantworten würde. Jeder Schriftsteller hofft auf Leser dieser Art. Doch nur selten darf ich auf eine so eingehende Würdigung hoffen. Ich kann wieder leserlich (?) schreiben, bin aber nicht im Stande dieses Brieflein zu lesen.“ (Brief Parins vom 24.11.2007)

Kindheit und Jugend in Slowenien: ein Glückspilz auf der Suche nach Abenteuern

Paul Parin wächst in Slowenien als Sohn eines Großgrundbesitzers auf. Sein Elternhaus ist „multikulturell“, assimiliert jüdisch, anregungsreich – aber auch einsam. Der junge Paul findet auf dem elterlichen Anwesen kaum gleichaltrige Freunde. Seine Erinnerungen an seine begüterte Jugend auf dem Landgut Novikloster, wie er sie in seinem literarischen Erstlingswerk „Jahre in Slowenien“ (1980) erinnert hat, sind von einer eindrücklichen Lebendigkeit und emotionalen Nähe. Im multikulturellen, ländlichen Novikloster wird sein Interesse für seelische und soziale Beobachtungen früh geweckt. Parin führt aus: „Ein Psychoanalytiker könnte als Kind keinen besseren Anschauungsunterricht haben als die starr durch Machtverhältnisse und Arbeitsteilung gegliederte, gegen außen, von der profanen Welt der Bauern und der Städte durch Wiesen und Forste getrennte Welt eines Großgrundbesitzes, einer vielköpfigen Großfamilie, die untergründig von Liebe und Hass durchströmt und bewegt wird. Die Rätsel des Lebens müssen erst hier gelöst werden, bevor man hinausblickt in die unheimliche und verführerisch lockende Fremde.“ (Parin, 1980, S. 26)

Frühe Belastungen

Paul Parin muss als Kleinkind sehr früh schwere Belastungen überstehen. Wegen einer angeborenen schweren Missbildung seines Hüftgelenkes ist er als Kind für knapp zwei Jahre von Kopf bis Fuß eingegipst – und hat doch zugleich eine liebevolle, einfühlsame Mutter. Für diese war ihr Sohn nicht behindert, sondern einfach ein „Glückspilz“ (Parin, 1993a, S. 16). Auch erinnert Parin sich mehrerer slowenischer Frauen, hierunter auch seiner geliebten Kinderfrau Mimi, die sich einfühlsam um ihn kümmerten. Seine Beobachtungsgabe wurde früh geweckt. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Erich Fried Literaturpreises (1992) führt Parin aus: „Ich bin mit einer Missbildung der Hüftgelenke zur Welt gekommen und habe zeitlebens gehinkt. Immerhin konnte ich mein Gebrechen kompensieren, war also körperlich besser dran als er. Sprache und Rede waren auch für mich wichtiger als für gesunde Kinder, und haben mir während eines ganz anderen Berufslebens so viel bedeutet, dass ich mich im Alter dem Schreiben zuwenden konnte und heute hier vor Ihnen stehe.“ (Parin, 1993a, S. 128).

Der polnische und der preussische Adler

In dem späten, stark autobiografisch geprägten literarischen Text „Der polnische und der preußi­sche Adler – beschädigt beide“ (Parin, 1995, S. 9-41) erinnert sich Parin in einer traumähnlichen Dichte an einige frühere Kindheits- und Urlaubsepisoden, gefüllt mit farbigen Landschaftsbeschreibungen. Mit acht Jahren verbringt Paul gemeinsam mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder Otto einen Sommer in einem Schloss in Polen. Zu Otto hatte er als Kind eine gute Beziehung: „Wir waren ein Herz und eine Seele, gingen zusammen fischen und auf die Jagd. Daß wir miteinander konkurrierten oder eifersüchtig aufeinander waren, kam überhaupt nicht in Frage. Wir gingen uns sogar bewußt aus dem Wege, wenn klar war, daß einer besser war als der andere, zum Beispiel im Sport, beim Tennis und so weiter.“ (Rütten, 1996, S. 64f.)

Sein Vater verwaltet es für einen „reichen Wiener Kriegsgewinnler“ (Parin, 1995, S. 12). Es ist eine Märchenwelt, aus der Perspektive des verwunderten Kindes beschrieben. Paul interessiert sich für die Natur und für Tiere. Eine literarische Erinnerung: „Immer im Sonnenlicht liegt die sumpfige Wiese da, es sind ein, zwei oder drei Störche zu sehen, die auf Frösche lauern und – wenn man lange und aufmerksam hinschaut – ist der graue Pflock, der aus der Wiese ragt, ein Silberreiher. Abends fliegt er mit weichen wippenden Schwingen fort. Ganz weit weg ist das Dorf. Die schmutzigbraunen Dächer der Häuser verfärben sich weder golden, noch rot, noch blau. Der Abschluß der bunten Märchenwelt.“ (Parin, 1995, S. 11)

Zunehmend mutiger werdend erkundet er die Wildnis: „Hier ist die Maikuhle, die wunderbare und unheimliche Wildnis, mein Polen, das ich noch immer in mir herumtrage; es taucht von Zeit zu Zeit wieder auf, unverändert geheimnisvoll.“ (Parin, 1995, S. 14)

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17. September 2016, 05.02 Uhr:

Die Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro – wird wer integriert?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Die Sommerspiele in Rio haben ordentlich Wellen geschlagen und das nicht nur im Sprung- und Schwimmbecken. Das brasilianische Nationalgefühl - wenn es so etwas überhaupt gibt - war verletzt als die internationale Öffentlichkeit wie ein Tsunami über dem angeblich unsportlichem brasilianischen Fanverhalten hereinbrach. Wir erinnern uns: viele Olympia-Gegner waren ausgepfiffen worden – ein Brauch, den viele brasilianische Fans vom Fußball in die olympischen Stadien importiert hatten.

Wie würde das alles nun weitergehen, bei den vom Olympischen Komitee angepriesenen „Paralympischen Spielen des Respekts und der Integration“? Unmut war bereits im Vorfeld aufgekommen, darüber, dass gerade arme Menschen (fast) nichts von den Megavents haben, von den Schattenseiten mal abgesehen: Zwangsumsiedlungen, um für die Olympiastätten Platz zu machen, eine die Grundstücks- und Mietpreise in schwindlige Höhen treibende Gentrifizierung, sowie ausgebliebene Verbesserungen in anderen Lebensbereichen. Besonders im Bildungs- und Gesundheitsbereich hätte mit dem munter verschleuderten Olympiageld viel bewegt werden können. Es war also nicht zur Integration aller Gesellschaftsschichten der Stadt gekommen, die Eduardo Paes, der amtierende Bürgermeister von Rio de Janeiro, vollmundig versprochen hatte.

Ein trauriges Sinnbild in dieser Hinsicht stellte die Auftaktzeremonie dar, bombastisch und farbenfroh im Maracaná-Stadion abgefeiert. Die Menschen, die nur wenige hundert Meter entfernt in der Favela Mangueira leben, mussten derweil wegen eines Stromausfalls im Dunkeln sitzen. Was den Olympiabesuch selbst anging, hieß es für Menschen mit geringen Einkünften dann auch: „wir müssen draußen bleiben“, denn die Ticketpreise entpuppten sich für sie als viel zu hoch hängende Mangos. Einige kitschig medial inszenierte „Wir-bringen-die-Favela-Kids-ins-Stadion“ Aktionen konnten dabei nicht über den verschwindend geringen Zuschaueranteil der ärmsten Bevölkerungsschichten hinwegtäuschen.

Aufgrund der viel niedrigeren Eintrittspreise ist das bei den Paraolympischen Spielen nun anders. Plötzlich sind die Stadien voll! Am Eröffnungswochenende waren mehr Zuschauer gekommen als einen Monat zuvor bei Olympia, wie Rios Tageszeitung O Dia frohlockte. Viele der hauptsächlich in gelbe Trikots der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft oder Leibchen regionaler Ballsport-Clubs gekleideten Fans hatten eher zufällig in die Stadien gefunden. So wie etwa die in der Favela Vidigal lebende Australierin Amber, die dem Wink eines Freundes mit Gratistickets gefolgt war und sich interessiert Leichtathletikwettbewerbe anschaute.

Die Medien in Rio schenken den Paralympics deutlich mehr Aufmerksamkeit als dies bei früheren Auflagen in anderen Weltregionen der Fall war, auch wenn die meisten Tageszeitungen auf eine gesonderte Beilage verzichten. Allgemein wird bei Reportagen häufig auf die Tränendrüse gedrückt, Einzelschicksale groß aufgemacht, immer wieder fallen Worte und Wendungen wie „Respekt“, „Integration“, „über sich selbst hinauswachsen“, wobei das Sportliche oft verloren im Hintergrund steht. Ein marokkanischer Sportler wird so von der Tageszeitung Extra sensationalistisch als Held gehyped, weil er eine Haiattacke nicht mit seinem Leben, sondern „nur“ mit einem Bein bezahlen musste. Besonders brasilianische Sportler werden im Kreise ihrer Familien als gut integrierte, ausnahmslos glückliche Menschen dargestellt, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben. Alles im Duktus einer repetitiven Politcal Correctness, die häufig die geringe Kenntnis der Para-Sportler und verschiedenen Disziplinen mit ihrem häufig komplizierten Regelwerk übertüncht.

Der brasilianische Goldschwimmer Daniel Dias fordert „Respekt“ für seinen Sport und Manoel, pensionierter Zeitungsverkäufer aus Copacabana erzählt mir stolz, dass das brasilianische Team auf dem fünften Platz im Medaillenspiegel liegt. Das ist was man allgemein auf den Straßen, in den Cafés und in den Metro-Warteschlangen von Rio de Janeiro hört, sofern die Spiele Gesprächsthema sind. So mag man sich fragen, ob die Paralympischen Spiele ansatzweise und im kleineren Rahmen eine Funktion erfüllen, welche die Sommerspiele nicht leisten konnten: den Menschen etwas vom Stolz auf das eigene Land (zurückzu)geben und eine riesengroße Party zu feiern.

Nur leider geht es dabei primär nicht um die Integration der, wie vom Portugiesischen wörtlich übersetzt „adaptierten Sportler“ und ihrer Disziplinen, sondern um Brasilien als Medaillenhamsterer und den Stolz darüber, nun endlich „jemand zu sein“ der ganz weit vorne mitmischt. Dabei schwingt ein nicht gerade leiser chauvinistischer Unterton mit, der leider wieder in Pfeifkonzerte gegenüber gegnerischen Mannschaften ausartet. Beim Goalball musste die heimische Herrenmannschaft deswegen sogar einen Strafstoß gegen Schweden in Kauf nehmen, da der Schiedsrichter aufgrund des Lärms der brasilianischen Schlachtenbummler nicht hören konnte, wohin der Ball gefallen war.

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