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Kürzliche Beiträge
21. August 2013, 18.39 Uhr:

Falsche Gleichung

von Jörn Schulz

In Deutschland beweist man seine Empathie dadurch, dass man anderen einen Mangel an Empathie vorwirft. Wer sich nie um von Geistlichen ausgeübte sexualisierte Gewalt geschert hat, frohlockt nun darüber, dass es die Grünen trifft und beklagt, dass diese sich nicht genug um die Opfer kümmern. „Zu hoffen bleibt, dass sich jetzt mehr Opfer grüner Übergriffe zu Wort melden“, schreibt etwa Bettina Röhl. Aber auch auf der Achse des Guten, wo Kirchenkritik nur als Käßmann-Kritik vorkommt, freut sich man sich über den neuen Skandal: „Grüne und taz: Ein Herz für Kinder“.

Ist es einer? Ines Pohl, Chefredakteurin der Taz, verhinderte das Erscheinen eines Artikels über Grüne und Pädophilie. Das gehört zum Alltagsgeschäft und hat mit der nun der Taz vorgeworfenen Zensur nichts zu tun, kann aber etwa über die Blattlinie aussagen.

Tatsächlich gab es gute Gründe, Füllers nunmehr im Internet zugänglichen Text nicht zu drucken, denn seine Kernthese ist reaktionär und über dies noch historisch waghalsig konstruiert: „Pädophilie aber war keine Nebensache bei den Grünen, sondern in der Ideologie angelegt. ‚Selbstbestimmte Sexualität und Kritik an der patriarchalischen Gesellschaft waren unsere Themen damals’, sagen jene Grünen, die 1968 gegen die verkapselte Post-NS-Gesellschaft kämpften. Das begann bei der Erziehung. Die Kinderladenbewegung gehört sozusagen zum Markenkern der studentischen Linken und der daraus entstehenden Grünen. Die sexuelle Befreiung, auch die der kindlichen Sexualität, war das wichtigste Mittel der gesellschaftlichen Entrepressierung — und spielte Pädos und deren Mitläufern in die Hände.“

Dass die Grünen nicht einfach so zu Erben der 68er-Bewegung und der studentischen Linken erklärt werden können und die Kinderladenbewegung – zumindest in der hier gemeinten Form als sexuelles Spielfeld – auch in der Linken nur eine Randerscheinung war, ist jedoch nebensächlich. Entscheidend ist die Gleichung: sexuelle Befreiung + Patriarchatskritik = Kindesmissbrauch. Ähnliches schreibt auch Röhl mit der ihr eigenen sprachlichen Gewandtheit und Kommasetzung: „Auch die bei den Grünen fest im System verankerte Frauenemanzipation, schleppt einen tonnenschweren Makel mit sich herum. Ob Genderrecht oder Emanzipationsgesetz heute oder Gleichberechtigungsforderung vielfältiger Art früher: Die bewegten Frauen, besonders auch bei den Grünen haben sich selbstsüchtig und übersteigert mit sich selbst befasst. Aber um die geschändeten und die missbrauchten Kindern haben sich die Frauen in der Bewegung, die zugeguckt haben, in schändlicher Weise nicht gekümmert.“

Tatsächlich war es die patriarchale Interpretation der „sexuellen Befreiung“ als Verfügbarkeit aller Begehrten, die „Pädophilen“ Einfluss verschaffte, also das Weiterbestehen traditioneller Hierarchien auch in der Linken. Naheliegend wäre überdies die Frage, wie es sich dann in kirchlichen Kreisen verhält. Hat das Christentum schuld? Tatsächlich kann patriarchale Machtausübung unter Berufung auf unterschiedlichste Ideologien gerechtfertigt oder verharmlost werden. Linke können die angeblichen Wünsche des Kindes beschwören, Geistliche können im Rahmen einer Lehre, die die gemeinsame Feier des Abendmahls mit einem Protestanten als ebenso schweres Vergehen wie die Vergewaltigung eines Kindes betrachtet, glauben, mit ein paar Bußübungen sei die Sünde getilgt.

Das Thema hätte eine etwas differenziertere Betrachtung verdient, zumal die Forschung erst am Anfang steht und keineswegs sicher ist, dass die sexualisierte Gewalt gegen Kinder seit der Enthüllung diverser Skandale zurückgegangen ist. Ungeklärt ist bislang, ob „Pädophilie“ in bestimmten Milieus signifikant häufiger vorkommt, und wenn ja, warum das der Fall ist. Die Schadenfreude über Skandale bei ideologischen Gegnern ist da wenig hilfreich. Und dass der Bericht von Franz Walter über Pädophilie in den Gründerjahren der Grünen auf der Titelseite mit „Aufgeklärt!“ und dem Emblem der Grünen präsentiert wird, lässt vermuten, dass die Taz, die schon schlimmeren Unsinn als Füllers Text gedruckt hat, doch ein wenig Rücksicht auf die Wahlkampfbedürfnisse der Grünen genommen hat.

13. August 2013, 14.01 Uhr:

'Niederbrennen das Dreckspack'

von Thomas von der Osten-Sacken

Es rumort  im deutschen Volkskörper und wenn’s um Sinti und Roma geht und der Spiegel auch noch ordentlich hetzt, dann wird mit Klarnamen Klartext gesprochen:

Die Facebookseite auf der obige Damen und Herren sich austoben ist frei zugänglich, und dort macht der Duisburger Wutbürger auch sonst aus seinem Herzen keine Mördergrube. Wer wohl die Schuld trägt, dass ihr schönes Duisburg jetzt so verschmutzt wird und überall Kriminelle aufrauchen? Sicher: Die Roma und Sinti. Aber nur die? Nein da gibt es noch üble Hintermänner. Wer das ist, man hat die Auswahl a) der Islam b) der Mossad c) die Amis:

 

 

Update:

Nach rassistischen Facebook-Kommentaren, in denen unter anderen dazu aufgerufen wird, das Haus In den Peschen 3-5 in Duisburg-Rheinhausen niederzubrennen, ermittelt nun der Staatsschutz. Diese Art der Hetze sei laut Polizei neu und erstmals am vergangenen Wochenende aufgefallen.

13. August 2013, 00.58 Uhr:

Gaddafi-Preisträger in den UN-Menschenrechtsrat

von Thomas von der Osten-Sacken

Ein weiterer Kommentar erübrigt sich, UN-Watch bringt es in zwei Sätzen auf den Punkt:

Contrary to logic, morality, and basic decency, Switzerland has shockingly nominated Jean Ziegler for election to the UN Human Rights Council, even after the notorious supporter of murderous dictators was exposed as a liar and a fraud by the Swiss media, and had his UN career ended last year against his will. (…) UN Watch has launched a global campaign to oppose the election of Ziegler, one of the most anti-American, anti-Western and anti-Israel officials in UN history. Ziegler embodies all that is twisted about the supposedly reformed Council.


7. August 2013, 19.25 Uhr:

Occupy Paradise!

von Jörn Schulz

„Ein ehrgeiziger Rechtsanwalt aus Kenia will den Strafprozess gegen Jesus Christus neu aufrollen“, berichtet Spiegel Online. Anklagen will der Anwalt Dola Indidis neben verstorbenen Beteiligten am Prozess wie Pontius Pilatus auch Italien und natürlich Israel. Sieht man davon ab, dass die Kreuzigung eine heilsgeschichtliche Notwendigkeit war, die Rehabilitierung somit das Christemtum eigentlich für ungültig erklären würde, sind Indidis noch einige offensichtliche Fehler unterlaufen.

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1. August 2013, 19.50 Uhr:

Deutschland balanciert

von Jörn Schulz

Es mangelte auch in den ersten Wochen auf Seiten der Fans wie der Feinde Snowdens nicht an Dummheiten und Ressentiments. Aber da fehlte noch jemand, jemand, ohne den eine politische Debatte in Deutschland eigentlich gar nicht denkbar ist. Genau, Hitler fehlte. Aber nun ist er da, und wie nicht anders zu erwarten, taugt er als Stichwortgeber für beide Seiten.

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25. Juli 2013, 17.36 Uhr:

Der große Steuermann

von Jörn Schulz

Stillgestanden, Sozis! Es kommandiert CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt: „Steinbrück muss dem rot-grünen Steuerwahnsinn abschwören und seine Steuererhöhungspläne definitiv zurücknehmen.“ Menschen, die unter dem bayerischen Einparteienregime aufgewachsen sind, fällt es offenbar schwer zu akzeptieren, dass in einer Demokratie gewöhnlich jede Partei ihr eigenes Programm schreibt. Steinbrück muss gehorchen, er „entwickelt sich sonst zum Steuer-Taliban“, mahnt Dobrindt. Da kann Steinbrück wohl froh sein, dass Thomas de Mazières Drohnen nicht so richtig funktionieren.

Nun aber, liebe Wirtschaftsliberale, die schlechte Nachricht: die Steuer-Taliban seid ihr. Denn die Taliban sind keineswegs Leute, die Steuern erhöhen, um den immer gierigen armen Nichtsnutzen Geld in den Rachen zu werfen. Im Fiskaljahr 2011/12 nahmen sie nach Angaben der Uno insgesamt 400 Millionen Dollar ein. Peter Sloterdijk, der „eine allmähliche Umstellung des bestehenden Steuersystems (…) zu einer Praxis freiwilliger Beiträge“ fordert, findet hier ein Vorbild: „The experts said donations are a ‘major’ source of funding”. Besteuert werden vor allem die Mohnernte (entspräche in Bayern einer moderaten Biersteuer) und der Handel. Zwar kommt es hin und wieder zu Unregelmäßigkeiten, so zahlen viele junge Männer Geld, um keine Taliban werden zu müssen. Doch das Steuersystem ist für alle Wirtschaftsliberalen ein Vorbild: „The Taliban use traditional taxes: a 10 percent tax on harvest and a 2.5 percent tax on wealth.“ Konsequenter noch war Ussama bin Laden, der bereits sechs Jahre vor Dobrindt über die Last „wahnsinniger Steuern“ klagte, die den Amerikanern aufgebürdet werde. Er lehrte: „Es gibt keine Steuern im Islam, sondern die begrenzte Zakat von nur 2,5 Prozent.“ Daran können sich Weicheier wie Dobrindt und Westerwelle ein Beispiel nehmen, und wenn die Salafisten etwas mehr von PR verstünden, also etwas weniger von Gott und etwas mehr vom Geld reden würden, könnten sie vielleicht sogar den einen oder anderen Autor der Achse des Guten bekehren.

22. Juli 2013, 00.00 Uhr:

Ruine Detroit

von Thomas von der Osten-Sacken

Yves Marchand and Romain Meffre haben in den vergangenen fünf Jahren in Detroit den Verfall der Stadt photographisch dokumentiert.

Sie schreiben:

At the end of the XIXth Century, mankind was about to fulfill an old dream. The idea of a fast and autonomous means of displacement was slowly becoming a reality for engineers all over the world. Thanks to its ideal location on the Great Lakes Basin, the city of Detroit was about to generate its own industrial revolution. Visionary engineers and entrepreneurs flocked to its borders. (…)

Detroit, industrial capital of the XXth Century, played a fundamental role shaping the modern world. The logic that created the city also destroyed it. Nowadays, unlike anywhere else, the city’s ruins are not isolated details in the urban environment. They have become a natural component of the landscape. Detroit presents all archetypal buildings of an American city in a state of mummification. Its splendid decaying monuments are, no less than the Pyramids of Egypt, the Coliseum of Rome, or the Acropolis in Athens, remnants of the passing of a great Empire.

Eine Auswahl ihrer Bilder haben sie auf ihre Homepage gestellt.

Die Stadtverwaltung von Detroit hat vergangene Woche Konkurs angemeldet.

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