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Kürzliche Beiträge
16. September 2016, 15.45 Uhr:

Politik nach Gefühl

von Jungle World

GASTBEITRAG VON KAI SCHNIER

Das Studiopublikum lacht, als Georg Pazderskis Satz zu Ende ist. Zu abstrus scheint vielen die Aussage, die der AfD-Spitzenkandidat gerade in der RBB-Elefantenrunde zur Berliner Wahl 2016 getätigt hat. „Perception is reality“, Wahrnehmung ist Realität - das war seine Antwort auf die Frage, ob das Thema Ausländerkriminalität von der AfD nicht unberechtigterweise zur Stimmungsmache missbraucht werde. Eine gute Frage, legen die Kriminalitätsstatistiken des Bundesinnenministeriums doch nahe, dass Ausländer nur unwesentlich mehr Straftaten begehen als die deutsche Bevölkerung.

Aber Pazderski lässt sich von Zahlen nicht einschüchtern. Es gehe eben „nicht nur um die reine Statistik, sondern darum, was der Bürger empfindet“. Wie man im Englischen so schön sage, sei das, was man fühle, eben auch Realität. Ob Ausländer wirklich öfter straffällig werden als Deutsche, ist nach Pazderskis Logik somit unwesentlich. Fühlen die Wählerinnen und Wähler, dass es so ist, dann ist es eben so. Punkt. Im Gegensatz zum Publikum können Pazderskis politische Widersacher in der Runde darüber nicht lachen. Klaus Lederer von der Linkspartei starrt kurz in den luftleeren Raum, nickt konsterniert, als wolle er sich selbst versichern, dass er richtig gehört habe. CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel sieht aus, als wolle er sich per Stoßgebet aus dem Raum wünschen.

Es war ein ganz besonderer Moment, der sich im Fernsehstudio zugetragen hatte, einer, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte. Denn Pazderski griff nicht irgendein amerikanisches Sprichwort auf. Er zitierte Lee Atwater, einen berüchtigten republikanischen Wahlkampfmanager, der in den achtziger Jahren für Ronald Reagan und George Bush Senior arbeitete. Atwater galt als besonders skrupellos, war nicht nur dafür bekannt, Schmutzkampagnen gegen politische Gegner anzuzetteln, sondern auch vermeintlich unabhängige Wahlumfragen fälschen zu lassen. Vor allem zeichnete sich Atwater aber durch eines aus: seinen Erfolg. Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1988 war es seiner aggressiven Kampagne zu verdanken, dass Bush Senior einen vorübergehenden Rückstand von 17 Prozentpunkten auf den Demokraten Michael Dukakis in einen Wahlsieg verwandeln konnte.

Atwaters Credo „perception is reality“ gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass Fakten im Wahlkampf keine allzu wichtige Rolle spielen sollten. Denn wer es vermochte, den Wählerinnen und Wählern ein bestimmtes Gefühl einzuimpfen, der schuf Atwater zufolge Fakten. Wenn die Menschen an etwas glaubten, war es dann noch wichtig, ob ihr Glaube von den Tatsachen gestützt wurde? So wie Atwater diese Frage damals verneinte, so verneinen sie heute Pazderski und andere Mitglieder der AfD. Sie machen Politik mit Gefühlen. So wurde sein Parteikollege Guido Reil vor kurzem im Polittalk „Hart aber fair“ auch nicht müde zu betonen, dass die etablierten Parteien die Augen vor der Realität verschlössen. Er sehe diese Realität jeden Tag in seiner Heimatstadt Essen: Als Konsequenz der Zuwanderung von Geflüchteten und Migranten nehme die Zahl sexueller Übergriffe zu, Sicherheitsmaßnahmen, etwa auf öffentlichen Veranstaltungen und in Supermärkten, würden deshalb ständig verschärft. Die Gäste Peter Altmaier und Gesine Schwan protestierten und wiesen darauf hin, dass dies doch eine recht dreiste Verquickung völlig verschiedener Themen sei, von Zuwanderung, Terror und Kriminalität. Reil ließ das kalt.

„Was ich auf der Straße sehe, ist Realität, was ich fühle, ist Realität“, schien er sagen zu wollen. Und daran wäre per se auch nichts auszusetzen, wenn dieser Haltung nicht zwangsläufig ein Zusatz folgen würde. Denn wer das eigene Gefühl zur Gewissheit erklärt, der sagt auch: Was andere fühlen, zählt nicht, was die Statistik aussagt, zählt nicht, wenn es sich nicht mit meinen Gefühlen deckt. So schien Reil im Umkehrschluss auch gar nicht in Betracht zu ziehen, dass die Probleme vor seiner Haustür nur ein Ausschnitt der gesamtdeutschen Realität sein könnten, dass sein Essener Alltag nicht sinnbildlich steht für die komplette Bundesrepublik – und vielleicht nicht einmal für Essen selbst. Nachdem verschiedene Essener Supermarktketten im Nachgang der Sendung betont hatten, nur äußerst selten Sicherheitspersonal einzusetzen, ruderte Reil zurück. Er habe auch nur zwei spezielle Filialen gemeint, in denen er Wachleute gesehen habe.

Die Deutungshoheit über die „Realität“ der deutschen Bürgerinnen und Bürger für sich zu beanspruchen, das haben schon viele Parteien vor der AfD getan. Politik hat nicht erst seit gestern auch eine emotionale Dimension, vor allem im Wahlkampf. Doch die AfD ist gerade im Begriff, sich auf drastische Art und Weise von der Faktenlage zu entkoppeln. Wenn die Realität nicht zum Programm passt, dann wird sie eben passend gemacht. In Mecklenburg-Vorpommern schürte die Partei im Wahlkampf die Angst vor „Überfremdung“, obwohl der Ausländeranteil dort bei unter vier Prozent liegt. In absoluten Zahlen halten sich in dem Bundesland sogar deutschlandweit die wenigsten Ausländer auf. Aber es fühlt sich für die Menschen eben nicht so an.

Woran mag das liegen? Wohl nicht zuletzt daran, dass die AfD Wählerinnen und Wählern die Gefühle, auf die sie sich später beruft, perfiderweise überhaupt erst suggeriert. In Wahlwerbespots der Partei brennen Wohnhäuser zu apokalyptischer Musik, Nachrichtensprecher reden von Terror, während die Texteinblendung vor der Zerstörung Deutschlands warnt. Das ist die AfD-Realität und so abwegig sie auch scheinen mag: Diese freie Interpretation der Tatsachen hat gereicht, um die Partei in Mecklenburg-Vorpommern zur zweitstärksten Kraft zu machen.

Ängste schüren, Fakten durch Ahnungen ersetzen und diese Ahnungen zur politischen Handlungsmaxime erheben: Die AfD hat die „Politik nach Gefühl“ in der Bundesrepublik wieder etabliert und ist damit erfolgreich. Auch in den USA, der Heimat Atwaters, zeichnet sich längst ab, was es bedeutet, wenn Fakten zur Gefühlsfrage degradiert werden. Symptomatisch dafür steht ein mittlerweile zum Kult gewordenes Interview des republikanischen Politikers Newt Gingrich mit dem Nachrichtensender CNN. Die Zahl der Gewaltverbrechen in den USA hätte unter Präsident Obama zugenommen, behauptete Gingrich vor laufenden Kameras. Von der CNN-Moderatorin mit offiziellen Statistiken des FBI konfrontiert, die seine Aussage direkt widerlegten, antwortete Gingrich schlicht: „Aber der durchschnittliche Amerikaner fühlt das nicht, das ist auch ein Fakt und genauso wahr wie ihre Statistik.“ Der Journalistin standen Entsetzen und Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.

Wenn für Politikerinnen und Politiker das eigene Bauchgefühl genau so glaubwürdig, im Zweifelsfall sogar glaubwürdiger ist als eine statistische Erhebung, dann werden inhaltliche Debatten zwecklos. Vielleicht war es das, was Frank Henkel, Michael Müller und die anderen dachten, als Pazderski im RBB fertig gesprochen hatte. Nach dem jüngsten Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern und den ebenfalls positiven Prognosen für die Landtagswahlen in Berlin und andernorts werden sie nicht die Letzten sein, denen die Frage, wie man einer faktenbefreiten Politik erfolgreich entgegentritt, Kopfzerbrechen bereiten wird.

2. September 2016, 15.05 Uhr:

Olympianachschlag III – Eine Neue Welt?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK UND GUNDO RIAL Y COSTAS

Die Sommerspiele sind gelaufen, over and out. Und ganz Brasilien rätselt, wie es mit Rio de Janeiro nun weitergehen soll. Wird das Straßenbahn-Netz irgendwann fertig, aus einigen der Sportstätten tatsächlich eine öffentliche Schule? Wird das Militär für immer und ewig auf der Straße patrouillieren oder sich nach den Paralympics samt bevorstehenden Kommunalwahlen in die Kasernen zurückziehen? Wird den vielen, angeblich zur „Befriedung“ mit Militärpolizei besetzten Favelas nun wieder der „Staatsschutz“ entzogen? Und wird genügend Geld in der öffentlichen Kasse sein, um die Gasrechnung für das Olympische Feuer zu bezahlen oder muss der nächste Kredit aufgenommen werden?

Dafür, dass sich die Cariocas trotz all dieser großen Fragezeichen ziemlich entspannt bis unpolitisch geben, kann sich die Marketingabteilung des Megavents selber genüsslich auf die Schulter klopfen (oder drauf küssen, wie es in Rio üblich ist). Denn versprochen wurde dem Publikum stets mehr als nur zwei Wochen sportliche Unterhaltung. Rio 2016, so erinnern uns tagtäglich immer noch Plakate im Stadtbild, ist der Beginn “einer Neuen Welt”, einer neuen Ära. Alles werde anders und besser, heißt es verheißungsvoll.

Wie schön oder unschön es in dieser Neuen Welt zugehen wird, ist schwer zu sagen. Einige offizielle new world trends manifestieren sich aber bereits jetzt im Limettensatz leerer Capirinha-Gläser. Hier unsere Top 10.

10. Der Fußballspieler Neymar Jr., „der erste Brasilianer des 21. Jahrhunderts“ (C. Naseweis) und Schütze des entscheidenden Elfmeters im Olympia-Finale besteht nach eigenen Angaben (Motto-Stirnband) zu 100% aus Jesus. Experten zeigten sich überrascht, denn in der Alten Welt hatten sie ursprünglich eine andere Formel errechnet: 15% Wunderkind, 20% Werbefläche, 20% Selfie-Automat und 45% freier Speicherplatz.

9a. Die Neue Welt hat eine neue Hauptstadt: „Den Wunderhafen“ (Porto Maravilha), der stadtplanerisch und nutzungsmäßig eher als Potemkinsches Dorf daher kommt. Die Cariocas zeigen bisher kaum Interesse die generalüberholte Hafenregion zu bewohnen oder zu bespielen. Damit aus dem farblosen, menschenleeren Abziehbild in nächster Zukunft ein Vorzeigebild wird, muss schon ein Wunder geschehen.

9b. Zum Wunderhafen passen die nur an der Oberfläche urbanisierten Häuserzüge von Favelas wie der Rocinha. An der Straße gelegene Gebäude wurden bunt angepinselt, ebenso wie die Hauptstraße selbst. Der Rest dahinter wurde originalgetreu in tristem Grau erhalten. Stadplanung macht Kinder froh und den Touristen ebenso.

8. Die Neue Welt ist nachhaltig. Bisher, da war Olympia immer ein Strohfeuer der Affekte, kleine sportliche Psychodramen, die sich für einen Lidschlag in der kollektiven Erinnerung verfingen, um dann direkt im Trivial-Pursuit-Koffer zu verschwinden. Die Kampagne rio2036.com verspricht nun anhaltende Hochgefühle. „Es lebe diese Emotion! 20 Jahre auf Eis gelegte Sozialausgaben.“ Bisher hat sich nur der klamme Bundesstaat Rio de Janeiro dem Aufruf angeschlossen. Gouverneure und Bürgermeister früherer Olympia-Austragungsorte sollen jedoch bereits Interesse bekundet haben.

7. Die Neue Welt besteht nicht nur aus unendlich weiten Bau-Ufern, sie macht sich auch selbst zu unbekannten Welten auf. Rio de Janeiros Kandidatur für die ersten, auf dem Mars statt findenden Spiele im Jahre 2088 steht. Dann mit den brandneuen Disziplinen: Tauziehen mit Seemannsgarn um die längsten, leeren Olympia-Versprechungen, Weiße-Elefanten-Wasserpolo (damit die Bauruinen auch mal eine Aufgabe bekommen) und Müllkugelstoßen, um so allen anfallenden Olympiadreck für immer ins All zu schleudern.

6. Die Tischtennishochburg der Neuen Welt heißt Afrika - als Land, logisch. Mehr Informationen dazu direkt von Timo Boll, der nach seinem Ausscheiden gegen Nigerias Spitzenspieler Quadri Aruna lapidar konstatierte: „Mit dieser unorthodoxen Technik kam ich nicht klar. Ich bin ja eher europäische oder asiatische Gegner gewöhnt“. Ach Afrika! Das Herz der Finsternis (Joseph Conrad) wird Dank Olympia nun für ewig zum unorthodoxen Leuchtfeuer.

5. Ein neuer Unterwasserfahrradweg in Rio wird bald schon die Stadtstrände Leblon und São Conrado verbinden. Der zuvor erbaute Fahrradweg entlang der Panoramastraße Avenida Niemeyer war bei hohem Wellengang kurz vor den Sommerspielen eingestürzt, zwei Menschen starben. Der Unterwasserweg der Neuen Welt beugt diesem Risiko nun nachhaltig vor. Verkehrsplaner sprechen zudem von einer Entlastung des Festlands und zukunftsweisender Staubprävention.

4. Der „dekorierte Spaziergang“ wird das nächste ganz große Ding. Wir erinnern uns, „dekorierte Hütten“ bezeichnen in der postmodernen Architektur Gebäude mit schnörkelig-barroker Fassade, schlichten Seitenwänden und einem muffigen Hintertürchen. In der Neuen Welt schickt sich der grenzenlose Dekospaß nun endgültig an, die Stadt zu übernehmen. Das fängt schon am Flughafen von Rio an, wo seit Olympia der kürzeste Weg vom Check-in zum Bording durch ein wirres Labyrinth aus Duty-Free-Shops, Restaurants und Ramschläden führt. Abkürzen wie bei IKEA? Fehlanzeige. Banksy‘s Bonmot „Exit through the giftshop“ verpufft in dieser Neuen Welt ohne Ausgänge.

3. Der Carioca als Ganzes wird einer tiefenpsychologischen Hypnosetherapie unterzogen. Eine sogenannte Schnellumpolarisierung soll dem „hässlichen Erbe des brasilianischen Fußballs“ (Uwe Seeler) bei kommen. Soll heißen: nie wieder Pfiffe, Schmährufe und Trampeleien bei Olympia oder anderen Sportevents. Um die Verhaltensregeln der Neuen Welt populär zu machen, werden auch die Erzählmuster der landestypischen Telenovelas umgekrempelt. Spielten die Cariocas zuvor stets die Rolle eines schimpfenden, Gift verspritzenden Bösewichts, werden sie künftig als eine Art gute Fee wohlwollend im englischen Fairplay-Modus bei Großveranstaltungen ausländischen Sportlern zujubeln - sogar dann, wenn es gegen die eigenen Lokalhelden geht.

2. Der Favelabewohner im Allgemeinen und der Afrobrasilianer im Besonderen werden zu neuen, umjubelten Identitätsfiguren in einem Land ohne Rassismus, voller Respekt und Wohlwollen gegenüber ethnischen Minderheiten. Ein Vorgeschmack war die überschwängliche Reaktion der brasilianischen Presse auf den Olympiasieg der Judoka Rafaela Silva: „Die Favela Cidade de Deús hat uns Gold beschert“. Kurz zuvor hatte ein afrobrasilianischer Taekwondo-Kämpfer bereits mehr Edelmetall errungen, als je ein brasilianischer Athlet zuvor. Diese Informationen sprechen für sich, ALLE haben nun die früher Ausgestoßenen lieb. FÜR IMMER.

1. In der Neuen Welt müssen die Kulturpessimisten der Alten Welt kräftig umdenken. Bestes Beispiel: Ostdeutsche Nazis und Wutbürger wissen dank Rio 2016: Fidschis bieten nicht nur preisgünstig Zigaretten an, sie können auch verdammt gut Rugby spielen. Alter Schwede!

2. September 2016, 15.03 Uhr:

Olympianachschlag III – Eine Neue Welt?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK UND GUNDO RIAL Y COSTAS

Die Sommerspiele sind gelaufen, over and out. Und ganz Brasilien rätselt, wie es mit Rio de Janeiro nun weitergehen soll. Wird das Straßenbahn-Netz irgendwann fertig, aus einigen der Sportstätten tatsächlich eine öffentliche Schule? Wird das Militär für immer und ewig auf der Straße patrouillieren oder sich nach den Paralympics samt bevorstehenden Kommunalwahlen in die Kasernen zurückziehen? Wird den vielen, angeblich zur „Befriedung“ mit Militärpolizei besetzten Favelas nun wieder der „Staatsschutz“ entzogen? Und wird genügend Geld in der öffentlichen Kasse sein, um die Gasrechnung für das Olympische Feuer zu bezahlen oder muss der nächste Kredit aufgenommen werden?

Dafür, dass sich die Cariocas trotz all dieser großen Fragezeichen ziemlich entspannt bis unpolitisch geben, kann sich die Marketingabteilung des Megavents selber genüsslich auf die Schulter klopfen (oder drauf küssen, wie es in Rio üblich ist). Denn versprochen wurde dem Publikum stets mehr als nur zwei Wochen sportliche Unterhaltung. Rio 2016, so erinnern uns tagtäglich immer noch Plakate im Stadtbild, ist der Beginn “einer Neuen Welt”, einer neuen Ära. Alles werde anders und besser, hieß es verheißungsvoll.

Wie schön oder unschön es in dieser Neuen Welt zugehen wird, ist schwer zu sagen. Einige offizielle new world trends manifestieren sich aber bereits jetzt im Limettensatz leerer Capirinha-Gläser. Hier unsere Top 10.

10. Der Fußballspieler Neymar Jr., „der erste Brasilianer des 21. Jahrhunderts“ (C. Naseweis) und Schütze des entscheidenden Elfmeters im Olympia-Finale besteht nach eigenen Angaben (Motto-Stirnband) zu 100% aus Jesus. Experten zeigten sich überrascht, denn in der Alten Welt hatten sie ursprünglich eine andere Formel errechnet: 15% Wunderkind, 20% Werbefläche, 20% Selfie-Automat und 45% freier Speicherplatz.

9a. Die Neue Welt hat eine neue Hauptstadt: „Den Wunderhafen“ (Porto Maravilha), der stadtplanerisch und nutzungsmäßig eher als Potemkinsches Dorf daher kommt. Die Cariocas zeigen bisher kaum Interesse die generalüberholte Hafenregion zu bewohnen oder zu bespielen. Damit aus dem farblosen, menschenleeren Abziehbild in nächster Zukunft ein Vorzeigebild wird, muss schon ein Wunder geschehen.

9b. Zum Wunderhafen passen die nur an der Oberfläche urbanisierten Häuserzüge von Favelas wie der Rocinha. An der Straße gelegene Gebäude wurden bunt angepinselt, ebenso wie die Hauptstraße selbst. Der Rest dahinter wurde originalgetreu in tristem Grau erhalten. Stadplanung macht Kinder froh und den Touristen ebenso.

8. Die Neue Welt ist nachhaltig. Bisher, da war Olympia immer ein Strohfeuer der Affekte, kleine sportliche Psychodramen, die sich für einen Lidschlag in der kollektiven Erinnerung verfingen, um dann direkt im Trivial-Pursuit-Koffer zu verschwinden. Die Kampagne rio2036.com verspricht nun anhaltende Hochgefühle. „Es lebe diese Emotion! 20 Jahre auf Eis gelegte Sozialausgaben.“ Bisher hat sich nur der klamme Bundesstaat Rio de Janeiro dem Aufruf angeschlossen. Gouverneure und Bürgermeister früherer Olympia-Austragungsorte sollen jedoch bereits Interesse bekundet haben.

7. Die Neue Welt besteht nicht nur aus unendlich weiten Bau-Ufern, sie macht sich auch selbst zu unbekannten Welten auf. Rio de Janeiros Kandidatur für die ersten, auf dem Mars statt findenden Spiele im Jahre 2088 steht. Dann mit den brandneuen Disziplinen: Tauziehen mit Seemannsgarn um die längsten, leeren Olympia-Versprechungen, Weiße-Elefanten-Wasserpolo (damit die Bauruinen auch mal eine Aufgabe bekommen) und Müllkugelstoßen, um so allen anfallenden Olympiadreck für immer ins All zu schleudern.

6. Die Tischtennishochburg der Neuen Welt heißt Afrika - als Land, logisch. Mehr Informationen dazu direkt von Timo Boll, der nach seinem Ausscheiden gegen Nigerias Spitzenspieler Quadri Aruna lapidar konstatierte: „Mit dieser unorthodoxen Technik kam ich nicht klar. Ich bin ja eher europäische oder asiatische Gegner gewöhnt“. Ach Afrika! Das Herz der Finsternis (Joseph Conrad) wird Dank Olympia nun für ewig zum unorthodoxen Leuchtfeuer.

5. Ein neuer Unterwasserfahrradweg in Rio wird bald schon die Stadtstrände Leblon und São Conrado verbinden. Der zuvor erbaute Fahrradweg entlang der Panoramastraße Avenida Niemeyer war bei hohem Wellengang kurz vor den Sommerspielen eingestürzt, zwei Menschen starben. Der Unterwasserweg der Neuen Welt beugt diesem Risiko nun nachhaltig vor. Verkehrsplaner sprechen zudem von einer Entlastung des Festlands und zukunftsweisender Staubprävention.

4. Der „dekorierte Spaziergang“ wird das nächste ganz große Ding. Wir erinnern uns, „dekorierte Hütten“ bezeichnen in der postmodernen Architektur Gebäude mit schnörkelig-barroker Fassade, schlichten Seitenwänden und einem muffigen Hintertürchen. In der Neuen Welt schickt sich der grenzenlose Dekospaß nun endgültig an, die Stadt zu übernehmen. Das fängt schon am Flughafen von Rio an, wo seit Olympia der kürzeste Weg vom Check-in zum Bording durch ein wirres Labyrinth aus Duty-Free-Shops, Restaurants und Ramschläden führt. Abkürzen wie bei IKEA? Fehlanzeige. Banksy‘s Bonmot „Exit through the giftshop“ verpufft in dieser Neuen Welt ohne Ausgänge.

3. Der Carioca als Ganzes wird einer tiefenpsychologischen Hypnosetherapie unterzogen. Eine sogenannte Schnellumpolarisierung soll dem „hässlichen Erbe des brasilianischen Fußballs“ (Uwe Seeler) bei kommen. Soll heißen: nie wieder Pfiffe, Schmährufe und Trampeleien bei Olympia oder anderen Sportevents. Um die Verhaltensregeln der Neuen Welt populär zu machen, werden auch die Erzählmuster der landestypischen Telenovelas umgekrempelt. Spielten die Cariocas zuvor stets die Rolle eines schimpfenden, Gift verspritzenden Bösewichts, werden sie künftig als eine Art gute Fee wohlwollend im englischen Fairplay-Modus bei Großveranstaltungen ausländischen Sportlern zujubeln - sogar dann, wenn es gegen die eigenen Lokalhelden geht.

2. Der Favelabewohner im Allgemeinen und der Afrobrasilianer im Besonderen werden zu neuen, umjubelten Identitätsfiguren in einem Land ohne Rassismus, voller Respekt und Wohlwollen gegenüber ethnischen Minderheiten. Ein Vorgeschmack war die überschwängliche Reaktion der brasilianischen Presse auf den Olympiasieg der Judoka Rafaela Silva: „Die Favela Cidade de Deús hat uns Gold beschert“. Kurz zuvor hatte ein afrobrasilianischer Taekwondo-Kämpfer bereits mehr Edelmetall errungen, als je ein brasilianischer Athlet zuvor. Diese Informationen sprechen für sich, ALLE haben nun die früher Ausgestoßenen lieb. FÜR IMMER.

1. In der Neuen Welt müssen die Kulturpessimisten der Alten Welt kräftig umdenken. Bestes Beispiel: Ostdeutsche Nazis und Wutbürger wissen dank Rio 2016: Fidschis bieten nicht nur preisgünstig Zigaretten an, sie können auch verdammt gut Rugby spielen. Alter Schwede!

30. August 2016, 11.53 Uhr:

Pop und Off

von Jörn Schulz

Gastbeitrag von Kristof Maria Künssler

Man muss nicht wirklich involviert sein in die Diskussion um „Pop-Kultur“ und „Off-Kultur“, ebenso wenig muss man Teil eines wie auch immer gearteten DIY-Spirits, oder eines „Undergrounds“ sein. Nur um kurz den Anlass zu erklären, den möglicherweise zentralen Aspekt von Popkultur - die Subversion und Opposition - ein wenig in Erinnerung zu rufen: Wenn eine Gegenposition zum von öffentlicher Hand gesponserten „Pop Kultur“ Festival mit dem Argument beginnt, jenes würde sich mit dem Coolness-Faktor Neuköllns selbst aufwerten, ohne dabei die in Neukölln stattfindende (Sub-)Kultur abzubilden, und zudem sei die Politik des vom Senat und der EU finanzierten Musicboards (Hauptfinancier des „Pop Kultur“) zu einseitig und würde den „echten Kern der Szene“ ignorieren, dann greift diese Kritik möglicherweise ein wenig kurz.

Die vom Senat vorgegebene Förderungspolitik könnte man auch einfach allein deshalb zerlegen, weil sie Kulturförderung v.a. unter dem Gesichtspunkt beurteilt, ob es der Marke „Berlin“ nützt, also dafür sorgt, die Stadt im Kampf um die standortpolitisch zwingend notwendige kreative Klasse nach vorne zu bringen - eine vorrangig ökonomische, im besten Falle von Geschmacksfragen einiger Weniger abhängige Entscheidung. Musik-Biz-Insider Berthold Seliger stellt hier sehr richtig die Frage, weshalb die dreiviertel Million, die ein recht überflüssiges Festival erhält, nicht in bezahlbare Proberäume oder Musikschulen fließen, wenn es der Stadt denn so wichtig ist mit der Kreativität.

Es will auch und vor allem nicht einleuchten, was genau daran emanzipatorisch und subventionswürdig ist, ausgerechnet eher privilegierten Mittelschichtsjungs noch mehr Möglichkeiten zu geben, anderen Mittelschichtsjungs ihre 1500 EUR-Effektboards vorzuführen. Warum dieses Anbiedern an die Fördertöpfe? Ist es nicht gelinde gesagt ignorant, Geld abzweigen zu wollen, um Popmusikerinnen einen Vorsprung in der Verwertungskette zu verschaffen, anstatt den Rütli-Kids von nebenan einen bezahlbaren Zugang zu Instrumenten und Unterricht zu ermöglichen? Eine Coldwave-Platte lässt sich auch ohne Staat leicht finanzieren, eine John Cage-Installation eher weniger. Ich werde misstrauisch, wenn von „unabhängiger Musikwirtschaft“ die Rede ist, die „nicht mithalten“ kann mit den großen Playern. Das Vokabular der Kultur- und Subventionsindustrie wird in seiner Rationalität nicht weniger unangenehm, wenn es von ökonomisch weniger „erfolgreichen“, Szene-affinen Akteurinnen in den Mund genommen wird. Wenn man sich zudem die geförderten Projekte der letzten Jahre ansieht, findet man eine nicht unerhebliche Zahl von Künstlerinnen, die ohnehin ein - teils ohne Zweifel zahlungsfähiges - Label und eine professionelle Booking-Agentur im Rücken haben, die ökonomische Bevorteilung zur Platzierung des „Produkts“ am „Markt“ also nur offensichtlicher wird.

Wenn dann in der Forderung nach „mehr Neukölln“ die Logik der Standortpolitik mit übernommen wird, und die Hälfte des Bezirks vergessen wird, die einen Migrationshintergrund hat (Dunkelziffer zudem wohl um einiges höher), deren Beitrag zur Subkultur aber wohl entweder nicht cool genug ist, oder einfach nicht wahrgenommen wird, dann zeigt sich die Ignoranz einer Blase, die nicht intersektional denken oder handeln will/kann, und eventuell nichts anderes als ein Biotop sucht, in dem der Druck der eigenen Existenzsicherung gemildert werden soll. Und überhaupt, begeht Popkultur nicht bemerkenswerte Fehlleistungen, wenn z.B. ein Omar Souleyman ohne weiteres aus dem Nahen Osten eingeflogen wird, die Musik der prekären arabischstämmigen Nachbarschaft aber geflissentlich ignoriert wird?

Sollte Popkultur nicht eigentlich von jeher einen Gegenstandpunkt zu den muffigen Institutionen von Stadt und Staat, und den Mechanismen des Turbokapitalismus bilden? Sollte eine Solidarisierung mit den Benachteiligten einer offensichtlich unsozialen Stadt-/Kulturpolitik nicht naheliegender sein als der Flirt mit dem Sigmar Gabrielschen „Popbeauftragten“? Lesen denn die Leute ihren Marx nicht mehr, oder wenigstens ihren Bernhard?

In einer Szene, in der jeder Noise-Event mit dem Branding einer „Agentur“ präsentiert wird, Protestveranstaltungen möglichst schnell mit Merchandising hausieren, Künstlergagen auf dem Rücken gratis arbeitender Helferinnen ausgetragen werden, gedeiht der feuchte Traum des Kapitals, in der jede Akteurin sich zur selbst ausbeutenden Ich-AG trimmt, und bewusst oder unbewusst die eigene Kreativität in den Dienst der turbokapitalistischen Logik stellt. Nicht dass das etwas Neues wäre…

Vor schon sieben Jahren schrieben Daniel Richter, Ted Gaier und Co. über Hamburgs Stadtpolitik: „Lasst den Scheiß. […] Wir denken an andere Sachen. […] Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten von heute auch eine Territorialfrage ist.“ Warum denkt Popkultur im Jahr 2016 in Berlin nicht an andere Sachen als sich selbst? Wenn Popkultur - selbst unterm Deckmantel eines vorgeblich subversiven „Abgreifens“ - nur die eigene individuelle Existenz zu sichern sucht, dann verkommt sie zu reinem Entertainment, und verschwendet ihre subversive Kraft.

https://www.facebook.com/events/307528916303996/

29. August 2016, 05.04 Uhr:

Olympia-Nachschlag II - Zu den Unkenrufen

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Nach dem die Olympischen Spiele seit fast genau einer Woche vorbei sind und man sich in Brasilien auf die Abstimmung zur Amtsenthebung der Präsidentin Dilma Rousseff vorbereitet, hallt in der internationalen Presse noch immer ein anderes Thema nach: die angeblich unfairen, auspfeif-geilen Cariocas. Insbesondere im englischen und deutschen Feuilleton sowie auf diversen Meinungsseiten fanden mitunter hitzige Debatten statt. Vor allem auf die angeblich kulturell bedingte Unsportlichkeit der Brasilianer wurde entweder eingehackt oder positiv als „ehrlich“ dargestellt, wie man etwa in der Taz lesen kann.

Vielleicht hilft eine sportanthropologische Annäherung an den Konflikt weiter, um ein etwas anderes Licht auf die Debatte zu werfen, nicht zuletzt um Missverständnisse zu Tage zu fördern, die sich auf kulturelle Traditionen zurückführen lassen. Wir konstatieren: Brasilianische Sportfans pfiffen ihre Gegner bei den Olympischen Spielen gnadenlos aus, auch in für Fairplay bekannten Sportarten wie etwa Beachvolleyball oder Leichtathletik. Ein Skandal. Wer käme schon auf die Idee, auf einem internationalen Sportmeeting in Kornwestheim den Diskuswerfer der gegnerischen Mannschaft auszubuhen? Dem französischen Stabhochspringer Renaud Lavillenie geschah unter dem Olympischen Stern jedoch genau das und es verwundert nicht, dass er danach einen gekränkten Chanson anstimmte.

Nicht nur die Zuschauer, auch die brasilianische Tagespresse verzieh ihm seine verheerende Publikumskritik nicht. Allen voran das Blatt O Globo urteilte Lavillenies negative Worte am vergangenen Dienstag als übertrieben ab. Sein schlechtes Abschneiden bei einem postolympischen internationalen Leichtathletikwettbewerb wurde als Indiz dafür herangezogen, dass nicht das Gestänkere der brasilianischen Zuschauer Schuld an seiner verpassten Goldmedaille sei, Lavillenie sei „einfach nervenschwach.“

Die internationale Presse dagegen bemühte den Viralata-Mythos, um das Verhalten des heimischen Publikums zu erklären. Der beschreibt nichts weniger als einen nationalen Minderwertigkeitskomplex eines wegen fehlender Bildung angeblich rückschrittlichen Landes, das sich ewig in die Zukunft projiziert, in der Gegenwart aber nichts reißt. Immer wieder wird auch angeführt, dass Brasilien dabei auf Grund seiner geographischen Ausmaße ein riesiges Potential habe, eigentlich. Denn in dem Land kontinentalen Ausmaßes, geprägt von einem starkem Regionalismus, haben nur wenige Sportarten eine lange und sichtbare Geschichte. Bis heute dominiert der Herren-Fußball.

Natürlich gibt es auch eine jahrzehntelange Tradition im Volley- und Beachvolleyball, im Basketball und eine etwas kürzere im Schwimmen, im Turnen, in der rhythmischen Sportgymnastik, in diversen Kampfsportarten und jüngst auch im Frauen-Handball. Dabei ist die allgemeine mediale Präsenz und die Aufmerksamkeit in der brasilianischen Öffentlichkeit allerdings eher begrenzt, was sich auch an der begrenzten Olympiasportförderung und der eher bescheidenen Medaillenausbeute bei den Spielen fest machen lässt. So sind viele olympische Sportarten in Brasilien bis heute so gut wie unbekannt. Die teils gähnend leeren Ränge beim Bogenschießen und Badminton bei den Olympischen Spielen sprechen Bände.

Hinzu kommt, dass viele Fernseh-Berichterstatter oftmals selbst weder die Regeln noch die ausführenden Sportler besonders gut kannten. Den Zuschauern wurde es so nicht einfacher gemacht, alle Disziplinen mit Verve zu verfolgen. Und die begeistern sich neben Fußball dann schon eher für nicht-olympische Sportarten wie Formel 1 Rennfahren,  Surfen, Skateboardfahren, Free Fight oder Jiu Jitsu. Bei solchen, ofte in den USA ausgetragenen Turnieren oder Kämpfen sitzt das brasilianische Publikum auch schon mal bis in die frühen Morgenstunden vor dem Bildschirm.

Doch zurück zu den rüden Pfeifkonzerten. Für diese hatte der sportbegeisterte Chemieprofessor Arnaldo von der staatlichen Universität Rio de Janeiros eine verblüffende Erklärung: Viele der angeblich „bösen“ Zuschauer im Stadion seien zum größten Teil einfach Fußball-Fans, die es gewohnt sind, Schiedsrichter und Gegner aufs Übelste auszupfeifen und zu beschimpfen. Die 26jährige Marsella von der TV-Sendung Globo News, die bereits viermal in Deutschland war und sogar im Deutschland-Trikot das Damen-Finale im Fußball verfolgte, bestätigte diese These bei einem Public Viewing äußerst plastisch.

Aber, gestattet sei folgendes Gedankenspiel: Würden sich die eingefleischten Fans von Borussia Dortmund oder Schalke 05 in einem Leichtathletikstadion wirklich „besser“ benehmen? Die meisten würden wahrscheinlich gar nicht erst hinfahren. So scheinen die Pfiffe der brasilianischen Fans vor allem eine Erklärung zu haben, nämlich die Übertragung des ruppigen Umgangstons und der beim Fußballschauen gelernten Ausbuhpraktiken auf anderen Sportarten.

Es geht hier nicht um richtig oder falsch und es ist nicht so, dass es keine unfairen brasilianischen Fans gäbe. Man sollte sich aber überlegen, inwieweit das Verhalten des heimischen Publikums bei Olympia mit bestehenden Sporttraditionen und (Un)sitten verknüpft ist, bevor man sich in grobe Verallgemeinerungen versteigt und “dem Brasilianer“ per se eine Unfairness-Urkunde ausstellt.

29. August 2016, 05.03 Uhr:

Olympia-Nachschlag II - Zu den Unkenrufen

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Nachdem die Olympischen Spiele seit fast genau einer Woche vorbei sind und man sich in Brasilien auf die Abstimmung zur Amtsenthebung der Präsidentin Dilma Rousseff vorbereitet, schallt in der internationalen Presse noch immer ein anderes Thema nach: die angeblich unfairen, auspfeif-geilen Cariocas. Insbesondere im englischen und deutschen Feuilleton sowie auf diversen Meinungsseiten wurden mitunter hitzige Debatten ausgetragen. Vor allem wurde entweder auf die angeblich kulturell bedingte Unsportlichkeit der Brasilianer  eingehackt oder aber positiv als „ehrlich“ dargestellt, wie man etwa in der Taz lesen kann.

Vielleicht hilft eine sportanthropologische Annäherung an den Konflikt weiter, um ein etwas anderes Licht auf die Debatte zu werfen, nicht zuletzt um Missverständnisse zu Tage zu fördern, die sich auf kulturelle Traditionen zurückführen lassen. Wir konstatieren: Brasilianische Sportfans pfiffen ihre Gegner bei den Olympischen Spielen gnadenlos aus, auch in für Fairplay bekannten Sportarten wie etwa Beachvolleyball oder Leichtathletik. Ein Skandal. Wer käme schon auf die Idee, auf einem internationalen Sportmeeting in Kornwestheim den Diskuswerfer der gegnerischen Mannschaft auszubuhen? Dem französischen Stabhochspringer Renaud Lavillenie geschah unter dem Olympischen Stern jedoch genau das und es verwundert nicht, dass er danach einen gekränkten Chanson anstimmte.

Nicht nur die Zuschauer, auch die brasilianische Tagespresse verzieh ihm seine verheerende Publikumskritik nicht. Allen voran das Blatt O Globo urteilte Lavillenies Kritk am vergangenen Dienstag als übertrieben ab. Sein schlechtes Abschneiden bei einem postolympischen internationalen Leichtathletikwettbewerb wurde im Nachgang hämisch als Indiz dafür herangezogen, dass nicht das Gestänkere der brasilianischen Zuschauer Schuld an seiner verpassten Goldmedaille sei, Lavillenie sei „einfach nervenschwach.“

Die internationale Presse dagegen bemühte den Viralata-Mythos, um das Verhalten des heimischen Publikums zu erklären. Der beschreibt nichts weniger als einen nationalen Minderwertigkeitskomplex eines wegen fehlender Bildung angeblich rückschrittlichen Landes, das sich ewig in die Zukunft projizier,t aber nichts in der Gegenwart reißt. Immer wieder wird auch angeführt, dass Brasilien dabei auf Grund seiner geographischen Ausmaße ein riesiges Potential habe, eigentlich. Denn in dem Land kontinentalen Ausmaßes, geprägt von einem starkem Regionalismus , haben nur wenige Sportarten eine lange und sichtbare Geschichte. Bis heute dominiert der Herren-Fußball.

Es gibt natürlich auch eine jahrzehntelange Tradition im Volley- und Beachvolleyball, im Basketball und eine etwas kürzere im Schwimmen, im Turnen, in der rhythmischen Sportgymnastik, in diversen Kampfsportarten und jüngst auch im Frauen-Handball. Dabei ist die allgemeine mediale Präsenz und die Aufmerksamkeit in der brasilianischen Öffentlichkeit allerdings eher begrenzt, was sich auch an der begrenzten Olympiasportförderung und der eher bescheidenen Medaillenausbeute bei den Spielen fest machen lässt. So sind viele olympische Sportarten in Brasilien bis heute so gut wie unbekannt. Die teils gähnend leeren Rängen beim Bogenschießen und Badminton während der Olympiaschen Spiele sprechen Bände.

Hinzu kommt, dass viele Fernseh-Berichterstatter oftmals selbst weder die Regeln noch die ausführenden Sportler besonders gut kannten. Den Zuschauern wurde es so nicht einfacher gemacht, alle Disziplinen mit Verve zu verfolgen. Und die begeistern sich neben Fußball dann schon eher für nicht-olympische Sportarten wie Formel 1 Rennfahren,  Surfen, Skateboardfahren, Free Fight oder Jiu Jitsu. Bei solchen oft in den USA ausgetragenen Turnieren oder Kämpfen sitzt das brasilianische Publikum auch schon mal bis in die frühen Morgenstunden vor dem Bildschirm.

Doch zurück zu den rüden Pfeifkonzerten. Für diese hatte der sportbegeisterte Chemieprofessor Arnaldo von der staatlichen Universität Rio de Janeiros eine verblüffende Erklärung: Viele der angeblich „bösen“ Zuschauer im Stadion seien zum größten Teil einfach Fußball-Fans, die es gewohnt sind, Schiedsrichter und Gegner aufs Übelste auszupfeifen und zu beschimpfen. Die 26jährige Marsella von der TV-Sendung Globo News, die bereits viermal in Deutschland war und sogar im Deutschland-Trikot das Damen-Finale im Fußball verfolgte, bestätigte diese These bei einem Public Viewing äußerst plastisch.

Mit Verlaub sei folgendes Gedankenspiel gestattet: Würden sich die eingefleischten Fans von Borussia Dortmund oder Schalke 05 in einem Leichtathletikstadion wirklich „besser“ benehmen? Die meisten würden wahrscheinlich gar nicht erst hinfahren. So scheinen die Pfiffe der brasilianischen Fans vor allem eine Erklärung zu haben, nämlich die Übertragung des ruppigen Umgangstons und der bem Fußballschauen gelernten Ausbuhpraktiken auf andere Sportarten.

Es geht hier nicht um richtig oder falsch und es ist nicht so, dass es keine unfairen brasilianischen Fans gäbe. Man sollte sich aber überlegen, inwieweit das Verhalten ders heimischen Publikums bei Olympia mit bestehenden Sporttraditionen und (Un)sitten verknüpft ist, bevor man sich in grobe Verallgemeinerungen versteigt und “dem Brasilianer“ per se eine Unfairness-Urkunde ausstellt.

27. August 2016, 05.41 Uhr:

Olympia-Nachschlag I - Die Nachbarn in den Anden schauten kaum

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Olympia lief in Brasiliens andinem Nachbarland Bolivien nach ganz eigenen Gesetzen. In der dem Anspruch nach plurinationalen Republik wird generell großen Wert auf Sport und Spiel gelegt. Besonders richtet sich das Interesse dabei auf die nationale Fussball-Liga, in der the Strongest und Bolívar den Ton angeben. Ebenso werden landauf landab munter sowohl auf öffentlichen Plätzen als auch auf dafür gesperrten Straßen Folkloretänze zelebriert. Dafür eigens zur Verfügung gestellte Musikanlagen samt für diesen Zweck angeheuerte Vortänzer bringen jedem der will, die Sauseschritte bei, um den mitunter rasanten Andentönen zu folgen – allein, in der Reihe oder im Kreis, immer von einem Ton angebenden Hilfstänzer begleitet.

Soviel sichtbare Euphorie wurde für die Olympischen Spiele nie entwickelt. Selbst in der Hauptstadt La Paz, Fehlanzeige. Nicht eine gut besuchte Public Viewing Veranstaltung war zu finden. Die an Bildschirmen mitfiebernden Grüppchen in Cafés, Restaurants oder Hostels, die man gelegentlich erspähen konnte, bestanden meist aus travelnden Gringos, wie die Runde um den lautstark sein Team anfeuernden Michele. Der Florentiner jubelte den italienischen Volleyballern in einem an der Plaza gelegenen Restaurant der malerischen, im Kolonialstil erbauten Tiefland-Stadt Sucre zu. Michele machte gar einen Luftsprung, als seine Mannschaft schließlich gewann, was die übrigen Lokalgäste mit indifferenter Stoigkeit quittierten. Ähnliche Szenen konnte man bis ins Tiefland verfolgen, über Potosí, Uyuni bis eben nach Sucre.

Doch wie fanden die Bolivianer selbst die Spiele, welche Spuren haben sie hinterlassen? Hat die großzügige Ankündigung von Präsident Evo Morales, eine bolivianische Olympiamedaille mit 50 000 Dollar zu belohnen, eine besondere Olympiabegeisterung bei Sportlern und Sportfans ausgelöst? Im Flugzeug der Bolivia Airlines findet man im Innenteil der mit “Buen Provecho” (Guten Appetit) beschriebenen Lunchbox immer noch die Konterfeis von zehn mit nationalen Sportförder-Stipendien ausgestatteten bolivianischen Olympiateilnehmern. Das machte fast die gesamte Delegation des Landes aus. Diese überschaubare Größe sowie die medaillenfern, bestens nur im Mittelfeld landenden Sportler mögen die relative Unsichtbarkeit, die der Event in der Andenrepublik auszeichnete, erklären.

Auch die mediale Präsenz – oder eher Absenz – spricht Bände: Im Fernsehen war Fehlanzeige was eigens vor Ort befindliche bolivianische Olympiakorrespondenten angeht. Da muss man schon beim argentinischen Nachbar von Fox Sport einschalten, um direkt von der Copacabana kommentierte Bilder zu sehen. In den Printmedien fanden sich nur wenige Blätter wie “Siete Dias” aus La Paz, “Opinión” aus Cochabamba und “El Deber” aus Santa Cruz mit eigenen Beilagen zu den Spielen. Größere Erwähnungen auf der Titelseite hatten Seltensheitwert. Die Zeitung „El Deber“ feiert immerhin auf Seite Eins, als “der Blitz zum zweiten Mal einschlug”, eine Anspielung auf Usain Bolts Spitznamen. Die insgesamt drei mal drei Goldmedaillen des jamaikanischen Sprinters bei Sommerspielen wurde auch in Bolivien zur Sensation erklärt. Hochgelobt wurde dann auch das beste bolivianische Olympiaergebnis, Angela Castros achtbarer 18. Platz im 20 Km Gehen. Leider war das Resultat noch immer Lichtjahre von dem 50 000 Dollar versprechenden Edelmetall entfernt.

Als ich auf Condors Schwingen das Andenland Bolivien verließ, hallten mir die Worte eines sportbegeisterten Kieferchirurgen aus La Paz lang nach. Seine Meinung zu Bolivien und Olympia: “Wir Bolivianer sind gut in Folklore. An den Olympischen Spielen interessieren uns vor allem die schönen Bilder aus Rio”.

P.S. An der Bolivianisch-Brasilianischen Grenze sind mehrere Leute der gleichen Meinung, so wie der Kokablätter kauende Taxifahrer Álvaro aus dem Grenzstädtchen Quijarro. Am vorletzten Olympia-Tag erzählt er mir euphorisiert, das brasilianische Fussball-Herrenteam habe soeben gegen Deutschland die Goldmedaille im Elfmeterschiessen gewonnen : “Jetzt bin ich glücklich, wir hier an der Grenze sind schließlich auch Brasilianer”.

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