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Kürzliche Beiträge
20. September 2016, 13.56 Uhr:

Ohne Qual der Wahl

von Ute Weinmann

Moskau, es ist Wahltag. Gewählt wird die Duma, schon die siebte in postsowjetischer Zeitrechnung. Wählen darf ich allerdings nicht. Das ist nicht nur eine Frage des Passes, sondern der Meldeadresse. Etwa zwei Drittel der volljährigen Einwohner der Megastadt haben offiziell ihren festen Wohnsitz an einem anderen Ort und verfügen bestenfalls über eine befristete Anmeldung. In dem Fall ist der Versuch sich in Moskau einen Wahlzettel zu erschleichen sinnlos. Nur einmal habe ich es wohl aus Versehen bei den Bürgermeisterwahlen in eine Liste ehrenwerter Hauptstadtbewohner geschafft und ein Schreiben vom Bürgermeister bekommen mit dem fast unwiderstehlichen Vorschlag, meine Stimme abzugeben. Von dem Angebot habe ich keinen Gebrauch gemacht. Vermutlich hat das dann jemand anderer an meiner Stelle erledigt.

Ungefähr so: In der Metro stoße ich buchstäblich mit meiner alten Bekannten Dascha zusammen, ihres Zeichens Moskauer Vertreterin des Außenministeriums der Donezker “Volksrepublik". Sie kandidierte bei den Dumawahlen für die “Kommunisten Russlands” - nicht zu verwechseln mit der Kommunistischen Partei KPRF -, und das nur deshalb, weil ihrem eigentlichen Favoriten, der “Vereinigten Kommunistischen Partei", bislang kein Erfolg beschert war sich zu registrieren. Früher war sie schon mal Abgeordnete, aber damals war das Parlament noch nicht so übersichtlich strukturiert wie heutzutage und das Einige Russland existierte noch nicht einmal. Dascha kommt gerade aus einem Wahllokal und ist auf dem Weg an höherer Stelle eine Beschwerde einzureichen. Im Wahlregister entdeckte sie die Namen ihrer beiden Nachbarinnen, daneben eine Unterschrift, mit der die Aushändigung der Wahlzettel ordentlich quittiert werden. Dascha hat allerdings berechtigte Zweifel an deren Echtheit, denn ihre russlanddeutschen Nachbarinnen halten sich seit mehreren Jahren arbeitsbedingt in Deutschland auf. Unwahrscheinlich, dass sie die Wahlbehörde davon in Kenntnis gesetzt haben. Dascha aber sollte es ohnehin besser wissen als die Menschen vom Amt, sie hütet nämlich derweil deren Wohnung und hätte es sicherlich bemerkt, wenn die beiden Damen, oder eine davon, um ihrer moralischen, ja vaterländischen Pflicht als wahlberechtigte Moskauerinnen nachzukommen, am vergangenen Sonntag an ihrem Wohnsitz aufgetaucht wären. Die Wahlhelferin konnte und wollte diese Logik nicht nachvollziehen. Anfangs versuchte sie es mit klassischen Zurechtweisungen von wegen Dascha sei so eine Dahergelaufene, da könne schließlich jeder irgendwelche Behauptungen aufstellen. Und ein Recht sich zu beschweren habe sie sowieso nicht. Aber weil das bei Dascha keinen Eindruck hinterließ, folgte das denkbar schlagkräftigste Argument: “Ich habe die Frau doch gesehen! Sie war hier!” Das soll mal jemand widerlegen.

Noch nie haben so wenige Wahlberechtigte ihre Stimme abgegeben wie bei diesen Parlamentswahlen. Will sagen selber abgegeben. Andere haben nachgeholfen, damit die Beteiligung nicht bei desaströsen zwanzig Prozent bleibt, sondern wenigstens knapp 50 Prozent erreicht. So mancher Beobachter durfte mit eigenen Augen zusehen, ansonsten kursieren Videos im Netz, beispielsweise aus Rostow am Don. An der Längsseite einer Turnhalle läuft das reguläre Wahlgeschäft, ein paar Meter weiter an der Wand das irreguläre. Dort wirft eine aus einem Nebenraum mit einem Stapel Papier gekommene Frau ein Blatt nach dem anderen in die Wahlurne und holt dann Nachschub. Tschetschenien liegt hinsichtlich der Wahlbeteiligung nur auf dem dritten Platz, dafür durfte die kleine Vorzeigerepublik erstmals seit 13 Jahren über ihren Präsidenten abstimmen. Gewonnen hat, wie es sich gehört, Amtsinhaber Ramsan Kadyrow. Für ihn persönlich war das Prozedere also ein Novum, und die tschetschenischen Wahlen waren selbstredend die transparentesten und fairsten überhaupt. So was von Transparenz und Fairness hat mensch dort noch nie erlebt. Alles klar.

Das Einige Russland hat landesweit alle Direktmandate gewonnen, in denen die Partei einen Kandidaten aufstellen ließ, also in 203 von 225. In den anderen durften kremlnahe Politiker absahnen. Oppositionelle hatten das Nachsehen. Selbst Jabloko blieb unter drei Prozent, somit erhält die Partei, die im Unterschied zur liberalen Konkurrenz PARNAS ein Bündnis mit rechtsextremen und nationalistischen Kräften kategorisch ausschließt, nun auch keine Rubel mehr aus der Staatskasse. Verhalten optimistische Stimmen gibt es dennoch. Dass die Jabloko-Kandidatin und profilierte Kommunalpolitikerin Jelena Rusakowa in ihrem Moskauer Wahlkreis auf dem dritten Platz mit nur wenig Rückstand zur KPRF landete, ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Mangels finanzieller Ressourcen fiel ihr Wahlkampf bescheiden aus, die Konkurrenz sorgte dafür, dass ihre Flugblätter schnell von der Bildfläche verschwanden und sie kann von sich auch nicht behaupten, dass der übermächtige Staat hinter ihr stehe. Vielmehr lässt er sie beobachten. Die russische Opposition hat viele Mankos, eines davon ist die fehlende Politikerfahrung. Menschen wie Jelena Rusakowa versuchen sich durch Politik der kleinen Schritte langsam nach vorne zu arbeiten und sammeln dabei wertvolle Erfahrungen, die dem Protestpublikum vor fünf Jahren fehlte. Damals haben viele ihre Stimme gegen das Einige Russland abgegeben aus dem Kalkül heraus, der Kremlpartei damit wenigstens eine Ohrfeige zu erteilen. Enttäuscht vom Wahlergebnis gingen sie auf die Straße. Am Tag nach der diesjährigen Dumawahl blieben alle zu Hause. Auf Distanz gehen ist der sicherste Weg nichts falsch zu machen. Das tun dafür die Anderen.

19. September 2016, 14.26 Uhr:

In Memoriam Paul Parin

von Thomas von der Osten-Sacken

Biografische Facetten aus dem Leben eines Forschungsreisenden. Zum 100. Geburtstag des Psychoanalytikers und Schriftstellers Paul Parin

Gastbeitrag von Roland Kaufhold

„Für einen Juden ist „nach Auschwitz“ nichts mehr so, wie es früher war. Auch an ihm (meinem Vater) sind die Ereignisse nicht vorbeigegangen.“
Paul Parin (Parin, 1993, S. 28)

„Ich würde nicht schreiben, wenn Goldy meine Texte nicht gerne hören oder lesen würde.“
Paul Parin (1993, S. 164)

 

Mit Paul Parin verbindet mich vor allem, dass ich ihn immer gerne gelesen habe. Er hat mir viel bedeutet. Und er hat mich mein Leben lang immer mal wieder begleitet.

Erstmals gelesen habe ich Paul Parin 1981 im Philosophieunterricht eines Gymnasiums, bei einem „progressiven“ Lehrer, Dieter Ferfers, kurz vor meinem Abitur. Er muss mich berührt haben, zumindest habe ich mir seinen Namen gemerkt. Es war die Zeit der „Züricher Jugendunruhen“. Der seinerzeit 65-jährige, gesellschaftlich „etablierte“ linke Psychoanalytiker bemühte sich, die aufbegehrende Jugend solidarisch zu unterstützen – mit seinen Mitteln: Er nahm an Demonstrationen für den Erhalt eines autonomen Züricher Jugendzentrums teil und publizierte psychoanalytische Studien, in denen er die legitimen Motive der aufbegehrenden Jugendlichen darlegte: „Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen“, „Befreit Grönland vom Packeis“, „Der Knopf an der Uniform des Genossen“: typische Essayüberschriften für sein seinerzeitiges publizistisches Engagement (in: Reichmayr, 2006).

Im Studium begegnete mir Paul Parin dann wieder. Ich erinnerte seinen Namen und las seine späteren Werke gleich nach ihrem Erscheinen. Zweimal erlebte ich ihn bei Lesungen in Köln. Meine gelegentlichen Besprechungen seiner Bücher nahm er bewusst wahr und schrieb mir jeweils ausführlich und sehr freundlich. Als er schon nahezu vollständig erblindet war besprach ich sein letztes Werk „Lesereise 1955 bis 2005“ (Parin, 2006). Paul Parin, inzwischen 91 alt, war sehr erfreut, wessen ich mir zuvor nicht sicher gewesen war. Er rief mich extra an, sprach sehr lange mit mir, und danach schickte er mir einen ausführlichen, trotz seiner Erblindung gut lesbaren Brief. Hierin schrieb er u.a.: „Ich bin mir bewusst, dass bei einem solchen Lebensalter Misserfolge und Fakten weggelassen werden. Es wäre aber falsche Bescheidenheit wenn ich Ihre tiefe und einfühlsame Darstellung nicht mit voller Zustimmung und ganz herzlichem Dank beantworten würde. Jeder Schriftsteller hofft auf Leser dieser Art. Doch nur selten darf ich auf eine so eingehende Würdigung hoffen. Ich kann wieder leserlich (?) schreiben, bin aber nicht im Stande dieses Brieflein zu lesen.“ (Brief Parins vom 24.11.2007)

Kindheit und Jugend in Slowenien: ein Glückspilz auf der Suche nach Abenteuern

Paul Parin wächst in Slowenien als Sohn eines Großgrundbesitzers auf. Sein Elternhaus ist „multikulturell“, assimiliert jüdisch, anregungsreich – aber auch einsam. Der junge Paul findet auf dem elterlichen Anwesen kaum gleichaltrige Freunde. Seine Erinnerungen an seine begüterte Jugend auf dem Landgut Novikloster, wie er sie in seinem literarischen Erstlingswerk „Jahre in Slowenien“ (1980) erinnert hat, sind von einer eindrücklichen Lebendigkeit und emotionalen Nähe. Im multikulturellen, ländlichen Novikloster wird sein Interesse für seelische und soziale Beobachtungen früh geweckt. Parin führt aus: „Ein Psychoanalytiker könnte als Kind keinen besseren Anschauungsunterricht haben als die starr durch Machtverhältnisse und Arbeitsteilung gegliederte, gegen außen, von der profanen Welt der Bauern und der Städte durch Wiesen und Forste getrennte Welt eines Großgrundbesitzes, einer vielköpfigen Großfamilie, die untergründig von Liebe und Hass durchströmt und bewegt wird. Die Rätsel des Lebens müssen erst hier gelöst werden, bevor man hinausblickt in die unheimliche und verführerisch lockende Fremde.“ (Parin, 1980, S. 26)

Frühe Belastungen

Paul Parin muss als Kleinkind sehr früh schwere Belastungen überstehen. Wegen einer angeborenen schweren Missbildung seines Hüftgelenkes ist er als Kind für knapp zwei Jahre von Kopf bis Fuß eingegipst – und hat doch zugleich eine liebevolle, einfühlsame Mutter. Für diese war ihr Sohn nicht behindert, sondern einfach ein „Glückspilz“ (Parin, 1993a, S. 16). Auch erinnert Parin sich mehrerer slowenischer Frauen, hierunter auch seiner geliebten Kinderfrau Mimi, die sich einfühlsam um ihn kümmerten. Seine Beobachtungsgabe wurde früh geweckt. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Erich Fried Literaturpreises (1992) führt Parin aus: „Ich bin mit einer Missbildung der Hüftgelenke zur Welt gekommen und habe zeitlebens gehinkt. Immerhin konnte ich mein Gebrechen kompensieren, war also körperlich besser dran als er. Sprache und Rede waren auch für mich wichtiger als für gesunde Kinder, und haben mir während eines ganz anderen Berufslebens so viel bedeutet, dass ich mich im Alter dem Schreiben zuwenden konnte und heute hier vor Ihnen stehe.“ (Parin, 1993a, S. 128).

Der polnische und der preussische Adler

In dem späten, stark autobiografisch geprägten literarischen Text „Der polnische und der preußi­sche Adler – beschädigt beide“ (Parin, 1995, S. 9-41) erinnert sich Parin in einer traumähnlichen Dichte an einige frühere Kindheits- und Urlaubsepisoden, gefüllt mit farbigen Landschaftsbeschreibungen. Mit acht Jahren verbringt Paul gemeinsam mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder Otto einen Sommer in einem Schloss in Polen. Zu Otto hatte er als Kind eine gute Beziehung: „Wir waren ein Herz und eine Seele, gingen zusammen fischen und auf die Jagd. Daß wir miteinander konkurrierten oder eifersüchtig aufeinander waren, kam überhaupt nicht in Frage. Wir gingen uns sogar bewußt aus dem Wege, wenn klar war, daß einer besser war als der andere, zum Beispiel im Sport, beim Tennis und so weiter.“ (Rütten, 1996, S. 64f.)

Sein Vater verwaltet es für einen „reichen Wiener Kriegsgewinnler“ (Parin, 1995, S. 12). Es ist eine Märchenwelt, aus der Perspektive des verwunderten Kindes beschrieben. Paul interessiert sich für die Natur und für Tiere. Eine literarische Erinnerung: „Immer im Sonnenlicht liegt die sumpfige Wiese da, es sind ein, zwei oder drei Störche zu sehen, die auf Frösche lauern und – wenn man lange und aufmerksam hinschaut – ist der graue Pflock, der aus der Wiese ragt, ein Silberreiher. Abends fliegt er mit weichen wippenden Schwingen fort. Ganz weit weg ist das Dorf. Die schmutzigbraunen Dächer der Häuser verfärben sich weder golden, noch rot, noch blau. Der Abschluß der bunten Märchenwelt.“ (Parin, 1995, S. 11)

Zunehmend mutiger werdend erkundet er die Wildnis: „Hier ist die Maikuhle, die wunderbare und unheimliche Wildnis, mein Polen, das ich noch immer in mir herumtrage; es taucht von Zeit zu Zeit wieder auf, unverändert geheimnisvoll.“ (Parin, 1995, S. 14)

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17. September 2016, 05.02 Uhr:

Die Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro – wird wer integriert?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Die Sommerspiele in Rio haben ordentlich Wellen geschlagen und das nicht nur im Sprung- und Schwimmbecken. Das brasilianische Nationalgefühl - wenn es so etwas überhaupt gibt - war verletzt als die internationale Öffentlichkeit wie ein Tsunami über dem angeblich unsportlichem brasilianischen Fanverhalten hereinbrach. Wir erinnern uns: viele Olympia-Gegner waren ausgepfiffen worden – ein Brauch, den viele brasilianische Fans vom Fußball in die olympischen Stadien importiert hatten.

Wie würde das alles nun weitergehen, bei den vom Olympischen Komitee angepriesenen „Paralympischen Spielen des Respekts und der Integration“? Unmut war bereits im Vorfeld aufgekommen, darüber, dass gerade arme Menschen (fast) nichts von den Megavents haben, von den Schattenseiten mal abgesehen: Zwangsumsiedlungen, um für die Olympiastätten Platz zu machen, eine die Grundstücks- und Mietpreise in schwindlige Höhen treibende Gentrifizierung, sowie ausgebliebene Verbesserungen in anderen Lebensbereichen. Besonders im Bildungs- und Gesundheitsbereich hätte mit dem munter verschleuderten Olympiageld viel bewegt werden können. Es war also nicht zur Integration aller Gesellschaftsschichten der Stadt gekommen, die Eduardo Paes, der amtierende Bürgermeister von Rio de Janeiro, vollmundig versprochen hatte.

Ein trauriges Sinnbild in dieser Hinsicht stellte die Auftaktzeremonie dar, bombastisch und farbenfroh im Maracaná-Stadion abgefeiert. Die Menschen, die nur wenige hundert Meter entfernt in der Favela Mangueira leben, mussten derweil wegen eines Stromausfalls im Dunkeln sitzen. Was den Olympiabesuch selbst anging, hieß es für Menschen mit geringen Einkünften dann auch: „wir müssen draußen bleiben“, denn die Ticketpreise entpuppten sich für sie als viel zu hoch hängende Mangos. Einige kitschig medial inszenierte „Wir-bringen-die-Favela-Kids-ins-Stadion“ Aktionen konnten dabei nicht über den verschwindend geringen Zuschaueranteil der ärmsten Bevölkerungsschichten hinwegtäuschen.

Aufgrund der viel niedrigeren Eintrittspreise ist das bei den Paraolympischen Spielen nun anders. Plötzlich sind die Stadien voll! Am Eröffnungswochenende waren mehr Zuschauer gekommen als einen Monat zuvor bei Olympia, wie Rios Tageszeitung O Dia frohlockte. Viele der hauptsächlich in gelbe Trikots der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft oder Leibchen regionaler Ballsport-Clubs gekleideten Fans hatten eher zufällig in die Stadien gefunden. So wie etwa die in der Favela Vidigal lebende Australierin Amber, die dem Wink eines Freundes mit Gratistickets gefolgt war und sich interessiert Leichtathletikwettbewerbe anschaute.

Die Medien in Rio schenken den Paralympics deutlich mehr Aufmerksamkeit als dies bei früheren Auflagen in anderen Weltregionen der Fall war, auch wenn die meisten Tageszeitungen auf eine gesonderte Beilage verzichten. Allgemein wird bei Reportagen häufig auf die Tränendrüse gedrückt, Einzelschicksale groß aufgemacht, immer wieder fallen Worte und Wendungen wie „Respekt“, „Integration“, „über sich selbst hinauswachsen“, wobei das Sportliche oft verloren im Hintergrund steht. Ein marokkanischer Sportler wird so von der Tageszeitung Extra sensationalistisch als Held gehyped, weil er eine Haiattacke nicht mit seinem Leben, sondern „nur“ mit einem Bein bezahlen musste. Besonders brasilianische Sportler werden im Kreise ihrer Familien als gut integrierte, ausnahmslos glückliche Menschen dargestellt, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben. Alles im Duktus einer repetitiven Politcal Correctness, die häufig die geringe Kenntnis der Para-Sportler und verschiedenen Disziplinen mit ihrem häufig komplizierten Regelwerk übertüncht.

Der brasilianische Goldschwimmer Daniel Dias fordert „Respekt“ für seinen Sport und Manoel, pensionierter Zeitungsverkäufer aus Copacabana erzählt mir stolz, dass das brasilianische Team auf dem fünften Platz im Medaillenspiegel liegt. Das ist was man allgemein auf den Straßen, in den Cafés und in den Metro-Warteschlangen von Rio de Janeiro hört, sofern die Spiele Gesprächsthema sind. So mag man sich fragen, ob die Paralympischen Spiele ansatzweise und im kleineren Rahmen eine Funktion erfüllen, welche die Sommerspiele nicht leisten konnten: den Menschen etwas vom Stolz auf das eigene Land (zurückzu)geben und eine riesengroße Party zu feiern.

Nur leider geht es dabei primär nicht um die Integration der, wie vom Portugiesischen wörtlich übersetzt „adaptierten Sportler“ und ihrer Disziplinen, sondern um Brasilien als Medaillenhamsterer und den Stolz darüber, nun endlich „jemand zu sein“ der ganz weit vorne mitmischt. Dabei schwingt ein nicht gerade leiser chauvinistischer Unterton mit, der leider wieder in Pfeifkonzerte gegenüber gegnerischen Mannschaften ausartet. Beim Goalball musste die heimische Herrenmannschaft deswegen sogar einen Strafstoß gegen Schweden in Kauf nehmen, da der Schiedsrichter aufgrund des Lärms der brasilianischen Schlachtenbummler nicht hören konnte, wohin der Ball gefallen war.

16. September 2016, 15.45 Uhr:

Politik nach Gefühl

von Jungle World

GASTBEITRAG VON KAI SCHNIER

Das Studiopublikum lacht, als Georg Pazderskis Satz zu Ende ist. Zu abstrus scheint vielen die Aussage, die der AfD-Spitzenkandidat gerade in der RBB-Elefantenrunde zur Berliner Wahl 2016 getätigt hat. „Perception is reality“, Wahrnehmung ist Realität - das war seine Antwort auf die Frage, ob das Thema Ausländerkriminalität von der AfD nicht unberechtigterweise zur Stimmungsmache missbraucht werde. Eine gute Frage, legen die Kriminalitätsstatistiken des Bundesinnenministeriums doch nahe, dass Ausländer nur unwesentlich mehr Straftaten begehen als die deutsche Bevölkerung.

Aber Pazderski lässt sich von Zahlen nicht einschüchtern. Es gehe eben „nicht nur um die reine Statistik, sondern darum, was der Bürger empfindet“. Wie man im Englischen so schön sage, sei das, was man fühle, eben auch Realität. Ob Ausländer wirklich öfter straffällig werden als Deutsche, ist nach Pazderskis Logik somit unwesentlich. Fühlen die Wählerinnen und Wähler, dass es so ist, dann ist es eben so. Punkt. Im Gegensatz zum Publikum können Pazderskis politische Widersacher in der Runde darüber nicht lachen. Klaus Lederer von der Linkspartei starrt kurz in den luftleeren Raum, nickt konsterniert, als wolle er sich selbst versichern, dass er richtig gehört habe. CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel sieht aus, als wolle er sich per Stoßgebet aus dem Raum wünschen.

Es war ein ganz besonderer Moment, der sich im Fernsehstudio zugetragen hatte, einer, dem man Aufmerksamkeit schenken sollte. Denn Pazderski griff nicht irgendein amerikanisches Sprichwort auf. Er zitierte Lee Atwater, einen berüchtigten republikanischen Wahlkampfmanager, der in den achtziger Jahren für Ronald Reagan und George Bush Senior arbeitete. Atwater galt als besonders skrupellos, war nicht nur dafür bekannt, Schmutzkampagnen gegen politische Gegner anzuzetteln, sondern auch vermeintlich unabhängige Wahlumfragen fälschen zu lassen. Vor allem zeichnete sich Atwater aber durch eines aus: seinen Erfolg. Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1988 war es seiner aggressiven Kampagne zu verdanken, dass Bush Senior einen vorübergehenden Rückstand von 17 Prozentpunkten auf den Demokraten Michael Dukakis in einen Wahlsieg verwandeln konnte.

Atwaters Credo „perception is reality“ gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass Fakten im Wahlkampf keine allzu wichtige Rolle spielen sollten. Denn wer es vermochte, den Wählerinnen und Wählern ein bestimmtes Gefühl einzuimpfen, der schuf Atwater zufolge Fakten. Wenn die Menschen an etwas glaubten, war es dann noch wichtig, ob ihr Glaube von den Tatsachen gestützt wurde? So wie Atwater diese Frage damals verneinte, so verneinen sie heute Pazderski und andere Mitglieder der AfD. Sie machen Politik mit Gefühlen. So wurde sein Parteikollege Guido Reil vor kurzem im Polittalk „Hart aber fair“ auch nicht müde zu betonen, dass die etablierten Parteien die Augen vor der Realität verschlössen. Er sehe diese Realität jeden Tag in seiner Heimatstadt Essen: Als Konsequenz der Zuwanderung von Geflüchteten und Migranten nehme die Zahl sexueller Übergriffe zu, Sicherheitsmaßnahmen, etwa auf öffentlichen Veranstaltungen und in Supermärkten, würden deshalb ständig verschärft. Die Gäste Peter Altmaier und Gesine Schwan protestierten und wiesen darauf hin, dass dies doch eine recht dreiste Verquickung völlig verschiedener Themen sei, von Zuwanderung, Terror und Kriminalität. Reil ließ das kalt.

„Was ich auf der Straße sehe, ist Realität, was ich fühle, ist Realität“, schien er sagen zu wollen. Und daran wäre per se auch nichts auszusetzen, wenn dieser Haltung nicht zwangsläufig ein Zusatz folgen würde. Denn wer das eigene Gefühl zur Gewissheit erklärt, der sagt auch: Was andere fühlen, zählt nicht, was die Statistik aussagt, zählt nicht, wenn es sich nicht mit meinen Gefühlen deckt. So schien Reil im Umkehrschluss auch gar nicht in Betracht zu ziehen, dass die Probleme vor seiner Haustür nur ein Ausschnitt der gesamtdeutschen Realität sein könnten, dass sein Essener Alltag nicht sinnbildlich steht für die komplette Bundesrepublik – und vielleicht nicht einmal für Essen selbst. Nachdem verschiedene Essener Supermarktketten im Nachgang der Sendung betont hatten, nur äußerst selten Sicherheitspersonal einzusetzen, ruderte Reil zurück. Er habe auch nur zwei spezielle Filialen gemeint, in denen er Wachleute gesehen habe.

Die Deutungshoheit über die „Realität“ der deutschen Bürgerinnen und Bürger für sich zu beanspruchen, das haben schon viele Parteien vor der AfD getan. Politik hat nicht erst seit gestern auch eine emotionale Dimension, vor allem im Wahlkampf. Doch die AfD ist gerade im Begriff, sich auf drastische Art und Weise von der Faktenlage zu entkoppeln. Wenn die Realität nicht zum Programm passt, dann wird sie eben passend gemacht. In Mecklenburg-Vorpommern schürte die Partei im Wahlkampf die Angst vor „Überfremdung“, obwohl der Ausländeranteil dort bei unter vier Prozent liegt. In absoluten Zahlen halten sich in dem Bundesland sogar deutschlandweit die wenigsten Ausländer auf. Aber es fühlt sich für die Menschen eben nicht so an.

Woran mag das liegen? Wohl nicht zuletzt daran, dass die AfD Wählerinnen und Wählern die Gefühle, auf die sie sich später beruft, perfiderweise überhaupt erst suggeriert. In Wahlwerbespots der Partei brennen Wohnhäuser zu apokalyptischer Musik, Nachrichtensprecher reden von Terror, während die Texteinblendung vor der Zerstörung Deutschlands warnt. Das ist die AfD-Realität und so abwegig sie auch scheinen mag: Diese freie Interpretation der Tatsachen hat gereicht, um die Partei in Mecklenburg-Vorpommern zur zweitstärksten Kraft zu machen.

Ängste schüren, Fakten durch Ahnungen ersetzen und diese Ahnungen zur politischen Handlungsmaxime erheben: Die AfD hat die „Politik nach Gefühl“ in der Bundesrepublik wieder etabliert und ist damit erfolgreich. Auch in den USA, der Heimat Atwaters, zeichnet sich längst ab, was es bedeutet, wenn Fakten zur Gefühlsfrage degradiert werden. Symptomatisch dafür steht ein mittlerweile zum Kult gewordenes Interview des republikanischen Politikers Newt Gingrich mit dem Nachrichtensender CNN. Die Zahl der Gewaltverbrechen in den USA hätte unter Präsident Obama zugenommen, behauptete Gingrich vor laufenden Kameras. Von der CNN-Moderatorin mit offiziellen Statistiken des FBI konfrontiert, die seine Aussage direkt widerlegten, antwortete Gingrich schlicht: „Aber der durchschnittliche Amerikaner fühlt das nicht, das ist auch ein Fakt und genauso wahr wie ihre Statistik.“ Der Journalistin standen Entsetzen und Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.

Wenn für Politikerinnen und Politiker das eigene Bauchgefühl genau so glaubwürdig, im Zweifelsfall sogar glaubwürdiger ist als eine statistische Erhebung, dann werden inhaltliche Debatten zwecklos. Vielleicht war es das, was Frank Henkel, Michael Müller und die anderen dachten, als Pazderski im RBB fertig gesprochen hatte. Nach dem jüngsten Wahlerfolg der AfD in Mecklenburg-Vorpommern und den ebenfalls positiven Prognosen für die Landtagswahlen in Berlin und andernorts werden sie nicht die Letzten sein, denen die Frage, wie man einer faktenbefreiten Politik erfolgreich entgegentritt, Kopfzerbrechen bereiten wird.

2. September 2016, 15.05 Uhr:

Olympianachschlag III – Eine Neue Welt?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK UND GUNDO RIAL Y COSTAS

Die Sommerspiele sind gelaufen, over and out. Und ganz Brasilien rätselt, wie es mit Rio de Janeiro nun weitergehen soll. Wird das Straßenbahn-Netz irgendwann fertig, aus einigen der Sportstätten tatsächlich eine öffentliche Schule? Wird das Militär für immer und ewig auf der Straße patrouillieren oder sich nach den Paralympics samt bevorstehenden Kommunalwahlen in die Kasernen zurückziehen? Wird den vielen, angeblich zur „Befriedung“ mit Militärpolizei besetzten Favelas nun wieder der „Staatsschutz“ entzogen? Und wird genügend Geld in der öffentlichen Kasse sein, um die Gasrechnung für das Olympische Feuer zu bezahlen oder muss der nächste Kredit aufgenommen werden?

Dafür, dass sich die Cariocas trotz all dieser großen Fragezeichen ziemlich entspannt bis unpolitisch geben, kann sich die Marketingabteilung des Megavents selber genüsslich auf die Schulter klopfen (oder drauf küssen, wie es in Rio üblich ist). Denn versprochen wurde dem Publikum stets mehr als nur zwei Wochen sportliche Unterhaltung. Rio 2016, so erinnern uns tagtäglich immer noch Plakate im Stadtbild, ist der Beginn “einer Neuen Welt”, einer neuen Ära. Alles werde anders und besser, heißt es verheißungsvoll.

Wie schön oder unschön es in dieser Neuen Welt zugehen wird, ist schwer zu sagen. Einige offizielle new world trends manifestieren sich aber bereits jetzt im Limettensatz leerer Capirinha-Gläser. Hier unsere Top 10.

10. Der Fußballspieler Neymar Jr., „der erste Brasilianer des 21. Jahrhunderts“ (C. Naseweis) und Schütze des entscheidenden Elfmeters im Olympia-Finale besteht nach eigenen Angaben (Motto-Stirnband) zu 100% aus Jesus. Experten zeigten sich überrascht, denn in der Alten Welt hatten sie ursprünglich eine andere Formel errechnet: 15% Wunderkind, 20% Werbefläche, 20% Selfie-Automat und 45% freier Speicherplatz.

9a. Die Neue Welt hat eine neue Hauptstadt: „Den Wunderhafen“ (Porto Maravilha), der stadtplanerisch und nutzungsmäßig eher als Potemkinsches Dorf daher kommt. Die Cariocas zeigen bisher kaum Interesse die generalüberholte Hafenregion zu bewohnen oder zu bespielen. Damit aus dem farblosen, menschenleeren Abziehbild in nächster Zukunft ein Vorzeigebild wird, muss schon ein Wunder geschehen.

9b. Zum Wunderhafen passen die nur an der Oberfläche urbanisierten Häuserzüge von Favelas wie der Rocinha. An der Straße gelegene Gebäude wurden bunt angepinselt, ebenso wie die Hauptstraße selbst. Der Rest dahinter wurde originalgetreu in tristem Grau erhalten. Stadplanung macht Kinder froh und den Touristen ebenso.

8. Die Neue Welt ist nachhaltig. Bisher, da war Olympia immer ein Strohfeuer der Affekte, kleine sportliche Psychodramen, die sich für einen Lidschlag in der kollektiven Erinnerung verfingen, um dann direkt im Trivial-Pursuit-Koffer zu verschwinden. Die Kampagne rio2036.com verspricht nun anhaltende Hochgefühle. „Es lebe diese Emotion! 20 Jahre auf Eis gelegte Sozialausgaben.“ Bisher hat sich nur der klamme Bundesstaat Rio de Janeiro dem Aufruf angeschlossen. Gouverneure und Bürgermeister früherer Olympia-Austragungsorte sollen jedoch bereits Interesse bekundet haben.

7. Die Neue Welt besteht nicht nur aus unendlich weiten Bau-Ufern, sie macht sich auch selbst zu unbekannten Welten auf. Rio de Janeiros Kandidatur für die ersten, auf dem Mars statt findenden Spiele im Jahre 2088 steht. Dann mit den brandneuen Disziplinen: Tauziehen mit Seemannsgarn um die längsten, leeren Olympia-Versprechungen, Weiße-Elefanten-Wasserpolo (damit die Bauruinen auch mal eine Aufgabe bekommen) und Müllkugelstoßen, um so allen anfallenden Olympiadreck für immer ins All zu schleudern.

6. Die Tischtennishochburg der Neuen Welt heißt Afrika - als Land, logisch. Mehr Informationen dazu direkt von Timo Boll, der nach seinem Ausscheiden gegen Nigerias Spitzenspieler Quadri Aruna lapidar konstatierte: „Mit dieser unorthodoxen Technik kam ich nicht klar. Ich bin ja eher europäische oder asiatische Gegner gewöhnt“. Ach Afrika! Das Herz der Finsternis (Joseph Conrad) wird Dank Olympia nun für ewig zum unorthodoxen Leuchtfeuer.

5. Ein neuer Unterwasserfahrradweg in Rio wird bald schon die Stadtstrände Leblon und São Conrado verbinden. Der zuvor erbaute Fahrradweg entlang der Panoramastraße Avenida Niemeyer war bei hohem Wellengang kurz vor den Sommerspielen eingestürzt, zwei Menschen starben. Der Unterwasserweg der Neuen Welt beugt diesem Risiko nun nachhaltig vor. Verkehrsplaner sprechen zudem von einer Entlastung des Festlands und zukunftsweisender Staubprävention.

4. Der „dekorierte Spaziergang“ wird das nächste ganz große Ding. Wir erinnern uns, „dekorierte Hütten“ bezeichnen in der postmodernen Architektur Gebäude mit schnörkelig-barroker Fassade, schlichten Seitenwänden und einem muffigen Hintertürchen. In der Neuen Welt schickt sich der grenzenlose Dekospaß nun endgültig an, die Stadt zu übernehmen. Das fängt schon am Flughafen von Rio an, wo seit Olympia der kürzeste Weg vom Check-in zum Bording durch ein wirres Labyrinth aus Duty-Free-Shops, Restaurants und Ramschläden führt. Abkürzen wie bei IKEA? Fehlanzeige. Banksy‘s Bonmot „Exit through the giftshop“ verpufft in dieser Neuen Welt ohne Ausgänge.

3. Der Carioca als Ganzes wird einer tiefenpsychologischen Hypnosetherapie unterzogen. Eine sogenannte Schnellumpolarisierung soll dem „hässlichen Erbe des brasilianischen Fußballs“ (Uwe Seeler) bei kommen. Soll heißen: nie wieder Pfiffe, Schmährufe und Trampeleien bei Olympia oder anderen Sportevents. Um die Verhaltensregeln der Neuen Welt populär zu machen, werden auch die Erzählmuster der landestypischen Telenovelas umgekrempelt. Spielten die Cariocas zuvor stets die Rolle eines schimpfenden, Gift verspritzenden Bösewichts, werden sie künftig als eine Art gute Fee wohlwollend im englischen Fairplay-Modus bei Großveranstaltungen ausländischen Sportlern zujubeln - sogar dann, wenn es gegen die eigenen Lokalhelden geht.

2. Der Favelabewohner im Allgemeinen und der Afrobrasilianer im Besonderen werden zu neuen, umjubelten Identitätsfiguren in einem Land ohne Rassismus, voller Respekt und Wohlwollen gegenüber ethnischen Minderheiten. Ein Vorgeschmack war die überschwängliche Reaktion der brasilianischen Presse auf den Olympiasieg der Judoka Rafaela Silva: „Die Favela Cidade de Deús hat uns Gold beschert“. Kurz zuvor hatte ein afrobrasilianischer Taekwondo-Kämpfer bereits mehr Edelmetall errungen, als je ein brasilianischer Athlet zuvor. Diese Informationen sprechen für sich, ALLE haben nun die früher Ausgestoßenen lieb. FÜR IMMER.

1. In der Neuen Welt müssen die Kulturpessimisten der Alten Welt kräftig umdenken. Bestes Beispiel: Ostdeutsche Nazis und Wutbürger wissen dank Rio 2016: Fidschis bieten nicht nur preisgünstig Zigaretten an, sie können auch verdammt gut Rugby spielen. Alter Schwede!

2. September 2016, 15.03 Uhr:

Olympianachschlag III – Eine Neue Welt?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK UND GUNDO RIAL Y COSTAS

Die Sommerspiele sind gelaufen, over and out. Und ganz Brasilien rätselt, wie es mit Rio de Janeiro nun weitergehen soll. Wird das Straßenbahn-Netz irgendwann fertig, aus einigen der Sportstätten tatsächlich eine öffentliche Schule? Wird das Militär für immer und ewig auf der Straße patrouillieren oder sich nach den Paralympics samt bevorstehenden Kommunalwahlen in die Kasernen zurückziehen? Wird den vielen, angeblich zur „Befriedung“ mit Militärpolizei besetzten Favelas nun wieder der „Staatsschutz“ entzogen? Und wird genügend Geld in der öffentlichen Kasse sein, um die Gasrechnung für das Olympische Feuer zu bezahlen oder muss der nächste Kredit aufgenommen werden?

Dafür, dass sich die Cariocas trotz all dieser großen Fragezeichen ziemlich entspannt bis unpolitisch geben, kann sich die Marketingabteilung des Megavents selber genüsslich auf die Schulter klopfen (oder drauf küssen, wie es in Rio üblich ist). Denn versprochen wurde dem Publikum stets mehr als nur zwei Wochen sportliche Unterhaltung. Rio 2016, so erinnern uns tagtäglich immer noch Plakate im Stadtbild, ist der Beginn “einer Neuen Welt”, einer neuen Ära. Alles werde anders und besser, hieß es verheißungsvoll.

Wie schön oder unschön es in dieser Neuen Welt zugehen wird, ist schwer zu sagen. Einige offizielle new world trends manifestieren sich aber bereits jetzt im Limettensatz leerer Capirinha-Gläser. Hier unsere Top 10.

10. Der Fußballspieler Neymar Jr., „der erste Brasilianer des 21. Jahrhunderts“ (C. Naseweis) und Schütze des entscheidenden Elfmeters im Olympia-Finale besteht nach eigenen Angaben (Motto-Stirnband) zu 100% aus Jesus. Experten zeigten sich überrascht, denn in der Alten Welt hatten sie ursprünglich eine andere Formel errechnet: 15% Wunderkind, 20% Werbefläche, 20% Selfie-Automat und 45% freier Speicherplatz.

9a. Die Neue Welt hat eine neue Hauptstadt: „Den Wunderhafen“ (Porto Maravilha), der stadtplanerisch und nutzungsmäßig eher als Potemkinsches Dorf daher kommt. Die Cariocas zeigen bisher kaum Interesse die generalüberholte Hafenregion zu bewohnen oder zu bespielen. Damit aus dem farblosen, menschenleeren Abziehbild in nächster Zukunft ein Vorzeigebild wird, muss schon ein Wunder geschehen.

9b. Zum Wunderhafen passen die nur an der Oberfläche urbanisierten Häuserzüge von Favelas wie der Rocinha. An der Straße gelegene Gebäude wurden bunt angepinselt, ebenso wie die Hauptstraße selbst. Der Rest dahinter wurde originalgetreu in tristem Grau erhalten. Stadplanung macht Kinder froh und den Touristen ebenso.

8. Die Neue Welt ist nachhaltig. Bisher, da war Olympia immer ein Strohfeuer der Affekte, kleine sportliche Psychodramen, die sich für einen Lidschlag in der kollektiven Erinnerung verfingen, um dann direkt im Trivial-Pursuit-Koffer zu verschwinden. Die Kampagne rio2036.com verspricht nun anhaltende Hochgefühle. „Es lebe diese Emotion! 20 Jahre auf Eis gelegte Sozialausgaben.“ Bisher hat sich nur der klamme Bundesstaat Rio de Janeiro dem Aufruf angeschlossen. Gouverneure und Bürgermeister früherer Olympia-Austragungsorte sollen jedoch bereits Interesse bekundet haben.

7. Die Neue Welt besteht nicht nur aus unendlich weiten Bau-Ufern, sie macht sich auch selbst zu unbekannten Welten auf. Rio de Janeiros Kandidatur für die ersten, auf dem Mars statt findenden Spiele im Jahre 2088 steht. Dann mit den brandneuen Disziplinen: Tauziehen mit Seemannsgarn um die längsten, leeren Olympia-Versprechungen, Weiße-Elefanten-Wasserpolo (damit die Bauruinen auch mal eine Aufgabe bekommen) und Müllkugelstoßen, um so allen anfallenden Olympiadreck für immer ins All zu schleudern.

6. Die Tischtennishochburg der Neuen Welt heißt Afrika - als Land, logisch. Mehr Informationen dazu direkt von Timo Boll, der nach seinem Ausscheiden gegen Nigerias Spitzenspieler Quadri Aruna lapidar konstatierte: „Mit dieser unorthodoxen Technik kam ich nicht klar. Ich bin ja eher europäische oder asiatische Gegner gewöhnt“. Ach Afrika! Das Herz der Finsternis (Joseph Conrad) wird Dank Olympia nun für ewig zum unorthodoxen Leuchtfeuer.

5. Ein neuer Unterwasserfahrradweg in Rio wird bald schon die Stadtstrände Leblon und São Conrado verbinden. Der zuvor erbaute Fahrradweg entlang der Panoramastraße Avenida Niemeyer war bei hohem Wellengang kurz vor den Sommerspielen eingestürzt, zwei Menschen starben. Der Unterwasserweg der Neuen Welt beugt diesem Risiko nun nachhaltig vor. Verkehrsplaner sprechen zudem von einer Entlastung des Festlands und zukunftsweisender Staubprävention.

4. Der „dekorierte Spaziergang“ wird das nächste ganz große Ding. Wir erinnern uns, „dekorierte Hütten“ bezeichnen in der postmodernen Architektur Gebäude mit schnörkelig-barroker Fassade, schlichten Seitenwänden und einem muffigen Hintertürchen. In der Neuen Welt schickt sich der grenzenlose Dekospaß nun endgültig an, die Stadt zu übernehmen. Das fängt schon am Flughafen von Rio an, wo seit Olympia der kürzeste Weg vom Check-in zum Bording durch ein wirres Labyrinth aus Duty-Free-Shops, Restaurants und Ramschläden führt. Abkürzen wie bei IKEA? Fehlanzeige. Banksy‘s Bonmot „Exit through the giftshop“ verpufft in dieser Neuen Welt ohne Ausgänge.

3. Der Carioca als Ganzes wird einer tiefenpsychologischen Hypnosetherapie unterzogen. Eine sogenannte Schnellumpolarisierung soll dem „hässlichen Erbe des brasilianischen Fußballs“ (Uwe Seeler) bei kommen. Soll heißen: nie wieder Pfiffe, Schmährufe und Trampeleien bei Olympia oder anderen Sportevents. Um die Verhaltensregeln der Neuen Welt populär zu machen, werden auch die Erzählmuster der landestypischen Telenovelas umgekrempelt. Spielten die Cariocas zuvor stets die Rolle eines schimpfenden, Gift verspritzenden Bösewichts, werden sie künftig als eine Art gute Fee wohlwollend im englischen Fairplay-Modus bei Großveranstaltungen ausländischen Sportlern zujubeln - sogar dann, wenn es gegen die eigenen Lokalhelden geht.

2. Der Favelabewohner im Allgemeinen und der Afrobrasilianer im Besonderen werden zu neuen, umjubelten Identitätsfiguren in einem Land ohne Rassismus, voller Respekt und Wohlwollen gegenüber ethnischen Minderheiten. Ein Vorgeschmack war die überschwängliche Reaktion der brasilianischen Presse auf den Olympiasieg der Judoka Rafaela Silva: „Die Favela Cidade de Deús hat uns Gold beschert“. Kurz zuvor hatte ein afrobrasilianischer Taekwondo-Kämpfer bereits mehr Edelmetall errungen, als je ein brasilianischer Athlet zuvor. Diese Informationen sprechen für sich, ALLE haben nun die früher Ausgestoßenen lieb. FÜR IMMER.

1. In der Neuen Welt müssen die Kulturpessimisten der Alten Welt kräftig umdenken. Bestes Beispiel: Ostdeutsche Nazis und Wutbürger wissen dank Rio 2016: Fidschis bieten nicht nur preisgünstig Zigaretten an, sie können auch verdammt gut Rugby spielen. Alter Schwede!

30. August 2016, 11.53 Uhr:

Pop und Off

von Jörn Schulz

Gastbeitrag von Kristof Maria Künssler

Man muss nicht wirklich involviert sein in die Diskussion um „Pop-Kultur“ und „Off-Kultur“, ebenso wenig muss man Teil eines wie auch immer gearteten DIY-Spirits, oder eines „Undergrounds“ sein. Nur um kurz den Anlass zu erklären, den möglicherweise zentralen Aspekt von Popkultur - die Subversion und Opposition - ein wenig in Erinnerung zu rufen: Wenn eine Gegenposition zum von öffentlicher Hand gesponserten „Pop Kultur“ Festival mit dem Argument beginnt, jenes würde sich mit dem Coolness-Faktor Neuköllns selbst aufwerten, ohne dabei die in Neukölln stattfindende (Sub-)Kultur abzubilden, und zudem sei die Politik des vom Senat und der EU finanzierten Musicboards (Hauptfinancier des „Pop Kultur“) zu einseitig und würde den „echten Kern der Szene“ ignorieren, dann greift diese Kritik möglicherweise ein wenig kurz.

Die vom Senat vorgegebene Förderungspolitik könnte man auch einfach allein deshalb zerlegen, weil sie Kulturförderung v.a. unter dem Gesichtspunkt beurteilt, ob es der Marke „Berlin“ nützt, also dafür sorgt, die Stadt im Kampf um die standortpolitisch zwingend notwendige kreative Klasse nach vorne zu bringen - eine vorrangig ökonomische, im besten Falle von Geschmacksfragen einiger Weniger abhängige Entscheidung. Musik-Biz-Insider Berthold Seliger stellt hier sehr richtig die Frage, weshalb die dreiviertel Million, die ein recht überflüssiges Festival erhält, nicht in bezahlbare Proberäume oder Musikschulen fließen, wenn es der Stadt denn so wichtig ist mit der Kreativität.

Es will auch und vor allem nicht einleuchten, was genau daran emanzipatorisch und subventionswürdig ist, ausgerechnet eher privilegierten Mittelschichtsjungs noch mehr Möglichkeiten zu geben, anderen Mittelschichtsjungs ihre 1500 EUR-Effektboards vorzuführen. Warum dieses Anbiedern an die Fördertöpfe? Ist es nicht gelinde gesagt ignorant, Geld abzweigen zu wollen, um Popmusikerinnen einen Vorsprung in der Verwertungskette zu verschaffen, anstatt den Rütli-Kids von nebenan einen bezahlbaren Zugang zu Instrumenten und Unterricht zu ermöglichen? Eine Coldwave-Platte lässt sich auch ohne Staat leicht finanzieren, eine John Cage-Installation eher weniger. Ich werde misstrauisch, wenn von „unabhängiger Musikwirtschaft“ die Rede ist, die „nicht mithalten“ kann mit den großen Playern. Das Vokabular der Kultur- und Subventionsindustrie wird in seiner Rationalität nicht weniger unangenehm, wenn es von ökonomisch weniger „erfolgreichen“, Szene-affinen Akteurinnen in den Mund genommen wird. Wenn man sich zudem die geförderten Projekte der letzten Jahre ansieht, findet man eine nicht unerhebliche Zahl von Künstlerinnen, die ohnehin ein - teils ohne Zweifel zahlungsfähiges - Label und eine professionelle Booking-Agentur im Rücken haben, die ökonomische Bevorteilung zur Platzierung des „Produkts“ am „Markt“ also nur offensichtlicher wird.

Wenn dann in der Forderung nach „mehr Neukölln“ die Logik der Standortpolitik mit übernommen wird, und die Hälfte des Bezirks vergessen wird, die einen Migrationshintergrund hat (Dunkelziffer zudem wohl um einiges höher), deren Beitrag zur Subkultur aber wohl entweder nicht cool genug ist, oder einfach nicht wahrgenommen wird, dann zeigt sich die Ignoranz einer Blase, die nicht intersektional denken oder handeln will/kann, und eventuell nichts anderes als ein Biotop sucht, in dem der Druck der eigenen Existenzsicherung gemildert werden soll. Und überhaupt, begeht Popkultur nicht bemerkenswerte Fehlleistungen, wenn z.B. ein Omar Souleyman ohne weiteres aus dem Nahen Osten eingeflogen wird, die Musik der prekären arabischstämmigen Nachbarschaft aber geflissentlich ignoriert wird?

Sollte Popkultur nicht eigentlich von jeher einen Gegenstandpunkt zu den muffigen Institutionen von Stadt und Staat, und den Mechanismen des Turbokapitalismus bilden? Sollte eine Solidarisierung mit den Benachteiligten einer offensichtlich unsozialen Stadt-/Kulturpolitik nicht naheliegender sein als der Flirt mit dem Sigmar Gabrielschen „Popbeauftragten“? Lesen denn die Leute ihren Marx nicht mehr, oder wenigstens ihren Bernhard?

In einer Szene, in der jeder Noise-Event mit dem Branding einer „Agentur“ präsentiert wird, Protestveranstaltungen möglichst schnell mit Merchandising hausieren, Künstlergagen auf dem Rücken gratis arbeitender Helferinnen ausgetragen werden, gedeiht der feuchte Traum des Kapitals, in der jede Akteurin sich zur selbst ausbeutenden Ich-AG trimmt, und bewusst oder unbewusst die eigene Kreativität in den Dienst der turbokapitalistischen Logik stellt. Nicht dass das etwas Neues wäre…

Vor schon sieben Jahren schrieben Daniel Richter, Ted Gaier und Co. über Hamburgs Stadtpolitik: „Lasst den Scheiß. […] Wir denken an andere Sachen. […] Wir stellen die soziale Frage, die in den Städten von heute auch eine Territorialfrage ist.“ Warum denkt Popkultur im Jahr 2016 in Berlin nicht an andere Sachen als sich selbst? Wenn Popkultur - selbst unterm Deckmantel eines vorgeblich subversiven „Abgreifens“ - nur die eigene individuelle Existenz zu sichern sucht, dann verkommt sie zu reinem Entertainment, und verschwendet ihre subversive Kraft.

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