Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Kürzliche Beiträge
29. August 2016, 05.04 Uhr:

Olympia-Nachschlag II - Zu den Unkenrufen

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Nach dem die Olympischen Spiele seit fast genau einer Woche vorbei sind und man sich in Brasilien auf die Abstimmung zur Amtsenthebung der Präsidentin Dilma Rousseff vorbereitet, hallt in der internationalen Presse noch immer ein anderes Thema nach: die angeblich unfairen, auspfeif-geilen Cariocas. Insbesondere im englischen und deutschen Feuilleton sowie auf diversen Meinungsseiten fanden mitunter hitzige Debatten statt. Vor allem auf die angeblich kulturell bedingte Unsportlichkeit der Brasilianer wurde entweder eingehackt oder positiv als „ehrlich“ dargestellt, wie man etwa in der Taz lesen kann.

Vielleicht hilft eine sportanthropologische Annäherung an den Konflikt weiter, um ein etwas anderes Licht auf die Debatte zu werfen, nicht zuletzt um Missverständnisse zu Tage zu fördern, die sich auf kulturelle Traditionen zurückführen lassen. Wir konstatieren: Brasilianische Sportfans pfiffen ihre Gegner bei den Olympischen Spielen gnadenlos aus, auch in für Fairplay bekannten Sportarten wie etwa Beachvolleyball oder Leichtathletik. Ein Skandal. Wer käme schon auf die Idee, auf einem internationalen Sportmeeting in Kornwestheim den Diskuswerfer der gegnerischen Mannschaft auszubuhen? Dem französischen Stabhochspringer Renaud Lavillenie geschah unter dem Olympischen Stern jedoch genau das und es verwundert nicht, dass er danach einen gekränkten Chanson anstimmte.

Nicht nur die Zuschauer, auch die brasilianische Tagespresse verzieh ihm seine verheerende Publikumskritik nicht. Allen voran das Blatt O Globo urteilte Lavillenies negative Worte am vergangenen Dienstag als übertrieben ab. Sein schlechtes Abschneiden bei einem postolympischen internationalen Leichtathletikwettbewerb wurde als Indiz dafür herangezogen, dass nicht das Gestänkere der brasilianischen Zuschauer Schuld an seiner verpassten Goldmedaille sei, Lavillenie sei „einfach nervenschwach.“

Die internationale Presse dagegen bemühte den Viralata-Mythos, um das Verhalten des heimischen Publikums zu erklären. Der beschreibt nichts weniger als einen nationalen Minderwertigkeitskomplex eines wegen fehlender Bildung angeblich rückschrittlichen Landes, das sich ewig in die Zukunft projiziert, in der Gegenwart aber nichts reißt. Immer wieder wird auch angeführt, dass Brasilien dabei auf Grund seiner geographischen Ausmaße ein riesiges Potential habe, eigentlich. Denn in dem Land kontinentalen Ausmaßes, geprägt von einem starkem Regionalismus, haben nur wenige Sportarten eine lange und sichtbare Geschichte. Bis heute dominiert der Herren-Fußball.

Natürlich gibt es auch eine jahrzehntelange Tradition im Volley- und Beachvolleyball, im Basketball und eine etwas kürzere im Schwimmen, im Turnen, in der rhythmischen Sportgymnastik, in diversen Kampfsportarten und jüngst auch im Frauen-Handball. Dabei ist die allgemeine mediale Präsenz und die Aufmerksamkeit in der brasilianischen Öffentlichkeit allerdings eher begrenzt, was sich auch an der begrenzten Olympiasportförderung und der eher bescheidenen Medaillenausbeute bei den Spielen fest machen lässt. So sind viele olympische Sportarten in Brasilien bis heute so gut wie unbekannt. Die teils gähnend leeren Ränge beim Bogenschießen und Badminton bei den Olympischen Spielen sprechen Bände.

Hinzu kommt, dass viele Fernseh-Berichterstatter oftmals selbst weder die Regeln noch die ausführenden Sportler besonders gut kannten. Den Zuschauern wurde es so nicht einfacher gemacht, alle Disziplinen mit Verve zu verfolgen. Und die begeistern sich neben Fußball dann schon eher für nicht-olympische Sportarten wie Formel 1 Rennfahren,  Surfen, Skateboardfahren, Free Fight oder Jiu Jitsu. Bei solchen, ofte in den USA ausgetragenen Turnieren oder Kämpfen sitzt das brasilianische Publikum auch schon mal bis in die frühen Morgenstunden vor dem Bildschirm.

Doch zurück zu den rüden Pfeifkonzerten. Für diese hatte der sportbegeisterte Chemieprofessor Arnaldo von der staatlichen Universität Rio de Janeiros eine verblüffende Erklärung: Viele der angeblich „bösen“ Zuschauer im Stadion seien zum größten Teil einfach Fußball-Fans, die es gewohnt sind, Schiedsrichter und Gegner aufs Übelste auszupfeifen und zu beschimpfen. Die 26jährige Marsella von der TV-Sendung Globo News, die bereits viermal in Deutschland war und sogar im Deutschland-Trikot das Damen-Finale im Fußball verfolgte, bestätigte diese These bei einem Public Viewing äußerst plastisch.

Aber, gestattet sei folgendes Gedankenspiel: Würden sich die eingefleischten Fans von Borussia Dortmund oder Schalke 05 in einem Leichtathletikstadion wirklich „besser“ benehmen? Die meisten würden wahrscheinlich gar nicht erst hinfahren. So scheinen die Pfiffe der brasilianischen Fans vor allem eine Erklärung zu haben, nämlich die Übertragung des ruppigen Umgangstons und der beim Fußballschauen gelernten Ausbuhpraktiken auf anderen Sportarten.

Es geht hier nicht um richtig oder falsch und es ist nicht so, dass es keine unfairen brasilianischen Fans gäbe. Man sollte sich aber überlegen, inwieweit das Verhalten des heimischen Publikums bei Olympia mit bestehenden Sporttraditionen und (Un)sitten verknüpft ist, bevor man sich in grobe Verallgemeinerungen versteigt und “dem Brasilianer“ per se eine Unfairness-Urkunde ausstellt.

29. August 2016, 05.03 Uhr:

Olympia-Nachschlag II - Zu den Unkenrufen

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Nachdem die Olympischen Spiele seit fast genau einer Woche vorbei sind und man sich in Brasilien auf die Abstimmung zur Amtsenthebung der Präsidentin Dilma Rousseff vorbereitet, schallt in der internationalen Presse noch immer ein anderes Thema nach: die angeblich unfairen, auspfeif-geilen Cariocas. Insbesondere im englischen und deutschen Feuilleton sowie auf diversen Meinungsseiten wurden mitunter hitzige Debatten ausgetragen. Vor allem wurde entweder auf die angeblich kulturell bedingte Unsportlichkeit der Brasilianer  eingehackt oder aber positiv als „ehrlich“ dargestellt, wie man etwa in der Taz lesen kann.

Vielleicht hilft eine sportanthropologische Annäherung an den Konflikt weiter, um ein etwas anderes Licht auf die Debatte zu werfen, nicht zuletzt um Missverständnisse zu Tage zu fördern, die sich auf kulturelle Traditionen zurückführen lassen. Wir konstatieren: Brasilianische Sportfans pfiffen ihre Gegner bei den Olympischen Spielen gnadenlos aus, auch in für Fairplay bekannten Sportarten wie etwa Beachvolleyball oder Leichtathletik. Ein Skandal. Wer käme schon auf die Idee, auf einem internationalen Sportmeeting in Kornwestheim den Diskuswerfer der gegnerischen Mannschaft auszubuhen? Dem französischen Stabhochspringer Renaud Lavillenie geschah unter dem Olympischen Stern jedoch genau das und es verwundert nicht, dass er danach einen gekränkten Chanson anstimmte.

Nicht nur die Zuschauer, auch die brasilianische Tagespresse verzieh ihm seine verheerende Publikumskritik nicht. Allen voran das Blatt O Globo urteilte Lavillenies Kritk am vergangenen Dienstag als übertrieben ab. Sein schlechtes Abschneiden bei einem postolympischen internationalen Leichtathletikwettbewerb wurde im Nachgang hämisch als Indiz dafür herangezogen, dass nicht das Gestänkere der brasilianischen Zuschauer Schuld an seiner verpassten Goldmedaille sei, Lavillenie sei „einfach nervenschwach.“

Die internationale Presse dagegen bemühte den Viralata-Mythos, um das Verhalten des heimischen Publikums zu erklären. Der beschreibt nichts weniger als einen nationalen Minderwertigkeitskomplex eines wegen fehlender Bildung angeblich rückschrittlichen Landes, das sich ewig in die Zukunft projizier,t aber nichts in der Gegenwart reißt. Immer wieder wird auch angeführt, dass Brasilien dabei auf Grund seiner geographischen Ausmaße ein riesiges Potential habe, eigentlich. Denn in dem Land kontinentalen Ausmaßes, geprägt von einem starkem Regionalismus , haben nur wenige Sportarten eine lange und sichtbare Geschichte. Bis heute dominiert der Herren-Fußball.

Es gibt natürlich auch eine jahrzehntelange Tradition im Volley- und Beachvolleyball, im Basketball und eine etwas kürzere im Schwimmen, im Turnen, in der rhythmischen Sportgymnastik, in diversen Kampfsportarten und jüngst auch im Frauen-Handball. Dabei ist die allgemeine mediale Präsenz und die Aufmerksamkeit in der brasilianischen Öffentlichkeit allerdings eher begrenzt, was sich auch an der begrenzten Olympiasportförderung und der eher bescheidenen Medaillenausbeute bei den Spielen fest machen lässt. So sind viele olympische Sportarten in Brasilien bis heute so gut wie unbekannt. Die teils gähnend leeren Rängen beim Bogenschießen und Badminton während der Olympiaschen Spiele sprechen Bände.

Hinzu kommt, dass viele Fernseh-Berichterstatter oftmals selbst weder die Regeln noch die ausführenden Sportler besonders gut kannten. Den Zuschauern wurde es so nicht einfacher gemacht, alle Disziplinen mit Verve zu verfolgen. Und die begeistern sich neben Fußball dann schon eher für nicht-olympische Sportarten wie Formel 1 Rennfahren,  Surfen, Skateboardfahren, Free Fight oder Jiu Jitsu. Bei solchen oft in den USA ausgetragenen Turnieren oder Kämpfen sitzt das brasilianische Publikum auch schon mal bis in die frühen Morgenstunden vor dem Bildschirm.

Doch zurück zu den rüden Pfeifkonzerten. Für diese hatte der sportbegeisterte Chemieprofessor Arnaldo von der staatlichen Universität Rio de Janeiros eine verblüffende Erklärung: Viele der angeblich „bösen“ Zuschauer im Stadion seien zum größten Teil einfach Fußball-Fans, die es gewohnt sind, Schiedsrichter und Gegner aufs Übelste auszupfeifen und zu beschimpfen. Die 26jährige Marsella von der TV-Sendung Globo News, die bereits viermal in Deutschland war und sogar im Deutschland-Trikot das Damen-Finale im Fußball verfolgte, bestätigte diese These bei einem Public Viewing äußerst plastisch.

Mit Verlaub sei folgendes Gedankenspiel gestattet: Würden sich die eingefleischten Fans von Borussia Dortmund oder Schalke 05 in einem Leichtathletikstadion wirklich „besser“ benehmen? Die meisten würden wahrscheinlich gar nicht erst hinfahren. So scheinen die Pfiffe der brasilianischen Fans vor allem eine Erklärung zu haben, nämlich die Übertragung des ruppigen Umgangstons und der bem Fußballschauen gelernten Ausbuhpraktiken auf andere Sportarten.

Es geht hier nicht um richtig oder falsch und es ist nicht so, dass es keine unfairen brasilianischen Fans gäbe. Man sollte sich aber überlegen, inwieweit das Verhalten ders heimischen Publikums bei Olympia mit bestehenden Sporttraditionen und (Un)sitten verknüpft ist, bevor man sich in grobe Verallgemeinerungen versteigt und “dem Brasilianer“ per se eine Unfairness-Urkunde ausstellt.

27. August 2016, 05.41 Uhr:

Olympia-Nachschlag I - Die Nachbarn in den Anden schauten kaum

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Olympia lief in Brasiliens andinem Nachbarland Bolivien nach ganz eigenen Gesetzen. In der dem Anspruch nach plurinationalen Republik wird generell großen Wert auf Sport und Spiel gelegt. Besonders richtet sich das Interesse dabei auf die nationale Fussball-Liga, in der the Strongest und Bolívar den Ton angeben. Ebenso werden landauf landab munter sowohl auf öffentlichen Plätzen als auch auf dafür gesperrten Straßen Folkloretänze zelebriert. Dafür eigens zur Verfügung gestellte Musikanlagen samt für diesen Zweck angeheuerte Vortänzer bringen jedem der will, die Sauseschritte bei, um den mitunter rasanten Andentönen zu folgen – allein, in der Reihe oder im Kreis, immer von einem Ton angebenden Hilfstänzer begleitet.

Soviel sichtbare Euphorie wurde für die Olympischen Spiele nie entwickelt. Selbst in der Hauptstadt La Paz, Fehlanzeige. Nicht eine gut besuchte Public Viewing Veranstaltung war zu finden. Die an Bildschirmen mitfiebernden Grüppchen in Cafés, Restaurants oder Hostels, die man gelegentlich erspähen konnte, bestanden meist aus travelnden Gringos, wie die Runde um den lautstark sein Team anfeuernden Michele. Der Florentiner jubelte den italienischen Volleyballern in einem an der Plaza gelegenen Restaurant der malerischen, im Kolonialstil erbauten Tiefland-Stadt Sucre zu. Michele machte gar einen Luftsprung, als seine Mannschaft schließlich gewann, was die übrigen Lokalgäste mit indifferenter Stoigkeit quittierten. Ähnliche Szenen konnte man bis ins Tiefland verfolgen, über Potosí, Uyuni bis eben nach Sucre.

Doch wie fanden die Bolivianer selbst die Spiele, welche Spuren haben sie hinterlassen? Hat die großzügige Ankündigung von Präsident Evo Morales, eine bolivianische Olympiamedaille mit 50 000 Dollar zu belohnen, eine besondere Olympiabegeisterung bei Sportlern und Sportfans ausgelöst? Im Flugzeug der Bolivia Airlines findet man im Innenteil der mit “Buen Provecho” (Guten Appetit) beschriebenen Lunchbox immer noch die Konterfeis von zehn mit nationalen Sportförder-Stipendien ausgestatteten bolivianischen Olympiateilnehmern. Das machte fast die gesamte Delegation des Landes aus. Diese überschaubare Größe sowie die medaillenfern, bestens nur im Mittelfeld landenden Sportler mögen die relative Unsichtbarkeit, die der Event in der Andenrepublik auszeichnete, erklären.

Auch die mediale Präsenz – oder eher Absenz – spricht Bände: Im Fernsehen war Fehlanzeige was eigens vor Ort befindliche bolivianische Olympiakorrespondenten angeht. Da muss man schon beim argentinischen Nachbar von Fox Sport einschalten, um direkt von der Copacabana kommentierte Bilder zu sehen. In den Printmedien fanden sich nur wenige Blätter wie “Siete Dias” aus La Paz, “Opinión” aus Cochabamba und “El Deber” aus Santa Cruz mit eigenen Beilagen zu den Spielen. Größere Erwähnungen auf der Titelseite hatten Seltensheitwert. Die Zeitung „El Deber“ feiert immerhin auf Seite Eins, als “der Blitz zum zweiten Mal einschlug”, eine Anspielung auf Usain Bolts Spitznamen. Die insgesamt drei mal drei Goldmedaillen des jamaikanischen Sprinters bei Sommerspielen wurde auch in Bolivien zur Sensation erklärt. Hochgelobt wurde dann auch das beste bolivianische Olympiaergebnis, Angela Castros achtbarer 18. Platz im 20 Km Gehen. Leider war das Resultat noch immer Lichtjahre von dem 50 000 Dollar versprechenden Edelmetall entfernt.

Als ich auf Condors Schwingen das Andenland Bolivien verließ, hallten mir die Worte eines sportbegeisterten Kieferchirurgen aus La Paz lang nach. Seine Meinung zu Bolivien und Olympia: “Wir Bolivianer sind gut in Folklore. An den Olympischen Spielen interessieren uns vor allem die schönen Bilder aus Rio”.

P.S. An der Bolivianisch-Brasilianischen Grenze sind mehrere Leute der gleichen Meinung, so wie der Kokablätter kauende Taxifahrer Álvaro aus dem Grenzstädtchen Quijarro. Am vorletzten Olympia-Tag erzählt er mir euphorisiert, das brasilianische Fussball-Herrenteam habe soeben gegen Deutschland die Goldmedaille im Elfmeterschiessen gewonnen : “Jetzt bin ich glücklich, wir hier an der Grenze sind schließlich auch Brasilianer”.

22. August 2016, 03.18 Uhr:

Lug und Trug-Bild? Olympia-Phantasmagorien auf der Spur

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

“Phantasmagorie” ist zumindest im deutschen Sprachgebrauch ein eher kompliziertes Wort. Aber es gibt allerlei her, lädt zu wildem Denken und Phantasieren ein. Nicht nur Hirngespinste und Trugbilder werden damit beschrieben, sondern auch künstlerische Darstellungen - teilweise „inklusive Gespenstern auf der Bühne.“ Das zumindest, sagt der Duden.

Und das passt dann wie die (Geister)faust auf das Auge dieser im Hauruck Verfahren hingewürgten Olympischen Spiele 2016. Es geht ums Zeigen, Manipulieren, Vermarkten und möglicherweise auch um das Verstehen von Bildern, die mit bestimmten Menschengruppen oder Nationen in Verbindung gebracht werden.

Im Vorfeld der Spiele stand dabei vor allem die angebliche Tropikalität, der musikalisch körperbetonte Einfallsreichtum der Brasilianer und insbesondere der Cariocas, also der Einwohner Rio de Janeiros, im Vordergrund. Diese Wahrnehmung wurde nicht zuletzt von der brasilianischen Regierung verstärkt, als Marketingstrategie für die Olympiabewerbung. Atemberaubende Naturlandschaften, fitnessbegeisterte Menschen, mit Sinn für Rhythmus, immer für ein Schwätzchen zu haben. Alles eingebettet in die Matrix einer Nation, die unentwegt ihr zukunftsträchtiges Potential betonte und offensiv den Plan verfolgte, sich zu einer der größten Volksökonomien weltweit aufzuschwingen. So wurden sie dargestellt und stellten sie sich gern dar, die lebensfrohen Brasilianer.

Was 10 Jahre später von diesen Phantasmagorien Brasiliens bleibt, ist zunächst die munter kolportierte Gewissheit, dass Rio de Janeiro natürlich weiterhin „wunderschön bleibt”. Der Glauben an ein nachhaltig besseres Leben ist aber erst mal dahin. Krise und Korruption sind die Wegbereiter eines wachsenden Pessimismus; und das bei diesem „so lebensfrohen Volk“, wundern sich die Auslandskorrespondenten.

Bei Olympia inszeniert sich aber nicht nur Brasilien, sondern auch die anderen teilnehmenden Nationen. Emblematisch  ist dabei die Selbstdarstellung in den sogenannten Länderpavillons. Die Niederländer haben beispielsweise eigens eine Bleibe mit Schwimmbad angemietet, wo abends holländische Elektro DJs mit ihrer “typischen” Musik für Stimmung sorgen.

Der Schweizer Pavillon erzählt diesbezüglich seine ganz eigene, eidgenössische Geschichte. Dort kann man auf einer Kunstpiste Eislaufen, das Interieur des Pavillons ist im Schweizer Stil in dunklen Holzfarben gehalten. Genannt wird das ganze Baixo Suiça”, die Unterschweiz, womit geographisch auf das in der Nähe gelegene beliebte Ausgehviertel „Baixo Gávea” angespielt wird.

Auffallend ist weiter die Nachbildung einer Schneekugel auf dem Dach des Pavillons. In ihr kann man eine bukolische Schneelandschaft erkennen, die umgedrehte Exotik, die ganz brav den brasilianischen Vorstellungen über die Schweiz entspricht, als einem kalten, gut geordneten Wintersportland.

Fehlen darf natürlich nicht brasilianisch-schweizerische Völkerfreundschaft, festgehalten im auf eine Glasplatte gemalten Wandbild des brasilianischen Favela-Graffitikünstlers Acme, leider etwas versteckt im hinteren Bereich des Pavillons. Darin zu erkennen sind die Konterfeis der beiden erfolgreichsten Tennisspieler der Schweiz und Brasiliens, Roger Federer und Gustav „Guga“ Kuerten. An der Bildunterfläche blinzelt eine brasilianische Capivara, ein kleiner Nager, dahinter  entfaltet sich die Strandlandschaft von Copacabana und Ipanema mit Favelahäuschen und im Winde wehenden Drachen – Sinnbild für in Favelas spielende Kinder und Jugendliche.

Mit diesem Mural hat Acme ins Schwarze getroffen, hat es  geschafft, auch einen Teil des für viele Brasilianer eher inoffiziellen Teil Brasiliens darzustellen, Dank der Gastkultur des Schweizer Pavillons. Wie Acme mir in einem Gespräch sagte, sei es wichtig, “den Menschen zu zeigen, dass die Favelas auch zur Stadt gehören.” Richtig so, nur muss man dazu genau hinschauen. Denn abgesehen von diesem Wandbild werden Besucher sonst mit stereotypen schweizerischen und brasilianischen Phantasmagorien abgespeist. Die Trug-Bildgeister, wie sie für solche, auf eine glatte Außenwirkung zielende Events eben produziert werden.

19. August 2016, 16.47 Uhr:

Sex in the Olympic Village

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK

Olympischer Boulevard, Olympia-Stadien, Olympia-Park – all das bekamen Besucher und Besucherinnen Rio de Janeiros die letzten Tagen zu sehen. Nur in die Verbotene Stadt, das Olympische Dorf, bekommt niemand einen Fuß, der nicht als Sportler*in angereist ist oder diese betreut bzw. über ordentlich Vitamin B (und eine Tagesakkreditierung) verfügt. Soll heißen, irgendwie kommt man immer rein, so wie der Freiwillige D. aus Dtl. der derzeit Untermieter meiner Nachbarin D. ist (alle Namen von der Redaktion gepfändet). Wie es war, will ich wissen: „Naja, es laufen da halt alle in Jogginghosen herum, telefonieren und stehen Schlange vor McDonalds.“ Klingt ungefähr so spannend wie Rostock Stadtmitte – nur halt total überfremdet.

Wo wir gerade bei Mecklenburg-Vorpommern sind. So wie dort der Nazi von Nebenan Burkas halluziniert, verarbeiten brasilianische Journalisten (ohne *, denn hier geht es um reine Männerfantasien) ihre Wahnvorstellungen leider nicht in Therapiegruppen sondern auf Seite 1 bis 3 der Tagespresse. Und eigentlich geht es dabei nur um ein Thema. Olympischen Sex. Wer mit wem und wie oft. Selbst für statistische Hochrechnungen mit Experten ist man sich nicht zu blöd: 10.000 Athlet*innen „im besten Fortpflanzungsalter“, austrainiert, auf der Suche nach Stressabbau, vollgepumpt mit Proteinen und weit weg von den Eltern das mache im Durchschnitt sechs Sexualkontakte pro Tag. Sagen die Experten.

Warum diesem Gewäsch kauziger Lustgreise überhaupt Beachtung schenken? Sex sales und Punkt. Es gibt aber leider ein Komma in dieser Geschichte, denn mit den feuchten Träumen der Lokal-Hemmingways wird eine machistische Sexualmoral fortgeschrieben, die ziemlich fies in den Alltag zurückwirkt. Damit die Stories funktionieren, braucht es zunächst ein kleines Sodom und Gomorra an dem sich die monogame Hetero-In-Group aufgei.. also abarbeiten kann. In der modernen Literatur sind diese Ort zügelloser Ausschweifungen wahlweise Schlösser, Internate oder Gefängnisse – und zwar nicht irgend welche. Der Blick haftet an den Frauen, ihren Körpern und den Institutionen, in denen diese geformt werden. Also: Zofenzimmer, Mädchenschule, Frauenknast. Und wo nur Frauen mit ihren Körpern allein sind … genau.

Kurzum, das Olympische Dorf ist das queere Multi-Kulti-Internat der Sommerspiele. Und gerade weil die Libertinage im Verborgenen stattfindet, kreiselt es in den Köpfen der Ausgeschlossenen, haben Redaktionsräume, Tribünen und Soziale Netzwerke auf Autopilot geschaltet. Modus: aggressiver Samenkoller. „Persönlich sehr schmerzhaft“ nannte die lesbische Fußballspielerin Megan Rapinoe vom US-Team die ständigen homophoben Zwischenrufe in den Stadien. Als „feige“ und als „extram hart“ bezeichnet die brasilianische Schwimmerin Joanna Maranhão die frauenfeindlichen Posts im Internet, die ihr wahlweise wünschten, ihre Mutter möge tot umfallen oder sie vergewaltigt werden. “Ich halte das nur aus, weil ich keine andere Wahl im Leben hatte”, sagte Maranhão unter Tränen.

Dass es gerade sie trifft ist kein Zufall. Die Schwimmerin hatte sich vor den Olympischen Spielen wiederholt gegen den kalten Putsch ausgesprochen, der Präsidentin Dilma Rousseff wohl das Amt kosten wird. Zudem problematisiert sie seit Jahren sexuelle Übergriffe von Trainern im Jugendsport, redet auch offen über eigene Erfahrungen und ermuntert die Mädchen zu einem klaren „Nein heißt nein.“ Das hören brasilianische Playboys nicht gern und dementsprechend enthemmt waren ihre Attacken. Nun müssen sich die Wortführer der Online-Hassreden gegen Maranhão wohl gerichtlich verantworten. Feministinnen hoffen, dass der Fall zu einem Symbol werden wird, für den Kampf gegen Sexismus und Frauenfeindlichkeit im Sport.

Doch ob sich kurzfristig auch etwas an dem oft paternalistischen Verhältnis Sportler*in/Trainer ändern wird, ist zu bezweifeln. So verbot der brasilianische Judoverband seinen Judoka vor ihren Kämpfen ins Olympischen Dorf einzuziehen, um keuch volle Konzentration und Kraft zu sammeln. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser „vorbildlichen Disziplin“ medial ein schwarzes Schaf gegenüber gestellt werden würde: der „tiefe Fall“ der Synchronspringerin Ingrid de Oliveira. Eine ganze Nation Moralapostel drosch verbal auf die 20-jährige ein, weil sie am Tag vor dem Finale den Kanuten Pedro Goncalves mit aufs Zimmer nahm. Typisch für die Berichterstattung, die auch von vielen deutschen Medien (Stern, Focus online) geteilt wurde: der Name des „Galans“ wurde nicht genannt, die „Verantwortungslosigkeit“ und „Unprofessionalität“ der „Sex-Springerin“ (Heute.at) zur Frauensache erklärt. Schlimmer geht es nimmer. Es wäre so schön, an dieser Stelle nicht zum X-ten mal darauf hinzuweisen zu müssen, dass Sex sich nicht leistungsmindernd auf sportliche Leistungen auswirkt. Aber egal, muss wohl sein, damit es irgendwann auch die letzten Experten kapieren.

14. August 2016, 19.58 Uhr:

Hin und weg/schauen. Wo sind nur die Spiele hin?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Bereits bei der Fussball WM 2014 hatte sich die brasilianische Euphorie bezüglich des Megaevents in Grenzen gehalten, besonders bei ärmeren Menschen und ganz Armen. Dekorierten die Bewohner früher, als große Turniere nicht im eigenen Land stattfanden, häufig die Häuser samt Gärten eifrig und mühevoll in den Landesfarben, so war dies 2014 die Ausnahme.

Jetzt, gut zwei Jahre später, ist die eher kühle Euphorie fast gänzlich zum Erliegen gekommen, genau wie die kränkelnde brasilianische Volkswirtschaft. So herrscht unter den Cariocas ein Desinteresse, dass mitunter gar in Wut und Empörung umschlägt. Die vielen Skandale im Vorfeld trugen ihr Übriges dazu bei, wobei der Absturz eines am Steilhang gebauten Fahrradwegs mit mehreren Todesopfern den wohl emblematischsten Fall darstellt.

Spaziert man Abends durch Lapa, einem bohemen Ausgehzentrum der Stadt, so wird man abgesehen von den vielen Olympia-2016-Gelbjackenträgern vor allem zahlreichen Graffiti-Sprayereien, Plakaten und mit Stickern zugeklebten öffentlichen Gebäuden gewahr, welche die Ungerechtigkeit der Spiele anprangern. Auf einem kann man im Vordergrund die Olympischen Ringe sehen, im Hintergrund hingegen erkennt man einen blutdurchtränkten Stacheldraht mit dem Schriftzug: “Nein zu den Spielen des Auschlusses.”

Lapidar lässt sich konstatieren: Olympia ist den meisten eher egal. Die Public Viewings sind oft spärlich bis gar nicht besucht, die Stadien häufig verwaist, was eine brasilianische Beachvolleyballspielern gar dazu brachte, ein Interview abzubrechen als sie gefragt wurde, warum sie vor einer derart gähnenden Leere gespielt habe.

Diese Leere ist ein etwas trauriges Sinnbild für den oftmals sinnlos anmutenden Olympia-Trubel. Durch die Strassen von Copacabana schlendernd werde ich einer Gruppe aus dem Nordosten kommender Barhilfskräfte gewahr, die eng um einen Bildschirm gedrängt das Tischtennis-Vorrundenspiel der brasilianischen Nachwuchshoffnung Hugo Calderano verfolgen. Lautstark wird er angefeuert, doch scheint nur einer der fünf die Regeln zu kennen. Die anderen löchern ihn ständig: „Bis wie viele Punkte geht so ein Satz, ist das wie im Tennis?“ Und: „War das jetzt ein guter Punkt?” Trotz des offensichtlichen Nichtkennens und Verstehens wird der hart umkämpfte Sieg über den in der Weltrangliste mehr als 30 Plätze höher stehenden Spieler aus Hong Kong frenetisch gefeiert. Einer von ihnen kommt auf mich zu und ruft: “Ich bin Brasilianer und wir sind stolz, wenn einer von uns gewinnt!”

Diese ungewöhnliche, etwas merkwürdige positive Olympia-Bekundung kann aber wohl getrost im Kuriositäten-Koffer der großen Ausnahmen verstaut werden. Das Weiterschlendern bezeugt dies: viele der Bars in Copacabana und Ipanema sind teilweise ohne einen einzigen Gast, die Olympia Leinwände bleiben zuschauerlos, ungesehen. Sicherlich haben sowohl die Wirtschaftskrise als auch der Hype um den Zikavirus samt Terrorwarnungen nicht dazu beigetragen, mehr inländische und ausländische Touristen in die Olympiastadt zu locken. Dennoch bleibt Olympia für viele hier ein Fremdwort. Die Menschen interessieren sich mehr für Verbesserungen im Gesundheitsbereich, im Schulsystem und in der teilweise immer noch prekären Infrastruktur, anstatt für protzige, Milliarden verschlingende Olympiabauten, für die viele Bewohner zwangsumgesiedelt wurden.

In der benachbarten Favela Morro dos Cabritos meint der Barbesitzer Alex mit etwas betrübten Augen zu mir: “Weisst du, nicht einmal im Fußball spielen wir gut mit. Zwei torlose Unentschieden gegen den Irak und Südafrika, also da schaut dann halt kaum noch jemand. Und die ganze Korruption und die Geldverschwendung, also damit wollen wir gar nicht erst anfangen,” In seiner Kneipe ist an diesem Abend weit und breit kein einziger Gast zu sehen.

11. August 2016, 18.07 Uhr:

„Someone had to get the ball rolling“

von Jörn Schulz

„The democrats have done everything they can to tie our hands in this War on Terror. They are all a bunch of traitors. (…) Liberals have attacked every major institution that has made America great. (…) The major News outlets have become the propaganda arm of the Democratic Party. (…) The things they are getting away with are criminal. They are traitors! They must be stopped.“ Klingt wie eine Rede Donald Trumps? Es handelt sich um einen Auszug aus dem Manifest Jim David Adkissons, der am 27. Juli 2008 in der Tennessee Valley Unitarian Universalist Church in Knoxville, Tennessee, zwei Menschen erschoss und sieben verletzte.

Weiterlesen.

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …