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Kürzliche Beiträge
27. August 2016, 05.41 Uhr:

Olympia-Nachschlag I - Die Nachbarn in den Anden schauten kaum

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Olympia lief in Brasiliens andinem Nachbarland Bolivien nach ganz eigenen Gesetzen. In der dem Anspruch nach plurinationalen Republik wird generell großen Wert auf Sport und Spiel gelegt. Besonders richtet sich das Interesse dabei auf die nationale Fussball-Liga, in der the Strongest und Bolívar den Ton angeben. Ebenso werden landauf landab munter sowohl auf öffentlichen Plätzen als auch auf dafür gesperrten Straßen Folkloretänze zelebriert. Dafür eigens zur Verfügung gestellte Musikanlagen samt für diesen Zweck angeheuerte Vortänzer bringen jedem der will, die Sauseschritte bei, um den mitunter rasanten Andentönen zu folgen – allein, in der Reihe oder im Kreis, immer von einem Ton angebenden Hilfstänzer begleitet.

Soviel sichtbare Euphorie wurde für die Olympischen Spiele nie entwickelt. Selbst in der Hauptstadt La Paz, Fehlanzeige. Nicht eine gut besuchte Public Viewing Veranstaltung war zu finden. Die an Bildschirmen mitfiebernden Grüppchen in Cafés, Restaurants oder Hostels, die man gelegentlich erspähen konnte, bestanden meist aus travelnden Gringos, wie die Runde um den lautstark sein Team anfeuernden Michele. Der Florentiner jubelte den italienischen Volleyballern in einem an der Plaza gelegenen Restaurant der malerischen, im Kolonialstil erbauten Tiefland-Stadt Sucre zu. Michele machte gar einen Luftsprung, als seine Mannschaft schließlich gewann, was die übrigen Lokalgäste mit indifferenter Stoigkeit quittierten. Ähnliche Szenen konnte man bis ins Tiefland verfolgen, über Potosí, Uyuni bis eben nach Sucre.

Doch wie fanden die Bolivianer selbst die Spiele, welche Spuren haben sie hinterlassen? Hat die großzügige Ankündigung von Präsident Evo Morales, eine bolivianische Olympiamedaille mit 50 000 Dollar zu belohnen, eine besondere Olympiabegeisterung bei Sportlern und Sportfans ausgelöst? Im Flugzeug der Bolivia Airlines findet man im Innenteil der mit “Buen Provecho” (Guten Appetit) beschriebenen Lunchbox immer noch die Konterfeis von zehn mit nationalen Sportförder-Stipendien ausgestatteten bolivianischen Olympiateilnehmern. Das machte fast die gesamte Delegation des Landes aus. Diese überschaubare Größe sowie die medaillenfern, bestens nur im Mittelfeld landenden Sportler mögen die relative Unsichtbarkeit, die der Event in der Andenrepublik auszeichnete, erklären.

Auch die mediale Präsenz – oder eher Absenz – spricht Bände: Im Fernsehen war Fehlanzeige was eigens vor Ort befindliche bolivianische Olympiakorrespondenten angeht. Da muss man schon beim argentinischen Nachbar von Fox Sport einschalten, um direkt von der Copacabana kommentierte Bilder zu sehen. In den Printmedien fanden sich nur wenige Blätter wie “Siete Dias” aus La Paz, “Opinión” aus Cochabamba und “El Deber” aus Santa Cruz mit eigenen Beilagen zu den Spielen. Größere Erwähnungen auf der Titelseite hatten Seltensheitwert. Die Zeitung „El Deber“ feiert immerhin auf Seite Eins, als “der Blitz zum zweiten Mal einschlug”, eine Anspielung auf Usain Bolts Spitznamen. Die insgesamt drei mal drei Goldmedaillen des jamaikanischen Sprinters bei Sommerspielen wurde auch in Bolivien zur Sensation erklärt. Hochgelobt wurde dann auch das beste bolivianische Olympiaergebnis, Angela Castros achtbarer 18. Platz im 20 Km Gehen. Leider war das Resultat noch immer Lichtjahre von dem 50 000 Dollar versprechenden Edelmetall entfernt.

Als ich auf Condors Schwingen das Andenland Bolivien verließ, hallten mir die Worte eines sportbegeisterten Kieferchirurgen aus La Paz lang nach. Seine Meinung zu Bolivien und Olympia: “Wir Bolivianer sind gut in Folklore. An den Olympischen Spielen interessieren uns vor allem die schönen Bilder aus Rio”.

P.S. An der Bolivianisch-Brasilianischen Grenze sind mehrere Leute der gleichen Meinung, so wie der Kokablätter kauende Taxifahrer Álvaro aus dem Grenzstädtchen Quijarro. Am vorletzten Olympia-Tag erzählt er mir euphorisiert, das brasilianische Fussball-Herrenteam habe soeben gegen Deutschland die Goldmedaille im Elfmeterschiessen gewonnen : “Jetzt bin ich glücklich, wir hier an der Grenze sind schließlich auch Brasilianer”.

22. August 2016, 03.18 Uhr:

Lug und Trug-Bild? Olympia-Phantasmagorien auf der Spur

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

“Phantasmagorie” ist zumindest im deutschen Sprachgebrauch ein eher kompliziertes Wort. Aber es gibt allerlei her, lädt zu wildem Denken und Phantasieren ein. Nicht nur Hirngespinste und Trugbilder werden damit beschrieben, sondern auch künstlerische Darstellungen - teilweise „inklusive Gespenstern auf der Bühne.“ Das zumindest, sagt der Duden.

Und das passt dann wie die (Geister)faust auf das Auge dieser im Hauruck Verfahren hingewürgten Olympischen Spiele 2016. Es geht ums Zeigen, Manipulieren, Vermarkten und möglicherweise auch um das Verstehen von Bildern, die mit bestimmten Menschengruppen oder Nationen in Verbindung gebracht werden.

Im Vorfeld der Spiele stand dabei vor allem die angebliche Tropikalität, der musikalisch körperbetonte Einfallsreichtum der Brasilianer und insbesondere der Cariocas, also der Einwohner Rio de Janeiros, im Vordergrund. Diese Wahrnehmung wurde nicht zuletzt von der brasilianischen Regierung verstärkt, als Marketingstrategie für die Olympiabewerbung. Atemberaubende Naturlandschaften, fitnessbegeisterte Menschen, mit Sinn für Rhythmus, immer für ein Schwätzchen zu haben. Alles eingebettet in die Matrix einer Nation, die unentwegt ihr zukunftsträchtiges Potential betonte und offensiv den Plan verfolgte, sich zu einer der größten Volksökonomien weltweit aufzuschwingen. So wurden sie dargestellt und stellten sie sich gern dar, die lebensfrohen Brasilianer.

Was 10 Jahre später von diesen Phantasmagorien Brasiliens bleibt, ist zunächst die munter kolportierte Gewissheit, dass Rio de Janeiro natürlich weiterhin „wunderschön bleibt”. Der Glauben an ein nachhaltig besseres Leben ist aber erst mal dahin. Krise und Korruption sind die Wegbereiter eines wachsenden Pessimismus; und das bei diesem „so lebensfrohen Volk“, wundern sich die Auslandskorrespondenten.

Bei Olympia inszeniert sich aber nicht nur Brasilien, sondern auch die anderen teilnehmenden Nationen. Emblematisch  ist dabei die Selbstdarstellung in den sogenannten Länderpavillons. Die Niederländer haben beispielsweise eigens eine Bleibe mit Schwimmbad angemietet, wo abends holländische Elektro DJs mit ihrer “typischen” Musik für Stimmung sorgen.

Der Schweizer Pavillon erzählt diesbezüglich seine ganz eigene, eidgenössische Geschichte. Dort kann man auf einer Kunstpiste Eislaufen, das Interieur des Pavillons ist im Schweizer Stil in dunklen Holzfarben gehalten. Genannt wird das ganze Baixo Suiça”, die Unterschweiz, womit geographisch auf das in der Nähe gelegene beliebte Ausgehviertel „Baixo Gávea” angespielt wird.

Auffallend ist weiter die Nachbildung einer Schneekugel auf dem Dach des Pavillons. In ihr kann man eine bukolische Schneelandschaft erkennen, die umgedrehte Exotik, die ganz brav den brasilianischen Vorstellungen über die Schweiz entspricht, als einem kalten, gut geordneten Wintersportland.

Fehlen darf natürlich nicht brasilianisch-schweizerische Völkerfreundschaft, festgehalten im auf eine Glasplatte gemalten Wandbild des brasilianischen Favela-Graffitikünstlers Acme, leider etwas versteckt im hinteren Bereich des Pavillons. Darin zu erkennen sind die Konterfeis der beiden erfolgreichsten Tennisspieler der Schweiz und Brasiliens, Roger Federer und Gustav „Guga“ Kuerten. An der Bildunterfläche blinzelt eine brasilianische Capivara, ein kleiner Nager, dahinter  entfaltet sich die Strandlandschaft von Copacabana und Ipanema mit Favelahäuschen und im Winde wehenden Drachen – Sinnbild für in Favelas spielende Kinder und Jugendliche.

Mit diesem Mural hat Acme ins Schwarze getroffen, hat es  geschafft, auch einen Teil des für viele Brasilianer eher inoffiziellen Teil Brasiliens darzustellen, Dank der Gastkultur des Schweizer Pavillons. Wie Acme mir in einem Gespräch sagte, sei es wichtig, “den Menschen zu zeigen, dass die Favelas auch zur Stadt gehören.” Richtig so, nur muss man dazu genau hinschauen. Denn abgesehen von diesem Wandbild werden Besucher sonst mit stereotypen schweizerischen und brasilianischen Phantasmagorien abgespeist. Die Trug-Bildgeister, wie sie für solche, auf eine glatte Außenwirkung zielende Events eben produziert werden.

19. August 2016, 16.47 Uhr:

Sex in the Olympic Village

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK

Olympischer Boulevard, Olympia-Stadien, Olympia-Park – all das bekamen Besucher und Besucherinnen Rio de Janeiros die letzten Tagen zu sehen. Nur in die Verbotene Stadt, das Olympische Dorf, bekommt niemand einen Fuß, der nicht als Sportler*in angereist ist oder diese betreut bzw. über ordentlich Vitamin B (und eine Tagesakkreditierung) verfügt. Soll heißen, irgendwie kommt man immer rein, so wie der Freiwillige D. aus Dtl. der derzeit Untermieter meiner Nachbarin D. ist (alle Namen von der Redaktion gepfändet). Wie es war, will ich wissen: „Naja, es laufen da halt alle in Jogginghosen herum, telefonieren und stehen Schlange vor McDonalds.“ Klingt ungefähr so spannend wie Rostock Stadtmitte – nur halt total überfremdet.

Wo wir gerade bei Mecklenburg-Vorpommern sind. So wie dort der Nazi von Nebenan Burkas halluziniert, verarbeiten brasilianische Journalisten (ohne *, denn hier geht es um reine Männerfantasien) ihre Wahnvorstellungen leider nicht in Therapiegruppen sondern auf Seite 1 bis 3 der Tagespresse. Und eigentlich geht es dabei nur um ein Thema. Olympischen Sex. Wer mit wem und wie oft. Selbst für statistische Hochrechnungen mit Experten ist man sich nicht zu blöd: 10.000 Athlet*innen „im besten Fortpflanzungsalter“, austrainiert, auf der Suche nach Stressabbau, vollgepumpt mit Proteinen und weit weg von den Eltern das mache im Durchschnitt sechs Sexualkontakte pro Tag. Sagen die Experten.

Warum diesem Gewäsch kauziger Lustgreise überhaupt Beachtung schenken? Sex sales und Punkt. Es gibt aber leider ein Komma in dieser Geschichte, denn mit den feuchten Träumen der Lokal-Hemmingways wird eine machistische Sexualmoral fortgeschrieben, die ziemlich fies in den Alltag zurückwirkt. Damit die Stories funktionieren, braucht es zunächst ein kleines Sodom und Gomorra an dem sich die monogame Hetero-In-Group aufgei.. also abarbeiten kann. In der modernen Literatur sind diese Ort zügelloser Ausschweifungen wahlweise Schlösser, Internate oder Gefängnisse – und zwar nicht irgend welche. Der Blick haftet an den Frauen, ihren Körpern und den Institutionen, in denen diese geformt werden. Also: Zofenzimmer, Mädchenschule, Frauenknast. Und wo nur Frauen mit ihren Körpern allein sind … genau.

Kurzum, das Olympische Dorf ist das queere Multi-Kulti-Internat der Sommerspiele. Und gerade weil die Libertinage im Verborgenen stattfindet, kreiselt es in den Köpfen der Ausgeschlossenen, haben Redaktionsräume, Tribünen und Soziale Netzwerke auf Autopilot geschaltet. Modus: aggressiver Samenkoller. „Persönlich sehr schmerzhaft“ nannte die lesbische Fußballspielerin Megan Rapinoe vom US-Team die ständigen homophoben Zwischenrufe in den Stadien. Als „feige“ und als „extram hart“ bezeichnet die brasilianische Schwimmerin Joanna Maranhão die frauenfeindlichen Posts im Internet, die ihr wahlweise wünschten, ihre Mutter möge tot umfallen oder sie vergewaltigt werden. “Ich halte das nur aus, weil ich keine andere Wahl im Leben hatte”, sagte Maranhão unter Tränen.

Dass es gerade sie trifft ist kein Zufall. Die Schwimmerin hatte sich vor den Olympischen Spielen wiederholt gegen den kalten Putsch ausgesprochen, der Präsidentin Dilma Rousseff wohl das Amt kosten wird. Zudem problematisiert sie seit Jahren sexuelle Übergriffe von Trainern im Jugendsport, redet auch offen über eigene Erfahrungen und ermuntert die Mädchen zu einem klaren „Nein heißt nein.“ Das hören brasilianische Playboys nicht gern und dementsprechend enthemmt waren ihre Attacken. Nun müssen sich die Wortführer der Online-Hassreden gegen Maranhão wohl gerichtlich verantworten. Feministinnen hoffen, dass der Fall zu einem Symbol werden wird, für den Kampf gegen Sexismus und Frauenfeindlichkeit im Sport.

Doch ob sich kurzfristig auch etwas an dem oft paternalistischen Verhältnis Sportler*in/Trainer ändern wird, ist zu bezweifeln. So verbot der brasilianische Judoverband seinen Judoka vor ihren Kämpfen ins Olympischen Dorf einzuziehen, um keuch volle Konzentration und Kraft zu sammeln. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser „vorbildlichen Disziplin“ medial ein schwarzes Schaf gegenüber gestellt werden würde: der „tiefe Fall“ der Synchronspringerin Ingrid de Oliveira. Eine ganze Nation Moralapostel drosch verbal auf die 20-jährige ein, weil sie am Tag vor dem Finale den Kanuten Pedro Goncalves mit aufs Zimmer nahm. Typisch für die Berichterstattung, die auch von vielen deutschen Medien (Stern, Focus online) geteilt wurde: der Name des „Galans“ wurde nicht genannt, die „Verantwortungslosigkeit“ und „Unprofessionalität“ der „Sex-Springerin“ (Heute.at) zur Frauensache erklärt. Schlimmer geht es nimmer. Es wäre so schön, an dieser Stelle nicht zum X-ten mal darauf hinzuweisen zu müssen, dass Sex sich nicht leistungsmindernd auf sportliche Leistungen auswirkt. Aber egal, muss wohl sein, damit es irgendwann auch die letzten Experten kapieren.

14. August 2016, 19.58 Uhr:

Hin und weg/schauen. Wo sind nur die Spiele hin?

von Jungle World

GASTBEITRAG VON GUNDO RIAL Y COSTAS

Bereits bei der Fussball WM 2014 hatte sich die brasilianische Euphorie bezüglich des Megaevents in Grenzen gehalten, besonders bei ärmeren Menschen und ganz Armen. Dekorierten die Bewohner früher, als große Turniere nicht im eigenen Land stattfanden, häufig die Häuser samt Gärten eifrig und mühevoll in den Landesfarben, so war dies 2014 die Ausnahme.

Jetzt, gut zwei Jahre später, ist die eher kühle Euphorie fast gänzlich zum Erliegen gekommen, genau wie die kränkelnde brasilianische Volkswirtschaft. So herrscht unter den Cariocas ein Desinteresse, dass mitunter gar in Wut und Empörung umschlägt. Die vielen Skandale im Vorfeld trugen ihr Übriges dazu bei, wobei der Absturz eines am Steilhang gebauten Fahrradwegs mit mehreren Todesopfern den wohl emblematischsten Fall darstellt.

Spaziert man Abends durch Lapa, einem bohemen Ausgehzentrum der Stadt, so wird man abgesehen von den vielen Olympia-2016-Gelbjackenträgern vor allem zahlreichen Graffiti-Sprayereien, Plakaten und mit Stickern zugeklebten öffentlichen Gebäuden gewahr, welche die Ungerechtigkeit der Spiele anprangern. Auf einem kann man im Vordergrund die Olympischen Ringe sehen, im Hintergrund hingegen erkennt man einen blutdurchtränkten Stacheldraht mit dem Schriftzug: “Nein zu den Spielen des Auschlusses.”

Lapidar lässt sich konstatieren: Olympia ist den meisten eher egal. Die Public Viewings sind oft spärlich bis gar nicht besucht, die Stadien häufig verwaist, was eine brasilianische Beachvolleyballspielern gar dazu brachte, ein Interview abzubrechen als sie gefragt wurde, warum sie vor einer derart gähnenden Leere gespielt habe.

Diese Leere ist ein etwas trauriges Sinnbild für den oftmals sinnlos anmutenden Olympia-Trubel. Durch die Strassen von Copacabana schlendernd werde ich einer Gruppe aus dem Nordosten kommender Barhilfskräfte gewahr, die eng um einen Bildschirm gedrängt das Tischtennis-Vorrundenspiel der brasilianischen Nachwuchshoffnung Hugo Calderano verfolgen. Lautstark wird er angefeuert, doch scheint nur einer der fünf die Regeln zu kennen. Die anderen löchern ihn ständig: „Bis wie viele Punkte geht so ein Satz, ist das wie im Tennis?“ Und: „War das jetzt ein guter Punkt?” Trotz des offensichtlichen Nichtkennens und Verstehens wird der hart umkämpfte Sieg über den in der Weltrangliste mehr als 30 Plätze höher stehenden Spieler aus Hong Kong frenetisch gefeiert. Einer von ihnen kommt auf mich zu und ruft: “Ich bin Brasilianer und wir sind stolz, wenn einer von uns gewinnt!”

Diese ungewöhnliche, etwas merkwürdige positive Olympia-Bekundung kann aber wohl getrost im Kuriositäten-Koffer der großen Ausnahmen verstaut werden. Das Weiterschlendern bezeugt dies: viele der Bars in Copacabana und Ipanema sind teilweise ohne einen einzigen Gast, die Olympia Leinwände bleiben zuschauerlos, ungesehen. Sicherlich haben sowohl die Wirtschaftskrise als auch der Hype um den Zikavirus samt Terrorwarnungen nicht dazu beigetragen, mehr inländische und ausländische Touristen in die Olympiastadt zu locken. Dennoch bleibt Olympia für viele hier ein Fremdwort. Die Menschen interessieren sich mehr für Verbesserungen im Gesundheitsbereich, im Schulsystem und in der teilweise immer noch prekären Infrastruktur, anstatt für protzige, Milliarden verschlingende Olympiabauten, für die viele Bewohner zwangsumgesiedelt wurden.

In der benachbarten Favela Morro dos Cabritos meint der Barbesitzer Alex mit etwas betrübten Augen zu mir: “Weisst du, nicht einmal im Fußball spielen wir gut mit. Zwei torlose Unentschieden gegen den Irak und Südafrika, also da schaut dann halt kaum noch jemand. Und die ganze Korruption und die Geldverschwendung, also damit wollen wir gar nicht erst anfangen,” In seiner Kneipe ist an diesem Abend weit und breit kein einziger Gast zu sehen.

11. August 2016, 18.07 Uhr:

„Someone had to get the ball rolling“

von Jörn Schulz

„The democrats have done everything they can to tie our hands in this War on Terror. They are all a bunch of traitors. (…) Liberals have attacked every major institution that has made America great. (…) The major News outlets have become the propaganda arm of the Democratic Party. (…) The things they are getting away with are criminal. They are traitors! They must be stopped.“ Klingt wie eine Rede Donald Trumps? Es handelt sich um einen Auszug aus dem Manifest Jim David Adkissons, der am 27. Juli 2008 in der Tennessee Valley Unitarian Universalist Church in Knoxville, Tennessee, zwei Menschen erschoss und sieben verletzte.

Weiterlesen.

9. August 2016, 21.02 Uhr:

Freiwillige, Fans und Verschwundene

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK

Nein, das hier ist kein Sport-Blog. Medaillenspiegel gibt es bei den anderen. Hier geht es um Momentaufnahmen. Heute gibt es gleich drei davon. Im Blick: häufige und seltene Olympia-Spezies.

Die Freiwilligen

Gibt es derzeit wie Sand an der Copacabana. Zu erkennen sind sie an ihren Papageienkostümen und den Augenringen. Ja, während die internationale Fanszene die Morgenveranstaltungen lässig verschläft, sichern sie die Piste der Straßenradrennen vor Flitzern und Querschlägern. Sie fahren als Testkaninchen über die wellengepeitschte Lagune, um zu sehen, ob hier gerudert werden kann, ohne das Untergehen der prominenten 1er bis 8er zu riskieren. Oder sie harken stundenlang Sand für die Beach Volleyballer*innen. Dabei sein ist alles. Als Entschädigung gibt es U-Bahnfahrscheine und ein warmes Mittagessen (an Arbeitstagen), das Papageienkostüm (inkl. Turnschuhe) und gaaaanz viel Beifall, wenn immer ein Stadionsprecher die Meute auf den Rängen dazu bewegen kann, mal kurz eine Selfie-Pause einzulegen. Ungedopte Amateur*innen die in der tropischen Sonne unbezahlt alles geben. Wenn irgendwo der Olympische Geist noch lodert, dann in den Herzen der Freiwilligen. Im klimatisierten Souvenir-Pavillion dagegen herrscht Eiseskälte. Hier wird lediglich das Veranstaltungsmotto „schneller“ bedient: der Zeltbau öffnete schon zwei Wochen vor Beginn der Sommerspiele.

Die Fans

Gibt es in allen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. Von billigen Patrioten (laufende Fahnen-Wraps) bis hin zu subtilen Supporter*innen, die sich für eine nerdige Sportart verzehren, aber blind für nationale Farben sind. Sie haben ihre eigenen Erkennungs-Codes, z.B. Ping-Pong-Ball-Schlüsselanhänger. Außerdem unterscheiden deutsche Sportjournalist*innen die Fans auch qualitativ, in solche, die wissen wie man zu jeder einzelnen Sportart jubelt und solche, die es noch immer nicht gelernt haben. Besonders schlimm: lateinamerikanische und brasilianische Fans, die sich überall benehmen würden, als säßen sie im Fußballstadion. Sicher, gegnerische Sportler*innen mit Pfiffen, Getrampel und Buhrufen aus dem Konzept zu bringen ist unfair. Aber das sind Pauschalurteile auch. Bei Davis-Cup-Spielen in Argentinien geht es zum Beispiel auch stimmungsvoller zu als auf englischen Rasenplätzen, ohne dass es die Spieler*innen stört. 180 Dezibel auf der Tribüne, die kurz vor jedem Aufschlag abrupt verstummen. Solch perfekt synchronisierte Fan-Etiquette gibt es auch bei Olympia genug. Man muss sie nur sehen wollen…

Die Verschwundenen

Umsteigestation Olympiapark. Links geht es in die neuen Stadien, rechts ins alte Kongresszentrum Riocentro, wo es in diesen Tagen ebenfalls sportlich zugeht. Auf einer improvisierten Brücke beschleicht uns plötzlich das Gefühl: Moment, hier muss sie gewesen sein, die Gemeinde Vila Autódromo, jenes Viertel das mit Baggern, Bulldozern, Polizei und ein paar leeren Versprechen in den letzten Monaten systematisch platt gemacht wurde. Das Olympische Komitee hatte irgendwann sogar den UN-Generalsektretär für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung, kurz: Willi Lemke, hingeschickt, um Zuspruch für Zwangsräumung im Namen der „für die Olympische Idee“ zu schaffen. Und jetzt? Sieht man eine Reihe neuer, weiß getünchter Reihenhäuser, die alle jene Bewohner*innen erhielten, die bis zuletzt Widerstand leisteten. Das war der Deal: das bisherige, kollektiv geschaffene Wohnviertel abreißen und gegen neue Fertigbau-Modelle ersetzen. Hat aber nur teilweise geklappt. Auf der Insel zwischen Abwasserkanal, Lagune und Schnellstraßen stehen die letzten Reste der früheren Vila Autódromo, hängen noch einige Plakate: „Widerstand bis zum Schluss“ – sie haben Wort gehalten. Man möchte rüber gehen und denen die noch da sind auf die Schulter klopfen. Aber dafür sind die Absperrgitter dann doch zu hoch und der Umweg zu weit. Schnell weiter, wer weiß wie lange die Schlangen am Einlass heute sind…

 

VON MIZGIN SAKA

Am 3. August 2014 überfiel der Islamische Staat (IS) das hauptsächlich von Eziden bewohnte Gebiet Shingal und verübte dort ein Massaker. Tausende Männer wurden hingerichtet, Frauen und Kinder entführt und Hunderttausende zur Flucht gezwungen. Ein Völkermord, der trotz zahlreicher Beweise noch immer nicht als solcher anerkannt wird; die Ausrottung einer uralten religiösen Minderheit, die in keinem Staat in Sicherheit und Frieden existieren kann. Die Hilfsorganisation ,,Eziden Weltweit e. V.“ veranstaltete zu diesem Anlass am 3. August 2016 in Kooperation mit einigen anderen Vereinen einen Trauermarsch zum Gedenken an die tausenden Opfer des Massakers, der zugleich an die Überlebenden erinnern und die Befreiung der über 3.500 Frauen und Kinder fordern sollte, die sich nach mehr als zwei Jahren immer noch in IS-Gefangenschaft befinden.

Bereits am Vorabend des 3. August versammelten sich einige Mitglieder des Vereins am Brandenburger Tor und hielten dort eine Mahnwache ab. Es wurden Kerzen angezündet und Plakate mit Bildern von Opfern des Genozids auf dem Boden ausgebreitet. Im Laufe des Abends trafen immer mehr Menschen vor Ort ein und zeigten ihr Interesse, wollten informiert werden und boten ihre Hilfe an. Eine junge Italienerin hat die Menge besonders gerührt. Sie setzte sich mit ihrer Familie zu den anderen auf den Boden und fing plötzlich, wie aus dem nichts, an zu singen. Sie sang das weltbekannte Lied ,,Hallejulia“ mit einer Stimme, die alle zu Tränen gerührt hat. Auf die Frage was sie dazu bewegt hat, antwortete sie: ,,Ich kannte Euch vorher nicht, aber ich fühle mit Euch. Es tut mir vom Herzen leid, was Euch widerfahren ist und ich bete zu Gott, dass er Euch beisteht.“ Der Gesang dieser wunderschönen Seele hat diesen Moment für alle, die es erleben durften, unvergesslich gemacht.

Am nächsten Tag zogen etwa 2.000 Menschen im Rahmen eines Gedenkmarsches vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor. Persönlichkeiten wie Nadia Murad (ehemalige IS-Gefangene und Menschenrechtsaktivistin), Heydar ?he?ho (Oberkommandeur der Widerstandseinheit HPÊ), Düzen Tekkal (Journalistin und Menschenrechtlerin), Abu Shujja (ezidischer Held der für die Befreiung hunderter Frauen und Kinder verantwortlich ist), begleiteten den Zug, genauso wie Samira und Salwa, die ebenfalls ehemalige IS-Gefangene sind und sich nun als Aktivistinnen für die ezidische Sache engagieren.

Am Brandenburger Tor angekommen, wurde die Kundgebung von Berkat Isa, einem Mitglied des Vereins „Eziden Weltweit e.V.“ und IS-Vertriebenen, eröffnet. Neben einer Danksagung an die deutsche Bundesregierung, insbesondere an das Bundesland Baden-Württemberg, und einer Grußbotschaft an die zahlreichen Teilnehmenden, wurden folgende Forderungen an die Bundesregierung verlesen:

 

•          Einsatz für die Befreiung der etwa 3500 ezidischen Frauen und Kinder aus der IS-Gefangenschaft

•          ein schnelles Aufnahmeprogramm für Eziden und Christen aus dem Irak

•          vereinfachte und schnelle Familienzusammenführung bzw. Aufnahmeprogramm der in Griechenland gestrandeten 3.300 Eziden

•          unabhängige Koordinierung der Hilfslieferungen für Eziden und Christen in den Irak

•          Schaffung einer Schutzzone für alle Eziden und Christen, die in ihrer Heimat bleiben wollen

•          Anerkennung des Genozids an den Eziden und lückenlose Aufklärung durch eine internationale Untersuchungskommission

•          Verfolgung und Bestrafung aller am Genozid Beteiligten durch einen internationalen Gerichtshof

Es wurden Reden in deutscher, englischer und kurdischer Sprache abgehalten: Alle mit dem Ziel, auf die Opfer des Genozids aufmerksam zu machen. Und darauf hinzuweisen, dass er noch immer andauert. Es wurden viele Tränen vergossen, sowohl von Frauen als auch Männern, von alt und jung.

Und auch an diesem Tag geschah etwas sehr bewegendes. Samira, ein junges Mädchen von 19 Jahren, die 8 Monate lang in IS-Gefangenschaft war und mit dem Aufnahmeprogramm von Baden-Württemberg nach Deutschland kam, wurde bewusstlos. Samira lag steif auf dem Boden, rief nach ihrer Mutter und kam nur schwer wieder zu sich. Um Samira herum versammelte sich eine Menschenmasse, darunter auch Journalisten, die diese Situation filmten und Fotos schossen. Gut so, denn die Weltgemeinschaft soll sehen, wie es diesen Frauen und Kindern geht! Die Welt soll sehen, wie es einem jungen Mädchen ergeht, das im 21. Jahrhundert vor den Augen der Weltgemeinschaft als Sexsklavin verkauft und benutzt wurde! Sie soll sehen, dass dieser Genozid so lange noch nicht vorbei ist, ehe nicht alle Frauen und Kinder aus den Händen dieser Barbaren befreit wurden! Doch das ist noch nicht alles, denn selbst in einem Land wie Deutschland sind die Eziden nicht sicher vor religiös motivierten Übergriffen. Wir können den Frauen und Mädchen nicht garantieren, dass sie in diesem Land nicht auf ihre Peiniger treffen. Wir können diesen Menschen nicht garantieren, dass sie hier ihren Frieden finden und in Sicherheit leben können.

Erschienen am 7.08.2016 auf Mena-Watch

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