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Kürzliche Beiträge
9. August 2016, 21.02 Uhr:

Freiwillige, Fans und Verschwundene

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK

Nein, das hier ist kein Sport-Blog. Medaillenspiegel gibt es bei den anderen. Hier geht es um Momentaufnahmen. Heute gibt es gleich drei davon. Im Blick: häufige und seltene Olympia-Spezies.

Die Freiwilligen

Gibt es derzeit wie Sand an der Copacabana. Zu erkennen sind sie an ihren Papageienkostümen und den Augenringen. Ja, während die internationale Fanszene die Morgenveranstaltungen lässig verschläft, sichern sie die Piste der Straßenradrennen vor Flitzern und Querschlägern. Sie fahren als Testkaninchen über die wellengepeitschte Lagune, um zu sehen, ob hier gerudert werden kann, ohne das Untergehen der prominenten 1er bis 8er zu riskieren. Oder sie harken stundenlang Sand für die Beach Volleyballer*innen. Dabei sein ist alles. Als Entschädigung gibt es U-Bahnfahrscheine und ein warmes Mittagessen (an Arbeitstagen), das Papageienkostüm (inkl. Turnschuhe) und gaaaanz viel Beifall, wenn immer ein Stadionsprecher die Meute auf den Rängen dazu bewegen kann, mal kurz eine Selfie-Pause einzulegen. Ungedopte Amateur*innen die in der tropischen Sonne unbezahlt alles geben. Wenn irgendwo der Olympische Geist noch lodert, dann in den Herzen der Freiwilligen. Im klimatisierten Souvenir-Pavillion dagegen herrscht Eiseskälte. Hier wird lediglich das Veranstaltungsmotto „schneller“ bedient: der Zeltbau öffnete schon zwei Wochen vor Beginn der Sommerspiele.

Die Fans

Gibt es in allen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. Von billigen Patrioten (laufende Fahnen-Wraps) bis hin zu subtilen Supporter*innen, die sich für eine nerdige Sportart verzehren, aber blind für nationale Farben sind. Sie haben ihre eigenen Erkennungs-Codes, z.B. Ping-Pong-Ball-Schlüsselanhänger. Außerdem unterscheiden deutsche Sportjournalist*innen die Fans auch qualitativ, in solche, die wissen wie man zu jeder einzelnen Sportart jubelt und solche, die es noch immer nicht gelernt haben. Besonders schlimm: lateinamerikanische und brasilianische Fans, die sich überall benehmen würden, als säßen sie im Fußballstadion. Sicher, gegnerische Sportler*innen mit Pfiffen, Getrampel und Buhrufen aus dem Konzept zu bringen ist unfair. Aber das sind Pauschalurteile auch. Bei Davis-Cup-Spielen in Argentinien geht es zum Beispiel auch stimmungsvoller zu als auf englischen Rasenplätzen, ohne dass es die Spieler*innen stört. 180 Dezibel auf der Tribüne, die kurz vor jedem Aufschlag abrupt verstummen. Solch perfekt synchronisierte Fan-Etiquette gibt es auch bei Olympia genug. Man muss sie nur sehen wollen…

Die Verschwundenen

Umsteigestation Olympiapark. Links geht es in die neuen Stadien, rechts ins alte Kongresszentrum Riocentro, wo es in diesen Tagen ebenfalls sportlich zugeht. Auf einer improvisierten Brücke beschleicht uns plötzlich das Gefühl: Moment, hier muss sie gewesen sein, die Gemeinde Vila Autódromo, jenes Viertel das mit Baggern, Bulldozern, Polizei und ein paar leeren Versprechen in den letzten Monaten systematisch platt gemacht wurde. Das Olympische Komitee hatte irgendwann sogar den UN-Generalsektretär für Sport im Dienste von Frieden und Entwicklung, kurz: Willi Lemke, hingeschickt, um Zuspruch für Zwangsräumung im Namen der „für die Olympische Idee“ zu schaffen. Und jetzt? Sieht man eine Reihe neuer, weiß getünchter Reihenhäuser, die alle jene Bewohner*innen erhielten, die bis zuletzt Widerstand leisteten. Das war der Deal: das bisherige, kollektiv geschaffene Wohnviertel abreißen und gegen neue Fertigbau-Modelle ersetzen. Hat aber nur teilweise geklappt. Auf der Insel zwischen Abwasserkanal, Lagune und Schnellstraßen stehen die letzten Reste der früheren Vila Autódromo, hängen noch einige Plakate: „Widerstand bis zum Schluss“ – sie haben Wort gehalten. Man möchte rüber gehen und denen die noch da sind auf die Schulter klopfen. Aber dafür sind die Absperrgitter dann doch zu hoch und der Umweg zu weit. Schnell weiter, wer weiß wie lange die Schlangen am Einlass heute sind…

 

VON MIZGIN SAKA

Am 3. August 2014 überfiel der Islamische Staat (IS) das hauptsächlich von Eziden bewohnte Gebiet Shingal und verübte dort ein Massaker. Tausende Männer wurden hingerichtet, Frauen und Kinder entführt und Hunderttausende zur Flucht gezwungen. Ein Völkermord, der trotz zahlreicher Beweise noch immer nicht als solcher anerkannt wird; die Ausrottung einer uralten religiösen Minderheit, die in keinem Staat in Sicherheit und Frieden existieren kann. Die Hilfsorganisation ,,Eziden Weltweit e. V.“ veranstaltete zu diesem Anlass am 3. August 2016 in Kooperation mit einigen anderen Vereinen einen Trauermarsch zum Gedenken an die tausenden Opfer des Massakers, der zugleich an die Überlebenden erinnern und die Befreiung der über 3.500 Frauen und Kinder fordern sollte, die sich nach mehr als zwei Jahren immer noch in IS-Gefangenschaft befinden.

Bereits am Vorabend des 3. August versammelten sich einige Mitglieder des Vereins am Brandenburger Tor und hielten dort eine Mahnwache ab. Es wurden Kerzen angezündet und Plakate mit Bildern von Opfern des Genozids auf dem Boden ausgebreitet. Im Laufe des Abends trafen immer mehr Menschen vor Ort ein und zeigten ihr Interesse, wollten informiert werden und boten ihre Hilfe an. Eine junge Italienerin hat die Menge besonders gerührt. Sie setzte sich mit ihrer Familie zu den anderen auf den Boden und fing plötzlich, wie aus dem nichts, an zu singen. Sie sang das weltbekannte Lied ,,Hallejulia“ mit einer Stimme, die alle zu Tränen gerührt hat. Auf die Frage was sie dazu bewegt hat, antwortete sie: ,,Ich kannte Euch vorher nicht, aber ich fühle mit Euch. Es tut mir vom Herzen leid, was Euch widerfahren ist und ich bete zu Gott, dass er Euch beisteht.“ Der Gesang dieser wunderschönen Seele hat diesen Moment für alle, die es erleben durften, unvergesslich gemacht.

Am nächsten Tag zogen etwa 2.000 Menschen im Rahmen eines Gedenkmarsches vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor. Persönlichkeiten wie Nadia Murad (ehemalige IS-Gefangene und Menschenrechtsaktivistin), Heydar ?he?ho (Oberkommandeur der Widerstandseinheit HPÊ), Düzen Tekkal (Journalistin und Menschenrechtlerin), Abu Shujja (ezidischer Held der für die Befreiung hunderter Frauen und Kinder verantwortlich ist), begleiteten den Zug, genauso wie Samira und Salwa, die ebenfalls ehemalige IS-Gefangene sind und sich nun als Aktivistinnen für die ezidische Sache engagieren.

Am Brandenburger Tor angekommen, wurde die Kundgebung von Berkat Isa, einem Mitglied des Vereins „Eziden Weltweit e.V.“ und IS-Vertriebenen, eröffnet. Neben einer Danksagung an die deutsche Bundesregierung, insbesondere an das Bundesland Baden-Württemberg, und einer Grußbotschaft an die zahlreichen Teilnehmenden, wurden folgende Forderungen an die Bundesregierung verlesen:

 

•          Einsatz für die Befreiung der etwa 3500 ezidischen Frauen und Kinder aus der IS-Gefangenschaft

•          ein schnelles Aufnahmeprogramm für Eziden und Christen aus dem Irak

•          vereinfachte und schnelle Familienzusammenführung bzw. Aufnahmeprogramm der in Griechenland gestrandeten 3.300 Eziden

•          unabhängige Koordinierung der Hilfslieferungen für Eziden und Christen in den Irak

•          Schaffung einer Schutzzone für alle Eziden und Christen, die in ihrer Heimat bleiben wollen

•          Anerkennung des Genozids an den Eziden und lückenlose Aufklärung durch eine internationale Untersuchungskommission

•          Verfolgung und Bestrafung aller am Genozid Beteiligten durch einen internationalen Gerichtshof

Es wurden Reden in deutscher, englischer und kurdischer Sprache abgehalten: Alle mit dem Ziel, auf die Opfer des Genozids aufmerksam zu machen. Und darauf hinzuweisen, dass er noch immer andauert. Es wurden viele Tränen vergossen, sowohl von Frauen als auch Männern, von alt und jung.

Und auch an diesem Tag geschah etwas sehr bewegendes. Samira, ein junges Mädchen von 19 Jahren, die 8 Monate lang in IS-Gefangenschaft war und mit dem Aufnahmeprogramm von Baden-Württemberg nach Deutschland kam, wurde bewusstlos. Samira lag steif auf dem Boden, rief nach ihrer Mutter und kam nur schwer wieder zu sich. Um Samira herum versammelte sich eine Menschenmasse, darunter auch Journalisten, die diese Situation filmten und Fotos schossen. Gut so, denn die Weltgemeinschaft soll sehen, wie es diesen Frauen und Kindern geht! Die Welt soll sehen, wie es einem jungen Mädchen ergeht, das im 21. Jahrhundert vor den Augen der Weltgemeinschaft als Sexsklavin verkauft und benutzt wurde! Sie soll sehen, dass dieser Genozid so lange noch nicht vorbei ist, ehe nicht alle Frauen und Kinder aus den Händen dieser Barbaren befreit wurden! Doch das ist noch nicht alles, denn selbst in einem Land wie Deutschland sind die Eziden nicht sicher vor religiös motivierten Übergriffen. Wir können den Frauen und Mädchen nicht garantieren, dass sie in diesem Land nicht auf ihre Peiniger treffen. Wir können diesen Menschen nicht garantieren, dass sie hier ihren Frieden finden und in Sicherheit leben können.

Erschienen am 7.08.2016 auf Mena-Watch

6. August 2016, 18.15 Uhr:

Das Feuer brennt, die Proteste sind Asche

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK

Bereits lange vor den Sommerspielen war klar: nach dem Anzünden des Olympischen Feuers weiter gegen das Megaevent zu demonstrieren, wäre das reinste Himmelfahrtskommando. Die 13.000 Ordnungshüter*innen und 21.000 Militärs sind eben nicht zum Schutz der Meinungsfreiheit nach Rio bestellt worden. Erschwerend hinzu kommen 10.000 Sportskanonen aus aller Welt. Die werden zwar nicht direkt als Reservebataillon eingesetzt, aber ihre subtile, psychologische Kriegsführung (Tele-Hypnose!) in Stadien und Hallen aller Art ist letztlich ein noch effektiveres Mittel, um Straßenblockaden und Besetzungen schon im Keim zu ersticken.

Viele gute Gründe noch ein paar Debatten und Demos zu organisieren, bevor der olympische Geist uns alle endgültig in Geiselhaft nimmt. Den Anfang machte eine Künstler*innen-Gruppe aus Rio. Sie hatte aus Protest gegen die Abwicklung des Kulturministeriums nach dem Kalten Putsch im April bereits wochenlang den Palácio Capanema als Party-, Diskussions- und Wohnraum besetzt gehalten. Dann wurden die engagierten Arties am 25. Juli geräumt, zogen aber flugs in die seit Jahren leerstehende Konzerthalle Canecão um. Dass die Kavallerie sie hier erneut verjagt, ist wenig wahrscheinlich. Das Gebäude liegt auf dem Gelände der Staatlichen Universität UFRJ und das Rektorat soll gar nicht so unzufrieden mit dem unerwarteten Putzkommando gewesen sein. Vielleicht wird der Canecão ja bald eine fahnen-freie Alternative zum Deutschen Haus und anderen offiziösen Olympia-Treffs…

Demonstriert wurde am Freitag auch, sogar zwei Mal. Am späten Vormittag tauchten rote Fahnen vor dem Copacabana Palace Hotel auf. Die Gewerkschafts- und Parteilinke hatte mehrere Hundert Menschen zusammengetrommelt, wie gewohnt straff organisiert in Blöcken und mit Transparenten Marke Großformatdrucker. Das Wetter und Timing hätten besser nicht seien können: Blauer Himmel, die Olympiaeröffnung noch einen halben Tag entfernt und die internationale Presse hungrig auf Soundbites. Olympische Tragödie. Spiele der Ausgrenzung. Schnitt. Das reicht dann auch für einen kritischen Halbsatz mit Stirnrunzeln.

Fairer Weise muss man sagen, vielmehr war aus der Demo auch nicht rauszuholen. „Temer muss weg“ - dass der Interimspräsident kein Publikumsliebling der Linken ist – nichts neues. Auch war nicht ganz klar, wie die Parole „Wenn die Kürzungen nicht aufhören, wird Rio stillstehen“ gemeint war. Als selbst-erfüllende Prophezeiung, dass die Lichter in Krankenhäusern und Schulen ausgehen, wenn bald die Mittel fehlen? Oder doch als ernst gemeinte Kampfansage? Wie es um die mögliche Basis einer breiten Protestbewegung bestellt ist, dafür lieferten einige Anwesende einen schönen Einakter.

Es treten auf: Ein weißer Mitfünfziger, Gewerkschafter mit Kugelbauch und roter Schirmmütze; seine bleiche Begleiterin mit erhobenem Zeigefinger; ein afro-brasilianischer Mann um die 30 in Badehose nebst Begleiter*innen. Letztere sitzen gemeinsam auf einer Bank an der Strandpromenade (ja, die mit dem schwarz-weißen Pflaster) und starren auf den Strand. Dort steht zu ihren Füßen ein Ensemble aus Miniaturpapphütten. Es gibt auch kleine Schilder, nicht mit Straßennamen sondern Sätzen wie: „Wir sind obdachlos wegen Olympia.“ Oder auch in bestem Englisch: „Wir kämpfen nicht um Wohnraum, wir hatten ihn schon. Aber der Staat hat ihn uns genommen und uns auf die Straße gesetzt.“

Das zeigt Wirkung bei Touristen und Presse, bemerkt auch der Mann mit der roten Schirmmütze und stellt ungefragt ein „Temer muss weg“-Schildchen mit Gewerschaftslogo zwischen die Papphäuschen.

Mann in Badehose: He, nimm das bitte wieder weg. Respektiere bitte unseren parteilosen Protest.

Schirmmütze: Warum? Der Strand gehört allen. Mit dieser Einstellung schadest du der Bewegung.

Mann in Badehose: Der Strand ist riesig, warum musst Du dein Schild genau hier aufstellen? Geh noch einfach drei Meter weiter?

Frau mit Zeigefinger: Putz Dir erst mal die Zähne. Leute wie Du sind schuld am Putsch.

Mann in Badehose: Nein, das haben wir Leuten wie euch zu verdanken, die allen die Welt erklären wollen und selber nichts kapiert haben.

Am Nachmittag gab es dann noch eine etwas erfreulichere Demo. Aufgerufen hatte ein Basiskomitee das bereits die WM- und jetzt auch die Olympia-Vorbereitungen kritisch begleitete. Da ging es um einiges bunter und entspannter zu als am Morgen. Autonome, Studis, Antiimps, auch einige Aktivist*innen aus den Favelas waren gekommen. Dazu doppelt sie viele Journalist*innen und Ordnungshüter*innen. Die Militärpolizei versuchte anfangs noch den Black Block zu isolieren, weshalb der Demozug etwas verspätet startete. Gut 500 Leute – das klingt deprimierend, war aber viel mehr als sich die Organisator*innen erhofft hatten – und dementsprechend feierten sie sich.

Für eine halbe Stunde. Dann hieß es: Abbruch der Veranstaltung wegen Vandalismus. Dabei hatten einige Demonstrierende lediglich bei der Umsetzung der komplexen Olympia-Rituale gepatzt. Die Fackel zündet nun Mal das Olympische Feuer an und nicht die Fahne mit den fünf Ringen. Ein epischer Ausrutscher. Nach zähme Ringen nahm der Marsch dann doch seinen gewohnten Lauf. Am Ende standen zu Buche: eine Festnahme und ein überschaubarer Tränengaseinsatz. Aber da saßen die meisten schon Zuhause oder in einer Bar und harrten der Eröffnungsveranstaltung im Maracanã-Stadion…

4. August 2016, 21.18 Uhr:

In den olympischen Ring gef...t

von Jungle World

GASTBEITRAG VON NILS BROCK

Olympia und Yoga – dass passt nicht. Gut, das war beim Klippenspringen auch so. Doch fürs Yoga hat sich partout noch kein Brausekönig gefunden, der gewillt ist, dem Olympischen Kommitte die faszinierende Welt der Teppich-Slow-Mo zu verklingeln. Pling-Pling. Dabei wäre Yoga das perfekte Yang zum Olympischen Ying, mit seinem penetranten höher, schneller, weiter. Und Rio wäre eine tolle Kulisse gewesen, zum Mit-Verbiegen vor den heimischen Fernseher: Täglich Sonnenaufgänge an der Copacabana (nach deutscher Ortszeit um 11.30 Morgens). Im Vordergrund engagierte Yogis, im Hintergrund die wandelnden Reste irgendeiner Afterparty, die auf Reinkarnation im Meer aus sind.

Dieses partizipative Spektakel bietet sich Early Birds oder Nachteulen in Rio jedes Wochenende. Olympia wäre der Moment gewesen, dieses aufgeschlossene Miteinander auch in deutsche Wohnzimmer zu tragen. Doch nix da. Wie gewohnt werden wir ab nächster Woche nach dem Frühstücksfernsehen endlose Vorläufe und Vorrunden serviert bekommen. Auch der stümperhafte Versuch des IOCs, mit dem Ausschluss von Russland das Programm etwas zu straffen, wird kaum zu spüren sein. Die Rücktrittforderungen (Bach muss weg!) sind auf den zweiten Blick also durchaus gerechtfertigt.

Doch zurück zum Thema. Heute Morgen, nach anderthalb Stunden Summen, Dehnen, Balancehalten, Kopfstand und Meditieren, als gerade die letzten sphärischen Klänge einer Cavaquinho-Gitarre verhallen, fällt dieser Satz: „Rio wird gerade so richtig in den olympischen Ring gef…t.” Würden nicht eh alle im Lotussitz da hocken, müsste ich jetzt schreiben, „die Yogagruppe verfiel in Schockstarre.“ So passierte zunächst gar nichts, nur in den Köpfen knacken die Synapsen ein leises wer war das? Da heute nur wenige Teilnehmende (2) da sind, ist schnell klar, wer sich hier zu einem verbal-gewaltsam Totalausfall hinreißen lassen hat. Meister Luis selbst-persönlich. Unfassbar. Auch Ganesha rümpft von der Wand herab empört den Rüssel.

Nun ist Luis nicht irgend ein Yogalehrer und ein orthodoxer schon gar nicht. Übereifrige Yogis, die Leben als spirituelles Reinheitsgebot missverstehen, sind ihm ein Graus. Nein, Luis war nie nur Yogaleher, sondern in bestimmten Momenten seines Lebens auch Rockstar, Musiklehrer, Philosophiestudent und Alkoholiker – mindestens. Geblieben ist davon eine unglaubliche Lässigkeit, ein latentes Dauergrinsen, dass bei ihm im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen nie ins Debile abrutscht. Wie oft schon hat er mit ein bisschen Spott und ein paar Atemübungen morgendliche Nahtoderfahrungen auf dem Fahrrad in Luft aufgelöst? Wie oft hat er emotional aufgeladene Ernährungsdebatten mit dem Wort Pizza beendet? Was um alles in der Welt also muss geschehen sein, dass dieses lebenslustige Ohmmm wegen ein bisschen Olympia so ausflippt? – in Rüsselnähe!

In der Saftbar um die Ecke rekonstruiert der Meister die innere Eskalation so: Yoga, dieses esoterische Mauerblümchen der Sportwelt habe in Rio in den letzten fünf Jahren einen Boom erlebt, im Stillen, aber dafür so richtig. Trotz Hindernissen wie Hantelbänken, Pilatebällen und allerlei Crossfit-Schnickschnack fanden Tausende den Weg in die Yogaschulen. (Sogar in der Favale Maré gibt es jetzt eine, aber das ist eine andere Geschichte). Nicht nur die Cariocas (Bewohner*innen von Rio) auch das internationales Klientel brachte seine Matten mit. Der Wohltaten schenkende Elefant Ganesha hatte ganze Arbeit geleistet.

Doch da Luis eben nicht nur die Vedischen Schriften sondern auch das Kapital gelesen hat, wusste er: die nächste Krise kommt bestimmt. So legte er sich neben vier Yoga-Kursen täglich, plus Privatstunden ins Zeug und büfelte für die jährliche Prüfung, um als Lehrer Philosophie an einer von Rios Oberschule unterrichten zu können. Hoch motiviert ging Luis bereits daran den schnöden Lehrplan umzubauen, nachdem ihm April mitgeteilt wurde nach den Winterferien (also jetzt, wir sind ja auf der Südhalbkugel) eingestellt zu werden. Mehr Marx, mehr nicht-europäische Denker*innen, mehr Sinn und immer alles auf das Leben der Jugendlichen gemünzt. Spannend. Doch die Ankündigung blieb eine Ankündigung. Als die Lehrerschaft der Stadt einen Streik ausrief, war dass dem Schulamt ein willkommener Anlass auch geplante Neueinstellungen auf Eis zu legen. Ohnehin sind die Kassen leer, die Interimsregierung drängt darauf alle bevorstehenden Einstellungen öffentlicher Angestellter zu annullieren. Auch jetzt, wo die Arbeitsniederlegung beendet ist, heißt es, man werde nach den Olympischen Spielen entscheiden…

Also abwarten und Kopfstand machen. Blöd nur, dass die anhaltende Rezension an dem Yoga-Klientel nagt hat wie ein Biber auf Eukalyptus. Luis dachte anfangs, es liege an ihm, bis er eine Schülerin anrief. Sie, bis vor kurzem noch extrovertierte Architektin und nie um einen schillernden Ausgehtipp verlegen, druckste nun am anderen Ende der Leitung herum bevor sie auf den Punkt kam: das Geld sei knapp, seit für Olympia alles gebaut und für die nähere Zukunft keine Aufträge in Sicht sind.

Architekten pleite. Schulen pleite. Das heißt, genau, bald auch pleite Yoga-Lehrer. Und Schuld ist Olympia. Dabei haben die Spiele noch nicht mal angefangen…

So heißt es in der Offenbarung des Johannes (13:5). „Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleisnerei Lügen reden.“ (2 Tim 4:1). Berichtet wird auch über „ihn, dessen Kommen aufgrund der Wirkung des Satans erfolgt, unter Entfaltung aller betrügerischen Kräfte, Zeichen und Wunder und aller Verführung der Ungerechtigkeit bei denen, die verlorengehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben.“(2 Th 9/10) Über die Frisur des Antichrist schweigt die Bibel bedauerlicherweise, aber wenn man das Ende der Welt herbeisehnt und die Zeichen deuten will, ist auch so hinreichend klar, welchen US-Politiker sie am treffendsten beschreiben.

Bei den Republikanern sieht man das natürlich anders. „So are we willing to elect someone as president who has as their role model somebody who acknowledges Lucifer?“ fragte Ben Carson. Gemeint war Hillary Clinton. Sie hat eine wissenschaftliche Arbeit über ein Buch von Saul Alinsky geschrieben, dem ein Zitat des Autors vorangestellt ist: „Lest we forget at least an over-the-shoulder acknowledgment to the very first radical: from all our legends, mythology, and history (and who is to know where mythology leaves off and history begins - or which is which), the first radical known to man who rebelled against the establishment and did it so effectively that he at least won his own kingdom – Lucifer.“ Zu geistreich für rechte Republikaner, aber Alinsky, der über community organizing schrieb, ist ohenhin nicht Clintons role model: „While Clinton defends Alinsky, she is also dispassionate, disappointed, and amused by his divisive methods and dogmatic ideology.“

Clinton mit Satan in Verbindung zu bringen, ist in der US-amerikanischen Rechten so ungewöhnlich nicht, bislang war es jedoch ein Hobby der lunatic fringe. Als bejubelter Beitrag einer prominenten Politikers auf dem Parteikonvent zur Nominierung des Präsidentschaftskandidaten ist es ein beunruhigendes Phänomen, zumal man davon ausgehen muss, dass Carson und viele Trumpisten wirklich glauben, Clinton stehe mit dem Teufel im Bunde. Carson fiel bereits mit der Behauptung auf, die Pyramiden seien Kornspeicher Josephs gewesen, womit er nicht nur sämtliche wissenschaftliche Erkenntnisse ignorierte, was für einen rechten Republikaner mittlerweile zum Alltagsgeschäft gehört, sondern auch die jederzeit ohne gottlose Intellektuelle nachprüfbare Tatsache, dass es sich um Massivbauten handelt. Wer sich so viele Lichtjahre von der Realität entfernt hat, kann von ihr kaum noch eingeholt werden.

Mag man Carsons Auftritt noch als weiteres Zeichen für intellektuellen Ruin der Republikaner abbuchen, war der Auftritt Chris Christies, des Gouverneurs von New Jersey, beängstigend. “‘Let’s do something fun tonight,’ Christie told the delegates. ‘As a former federal prosecutor, I welcome the opportunity to hold her (Clinton) accountable for her performance and her character.’ The crowd erupted in cries of: ‘Lock her up! Lock her up!’” Es folgte eine Aufzählung angeblicher außenpolitischer Fehler Clintons, und es versteht sich von selbst, dass Fakten hier ohne Belang waren und der fanatisierte Mob immer „guilty“ brüllte. Da waren selbst Stalins Schauprozesse noch seriöser.

Mit der Forderung, die gegnerische Kandidatin nicht für Straftaten, sondern für ihre Politik einzusperren, haben die Republikaner (sofern sie sich nicht doch noch zu einer scharfen Distanzierung aufraffen) die Grenze von Rechtspopulismus zum Rechtsextremismus überschritten. Die Erfahrung lehrt, dass man nie glauben soll, so etwas sei nur „fun“ und die - im Wortsinn zu nehmende - Dämonisierung des Gegners nur Demagogie. Die Republikaner befinden sich in einem Prozess der Faschisierung, vorangetrieben vor allem durch opportunistische Überläufer, während die verbliebenen Gemäßigten hoffen, dass der Spuk nach Trumps Niederlage vorbei ist. Den USA droht nicht der Faschismus, dafür ist die Mehrheit der extremen Rechten des Landes zu individualistisch und staatsfern, auch dürften im Fall eines Wahlsiegs Trumps die Institutionen standhalten (wobei die Vielzahl der Überläufer und der Eifer, mit dem sie Trump noch zu übertrumpfen trachten, Zweifel aufkommen lassen). Aber der Wahnsinn wird mit der zum Glück sehr wahrscheinlichen Niederlage Trumps nicht verschwinden, und es ist zu befürchten, dass die Enttäuschung des fanatisierten Mobs dann zu einer Gewalt-, wenn nicht gar Terrorwelle führt.

17. Juli 2016, 11.09 Uhr:

Burbach again and again

von Jungle World

Ende Juni berichtete dieser Blog über Vorwürfe gegen Mitarbeiter eines Flüchtlingsheims im nordrhein-westfälischen Burbach. Die Beschäftigten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und der BEWA-Security stehen im Verdacht, systematische sexuelle Übergriffe auf weibliche Flüchtlinge begangen zu haben. Neue Recherchen zeigen nun, dass hinter den Angeschuldigten ein rechtes Netzwerk aus Rockern steht.

GASTBEITRAG VON JANA KLEIN

Likes bei der NPD und rechten Verschwörungsseiten, Putin- und Russlandkitsch, ein einschlägiger Motorradclub – wer sich durch die Online-Profile von Mitarbeitern der BEWA-Securitiy aus Siegen klickt, gerät schnell in einen Sumpf aus rechtsextremem Gedankengut, ultramaskulinem Gepose und Bezügen zum Rocker-Milieu. Die Sicherheitsfirma, die in mehreren Flüchtlingsheimen Aufträge hält, gerät deshalb erneut ins Zwielicht. Gegen Mitarbeiter der Firma wird seit Anfang Juni ermittelt, weil der Verdacht im Raum steht, dass sie Frauen in einem Flüchtlingsheim in Burbach systematisch sexuell ausgebeutet haben könnten, in einem Fall geht es um eine Entführung mithilfe von K.O.-Tropfen. Dabei war zutage getreten, dass die Heimleitung, die das Deutsche Rote Kreuz 2014 vom Skandalbetreiber European Homecare übernommen hatte, mit ehemaligen BEWA-Mitarbeitern besetzt ist. Diese Rotationspraxis scheint keine Ausnahme zu sein.

Die Bezirksregierung in Arnsberg, die mit einer „Task Force“ das Geschehen aufarbeitet, hatte eingeräumt, dass sie die Auswahl der Sicherheitsmitarbeiter nicht selber vornehme und prüfe, sondern dies der jeweils örtlichen Leitung überlasse. Wohl mit fatalen Konsequenzen: mehrere Mitarbeiter der Siegener Sicherheitsfirma stehen zusätzlich über die „Watchman True Brothers Crew“ zueinander in Verbindung, ein Motorradclub, der sich offiziell dem „Iron Order“-Motorradclub zurechnet. Dieser wiederum wurde 2004 in den USA gegründet und rekrutiert sich dort vornehmlich aus Mitarbeitern von Polizei, Justizvollzug, Sicherheit und Militär. Wie die Daily Mail etwa im Februar berichtete, lieferten sich Iron Order-Mitglieder z.B. in Denver eine Auseinandersetzung mit den rivalisierenden Mongols, bei der unter anderem ein feindlicher Rocker erschossen wurde. Es steht immer wieder der Verdacht im Raum, dass sich Iron Order-Mitglieder über ihre Kontakte zur Polizei vor Strafverfolgung schützen.

Bereits 2014 waren Mitarbeiter der BEWA bei Misshandlungsskandalen in Flüchtlingsheimen involviert. Am Dienstag hat es hierzu nun ein erstes Urteil gegeben. Ein Wachmann muss wegen Misshandlungen für 22 Monate ins Gefängnis, ein weiterer erhielt vor dem Amtsgericht Bad Berleburg eine Bewährungsstrafe. Die Kombination aus DRK-Leitung und BEWA-Security findet sich gleich in mehreren Heimen im Siegerland, so auch in Olpe, wo die jetzige Burbacher DRK-Leitung im Dienst der BEWA tätig gewesen ist. Ende 2015 musste der stellvertretende Objektleiter des DRK in Burbach seinen Posten räumen, weil er ein sexuelles Verhältnis zu einer Flüchtlingsfrau im Heim unterhalten hatte.

Im Nachgang der in Burbach erhobenen Vorwürfe hatte es mehrere Versuche gegeben, Zeugen zu diskreditieren. So wurde mutmaßlich versucht, ihnen Straftaten wie Körperverletzung und Diebstahl anzuhängen. Dem WDR erzählten Mitarbeiter aus der Einrichtung, gegen zwei albanische Geflüchtete, die bei der Polizei ausgesagt hatten, lägen etwa 30 Vorwürfe betreffend Eigentumsdelikte vor – eine Behauptung, die sich nachweislich als falsch herausgestellt hat, solche Vorgänge sind bei der Siegener Kriminalpolizei nicht aktenkundig. Die Vermutungen, bei den beiden albanischen Brüdern handele es sich um notorische Kriminelle, hatte zudem ein Ehrenämtler der Anlage gegenüber der Kamera von WDR Lokalzeit gestützt. Der Mann wiederum arbeitet laut einem Artikel über eine Ehrung seiner Tätigkeit eng mit der DRK-Leitung des Heimes zusammen, koordiniert für sie die Freiwilligen – und war früher Polizeibeamter. Bei den Ermittlungen, die seit 2014 andauern und 270 Vorgänge im Burbacher Heim betreffen, stehen wiederum auch Polizeibeamte im Visier.

Im April dieses Jahres erklärte die Leitung der Universität Göttingen, dass  die befristete Professur des bekannten Antisemitismus- und Rechtsextremismusexperten Samuel Salzborn weder entfristet noch verlängert, sondern beendet werden soll. Dieser Beschluss löste einen Proteststurm aus, wie ihn das deutsche Hochschulwesen seit Jahrzehnten nicht erlebte.

Gastbeitrag von Matthias Küntzel, Mena-Watch

Ein vom studentischen Fachschaftsrat (FSR) initiierter „Offener Brief“ gegen die Entfernung Salzborns wurde von mehr als 120 Instituten und Organisationen sowie von 360 Persönlichkeiten, darunter einigen Dutzend Professoren aus dem In- und Ausland (USA, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Ungarn, Israel, Österreich, Portugal) unterschrieben; auch der Zentralrat der Juden in Deutschland und das Jüdische Forum in Berlin setzten sich für Salzborn ein. Nicht minder der Zuspruch für Salzborn innerhalb der Universität:

Im Dezember 2015 fasste die sozialwissenschaftlichen Fakultät einstimmig den Beschluss, Salzborns Vertrag zu verlängern.

Im selben Monat zeichnete der Stiftungsrat der Uni Göttingen Salzborn aufgrund seiner „besondere(n) universitären Aktivitäten und Leistungen (…) auf den Feldern Demokratie, Rechtsextremismus, Kritik am Antisemitismus und Rassismus sowie in der Aufarbeitung der Tätigkeit der Staatssicherheit in Niedersachsen“ mit einem mit 3.000 EUR dotierten Preis aus.

Warum also erklärte kurz darauf die Uni-Präsidentin Prof. Ulrike Beisiegel dem 39-jährigen, auf ihn künftig verzichten zu wollen?

Gesprächsverweigerung und falsche Angaben

Anfangs verweigerte die Universitätsleitung jedwede Antwort; man nehme zu Personalangelegenheiten niemals Stellung, hieß es. Erst im Juni, als die Protestlawine anschwoll und den Ruf der Uni Göttingen zu gefährden drohte, reichte die Präsidentin eine Erklärung nach: Das Niedersächsische Hochschulgesetz (NHG) mache die Weiterbeschäftigung Salzborns „leider“ unmöglich.

Diese Aussage ist jedoch nachweislich falsch: So heißt es in Art. 26, Abs. 1 dieses Gesetzes, dass sehr wohl „ein Professor auf Zeit auf derselben Professur auf Dauer berufen werden“ kann. Falls eine Universität dies wünsche, könne „von einer (öffentlichen) Ausschreibung abgesehen werden“. Damit ist klar, dass die Universität aus der befristeten Professur Samuel Salzborns eine unbefristete machen könnte, wenn sie es denn wollte.

Inzwischen will das Uni-Präsidium zum einen die bisher von Salzborn betreute Zeitprofessur denn auch tatsächlich in eine Professur auf Dauer mit derselben Ausrichtung verwandeln. Zeitgleich hält sie jedoch an ihrem Adieu für Salzborn fest, weshalb eine öffentliche Neu-Ausschreibung erfolgen soll. Man will nach all den Protesten die Professur zwar in Göttingen erhalten, die Person Salzborn jedoch, die dieser Stelle überhaupt erst ihr Prestige verlieh, weiterhin loswerden.

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