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Kürzliche Beiträge
9. September 2011, 03.26 Uhr:

Punk Academy: Wo issen hier der Hardcore?

von Jörn Schulz

Slowenien - einige unser Leser glauben womöglich immer noch, da sei nix los, Das ist ein Irrtum. Zugegeben, eine Revolution gibt’s hier derzeit nicht. Aber die Slowenen arbeiten dran. Einige zumindest. Die haben wir gerade besucht. Hier in Ljubljana, einer Stadt, die weniger Einwohner hat als Bielefeld - ander als im Fall Bielefelds kann ich bezüglich Ljubljanas bestätigen, dass es die Stadt wirklich gibt - gibt es gleich zwei autonome Zentren, die auch eine Punk Academy beherbergen. Da haben wir mal reingeschaut. Ein erster Eindruck ist, dass die slowenischen Chaoten, obwohl sie sich in Sachen Demooutfit an deutschen Vorbildern orientieren, wesentlich mehr Sinn für Ästhetik haben, Coole Lightshow und überall viel Kunscht, Grüne Nashörner uns so.

Der Hardcore war heute aber gar nicht so leicht zu finden auf dem weitläufien Gelände.  Zunächst trafen wir einen Abonnenten und eine Abonnentin. Was die Frage aufwirft: Sind wir schon so berühmt oder ist die Welt der radikalen Linken so klein? Die Suche nach dem Hardcore führte uns zunächst in die Nähe eines auf der halbelektrischen Gitarre schrammelnden Barden, dann in eine Techno-Disco. Schließlich trafen wir auf die Erben von Devo. Unser Zustand erlaubte uns keine intensiveren Recherchen, sollten Sie also zufällig eine mutmaßlich aus Österreich stammende Band kennen, die sich in weiße Ganzkörperkondome kleidet und auf dem Kopf über einer orangefarbenen vierzackigen Krone ein weißes Styropordreieck trägt, ergänzen Sie bitte diesen Beitrag. Die Jungs waren wirklich gut.

Den Hardcore fanden wir dann gegen Mitternacht. Leider gegen Ende des Konzerts. Aber morgen geht’s ja weiter.

 

 

 

26. August 2011, 18.26 Uhr:

Sarrazin baut ab

von Jörn Schulz

Thilo Sarrazin denkt mal wieder über unerwünschte Migranten nach: „Man muss sich fragen, weshalb es für Roma attraktiv ist, nach Berlin zu ziehen und dann muss man alle Elemente, die das attraktiv machen, abbauen, alle abbauen.“ Die Roma campen im Görlitzer „Park“ (Kreuzberg) vor der Ruine eines Güterbahnhofs, unattraktivere Schlafplätze gibt es eigentlich nur in Städten wie Mogadishu oder Kandahar. Gelegentlicher Artilleriebeschuss würde vielleicht helfen, Berlin unattraktiver zu machen. Aber wo sind die Russen, wenn man sie mal braucht?

„Es gilt für alle Völker und Gruppen letztendlich die Probleme da zu lösen, wo sie geboren werden und wo sie zu Hause sind.“ Nun hat noch niemand einer Völkergeburt beigewohnt, aus DDR-Kindergärten ist die Sitte des Gruppenscheißens bekannt, Kollektivgeburten waren jedoch im Fünfjahresplan nicht vorgesehen. Aber hier kommen wir den Geheimnissen der Sarrazinschen Psyche wohl ein wenig näher. Wahrscheinlich glaubt er wirklich, irgendwo, wahrscheinlich in den Bergen Transsylvaniens, gäbe es eine einzige gewaltige Roma-Mutter, die gruppen-, wenn nicht völkerscharenweise ihre Brut ausstößt, die sich dann umgehend auf den Weg nach Berlin macht.

 

 

17. August 2011, 18.03 Uhr:

Danke für meine Spreewald-Gurke

von Jörn Schulz

Viel Aufsehen erregte die junge Welt mit ihrer Danksagung für den Mauerbau. Vor lauter Empörung vergessen die meisten Kritiker leider, dieses interessante Dokument der Zeitgeschichte, das ein wenig an ein bekanntes evangelisches Kirchenlied („Danke für meine Arbeitsstelle“) erinnert, zu lesen. Das ist bedauerlich, denn das Dokument wirft einige Frage auf. „Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke für 28 Jahre Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe.“ Das ist noch schlüssig. Knabe war ein Wessi, also konnte man ihn dort nicht einsperren. Der Knast wurde aber auch so voll.

Schwieriger wird es mit „Danke für 28 Jahre ohne Neonaziplakate ‚GAS geben’ in der deutschen Hauptstadt.“ Sehen wir einmal darüber hinweg, dass die NPD erst 1964 gegründet wurde, man also für 25 Jahre danken müsste. Aber, liebe Genossen Stasi-Majore: Seit wann dankt man dem Klassenfeind? Zu einem NPD-Verbot in Westberlin kam es nicht, weil man fürchtete, die „Rechtseinheit“ zu gefährden, also die sowjetische Position, die Westberlin nicht als Teil der BRD betrachtete, zu stärken, wenn die NPD nicht auch in Westdeutschland verboten würde. Doch durfte die NPD auf Anordung der Westallierten weder an den Wahlen teilnehmen noch Parteitage abhalten oder Flugblätter drucken. Und die bereits 1948 gegründete National-Demokratische Partei Deutschlands, die in der DDR-Volkskammer vertreten war, ließ sich durch die Mauer nicht von ihren Aktivitäten abhalten.

Gedankt wird auch „für 28 Jahre Club Cola und FKK“. Hier offenbart sich ein eklatanter Mangel an Kenntnis über die Geschichte einer der bedeutendsten Errungenschaften des realen Sozialismus, eines Produkts, das immerhin mit „Gold in der Kategorie Erfrischungsgetränke“ ausgezeichnet wurde. Die Genossen Stasi-Majore sofort zum Rapport! Die erste Flasche Club Cola wurde am 19. April 1967 abgefüllt! Habt euch wohl an den kapitalistischen Schlendrian schon gewöhnt? Unter Stalin ist man schon aus geringerem Anlass nach Sibirien verbannt worden. Andererseits, „Danke für 28 Jahre Spreewälder Gurken“ – das klingt nicht wirklich cool. Die Halberstädter Würstchen haben ja wir Wessis gegessen, und „Danke für 28 Jahre ohne Halberstädter Würstchen, die gleich um die Ecke hergestellt, aber dem Klassenfeind geliefert wurden“ – geht auch nicht.

Wirklich rätselhaft wird es aber bei „Danke für 28 Jahre munteren Sex ohne ‚Feuchtgebiete’ und Bild-Fachwissen“. Ja hatten denn die Ossis vor dem 13. August 1961 gar keinen Sex? Oder nur aus Versehen, im Schlaf? Und wie hat die Mauer geholfen, das Sexualleben in der DDR auf Trab zu bringen? Genossen Stasi-Majore, wir bitten um Aufklärung!

21. Juli 2011, 17.55 Uhr:

Sarrazin geht Gassi

von Jörn Schulz

Der eine bekommt seinen Preis nicht und ist deshalb beleidigt, der andere ist beleidigt und will einen Preis zurückgeben. Das Regal des russischen Premierministers Putin wird keine goldene Quadriga zieren, weil das Kuratorium es sich anders überlegt hat. Henryk M. Broder hingegen will den Journalistenpreis des Deutschen Kulturrats nicht mehr haben, weil dessen Geschäftsführer Olaf Zimmermann eine „unsägliche Stellungnahme“ abgegeben hat, mit der er „sich auf die Seite des Pöbels” gestellt habe, der in Teilen von Kreuzberg mittlerweile das Sagen hat“.

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24. Juni 2011, 14.22 Uhr:

Ehre, wem Ehre gebührt

von Jörn Schulz

Die Bild-Zeitung hat für ihre Serie „Geheimakte Griechenland“ („So haben uns die Griechen reingelegt“) den Herbert-Quandt-Medienpreis erhalten. Nun ist die Empörung groß. „Unfassbar“ meint etwa Wolfgang Storz im Freitag und fragt: „Zählt differenzierte Berichterstattung gar nichts mehr?“ Als wenn es bei dem, was man in Deutschland unter Wirtschaftsjournalismus versteht, darauf ankäme. Nein, Bild hat sich diesen Preis redlich verdient. Denn verliehen wird er „im Gedenken an die Persönlichkeit und das Lebenswerk des Unternehmers Herbert Quandt“.

„Als Familie sind wir der Ansicht, dass das unternehmerische Handeln Herbert Quandts über seinen Tod hinaus weitreichende Wirkung erzielte, und dass viele seiner Überzeugungen und Werte bis heute Gültigkeit haben.“ Als Junior war Herbert Quandt unter der Führung seines Vaters Günther mitverantwortlich für die Leitung eines der wichtigsten Rüstungsbetriebe im Nationalsozialismus. Selbstverständlich wurden Zwangsarbeiter eingesetzt, es gab sogar ein firmeneigenes KZ. Was wäre besser geeignet als die Bild-Berichterstattung über Griechenland, um zu beweisen, dass Quandts „Überzeugungen und Werte bis heute Gültigkeit haben“?

2. Juni 2011, 19.19 Uhr:

Was ist der Euro?

von Jörn Schulz

Die Amerikaner beweisen immer wieder das Talent, die Dinge knap, aber treffend zusammenzufassen. Auch Janet Tavakoli glaubt nicht an die EU-Krisenlösung, in der Huffington Post charakterisiert sie die europäische Währung: „The Euro is a super Deutsche Mark with a French accent.”

 

1. Juni 2011, 18.46 Uhr:

Antisemitische Tradition

von Jörn Schulz

In den USA ist eine neue Studie über “Medieval Origins of Anti-Semitic Violence in Nazi Germany” erschienen: “Pogroms during the Black Death are a strong and robust predictor of violence against Jews in the 1920s, and of votes for the Nazi Party. In addition, cities that saw medieval anti-Semitic violence also had higher deportation rates for Jews after 1933, were more likely to see synagogues damaged or destroyed in the Night of Broken Glass in 1938, and their inhabitants wrote more anti-Jewish letters to the editor of the Nazi newspaper Der Stürmer.”

“In a sense, their analysis can be seen as providing a foundation for the highly controversial thesis put forth by former Harvard professor Daniel Goldhagen”, schreibt Ray Fisman in Slate. “One might at least hope for a fresh start. I asked professor Voth about whether Würzburgers’ culture of anti-Semitism has changed in the postwar years. The city has had its share of neo-Nazi rallies, though City Hall has tried (unsuccessfully) to shut them down. In the 2009 election, nearly half of its votes went to the conservative Christian Social Union party, often associated with anti-immigrant policies. Does this suggest that there are anti-Semitic sentiments simmering beneath the surface as well? Professor Voth isn’t sure but plans on finding out: Using 21st-century survey data, he and co-author Voigtländer hope to see whether a culture of hatred in Würzburg and elsewhere can survive even the pounding of nearly 1,300 tons of Allied bombs.”

 

 

 

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