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Kürzliche Beiträge
3. Februar 2011, 18.28 Uhr:

Wer ist der nächste?

von Jörn Schulz

Nicht nur für arabische Diktatoren brechen härtere Zeiten an, denn die tunesische Welle schwappt nun auch über die Sahara. Im afrikanischen Diskussionsforum Pambazuka werden die Folgen der Revolution diskutiert:

“The Tunisian people’s revolution should be an example for all Africans struggling to breathe under the thumbs and boots of ruthless dictators. It is interesting to note that there was a complete news blackout of the Tunisian people’s revolution in countries like Ethiopia.

“I was in West Africa as this revolution unfolded. Everywhere I went, youths and other workers were anxiously following the revolution as the mass resistance spread to Algeria, Egypt, Jordan and Yemen. In all of the societies I visited there were young people who wanted to know more about what was happening in revolution.”

“The images of forthright women outlining the goals of the mass movement sweeping Egypt and Tunisia remain an inspiration to women across Africa and the Middle East. We want to repeat that the struggles for reproductive rights, bodily integrity and opposition to sexual oppression elevated the democratic struggle beyond the rights to freedom of speech, to assemble and for workers to organise. (…) The Egyptian and Tunisian revolutions have now changed the political calculus and the discourse on politics and revolution. Not only have these revolutions transformed the consciousness of the people, they have also given rise to a new burst of creative energies and become a school for new revolutionary techniques for the 21st century. These energies could be translated into numerous actions geared toward revolutionary transformations across Africa and the Middle East.”

3. Februar 2011, 17.48 Uhr:

"This is a revolution without leaders"

von Jörn Schulz

Der ägyptische Blogger Sandmonkey ist festgenommen worden, wurde offensichtlich aber wieder freigelassen. „I am ok. I got out. I was ambushed & beaten by the police, my phone confiscated, my car ripped apar& supplies taken - will tell the story later. Thank you all. I just need to rest now.” Im Herbst 2007 gab er uns ein Interview, damals war er nicht sehr optimistisch: „In Staaten wie der Ukraine reichte die demonstrative Forderung nach freien Wahlen für eine Revolution. In Ägypten nicht, da die Ägypter glauben, die Forderung nach freien Wahlen sei eine amerikanische Verschwörung gegen ihr Land.“

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3. Februar 2011, 14.53 Uhr:

Demokratie ist ansteckend

von Jörn Schulz

Wenn der dritte Stand aufbegehrt, ist der Freiherr besorgt. „There is a risk of an infectious momentum”, kommentierte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in Davos die arabische Revolte. Ein bisschen beleidigt war man wohl beim World Economic Forum, dass einem die Ägypter die Schau gestohlen haben: Stell dir vor, die „Weltelite“ trifft sich, und keiner schaut hin. Viele scheinen die Sorgen des Freiherrn zu teilen: „Likewise, an even nastier thought crossed the minds of many here: what if most of the global business and political elites in talks here actually were too embarrassed to say they would prefer the authoritarian government of Hosni Mubarak to carry on in order to provide stability?

2. Februar 2011, 18.41 Uhr:

Mein Ägypten, dein Ägypten

von Jörn Schulz

Da haben wir’s: „Umsturz könnte Steuerzahler Millionen kosten.“ Erst zocken uns die Griechen ab, und nun rebellieren die Ägypter ohne Rücksicht auf unseren Aufschwung: „Die Produktion bei den deutschen Unternehmen in Ägypten steht laut DIHK derzeit ‚weitgehend still’. Aussenwirtschaftschef Volker Treier sagte dem Hörfunksender MDR Info, ‚die Räder stehen still’ und man warte, dass wieder ‚Stabilität eintritt’.“ Da Geschäfte mit Autokraten und Diktatoren subventioniert werden, „könnten auf die deutschen Steuerzahler womöglich dreistellige Millionenbeträge durch Exportausfälle zukommen“, außerdem könnten „grundsätzliche Deckungszusagen für noch im Verhandlungsstadium befindliche Geschäfte in Höhe von 61,4 Millionen Euro sowie staatliche Kapitalanlage-Garantien in Millionenhöhe“ fällig werden.

Sorgen macht sich auch Franz Josef Wagner in der Bild-Zeitung. „Es gibt nichts Aufregenderes, als einen Gin Tonic vor den Pyramiden von Gizeh zu trinken“, weiß er. „Ich saß da und bestellte mir einen zweiten Gin Tonic.“ Vielleicht bestellte er sich auch noch ein paar Gin Tonic mehr. Jedenfalls weiß er nun nichts mehr, oder er weiß doch was, wer weiß das schon, jetzt, wo alles durcheinander geht beim Ägypter. „Ich freue mich nicht. Ich weiß nicht, was danach kommt. Islamistischer Terror, Kopftuch; islamistischer Staat, Steinigung bei Ehebruch. Ich weiß nicht, was aus meinem Nil wird, meinen Pyramiden, den Dattelpalmen“, und natürlich den Gin Tonics. Da muss ich Sie nun aber enttäuschen, Herr Wagner. „Meine Nofretete“ heißt es nur, weil Ludwig Borchardt sie sich vor knapp 100 Jahren ergaunert hat. Aber Rommel kam nur bis El Alamein.

2. Februar 2011, 11.16 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 1. Februar

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

Nachmittags auf der Avenue Bourguiba die alltägliche Demo. In einem Café erzählt uns eine Frau von der Association des femmes tunisiennes pour la recherche et le développement (Assoziation der tunesischen Frauen für Forschung und Entwicklung), was sich gestern am und im Innenministerium ereignet habe. Tags zuvor wimmelte es dort von Polizeikräften, aber es war uns nicht möglich, etwas Präzises herauszubekommen. Als wir versuchten, durch eine Polizeiabsperrung am Hintereingang des Gebäudes zu kommen, wurden wir trotz unserer Presseausweise brüsk gestoppt. „Verboten“, das war die einzige Auskunft, die wir bekamen.

Die Situation war offenbar etwas heikel. Das Folgende war nach den Erzählungen der Frau geschehen: Der neue Innenminister Farhat Rajhi hatte zuvor in einem TV-Interview angekündigt, Schurkenelemente aus einem der unzähligen Sicherheits- oder Geheimdienstapparate Ben Alis verhaften zu lassen; am Nachmittag schauten dann Mitglieder des entsprechenden Dienstes im Innenministerium vorbei, um ihn zu verprügeln, er rief General Ammar an, der wiederum mit einigen seiner Männer ins Innenministerium eilte und den Innenminister aus der misslichen Lage befreite.

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31. Januar 2011, 22.17 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 31. Januar, Teil II

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

In der Zeitung Tunis Hebdo steht heute in dem, in normalen Zeiten für die Wettervorgersage vorgesehen, Kasten auf der ersten Seite:

“Revolutionen in Tunesien und Ägypten; Die Vorhersage: Tränengas und schöne Tage.”

31. Januar 2011, 15.51 Uhr:

Jasmin und Tränengas, 31. Januar

von Bernd Beier und Thomas von der Osten-Sacken

Statt eines Berichtes – Revolutionen machen auch müde – heute ein Zitat aus Attariq Aljadid, der Zeitung des linken Ettajdid Movement. (Ja man kann sogar wieder traditionslinke Blätter lesen, dieser Tage):

»Unsere Freunde aus Libyen, Jordanien, Syrien, Algerien, Mauretanien und nicht zuletzt Ägypten (…) schauen auf uns mit traumerfüllten Augen wie auf ein Bild von Delacroix. Die tunesische Marianne trägt die Fahne und führt das Volk an. Endlich ist die ›Büchse der Pandora‹ geöffnet worden. (…) Wenn Tunesien erwacht, bebt die arabische Welt.«

Eben Marianne, nicht irgendwelche Bärtigen in der Nachfolge des Propheten.

Und ist sonst noch etwas aufgefallen? Fehlen da nicht ein paar Freunde aus der arabischen Welt? Wer schaut nicht mit traumerfüllten Augen auf Tunesien? Würde man den Autor Ghazi Ben Jaballah fragen, wo sie denn geblieben sind, die Palästinenser, die bis gestern noch wichtigstes Sujet eines jeden Artikels der nun bebenden arabischen Welt waren, er würde wohl ein bisschen rot werden. Uuups, ganz vergessen, wie konnte ich nur …. Sorry.

Und das sagt eigentlich mehr über den Geist dieser Revolution aus als hundert Worte. Marianne ist übers Meer gekommen und hat sich an die Spitze des Protestes gestellt - wir erleben hier offenbar so etwas wie die Geburt einer neuen Ikonographie.

Auch in den arabischen Satellitenprogrammen, die in jedem Café laufen sind sie plätzlich verschwunden, die Bilder der »arabischen Revolte«, also jene vermummten Intifada Kids vor brennenden Reifen, die über Jahrzehnte das Bild und Selbstbild der arabischen Welt geprägt haben.

Natürlich sind sie noch alle für die Befreiung Palästinas, wenn man sie fragt. Nur wenn man sie nicht fragt, dann passiert es neuerdings eben schon mal, dass sie die Palästinenser einfach vergessen und stattdessen an Mauretanien denken.

Für Vorhersagen jedweder Art ist es viel zu früh. Aber, soviel sei erlaubt zu hoffen, das Beste für den so genannten Nahostkonflikt wäre doch, wenn das ganze Thema endlich aus dem Rampenlicht verschwände, in dem es seit Jahrzehnten steht, wenn sich Tunesier endlich um ihre Probleme kümmern würden, Ägypter, Syrer und Mauretanier um die ihren. Denn deren gibt es wahrhaft genug. Und Israelis und Palästinenser um ihre. Die sie dann, wenn nicht jeder meint sich einmischen zu müssen, vielleicht sogar eines Tages gemeinsam lösen könnten. Träumen darf man ja mal in solchen Tagen.

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