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Kürzliche Beiträge
8. Dezember 2010, 18.53 Uhr:

Schnee in der Wüste

von Jörn Schulz

Nun gibt es via Wikileaks auch die Bestätigung für „a world of sex, drugs and rock’n'roll behind the official pieties of Saudi Arabian royalty“, die rauschenden Partys der Prinzen, bei denen die berüchtigte Religionspolizei draußen bleiben muss. Es gibt Sadiqi ("mein Freund"), Selbstgebrannten, aber auch sonst fehlt es an nichts: “Cocaine and hashish use is common in these social circles.“ Es sei nicht allzu schwer, unter den 10000 Prinzen einen Party-Paten zu finden, der dafür sorgt, dass keine ungebeten Gäste mit dem Polizeiknüppel an die Tür hämmern. „One high-society Saudi said: ‘The increased conservatism of our society over these past years has only moved social interaction to the inside of people’s homes.’”

Das wirft auch ein interessantes Licht auf den Fall der saudischen Prinzessin, in deren Anwesen im Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine beachtliche 110 Kilogramm Kokain gefunden wurden. Die Schneeprinzessin aus der Wüste wurde umgehend von der französischen Polizei entlastet, die nicht so respektlos war, sie vernehmen zu wollen. Angeblich hat sie von dem Drogenlager nichts gewusst. In Neuilly-sur-Seine, dessen Bürgermeister bis 2002 Nicolas Sarkozy war, logiert jedoch die High Society, und die Saudis müssen sich langsam Gedanken machen über die Diversifizierung ihrer Wirtschaft. Da Air France von Bogota über Paris nach Riad fliegt, bietet sich die Stadt aber auch als Zwischenstopp für die Versorgung der Party-Prinzen an.

8. Dezember 2010, 17.49 Uhr:

Offene Rechnungen

von Jörn Schulz

Bis zum Jahr 2007 hat Siemens ausländischen Politikern, Offizieren und Geschäftsleuten mindestens 4283 kleine Gefälligkeiten erwiesen. Soviele illegale Zahlungen wurden dem Konzern seit 2001 nachgewiesen. Das könnte für einen Eintrag in Guinness-Buch der Rekorde reichen, Don Corleone jedenfalls hätte da wohl nicht mithalten können. Er wusste allerdings, wie man mit den Undankbaren verfährt, die eine Gefälligkeit nicht erwidern. Siemens hat da größere Probleme. „Der griechische Staat begleicht angesichts des anhaltenden Zwists über die Korruptionsaffäre einen Großteil seiner offenen Rechungen bei Siemens nicht“, meldet die Welt.

Ja, so ist er, der Pleite-Grieche. Erst nimmt er unser Geld, aber wenn die Gegenleistung fällig ist, verschanzt er sich hinter lächerlichen rechtsstaatlichen Bedenken und will die Angelegenheit von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss klären lassen! Kein Wunder, dass unsere Leistungsträger diesem Land den Rücken kehren: „Volker Jung, früherer Siemens-Vorstand, ist offenbar aus Griechenland geflohen“, meldete der Spiegel. Eiliger noch hatte es Michael Christoforakos, ehemals Chef von Siemens Hellas, „der sich vor eineinhalb Jahren nach Deutschland abgesetzt hatte - und bislang nicht ausgeliefert werden konnte.“ Da soll noch einer sagen, wir würden Verfolgten nicht großzügig Asyl gewähren.

Der Konzern hat aus diesen Vorfällen etwas gelernt. „Um sich ähnlichen Ärger künftig zu ersparen, startet Siemens eine weltweite Kampagne gegen Korruption.“ Nun ja, vielleicht nicht nur, um sich ähnlichen Ärger zu ersparen. Es gab ein Angebot, dass Siemens nicht ablehnen konnte: „Das war Bestandteil der Auflagen der Weltbank“, ohne die Ablasszahlung hätte Siemens nie wieder Aufträge erhalten, die von der Weltbank mitfinanziert werden. Natürlich geht es um die Korruption bei den anderen, bei Siemens gibt es ja keine mehr. Der Konzern zahlt 100 Millionen Dollar unter anderem „für die Schulung von Beamten und Managern“. Das ist so, als würde Ussama bin Laden Toleranzseminare veranstalten oder Guido Westerwelle Empathie lehren. Auch fragt man sich, was eigentlich passiert bei einer solchen Schulung. Müssen die Beamten und Manager 1000 Mal aufschreiben: „Ich darf mich nicht bestechen lassen“? Oder eher: „Ich darf nicht vergessen, auch den Mitgliedern des parlamentarischen Untersuchungsausschusses eine Gefälligkeit zu erweisen“?

8. Dezember 2010, 15.39 Uhr:

Desperate Jihadists

von Jörn Schulz

Bei Wikileaks liest man zwar meist nur, was man schon gewusst hat. Aber nun weiß man, dass die Amerikaner es auch wissen. Zum Beispiel, dass es zur Bekämpfung des Jihadismus keines „Dialogs der Kulturen“ bedarf und es keine gute Idee ist, den Arabern mit plumper prowestlicher Propaganda zu kommen. Die Islamisten haben längst begriffen, wie gefährlich die westliche Unterhaltungskultur für sie ist. Nun ist die Botschaft auch in der US-Botschaft angekommen: „Satellite broadcasts of the US TV shows Desperate Housewives and Late Show With David Letterman are doing more to persuade Saudi youth to reject violent jihad than hundreds of millions of dollars of US government propaganda, informants have told the American embassy in Jeddah.”

Man hätte natürlich auch mich fragen können: „Unter anderem in Saudi-Arabien, der in kultureller Hinsicht restriktivsten arabischen Diktatur, zeigt sich jedoch, dass westliche Rollenmodelle die rigiden Moralvorschriften herausfordern können. (…) Saudische Teens sind gut informiert, wenn es um die neuesten Kinofilme geht«, erklärte jüngst ein Videoverleiher aus Jeddah gegenüber Arab News, »alles mit Julia Roberts geht weg wie warme Semmeln.’“ Ich muss ehrlich einräumen, dass ich für schnelle Erfolge der Kampagne „Kondome für Kabul, Gitarren für Gaza, Bier für Bagdad“ (im Hinblick auf Letzeres sind übrigens Fortschritte zu verzeichnen) nicht garantieren kann, aber mehr Spaß hätten die Leute auf jeden Fall. So, und jetzt warte ich auf das Leak, das darüber informiert, welche Filme König Abdullah in seiner privaten DVD-Sammlung hat.

8. November 2010, 19.10 Uhr:

Wendländische Lindenstraße

von Ivo Bozic

“Auch in der Fernsehserie ‘Lindenstraße’ gibt es ein großes Thema, und das ist Anti-Atom. Wir hatten es mal ein Jahr lang nicht dringehabt, aber ansonsten ist es mal verstärkt und mal weniger stark drin, aber es gehört zu meinem Denken wie das Vaterunser.”
Hans W. Geißendörfer in der “Jungle World” 1997

3. November 2010, 18.22 Uhr:

Kein Asyl für Jesus

von Jörn Schulz

Zu den wenigen erfreulichen Aspekten der sogenannten Integrationsdebatte gehört, dass öfters über die Verfolgung und Diskriminierung von Christen gesprochen wird. Bedauerlicherweise aber bildet die ersehnte „Leitkultur“ den Rahmen. Es wäre eine echte Überraschung für die türkischen Parlamentarier gewesen, wenn Bundespräsident Christian Wulff sich nicht nur für die Christen in ihrem Land eingesetzt, sondern auch die Diskriminierung der Aleviten kritisiert hätte. So aber trat er als nationalreligiöser Lobbyist auf, als Pendant zu Tayipp Erdogan, der sich in Deutschland für „seine Muslime“ einsetzt. Mit einer solchen Haltung können muslimische Reaktionäre gut leben.

„Die Christenvertreibung im Irak geht uns an“, mahnte Malte Lehming im Tagesspiegel nach dem Massaker in einer Kirche in Bagdad. Einen Tag später wurden dutzende schiitische Muslime im Irak getötet. Geht „uns“ das nichts an? Die Täter sind die gleichen, in beiden Fällen geht es ihnen um die „Reinigung“ der Gesellschaft von allem „Unislamischen“, und dazu gehören aus der Sicht der Jihadisten wie auch vieler Regierung alle Muslime, die ihren Lehren nicht folgen wollen.

„Etwa 80 Prozent aller Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen“, behauptet Lehming. Ich weiß nicht, ob er diese Zahl auf Sarrazinsche Weise ermittelt hat. Tatsache ist jedenfalls, dass die meisten Opfer religiöser Unterdrückung und Diskriminierung in islamischen Ländern Muslime sind, unter anderem Schiiten in den Golfmonarchien, Angehörige nicht anerkannter Konfessionen wie die Ahmadiyyun in Pakistan und die Aleviten in der Türkei, Säkularisten und „schlechte Muslime“, die etwa während des Ramadan essen, fast überall im Nahen und Mittleren Osten.

Der nationalreligiöse Lobbyismus ist daher nicht nur eine Absage an die Universalität der Menschenrechte, sondern auch eine politische Dummheit, sofern das Ziel die Demokratisierung des Nahen und Mittleren Ostens sein soll. Es ist daher wohl kein Zufall, dass die Debatte über eine deutsche „Leitkultur“ und die prinzipiell anderen Kulturen mit der Hofierung der Taliban und dem erneuten Bestreben einhergeht, in prowestliche islamische Autokratien zu konservieren. Hauptsache, ein jeder bleibt, wo er ist.

Auch die US-Regierung zeigt kein besonderes Interesse an einer Demokratisierungspolitik, doch immerhin ist man dort aufgeklärter. Das Außenministerium gibt jährlich einen Bericht über die Religionsfreiheit heraus, verteidigt wird “the right to believe or not to believe”. Über Azerbeidschan etwa heißt es: „There were mosque closures as well as State and locally sponsored raids on evangelical Protestant religious groups.” Es geht also, man muss nur wollen. Im Übrigen ist es zwar legitim, sich als Christ vornehmlich für Christen einzusetzen. Ob es christlich ist, darf bezweifelt werden. Jesus jedenfalls preist den „ungläubigen“ Samariter (Lukas 10:33ff), der nicht nach der Religion des in Not Geratenen fragt:

„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber ungefähr, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goss darein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des anderen Tages reiste er und zog heraus zwei Groschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. Welcher dünkt dich, der unter diesen Dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihn tat. Da sprach Jesus zu ihm: So gehe hin und tue desgleichen!“

Aber in Deutschland klappt es ja nicht einmal mit der konfessionellen Solidarität. Während das laizistische Frankreich nun immerhin 150 irakische Christen aufnehmen will, hat die Bundesregierung offenbar nicht die Absicht, wenigstens auf dem Weg eines solchen Gnadenakts den Bedrohten zu helfen. Auch Jesus hätte hierzulande wohl keine Chance auf Asyl.

3. November 2010, 18.03 Uhr:

Deutschenfeindlichkeit für Fortgeschrittene

von Ivo Bozic

Es ist übrigens gar nicht sooo leicht, richtig Deutschenfeindlich zu sein, auch für gut integrierte Menschen. Damit hier nicht auf Pidgin-Kanakisch entgegen jeder christlich-jüdischen Rechtschreibung herumgepöbelt wird, noch mal zum Nachlesen ein kleiner Deutschkurs für Antideutsche und Ausländer aus dem Jahr 2008 (ja sooo lange dauert dieser ganze Nonsens schon…)

HIER: “Scheißdeutsche, heißt das…

29. Oktober 2010, 15.48 Uhr:

Gott steht im Abseits

von Jörn Schulz

“50 Millionen Menschen in Deutschland sind Mitglieder einer Kirche. Fünf Millionen gehen regelmäßig am Sonntag in einen Gottesdienst, nur 700.000 besuchen am Wochenende ein Fußballstadion. Über Fußball aber wird ständig berichtet", nörgelt Margot Käßmann. Eine seltsame Logik. Ich kenne zwar keine diesbezüglichen Statistiken, möchte aber wetten, dass mehr als fünf Millionen Menschen am Wochenende in die Kneipe gehen, ohne zu jammern, dass darüber so wenig berichtet wird. Käßmann meint, „religiöse Themen“ seien in den Medien unterrepräsentiert: „Es ist eine Verachtung der Realität, dass in den Medien solche Themen so wenig vorkommen. Ich finde diesen Traditionsverlust wirklich traurig“.

Was aber sind eigentlich „religiöse Themen“? Bei einem Fußballspiel ist die Sachlage recht klar. Es gibt Spieler, Zuschauer, einen Ball, den Schiedsrichter und am Ende ein Ergebnis. Wenn Gott in ähnlicher Weise Fakten schaffen würde, hätte er auch eine bessere Presse. Aber er gibt keine Interviews und hat nicht einmal eine Facebook-Seite. Daher halten sich sogar Zweifel an seiner Existenz, schließlich beruhen die Aussagen über sein Wirken auf den vagen Angaben voreingenommener Personen, mit denen sich ein seriöser Journalist nicht zufriedengeben kann. Früher gab es wenigstens öfters mal die Einladung zu einer Reportage. Seit Jahrzehnten aber macht sich auch die etwas weniger öffentlichkeitsscheue Jungfrau Maria rar. Wenn der DFB immer nur behaupten würde, es gäbe Bundesliga-Spiele, ohne dass jemals jemand eines sehen kann, wäre die Fußball-Berichterstattung schnell am Ende.

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