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Kürzliche Beiträge
9. Oktober 2010, 22.12 Uhr:

Ni Dieu ni maître

von Stefan Ripplinger

Unter den vielen schönen Einspielungen des Anarchistenklassikers von Léo Ferré gefällt mir diese am besten. Er wird begleitet von seinem blinden Pianisten Paul Castanier:

Weiterlesen.

7. Oktober 2010, 17.55 Uhr:

Endlich sagt es mal einer

von Jörn Schulz

Thilo Sarrazin fasst Sinn und Zweck der Integrationsdebatte treffend in einem Satz zusammen: „Man muss zeigen, wer in Deutschland Herr im Hause ist.“

6. Oktober 2010, 18.34 Uhr:

Inbrünstig singen

von Jörn Schulz

OK, zugegeben, auch anderswo gibt es durchgeknallte Patrioten. Im philippinischen Parlament wurden exakte Vorschriften über das Singen der Nationalhymne beschlossen. Die Hymne darf nicht zu schnell und nicht zu langsam gesungen werden. Vorgeschrieben ist das Marschtempo (100 bis 120 beats per minute). Nun könnte man meinen, was soll’s, dann singt man die Hymne eben gar nicht. Doch wenn sie im Kino oder bei öffentlichen Versammlungen ertönt, müssen alle Bürger aufstehen und inbrünstig singen. Ja, inbrünstig, das soll auch Vorschrift werden. Bei Vertößen können Geldbußen in Höhe von umgerechnet 1700 Euro verhängt werden, bei besonders falschen Tönen drohen zwei Jahre Haft. Allerdings muss das Gesetz noch den Senat passieren.

6. Oktober 2010, 15.04 Uhr:

Neugierig auf Achse

von Jörn Schulz

Die Autoren der Achse des Guten bringen das Magazin Neugierde heraus, und Henryk M. Broder präsentiert schon mal einen Auszug: „Zehntausend Sozialhilfe-Empfänger, die sich natürlich freiwillig gemeldet haben, weil sie der sozialen Kälte der Bundesrepublik entfliehen möchten, werden nach Indien geflogen und bekommen eine Hütte in einem der Slums in Pune (…) Ich wette, dass innerhalb von höchstens zwei Wochen das Jammern und Klagen über die soziale Kälte in der Bundesrepublik verstummen würde (…) Als flankierende Maßnahme dazu müsste man hundertausend indische Slumbewohner in die Bundesrepublik holen, jedem tausend Euro Startkapital geben und sie in unseren „sozialen Brennpunkten“ ansiedeln. Mit dieser Anschubfinanzierung von nur hundert Millionen Euro würde man es den Indern ermöglichen, kleine Geschäfte und Werkstätten aufzumachen“.

Also, ich hätte da auch einen Vorschlag, nämlich einen Austausch zwischen der Achse des Guten und der Achse des Bösen: Tabubrecher, die sich natürlich freiwillig gemeldet haben, weil sie dem Terror der politischen Korrektheit und den Ketzerverbrennungen in der Bundesrepublik entfliehen möchten, werden nach Nordkorea geflogen. Dort müsste es ihnen eigentlich gefallen: keine Moschee weit und breit, weder Windräder noch sonstiges Öko-Gedöns, kein Hartz-IV-Schlendrian, stattdessen ein aufrechter Staatschef, der noch weiß, was eine Leitkultur ist und wie man sie durchsetzt. Trotzdem, ich wette, dass innerhalb von höchstens zwei Wochen das Jammern und Klagen über den Gesinnungsterror in der Bundesrepublik verstummen würde. Als flankierende Maßnahme dazu müsste man Nordkoreaner in die Bundesrepublik holen, jedem einem Computer sowie Startkapital geben und ihm erklären, wie ein Blog funktioniert. Mit dieser Anschubfinanzierung würde man es den Nordkoreanern ermöglichen, zu erklären, was man unter Unterdückung der Meinungsfreiheit tatsächlich zu verstehen hat.

5. Oktober 2010, 18.03 Uhr:

Bann und Acht

von Jörn Schulz

„Unsere jüdisch-christliche Kultur“ - das kommt Norbert Geis und anderen jetzt ziemlich leicht über die Lippen. Es scheint doch geklappt zu haben mit dem Schlussstrich. „Wir haben - das sagt ja auch der Bundespräsident - eine vom Judentum, vom Christentum, eine jüdisch-christlich geprägte 2000-jährige Geschichte“, glaubt der CSU-Bundestagsabgeordete.

Wie es fast immer der Fall ist, wenn jemand vom „christlichen Abendland“ schwatzt, beweist auch Geis umgehend, dass er nicht weiß, wovon er redet. Die ersten Bischöfe in dem heute Deutschland genannten Gebiet amtierten im 3. Jahrhundert. Von einem christlichen Mittel- und Westeuropa kann man jedoch erst seit der karolingischen Zeit sprechen. Damals, im späten 8. Jahrhundert, führte eine integrationsunwillige christliche Minderheit Krieg gegen die Andersgläubigen. Dennoch hatte sich die christliche Herrschaft erst im 13. Jahrhundert so weit gefestigt, dass die Kirche zur systematischen Ketzerverfolgung übergehen konnte.

Auch bezüglich des Begriffs „Deutschland“ gibt es offenbar einige Unklarheiten. Ein deutscher Staat existiert seit 1871. Die Rückprojektionen sind, sofern sie nicht einer pragmatischen Einteilung der Geschichtsschreibung nach geografischen oder sprachlichen Kriterien dienen, Nationalmythologie. In dieser Hinsicht hat man sich unter Patrioten nun offenbar auf 2000 Jahre verständigt, klingt irgendwie unschuldiger als 1000 Jahre mit dem einen oder anderen Reich in Verbindung zu bringen.

Gerne wird auch behauptet, erst jetzt beginne die Integrationsdebatte. In Wahrheit begann sie unmittelbar nach der Reichsgründung. Den Geistlichen einer integrationsunwilligen Minderheit wurde vorgeworfen, den „öffentlichen Frieden“ zu gefährden. Etwa 1800 Geistliche wurden inhaftiert oder verbannt. Dieser „Kulturkampf“ richtete sich gegen die Katholiken. Es lohnt sich, einen Blick auf Bismarcks im Jahr 1886 gehaltene Rede zur „Polenfrage” zu werfen. In ihr finden sich bereits alle Leitmotive des gegenwärtigen Diskurses, nur von Genen ist noch nicht die Rede.

Falsch ist Bismarck zufolge „der Glaube, sich mit den Polen einleben zu können, und die Abneigung, die Schwierigkeiten davon zu untersuchen“. Königliche Versprechen seien „durch das Verhalten der Bewohner dieser Provinz vollständig hinfällig und null und nichtig geworden“. Der naive Monarch „glaubte — ein altes Sprichtwort sagt: ‚Zutrauen bewirkt Edelmut’ —, man habe die Polen nur unschuldig gekränkt, sie würden treue Untertanen ihres wohlwollenden Königs sein, wenn man ihnen mit Vertrauen entgegenkäme“.

„Wir sehen als Frucht davon nur eine Verschärfung der nationalen Gegensätze, das heißt eine einseitige Verschärfung auf der polnischen Seite. Der Entwicklung derselben kam die Eigentümlichkeit des deutschen Charakters in manchen Hinsichten entgegen, einmal die deutsche Gutmütigkeit und Bewunderung alles Ausländischen, eine Art von Neid, mit dem unsere Landsleute denjenigen betrachten, der im Auslande gelebt und gewisse ausländische Allüren angenommen hat, und dann auch die deutsche Tradition, die eigene Regierung zu bekämpfen, wofür man in den Polen immer bereite Bundesgenossen zu finden sicher war, endlich die eigentümliche Befähigung des Deutschen, die sich bei keiner anderen Nation wiederfindet, aus der eigenen Haut nicht nur heraus-, sondern in die eines Ausländers hineinzufahren und vollständig Pole, Franzose oder Amerikaner, kurz und gut etwas der Art zu werden.“

„Die Zeit der Ruhe ist auf polnischer Seite keine Zeit der Versöhnung und des Einlebens gewesen, und das Eigentümliche ist, daß in diesem Kampf nicht etwa, wie man im Auslande vielfach glaubt und wie unsere Optimisten meinen, die deutsche Bevölkerung die Siegerin ist und der Germanismus fortschreitet, sondern umgekehrt; die polnische Bevölkerung macht ganz zweifellose Fortschritte (…) Wenn man über die Gründe dafür nachdenkt, so fällt mir vorzugsweise die damalige katholische Abteilung ein, die (…) rein den Charakter eines polonisierenden Organes innerhalb der preußischen Verwaltung hatte.“

„Eine zweite Erklärung für den Fortschritt der Polen liegt in der Leichtigkeit, die sie für die Agitation durch die Einführung der Reichsverfassung und der Reichsgesetze über Presse und Vereine gewonnen haben. Die polnischen Herren sind nicht schüchtern gewesen in der Ausbeutung aller der Gesetze, die im Deutschen Reiche und in Preußen gegeben waren. Sie erkennen sie ihrerseits nicht an (…) Wer nicht mitarbeiten will an dem Staat zu seinem Schutz, der gehört nicht zum Staat, der hat keine Rechte an den Staat; er soll weichen aus dem Staat. So barbarisch sind wir nicht mehr, daß wir die Leute austreiben, aber es wäre eigentlich die gerechte Antwort (…) Das nannte man im alten Deutschen Reich: Bann und Acht; es ist ein hartes Verfahren, zu dem wir heute zu weichmütig sind. Aber es ist kein Grund, denjenigen Rechte am Staat einzuräumen, die ihrerseits alle Pflichten negieren.“

4. Oktober 2010, 17.37 Uhr:

Gott schütze den Bauernkalender

von Jörn Schulz

Da ist man mal eine Woche weg, und schon drehen alle durch. Andererseits war angesichts der Einheitsfeiern auch nichts anderes zu erwarten. Den „ersten Bauernkalender nur mit Girls aus Deutschland“ stellt die Bild-Zeitung vor. Jetzt wichst zusammen, was zusammengehört. Der Bundespräsident beendet seine Rede mit den Worten: „Gott schütze Deutschland.“ Jetzt betet zusammen, was zusammengehört. Will Wulff die Christen oder die Muslime integrieren? Oder beide? Und wenn Er nun Frankreich lieber mag? Bei der Schöpfung hat Er nicht immer guten Geschmack bewiesen, aber dass Er ausgerechnet Deutschland besonders schätzt und schützt, glaube ich dann doch nicht. Und warum verzichtet er (der Bundespräsident) darauf, seine Reden von jemandem lektorieren zu lassen, der erkennt, dass irgendetwas nicht stimmt, wenn „multikulturelle Illusionen die Herausforderungen und Probleme regelmäßig unterschätzt haben“. Dafür kann man die Muslime nun wirklich nicht verantwortlich machen.

Anderswo geben sich die Leute wenigstens mit schlichtem Patriotismus zufrieden. Nur „Deutschland braucht einen neuen Patriotismus“, meint Johannes Singhammer, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Die Deutschen sollen den Bauernkalender zur Seite legen. „Immer neue Zuwandererprogramme ändern nichts daran, dass die Deutschen aussterben. Deshalb brauchen wir ein Regierungsprogramm für eine demographische Offensive mit einer nachhaltigen Balance zwischen den Generationen.“ Mein Vorschlag für Merkels nächste Regierungerklärung: „Ficken, ficken, ficken, und immer an Deutschland denken.“

Ach, hätten doch nur die Fluglotsen gestreikt, dann läge ich immer noch am Pool in Portugal.

3. Oktober 2010, 08.18 Uhr:

Steiner im Ausland

von Stefan Ripplinger

Franz Baermann Steiner (1909–1952) gehört zu den abgründigsten Schriftstellern des letzten Jahrhunderts. Zwar wie viele andere der jüdischen Renaissance der zwanziger Jahre und dem Kulturzionismus nahe, entwickelte er aus seinen religionsphilosophisch-soziologischen Vorstellungen eine beispiellos radikale Kritik der europäischen Zivilisation. Es ist selbstverständlich eine Kritik, die nur ein Europäer, ein Polyhistor, hat leisten können.

Was für ein erratischer Block sein Werk ist, zeigt sich allein daran schon, dass es, trotz prominenter Fürsprecher wie Adorno und Celan, erst ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Autors veröffentlicht werden konnte. Neben seinen ethnologischen Arbeiten ragt die Notizensammlung „Feststellungen und Versuche“ heraus, sehr hoch übrigens, von Besteigungen ist noch nichts bekannt.

Damit verglichen wirken Steiners Gedichte fast traditionell, jedoch sind sie alles andere als harmlos. Wer nur ein wenig gräbt, wird auf Erstaunliches stoßen. Es ist eine klangvolle Gedankenlyrik – und dieser Mann hat einfach anders gedacht.

Ein eintägiges Symposion widmet sich nun unter dem Titel „Verzögerung“ ausschließlich der Dichtung von Franz Baermann Steiner, der sich immer zuerst als Dichter gesehen hat. Sprechen wird neben anderen Ulrich van Loyen, der demnächst bei Aisthesis unter dem Titel „F.B.S. Exil und Verwandlung“ eine umfangreiche Biographie Steiners vorlegen wird.

Das Symposion findet am kommenden Sonntag, den 10. Oktober, im ausland, Berlin, Lychenerstraße 60, S + U Schönhauser Allee, statt und beginnt um 15 Uhr (Türöffnung 14:30 Uhr). Der Eintritt ist frei.

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