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Kürzliche Beiträge
18. Juni 2010, 14.11 Uhr:

Sammeln Sie auch die Herzen?

von Stefan Ripplinger

Stets großes Mitleid, wenn ich einen Jogger, eine Joggerin vorüberkeuchen sehe. „Armes Ding, es glaubt, es könnte sich noch retten“, denke ich. Da ich keine Jogger im Bekanntenkreis habe, stelle ich mir vor, dass solche Leute ihr Leben lang damit beschäftigt sind, sich vor dem Tod zu schützen. Keine krebserregenden Stoffe, keinen Tabak, nur geprüft Bio, viel Salat und einmal am Tag verbissenes Joggen. Statt Büchern lesen sie Packungsaufschriften. Das wird ihr Leben zweifellos erheblich verlängern, aber am Ende werden sie doch tief enttäuscht sein. „Was, ich soll sterben? Ich habe doch nicht einmal geraucht!“ Dieselben finden es ja meist ganz in Ordnung, wenn andere, die nicht so gesund leben, sterben müssen. Das Joggen ist eine Art faustischer Pakt, nur dass sich die Jogger den Mephisto wie einen Kleinkrämer oder Ablasshändler vorstellen. „Zehn Kilometer Joggen, das macht je einen halben Tag Lebenszeit plus.“ Tipp, tipp, tipp, klingeling; die alte Registrierkasse in der noch nicht renovierten Hölle rappelt. Rabattmarkenausgabe: „Sammeln Sie auch die Herzen?“

17. Juni 2010, 15.19 Uhr:

Manche mögen's heiß

von Jörn Schulz

Die Kunst der stilvollen Beleidigung wird hierzulande kaum noch gepflegt. Zum Glück gibt es die bayerische Bischofskonferenz. Deren Sprecher Bernhard Kellner wünschte Walter Mixa „weiter gute Genesung“ und sagte, des ehemaligen Bischofs „Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik war ein wichtiger erster Schritt“.

Mixa sieht das allerdings anders, er möchte wieder Bischof werden und attackiert in der Welt seine Kollegen. Denen habe es nicht gepasst, „dass ich kirchenpolitisch versucht habe, in einer kultiviert-konservativen Weise die Diözese zu leiten“. Bei dieser Gelegenheit offenbart Mixa auch, dass es um seine theologischen Kenntnisse nicht gut bestellt ist. „Der Druck, unter dem ich die vorgefertigte Resignation unterschrieben habe, war wie ein Fegefeuer.“ Man sollte meinen, als guter Christ sei Mixa dankbar für diese Prüfung. Schließlich dient das Fegefeuer der Läuterung und der Reinigung von den Sünden. Eine solche Prüfung schon auf Erden zu absolvieren, verkürzt die Garzeit im Jenseits, insbesondere, wenn man unschuldig leidet.

Im Laufe des Interviews kommt Mixa noch einmal auf das Feuer zu sprechen: „Es war für mich wie ein Feuerofen.“ Möglicherweise bezieht Mixa sich hier auf die im Buch Daniel geschilderte Intrige am Hof Nebukadnezars. Die Juden Sadrach, Mesach und Abed-Nego wurden verpetzt, weil sie sich nicht vor dem goldenen Abbild des Königs niederwerfen wollten. Nebukadnezar ließ sie in einen glühenden Ofen werfen und grantelte: „Lasst sehen, wer der Gott sei, der euch aus meiner Hand erretten werde!“ Alle drei kamen unbeschadet wieder heraus, und der gebührend beeindruckte Nebukadnezar „gab Sadrach, Mesach und Abed-Nego große Gewalt in der Landschaft Babel.“ Offenbar steht Mixa in geringere Gunst, ansonsten müsste er nach seiner schauerlichen Prüfung jetzt mindestens Kardinal sein.

Vielleicht hatte Mixa aber auch das Evangelium des Matthäus im Sinn: „Des Menschen Sohn wird seine Engel senden; und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und die da unrecht tun, und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappen.“ Engel wurden in der Umgebung Mixas allerdings nicht gesichtet.

Wie auch immer man das Gleichnis vom Feuerofen interpretiert, entweder sollte Mixa erkennen, dass Gott ihm nicht wohlgesonnen ist und fortan in christlicher Demut schweigen, oder er hat in seinem Unterbewusstsein, vielleicht auch mit Hilfe seines Psychiaters, doch erkannt, dass er zu jenen gehört, die da unrecht tun auf Erden und Gott ein Gräuel sind. Dann gilt für ihn die Mahnung des Petrus: “Tue Buße für diese deine Bosheit und bitte Gott, ob dir vergeben werden möchte die Tücke deines Herzens.”

11. Juni 2010, 14.04 Uhr:

Mehret sie!

von Jörn Schulz

Er ist wieder da. „Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer“, verkündete Thilo Sarrazin. Nun ist Demenz bei 65jährigen recht selten, aber Sarrazin hat es natürlich auch anders gemeint. Er beklagt die „unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz“ und glaubt, dass Intelligenz zu fast 80 Prozent vererbt wird. Nun ist ja auch die Bundesregierung zu der Ansicht gekommen, dass die Fortplanzung von armen Schluckern nicht finanziell gefördert werden sollte. Aber wird das genügen, um den Standort Deutschland zu retten? Nein, gefragt sind unkonventionelle Maßnahmen, etwas so Wichtiges wie die Fortplanzung darf nicht dem Zufall überlassen werden. Im Interesse des Gemeinwohls muss Sarrazin geklont werden. Weil die Klone eine Gefährtin brauchen, wird auch Eva Herrmann geklont. Der Klonbedarf wird zunächst im Dialog mit den Unternehmerverbänden festgelegt, später können sich jeweils ein ehrgeiziger Leistungsträger und eine zufriedene Mutter paaren. Weil wir eine Kulturnation sind, klonen wir aber auch eine ausreichende Anzahl von Stefan Raabs und Lena Meyer-Landruts. Da wird er Augen machen, der Chinese, wenn ein verjüngtes und leistungsfähiges Deutschland ihm zeigt, wo der Hammer hängt, und den Eurovision Song Contest gewinnen wir dann auch jedes Jahr.

5. Juni 2010, 10.55 Uhr:

Rough

von Stefan Ripplinger

„We’re rough, we’re tough, we’ve had enough“, brüllt Kim Fowley auf „Outrageous“ (1968), vermutlich doch der besten Rockplatte ever (jedenfalls kann ich mich an keine bessere erinnern). Julian Cope merkt zu ihr an, dass einige Oberschlaue Fowley dahinter gekommen seien, nie etwas so gemeint zu haben, wie er es gesagt hat, und kommentiert klug:

So they dismiss him because they’ve fallen for the idea that you gotta mean what you say in the first place in order for it to have value. Baloney!

In ihrer Jugend stellen sich manche Kreuzberger vor, ein Künstler müsste sich erst ein Ohr abschneiden, um einer zu sein. Aber Künstler weisen sich nicht mit ihren Biographien, sondern mit ihrer Kunst aus. Und wer sich roh nennt, ist oft ziemlich ausgekocht.

Ein paar Jahre nach Fowleys Ausbruch gab es den Rough Trade, seit allerneuestem gibt es nun auch die Rough Books und den angeschlossenen Rough Blog, deren beider Roughness ganz neue Reime findet:

Die Ihr einem neuen Grade
der Erkenntnis nun Euch naht,
wandert fest auf Eurem Pfade,
wißt, es ist des Roughen Pfad.
Nur der unverdroß‘ne Mann
mag sich unsern Roughbooks nah’n!

Nehmt, o Leser, zum Geleite
Der Verleger Segen mit!
Vorsicht sei Euch stets zur Seite;
Wißgier leite Euren Schritt!
Prüft und werdet nie dem Wahn
träger Blindheit untertan!

Rough ist zwar des Lebens Reise,
aber süß ist auch der Preis,
der des Lesers harrt, der weise
seine Fahrt zu nützen weiß.
Glücklich, wer einst sagen kann:
Es war rough auf meiner Bahn!

Nach Joseph Franz von Ratschky
Musik: Wolfgang Amadeus Mozart

30. Mai 2010, 11.13 Uhr:

Hopper und Gegen-Hopper

von Stefan Ripplinger

Mit Dennis Hopper ist ein großartiger Fotograf gestorben. Schade, dass er in so entsetzlich aufgedunsenen Werken mitgespielt hat. Immerhin gab er in ihnen stets so etwas wie das wahnsinnige Moment.

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17. Mai 2010, 11.36 Uhr:

Taz konkret

von Stefan Ripplinger

Heute lesen wir in der Taz ein Interview mit Klaus Hübotter, der behauptet, die Titelrechte an der Zeitschrift konkret deren Verlag bloß “geliehen” zu haben:

“Taz": Der von Ihnen inthronisierte Verleger Gremliza ist für die zustimmende Haltung von “konkret” zur US-Invasion in den Irak verantwortlich.
Hübotter: Leider. Diese windige Haltung hat mich dazu veranlasst, mir die kostenlose Zusendung des Blattes zu verbitten. Wer “konkret” heute finanziert - von den Abonnenten und Anzeigen kann es nicht existieren -, weiß ich nicht konkret. Aber man braucht nur zu fragen: “cui bono?”

Wie passend, er weiß es nicht konkret, aber kann sich doch abstrakt so manches zusammenreimen. Und da ist er im Fachblatt für Verschwörungen genau an der richtigen Stelle. „Cui bono“ ist Zeit-Leser-Deutsch für „Wem nützt es“. Ja, wem hat die Haltung von konkret zum Irakkrieg genützt? Wer finanziert also das Blatt? Die Schiiten? Die Kurden? Die Israelis? Bush persönlich?

Früher hat die Taz ihre Verschwörungen wenigstens noch bunt ausgemalt, heute überlässt sie das ihren ressentimentgeladenen Lesern. Diese Zeitung ist der linke Muff ohne Linke, das reine Milieu.

16. Mai 2010, 11.11 Uhr:

Königsbild

von Stefan Ripplinger

Dass Millionäre sich Marxisten nennen, scheint eine italienische Vorliebe zu sein. In den meisten Fällen ist das bloß Chichi. Mit was will einer smarte Damen beim Dinner unterhalten: mit Börsenkursen? Ein beiläufig eingestreutes Marxzitat wirkt da anregender, gerade die offensichtliche Lüge reizt auf.

Im langweiligen Deutschland trennt man die Karrieren säuberlich. Mit 20 lassen sich manche in linker Dramatik kaum überbieten, berufen sich auch gern auf revolutionäre Massenmörder, um mit 30 Unternehmensberater oder hoffentlich selbst Unternehmer zu werden. „Sie haben sich ihre Hörner abgestoßen“, heißt es über solche.

Eine Ausnahme fällt auf: Hannsheinz Porst (1922–2010). Er war tatsächlich Millionär und Marxist – in raschem Wechsel, wie ein Schauspieler in einer Doppelrolle, der permanent von einem Kostüm ins andere schlüpft.

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