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Kürzliche Beiträge
25. April 2010, 10.17 Uhr:

Der Grieche in mir erwacht

von Stefan Ripplinger

Der deutsche Nationalismus zeigt sich etwa alle zehn Jahre. In der Zwischenzeit kann er einem wie ein Gespenst der Antideutschen vorkommen, eine lästige Begleiterscheinung wie in andern sich modernisierenden Ländern auch, ein wenig Gegröl aus der Fankurve, Rassismus comme partout. Doch dann kehrt er zurück und man fragt sich, in welcher Höhle er überwintert hat. Aber er ist ganz der Alte, und sein sicheres Erkennungsmerkmal ist: Alle sind einer Meinung.

Dreimal habe ich das erlebt, 1977, als sich plötzlich die Westdeutschen zu einer Hetzmeute gegen ein Fähnlein Terroristen zusammenschlossen, 1989 selbstverständlich, und dann wieder 2002, als alle Saddam Hussein den Hals retten wollten. Jedes Mal schienen die Unterschiede zwischen Links und Rechts wie weggeblasen. Es ging nur noch um Details.

Jetzt ist das wieder so. Deutschland tritt kollektiv aus der EU aus. Einig schallt der schwäbische Ruf: „Mir gäbet nix!“ Und natürlich sollen die Griechen selbst schuld sein. Als ob nicht im letzten Jahr die ganze Welt von einer Finanzkrise erfasst worden wäre, der auch die deutsche Regierung nur mit einer gigantischen Verschuldung parieren konnte, wird der konkrete Fall mit „Betrügereien Griechenlands“ (Jürgen Trittin) erklärt.

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22. April 2010, 18.47 Uhr:

Noch mehr Watschn

von Jörn Schulz

Jürgen Elsässer gehört, wie Bettina Röhl und einige andere, eigentlich zu jenen, die ich für nicht satisfaktionsfähig erklärt habe. Nun muss ich aber doch eine Ausnahme machen. Dass Elsässer Bischof Mixa verteidigt, verwundert nicht mehr. Dass er reaktionäre homophobe Ressentiments propagiert („Sexueller Missbrauch scheint seinen Fokus nicht bei den Kirchen zu haben, sondern bei den Homosexuellen“), erstaunt auch nicht. Es mag sein, dass ich bei der Feststellung, dass „Watschn“ seit Anfang der siebziger Jahre nicht mehr „normal“ waren, die zivilisatorische Kluft zwischen Nord- und Süddeutschland unterschätzt habe. „Ein paar Watschn waren vor 20, 30 Jahren in der Erziehung normal“, meint jedenfalls auch Elsässer. Und fügt hinzu: „Ich hab auch vom Lehrer welche bekommen, und es hat mir nicht geschadet.“

“Es hat mir nicht geschadet” - diese Behauptung hört man immer wieder, seit Friedrich Nietzsche, der übrigens ein Domgymnasium und ein Internat besuchte, behauptete: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Bewiesen wurde sie noch von keinem, der sie aufstellte. Die Unfähigkeit zur Selbstreflexion ist jedenfalls kein Beweis.

19. April 2010, 17.23 Uhr:

Friendly Fire

von Jörn Schulz

Die „Fähigkeiten einer Einheit gegenüber einer feindseligen Demonstration“ zu testen, war das Ziel einer Übung der Gendarmerie in Orange. Die Rolle der Demonstranten spielten andere Gendarmen. Schließlich durften die Gendarmen auch Granaten einsetzen, völlig ungefährliche natürlich, die „nicht dafür bestimmt sind, zu verletzen“. Sie werden aber vorsichtshalber nur in Betonkästen geworfen, bei den Übungen jedenfalls. Ein übereifriger Gendarm warf seine Granate jedoch „aus Versehen oder aus Unachtsamkeit“ auf die Kollegen, ein Gendarm wurde durch die Splitter verletzt, 15 weitere erlitten „ernsthafte Gehörtraumata“.

17. April 2010, 15.21 Uhr:

Phantastisch prekär

von Stefan Ripplinger

Über prekäre Arbeit wird unter Linken viel diskutiert, aber es fehlt doch die böse Phantasie, die ganze Bizarrerie dieses Phänomens auszumalen. Dafür sorgen ausgerechnet Hollywood-Filme; „The Devil Wears Prada“ (David Frankel, 2006) und neuerdings „Greenberg“ (Noah Baumbach, 2010).

„Devil“ zeigt eine junge Frau, Andy (Anne Hathaway), die die persönliche Assistentin der Chefredakteurin einer Modezeitschrift wird, man könnte auch sagen, ihre Sklavin. Sie muss die abenteuerlichen Launen der Chefin ertragen, zu jeder Tages- und Nachtzeit verfügbar sein, ihre Freunde, ihre Familie aufgeben, sich ganz und gar ausliefern – mit ungewissem Ende. Denn nie endet die Bewährungszeit. Die junge Frau besinnt sich eines Besseren und schickt ihre Artikel an eine Tageszeitung ein. Ab dieser Szene wird der Film läppisch.

Denn jede noch so absurde Übertreibung in der Darstellung dieser Sklavenexistenz hat, wie jeder weiß, der prekär beschäftigt ist oder prekär Beschäftigte kennt, ihre Berechtigung. Aber dass der Redakteur einer linksliberalen Tageszeitung eine Unbekannte, die ihm Ausschnitte aus dem Studentenblatt zuschickt, mit den Worten „This janitors’ union thing, that’s exactly what we do here“ empfängt, ist selbst als Märchen ein bisschen zu doof. Die Aufgabe, das Elend und die Verkommenheit der Traditionspresse auszumalen, übernimmt dann vielleicht ein anderer Hollywood-Film.

„Greenberg“ schildert das Leben eines Musikers (Ben Stiller), der aus Redlichkeit oder Ängstlichkeit, wer kann das hinterher sagen, eine Karriere ausgeschlagen hat und sich jetzt mit Tischlerarbeiten über Wasser hält. Vielleicht war er mal ein Rebell, jetzt ist er ein Querulant. Er wird alt, das ist vielleicht auch ein Problem, aber kein so interessantes. Interessant ist aber Florence (Greta Gerwig), die Haushaltshilfe seines erfolgreichen Bruders.

Florence wirkt wie Andys Schwester, besorgt die Einkäufe, versorgt den Hund, die Kinder und wer weiß, was und wen noch alles. Und als es dem eiligen Hausherrn einfällt, dass er vergessen hat, ihr den Monatsscheck auszustellen, will sie lieber bis nach dem Urlaub warten und muss sich kurz danach von ihrer besten Freundin 50 Dollar leihen.

Nun betritt also der Tunichtgut Greenberg die Szene und praktisch in der nächsten reißt er Florence die Wäsche vom Leib. Auch das lässt sie sich gefallen. Sie gehört dieser Familie mit Haut und Haar; wenn der Bruder des Hausherrn mit ihr schlafen will, lässt sie es über sich ergehen.

Zwar verliebt sie sich dann in ihn, aber vielleicht nur, um aus einer unbezahlten Prostitution einen Akt der Zuneigung zu machen. Es sieht dann wenigstens nicht mehr so hässlich aus.

Eine Zeitlang hielt ich prekäre Arbeit für eine Neuauflage des Feudalismus. Aber das ist historisch nicht korrekt. Selbst der Feudalherr musste sich an gewisse Regeln halten (das erhellt aus der Geschichte von Gilles de Rais), wenn auch nur an wenige. Die prekäre Arbeit ist aber in jedem Sinn etwas Regelloses, sie unterwirft der Willkür. Im Grunde ist es keine Arbeit, sondern eine Aufopferung. Sie wird in extremen, aber gar nicht mehr so seltenen Fällen (Praktika) nicht vom Auftraggeber, sondern vom Auftragnehmer bezahlt und bringt für diesen nur den Vorteil, beschäftigt zu sein und behaupten zu können, er sei beschäftigt.

16. April 2010, 15.31 Uhr:

Ein reines Herz

von Jörn Schulz

Wenn es einen Gott gäbe und dieser tatsächlich der katholischen Lehre folgen würde, hätte er große Probleme, Bischof Walter Mixa den passenden Höllenkreis zuzuweisen. In die engere Auswahl kämen nämlich mehrere Todsünden. Zunächst natürlich der Hochmut. „Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig“, sagte Mixa zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Geistliche. Jesus sagte: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“

Mit der gleichen Überheblichkeit reagierte Mixa auf den Vorwurf, er habe Kinder geprügelt. „Ich habe ein reines Herz“, behauptete er, was angesichts der Sündhaftigkeit eines jeden Menschen ohnehin hochmütig ist. Nun beichtete er der Bams, dass er „die eine oder andere Watschen von vor zwanzig oder dreißig Jahren natürlich nicht ausschließen kann“. Damit wären wir beim Zorn, wenn wir so wohlwollend sind, zu unterstellen, Mixa habe keine sadistischen Motive (Wollust) gehabt. Mixa behauptet auch: „Das war damals vollkommen normal und alle Lehrer und Schüler dieser Generation wissen das auch.“ In den zivilisierteren Gebieten der BRD gab es seit Anfang der siebziger Jahre keine Prügelstrafen mehr, „normal“ war so etwas allenfalls in der archaischen Welt katholischer Einrichtungen.

Aber das nur nebenbei, entscheidend ist hier, dass Mixa einmal mehr die Trägheit seines Herzens offenbart. Normal war es ja auch, dass im Römischen Reich Unruhestifter gekreuzigt wurden. Ein guter Christ fragt daher nicht, was normal ist, sondern was richtig und was falsch ist. „Falls es zu Ohrfeigen gekommen sein sollte, bedauere ich das heute aufrichtig“, sagt Mixa. So hat sich vielleicht auch Pontius Pilatus gerechtfertigt, als er vor Tiberius erscheinen musste: „Falls es zu überflüssigen Kreuzigungen gekommen sein sollte, bedauere ich das heute aufrichtig. Aber das war damals vollkommen normal, und alle Legionäre und Pharisäer dieser Generation wissen das auch.“

Entweder bedient Mixa sich jener aus der Politik bekannten zeitweiligen Erinnerungslücken, die seltsamerweise immer die peinlichen Momente betreffen, oder die Kindesmisshandlung ist für ihn eine so banale Kleinigkeit, dass er wirklich nicht mehr weiß, wen er alles geschlagen hat. Auch das hat Jesus bereits kommentiert: „Von außen scheint ihr den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.“ Übrigens ist schon Dante bei seinem Rundgang durch die Hölle auf zahlreiche Geistliche gestoßen.

Ein Nachtrag: Nach neueren Erkenntnissen kommt auch die Habgier in Betracht. Mixa soll allerlei kostspielige “liturgische Gegenstände” mit dem Geld der Waisenhausstiftung bezahlt haben und gestand nun, dass es zu “finanztechnisch unklaren Zuordnungen” gekommen sei. Dieses Verhalten hat Jeremiah trefflich kommentiert: “Daher werden sie gewaltig und reich, fett und glatt. Sie gehen mit bösen Stücken um; sie halten kein Recht, der Waisen Sache fördern sie nicht, dass auch sie Glück hätten, und helfen den Armen nicht zum Recht.”

15. April 2010, 11.58 Uhr:

Metall, umgeben von lebendem Gewebe

von Jörn Schulz

Es ist erstaunlich, dass Angela Merkel es wagt, Arnold Schwarzenegger zu besuchen. Denn im vergangenen Jahr verabschiedete er sie mit: “Hasta la vista, baby.” Eingedenk dessen, was bei Terminator II auf diesen Spruch folgt, war das nicht sehr diplomatisch, aber Merkel kannte den Film offenbar nicht. Arnie wiederum bewies erstaunlichen Weitblick. Denn beim griechischen Judgement Day verhält Merkel sich so, wie Kyle Reese es beschreibt: „Man kann mit ihm nicht verhandeln. Man kann mit ihm nicht argumentieren. Er fühlt kein Mitleid, kein Bedauern.“

14. April 2010, 17.37 Uhr:

Wette statt Roulette

von Jörn Schulz

„Das Casino schließen“ - so etwas fordern Linke, die weder vom Glücksspiel noch vom Kapitalismus etwas verstehen. Bereits vor einiger Zeit habe ich nachgewiesen, dass Casinos ein Musterbeispiel für einen transparenten und streng regulierten Kapitalismus sind. Nun stellt sich heraus, dass das Glücksspiel schwer unter der Krise leidet: Zehn Prozent weniger Gäste, 22 Prozent weniger Profit. „Prinzipiell geben die Menschen in schlechten Zeiten einfach weniger Geld für Freizeitvergnügen aus“, meint Horst Jann, Geschäftsführer der Westspiel-Gruppe. Über die Krise in Las Vegas wurde schon im vergangenen Jahr berichtet. Nur die Neuköllner scheinen sich antizyklisch zu verhalten. Wenn in meiner Nachbarschaft überhaupt noch mal ein Laden aufmacht, ist es ein Wettbüro.

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