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Kürzliche Beiträge
13. April 2010, 17.16 Uhr:

Nuke it!

von Jörn Schulz

Die Atombombe wird überschätzt. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man auf dem Alexanderplatz einen nuklearen Sprengsatz von 21 Kilotonnen detonieren lässt, virtuell natürlich. In Kreuzberg wird nicht einmal das Bier warm. Und, mal ehrlich, wer braucht den Bezirk Mitte schon? Heikel wird es erst, wenn die Sprengkraft von „Joe-4“, der nach Joseph „Uncle Joe“ Stalin benannten ersten sowjetischen Wasserstoffbombe, erreicht wird. Bevor Sie nun aber taktische Atomwaffen für ihre Antifa-Gruppe anschaffen, sollten Sie sich auch den Fallout anschauen.

7. April 2010, 17.01 Uhr:

Der geliebte Anzug

von Jörn Schulz

Haben Sie womöglich vergessen, dass der Tag der Sonne naht? Jetzt ist es an der Zeit, ein Geschenk zu schicken oder wenigstens ein Glückwunschtelegramm zu entwerfen. Das ist das mindeste, was Sie für den ewigen Präsidenten Kim Il-sung und den geliebten Führer Kim Jong-il tun können. Noch ein Tipp für den modebewussten Fan: Kaufen Sie sich einen der eleganten Kim-Anzüge. Ansonsten versäumen Sie den neuesten Trend. „Die Kim-Jong-il-Mode, die sich nun schnell in aller Welt verbreitet, ist ohne Beispiel in der Weltgeschichte“, sagt ein französischer Modeschöpfer. Jedenfalls sagt die nordkoreanische Zeitung Rodong Sinmun, dass er das sagt. Wie man mit Wirtschafts- und Finanzkrisen fertig wird, hat Kim Jong-il kürzlich auch demonstriert: Einfach die verantwortlichen Ökonomen erschießen.

5. April 2010, 19.17 Uhr:

Ain't nobody white can sing the blues

von Jörn Schulz

“An einige Schrecknisse aus einem Jahr Obama sei erinnert, die wie Verschwörungen gegen Amerika anmuten.“ Nein, das kommt nicht aus Alaska von Sarah Palin, sondern von den Bahamas. Um was für Schrecknisse handelt es sich? Im Weißen Haus „stand neben auch weißen Jazz-Musikstudenten und einem kubanischen Klarinettisten der schwarze Trompeter Wynton Marsalis und seine Familie. Solchermaßen wurde von der ganz schwarzen Frau eines ziemlich schwarzen Präsidenten verraten, wofür Condoleezza Rice, gerade weil sie einer schwarzen Familie entstammt, stets vorbildlich eingetreten ist: Weil der Jazz und manche andere Formen der amerikanischen Unterhaltungsmusik mit schwarzen Musikern ganz oder weitgehend identifiziert werden, verbietet es sich – wenn man selber schwarzer Hautfarbe ist, einer Nation, die zurecht darauf stolz ist, aus einer Vielzahl von Nationen und Ethnien hervorgegangen zu sein, um diese miteinander zu einer neuen und besseren zu verschmelzen – als First Lady die Musik der eigenen Rasse aufspielen zu lassen.“

Dieser Vorwurf entbehrt nicht einer gewissen Originalität, da muss man ja erstmal drauf kommen. Doch wüsste man gern, welche Musik angemessen gewesen wäre. Es ist ja gar nicht so einfach, fremdrassige und politisch korrekte Musikstile zu finden. Blues geht nicht, Rock auch nicht, Soul, Funk und HipHop sowieso schon mal gar nicht, das ist ja alles „Negermusik“. Seit die Dixie Chicks sich gegen George W. Bush gewandt haben, wäre es eine Sabotage am „war on terror“, Country darzubieten. Das gilt natürlich erst recht für arabische oder persische Musik. An afrikanische Klänge wollen wir gar nicht erst denken. Aber vielleicht meldet sich ja der Bahamas-Chor im Weißen Haus an und singt ein schönes deutsches Volkslied für Michelle Obama, am besten „Zehn kleine Negerlein“.

3. April 2010, 10.06 Uhr:

Totgeglaubte ...

von Stefan Ripplinger

… leben länger, aber wenn sie dann doch sterben, überrascht es, egal, ob einer wie Ernst Herhaus erstaunliche 78 oder einer wie Alex Chilton bloß 59 wird. Dass manche ganze Ozeane von Schnaps durchschwimmen können, andere von einer einzigen Flasche dahingerafft werden, interessiert bloß die Pathologen. Aber verblüffend ist doch, dass es Musiker und Schriftsteller gibt, die es unglaublich lange aushalten, mit einem Fuß im Grab zu stehen, was doch eine recht unbequeme Haltung sein muss. Sie sind da und schon nicht mehr da. Sie brauchen nicht mehr Abschied nehmen, weil sie bereits Abschied genommen haben. Und sie beeindrucken als Kaputte, Halb-Abwesende, Halb-Tote mehr denn als Lebendige, die in Saft und Kraft stehen.

Chilton war besser, als der Lack ab war. Es mag morbid sein, aber sein „Live in London“, dieser träge, dunkle Lavastrom, erscheint mir stärker als die berühmten Platten mit Big Star. „Loose shoes and tight pussy“, 1999 bei „Last Call Records“ erschienen, ist dann lässige Resignation. Ich habe sie gern gehört.

Von Herhaus habe ich nie einen Roman gelesen, aber sein „Phänomen Bruckner“ bleibt mir im Gedächtnis. Kein wirklich gut geschriebenes Buch, aber einer ganzen Bibliothek von Bruckner-Literatur dadurch überlegen, dass es keine Anekdoten und Aussprüche enthält („I geh auf’n Kahlenberg, und wia mir heiß wird und i hungrig wer, setz i mi ans Bachl und pack mein’ Emmentaler aus. Wia’r i ’s fettige Papier aufmach, fallt mir die verflixte Melodie ein“), sondern nur die Geschichte erzählt, wie sich einer mit Bruckner gerettet hat.

Am besten in Erinnerung sind mir die Szenen, in denen Herhaus mit Gruppen von trockenen Alkoholikern die Sinfonien anhört. Das rührt deshalb, weil, anders als Bach oder Mozart, Bruckner nicht als Tröster dienen kann. Diese Musik ist immer ein offener Blick aufs Ganze, mit allem Schönen und Schrecklichen. Aber wie kann ein Blick aufs Ganze retten? Ich habe dafür nur eine Erklärung: Er überhebt des Kleinen, Doofen, Schäbigen, kurz des Lebens. Die Dinge so zu sehen, ist, glaube ich, ein Vorrecht des Todgeweihten, und Herhaus spricht in diesem Buch wie einer, obwohl er, als er es schrieb, seine Katastrophen längst überstanden zu haben schien, und ihm, als er es geschrieben hatte, noch 15 Jahre blieben.

26. März 2010, 13.18 Uhr:

Es geht voran

von Jörn Schulz

Der erste Umzug in der Geschichte der Menschheit war bekanntlich eine Zwangsräumung, und mitnehmen durften Adam und Eva nichts. Das hatte auch seine Vorteile. Wir haben hier zwar keinen Baum der Erkenntnis, aber zahlreiche andere Dinge, die wir mitnehmen müssen, um Ihnen auch von unseren neuen Redaktionsräumen aus neue Erkenntnisse übermitteln zu können. Deshalb hat sich die Redaktion nun in ein Labyrinth verwandelt, wer noch eine Tasse Kaffee ergattern will, muss erstmal einen Weg durch die Kartonstapel finden.

Beim Packen kommen allerlei rätselhafte und seltsame Dinge zum Vorschein, andere sind unerklärlicherweise verschwunden. Das wirft viele Fragen auf. Wer hat das Tagebuch geschrieben, das im Geheimfach eines Layouter-Schreibtischs entdeckt wurde? Wo ist die zweite Polizeimaus geblieben? Ist sie geflohen, weil sei sich bei uns nicht wohl fühlte? Wer von unseren Fotografen hatte ein so gutes Verhältnis zu Gerhard Schröder, dass er ihn aus nächster Nähe mit einer Bierflasche am Hals fotografieren konnte? Da ich hier der Haushistoriker bin, wird es wohl meine Aufgabe sein, diese Rätsel zu lösen.

Sie hingegen haben die einmalige Gelegenheit, an einem historischen Ereignis teilzunehmen. Schließlich zieht Ihre Lieblingswochenzeitung nicht alle Tage um. Wenn Sie also die 68er-Bewegung verpasst haben und Ihnen bei der Wiedervereinigung nicht zum Feiern zumute war, sollten Sie die Chance nutzen, sich hier morgen, am 27. März, ab 10 Uhr als Umzugshelfer oder Umzugshelferin einen Ehrenplatz in den Annalen der Jungle-World-Geschichte zu verdienen. Und ein Fan-Paket erhalten Sie obendrein auch noch.

23. März 2010, 15.58 Uhr:

Solche und solche Lötzschs

von Ivo Bozic

Da hat sich die Tageszeitung „Die Welt“ tatsächlich völlig verstiegen. Beim Versuch, irgendetwas Schädliches über die vermutlich künftige Parteivorsitzende der “Linken", Gesine Lötzsch, herauszufinden, stieß sie in der Birthler-Behörde auf irgendwelche wenig spektakuläre und uralte Akten aus der Vergangenheit ihres Ehemanns, bauschte die Sache mächtig auf, und nahm Gesine Lötzsch noch dazu in Sippenhaft. Götz Aly hat dies als „Ekeljournalismus“ bezeichnet und nun in einem bissigen Beitrag in der “Berliner Zeitung” angemessen gekontert: Lesen hier!

Gegen den in der Partei ämterlosen Ehemann Ronald Lötzsch – explizit jedoch nicht gegen seine Frau Gesine – lassen sich jedoch ganz andere Dinge vorbringen. Dafür braucht man gar nicht in der Normannenstraße staubige Akten zu wälzen. Einfach mal ins kostenlose Online-Archiv der “Jungle World” zu schauen, genügt.

Dort erfährt man, dass der Sprachwissenschaftler nach der Wende sehr engagiert gewesen ist beim Versuch, die „nationale Frage“ in der damaligen PDS populär zu machen. Dabei offenbarte er einen geradezu völkischen Nationalbegriff. Bei einer Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2002 zu “Linke und Nation” erklärte er, dass es Ethnien seien, die eine Nation bildeten. Und: “Der Nationalstaat ist mit seinem Volk identisch.” Auf der Tagung musste sich der als alter Apo-Nationalist bekannte SPD-Rechte Tilman Fichter empören, dass in der dort vorgestellten, mit 10.000 DM durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Studie von Ronald Lötzsch und Erhard Crome ("Die Linke und ihr Verhältnis zu Nation und Nationalstaat"), Juden, Roma und Sinti nicht als Teil einer deutschen Nation vorkämen.

Bereits im November 1998 hatte Ronald Lötzsch auf einer Veranstaltung der Stiftung für Gesellschaftsanalyse und politische Bildung erklärt, eingebürgerte Ausländer seien auch mit einem deutschen Pass noch lange keine Deutschen. Er schlug ernsthaft vor, “Nicht-deutsche deutsche Staatsbürger” als “Deutschländer” zu bezeichnen. Er bedauerte in diesem Zusammenhang auch, dass man den “heute leider unpopulären Begriff der Rassenmerkmale” nicht mehr benutzen dürfe und betonte, der “nationale Faktor” sei auch in den untergegangenen sozialistischen Staaten vernachlässigt worden.

Dies, wie gesagt, könnte man gegen Ronald Lötzsch vorbringen, statt uralter Stasi-Kamellen. Gesine Lötzsch ist jedoch ausdrücklich vor diesen Äußerungen ihres Mannes in Schutz zu nehmen. Von ihr sind keine Äußerungen nationalistischer oder völkischer Art bekannt. Aber sollten welche bekannt werden, dann, seien Sie gewiss, finden Sie diese Information weder in Stasi-Akten noch in der “Welt", sondern wie immer in Ihrer “Jungle World". Versprochen.

23. März 2010, 01.43 Uhr:

Stilkunde: The End of Water as We Know It...

von Lieselotte Kreuz

…oder warum schwangere Frauen, die rauchen, cool sind:
Weil ich ein oberflächlicher, spaßorientierter Mensch mit einer erschreckend kurzen Aufmerksamkeitsspanne bin, sprechen mich ja einige Aufbereitungen gewisser Themen mehr an als andere, obwohl andere möglicherweise besser verargumentiert sind als einige, wenn ihr versteht, was ich meine. Andererseits implizieren andere Aufbereitungen dieser Themen eben auch drollige Vorstellungen darüber, wie man einen von Zylindermännern betriebenen Kapitalismus besser gestalten könnte, und dissen ganz unnötig schwangere Frauen, die sich wegen dem ganzen Stress mit der Namensfindung und irgendwelchen Gymnastikkursen auch mal ein Zigarettchen gönnen. Insofern sind diese anderen Aufbereitungen natürlich auch wieder selbst schuld, wenn ich mich den einigen zuwende, denen bei ihrem ganzen Herumgefluche gar keine Zeit mehr bleibt für solchen Unsinn.
Aber sagt doch mal selbst:

And now, Ladies and Gentlemen: Lewis Black.

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