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Kürzliche Beiträge
17. März 2010, 16.51 Uhr:

Post für Guido

von Jörn Schulz

…kommt bald aus Arbil. Vor dem deutschen Generalkonsulat im Nordirak demonstrierten am 16. März Vertreter kurdischer Dörfer und Städte, um an das Giftgasmassaker von Halabja zu erinnern. Am 16. März 1988 waren von der Luftwaffe Saddam Hussein 5000 Menschen getötet worden, Tausende starben an den Spätfolgen. Mit Giftgas angegriffen wurden auch 35 weitere Dörfer und Städte. Die Demonstranten forderten von Generalkonsul Oliver Schnakenberg eine offizielle Entschuldigung für die Rüstungslieferungen an das damalige Regime. In der Petition heißt es: „Wenn sich Deutschland weiter weigert, eine offizielle Entschuldigung abzugeben, müssen wir davon ausgehen, dass es nicht zu den friedensliebenden Nationen gehört.“ Entschuldigen wollte Schnakenberg sich nicht, da die Regierung nicht für die Lieferungen verantwortlich gewesen sei, er behauptete gegenüber den Demonstranten, dass die Lieferungen untersucht würden. Immerhin will er die Petition an die Regierung und das Auswärtige Amt weiterleiten.

Den Erkenntnissen der UN-Inspektoren zufolge kamen 52,6 Prozent der Ausrüstung für Saddam Husseins Chemiewaffenproduktion aus Deutschland. Schnakenberg referierte einmal mehr die offizielle deutsche Position: „Eine wie auch immer geartete Mitverantwortung der Bundesregierung besteht nicht.“ Doch erste Hinweise auf deutsche Lieferungen gab es bereits 1982. Da das Außenwirtschaftsgesetz „im Zweifelsfall zugunsten des Freiheitsprinzips“ ausgelegt wurde, erhielt Saddam Hussein, was er brauchte. Außen- und Wirtschaftsministerium wurden in den achtziger Jahren fast ununterbrochen von FDP-Politikern geführt.

17. März 2010, 10.45 Uhr:

Plagiat? Vergleich!

von Stefan Ripplinger

Günter Grass und seine Freunde beschweren sich über ein Plagiat und wirken selbst wie ein blasses. Wenn ich nur wüsste, wen sie plagiieren:

Jedes literarische Werk ist ein originäres Kunstwerk. Das gilt für alle Arten von Techniken der Texterstellung, auch für literarische Collagen.

Der erste Satz klingt nach dem 19. Jahrhundert, das nun wieder im Schwange ist, „Techniken der Texterstellung“ dagegen nach Word für Windows. Und sollte einer, der nicht-originäre Kunstwerke schaffen wollte, kein Dichter sein? (Wäre er nicht sogar der klügere, weil er nicht schaffen wollte, was es prinzipiell nicht geben kann, und weil er auf all diese bürgerlichen Mythen nicht hereinfällt?)

Kopieren ohne Einwilligung und Nennung des geistigen Schöpfers wird in der jüngeren Generation, auch auf Grund von Unkenntnis über den Wert kreativer Leistungen, gelegentlich als Kavaliersdelikt angesehen.

Ja, der geistige Schöpfer, tief aus seiner wunden Seele zerrt er den immergrünen Quatsch ans fahle Licht der Öffentlichkeit. Eine geschickte Plagiatorin zöge ich diesen Vertretern der älteren Generation stets vor, bloß halte ich Helene Hegemann nicht für eine solche. Zu dieser Einschätzung bin ich gelangt, als ich in der Taz zwei Sätze jeweils in der Version von Airen und von Hegemann zitiert gefunden habe:

Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut.


Das war Airen, es folgt das Hegemannsche Plagiat:

Ich habe Fieber, Koordinationsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut.

Die „Koordinationsschwierigkeiten“ sind nicht nur ungrammatisch (da sie ja nicht im Blut sein können), sie zerschlagen auch den Rhythmus des Satzes; sie zeigen eine stilistische Koordinationsstörung an. Zweites Beispiel, bei Airen:

Ich steige aus, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Dann stehe ich auf, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Schließlich kommen zwei so grobporige Bahnbullen und verfrachten mich in ein Taxi.

Bei Hegemann:

Ich mache drei Schritte nach vorn und knalle rückwärts gegen irgendeinen sich im öffentlichen Raum befindlichen Werbeträger von Langnese. Ich drehe mich um und knalle rückwärts gegen einen grobporigen Typen in grünen Klamotten. Er [der Polizist] setzt mich in ein Taxi …


Der eine ist ein Naturtalent (er sagt, er habe nie irgendein Buch von Wert gelesen und kenne nur ein einziges Gedicht, von Benn), er weiß, was Parallelismus ist, Klarheit und Kraft. Die andere hat keinen Sinn für Musik, weiß aber, wie man ganz gute Sätze in Bürokratismen – „öffentlicher Raum“, „befindlich“ und „Werbeträger“ – marinieren kann, damit sie ironisch und nach Intellektuellenkunst schmecken.

Wer trägt die Trophäe davon, das Talent oder die gelehrige Tochter?

Ein Literaturredakteur der Taz behauptet:

Ohne Betrieb würde es keine Literatur geben, jedenfalls keine öffentlich wahrnehmbare. Punktum.

Ich behaupte das Gegenteil:

Im Betrieb gibt es keine Literatur mehr, und was im Verborgenen gut war, wird im Betrieb untergehen. Punktum.

15. März 2010, 14.28 Uhr:

RIP Jupp

von Ivo Bozic

Verstorben: Jupp Angenfort

12. März 2010, 18.36 Uhr:

Identitetskris

von Stefan Ripplinger

Seit 1982 höre ich keinen Pop mehr, aber noch jedes neue Album der Sparks. „This is the Renaissance / Came upon us all at once“ war der Ohrwurm vom letzten Jahr. Jetzt gibt es The Seduction of Ingmar Bergman, eine Produktion von Sveriges Radio; Hörspiel, Musical, Konzeptalbum, alles zusammen. Die Geschichte ist die bitter-komische des Exils, des Europäers in Hollywood, wo sich Brecht bekanntlich wie eine Chrysantheme im Bergwerk oder eine Wurst im Treibhaus vorkam.

Ingmar Bergman (Jonas Malmsjö), der die Beichte ablegt, dass es ihn eines trüben Nachmittags im Jahre 1956 unwiderstehlich in ein Bahnhofskino zog und er dort ein besonders übles Beispiel der eskapistischen Kunst, einen amerikanischen Actionfilm, angeschaut hat („en kall eftermiddag i maj i Stockholm 1956 kände jag mig tvingad att ga in pa en bio för att beskada eskapistkonst av varsta sort, en typisk amerikansk actionfilm“) und vor Ekel und Selbsthass fast den Verstand verlor, „varför?“, findet sich plötzlich in Hollywood wieder, in einer von Ron Mael gesteuerten Limousine, die ihn ins Studio befördert.

Der Chauffeur erlaubt sich bereits ein erstes, Misstrauen erregendes Kompliment („I love your films, they have a foreign flair“). Ganze Schleimkübel von Komplimenten schüttet der Studioleiter (Russell Mael) über den armen Meister aus, aber deutet auch schon an, dass es kein Spaß sein wird, Filme zum Spaß zu machen. „Mr. Bergman, we’re not hicks / Herr Bergman, vi är inga bönder / But we must deliver kicks / Men vi maste skapa underhällning“.

Das Unglück nimmt also seinen Lauf. Bergman, der das Geld vor sich sieht, das er immer gebraucht hat, ganze Batzen davon, versucht verzweifelt, irgendwas zu drehen, ein Starlet (Rebecca Sjöwall) herrscht den mit ihr unzufriedenen Regisseur an, „Why should I have to share / A crisis that you feel inside / An anger that’s an ocean wide“, Autogrammjäger, darunter Woody Allen, „Would you sign my T-shirt, please? / Make it out to Woody, Ingmar, please“, überfallen ihn, nach all den „identitetskriser“, die er in seinen Filmen geschildert hat, ergreift ihn nun wirklich eine, er nimmt Reißaus, wird von Helikoptern verfolgt, erbittet sich einen Engel, ausgerechnet Gott schickt ihm ausgerechnet Greta Garbo (Elin Klinga), die ihn dazu überreden will, mit ihr die Gösta Berlings saga anzuschauen, den Film, der sie zum Star gemacht hat.

Endlich kehrt Bergman zurück, Tausende Schweden vergießen Tränen vor Glück („They mispronounced his name / But here at home he’s he“).

Das Ganze umspült von Plastik-Tschaikowsky, Märschen und Schlagern aus der Dose und Retorten-Chören. Eine köstliche Platte, nur schade, dass sie zu spät für Hermann Bohlens Feature „Hörspiele und andere Geräusche in der Popmusik“ (1997) kommt.

Mit Dank an Fa. Google für die Übersetzung aus dem Schwedischen.

5. März 2010, 19.27 Uhr:

Wie Otto Athen ruinieren wollte

von Jörn Schulz

Wenn die Deutschen sich in die griechische Politik einmischen, droht sogar den Ruinen der Ruin. Im Jahr 1832 wurde Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach, damals noch ein Teenie, König von Griechenland. Er bekam den Job, weil die europäischen Mächte den Griechen nicht trauten, die Griechen sich nicht einigen konnten und bedeutendere Monarchen es abgelehnt hatten, den Thron zu besteigen. Natürlich brauchte Otto einen standesgemäßen Palast, den Karl Friedrich Schinkel entwarf. Schinkel wollte gleich reinen Tisch machen und die Akropolis abreißen lassen, seine „Pläne für ein Königsschloss auf der Akropolis“ hätten „eine komplette moderne Überbauung des antiken Burgberges durch eine antikisierende Palastarchitektur bedeutet“. Immerhin, „nach heftiger Kritik wurde der Plan indessen bald fallengelassen“. Auch Otto versuchte bereits, die finanziellen Probleme seines Herrscherhauses auf Kosten der Griechen zu lösen. Nach einiger Zeit einigten sich seine Untertanen dann doch, nämlich darauf, dass Otto verschwinden müsse. Im Jahr 1862 floh er vor einem Aufstand. Man darf also hoffen, dass die geschichtsbewussten Griechen gelernt haben, dass man die Deutschen fürchten muss, selbst wenn sie Kredite bringen.

4. März 2010, 13.07 Uhr:

Man muss nur schöpfen

von Jörn Schulz

Thilo Sarrazin hat mal wieder zugeschlagen, die Süddeutsche Zeitung widmet ihm eine ganze Seite. Neben den üblichen Sprüchen verrät er auch etwas über seine Arbeitsweise. Es gibt ja Menschen, die sich mit seinen Aussagen ernsthaft auseinandersetzen und dann, wie Reiner Klingholz, feststellen, es sei statistisch nicht belegbar, dass 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Berliner den Staat ablehnen. Macht aber nichts, meint Sarrazin. Hat man keine Zahl, so „müsse man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dass setze ich mich mit meiner Schätzung durch.“

Die Methode funktioniert auch ohne Zahlen. „Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben“, behauptet Sarrazin. Das ist natürlich Unsinn, als Gegenbeispiel sei hier nur Bill Gates genannt, der sogar eine beheizbare Klobrille hat und seinen Hintern mit wohltemperiertem Wasser abspülen kann. Eifrig setzt Sarrazin den vor 2000 Jahren begonnenen Kampf gegen die spätrömische Dekadenz fort, die aufgeklärtere Menschen allerdings auch gerne als Zivilisation bezeichnen. Der Moment ist wohl nicht fern, da Sarrazin entdeckt, dass man Wasser auch aus der Spree schöpfen und seine Notdurft in selbige entrichten kann. Etwas Bewegung tut den übergewichtigen Hartz-IV-Empfängern und ihrer verwöhnten Brut gewiss gut. Ein Schüsselhocker ist noch nie weit gekommen im Leben.

2. März 2010, 16.35 Uhr:

Einen Jux will er sich machen

von Stefan Ripplinger

Beim Bestreichen einer Scheibe Brot versehentlich das Radio angestellt, Deutschlandfunk, Wolfram Schütte, Buchbesprechung, der Autor und sein Verleger haben sich einen „abgründig-abgebrühten Nestroyschen ’Jux gemacht’“.

Warum nicht einfach einen Jux? Nein, es muss ein „abgründig-abgebrühter“ und vor allem ein „Nestroyscher Jux“ sein, damit noch der senilste Lehrer, der diese virtuosen Geistreicheleien zum Kaffee genießt, die Anspielung prompt versteht.

Stelle das Radio ab, bevor die Sendung zu Ende ist.

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