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Kürzliche Beiträge
4. März 2010, 13.07 Uhr:

Man muss nur schöpfen

von Jörn Schulz

Thilo Sarrazin hat mal wieder zugeschlagen, die Süddeutsche Zeitung widmet ihm eine ganze Seite. Neben den üblichen Sprüchen verrät er auch etwas über seine Arbeitsweise. Es gibt ja Menschen, die sich mit seinen Aussagen ernsthaft auseinandersetzen und dann, wie Reiner Klingholz, feststellen, es sei statistisch nicht belegbar, dass 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Berliner den Staat ablehnen. Macht aber nichts, meint Sarrazin. Hat man keine Zahl, so „müsse man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dass setze ich mich mit meiner Schätzung durch.“

Die Methode funktioniert auch ohne Zahlen. „Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben“, behauptet Sarrazin. Das ist natürlich Unsinn, als Gegenbeispiel sei hier nur Bill Gates genannt, der sogar eine beheizbare Klobrille hat und seinen Hintern mit wohltemperiertem Wasser abspülen kann. Eifrig setzt Sarrazin den vor 2000 Jahren begonnenen Kampf gegen die spätrömische Dekadenz fort, die aufgeklärtere Menschen allerdings auch gerne als Zivilisation bezeichnen. Der Moment ist wohl nicht fern, da Sarrazin entdeckt, dass man Wasser auch aus der Spree schöpfen und seine Notdurft in selbige entrichten kann. Etwas Bewegung tut den übergewichtigen Hartz-IV-Empfängern und ihrer verwöhnten Brut gewiss gut. Ein Schüsselhocker ist noch nie weit gekommen im Leben.

2. März 2010, 16.35 Uhr:

Einen Jux will er sich machen

von Stefan Ripplinger

Beim Bestreichen einer Scheibe Brot versehentlich das Radio angestellt, Deutschlandfunk, Wolfram Schütte, Buchbesprechung, der Autor und sein Verleger haben sich einen „abgründig-abgebrühten Nestroyschen ’Jux gemacht’“.

Warum nicht einfach einen Jux? Nein, es muss ein „abgründig-abgebrühter“ und vor allem ein „Nestroyscher Jux“ sein, damit noch der senilste Lehrer, der diese virtuosen Geistreicheleien zum Kaffee genießt, die Anspielung prompt versteht.

Stelle das Radio ab, bevor die Sendung zu Ende ist.

20. Februar 2010, 09.20 Uhr:

Check 3

von Stefan Ripplinger

Dass einer auf dem Weg nach oben und nach vorn weder zimperlich noch fein sein darf, versteht sich von selbst und ist nirgendwo auf der Welt anders. Aber landesspezifisch doch, dass einer auf unfeine Weise sogar den Ruf eines feineren Geschmacks erwerben will. „Dit is Kunst, wer’s nicht gloobt, dem polier ick die Fresse.“ Per vulgarem ad astra.

17. Februar 2010, 19.02 Uhr:

Tea Time mit Guido

von Jörn Schulz

Wie kommt Guido Westerwelle auf all diese glänzenden Ideen? Ich vermute, er hat sie den US-Republikanern geklaut. Sarah Palin scheint sein großes Vorbild zu sein, nicht nur im Hinblick auf außenpolitische Inkompetenz. Die Strategie ist simpel. Obwohl man selbst zum Establishment gehört, tut man so, als kämpfe man gegen das Establishment, gegen eine Übermacht von „Sozialisten“, die der „schweigenden Mehrheit“ alles wegnehmen wollen. Die rechten Republikaner schwatzen derzeit gar nicht so viel über Gott, sie reden lieber über Geld. Westerwelle würde sicher gerne so etwas wie die Tea Party Patriots organisieren, deren Glaubenssatz „Fiscal Responsibility, Constitutionally Limited Government and Free Markets” heißt. Mit der “fiscal responsibility” ist es so eine Sache bei der FDP, aber auch für dieses Problem haben die Republikaner eine Lösung gefunden. Machen die „Sozialisten“ Schulden, beweist das ihre Verantwortungslosigkeit, machen die Wirtschaftsliberalen Schulden, beweist das ihr Verantwortungsbewusstsein. Warum? Nun, weil alle, die etwas anderes sagen, Sozialisten sind, die den hart arbeitenden Steuerzahlern alles wegnehmen wollen. Die offensichtlichsten Fakten konsequent zu ignorieren, gehört zu den wichtigsten Regeln der Palin’schen Schule.

Westerwelle hat natürlich das Problem, dass er eigentlich mitregiert, er kann also seine Sozialneider, die den Hartz-IV-Empfängern nicht einmal den Dreck unter den Fingernägeln gönnen, schwerlich gegen Merkel aufmarschieren lassen. Es sollte mich jedoch nicht wundern, wenn Westerwelle schon bald mit einem Pendant zum „Contract From America“ aufwarten würde. „From“, nicht „For“, es geht darum, aus dem sozialdarwinistischen Wirtschaftsliberalismus eine Basis- und Massenbewegung zu machen. Ob Westerwelle der Richtige für den Job ist, bleibt zweifelhaft. Die Klientel, die er ansprechen will, mag nämlich keine Schwulen, auch wenn sie das wegen des „Terrors der politischen Korrektheit“ nicht so laut sagt, denn sie hält Schwule für zu weich für einen harten Job. Schießen kann er auch nicht. Da hat Palin ihm einiges voraus.

Vielleicht bleibt es also vorerst bei offeneren Bekundungen des Hasses auf die Armen. Auf der „Achse des Guten“, die mehr und mehr zur Achse des Wirtschaftsliberalismus wird und originellerweise Jürgen Elsässers Ansichten über den Klimabetrug und die notwendige Verteidigung der Schweizer Souveränität teilt, schreibt Bernd Zeller: „Bei den Berichten über das wachsende Armutsrisiko in Deutschland ist doch wohl eine Text-Bild-Schere zu beobachten, oder was soll man davon halten, dass die Fotos oder Filmaufnahmen Kinder in neuen, ungeflickten und sauberen Anziehsachen zeigen, die auf einem Spielplatz vor Plattenbauten schaukeln?“ Ja, so hat ein armes Kind auszusehen.

17. Februar 2010, 14.45 Uhr:

Sieg im Bierkrieg

von Jörn Schulz

Im Wettkampf um das stärkste Bier der Welt hat die schottische Brauerei BrewDog einen großen Sieg errungen. Im vergangenen Jahr präsentierte sie „Tactical Nuclear Penguin“ mit 32 Prozent Alkoholgehalt. Dann aber verzeichnete Schorschbräu im Dezember 2009 einen „kaum fassbaren Bierrekord“ von 40 Prozent. Doch dieser Rekord der Krauts war kurzlebig, denn nun gibt es das Bier „Sink the Bismarck!“ mit noch einem Prozent mehr. Es ist schade, dass Winston Churchill („I have taken more out of alcohol than alcohol has taken out of me”) das nicht mehr erleben durfte. Sie aber können sich das Video von BrewDog anschauen, das über die hinterhältigen Anschläge der Krauts und den glorreichen Sieg des Guten und Hochprozentigen informiert.

17. Februar 2010, 14.33 Uhr:

Check 2

von Stefan Ripplinger

Es werden in dieser Kulturszene durchaus die berühmt, die es nicht anders verdient haben, robuste, anspruchslose Gestalten, die es gut ertragen, wenn ein FAZist sie bespeichelt oder eine Institutspräsidentin sie mit einer Laudatio überzieht. Sie wissen doch eh nichts Besseres mit sich anzufangen, als auf Empfängen bei schlechtem Rotwein sich nach ihren neuesten Werken befragen zu lassen und sich in der Höhensonne der Aufmerksamkeit die Haut zu gerben. Und so entlasten sie die vielen anderen, denen dafür ihre Zeit zu schade ist. Also toi, toi, toi, Carl und Helene Hegemann! Avanti, Martin Mosebach! Münkler, go, go, go! Hit it, Walser!

14. Februar 2010, 09.56 Uhr:

Check

von Stefan Ripplinger

Seitenblick auf die deutsche Kulturszene: Tröpfe, Abzocker, militante Spießer. Der Tropf versucht, sein Leben „authentisch“ aufzuschreiben, die Abzockerin schreibt das, was er aufgeschrieben hat, schlecht ab und wird damit sofort berühmt, Claus Peymann fordert, die Bundeswehr und die Hartz-IV-Bezieher sollten Berlin vom Eis räumen. Und endlich ist das nationale Filmepos aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft befreit.* Genügt für einen Monat. Weitermachen.

* “So sind wir, während einer aufwändigen und grandiosen Kinovorstellung mit Live-Orchester, für drei Stunden Vertreter einer mit sich selbst ins Reine gekommenen Kulturnation.” (Frankfurter Rundschau, 15.II. 2010)

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