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Kürzliche Beiträge
3. Februar 2010, 13.32 Uhr:

BRD per Zufall

von Stefan Ripplinger

Wie sähe Westdeutschland für einen Marsianer aus? Wie erschiene uns das Land, hätten wir nicht über Jahrzehnte in ihm gelebt und gedarbt? Welche Bilder schienen uns repräsentativ, kennten wir nicht die paar Rückzugsorte, Nischen und Schlupfwinkel (so wie jeder, der es eine Zeitlang in der Hölle aushält, weiß, wo sie nicht gar so heftig stinkt)? Die Antwort kann allein der Zufall geben.

So hat der Filmemacher Rüdiger Neumann (1944–2007) in den Siebzigern und Achtzigern von einem Zufallsgenerator errechnete Orte in der BRD aufgesucht und nach einem strengen Schema gefilmt.

Die bislang äußerst selten zu sehenden Filme (ihr Autor hielt sie regelrecht unter Verschluss) sind nun auf zwei DVDs bei Filmgalerie 451 / Arsenal und in einer sehr hübschen Sonderedition mit ausführlichem Booklet, Archiv der Blicke / Archive of Gazes, im Hamburger Materialverlag erschienen.

Bei ihrer Präsentation vor ein paar Wochen sagte Neumanns Freund Klaus Wyborny, zwei Einsichten über die BRD habe das Verfahren provoziert: 1. Das Land ist kaum besiedelt; dort, wo der Zufall einen hinschickt, ist fast immer ödeste Pampa. 2. Das Land ist nirgendwo still. Egal, auf welchem Acker, in welchem verkrüppelten Wäldchen, an welchem leeren Strand sich einer gerade befinden mag, überall hört er Autos vorbeirauschen, kommt der Trecker eines Bauern heran oder dröhnt gerade ein Flugzeug vorbei. Es ist kein Land für Klaustrophobiker und Eremiten.

Zufalls-Stadt (1978), der leider nicht auf den DVDs enthalten ist, gleicht die Zersiedeltheit aus, indem er auschließlich in die Städte und Käffer geht, 98 zufällig ausgewählte werden porträtiert. Zufalls-Horizonte (1980) dagegen nimmt alles auf und befindet sich deshalb meist im kaum bewohnten Bezirk. Archiv der Blicke (1985) schließlich mischt Städte und Landschaften. Es ist ein Film des Sich-Abwendens. Es naht eine Blaskapelle, es erscheinen Autokolonnen, spielende Kinder, Markt- und Kirmesbesucher – die Kamera ist immer schon im Aufbruch begriffen. Hinaus, hinaus. Die fast notwendige Fortschreibung sind die „heilig nüchternen“ Naturfilme des Neumannschen Spätwerks (Nordlicht, Stein/Licht).

Eine andere mögliche Abwandlung bietet Meridian oder Theater vor dem Regen (1983). Auf einer Texttafel heißt es im Vorspann: „Als ich ein kleiner Junge war, entdeckte ich auf der neuen Alsterbrücke in Hamburg eine Linie im Straßenpflaster, die dort den Verlauf des 10. Meridians bezeichnet. Ich fragte mich, wo die Linie wohl hinführt und wie es dort aussehen mochte. Das Fernweh wurde genährt von meiner Großmutter, die 1905 von Hildesheim nach Hamburg gezogen war und deshalb mir und sich als weltläufig galt. Ich habe mir den Lauf des 10. Meridians in Mitteleuropa angesehen: von Carrara an der italienischen Riviera bis Hirtshals im Norden Jütlands. Zur Zeit der Dreharbeiten an Meridian äußerte der amerikanische Präsident Ronald Reagan, unter dem Einsatz von ’Theater Nuclear Forces’ sei ein auf Europa begrenzter Atomkrieg gegen die Sowjets vorstellbar. Sehen wir uns noch einmal an, wo das nukleare Theater stattfinden soll. Die Arbeiten an der Inszenierung schreiten voran.”

Die Friedensbewegung wurde, ich erinnere mich deutlich, damals patriotisch, „Hilfe! Reagan will unsere Heimat in Klump bomben!“ Nach Zufalls-Horizonte oder Archiv der Blicke hätte man darauf erwidern können: „Na und? Wäre so viel verloren?“ Neumann lockert in Meridian die formalen Prämissen erheblich. Er wählt Ansichten aus, er beginnt zu malen, entwirft atemberaubende Landschaftsperspektiven, wenn sie auch nie so lange stehenbleiben, dass ein Schwärmer sich in sie versenken könnte. Und es ist viel „Fernweh“ darin. Neumann beschränkt sich eben hier nicht auf die BRD, sondern folgt dem 10. Meridian von Italien bis Dänemark. Und, ich kann mir nicht helfen, wiederum derselbe Eindruck: Die arme italienische Provinz, die Alpen, schließlich das Meer sind unendlich schöner als das, was selbst ein geschickter Maler aus der dazwischen liegenden BRD machen kann. Was ginge verloren, wenn ein Atomkrieg alles zerstörte? Im Süden und Norden sehr viel, dazwischen sehr wenig. Vielleicht spielt mir die Lebenserfahrung einen Streich. Ich sehe Häuschen im Schwäbischen und muss mir die hinterhältigen Spießer vorstellen, die darin wohnen; die Italiener und Dänen kenne ich kaum.

Meridian unterscheidet sich von den andern Filmen auch dadurch, dass die hier und da eingesprengte Musik, Zitate aus dem Radioprogramm von AFN, eines westdeutschen und eines ostdeutschen Radiosenders usw. die Bilder kommentieren. Um nicht die Geschichte des Landes zu verschweigen, spricht Neumann an einer Stelle die „Todesfuge“ ein, das nach dem „Erlkönig“ wohl am häufigsten parodierte und verspottete Gedicht der deutschen Literatur. Von diesen Misshandlungen wird es sich erst in ferner Zukunft erholen. Man erkennt die gute Absicht Neumanns, aber genauer und besser als die beste Absicht funktioniert der Zufallsgenerator.

2. Februar 2010, 11.44 Uhr:

UPDATE: Doch nicht auf nach Brandis!

von Ivo Bozic

Am 24. Oktober musste das Bezirksliga-Spiel zwischen FSV Brandis und Roter Stern Leipzig aufgrund eines brutalen Nazi-Übergriffs abgebrochen werden (Jungle World 45/09). Am 6. Februar, das ist der kommende Samstag, ist das Spiel erneut angesetzt. Also zweiter Versuch. Anpfiff wird um 14.00 Uhr auf dem Sportplatz “Freundschaft” im Dahlienweg, 04821 Brandis sein.

“Wir werden erneut den sportlichen Vergleich gegen den FSV Brandis suchen und auf die zahlreiche Unterstützung unserer Fans vertrauen", erklärt die Pressestelle des Roten Sterns.

Eine kurzfristige wetterbedingte Absage ist möglich. Informationen diesbezüglich finden sich aktuell auf der Fanpage von Roter Stern Leipzig.

!!! UPDATE: Das Nachholspiel FSV Brandis gegen Roter Stern Leipzig ist auf Grund der Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt worden. Es wird nicht am 6. Februar stattfinden. Über einen neuerlichen Ansetzungstermin liegen noch keine Informationen vor.

27. Januar 2010, 18.57 Uhr:

Ussama ist nicht Osama

von Jörn Schulz

Es gibt Momente, da kann ich die Verschwörungstheoretiker verstehen. So mag man wirklich kaum glauben, dass fast ein Flugzeug über Detroit in die Luft gesprengt worden wäre, weil die US-Geheimdienste nicht googeln können. Ihnen fehlen Suchmaschinen, die verschiedene Schreibweisen von Namen angeben. Das Außenministerium buchstabierte den Namen des Attentäters abweichend von der Version anderer Behörden. Deshalb konnte die Warnung des Vaters von Umar Farouk Abdul Mutallab nicht mit anderen Informationen in Verbindung gebracht werden, gestand Michael Leiter, Direktor des National Counterterrorism Center, vor einem Senatsausschuss. Dennis Blair, als National Intelligence Director verantwortlich für die Koordination von 16 Geheimdiensten, bestätigte “blinde Flecken, die eine Suche in der Art von Google” unmöglich machen. Das Problem tritt bei arabischen Namen nicht gerade selten auf, Leiter versprach, man werde nun an einer Lösung arbeiten. Ussama bin Laden hat sich in seiner Berghöhle vermutlich vor Lachen am Boden gewälzt.

Doch abgesehen davon, dass es in der Geschichte der Geheimdienste an derartigen Patzern und sonstigen Kuriositäten (meine Lieblingsstory ist die von den Agenten auf der Jagd nach dem Zauberwürfel) wahrlich nicht mangelt, darf man sicher sein, dass die Dilettanten der Dienste dem Senat gewiss gerne eine Ausrede präsentiert hätten, mit der sie nicht ganz so dumm dastehen. Denn nun wird Leiter die Karriereleiter vielleicht nicht weiter hinaufsteigen. Was für ein Glück, dass die Jihadisten mindestens ebenso dusselig sind.

27. Januar 2010, 18.00 Uhr:

Die Zukunft liegt in der Zukunft

von Jörn Schulz

„Er kritisiert die Banker und dass sich ‚in Teilen der Finanzwelt eine Kasino-Mentalität breitgemacht’ habe. Und er gibt sich ‚schwer enttäuscht’ über das ‚Unvermögen der Staatengemeinschaft, auf der Klima-Konferenz in Kopenhagen ein eindeutiges Bekenntnis zu einem klaren gemeinsamen Handlungswillen abzugeben’. Spricht von einer Menschheit, die ‚von der Substanz’ lebt.“ Eine Ansprache zum zehnjährigen Jubiläum von attac? Nein, die Rede Peter Löschers, des Vorstandvorsitzenden von Siemens, bei der Hauptversammlung.

Es gilt ja die Regel: Je mehr Leichen ein Konzern im Keller hat, desto größer das Bemühen, sich ein grünes, soziales und fortschrittliches Image zu geben. Eine Leiche will Löscher aber wohl loswerden. „Ab der zweiten Jahreshälfte 2010 will der Münchener Technologiekonzern Siemens keine Neugeschäfte mehr im Iran annehmen.“

Das ist ein Erfolg der Kampagnen von Stop the Bomb und anderen Gruppen. Von der Länderliste der Siemens-Webseite wurde der Iran bereits gestrichen. Löscher sagte allerdings nicht, ob die Abkehr vom Iran-Geschäft auch für joint ventures wie Nokia Siemens Networks gilt. Überdies heißt es in den „Daten und Fakten für Aktionäre“ im Kleingedruckten: „Dieses Dokument enthält zukunftsgerichtete Aussagen und Informationen – also Aussagen über Vorgänge, die in der Zukunft, nicht in der Vergangenheit, liegen. Diese zukunftsgerichteten Aussagen sind erkennbar durch Formulierungen wie ‚erwarten’, ‚wollen’, ‚antizipieren’, ‚beabsichtigen’, ‚planen’, ‚glauben’, ‚anstreben’, ‚einschätzen’, ‚werden’ oder ähnliche Begriffe. (…) Eine Vielzahl von Faktoren, von denen zahlreiche außerhalb des Einflussbereichs von Siemens liegen, beeinflusst die Geschäftsaktivitäten, den Erfolg, die Geschäftsstrategie und die Ergebnisse von Siemens. Diese Faktoren können dazu führen, dass die tatsächlichen Ergebnisse, Erfolge und Leistungen von Siemens wesentlich von den in den zukunftsgerichteten Aussagen ausdrücklich oder implizit enthaltenen Angaben zu Ergebnissen, Erfolgen oder Leistungen abweichen.“ Abgesehen davon, dass man bei Siemens offenbar die Aktionäre für ziemlich begriffsstutzig hält, bedeutet das: Man wird weiterhin aufpassen müssen. Geschäfte, die schlecht für das Image sind, können zum Beispiel auch über rechtlich unabhängige Tochterfirmen abgewickelt werden.

23. Januar 2010, 15.06 Uhr:

Das Kommunistische Manifest ...

von Stefan Ripplinger

… ist auch eine „Dreizehnstimmige Kantate für vier Soli, doppelten gemischten Chor, Kinderchor und Blasorchester“ von Erwin Schulhoff aus dem Jahre 1932. Fast 80 Jahre nach dem Entstehen des Stücks wurde es gestern, im Rahmen eines kleinen Festivals, zum ersten Mal in Berlin (und vermutlich auch zum ersten Mal in Deutschland) aufgeführt. Leider nicht mit einem Blasorchester, sondern mit einem trockenen Klavier, aber in Berlin sind wir seit den Preußen Armut gewöhnt und denken uns die Posaunen von Jericho zu den heftig erschütternden Ausbrüchen der Chöre hinzu: „Es geht ein Gespenst um in Europa“, „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ und vor allem „Jaaaaaa, in die Luft sprengen, diese Schichten der offiziellen Gesellschaft!“

Das Libretto von Rudolf Fuchs wählt lediglich Sätze aus dem Manifest und stellt sie geschickt zusammen, seine Bearbeitung ist Brevier. So ergeben sich Solopassagen in Straubscher Prosodie: „Kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch hat die Bourgeoisie übrig gelassen als das nackte Interesse, die gefühllose bare Zahlung; an die Stelle der früheren, durch religiöse und politische Illusionen bemäntelte Ausbeutung, hat sie die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.“ Wie das Wort „Ausbeutung“ vom Sopran entwickelt und ausgearbeitet wird – phantastisch.

Schulhoff, geboren am 8. Juni 1894, Sohn bürgerlicher Eltern aus Prag, mit denen er sich später überwirft, „ich klage alle an, die nicht gewillt sind, ’ihre Eltern’ zu vernichten und somit alle Traditionen“, ist ein Wunderkind am Klavier, beeindruckt Anton Dvorák, geht für Max Reger Bier holen, bewundert Claude Debussy, korrespondiert mit Alban Berg und Tristan Tzara und ist ein sarkastischer, oft zynischer Mann, der vom rauflustigen Dadaismus eines George Grosz angezogen wird, mit Bardamen Nächte durchzecht, Saarbrücken für den Abort Deutschlands hält, ein urbaner, nervöser Komponist, der alle möglichen Einflüsse der Zeit, die gesamte „internationale Stilistik“ vom Zwölfton bis Jazz zu geistreichen, manchmal leisen, manchmal lachenden, immer tänzerischen Stücken zusammenführt. Sein Streichsextett oder sein erstes Streichquartett sind Meisterwerke, die erst in den letzten Jahren, von Gidon Kremer und anderen, außerhalb Tschechiens wieder gespielt worden sind.

Kein Unbekannter in den Zwanzigern, sinkt mit dem Kommunistischen Manifest sein Stern. Inzwischen wieder in der Tschechoslowakei, gibt man ihm kaum Aufträge, er schreibt unter Pseudonymen Tanzmusik und arbeitet als Pianist. Im festen Vertrauen auf den „zusammenbruch der alten ordnung“ und den Sieg des Sozialismus verkennt er die Gefahr. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt wird Schulhoff, der jüdische Kommunist, Bürger der Sowjetunion und glaubt sich gerettet, am 13. Juni 1941 holt er die Visa beim Konsulat ab, am 22. Juni erfährt er vom Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion, am nächsten Tag werden er und sein Sohn von der Ausländerpolizei festgenommen und Ende 1941 von den Deutschen ins Internierungslager Wülzburg geschafft. Am 28. August 1942 stirbt Erwin Schulhoff dort, ausgezehrt, an einer Tuberkulose. Die Toten werden mit Tierkadavern in eine „Aasgrube“ geworfen.

„Nach dem Augenzeugenbericht eines Mitglieds des Begräbniskommandos, unseres Genossen Viktor Schulepnikow, liefen bei der Aasgrube Füchse zusammen und schleppten die Leichen in die Umgebung auseinander. Zweifellos war dies auch der letzte Weg Erwin Schulhoffs.“ (Lew Bereskin, „Im Internierungslager Wülzburg“, zit.n. Josef Bek, Erwin Schulhoff. Leben und Werk. Hamburg 1994)

19. Januar 2010, 15.10 Uhr:

Klimaschlampen

von Ivo Bozic

Peinlicher Zahlendreher beim “Weltklimarat” führt zu Verzögerung.
Statt 2035 soll der Himalaja-Gletscher nun doch erst 2350 verschwunden sein - eventuell…
Spiegel / Achse
Dass außerdem ein Schreibfehler vorliegt, und gar nicht die Eisberge sondern die Eisbären schmelzen, ist bislang aber nur ein Gerücht.

17. Januar 2010, 08.59 Uhr:

Show-Biz

von Stefan Ripplinger

„Als ich an einem schönen Oktobermorgen des Jahres 1971 in der Halle des weithin berühmten Beverly Hills Hotels auf einen Plymouth der Firma Avis wartete, mit dem ich an den Pazifischen Ozean fahren wollte, ging vor mir der weithin berühmte Schauspieler und Humorist Peter Ustinov auf und ab und trug, kokett wie ein Nummernmädchen im Varieté und äußerst konzentriert, einen überdimensionalen braunen Papierumschlag so mit sich herum, daß niemand vermeiden konnte zu lesen, was auf ihm geschrieben stand, in viel zu großen Lettern, um sonst einen Sinn zu machen: Mr. Peter Ustinov! Er bot dabei den Anblick eines Mannes, der um seine nächste warme Mahlzeit kämpft.“

Uwe Nettelbeck, Mainz wie es singt und lacht, Salzhausen-Luhmühlen 1976

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