Jungle World abonnieren
Jungle World - shop
Kürzliche Beiträge
15. Januar 2010, 18.42 Uhr:

Asyl

von Ivo Bozic

Es heißt, der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier habe dem Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Dietmar Bartsch, politisches Asyl in der SPD angeboten. Das kann er gar nicht, da er selbst und seine SPD das Recht auf Asyl 1993 faktisch abgeschafft haben.

14. Januar 2010, 14.48 Uhr:

Die Zeit schlecht in der Zeit

von Ivo Bozic

“Als Lanzmann im Herbst vergangenen Jahres von Demonstranten gehindert wurde, seinen Warum Israel- Film in Hamburg zu zeigen, trat die ZEIT als erste überregionale Zeitung dieser Verhinderung mit einem entschiedenen Protest entgegen (Nr. 49/09)", behauptet Florian Illies in der “Zeit".
http://www.zeit.de/2010/03/Lanzmann

Zu dieser “Klarstellung” (so nennt sich der Artikel) muss jedoch klargestellt werden: Erstens ist es unzutreffend, dass Lanzmann daran gehindert wurde, sondern die veranstaltende Organisation “Kritikmaximierung” wurde daran gehindert. Und zweitens war die “Zeit” beileibe nicht die erste Zeitung, die über diesen Vorfall berichtete. Die “Jungle World” hatte bereits DREI MAL über den Eklat berichtet (am 29.10., 5.11. und 19.11.), bevor am 27.11. der erste Artikel der “Zeit” dazu erschien.
http://jungle-world.com/suche/?s=lanzmann

13. Januar 2010, 19.17 Uhr:

Guido fördert und fordert

von Jörn Schulz

Offenbar hat Guido Westerwelle eine gute Lösung gefunden, um seine außenpolitische Inkompetenz zu überspielen. Er überträgt einfach die in der Innenpolitik gültigen Kategorien auf den Rest der Welt. Im Jemen besuchte er Präsident Ali Abdullah Saleh, der seit 1978 regiert, ohne dass die westliche Welt an Repression und Korruption Anstoß genommen hätte. Bis Westerwelle kam. „Es sei ‚ziemlich direkt und ungeschminkt zur Sache gegangen’, hieß es in der deutschen Delegation. Aus dem Diplomatendeutsch übersetzt heißt das, dass man sich fast angeschrien hat.”

Westerwelle passt der Bürgerkrieg nicht, er wünscht eine „politische Lösung“, und „das, so hieß es hinterher, habe er auch dem Präsidenten in aller Deutlichkeit gesagt“, vermutlich ohne zu erläutern, wie er sich diese Lösung vorstellt. „Pünktlich zum Besuch Westerwelles hatte Salih angekündigt, er sei bereit zum Dialog mit al-Qaida, falls die Terroristen ihre Waffen niederlegten. Das reichte allerdings nicht aus, um deutsche Befürchtungen zu zerstreuen.“ Aber vielleicht gelingt es ja Guido, irgendwann mit Ussama bei Anne Will die leidigen Streitpunkte auszudiskutieren.

Zuvor in Saudi-Arabien war alles ein bisschen anders: „Westerwelle bedankt sich artig für ‚großartige Gastfreundschaft’. Saudi-Arabien ‚spiele als „regionale Führungsmacht eine Schlüsselrolle’.” Unter anderem beim Bürgerkrieg im Jemen, an dem saudische Truppen beteiligt sind. Dass Saudi-Arabien mit fundamentalistischer Propaganda, dem Bündnis des Königshauses mit den Taliban und anderen Islamisten sowie den großzügigen Spenden vieler Geschäftsleute einen weit größeren Beitrag zur Stärkung islamistischer Terrorgruppen leistete als Saleh – das in Gegenwart seiner Majestät zu erwähnen, wäre auch sehr, sehr unhöflich gewesen.

Der Jemen gehört zu den Hartz-IV-Empfängern unter den Staaten. Da heißt die Devise: Fördern und fordern. „Deutschland hat dem Jemen 79 Millionen Euro Entwicklungshilfe für zwei Jahre zugesagt und ist damit sein größter europäischer Unterstützer. Dieser Hebel soll genutzt werden, um den Präsidenten zu einer besseren Regierungsführung zu drängen.“ Der „Hebel“ ist zwar ein erbärmlich geringer Betrag, aber man soll die Hartz-IV-Empfänger ja auch nicht verwöhnen. Saudi-Arabien hingegen gehört zu den Ackermännern unter den Staaten. Niemand mag sie, aber die Westerwelles dieser Welt glauben, sie seien unentbehrliche Leistungsträger. Fordert man zuviel von ihnen, sind sie beleidigt und spielen nicht mehr mit.

13. Januar 2010, 18.26 Uhr:

Kein Hund im Himmel

von Jörn Schulz

Stellen Sie sich einmal vor, sie wären ein wahrer Christ. Das Ende der Welt bricht an, und da Sie zu den wirklich Frommen gehören, werden Sie entrückt. Nun sind Sie also im Himmel, und alles ist gut. Wirklich alles? Nein, denn ihr Haustier muss auf der Erde bleiben. Wie wird der arme Vierbeiner ohne Sie zurechtkommen?

Nun, zum Glück gibt es im Kapitalismus für jedes Problem eine Lösung. In diesem Fall heißt sie Eternal Earth-Bound Pets, für nur 110 Dollar garantieren freundliche Atheisten, die ja von der Himmelfahrt ausgeschlossen sind, dass es ihrem Liebling weiterhin gut geht. Vorläufig in 22 Bundesstaaten der USA, aber das Unternehmen expandiert. Das Angebot gilt für die ersten zehn Jahre nach der Zahlung. Sollte Gott, der ja schon 2000 Jahre lang trödelt, sich mehr Zeit lassen, müssen sie halt nachzahlen. Dafür kostet jedes weitere Haustier Sie nur 15 Dollar.

Bart Centre, der Mitbegründer der Firma, betont, dass es sich um ein seriöses Angebot handelt. Auch an die Details hat man gedacht. „Natürlich rechnen wir damit, dass es unmittelbar nach der Entrückung viel Chaos und Unordnung geben wird, die einen Einfluss auf die Reisezeiten haben können.“ Jeder atheistische Tierretter darf nur eine begrenzte Zahl von Aufträgen annehmen, damit er trotz aller Probleme rechtzeitig vor dem Verhungern des Haustiers eintrifft.

Immerhin fünf Prozent der Mails, die Eternal Earth-Bound Pets erreichen, kommen von potenziellen Kunden. Allerdings misstrauen viele Christen den Atheisten, andere glauben, sie könnten ihr Haustier in den Himmel mitnehmen, obwohl die meisten Theologen anderer Ansicht sind. Schließlich heißt es im Römerbrief: „Auch die Kreatur wird frei werden vom Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“ Die Kreatur, nicht nur der Mensch. Und das Buch der Prediger lässt die Frage offen: „Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr als das Vieh; denn es ist alles eitel. (…)Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des Viehes abwärts unter die Erde fahre?“ Aber mal ehrlich, bei aller Tierliebe: Möchten Sie auch im Himmel noch in einen Hundehaufen treten?

5. Januar 2010, 09.59 Uhr:

Autor vs. Texter

von Stefan Ripplinger

Der Autor ist entmachtet, es gibt nur noch Texter. Der Autor war ein Gockel, der sich der Urheber seines Geschreibes wähnte und sich wie ein Demiurg gebärdete. Goethe! George! Grass! Wann ihm wo etwas wie eingefallen war, schien von hoher historischer Bedeutung, schien der Aufzeichnung wert. Der Autor signierte und diente der Signifikation. Der Texter hat nichts zu signieren, nichts mitzuteilen, er produziert anonyme Textwürste, die von eiligen Redakteuren und blinden Grafikerinnen zugeschnitten und in vorbereitete Formen eingepasst werden. Der Text ist nur mehr Beilage zum Bild, Füllung einer Kolumne, Erfüllung eines Formats*, unspezifisch, unsigniert, Dienst am Rauschen. Daraus ergibt sich, dass es keineswegs früher besser war, sondern jede Zeit auf ihre Weise die schlimmste ist.

* z.B. der “Wenderoman". Schreiben Sie einen Wenderoman, nicht unter 300, nicht über 350 Seiten à 2.500 Anschlägen! Dem hätte sich der Autor, allein schon aus Eitelkeit, nicht gefügt. Doch der Texter ist in diesem einen Punkt klüger: Er hält den “Roman” nicht wie der Autor für einen Ort der Freiheit und der Originalität, sondern bloß für eine bürgerliche Hohlform, die er genauso professionell auffüllt wie alle andern.

———

Möglicherweise gibt es regelmäßige Leser dieses Blogs. Sie möchte ich darauf hinweisen, dass ich meinen Beitrag über Günter Peter Straschek, gewissermaßen nach den Quellen, noch einmal völlig überarbeitet habe.

31. Dezember 2009, 09.15 Uhr:

Ich

von Stefan Ripplinger

“Ich” war, ist und bleibt nichts, und genau daraus beziehe “ich” das Recht, davon und davon und davon zu sagen, es sei nichts.

(Dionys Mascolo, À la recherche d’un communisme de pensée)

30. Dezember 2009, 18.48 Uhr:

Der Stärkere im Sandkasten

von Jörn Schulz

„Das Wesen des Mannes ist der Krieger.“ Nein, der Satz stammt nicht von Hitler, auch nicht von Ussama bin Laden, und Conan der Barbar war’s auch nicht. Der Wagner, Franz Josef, der von Bild, der war’s. „Im Schoße seiner Familie verliert der Mann sein eigentliches Wesen“, weiß Wagner. Hinaus in die Welt muss er, nicht der Wagner, aber der Mann an sich, wo er sich messen kann mit anderen Männern. Denn „das Innerste eines Mannes ist, wer der Stärkere im Sandkasten ist.“ Also, Herr Wagner, kommen Sie mir nicht mit dem Schumacher, dessen Comeback Sie preisen. Nein, Afghanistan ist der Sandkasten für wahre Krieger, denn da leben echte Kerle, die noch wissen: „Windeln-Wechseln, Gutenachtlieder-Singen, von Hänsel und Gretel erzählen ist nicht das Wesen eines Mannes.“

Unser neuer Verteidigungsminister kann wenigstens ein Magazin wechseln. „Ich könnte wohl noch das alte G3-Gewehr zerlegen“, erzählt er der Bams. Lieber zerlegt er aber die Menschenrechte. Der Minister ist der Ansicht, dass „Afghanistan gerade wegen seiner Geschichte und seiner Prägung sich nicht als Vorzeige-Demokratie nach unseren Maßstäben eignet. Und wir müssen uns fragen, wer von den Aufständischen stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Staatengemeinschaft dar und wem geht es um afghanische Angelegenheiten. Die Frage der Menschenrechte muss dabei einbezogen werden, ohne die gewachsenen Kulturen in Afghanistan zu ignorieren.“

Soll er gefälligst seine Frau oder seine Tochter umbringen, der Afghane, und uns in Ruhe lassen, er muss nur aufpassen, dass eine Frau übrig bleibt, die die Windeln wechseln kann. „Wir müssen allerdings eine Vielzahl steinigen“, meint Guttenberg. Entschuldigung, mein Fehler, es muss heißen: „Wir müssen allerdings eine Vielzahl von, auch steinigen, Wegen beschreiten, um den momentanen Realitäten in Afghanistan gerecht zu werden. Warum? Weil wir in einem Land mit einer so großen regionalen Vielfalt nicht einen ganzen Volksstamm wie die Paschtunen außen vor lassen können“.

Zur Weiterbildung (die brauchen auch Krieger, lesen Sie das bei Sun Tzu nach), Herr von und zu, empfehle ich „My Cousin’s Enemy is My Friend: A Study of Pashtun ‚Tribes’“, eine Untersuchung des US-Militärs, die einige auch in der amerikanischen Politik gängige Klischees widerlegt und Sie nebenbei darüber aufklärt, was es mit den „Volksstämmen“ auf sich hat. Wenn Sie das gelesen haben, wissen Sie mehr als der Westerwelle, der kann die Studie ja nicht lesen, die diese arroganten Amerikaner natürlich wieder mal in englischer Sprache abgefasst haben.

Wenn Sie dem Westerwelle etwas voraus haben (Nein, Haargel genügt nicht), sind Sie vielleicht bald die Nummer 1 in Merkels Sandkasten. Dann kann Ihnen der Guido nicht mehr die Schaufel klauen und hinterher behaupten, es sei schon immer seine gewesen. Ein bisschen anstrengen müssen Sie sich allerdings schon, denn auch Westerwelle hat den Krieger in sich entdeckt. „Wenn die Afghanistan-Konferenz in London eine reine Truppenstellerkonferenz wird, fahre ich nicht hin.“ Ein Mann, ein Wort. Das „erhöht den Druck auf die Teilnehmer der Afghanistan-Konferenz in London“, weiß man beim Spiegel, denn eilig wird nun die Tagesordnung geändert, weil die diplomatische Welt erzittert angesichts der Aussicht, Westerwelle werde womöglich in Berlin bleiben.

Eines haben Sie dem Guido schon voraus, Herr von und zu. Der hat nämlich den zweiten Trend der Zeit verschlafen. Richtig, es geht um den Glauben. Bild fragt: “Militärbischof Mixa hat zum Gebet für die deutschen Soldaten am Hindukusch aufgerufen, deren Situation bedrückend sei. Beten Sie für die Männer und Frauen Im Einsatz?” Guttenberg: “Das tue ich nicht nur an Weihnachten. Für mich als gläubiger Christ ist das eine Selbstverständlichkeit.” Sie werden sehen, wenn Sie erstmal als Glaubenskrieger bekannt sind, wird es auch viel leichter, mit den Taliban ins Geschäft zu kommen.

Schmeicheln Sie uns!

Falls Sie Ihre Wertschätzung für unsere Website ausdrücken möchten, können Sie dies mithilfe des Mikro-Bezahlsystems Flattr tun. Benutzen Sie einfach den folgenden Button:

Mehr Informationen auf flattr.com

Anzeige Transformellae Ikeae

Werden Sie ein Fan!

Jungle World
auf Facebook

Sie müssen sich nicht für Facebook registrieren, um unsere Seite zu betrachten. Na gut, dann …