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Kürzliche Beiträge
21. Dezember 2009, 10.49 Uhr:

Der Fuchs

von Stefan Ripplinger

Neben guten Manieren* haben die Konservativen, jedenfalls diejenigen, die ich meine, den Linken etwas voraus: Weisheit.
Es ist zwar prinzipiell vorstellbar, dass auch ein Linker gute Manieren haben könnte, obwohl er dadurch sofort konservativ erschiene, aber Weisheit widerstrebt der linken Unruhe, der Dialektik, dem Aufstand und dem Fortschritt. Sie siedelt nahe der Resignation, nahe dem Zweifel, aber auch in einer zur Saturiertheit neigenden Gelassenheit. Das gibt es alles nicht im linken Denken, bekanntlich vor allem den Zweifel nicht.
Wenn es mich aber, gegen Ende des Jahres, da ich den ganzen Unsinn bedenke, der hinter mir liegt, und den Schrecken vor mir, quantus tremor est futurus, nach ein wenig Weisheit verlangt, mehr aus Gründen der Entspannung, greife ich gern zu meinen Lieblingskonservativen, Chesterton, Doderer und übrigens auch zu John Selden, einem Rechts- und Universalgelehrten, der von 1584 bis 1654 gelebt hat, gar nicht sonderlich konservativ war, nicht so konservativ wie, sagen wir einmal, Hobbes oder Burke, aber doch ein Vertreter jenes Common Sense, der sich Linken verbietet. Er war ein großer Kenner des Judentums, das er gegen dessen Verächter stets verteidigt hat.

Money
1. Money makes a man laugh, A blind fidler playing to a Company & playing but scurvily, the Company laugh’d att him, his boy that lead him perceiveing it, cry’d, ffather letts bee gone, they doe nothing but laugh att you. Hold thy peace, Boy, sayes the fidler, wee shall have their money presently & then wee will laugh att them.
2. Euclide was beaten in Boccaline for teaching his Schollars a Mathematicall figure in his schoole, whereby hee shew’d that all lives both of princes & private men tended to one Center, Con Gentilezza, handsomely to gett money out of other mens pocketts & putt it into their owne.
3. The Pope heretofore us’d to send the Princes of Christendome to fight against the Turks. But prince & pope Jugled finely together the moneyes were rais’d & some men went out to the holy warr: But comonly after they had gott the money the Turke was pretty quiett & the prince & ye pope shar’d it betweene them.
(Table Talk of John Selden. Newly edited for the Selden Society by the Right Hon. Sir Frederick Pollock, Bt. London 1927, S. 82f.)

Selden hatte, wie man sieht, ein loses Mundwerk und geriet deshalb einige Male in Schwierigkeit, auch in den Tower geworfen zu werden, musste er sich gefallen lassen. Die Weisheit, an die er sich selbst nicht immer gehalten hat, lässt sich mit einer Fabel zusammenfassen:

Wisemen say nothing in dangerous times. The Lyon you knowe call’d the sheep to aske her if his breath smelt; shee said Yes: hee bitt of her head for a foole. Hee call’d the Wolfe & asked him; hee said Noe; hee tore him in peeces for a flatterer. Att last hee called the ffox, and ask’d him: why, hee had gott a cold and could not smell.
(S. 139f.)

* (Anmerkung 26.XII.) Mit schlechten Manieren meine ich bestimmt nicht die linke Szene, die ich kaum kenne und die mir gleichgültig ist (außer wenn sie die Vorführung eines Films von Lanzmann verhindert), sondern durchaus die bekannten Gestalten. Lenin schrieb in seinem Testament: “4.I. 1923. Stalin ist zu grob, und dieser Makel, der unter uns und in Beziehungen zu andern Kommunisten akzeptabel sein mag, ist ganz inakzeptabel für einen Generalsekretär.” Seitdem ich diesen Satz vor etwa 15 Jahren gelesen habe, geht er mir durch den Kopf. Warum ist Grobheit unter Kommunisten akzeptabel? Warum klingt der Begriff “communisme de pensée", von dem Blanchot im Anschluss an Dionys Mascolo sprechen wollte, wie ein Widerspruch in sich? Hier liegt ein Problem, das aber überraschenderweise nur sehr wenige zu beschäftigen scheint.

16. Dezember 2009, 19.13 Uhr:

Der geheimnisvolle Informant

von Jörn Schulz

Bei der Debatte über die Bombardierung bei Kunduz geht es vornehmlich darum, wer wann warum gelogen hat. Da geraten andere Fragen leicht in Vergessenheit. Zum Beispiel die eigentlich nahe liegende Frage, warum Oberst Klein zwei Lkw mit militärischem Nachschub unbewacht in der Dunkelheit durch ein Gebiet fahren ließ, das von den Taliban kontrolliert wird. Das war zumindest unverantwortlicher Leichtsinn, der mindestens einen Fahrer das Leben gekostet hat.

Die Bundeswehr behauptet: „Eine als sehr zuverlässig eingestufte afghanische Quelle des PRT Kunduz bestätigte in der Folge mehrfach ausdrücklich, dass es sich bei den Personen an den Treibstoff-Lkw ausschließlich um regierungsfeindliche Kräfte handele“. Das war bekanntlich nicht der Fall, “regierungsfeindliche Kräfte” ist allerdings ein dehnbarer Begriff. Doch wie und warum kam der Informnat überhaupt dahin? Sieben Mal soll er mit der Bundeswehr telefoniert haben. Infiltriert hatte er die Taliban-Gruppe also offenbar nicht, da man annehmen kann, dass es Misstrauen erregt hätte, wenn sich jemand so oft in die Büsche schlägt. Überdies wollte der Mann sicher nicht als Kollateralschaden enden. Andererseits hat er angeblich vier Taliban-Führer erkannt, und man muss einem vollbärtigen Turbanträger bei Nacht schon sehr nahe sein, um ihn identifizieren zu können. Ging da jemand im Mondschein spazieren, beobachtete zufällig die Szene und leitete dann faktisch einen Militäreinsatz? Vermutlich nicht.

Die entscheidende Frage ist: Waren die beiden Tanklastwagen ein Köder? Man konnte davon ausgehen, dass die Taliban ihn schlucken und die örtliche Führung sich versammelt, um die Beute zu begutachten. So hätte die Bundeswehr endlich einmal einen militärischen Erfolg feiern können, ohne ein Risiko einzugehen. Das wäre nicht sehr rücksichtsvoll gegenüber den Fahrern und den bei der Bombardierung getöteten Zivilisten, auch setzt es eine Cleverness voraus, die man der Bundeswehr kaum zutraut. Aber so ergeben die bekannten Fakten einen Sinn.

Der ungeschützte Transport bei Nacht etwa, ansonsten eine kaum erklärliche Dummheit, und auch die Präsenz der geheimnisvollen “Quelle". Ein Informant aus dem Umfeld der Taliban dürfte wissen, wo ein Hinterhalt zu erwarten ist, er kennt auch den Ort, den die Jihadisten mit ihrer Beute ansteuern würden und muss niemanden auf Sicht identifizieren, weil er weiß, mit wem er es zu tun hat oder das wenigstens glaubt. Die Beteiligung der KSK, deren Job die Jagd auf Taliban-Führer ist, wäre ebenso erklärlich wie das Drängeln Kleins, schnell zu bombardieren.

Die Luftaufklärung zeigte nach Angaben der Bundeswehr einige Bewaffnete („several“, die Bundeswehr übersetzt „etliche“). Hätte der Oberst sich auf die zufällig eintreffenden Angaben eines Informanten verlassen? Jeder Anfänger bei Militär und Geheimdienst weiß, dass man von solchen Leuten, die häufig Doppelagenten sind oder eigene Interessen verfolgen, mindestens so oft belogen wird wie von Ministern. Es wurden mehrere Fälle bekannt, in denen Informanten US-Luftangriffe auf feindliche Clans lenkten. Bei den Bewaffneten hätte es sich auch um Bauern handeln können, die von den Taliban bereits aufgegebene Lkw begutachten, denn ohne Waffe geht schon gar in der Nacht im ländlichen Afghanistan kaum jemand aus dem Haus. Doch Klein war sich seiner Sache offenbar sehr sicher.

8. Dezember 2009, 19.01 Uhr:

Beam me up, Burt

von Jörn Schulz

Es geschieht nicht oft, dass an dieser Stelle Initiativen der Privatwirtschaft gelobt werden. Vermutlich ist es noch gar nicht vorgekommen, aber heute will ich aus gutem Grund eine Ausnahme machen. Denn die Raumfahrt ist zu wichtig, als dass sie bornierten Bürokraten und kleingeistigen Politikern überlassen werden darf. Freuen wir uns deshalb mit Burt Rutan und Richard Branson von Virgin Galactic über die Taufe des SpaceShipTwo, das nun „Enterprise“ heißt.

Vorerst werden nur suborbitale Flüge angeboten, und mit 200000 Dollar ist der Spaß noch etwas teuer. Aber es ist ein Anfang, und das SpaceShip bewältigt den Wiedereintritt in die Atmosphäre eleganter als das Space Shuttle. Schöner ist es auch.

8. Dezember 2009, 12.58 Uhr:

Straschek (überarbeitet)

von Stefan Ripplinger

Ende der Achtziger hörten wir seine Radio-Essays über die Bibliotheken in London, Berlin und Wien.* Dank freundlicher Vermittlung habe ich sie nun, nach über zwanzig Jahren, wiedergehört. Ganz ins Vergessen gesunken war das Selbstporträt des Lesers am Anfang, fast eine Autobiographie. Aufgewachsen in Graz, der „ehemaligen Stadt der Volkserhebung“, versucht er sich wie andere vom nazistischen Erbe frei zu machen. Als Kind liest er B. Traven, als Jugendlicher entdeckt er Brecht und wundert sich über Sartre. Es war ein „mädchenloses Aufwachsen in diesen fünfziger Jahren da unten, mit Kunst als alleinigem Flucht- und Ausweg. Für die weniger Intelligenten gab es den Sport, die Blöden beschäftigten sich mit Technik. Wir waren sehr alleine, wir haben geschrieben, gelesen und gelesen. Alle unsere bzw. meine Vorurteile sind damals schon entstanden. Meine Bewunderung für Faulkner und meine Verachtung für Steinbeck oder Thornton Wilder. Meine Wertschätzung von Hans Henny Jahn und meine Geringschätzung für Werfel oder Hesse, Stefan Zweig oder Rilke.“

Vor dem österreichischen Muff flieht er nach Westberlin, gibt die Literatur für den Film auf, was ihm später, “nach meinem Scheitern in dieser Branche", wie ein Fehler erscheint. Er siedelt nach London über, beginnt ein gigantisches Werk über die (vor allem jüdischen) Exilanten der Kinoindustrie aus Nazideutschland, wohlgemerkt nicht nur über die bekannten Regisseure und Autoren, sondern auch über Kameraleute und Toningenieure, selbst über die Assistenten und die Anwälte. Er hasst es, wie die Sarrazins seiner Zeit über den Verlust großer jüdischer Genies klagen, aber über den ermordeten Gemischtwarenhändler Cohn kein Wort verlieren. Gut 1000 Interviews hat er geführt, gemeinsam mit seiner Frau über ein Jahrzehnt bis zur Erschöpfung gearbeitet; das auf viele Bände geplante Werk ist nie erschienen.**

Aber gut erinnern konnte ich mich noch so viele Jahre nach dem Anhören der Essays an seine Spitzen gegen die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Am Drehkreuz greift ihm eine Mitarbeiterin ohne Vorwarnung ins Sakko. Sie befürchtet, er könnte ein Buch gestohlen haben. Vor solchen beflissenen Subalternen graust es ihm. Es gehen ihm aber auch die Studenten auf die Nerven, die, um „aus 217 Bänden Sekundärliteratur ihre Magisterarbeit zusammenzustellen“, alles, was ihnen halbwegs interessant erscheint, zum Kopierer schleppen. „Ich kann diese Schlangen vor den Kopierapparaten nicht mehr sehen, diese Berge von Büchern unter den Armen, diese Tonnen von Fotokopien, die dann mit roten und blauen und grünen und gelben und orangenen Markern von oben bis unten vollgestrichen werden.“ Zyniker haben dieses studentische Verhalten als „Interpassivität“ beschrieben, damit verglichen erscheinen seine Sehnsucht nach ruhigem intellektuellem Arbeiten, sein Überdruss am fleißigen Abschreiben von Nichtigkeiten, sein lässig eingestandener Kulturpessimismus, lieber zum dritten Mal Stifters Nachsommer als zum ersten Mal ein Buch von Botho Strauß zu lesen, wesentlich sympathischer.

Danach hieß es im Bekanntenkreis, Günter Peter Straschek, der Unbestechlichste von allen, der Grantigste auch, der Nachwelt in Bild und Ton erhalten mit Huillets und Straubs „Einleitung zu Arnold Schoenbergs ‚Begleitmusik zu einer Lichtspielscene’“ (1972), worin er aus Schönbergs Briefen an Kandinsky (1923) über den Antisemitismus zitiert, sei ausgewandert, nach China. Dann lange nichts, erst vor zwei Wochen die Nachricht seines Todes, 29. September in Wien.

Sein Buch habe ich immer lesen wollen, allein des Titels wegen, nie bin ich dazu gekommen, aber nun ist die Zeit doch gerade recht.

Traumfabrik, reale Dekors, soziale Wirklichkeit. Die Vorstellung ‚Traumfabrik’ muß auf den Kopf gestellt werden. Seit geraumer Zeit schon propagiert das Feuilleton, der moderne Film sei reflektierter geworden, realistisch der sozialen Wirklichkeit sich annähernd. Der Kinobesucher meint diese These selbst sehen zu können, und unwillig reagiert er auf einen gemalten Prospekt, er entlarvt das Studio als Illusionstrick nach der Devise: ‚Leider hat ‚Rückpro’ den Nachteil, daß bei mangelhafter Ausleuchtung auch der Laie den Betrug merkt.’ (…) Film ist etwas Gemachtes, Zusammengesetztes, Künstliches – zugespitzt in Sternbergs Annahme, der ideale Film werde völlig synthetisch sein. Endlich zu begreifen wäre: des Kinematografen oft zitierte ‚dokumentarische Authentizität’ ist nichts anderes als die hohe Stilisierung der Oper. Daß soziale Wirklichkeit nicht bei Abfilmung von Gegebenem sich folgerichtig einstellt, darauf ist zu verweisen in Anbetracht der herrschenden Mißverständnisse. (…) Wenn der zeitgenössische Film als ‚realistisch’ und ‚wirklichkeitsnäher’ belobt wird gegenüber der kintoppschen ‚Traumfabrik’, dann sollte sich der Kinobesucher stets fragen: die ‚Wirklichkeit’ welcher Klasseninteressen vertritt dieser ‚kapitalistische Realismus’?“
(Günter Peter Straschek, Handbuch wider das Kino. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1975)

Es ist ein böses Buch. Außer Marx und Mao bleibt keine heilige Kuh ungeschlachtet. Arnheim, Balázs: befangen in ihrem „spekulativen Pathos“, Adorno und Horkheimer: „romantische Konservative“, Underground: „pseudo-meisterliche Luxusgüter“ für die „wahre Bourgeoisie von morgen“, Nazifilm: „gar nicht so verschieden vom Kino vor 1933 in Deutschland und nach 1945 in der BRD“ (dieses Urteil hat er später revidiert), „Les enfants du paradis“: „depravierter Filmkunstklassiker“, René Clair: „essentieller Ausdruck des Verfalls der Dritten Republik“, Pasolini: „peinliche Intellektualisierung“, dagegen „die exzellent-metaphysische ‚B’-Produktion eines Edgar George Ulmer“ sowie die (das soll ein Kompliment sein) „Hofnarren“ Vlado Kristl und Will Tremper (und natürlich Straub).

Aber er ist eben nicht nur einer der in Deutschland und Österreich sattsam bekannten antiintellektuellen Polterer, er folgt einer deutlich erkennbaren und durchaus einleuchtenden Argumentation: Kino als Massenmedium, zugleich als intelligente, synthetische Kunst der Kommunikation, in seiner Klarheit der Literatur überlegen, anonymes, unfreies Produkt, Produkt unserer Zeit, die es wie kein anderes in ihrer ganzen Härte erschließt. Der gewöhnliche Kinogänger ist für ihn nicht ein „ichschwacher Konsument“, der von James-Bond-Filmen brutalisiert wird, sondern immer noch klüger als die selbst ernannten Sozialrevolutionäre. „Beispielsweise in einer Fabrik als Student der DFFB und Stipendienempfänger Arbeiter abzufilmen, sich in der Kantine kumpelhaft an den Tisch der Proletarier zu setzen und verbalradikal jene Ausbeutung zu verurteilen, von der man selbst nicht gerade schlecht dahinlebt, ein Festival mit diesem Produkt zu beschicken, es letztlich an das III. Fernsehprogramm zu verscheuern und alles andere neurotisch mit ‚revisionistisch’ abzutun: dies ist heutzutage die wohl zynischste Form einer parasitären Kulturschickeria, die auf ‚revolutionär’ ihr Brot verdient.“

Vor dieser Haltung können selbstverständlich die Autorentheorie, die Vergötzung großer Heroen der Filmgeschichte (Chaplin! Eisenstein!), die Widerspiegelungslehre, die sentimentale Sozialkritik nicht bestehen, also all das nicht, was noch heute Kulturspießer zur Rettung des Kinos hochhalten. Und vergnüglicherweise ist für einen, der so denkt, das Musical politischer als der Problemfilm: „Der ‚kritische’ Film und partikular auch das Kunstkino stellen heute in der kapitalistischen Produktion eine ungleich größere Gefahr der sozialen Dekomposition dar als das Musical, weil ‚ernste’ Konflikte vorgegeben werden und im Interesse der Herrschenden unter Anteilnahme privater Konsumtionsbedürfnisse ihre Scheinlösung erfahren.“ Nebenbei: Hier verteidigt ein Linker Hollywoods Studiosystem gegen die europäischen Meister (schöne Pointe: Murnau und Renoir waren in den USA besser als in Europa).

Problematisch scheint mir, dass er zwischen ästhetischem Urteil und ökonomischer Analyse munter hin- und herspringt, weder ihre Grundlage noch ihren Zusammenhang irgendwo erläutert. Den Begriff der „Ideologie“ meidet er jedenfalls, vielleicht zu Recht. Dass die wirtschaftliche oder gesellschaftliche Rolle der Kunst, selbst der Massenkunst, gern überschätzt wird, ist eine Binsenweisheit. Schmälert es ihren Wert, dass weder der Rechte (Priorität der Wirtschaft) noch der Linke (Priorität der Politik) allzuviel mit ihr anzufangen weiß? Straschek lässt den Film in der „Produktion“ untergehen; sein Buch bezeugt jedoch eine ganz verblüffend genaue Kenntnis des Untergegangenen. Dieser ungerechte Abgesang aufs Kino wird ihm mehr gerecht als sämtliche Apologien.

Strascheks Buch hat den Furor eines jungen Mannes, der wild entschlossen ist, sich alle Chancen zu vermasseln. Die Zeit nannte es in ihrem Verriss einen „mit abgestandenem SDS-Jargon gewürzten Daten-, Zahlen-, Zitaten- und Namensbrei“, es sei ein „Handbuch wider das Lesen“, das sich an „Großen der Filmgeschichte“ vergreife.

Es ist, mit anderen Worten, höchst lesenswert.

* „Besuch mich mal im Lesesaal. Erfahrungen mit dem materiellen Gedächtnis“ (Sender Freies Berlin, 21./22. März 1988).
** Immerhin entstand 1975 die fünfstündige Fernsehdokumentation “Filmemigration aus Nazideutschland” (WDR / SFB), in der er mit einer Vielzahl von Emigranten spricht, mit Lotte H. Eisner, der berühmten Historikerin in Paris, mit dem Regisseur Anatole Litvak, mit George Froeschel, der als Drehbuchautor in Hollywood erfolgreich war und die Zeit mit Brecht, Eisler und Feuchtwanger miterlebt hatte, mit der wunderbaren Schauspielerin Dolly Haas, mit dem scharfzüngigen Publizisten Heinrich Fraenkel und dem in Anekdoten schwelgenden Regisseur Franz Marischka, nebst vielen andern. Es wird deutlich, was es bedeutet hat, über Nacht Haus und Freunde zu verlassen, woanders ganz von vorn anzufangen. Es entsteht die kollektive Geschichte einer oft abenteuerlichen Flucht, vieler Rückschläge und Verzweiflungen, aber auch von Anderswerden und Glück. Mit wenigen Ausnahmen (Marischka) kehrten nur die Linken zurück nach Deutschland, die andern mieden das Land, wo ihre Verwandten verschleppt und ermordet und sie selbst mit dem Tod bedroht worden waren. Und die, die Nachkriegsdeutschland besuchten, mussten hören, dass die wahren Opfer die Deutschen seien.

7. Dezember 2009, 19.57 Uhr:

Feindkontakt

von Jörn Schulz

Na bitte, die Bundeswehr trägt also doch dazu bei, die afghanische Zivilbevölkerung zu schützen. Allerdings indirekt, denn der US-General McChrystal will die Einsatzregeln für Luftangriffe noch einmal verschärfen wegen des von Oberst Klein angerichteten Desasters.

„So soll die Definition des ‚Feindkontakts’ als Begründung für ein Bombardement in Zukunft klarer definiert werden.“ Ist eigentlich nicht so schwer, Feindkontakt zu definieren, sollte man meinen. Wird man beschossen, hat man Feindkontakt. Wird man nicht beschossen, hat man keinen Feindkontakt. Warum Klein behauptete, die Bundeswehr habe Feindkontakt, obwohl das nicht der Fall war, gehört zu den vielen Fragen, die der Untersuchungsausschuss nicht klären wird.

Als damals behauptet wurde, Klein habe die US-Piloten davon abgebracht, schwerere Bomben abzuwerfen, habe ich gleich geahnt, dass das nicht stimmt. Nun stellt sich heraus, dass Klein gleich sechs Bomben abwerfen lassen wollte und dagegen war, dass die um die Tanklastwagen Versammelten durch Tiefflüge gewarnt werden. Die Geschichte von dem Informanten, der angeblich alles genau beobachtete, war natürlich auch eine Erfindung. An die Befehlskette hat Klein sich ebenfalls nicht gehalten. Verdammt viele „Informationspannen“. Kein Wunder, dass die Bundesregierung von der US-Bitte um Truppenverstärkungen wohl ausgenommen sein wird.

3. Dezember 2009, 19.40 Uhr:

Krieg den Minaretten, Friede den Nummernkonten

von Jörn Schulz

Was an der Debatte über das Minarettverbot in der Schweiz wirklich nervt, ist die Märtyrerpose. Ja, auch die diverser Repräsentanten islamischer Organisationen. Aber widmen wir uns mal den Schweizern. „Dass es überhaupt zu einer Anti-Minarett-Initiative kommen konnte, zeigt vor allem, dass viele Menschen nicht wagten, ihren Unmut offen zu formulieren sondern Ärger herunter schluckten“, schreibt die Feministin Julia Onken, die für das Verbot stimmte. Wovor haben diese Leute eigentlich Angst? Vor den Internierungslagern, in denen schon zehntausende Islamkritiker schmachten, nur weil sie keine Moscheen mögen?

Eher wohl vor der Kritik. „In einer Demokratie muss es doch möglich sein, die eigene Meinung frei zu äußern - und in diesem speziellen Falle - ohne in die fremdenfeindliche Ecke gestellt zu werden.“ Tatsächlich ist das Motiv für die Ablehnung der Minarette nicht in jedem Fall Rassismus. Wer aber eine Meinung äußert, muss mit Kritik, auch mit unsachlicher, unfairer und empörender Kritik, leben. So ist das in der Demokratie. Ist mir übrigens auch schon passiert, dass Leute mir mit den dümmsten und haarsträubendsten Vorwürfen gekommen sind. Ich habe es überlebt. Sie, Frau Onken, werden es auch überleben, ebenso wie ihre Eidgenossen.

Weil ich heute gerade in konstruktiver Stimmung bin, möchte ich einen Vorschlag machen, wie die Schweizer den Verdacht ausräumen können, dass es den meisten von ihnen doch darum ging, den muslimischen Migranten klar zu machen, dass sie gerne die Dreckarbeit machen können, ansonsten aber den Mund halten sollen. Es werde folgender Verfassungszusatz beschlossen: „Um nicht weiterhin das Vermögen jener zu mehren, die steinigen, auspeitschen und enthaupten, beschließen wir: Keine in der Schweiz ansässige Bank darf Geld von reaktionären Emiren, fundamentalistischen Königen und islamistischen Geschäftsleuten annehmen. Bereits in der Schweiz deponiertes Vermögen ist zu beschlagnahmen. Der Erlös wird vollständig der Demokratie- und Menschenrechtsbewegung gegen Sharia und Diktatur zur Verfügung gestellt.“

2. Dezember 2009, 19.51 Uhr:

God, Guns and Goldman

von Jörn Schulz

Diverse Manager von Goldman Sachs haben offenbar in New York Waffenbesitzkarten beantragt. Beginnt die herrschende Klasse, sich zu bewaffnen? Und wenn ja, wozu eigentlich? Bislang kam es noch zu keinem einzigen Attentat oder Lynchmord. Es gibt nicht einmal bedeutendere militante Proteste.

Allerdings muss man berücksichtigen, dass Josef Ackermann ein Publikumsliebling ist im Vergleicht mit den Bankern von Goldman Sachs. „Fünf Gründe, warum wir Goldman Sachs hassen“ nennt etwa Cody Willard auf Market Watch, einer Webseite, die zum Verlag Dow Jones&Company gehört, der auch das Wall Street Journal herausgibt und nicht im Ruf steht, linke Umtriebe zu fördern. Auch die anderen Banker hassen Goldman Sachs, die Firma ist für das US-Finanzgewerbe, was Bayern München für die Bundesliga ist. Man will das arrogante Pack verlieren sehen und vermutet wohl nicht zu unrecht, dass die ganze Branche etwas besser dastünde, wenn die Leute von Goldman Sachs nicht immer übertreiben würden, sondern stattdessen einfach mal den Mund halten könnten. Dass der CEO Lloyd Blankfein der Times erzählte, er tue „Gottes Werk“, hat noch einmal alle Vorurteile bestätigt. Etwa später brachte Blankfein dann den Satz „Wir entschuldigen uns” über die Lippen. Die meisten Amerikaner hätte es weniger gewundert, wenn ein Ufo vor dem Weißen Haus gelandet wäre.

Ich vermute, hinter dem Griff zur Waffe verbirgt sich ungläubiges Erstaunen, gepaart mit Misstrauen. Ackermann, eine Frohnatur, denkt wohl so: „Wenn die Leute so bescheuert sind, uns das Geld hinterherzuwerfen, ohne eine Gegenleistung zu fordern, ziehen wir ihnen am besten gleich noch mehr aus der Tasche.“ Also fordert er einen staatlich finanzierten Fonds für künftige „Rettungspakete“. Die Leute von Goldman Sachs sind etwas misstrauischer. „Irgendwas kann da nicht stimmen“, denken sie sich. „So bescheuert können die Leute gar nicht sein, dass sie uns einfach weitermachen lassen. Bestimmt ist das nur die Ruhe vor dem Sturm. Womöglich lauert schon hinter der nächsten Ecke jemand, der mich erledigen will.“

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