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Kürzliche Beiträge
26. November 2009, 14.10 Uhr:

Got you

von Lieselotte Kreuz

Procrastination is writing this blog entry.

And: Procrastination is reading it. See? Got you!

24. November 2009, 18.31 Uhr:

Abgedriftet

von Jörn Schulz

Wenn Ihnen Bigbeatland zu radikal ist, haben Sie nun eine Alternative: „Willkommen zu einem neuen Abenteuer von Andi und seinen Freunden, die sich wieder für Demokratie und gegen Extremismus einsetzen. Diesmal müssen alle mit ansehen, wie ihr Freund Ben in die linksautonome Szene abdriftet. Am Ende sind alle geschockt…“ Nicht wegen der einfältigen Story, sondern wegen der autonomen Gewalt natürlich. Den lieben Kleinen, für die der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen den Comic zeichnen ließ, wird sogar erläutert, was ein Antideutscher ist, „eine Ausnahmeerscheinung im Linksextremismus“ nämlich.

24. November 2009, 10.51 Uhr:

W / M

von Stefan Ripplinger

Das Problem von Männlichkeit und Weiblichkeit, das nicht nur für einen Otto Weininger noch ein existenzielles, für einen Klaus Theweleit noch ein kritisches war, das von der Gender-Theorie abgewickelt und das am Ende in Modefotografien entsorgt worden ist, hat mich seit meiner Adoleszenz nicht mehr bekümmert; meine Weiblichkeit ist meine Männlichkeit. Doch zufälligerweise beziehen sich die beiden amüsantesten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe, auf dieses Problem.

Romain Garys in Form eines fingierten Interviews gelieferte Autobiographie (La nuit sera calme, Paris 1974) erzählt zwar die Geschichte eines Abenteurers, der Pilot in der Résistance war, gaullistischer Diplomat, Romancier, ein großer Liebhaber, ein Freund von John Ford, glückloser Regisseur und verheiratet mit Jean Seberg, aber all das nicht wie „der Saft- und Kraftkerl der Literatur, der er einmal war“ (Katharina Döbler), sondern gewissermaßen wie ein Anti-Malraux, ein Anti-Hemingway, keine Heldentaten, komische Zwischenfälle, keine Eroberungen, glory in defeat, „ich erzähle keine Geschichten gegen mich selbst, aber gegen das Ich, gegen dieses ‚Reich des Ich’“, das auch ein zinnenbewehrtes Reich des Männlichen zu sein scheint, der Selbstzufriedenheit, Härte und Grobheit. „Ein Mensch, der sich wohl in seiner Haut fühlt, weiß entweder nicht, was er sagt, oder er ist ein Schuft.“ Grotesker Höhepunkt dieses Buches, das ich nur mit großer Sympathie lesen konnte, ist seine, des Juden Gary, Liebeserklärung an Jesus von Nazareth, dessen mütterliche Zärtlichkeit von Generationen Kirchenfürsten, Kreuzzüglern und anderen „Machos“ in den Staub getreten worden sei. „Ich habe dir ja gesagt, dass ich etwas von einem Hund habe, eine überstark instinktive Seite, also hätte ich, wäre ich Jesus begegnet, sofort mit dem Schwanz gewedelt und ihm Pfötchen gegeben.“

Die umgekehrte Überraschung dann bei Charles E. Ives, von dem ich jahrzehntelang nur Central Park in the Dark kannte, weshalb ich ihn für eine Art Debussy mit gelegentlichen atonalen Kapricen gehalten habe, für einen zarten, stillen, verträumten Komponisten, und der das genaue Gegenteil davon ist, spröde, kantig, unberechenbar, komplex und dennoch zur Zartheit begabt. Seit ich dieses Jahr seine Vierte Symphonie, seine Lieder und vor allem das Monument seiner Concord Sonata kennen gelernt habe, gehört er zu meinen Favoriten. Wie seine nachgelassenen Memos (hg. v. John Kirkpatrick, London 1973) beweisen, hat der von allen geschmähte und verlachte, von der europäischen Avantgarde abgeschnittene Künstler, der sich immerzu anhören musste, das sei gar keine Musik, das könne man nicht einmal spielen, sich aus dieser langen Misere einen Groll bewahrt, der sich in immer neuen, komischen Tiraden entlädt.

Schuld waren in seinen Augen ältere Hühner, die bei der Hausmusik dünnen Tee trinken, nach süßen Klängen verlangen und aus allen Musikkritikern Hühnerliebhaber gemacht haben. Diese Kritiker müssen deshalb, wenn ein Löwe in die Stube tritt, empört aufschreien: „Er ist völlig verwachsen – keine Federn, falsche Farbe, zu lang, zu viele Füße –, er ist nicht wie ein Huhn!“ Ives, der Löwe, findet, und das ist nicht mehr so komisch, die Musik der Zeit „emasculated“, verweichlicht, verweiblicht. Und wenn ihm keine älteren Damen einfallen, die er für den allgemeinen Verfall verantwortlich machen könnte, travestiert er seine Gegner, so den Musikkritiker Philip Hale. „Tante Hale“, eine „nette und liebe alte Dame aus Boston (die meistens Hosen anhat)“, schrieb, Ives sei von Hindemith beeinflusst. Aber „Hindemith (ein netter deutscher Junge) hat nicht vor 1920 damit begonnen, ernsthaft zu komponieren, einige Jahre, nachdem ich meine (gute oder schlechte) Musik bereits abgeschlossen hatte, von der Tante Hale behauptet, sie sei von Hindemith beeinflusst“.

Es fällt schwer, nicht zu psychologisieren, in dem einen wie dem andern Fall, doch Gary und Ives bieten Zeugnisse aus einer andern Zeit, von andern Kämpfen, die vielleicht, wie aller Quatsch, verändert wiederkehren und Jungs, die sich partout nicht auf dem Fußballplatz balgen, sondern lesen oder Klavier spielen, Mädchen, die lieber Bagger fahren als Barbies umziehen wollen, erhebliche Schwierigkeiten bereiten werden, aber fürs Erste sind das bloß seltsame Echos aus der Tiefe oder Wunden, die unsern Vorfahren geschlagen worden sind.

Felix Klopotek weist mich noch auf diese schöne Aufnahme hin:

19. November 2009, 23.01 Uhr:

Schenken, aber richtig

von Lieselotte Kreuz

Nur noch vier Wochen, dann rennen wir wieder alle in irgendwelche Kaufhäuser und kaufen Küchengeräte, die kein Mensch braucht, Bücher, die nie gelesen oder Mützen, die nie getragen werden, um sie dann eine Woche später verschämt unter dem Weihnachtsbaum zu präsentieren. Das muss nicht sein - schenken wir doch lieber etwas persönliches, etwas, das der ganzen Familie Freude bereitet und sie gleichzeitig - wirklich! - dem Himmel ein Stück näher bringt.

Ja ja, ein Fake vermutlich. Aber nicht schlecht gemacht, nicht?

15. November 2009, 10.14 Uhr:

Weitere Vorstellungen

von Stefan Ripplinger

Nichts ahnend an einem Plakat vorbeigekommen, nachgesehen, diese Vorstellungen gelesen:

„Alle ziehen um: Der Schriftsteller Thomas Brasch und die Krankenschwester Binz mit dem Knaben Ronald M. Schernikau von der DDR in die BRD, der Schriftsteller Ronald M. Schernikau von der BRD in die DDR, der letzte Ik mit Namen Jo vom Sudan in das neue Deutschland. Schernikau erhält als letzter BRD-Bürger die DDR-Staatsbürgerschaft. Brasch verzichtet ganz auf eine deutsche Staatsbürgerschaft. Jo hat garkeine Staatsbürgerschaft. Alle sind tot. Brasch versagt das Herz und Schernikau stirbt an den Folgen von AIDS. Frau Binz fällt die Treppe runter und von Jo weiß man nur, daß er tot ist.
Als Tote sind sie verdammt, in einer Krypta zu hocken; der letzte Kommunist, der englische Jude, der Neger, die Krankenschwester – gemeinsam von einem 120jährigen pseudokatholischen Polen beobachtet und bewacht. Während Schernikau sich die po-langen Haare mit Hingabe bürstet und Frau Binz Junge komm bald wieder pfeift, schreit Brasch gegen den zugemauerten Eingang, um eine kleine Fuge, einen winzigen Spalt freizusprengen: Du mußt gegen dich selbst schreiben! Schreiben ist Reinigung! Sich offen halten! Sich den Stachel ins eigene Fleisch setzen! Versuchen zu leben, anstatt abgestorben dahinzuvegetieren!“

Ja, und dann kommt Väterchen Stalin, beißt ein Sterni auf, spuckt seinen letzten braunen Vorderzahn aus und wirft die Hamlet-Maschine an. Einstürzende Neubauten fallen piepsend in sich zusammen und begraben Johannes R. Becher unter sich, der gerade mit Loreley ein mit Rattengift gewürztes Soufflé bereiten wollte.

Aus irgendeinem Grund kam mir der vom Regierenden Bürgermeister gesponserte Untergrund von jeher ranzig vor. Aber wer weiß, ich schau’s mir eh nicht an. Weitere Vorstellungen am 15., 18., 25., 28. und 29.

12. November 2009, 11.25 Uhr:

Noch einmal Steiner

von Stefan Ripplinger

Selbstverständlich habe ich mich längst daran gewöhnt, dass das, was mich interessiert, nicht mehr als ein, zwei Dutzend anderer Nasen hinterm Handy vorlockt. Das hat große Vorteile, niemand zerredet einem die Lieblingskunst. Aber manchmal wundert es einen doch, so im Falle Franz Baermann Steiner. Ist das nicht eine der erstaunlichsten Ausgrabungen der letzten 20 Jahre? Ist das nicht ein Denken, das, ohne reaktionär zu sein, der gehegten Tradition der Aufklärung scharf widerspricht und also doch zumindest anstößig sein müsste? Hat der Mann nicht mit Theodor W. Adorno, Paul Celan und Mary Douglas renommierte Fürsprecher gehabt? Ich sehe nicht, dass zu seinem hundertsten Geburtstag am 12. Oktober oder auch zum Abschluss der Werkausgabe bei Wallstein bislang etwas anderes als meine Kleinigkeit erschienen wäre. Das spricht übrigens alles für Steiner; seine Sachen sind weder bekömmlich noch verdaulich.

Neuerdings kann man sich hier zwei Passagen aus H.G. Adlers Brief an Chaim Rabin über F.B. Steiner, einen Aphorismus aus den Feststellungen und Versuchen und zwei Gedichte Steiners, „Kafka in England“ und „Elefantenfang“, von mir vorlesen lassen. Dazu lasse ich zwei Préludes des wunderbaren Iwan Wyschnegradsky spielen.

30. Oktober 2009, 18.08 Uhr:

Brüten beim Bhagwan

von Jörn Schulz

Urheberrecht hin oder her, es ist schon eine gute Sache, dass Google unzählige Bücher ins Internet stellt. Hier kann man zum Beispiel mehr über Peter Sloterdijks „psychoaktive Brutzeit“ beim Bhagwan in Poona erfahren. „Dort fand Sloterdijk viel berührungswillige Weiblichkeit, und er war sehr angetan und bereit zu freiwilliger Mitarbeit.“ Der Guru (ich meine jetzt den Bhagwan) war ja nicht sehr wählerisch, was sein Jünger betrifft. Hauptsache, die Schecks waren gedeckt.

Ich frage mich, ob Bhagwan nach seinem Tod im Jahr 1990 womöglich in Sloterdijk reinkarniert ist. Die Gemeinsamkeiten sind jedenfalss verblüffend. Den Zustand völliger Gedankenlosigkeit, den Bhagwan anstrebte, hat Sloterdijk nun wohl erreicht. „Ein Rolls-Royce ist für spirituelles Wachstum das Beste“, soll Bhagwan gesagt haben. Eigentlich eine gute Zusammenfassung des mystischen Wirtschaftsliberalismus, den Sloterdijk propagiert. Der formuliert es so: „Alles spricht dafür, dass dasselbe Publikum auch auf extremen Reichtum wie auf Transzendenz antworten wird.“

Bhagwan sagte: „Ich bin der Guru der Reichen.“ Lässt sich Sloterdijks größter Wunsch trefflicher zusammenfassen? Die „Befreiung des Menschen vom Gewissen” ist noch so ein Ziel Bhagwans, das Sloterdijk sich offenbar zu eigen gemacht hat. Nur mit der „Auflösung des Ich“, da hapert es noch etwas bei Sloterdijk. Aber da war Bhagwan auch nicht anders. Eine Frage allerdings bleibt offen: Was ist aus dem Sex geworden, für den Poona so berühmt war?

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