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Kürzliche Beiträge
28. Oktober 2009, 19.18 Uhr:

Mehr Bier

von Jörn Schulz

…gibt es jetzt im Irak. Na also, geht doch, wenn man die Leute nur lässt. Immerhin haben ihre Vorfahren das Bier und damit die Zivilisation erfunden (vielleicht war es auch umgekehrt): „Nicht wusste Enkidu, was Brot war und wie man es zu essen pflegt. Auch Bier hat er noch nicht trinken gelernt. Da öffnete die Frau ihren Mund und sprach zu Enkidu: ‚Iss nun das Brot, oh Enkidu, denn das gehört zum Leben, trink auch vom Bier, wie es ist des Landes Brauch.’ (…) Enkidu trank sieben Krüge Bier und ihm wurde leicht ums Herz. So wusch er sich und wurde ein Mensch.“ (Gilgamesch-Epos)

24. Oktober 2009, 11.29 Uhr:

Hoch! Die!

von Stefan Ripplinger

Wenn ich Sergio Ortegas unverwüstlichen Revolutionsklassiker „¡El pueblo unido jamás será vencido!“ höre, fällt mir Karl-Heinz Roth ein, wie er auf dem Wittenbergplatz steht und die Faust reckt: „Hoch! Die! Internationale. Soli-dari-tät.“ Das war nach 89, als „Solidarität“ zu einer nationalen Abgabe wurde.

Und Chile tanzt, wenn es den Kampf geführt.
Es tanzt vereint, wie es vereint marschiert.
Faschistenpack! Es kommt, es kommt der Tag.
Der Siegestag, dann wird die Rechnung präsentiert.
Voran! Nach vorn! Für uns geht nichts verlorn.
Nur Ketten sind es, die das Volk verliert.

Es rühren einen die verlorenen Illusionen. In den letzten Tagen habe ich Frederic Rzewskis „The People United Will Never Be Defeated!“, seine 36 Klavier-Variationen auf Ortegas Lied, wieder und wieder gehört. Das Stück dauert ziemlich genau eine Stunde und verlangt dem Interpreten das Äußerste ab (es gibt Einspielungen u.a. von Stephen Drury, Marc-André Hamelin, Ralph van Raat und in wenigen Tagen auch eine von Kai Schumacher). Es ist eine Dekonstruktion, also (nicht viele wissen, was das Wort bedeutet) eine Lektüre, eine liebevolle Lektüre sicherlich, aber auch eine Auseinandersetzung. Das Stück erscheint auf vielerlei Weise permutiert, à la Bartók, als Swing Jazz, als Free Jazz, in Feldmanscher Monochromie und mit Lisztschem Pathos, minimalistisch, geräuschhaft, einmal muss der Klavierdeckel mit Wucht zugeschlagen, ein anderes Mal eine Taste zwanzig Sekunden lang angeschlagen werden. Und doch fügen sich die Teile. Ab etwa der Hälfte fließt, neben „Bandiero Rossa“, auch Hanns Eislers „Solidaritätslied“ aus „Kuhle Wampe“ ein.

Vorwärts, und nicht vergessen,
worin uns’re Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts, nie vergessen, die Solidarität!

Es ist merkwürdig, politische Versammlungen, bei denen Lieder abgesungen werden, waren mir ein Graus, doch aus der Distanz, die Rzewski einnimmt, haben diese Lieder etwas Herzzerreißendes. Der Komponist sagt in einem Gespräch mit Armin Köhler, so überaus politisch sei er gar nicht gewesen. Aber in dem New Yorker Kreis um John Cage, der sich selbst jeder politischen Äußerung enthielt, gehörte Rzewski doch zu den Politisierten. „Ich halte mich nicht für einen besonders politischen Komponisten. Ich habe das Interesse eines normalen zivilisierten Menschen für die Dinge, die in der Welt geschehen. Manchmal ziehe ich aus den Ereignissen in der Gesellschaft musikalische Ideen. Mein Freund Sergio Ortega war ein echter politischer Komponist. Er hat sein Leben lang gekämpft für seine Ideen.“

Das 1975 in nur zwei Monaten geschriebene „The People United“ gilt unter einigen Spezialisten als die größte Variation für Klavier seit Beethovens Diabelli. Keine Ahnung, ob das stimmt, doch jedenfalls ist dieses Stück – um einen Satz von Oswald Wiener abzuwandeln – „für unser Wissen wichtiger“ als Beethoven (oder Bach, der einem hier zuerst einfällt).

Hier spielt der Komponist selbst den Anfang:

23. Oktober 2009, 19.06 Uhr:

Wenn die Elite dazulernt

von Jörn Schulz

Ist es an der Zeit, den Straftatbestand der Holocaust-Leugnung zu streichen, wie es Henryk M. Broder fordert? „Das Gesetz war gut gemeint, hat sich aber als kontraproduktiv erwiesen, indem es Idioten dazu verhilft, sich als Märtyrer im Kampf um die historische Wahrheit zu inszenieren.“ Eben diese Leute würden die Streichung jedoch als großen Sieg feiern, allein das ist Grund genug, das Gesetz zu erhalten, bei dem man sicher sein kann, dass seine Anwendung nie den Falschen trifft.

Überdies werden sich Rechte und Rechtsextremisten immer als Märtyrer inszenieren, dafür genügt es schon, dass jemand ihren Hasspredigten widerspricht. Das beste Beispiel ist Thilo Sarrazin, den Broder verteidigt hat. Aus gänzlich falschen Gründen, denn der Wert des Beitrags Sarrazins liegt allein darin, dass er vorführt, wie sich die deutsche „Elite“ seit der Nazizeit ideologisch gewandelt hat.

Pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls will Sarrazin in Berlin die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit abschaffen („generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte“) und unerwünschte arbeitslose Migranten aushungern („perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer“, übrigens seit langem eine Forderung der NPD). Sarrazin erläutert auch, warum heutzutage eine andere Politik nötig ist: „Wir haben noch nicht verstanden, dass wir ein kleines Volk sind. Wir verstehen uns immer noch als ein großes Volk. 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, hatte Deutschland 79 Millionen Einwohner, die USA 135, Rußland 160 und England 50. Die Proportionen haben sich völlig verschoben.“ Da würde einem auch der größte Feldherr aller Zeiten nichts mehr nützen, die Deutschen müssen ein bisschen kürzer treten.

Das biologistische Menschenbild hat sich in gewandelter Form erhalten: „Man muss davon ausgehen, dass menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.“ Allerdings gelten nicht mehr alle Ausländer als unerwünscht, man weiß zu differenzieren und hat erkannt, dass die Juden nützlich sein können.

„Auch Einzelhandel und Banken waren großenteils in jüdischem Besitz. Das alles gab es nicht mehr, und das war gleichbedeutend mit einem gewaltigen geistigen Aderlass. Die Vernichtung und Vertreibung der Juden aus dem deutschsprachigen Raum insgesamt betraf zu sechzig bis siebzig Prozent Berlin und Wien. Dazu kam der Weggang des klassischen leistungsorientierten Bürgertums. Hermann Josef Abs“, der eine führende Rolle bei der „Arisierung“ spielte, musste nämlich auch gehen, ebenso wie viele andere Leistungsträger der Nazis. So sieht es aus, wenn die deutsche „Elite“ aus der Geschichte lernt: Auschwitz war schlecht für’s Geschäft. Sollte nicht noch einmal vorkommen, sonst kommen noch mehr Türken.

„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“, meint Sarrazin. Das offenbart eine gewisse Nähe zu der Ansicht, die Juden seien cleverer und geschäftstüchtiger als die Deutschen. Aber das muss man ja nicht so negativ sehen wie Hitler oder Goebbels es taten. Ich wüsste gern, wie Sarrazin den IQ der türkischen Juden einstuft und wie er ihr Fortpflanzungsverhalten beurteilt. Nein, eigentlich möchte ich das nicht wirklich wissen.

Aufschlussreich auch, dass manche Verteidiger Sarrazins nun so tun, als stünde der Mann vor einem SS-Erschießungskommando. „Wir werden hier Zeugen eines, wie ich finde, unglaublichen und schändlichen Vernichtungsfeldzuges gegen einen Menschen“, meint etwa Olaf Henkel, ehemaliger Präsident des BDI. Tatsächlich besteht Sarrazins Strafe darin, dass er nun bei der Bundesbank für das gleiche Gehalt weniger arbeiten muss. Was wohl leider auch bedeutet, dass er noch mehr Zeit hat, sich über den IQ und die Fortpflanzung von Juden und Türken Gedanken zu machen.

17. Oktober 2009, 10.41 Uhr:

Die Bücher werden dicker und dicker

von Stefan Ripplinger

Ina Hartwig in der Rundschau:
… Zumindest die Literatur hat die Wiedervereinigung mit Bravour bewältigt … Was wären wir ohne Ostdeutschland und seine neue Literaturgeneration. Wie der erste große Nach-Vereinigungserzähler Ingo Schulze und wie der virtuos-kühle Dichter Durs Grünbein … Sie schreiben in der Regel ohne jenen lüstern-quälenden Sprachzweifel, der im Westen so lange als Nonplusultra eines Avantgardegefühls üblich war … Die volle Härte seines Hegelschen Blicks … Der politische Umbruch erscheint wie hinter einem Alkoholschleier … Er ist kein Theoretiker, eher ein Anthropologe … Die Bücher werden dicker und dicker. … von Romantikern und Kritikern, die in der Lage sind, die neuen Härten zu schildern. So zu schildern, dass man keinen Ideologiekrampf bekommt. Es mag eine Krise des Buchhandels geben, eine Krise des literarischen Schreibens ist derzeit nicht in Sicht.
Das übliche Nonplusultra eines Gefühls war vielleicht doch das Sinequanon eines Gedankens.

14. Oktober 2009, 16.13 Uhr:

Zypern World: Die Rückkehr

von Jörn Schulz

Die Motive, gegen die Startbahn West zu demonstrieren, hatten mit dem Flugkomfort eigentlich wenig zu tun. Doch wen interessiert’s? Der Kampf gegen den Frankfurter Flughafen war gut und gerecht!

Ein kluger Mensch ist schon vor Jahrzehnten auf die Idee gekommen, Flughäfen so zu bauen, dass die Passagiere direkt vom Gebäude über eine Gangway in die Maschine spazieren und sie wieder verlassen können. Dieser kluge Mensch hat sicher gedacht: Warum soll man die Menschen kilometerweit über das Rollfeld jagen oder sie umständlich mit Bussen zum Flugzeug transportieren, wenn es auch schneller und bequemer geht? Die Manager des Frankfurter Flughafes hingegen haben offenbar gedacht: Warum sollte man nicht alle Möglichkeiten kombinieren, um den Passagieren das Leben so unbequem wie möglich zu machen?

Über die Gangway im Flughafenbebäude angekommen, wird der Passagier daher nach seinem ersten Rundgang zunächst in einen Flughafenbus gepfercht. Dieser Bus bringt ihn nicht etwa zu jener Halle, in der sein Gepäck wartet, vielmehr transportiert er ihn zum Startpunkt es eigentlichen Marathonlaufs durch mehrere Ebenen, der, damit es nicht zu langweilig wird, mit Elementen einer Schnitzeljagd wie Hinweisschildern, die ins Nirvana führen, angereichert wird.

Wurde Mehdorn in einem Geheimverfahren zum Frankfurter Flughafendirektor ernannt? Die Bahn jedenfalls, wir wollen ja nicht immer nur nörgeln, war auf der Hin- und Rückfahrt pünktlich. Nun sitzen wir wieder an unseren Schreibtischen, frösteln und beneiden den Kollegen, der so klug war, noch ein paar Tage länger auf Zypern zu bleiben.

12. Oktober 2009, 00.49 Uhr:

Zypern World: Das Ende (fast)

von Ivo Bozic

Es geht dem Ende zu, das Titelblatt ist fertig. Zonen-Ali hat es nicht ins Blatt geschafft, das Meeresrauschen nicht ins Radio, aber das sind nun nur noch Peanuts. Wir sind uns sicher, Sie können sich begründet auf das Heft am Donnerstag freuen. Wir schicken die Dateien morgen hier von Zypern aus zur Druckerei nach Frankfurt, wo wir auf der Rückreise dann auch unsere gut gebräunte Geschäftsführung absetzen werden, damit die uns dort auf der Buchmesse vertritt.
Nun genießen wir noch ein wenig die laue Oktobernacht, gute Nacht!

11. Oktober 2009, 01.47 Uhr:

Zypern World: Die Tierwelt

von Jörn Schulz

Einige vegane Kritiker vermuten, dass wir sie nur schätzen, wenn sie auf unserem Teller liegt. Doch dem ist nicht so, es gibt unter uns sogar Leute, die gar keine Tiere verspeisen. Und die anderen schätzen sie auch lebend. Da sämtliche Zwergelefanten und Zwergflusspferde bereits in der Steinzeit verzehrt wurden und der Weg von der libanesischen Küste zu weit ist, als dass einwandernde Vierbeiner die Artenvielfalt hätten erhöhen können, gibt es hier jedoch keine ernstzunehmenden Wildtiere. Angeblich leben hier die größten Esel der Welt, aber gesehen haben wir noch keinen. Häufiger sieht man Ziegen, die sich hierzulande um die Halloumi-Produktion verdient machen. Eidechsen gibt es sogar im Badezimmer.

Vor allem aber gibt es Katzen, viele, viele Katzen. Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Katzen gekonnt die Laute leidender Babys nachahmen. Das können sie verdammt gut. Zu jeder Mahlzeit versammeln sich ein Dutzend erwartungsvoll blickender Katzen.

Zypern gehört übrigens – ja, um den Geschichtsunterricht kommen Sie nicht herum – zu den wenigen Gebieten, in denen ein Mensch zusammen mit einem Tier in einem Grab bestattet wurde. Das war vor 9500 Jahren. Bei dem Tier handelte es sich um eine Katze. „Der Fund lässt auf eine enge Beziehung zu Lebzeiten schließen“, resümiert der Forscher Paris Jean-Denis Vigne. Und nein, über dieses Thema werden Sie am 15. Oktober nicht mehr erfahren. Etwas mehr können sie hier lesen.

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