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Kürzliche Beiträge
10. Oktober 2009, 22.00 Uhr:

Endlich sinnvoll surfen!

von Lieselotte Kreuz

Ich bringe gute Nachricht: All’ euch armen Seelen, die ihr vor lauter Arbeitsunwillen oder Schlaflosigkeit schon wieder Stund um Stund sinnlos vor dem Rechner verbracht habt, ziellos von Blog zu Blog irrend, um in eurer Verzweiflung schließlich auch an dieser armen Oase in der kalten Wüste, die sie das Internet nennen, haltzumachen, kann endlich, endlich geholfen werden. Nicht gegen den Arbeitsunwillen oder die Schlaflosigkeit wurde endlich ein Mittel gefunden, nein, aaaber es gibt jetzt eine Möglichkeit, die trüben Stunden vor dem PC um einiges interessanter, lukrativer, effektiver, gemeinnütziger, wachsamer und überhaupt besser zu gestalten als jemals zuvor: Einfach bei Internet Eyes anmelden und mitmachen! Der britische Service bietet, wenn’s denn keine Verarsche ist, die Möglichkeit, Videoaufnahmen, die von CCTV-Überwachungskameras in London aufgezeichnet wurden (die Jungle World berichtete), zu Hause anzuschauen und kriminelles Verhalten anzuzeigen. Und das nicht etwa für lau! 1000 Öcken (also Pfund, in GB heißen Öcken ja immer noch Pfund) winken dem Fleißigsten der Denunzianten, der am Ende eines jeden Monats vermittels eines Punktesystems festgestellt wird, als fettes Kopfg…, errr, als Prämie. Ist das nicht fein ausgedacht? Alle haben was davon: Euch ist nicht mehr so langweilig, die teilnehmenden Besitzer der Kameras kriegen für nur noch 20 Pfund in der Woche 1a Überwachung frei Haus, und Kohle gibt’s auch zu gewinnen. Zudem ist diese innovative Idee ganz hervorragend abgestimmt auf die auch überhaupt nicht schlechte Kampagne If you supect it, report it, die von Londoner Cops ins Leben gerufen wurde.
Bleibt nur die Frage, die ein Kommentar auf boingboing stellt: Ist das jetzt überhaupt noch Big Brother, wenn alle mitmachen?

10. Oktober 2009, 00.26 Uhr:

Zypern World: Die Ruinen

von Jörn Schulz

Die Zyprer haben das Problem, dass ihre antiken Ruinen etwas dürftig ausschauen, jedenfalls im Vergleich zur Akropolis oder den Pyramiden. Der Vergleich ist natürlich nicht fair, und zu sehen gibt es auf der Insel einiges, beispielsweise die Mosaike in Paphos. Allein die kunstfertig diversen Körperteilen angepassten Wärmflaschen im dortigen Museum sind eigentlich die Reise wert, denn in gewisser Weise erzählen sie die Geschichte einer ganzen Zivilisation.

Bei geschichtswissenschaftlichen Debatten, die ich meinen Kollegen hin und wieder aufzwinge, kommt auch die Frage auf, wie man sich wohl in 2000 Jahren der Jungle World erinnern wird. Papier ist vergänglich, und für die Beseitigung unserer Spuren im Internet genügt wohl ein schlichter elektromagnetischer Impuls. Meine Idee, die Zeitung zukünftig in Stein zu meißeln oder wenigstens Tontafeln zu benutzen, wurde von Geschäftsführung und Layout umgehend verworfen. Tatsächlich würden die Versandkosten wohl erheblich steigen, und auf die Frage, wie unsere Bildpolitik dann aussehen soll, konnte ich keine zufriedenstellende Antwort geben. Der Widerspruch zwischen den Erfordernissen der Gegenwart und der Zukunft ist wohl unauflösbar.

Vielleicht noch in dieser Nacht wird ein archäologisches Experiment stattfinden. Es geht um Kupfer, ein Thema, über dass Sie…ja, jetzt kommt wieder diese Marketing-Nummer mit dem 15. Oktober. Aber wir machen das natürlich nur in Ihrem Interesse, damit Sie nichts versäumen. Und die Zyprer tun so etwas seit über 3000 Jahren. Auch darüber…

9. Oktober 2009, 00.17 Uhr:

Zypern World: Die Teilung

von Jörn Schulz

Genau genommen gibt es ja zwei Teilungen. Da wäre zunächst die Teilung in Linke und Rechte, die, wie bereits erwähnt, auch bei der Wahl der Biermarke eine Rolle spielt. Doch gewinnt man häufig den Eindruck, dass das alles gar nicht so wichtig ist. Die Kommunisten hier sind natürlich letztlich Sozialdemokraten, aber immerhin scheinen sie tatsächlich Sozialdemokraten zu sein. New Labour ist hier offenbar noch nicht angekommen, so weit links wie die zyprische steht wohl keine Regierung eines EU-Staates, wobei man einräumen muss, dass die Konkurrenz in dieser Hinsicht nicht sonderlich hart ist. Große Sorgen scheinen sich die Konservativen jedenfalls nicht zu machen, nicht einmal von Kapitalflucht ist die Rede.

Ob links oder rechts ist gar nicht mehr so wichtig, wenn es um die eigentliche Teilung geht. Wenn wir hier mit den Leuten über Politik reden, kommen, was auch immer der Ausgangspunkt war, die türkische Invasion und ihre Folgen zur Sprache. Das ist verständlich, denn so lange ist das alles ja auch nicht her, doch offenbaren sich bei dieser Gelegenheit auch bei ansonsten eher aufgeklärten Menschen Ressentiments, als hätte es irgendeine Bedeutung, dass „die Griechen“ seit 2500, „die Türken“ aber erst seit 500 Jahren auf der Insel ansässig sind. Andererseits betonen die meisten dann doch, dass sie nichts gegen die türkischen Zyprer, sondern nur etwas gegen deren Regierung haben. Wir haben, wie Sie am 15. Oktober sehen werden, unsere Aufmerksamkeit natürlich nicht zuletzt jenen gewidmet, die auf beiden Seiten gegen den Nationalismus kämpfen.

Die Teilung wird auch unter uns diskutiert. Auf der türkischen Seite ist unübersehbar eine gewaltige Fahne an einem Berg angebracht. Hätten die griechischen Zyprer das auch getan, wenn es ihnen nicht an einem passenden Berg mangelte? Immerhin haben sie keinen Berg aufgeschüttet, um zu kontern. Sind die türkischen Zyprer die Ossis der Insel? Ich habe mich selbst dabei erwischt, den türkischen Teil der Hauptstadt als Ost-Nikosia zu bezeichnen, obwohl in geographischer Hinsicht zweifellos Nord-Nikosia korrekt wäre.

7. Oktober 2009, 22.41 Uhr:

Zypern World: Der Strand

von Jörn Schulz

…ist einfach verlockender als der Platz vor dem Computer. Zumal dort die Jungle-Party bereits begonnen hat. Morgen werden Sie wieder mehr von uns hören.

6. Oktober 2009, 23.01 Uhr:

Zypern World: Der Feierabend

von Jörn Schulz

Für Bürgermeister auf der Insel fängt er offenbar recht früh an. Um 13 Uhr war der Bürgermeister von Agia Varvara nicht mehr zu erreichen, und weder vor noch hinter dem Tresen der Lokalität, in die wir eingekehrt waren, schien jemand zu erwarten, dass sich das im Laufe des Tages noch ändern könnte. Andererseits galt es allen als selbstverständlich, dass es zu den Dienstpflichten eines Bürgermeisters gehört, drei plötzlich auftauchenden Journalisten nicht nur Fragen zu beantworten, sondern auch alles mehr oder weniger Sehenswerte zugänglich zu machen und den Schlüssel zu holen, wenn es nötig ist. Sofort wurde der Bürgermeister angerufen, doch der Mann hatte offenbar sein Handy abgestellt. Wir erreichten unser Ziel, eine stillgelegte Kupfermine, dann auch ohne ihn mit Hilfe der Wirtin und eines Gastes. Wäre sicherlich interessant, wenn drei zyprische Journalisten mal die Gegenprobe in einem deutschen Dorf machen.

In den antiken Minen, die in der Umgebung des Dorfes liegen, gab es für viele womöglich gar keinen Feierabend. Sklaven blieben häufig unter Tage, das wird jedenfalls über die römischen Silberminen in Spanien berichtet. Ob es in zyprischen Minen auch so zuging, werde ich hoffentlich morgen erfahren. Unser Büro liegt zum Glück über der Erde, im ersten Stock. Auch wenn nach dem Abendessen (endlich Fisch!) häufig noch weiter gearbeitet wird, irgendwann ist dann doch Feierabend.

5. Oktober 2009, 10.26 Uhr:

Parvenüs

von Stefan Ripplinger

Es kann in einem Land, in dem stets der Lauteste für den Ehrlichsten und der Gröbste für den Freiesten gehalten wird, nicht ausbleiben, dass die Ressentiments des Thilo Sarrazin aus “Lettre National” zu einer intellektuellen Glanzleistung stilisiert werden. Er wird bereits mit Heiner Müller verglichen.

Dabei kennt jeder, der eine Weile in Berlin lebt, den Hass auf die Plebejer zur Genüge. Er ist das Erkennungszeichen eines bestimmten Milieus und kommt nicht etwa aus der alten Bourgeoisie, die sich um die Unteren nicht kümmert oder mit ihnen zu leben gelernt hat. Er ist die ständige Rede der Parvenüs aus Zehlendorf, Charlottenburg oder Wilmersdorf, der Linksliberalen, Grünenwähler, „Lettre“-Abonnenten, die es nötig haben, entweder ihre eigene Herkunft zu verbergen oder ihre Überlegenheit herauszustreichen, die sich als Kosmopoliten geben und solange nichts gegen Ausländer und Migranten haben, solange die „Fusion Food“ bereiten oder auf dem „Karneval der Kulturen“ sich zu Deppen machen. Es ist ein protestantisches Milieu, das der „Unterschicht“ vor allem mangelnde Leistungsbereitschaft vorzuwerfen hat und seine eigene Leere auf diejenigen projiziert, die zwar Herman Munster, aber nicht Herfried Münkler kennen. Münkler selbst weiß seine Klientel zu bedienen, z.B. in der heutigen Ausgabe der „Berliner Zeitung“:

„(Das Fehlen breiter, auf sozialen Aufstieg ausgerichteter Schichten) hat nicht nur mit dem demografischen Wandel in Deutschland, sondern auch mit der Verfestigung einer Unterschicht auf Sozialhilfeniveau zu tun, die sich in parallelgesellschaftlichen Strukturen eingehaust hat. Während das klassische SPD-Klientel zunehmend unter der Abgabenlast für die Sozialtransfers des Staates stöhnt, verweigert ein erheblicher Teil der Transferempfänger jede Anstrengung, um zumindest in der nächsten Generation aus dieser Situation herauszukommen.“

Verweigern die Transferempfänger jede Anstrengung, um Kraft zu sparen und dann in der nächsten Generation zu reüssieren? Oder haben sie bloß keinen Ehrgeiz und nehmen sich so die Chance, irgendwann zu Münkler- und „Lettre“-Lesern aufzusteigen? Der Leser darf raten. Er hat hier einen vielfach preisgekrönten Stilisten vor sich. Münkler in die „Lettre“!, möchte man rufen, wäre er nicht schon längst drin.

4. Oktober 2009, 22.23 Uhr:

Zypern World: Die Fragen

von Jörn Schulz

Es ist Zypern hier. Aber man spricht Englisch. Und verteilt bei Demonstrationen sogar zweisprachige Flugblätter, denn in Nikosia leben viele Migranten. Wenn Sie nun auch noch wissen wollen, warum die Festnahme von Migranten zwei Minister gegeneinander aufbringen kann, müssen Sie allerdings auf den 15. Oktober warten. Bereits heute kann ich Ihnen aber verraten, was wir bei unserem Kontakt mit den sozialen Bewegungen sonst noch gelernt haben. Man sollte hier nicht einfach irgendein Bier kaufen, denn Carlsberg ist rechts, Keo hingegen links. Warum das so ist? Nun, die Klärung dieser Frage wird weitere Recherchen erfordern. Hinter der Keo-Brauerei soll die Kirche stehen, das scheint nicht so recht zu der linken Vorliebe für dieses Bier zu passen. Andererseits hat diese Insel ja einen revolutionären Erzbischof hervorgebracht.

Auch andere Fragen ließen sich nicht klären. So verbirgt sich der griechische Soldat an der Green Line hinter Sandsäcken, wendet dem Feind aber den Rücken zu. Er könnte nicht einmal sehen, wenn sich von hinten jemand anschleicht, denn hinter seinem Rücken erhebt sich eine Betonmauer. Allerdings scheint man auf türkischer Seite mittlerweile mehr daran interessiert zu sein, Touristen mit Markenklamotten zweifelhafter Authentizität versorgen, als noch einmal in den Krieg zu ziehen. Ich sage es ja ungern, aber hin und wieder scheint das Streben nach Profit doch eine segensreiche Wirkung zu entfalten. Ein Döner ist dort übrigens teurer als in Berlin.

Warum die Kreuzfahrer nicht in der Lage waren, ihre Sophienkirche mit Türmen zu versehen, sodass die Osmanen zwei Minarette draufsetzen mussten, gehört auch zu den ungelösten Rätseln. Sind Sie zufällig ein aufstrebender Ingenieur? Dann hätte ich da eine gute Geschäftsidee für Sie. Die Selimiye-Moschee (ehemals Sophienkirche) hat nämlich ein Problem. Sie ist nicht gen Mekka ausgerichtet, die Gebetsrichtung ist daher sozusagen schief. Ich bin mir sicher, dass demjenigen, der die Moschee gen Mekka ausrichten kann, eine hohe Belohnung winkt. Besagter Selim soll übrigens kein allzu frommer Mensch gewesen sein. Angeblich hat er Zypern nur erobert, um ungehinderten Zugriff auf den von ihm sehr geschätzten Commandaria-Wein zu bekommen, den es nur auf dieser Insel gibt.

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