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Kürzliche Beiträge
5. Oktober 2009, 10.26 Uhr:

Parvenüs

von Stefan Ripplinger

Es kann in einem Land, in dem stets der Lauteste für den Ehrlichsten und der Gröbste für den Freiesten gehalten wird, nicht ausbleiben, dass die Ressentiments des Thilo Sarrazin aus “Lettre National” zu einer intellektuellen Glanzleistung stilisiert werden. Er wird bereits mit Heiner Müller verglichen.

Dabei kennt jeder, der eine Weile in Berlin lebt, den Hass auf die Plebejer zur Genüge. Er ist das Erkennungszeichen eines bestimmten Milieus und kommt nicht etwa aus der alten Bourgeoisie, die sich um die Unteren nicht kümmert oder mit ihnen zu leben gelernt hat. Er ist die ständige Rede der Parvenüs aus Zehlendorf, Charlottenburg oder Wilmersdorf, der Linksliberalen, Grünenwähler, „Lettre“-Abonnenten, die es nötig haben, entweder ihre eigene Herkunft zu verbergen oder ihre Überlegenheit herauszustreichen, die sich als Kosmopoliten geben und solange nichts gegen Ausländer und Migranten haben, solange die „Fusion Food“ bereiten oder auf dem „Karneval der Kulturen“ sich zu Deppen machen. Es ist ein protestantisches Milieu, das der „Unterschicht“ vor allem mangelnde Leistungsbereitschaft vorzuwerfen hat und seine eigene Leere auf diejenigen projiziert, die zwar Herman Munster, aber nicht Herfried Münkler kennen. Münkler selbst weiß seine Klientel zu bedienen, z.B. in der heutigen Ausgabe der „Berliner Zeitung“:

„(Das Fehlen breiter, auf sozialen Aufstieg ausgerichteter Schichten) hat nicht nur mit dem demografischen Wandel in Deutschland, sondern auch mit der Verfestigung einer Unterschicht auf Sozialhilfeniveau zu tun, die sich in parallelgesellschaftlichen Strukturen eingehaust hat. Während das klassische SPD-Klientel zunehmend unter der Abgabenlast für die Sozialtransfers des Staates stöhnt, verweigert ein erheblicher Teil der Transferempfänger jede Anstrengung, um zumindest in der nächsten Generation aus dieser Situation herauszukommen.“

Verweigern die Transferempfänger jede Anstrengung, um Kraft zu sparen und dann in der nächsten Generation zu reüssieren? Oder haben sie bloß keinen Ehrgeiz und nehmen sich so die Chance, irgendwann zu Münkler- und „Lettre“-Lesern aufzusteigen? Der Leser darf raten. Er hat hier einen vielfach preisgekrönten Stilisten vor sich. Münkler in die „Lettre“!, möchte man rufen, wäre er nicht schon längst drin.

4. Oktober 2009, 22.23 Uhr:

Zypern World: Die Fragen

von Jörn Schulz

Es ist Zypern hier. Aber man spricht Englisch. Und verteilt bei Demonstrationen sogar zweisprachige Flugblätter, denn in Nikosia leben viele Migranten. Wenn Sie nun auch noch wissen wollen, warum die Festnahme von Migranten zwei Minister gegeneinander aufbringen kann, müssen Sie allerdings auf den 15. Oktober warten. Bereits heute kann ich Ihnen aber verraten, was wir bei unserem Kontakt mit den sozialen Bewegungen sonst noch gelernt haben. Man sollte hier nicht einfach irgendein Bier kaufen, denn Carlsberg ist rechts, Keo hingegen links. Warum das so ist? Nun, die Klärung dieser Frage wird weitere Recherchen erfordern. Hinter der Keo-Brauerei soll die Kirche stehen, das scheint nicht so recht zu der linken Vorliebe für dieses Bier zu passen. Andererseits hat diese Insel ja einen revolutionären Erzbischof hervorgebracht.

Auch andere Fragen ließen sich nicht klären. So verbirgt sich der griechische Soldat an der Green Line hinter Sandsäcken, wendet dem Feind aber den Rücken zu. Er könnte nicht einmal sehen, wenn sich von hinten jemand anschleicht, denn hinter seinem Rücken erhebt sich eine Betonmauer. Allerdings scheint man auf türkischer Seite mittlerweile mehr daran interessiert zu sein, Touristen mit Markenklamotten zweifelhafter Authentizität versorgen, als noch einmal in den Krieg zu ziehen. Ich sage es ja ungern, aber hin und wieder scheint das Streben nach Profit doch eine segensreiche Wirkung zu entfalten. Ein Döner ist dort übrigens teurer als in Berlin.

Warum die Kreuzfahrer nicht in der Lage waren, ihre Sophienkirche mit Türmen zu versehen, sodass die Osmanen zwei Minarette draufsetzen mussten, gehört auch zu den ungelösten Rätseln. Sind Sie zufällig ein aufstrebender Ingenieur? Dann hätte ich da eine gute Geschäftsidee für Sie. Die Selimiye-Moschee (ehemals Sophienkirche) hat nämlich ein Problem. Sie ist nicht gen Mekka ausgerichtet, die Gebetsrichtung ist daher sozusagen schief. Ich bin mir sicher, dass demjenigen, der die Moschee gen Mekka ausrichten kann, eine hohe Belohnung winkt. Besagter Selim soll übrigens kein allzu frommer Mensch gewesen sein. Angeblich hat er Zypern nur erobert, um ungehinderten Zugriff auf den von ihm sehr geschätzten Commandaria-Wein zu bekommen, den es nur auf dieser Insel gibt.

4. Oktober 2009, 22.05 Uhr:

Zypern World: Die Gefahr

von Ivo Bozic

Heute war der erste richtige Recherchetaggroßeinsatz. Und dies sehr erfolgreich. Auch wenn ein paar Kollegen schon wieder mit der Obrigkeit in Konflikt gerieten - und das waren NICHT die Kollegen, die zum angekündigten Straßenkampf gefahren sind, sondern die, die einfach mal zum Knipsen gen Norden fuhren.

Das zu produzierende Blatt nimmt so langsam Gestalt an, in unserem Office hängen schon alle Fahnen aus, die meisten noch sehr weiß. Aber wir wissen schon, so ungefähr, was wo stehen soll, immerhin. Morgen früh müssen fast alle früh raus zu Terminen, und auch da könnte es wieder gefährlich werden.Und dann tischte uns unser Gastgeber eben auch noch ein gefährlich üppiges zyprisches Gelage auf, so dass wir irgendwann beim x-ten Gang Stopp schreien mussten. Von der ständigen Gefahr Sonnenbrand ganz zu schweigen. Sie sehen, wir geben alles für Sie! Yammas!

3. Oktober 2009, 21.10 Uhr:

Zypern World: Der Mythos

von Jörn Schulz

Vermutlich haben Sie sich schon immer gefragt, was wir so treiben auf unseren Auslandsreisen, wenn wir ausnahmsweise einmal nicht für Sie recherchieren, redigieren oder schreiben. Ohne allzu indiskret zu werden, kann ich soviel verraten: Kulinarische Debatten spielen eine wichtige Rolle in der betriebsinternen Kommunikation. Da gibt es beispielsweise einen Redakteur, der die ausgesprochen exzentrische Ansicht vertritt, der Fischverzehr sei eine unzivilisierte Angewohnheit. Doch selbstverständlich beschäftigen uns auch philosophische und theologische Fragen. Wie Sie bereits erfahren haben, sind wir Fans von Aphrodite. Dementsprechend empört waren wir, als wir davon hörten, dass die Göttin zwangsverheiratet wurde. Ähnliches widerfuhr übrigens Athene. Allerdings haben beide einen Weg gefunden, ihre Interessen zu wahren.
Wenn die Mythologie ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, müssen die griechischen Patriarchen auf erhebliche Probleme bei der Durchsetzung ihrer Pläne gestoßen sein. So haben wir uns entschlossen, die griechische Mythologie im Lichte der Gender-Diskurse und selbstverständlich auch des proletarischen Polytheismus näher zu betrachten. Mythos heißt übrigens auch eine der hier erhältlichen Biersorten.

3. Oktober 2009, 18.24 Uhr:

Zypern World: Der Anschlag

von Ivo Bozic

Die ersten Fahnen hängen, sprich: Die esten Seiten sind schon fertig produziert. Aber eigentlich geht es hier erst so langsam richtig los. Heute Mittag kam der Präsident des zyprischen Journalistenverbandes vorbei, um uns offziell zu begrüßen, denn wir sind ja auf seinem Anwesen, also im Feriendorf des Verbandes, untergebracht. Der Präsident ist ein sehr freundlicher und hilfsbereiter Herr, der von weitem äußerlich locker als David Ben Gurion durchgehen würde.

Dann ist das wohl der Moment, unseren Sponsoren zu danken, heute vor allem der Firma Office-Discount für die wunderbare Luftmatratze. Einige Kolleginnen und Kollegen kommen grad (wir habens hier eine Stunde später als in Deutschland) von der Traumstrand-Recherche, ein anderer Trupp suchte in Limassol die Bundeswehr, stieß dabei auf unerwartete Schwierigkeiten und entging später im Kreisel nur um Haaresbreite einem Anschlag, vermutlich des MAD (so die Spekulationen…) Die Ergebnisse dieser aufregenden Recherche lesen Sie dann am 15. Oktober in der “Jungle World". Das Ergebnis der Traumstrand-Recherche kann ich schon jetzt verkünden: Ja, gibt es, aber mit Antzionisten.

2. Oktober 2009, 17.44 Uhr:

Zypern World Tag 1

von Ivo Bozic

Eigentlich Tag 2, doch Tag 1 verbrachten wir komplett mit Zugfahren, Fliegen und Linksverkehr. Und fanden unsere Unterkunft im „Journalist Village“ erst mitten in der Nacht. Unser Korrespondent aus Griechenland reiste erst am Morgen an. Jetzt sind wir also endlich angekommen auf der Insel der Liebe. Und wollen nicht klagen. Unsere Bungalows haben Meerblick, für den Produktionsraum haben wir ein eigenes Büro eingerichtet, mit Internet und allem Pipapo, und direkt über dem Restaurant, das wir von hier aus durch eine Glaswand überwachen können. Wenn wir nicht zur anderen Seite raus auf die Sonnenterrasse treten. Oder gleich ans Meer, nur ein paar Schritte von hier. Manche finden es zwar etwas zu warm, das Wasser, der Strand ist okay, aber Idylle sieht anders aus. Aber wer will schon Idylle?

Heute Morgen kam der Präsident des zyprischen Journalistenverbandes hier vorbei, um uns offiziell zu begrüßen, aber da schliefen wir noch. Er will es morgen noch mal versuchen. Sagte man uns. Das hoffen wir doch! Die Technik funktioniert, Internet steht, W-Lan, Z-Lan und andere Netze, um halb Sieben soll die erste Sitzung sein, gleichzeitig wird gekocht, griechisch (haben wir etwa schon Präferenzen im Zypernkonflikt?). Und der Ausflug in die Altstadt von Larnaca? Hmmm.

Zwischen unseren Bungalows wachsen Granatäpfel und Zitronen. In Griechenland läuft die letzte Phase des Wahlkampfs, das interessiert die Menschen hier. Wo soll die Sitzung stattfinden? Auf einer Bungalowterrasse? Im Tempel der Aphrodite neben dem plätschernden Springbrunnen? Im Restaurant? Vorm Restaurant? Im Konferenzsaal? Im Büro? Am Strand? Nein, das wohl nicht. Wir werden sehn. Bis dahin erstmal: Yammas!

24. September 2009, 19.53 Uhr:

Sie wollen rein, ich will raus

von Jörn Schulz

Pirat ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Jeder kann behaupten, er sei Pirat. Ich aber, als Nachfahre des berühmten Gödeke Michels, der die Hamburger Pfeffersäcke vor Schreck erzittern ließ, sage euch: Piraten wollt ihr sein? Da lacht ja der Klabautermann. Süßwassermatrosen seid ihr!

Dass der Kurs nach Steuerbord geht, hat meine Kollegin Elke Wittich schon erläutert. Aber zum Glück sind die Süßwassermatrosen liebe, brave Jungs, die konstruktiv für den Standort arbeiten. „Den 11. Tag der offenen Tür der Bundesregierung am 22. und 23. August hatten Piraten genutzt, sich über die Struktur der einzelnen Ministerien zu informieren. Bei dieser Untersuchung ist aufgefallen, dass es bereits viele Referate in verschiedenen Ministerien gibt, in denen die Piratenpartei Kompetenzen vorweisen kann“, sodass einer Koalition mit wem auch immer nichts im Wege steht. Da war selbst Gerhard Schröder noch radikaler, als er im Suff am Gitter des Kanzleramts rüttelte und brüllte „Ich will da rein.“

Doch halt, etwas mehr Ehrgeiz haben die Süßwassermatrosen schon, wenigstens einer soll Maat werden. Deshalb „wurde der Entwurf von einem ‚Ministerium für die Wissens- und Informationsgesellschaft’ ins Piraten-Wiki gestellt“. Darf es vielleicht auch noch Handyministerium sein? Auch der Posten eines Staatssekretärs für Twitter-Angelegenheiten könnte noch vergeben werden. „Im Referat ‚Intelligente öffentliche Infrastruktur’ sollen stärker die Interessen der Gesellschaft bei der Versorgung berücksichtigen werden, ohne dass dabei bereits privatisierte Versorgungsnetze verstaatlicht werden.“ Wo kämen wir sonst auch hin, wir sind ja hier nicht bei der Stasi. Nebenbei bemerkt: Ich brauche eigentlich keine intelligenten Abwasserrohre.

Aber ich will ehrlich sein. Ich habe auch schon mal an sowas gedacht. Ein Ministerium fehlt nämlich wirklich: Das Weltraumministerium, geführt von einem Experten mit galaktischen Fähigkeiten und universaler Weisheit. Geführt also von mir.

Mein Programm besteht im Wesentlichen aus zwei Punkten. Zunächst werde ich die Erfindung des Antigravitationsgürtels anordnen, der alle Transportprobleme des Menschen löst. Besoffen in der Kneipe und kein Geld für das Taxi? Kein Problem, werden die Leute dann sagen, ich schwebe per Autopilot heim, es gibt ja den A-Gürtel, den wir unserem genialen Weltraumminister verdanken! Legen Sie noch einen Raumanzug an, dann können Sie mit dem A-Gürtel auch Reisen innerhalb unseres Sonnensystems unternehmen. Ich werde selbstverständlich dafür sorgen, dass es endlich auch Raumanzüge für Raucher gibt.

Sodann werde ich den Warp-Antrieb und das Beamen erfinden lassen. Zweifellos gibt es da draußen bessere Welten. War ein toller Urlaub auf NGX-3489, werden die Leute dann sagen, was für ein Glück, dass unser ansonsten unterbelichteter Planet wenigstens einen brillanten Weltraumminister hat. Die Aliens werden dann ganz von selbst mit uns Kontakt aufnehmen, weil sie hier nun endlich eine würdigen Gesprächspartner vorfinden, nämlich den unvergleichlichen…, nun, Sie wissen wohl, wen ich meine.

Internet war gestern, die Zukunft liegt da draußen, wo noch nie zuvor ein Süßwassermatrose gewesen ist. Da habt ihr Glück gehabt, dass ich diesmal noch nicht antrete. Das Direktmandat für das Sonnensystem wäre mir sicher gewesen.

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