Jörn Schulz:Drogen vom Chef
3. Juli 2008, 18.58 Uhr:

Drogen vom Chef

von Jörn Schulz

In der guten alten Zeit galt der Drogengebrauch noch als subersiv. Das war er zwar nie, doch wurde einem von der feindseligen Staatsmacht das wohltuende Gefühl vermittelt, ein Rebell zu sein. Nun kiffen auch die Nazis, und die Wall Street ist ohne Kokain so unvorstellbar wie das Oktoberfest ohne Bier. Doch es kommt noch schlimmer, denn bereits in zwei Jahren beginnt die „neurotechnological wave“. Dann gibt Ihnen der Chef die passenden Drogen, wenn er mit Ihrer Leistung nicht zufrieden ist. Falls Sie nicht schon vorher selbst zugegriffen haben, um einen „neurocompetitive advantage“ zu erlangen. Sie haben etwas vergessen? Schnell „cogniceuticals“ einwerfen. Der Chef macht wieder mal Stress? Nein, nein, nicht zur Gewerkschaft gehen, so kommt man nie zum „competitive advantage“, greifen Sie lieber zu „emotoceuticals“! Irgendwie kommt der Spaß zu kurz? Zum Glück gibt es „sensoceuticals“.

Ganz so weit ist die pharmazeutische Industrie noch nicht, der Leistungswillige muss sich derzeit mit Ritalin, Adderall und Provigil begnügen. Doch eifrige Lobbyisten sind unterwegs, um US-Kongressabgeordneten die passende Gesetzgebung nahezulegen. Vielleicht haben sie auch ein paar Probepackungen dabei, damit die Politiker ihre Aufgaben nicht gleich wieder vergessen.

Übrigen sollten Sie nicht vergessen, Ihr Kind beizeiten zu dopen. Wenn es sinnlos herumtollt, ist das keine kindliche Spielerei, sondern ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Das Balg hat einfach noch nicht gemerkt, dass es sich auf das Berufsleben und die „neurotechnological wave“ vorbereiten muss. Doch das Nachbarskind schläft nicht, und sei es, weil man ihm Provigil verabreicht hat, damit es länger lernen kann. Geben Sie dem Kind Ritalin und ein paar Rechenaufgaben, wenn es davon depressiv wird, hilft Prozac.

Kommentare

Vielleicht hätten sie mir das auch geben sollen. Dann wäre mir der ganze Ärger erspart geblieben, ich hätte mich konzentrieren können statt die ganze Zeit zu malen und mich zu unterhalten usw. Wer braucht schon Kreativität und Lebendigkeit? Die Schule auf jeden Fall nicht und deswegen wird docrt auch jede Anwandlung sofort kaputtgemacht.

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