von Ferdinand Muggenthaler
Wahrscheinlich hat Martina Backes recht. (Siehe Jungle World 29/2008: Brot für die Welt, aber gekauft wird’s hier.) Die G8 interessieren sich nicht für die Hungernden, sondern haben Angst vor Hungerrevolten. Die G8 schielen bei der Nahrungsmittelhilfe auf die Vorteile für ihre heimische Nahrungsmittelindustrie. Die humanitäre Hilfe zerstört mancherorts die lokale Produktion. Ja, ja, ja.
Backes ist sich einig mit zahlreichen Entwicklungshilfe-, Eine-Welt und Menschenrechtsorganisationen in der Sorge um die Kleinbauern, die für großflächige Gensojaproduktion vertrieben, von Saatgutfirmen in die Abhängigkeit gebracht und überhaupt vom Agrokapitalismus ihrer Existenz beraubt werden. Ja, wahrscheinlich haben sie alle recht.
Trotzdem haftet all den Artikeln ein Hauch von Realitätsverweigerung an. Der Jungle World-Beitrag von Martina Backes hält sich zwar in Kleinbauernromantik zurück. Aber Backes verliert auch kein Wort darüber, dass - Kapitalimus hin oder her - der Kleinbauer nicht genügend Überschüsse produziert, um die die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Allein mit der Nutzung von “traditionellem Wissen” und dem Konzept der “Ernährungssourveränität", das die internationale Klein-Bauernbewegung “La Via Campesina” ausgerufen hat, wird das nicht klappen.
Im Moment ist Hunger noch ein Verteilungsproblem und der Preisanstieg ist durch die Spritproduktion aus Mais, Raps und Zuckerrohr zusätzlich angetrieben. Aber auch ohne Agrosprit werden in absehbarer Zeit die fruchtbaren Böden knapp, will man nicht noch mehr Regenwald abholzen oder den Zwangsvegetarismus einführen. Wer nicht in Malthus’schen Zynismus verfallen will, muss sich deshalb der Tatsache stellen, dass mittelfristig die Bäuerinnen und Landarbeiter dieser Erde noch produktiver werden müssen. Eine Jungle World Autorin, ein Attac-Aktivist oder ein Inkota-Brief-Autor (Zeitschrift zum Nord-Süd-Konflikt und zur konziliaren Bewegung) muss keine Lösung parat haben. Die Anerkennung, dass hier ein materielles Problem besteht, wäre schon ein Schritt.
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