Ferdinand Muggenthaler:Morgen ernährt uns der Kleinbauer
18. Juli 2008, 23.10 Uhr:

Morgen ernährt uns der Kleinbauer

von Ferdinand Muggenthaler

Wahrscheinlich hat Martina Backes recht. (Siehe Jungle World 29/2008: Brot für die Welt, aber gekauft wird’s hier.) Die G8 interessieren sich nicht für die Hungernden, sondern haben Angst vor Hungerrevolten. Die G8 schielen bei der Nahrungsmittelhilfe auf die Vorteile für ihre heimische Nahrungsmittelindustrie. Die humanitäre Hilfe zerstört mancherorts die lokale Produktion. Ja, ja, ja.

Backes ist sich einig mit zahlreichen Entwicklungshilfe-, Eine-Welt und Menschenrechtsorganisationen in der Sorge um die Kleinbauern, die für großflächige Gensojaproduktion vertrieben, von Saatgutfirmen in die Abhängigkeit gebracht und überhaupt vom Agrokapitalismus ihrer Existenz beraubt werden. Ja, wahrscheinlich haben sie alle recht.

Trotzdem haftet all den Artikeln ein Hauch von Realitätsverweigerung an. Der Jungle World-Beitrag von Martina Backes hält sich zwar in Kleinbauernromantik zurück. Aber Backes verliert auch kein Wort darüber, dass - Kapitalimus hin oder her - der Kleinbauer nicht genügend Überschüsse produziert, um die die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Allein mit der Nutzung von “traditionellem Wissen” und dem Konzept der “Ernährungssourveränität", das die internationale Klein-Bauernbewegung “La Via Campesina” ausgerufen hat, wird das nicht klappen.

Im Moment ist Hunger noch ein Verteilungsproblem und der Preisanstieg ist durch die Spritproduktion aus Mais, Raps und Zuckerrohr zusätzlich angetrieben. Aber auch ohne Agrosprit werden in absehbarer Zeit die fruchtbaren Böden knapp, will man nicht noch mehr Regenwald abholzen oder den Zwangsvegetarismus einführen. Wer nicht in Malthus’schen Zynismus verfallen will, muss sich deshalb der Tatsache stellen, dass mittelfristig die Bäuerinnen und Landarbeiter dieser Erde noch produktiver werden müssen. Eine Jungle World Autorin, ein Attac-Aktivist oder ein Inkota-Brief-Autor (Zeitschrift zum Nord-Süd-Konflikt und zur konziliaren Bewegung) muss keine Lösung parat haben. Die Anerkennung, dass hier ein materielles Problem besteht, wäre schon ein Schritt.

Kommentare

Die "Ernährungssouveränität" würde ich eher als Notwehrforderung verstehen. Wenn einem das Land streitig gemacht wird und es in der kapitalistischen Realität sonst keine anständigen Jobs gibt, will man wenigstens genug zu essen haben. Ein emanzipatorische Perspektive ist es in der Tat nicht, das gilt aber auch für die Forderung nach dem Erhalt von Arbeitsplätzen. Das Problem des Bevölkerungswachstums löst sich durch wachsenden Wohlstand selbst, dazu bedarf es nicht mal eines westlichen Konsumniveaus, der kubanische Standard genügt. Ob nun die Armut rechtzeitig abgeschafft wird, um globale Hungerkrisen zu vermeiden, kann ich allerdings auch nicht vorhersehen. Mehr produzieren können aber auch Kleinbauern, die ja nicht Subsistenzbauern sein bzw. bleiben müssen. Im Kontext der "Dritten Welt" wird der Begriff doch meistens benutzt, um den Gegensatz zu Großgrundbesitzern und den Plantagen der Agrarkonzerne zu kennzeichnen. Kleinbauern wirtschaften häufig jetzt schon produktiver als Großgrundbesitzer, die ihr Land extensiv nutzen. Das zeigte sich u.a. in Zimbabwe in den neunziger Jahren, bevor Mugabe die Landreform versaut hat.



Ferdinand Muggenthaler sagt dazu (23.07.2008@14:13):
Ich wollte nicht sagen, dass Großgrundbesitz für die Welternährung besser sind als Kleinbauern. Produktivität hat tatsächlich nicht notwendig mit der Betriebsgröße zu tun. Aber Ernährungssouveränität, zumindest wie sie hier teilweise verstanden wird, ist ein bornierter Begriff. In einer Attac-Broschüre wird sie z.B. so erklärt: "Im Gegensatz zu Ernährungssicherheit, womit lediglich das Recht auf ausreichende Versorgung mit Essen gemeint ist, meint Ernährungssouveränität das Recht, jedes Einzelnen und jeder Nation, Nahrungsmittel zu produzieren." Natürlich ist es völlig legitim, dass sich Bauern und Bäuerinnen wehren, wenn sie von ihrem Land vertrieben werden. Aber die aus diesem Abwehrkampf erwachsenden Forderungen gehen am globalen Problem vorbei. Mit einer Abkehr von der internationalen Arbeitsteilung oder gar der Arbeitsteilung überhaupt, wird sich - egal wie die Gesellschaften organisiert sind - die Menschheit nicht ernähren lassen.

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