Ivo Bozic:"Gentrifizierung"?
24. August 2008, 13.56 Uhr:

"Gentrifizierung"?

von Ivo Bozic

Ein Dialog

- als wir in die städte kamen, waren die gefängnisse schon gebaut.
kulle nimmt einen schluck aus der schnapsflasche, lässt seinen blick bedeutungsvoll über die skyline der city wandern. varik zieht an einer zigarette.
- hast du ne ahnung, was unter dem schnee liegt, kulle?
- sackgassen, vielleicht. Ich kann mich nicht erinnern.
- berlin ist ein molloch.
- berlin ist eine stadt.
- die frisst mich auf.
- sei nicht kindisch, varik.
- doch, doch. herti, kaufhof, karstadt. hier sind hunderte von diesen kästen, vollgestopft mit lauter scheißkram, den niemand braucht. manchmal renn ich stundenlang durch son kaufhaus und find nicht einen gegenstand, den ich gerne besitzen möchte.
- man soll sein herz nicht an dinge hängen.
- wenn mans sich leisten kann.
kulle gibt varik die flasche. der nimmt einen tiefen schluck, wobei er genussvoll die augen schließt.
- andere leute zahlen ein vermögen für sonen verdammten lippenstift oder ein gummischlauchboot. denkst du, die habens alle dicke?!
- weiß nicht. du hast hier ein kino neben dem anderen, in jedem verfickten hinterhof gibts´n off-theater, die hotels sind gerammelt voll mit weltstars, aber irgendwie denkste ständig, du bist in einer dieser millionen mc-donalds-filialen, die rund um den globus wuchern und alle den gleichen big bac haben.
- du bist verwöhnt.
- ach, leck mich.
- berlin ist halt mehr als ne stadt, ist irgendwie ne kleine welt.
- ach du scheiße. wenn das die welt ist, muss ich glaub ich dringend mal nen ausflug zum mond machen, aber mal im ernst: mir kommt das hier eher vor wie der mond. hier ist nichts, was mich glücklich macht. ich langweile mich, kulle, ernsthaft.
- es steht nicht gut um dich, mein freund. die langeweile ist ein krebsgeschwür, das breitet sich aus und macht dich alle.
- was kann ich tun, kulle?
- da kann man nichts tun.
- langweilst du dich nie?
- nein, ich bin geduldig.
- und wenn der schnaps alle ist?
- bin ich immer noch geduldig. hör mal, mein freund: entweder du bist zäh und schaffst es, wie ein stummer fels, diesen fluss an dir vorbeiziehen zu lassen, oder er reißt dich mit und du säufst ab. das geht schneller als du denkst.
- in berlin gibt es keinen platz mehr für uns, glaube ich.
- es gibt auch woanders keinen platz.
- schöne scheiße.
- wenn du einen pudel hast und einen roten ski-anzug, ein funktelefon und ein nettes apartment mit stehlampe, dann kannst du dir vielleicht etwas vormachen, dass du zufrieden bist, dass du hier hingehörst. aber du gehörst eben nur dazu, wie ne schaufensterpuppe zum kaufhaus. du bist die staffage für den ganzen scheißladen. und wenn du riesige titten hast, oder besonders gut polierte schuhe, dann stellen sie dich ganz vorne in ihre dekoration.
- oh mann, so will ich nicht enden, alter.
- das sag ich dir.
- weißt du, kulle, ich glaub ich bin zu klein für diese welt. sie tötet mich, bevor ich gelernt habe zu atmen.
- ich habe von ihr das töten gelernt.
- und was spricht uns frei; kulle?
- nichts, varik, nichts. du kannst deine beichte durch die kirchen der welt brüllen, du kannst den leuten am tresen ein ohr abkauen, du kannst dich auf eine klippe stellen und alle himmel anrufen, das höchste ist, dass dich irgendein idiot auslacht. immerhin, man hat dich angehört.
- ey, lass uns abhauen.
- es gibt nichts, wo wir hingehen könnten.
- aber erstmal raus aus diesem gehege.
- den käfig schleppen wir mit uns rum, wo immer wir hingehen.
- vielleicht hast du recht. je mehr straßen es gibt, desto weniger auswege.
- unfug, du hast eben keine idee davon, was freiheit ist, varik.
- du denn?
- keinen schimmer.
- hier nimm noch nen schluck, dann ist alle.
- siehst du, das mein ich.

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