Maik Söhler:Notizen für einen Artikel über Thomas Pynchons "Gegen den Tag" (III)
3. September 2008, 23.33 Uhr:

Notizen für einen Artikel über Thomas Pynchons "Gegen den Tag" (III)

von Maik Söhler

Dieses weit verbreitete Misverständnis, Pynchon sei Anti-Mathematiker, Anti-Physiker, Anti-Wissenschaftler, Anti-Aufklärer gar. Dieser Vorwurf, viel und umständlich und ausschweifend zu erzählen, weil nur so Esoterik, Castanedatum und Gegnerschaft zur Moderne verborgen werden könnten.

“Gegen den Tag” macht eines deutlicher als anderen Werke Pynchons: Seine Feindschaft zur Festlegung, die Ablehnung aller Formen von Identität, die singulär-alternativlos sein wollen. Oder anders, mathematischer und physikalischer gesagt, seine Anti-Axiomatik. Das Axiom also wieder als Konstrukt zu kennzeichen, als das es einst in die Welt der Zahlen, Kurven und Vektoren, ganz bewusst und zum Zwecke der Ordnung und Systematisierung, eingeführt wurde.

Dazu die Versuche, auch außerhalb der Wissenschaft anti-axiomatisch vorzugehen; daher all die irren Namen, das Getriebensein durch Welten und Zeiten, die Wandlungen von Personal und Institutionen, die Modulationen von Ethik, Moral, Verhalten. Dagegen, nicht neu, aber anders betont als in “V” und “Die Enden der Parabel", die Gnade.

Der Paulaner Cord Riechelmann meint, das liege daran, dass Pynchon Paulus erst jetzt verstanden habe. Widerspreche, weil Gnade und Universalismus bei Pynchon früher eher spannungsgeladen waren, jetzt aber eher harmonisch als Begriffspaar daherkommen, fast schon reaktionär. Dialektik vs. Versöhnung, komme aber nicht so recht weiter, weil neben Pynchon u.a. keine Zeit für Paulus bleibt. (Jemand hier, der mir mit einem Paulus-Poststrukturalismus-Kurzseminar weiterhelfen kann? - Zahle in Weizenbier.)

Hier noch einige schöne Sätze, mal mit mehr, meist mit weniger Bedeutung, immer aber aus dem - hm, grr, hihi - Zusammenhang gerissen:

“Das Schicksal spricht nicht. Es trägt eine Mauser und zeigt uns von Zeit zu Zeit den Weg, den wir zu gehen haben.”

“Lenin persönlich schreibt angeblich gerade an einem sehr dicken Buch, in dem er den Versuch unternimmt, die ‘vierte Dimension’ zu widerlegen. Seine Position ist, soviel ich weiß, dass der Zar nur in drei Dimensionen gestürzt werden kann.”

Über die Ukulele: ” … zur Erzeugung von Akkorden verwendet wird - einzelne, zeitlose Klangereignisse, die nicht hintereinander, sondern gleichzeitig eintreten.”

Quaternionistenkongress in Belgien: “Näher als hier werden wir dem Anarchismus in diesem Leben nicht kommen.” (to do: nachschlagen, ob im am. Original “Anarchism” oder “Anarchy” steht, wäre ein ärgerlicher Fehler in der ansonsten sehr guten Übersetzung Nikolaus Stingls und Dirk von Gunsterens, vgl. auch S. 555.)

Exkurs: Auch hier Schlaflosigkeit, weit verbreitet, effektlos, nicht affektlos, als Begleiterscheinung von etwas, das nicht explizit benannt, aber völlig klar ist.

Gerade läuft in der Glotze mal wieder die 9/11-Verschwörung; Google hat einen eigenen Browser entwickelt; Europa hadert mir Russland; Google wird zehn Jahre alt; “Gustav” hat New Orleans verfehlt; ein Kind wird eingeschult, ein Müntefering ist zurück - Gleichzeitigkeiten, Zufälle, neue Axiome, Axiome, die man, wenn die Zeiten drängen (und wenn Zeit bleibt), wieder sichtbar machen muss. Die andere Axiome brauchen, damit sie nicht so alleine sind, nicht so viel Deutungsmacht entfalten können, nicht unwidersprochen bleiben.

Weiter im Text: Das Theatralische als das Unrentable; “ein Physiker als etwas anderes” und nicht “als solcher"; reflexhafte und humorlose Vorsicht zur Führung der Nation; ein Deutschland, das man gleich wiedererkennt und das doch anders ist als erwartet, harmloser (Stand: Seite 1000 von 1596).

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